Sex nach dem Ende des Sex

Das Bändchen Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens dokumentiert die Beiträge eines Workshops, bei dem sich dreizehn Wissenschaftler_Innen verschiedener Disziplinen über die Existenz und die Konsequenzen eines neuen, postsexuellen Begehrensregimes auseinandergesetzt haben. Die Vorsilbe »Post-« bedeutet nicht, dass hier queer-feministische und dekonstruktivistische Positionen zu Sexualität und Begehren diskutiert werden. »Postsexuell« ist vielmehr eine sexualwissenschaftliche Zeitdiagnose, die, wie Bettina Bock von Wülfingen ausführt, auf eine »Vervielfältigung von sexuellen Praktiken jenseits des herkömmlichen Penetrativen und Reproduktiven« verweist. Sie stellt anhand einer Diskursanalyse dar, wie die Reproduktionsmedizin seit Ende der neunziger Jahre zunehmend in einen Kontext von Selbstbestimmung, Liebe und Verantwortung gestellt wird – anders als in älteren Debatten, als diese Technologien vor allem als »Biopolitik« in der Kritik standen.

Die von Ada Bokenhagen vorgestellte quantitative Studie zur Bewertung medizinisch induzierter Elternschaft soll belegen, dass Reproduktionstechnologie mittlerweile in der BRD stark akzeptiert sei, was in der Tendenz zu einer Emanzipation der Elternschaft von der Paarbeziehung führe. Relativiert wird dieser Befund allerdings dadurch, dass Paare befragt wurden, die sich mit ihrem Kinderwunsch an ein reproduktionsmedizinisches Institut gewendet hatten. Jean Clam fragt inhaltlich daran anschließend: »Lässt sich postsexuell begehren?« Er geht von einer Gesellschaft aus, die von Sexualität besessen ist, trotzdem aber den Sex vor allem als Problem thematisiert und sich im Grunde nach einem Ende des Sexuellen sehnt. Als Beleg zieht Clam, wie auch die AutorInnen anderer Beiträge, den Roman Elementarteilchen von Michel Houellebecq heran, in dem Menschen gezeichnet werden, die sowohl zu sozialen Beziehungen unfähig sind, als auch an der Herstellung einer erfüllten Sexualität scheitern. Schuld daran seien die 68er, die für eine allgegenwärtige Sexualisierung des öffentlichen Raumes gesorgt hätten, infolge dessen eine ständige Überflutung mit sexuellen Reizen stattfände, die aber nicht in Befriedigung münde. Die Folge sei »ein Begehrensregime, das sich durch seine Ambiguität [Mehrdeutigkeit, evw] zwischen diffuser Sexualisierung und Unterbindung der Sexualisierung auszeichnet« – ein Merkmal der Postsexualität. Auch Robert Pfaller fürchtet eine »Nichtung des Sexuellen« und den damit einhergehenden Niedergang der symbolischen Geschlechterordnung. Die These seines Beitrags zu Asexualität ist, dass die heute angestrebte Befreiung von der Sexualität nur die konsequente Fortsetzung der sexuellen Revolution sei. Indem die Generation der Studentenbewegung eine neue Ordnung des sexuell Wünschenswerten errichtet habe, wüchsen die Kinder der Revolution in einem Setting auf, in dem gerade die Abwehr des allgegenwärtigen »Du sollst« als Autonomie erscheine.

Die sich durch viele Beiträge ziehende Skepsis gegenüber der Veruneindeutigung von Geschlechts- und Begehrensnormen wirkt oft wie konservative Kulturkritik. So prognostiziert Clam für den Sieg der Postsexualität das Ende der abendländischen Kultur und des modernen Menschen. Pfaller behauptet, schon heute müssten sich Heterosexuelle für ihre Veranlagung rechtfertigen und knüpft damit an die Rede von der Homosexualisierung der Gesellschaft an, die pünktlich jedes Jahr zum CSD durch die Feuilletons geistert, aber auch in der psychoanalytisch orientierten Sexualforschung zu finden ist. Dagegen fragen Margret Hauch und Silja Mathisen, ob es sich bei der neuen Kultur der Offenheit und Gleichheit um wirkliche Neuerungen oder vor allem um eine rhetorische Modernisierung handelt, die die alten Ungleichheiten besser verpackt. Abschließend macht Susann Heenen-Wolff deutlich, dass die Prozesse, die unter dem Begriff Postsexualität gefasst werden, nicht unbedingt ein neues und bahnbrechendes Phänomen sein müssen. Weiter benennt ihr Beitrag deutlich die normativen Elemente im psychoanalytischen Sexualitätsdiskurs und lässt sich damit gegen die kulturkritischen Panikattacken anderer Beiträge wenden.

Wer nicht im Fachdiskurs steckt, wird beim Lesen einiger Texte Verständnisschwierigkeiten haben. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Positionen mag im Workshop spannend gewesen sein, wirkt aber im Sammelband etwas zusammengewürfelt. So sind die filmtheoretischen und künstlerischen Beiträge von Marcus Stilegger und Ursula Neugebauer für sich lesenswert, sagen aber wenig zum Thema Postsexualität, genau wie der Text von Christina von Braun zur Geschlechterordnung in Judentum, Islam und Christentum. Als Einführung in die aktuelle Arbeit der Deutschen Gesellschaft zur Sexualforschung sind die Neosexualitäten Volkmar Siguschs (Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2005) daher besser geeignet als die »Postsexualitäten«.


Irene Berkel (Hrsg.): Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens. Beiträge zur Sexualforschung Band 92, Psychosozial-Verlag, Gießen 2009, 195 S., € 22,90.

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