Schreiben als Schießen

Auf dem berühmt-berüchtigten Konkretkongress 1993 warf der Gegenstandspunktsguru Karl Held seinem Kontrahenten Wolfgang Pohrt dessen Witz, seine »Selbstdarstellerei« und »Dichterei«, also seinen Intellektualismus vor. Einem sichtlich entnervten Pohrt blieb daraufhin nur noch das zu tun übrig, was er schon in den Jahrzehnten zuvor mit unvergleichlicher publizistischer Meisterschaft praktiziert hatte: einer mit »Sportpalaststimme« auftretenden Linken wieder einmal den Krieg zu erklären. Für Pohrt war die vom Klima der Zeit, von Rostock und Mölln, erhitzte Diskussion ohnehin nur ein weiterer Beleg dafür, »dass ein Land mit einer solchen Linken keine Rechte braucht« und dass man von der deutschen Linken »nur eines lernen« könne, nämlich »wie man es auf keinen Fall machen soll.« Kurz darauf hatte Wolfgang Pohrt offenbar endgültig genug von der deutschen Linken und es wurde still um ihn. Nun liegt eine Auswahl von Texten aus den Jahren seines publizistischen Wirkens, von 1979–1993, vor: Reden, Zeitungs- und Zeitschriften-Artikel, Buch-Rezensionen, Theaterkritiken, Nekrologe. All diese Texte belegen, dass wohl kaum ein/e KritikerIn das Adornosche Übertreibungsparadigma, demzufolge erst die Übertreibung eines Sachverhalts dessen Wahrheitsgehalt deutlich hervortreten lässt, ernster genommen und konsequenter praktiziert hat als Pohrt. Dessen ätzende Polemik traf immer wieder mit schlafwandlerischer Genauigkeit ins Schwarze. Die Lektüre macht deutlich, wie stilbildend Pohrt für die als »antideutsch« gelabelte Fraktion der deutschen Restlinken war und noch immer ist. Der Unterschied zu seinen zahllosen EpigonInnen besteht jedoch darin, dass Pohrt das Stilmittel der Polemik wie kein Zweiter beherrschte. Zugleich weist diese Virtuosität auf die Schwäche der meisten seiner selbst ernannten ErbInnen hin: Denn Pohrt opfert, ganz anders als das heute die Regel ist, dem bissigen, polemischen Gestus der Sprache selten die Sachhaltigkeit des Arguments. Anders als besagte ErbInnen, die neben dem Duktus der Texte auch das Selbstbild Pohrts als einsamer »Ideologiekritiker« und »Experte für deutsche Ideologie« übernommen haben, wird er diesem Anspruch zumeist gerecht.

Die in der Sammlung enthaltenen Texte oszillieren zwischen Zeitbedingtheit und zeitloser Hellsichtigkeit. Während seine heftigen Attacken auf die deutsche Antiatom- und Friedensbewegung, die er umstandslos als »deutschnationale Erweckungsbewegung« erkannte, mit historischem Index versehen sind, kommt Pohrts davon ausgehender Kritik am naiven Pazifismus und der Illusion von der Möglichkeit zu Gewaltlosigkeit in einer gewaltförmigen Gesellschaft noch heute Gültigkeit zu. Mit feinem Sensorium registriert Pohrt die Wandlungen von den perversen apokalyptischen Untergangsfantasien der Friedensapostel zu einem blinden Zukunftsoptimismus der Mittachtziger und leitet daraus eine Pathologie des deutschen (Spät)Bürgertums zwischen Zukunftsangst und dem Fetisch der »Vergangenheitsbewältigung« ab. Das völlige Versagen gerade auch der linken bzw. »antifaschistischen« Intellektuellen und ihrer Urteilskraft liest Pohrt an ihrer »freiwilligen Selbstgleichschaltung«, der Selbstinszenierung als TabubrecherInnen und »Ehreretter der Nation« ab: Sie arbeiteten ebenso eifrig an der Täter-Opfer-Verkehrung und der Legende vom »anderen Deutschland«, wie ein Bundeskanzler Kohl mit seiner Inszenierung von Bitburg. Obwohl das auf den Kontext der siebziger und achtziger Jahre verweist, erscheinen Pohrts Attacken auf die deutsche Befindlichkeit nach 1968 in all ihren Artikulationen, im Kultur- und Literaturbetrieb, in Presse und Politik, häufig als beinahe zeitlos. Die Kritik am Zerfall der (deutschen) Literatur in »zielgruppenorientierten, maßgeschneiderten Gesinnungskitsch« und der »Sanktionierung des Analphabetismus durch das gedruckte Wort« wirken ebenso aktuell wie Pohrts Verdikt über die deutsche Öffentlichkeit als ein »tödliche Langeweile verbreitendes Panoptikum«. Man schlage nur einmal eine (beliebige) deutsche Zeitung auf. Ob man aus all diesen Einsichten, so wie Pohrt den Schluss ziehen muss, dass ein Bedürfnis zu umfassender Regression zur deutschen Volksgemeinschaft auf allen Ebenen der Gesellschaft zu registrieren ist, bleibt fragwürdig – aber damit auch eine Frage, die es wert ist, weiter gestellt zu werden.

Zumindest seinem Anspruch, »der arrogante Störenfried« zu sein, der sich weigert mitzumachen und sich damit selbst aus der »Volksgemeinschaft« wie aus dem linken Gesinnungskollektiv ausschließt, blieb Pohrt letztendlich treu. Nachdem er erst von der staatstragenden Linken der achtziger und neunziger Jahre als Nestbeschmutzer angefeindet wurde, provozierte er auf einer gescheiterten Comebackveranstaltung im Jahre 2003 mit kruden Thesen letztlich auch den Bruch mit seinen unfreiwilligen geistigen Ziehkindern, den »Antideutschen«. Unter anderem erklärte er dort, Antisemitismus sei nicht länger ein ernst zu nehmendes Problem in der deutschen Gegenwartsgesellschaft und trat für mehr »soziale Kontrolle« von »Ausländern« ein. Neben dem Erkenntnisgewinn und Unterhaltungswert (man lese nur das Interview »Sie loben was sie hassen«), den sie versprechen, lässt sich seinen hier vorliegenden Polemiken zumindest dahingehend ein zweifelhafter Erfolg attestieren. Möglicherweise kann Wolfgang Pohrt, den sein Verleger Klaus Bittermann im Nachwort sicher nicht ganz zu Unrecht zum »vielleicht brilliantesten Kopf der Linken« erklärt, selbst als Bestätigung der von ihm evozierten Regel angesehen werden, »dass große Einsichten oft sehr trüben Quellen entstammen«.


Wolfgang Pohrt: Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden & Schriften 1979–1993, Edition Tiamat, Berlin 2010, 448 S., € 22,00.

SEBASTIAN TRÄNKLE