Sandburgen bauen

Kleine Geschichte der Familie und ihrer Überbleibsel

Eltern zu werden hat einen entscheidenden Nachteil. Statt einfach auf dem Wasser liegend friedlich in den Himmel zu schauen, gilt es plötzlich Sandburgen zu bauen. Das Sein ohne alle Bestimmung wird aufgezehrt von der ständigen Verantwortung gegenüber einem oder mehreren anderen Menschen. Dank der Fortschritte von Medizin und Empfängnisverhütung – das Adoptionsrecht ist da leider noch nicht so weit – ist die Entscheidung dafür oder dagegen, zumindest in den westlich orientierten Staaten, möglich und weitestgehend Privatsache. Genauso aber ist sie auch irreversibel, lässt man Adoption, Tod oder Sich-aus-dem-Staub-machen mal außen vor. Für den Rest des Daseins hat man sich damit auf etwas eingelassen, aus dessen borniertem Zusammenhang man zeitlebens – oder vielleicht auch nur während der eigenen Pubertät – zu entkommen trachtete: Familie. Die aber ist äußerst ambivalent, geschehen doch viele der Scheußlichkeiten und Bestialitäten, mit denen sich Menschen ihr Leben gegenseitig zur Hölle machen, im Schutz ihrer zwielichtigen Abhängigkeitsverhältnisse. Zugleich trägt Familie jedoch auch Züge eines Gegenentwurfs zur existierenden Gesellschaft, oder eines Ortes, an dem menschliche »Beziehungen nicht durch den Markt vermittelt sind, [...] sich die Einzelnen nicht als Konkurrenten gegenüberstehen, die Entfaltung und das Glück des Andern« gewollt werden.

Aufheben

Die Familie hat sich über die letzten Jahrhunderte hinweg als recht erfolgreiches Konzept oder vielmehr als klebrige Abziehfolie des allgegenwärtigen und ebenso erfolgreichen Kapitalismus erwiesen. In Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats hat Friedrich Engels dies, gestützt auf anthropologische Studien und Geschichte, recht plausibel dargelegt. Möglich, dass Engels den bescheidenen Stammeszusammenhang des Goldenen Zeitalters als urkommunistisches Paradies mythologisch verklärte. Interessant bleibt sein Text dennoch. Denn durch das Aufkommen des Privateigentums – zunächst an Herden, später an Produktionsmitteln und Vermögen – vollzog sich ein für die Gegenwart nach wie vor entscheidender Bruch: Da der Mann (ich bin nicht sicher, ob man zu diesem Zeitpunkt – angesichts des animalischen Wesens – nicht doch besser von »dem Männchen« sprechen sollte), aufgrund der »naturwüchsigen Teilung der Arbeit in der Familie«, für den außerhäuslichen Kram zuständig war, beanspruchte er auch den dort produzierten Reichtum für sich. Den wollte er selbstverständlich seinen eigenen Sprösslingen zu Gute kommen lassen und nicht irgendeinem ihm heimlich untergejubelten Kind oder der Familie seiner Frau. Aus dieser ursprünglichen Form ergibt sich, dass die Familie also immer auch eine rigide Abgrenzung gegenüber Anderen ist. Im dadurch ausgelösten Übergang der Erbfolge vom Mutter- zum Vaterrecht, eng gekoppelt an die Entstehung der (zumindest weiblichen) Monogamie als sakraler Grundlage der Ehe, sieht Engels die »weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts.« Denn der Mann ergriff von nun an auch die häusliche Macht und entwürdigte die Frau zur Sklavin seiner Lust und zum bloßen Werkzeug der Kinderzeugung und häuslichen Reproduktionsarbeit. Daraus entstand nicht nur das Patriarchat, sondern ebenso die Trennung der aufkeimenden Gesellschaft in Klassen und die Scheidung von Öffentlichem und Privatem, wobei der Mann ersteres verkörperte, die Frau auf Haushalt und Kinder festgelegt war.

Zunächst bestand die Familie als Produktionsgemeinschaft mit dem Mann als physisch überlegenem Oberhaupt. Doch anders als ihre konservativen Verteidiger auch heute noch überall herumtönen, war und ist sie keine natürliche, organische oder gottgegebene Institution, sondern eng mit dem gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Wandel verwoben. Dabei kommt der Familie, wie Max Horkheimer schreibt, die ausgezeichnete Rolle zu, die Reproduktion der Menschen zu besorgen. Und zwar so, »wie sie das gesellschaftliche Leben erfordert«. Der Vater wurde zunächst aufgrund seiner »gottgegebenen« physischen Überlegenheit ebenfalls als moralische, unumstößliche Autorität angesehen und dem Kind eingebläut, diese durch Gefolgschaft zu respektieren. Doch nicht nur die Vorherrschaft des Hausvaters etablierte sich dadurch als von Gott gewollte, auch seine Gewalt über die Frau und die gesellschaftliche Verteilung von Armut und Reichtum erschienen als von der Natur, respektive dem Allmächtigen, gesetzte Unterschiede. Diese Autoritätsstruktur bleibt zwar, wie auch die aus ihr resultierende Akzeptanz der herrschenden Verhältnisse, über die Jahrhunderte hinweg nahezu unangetastet. Doch mit dem Aufkommen der bürgerlichen Familie tritt an die Stelle der physischen Überlegenheit des Vaters eine andere: seine ökonomische Vormachtstellung als dem einzigen verdienenden Mitglied der Familie. Gewissermaßen findet hierin eine Rationalisierung gesellschaftlicher Strukturen statt, die sich ebenso in den wirtschaftlichen spiegelt, wenn auch die Gesellschaft an sich weiterhin nach völlig irrationalen Prinzipien organisiert ist. Zunehmend kam auch der Arbeitsmarkt ohne den Zwang roher Gewalt aus, um die Menschen zum Verkauf ihrer Arbeitskraft zu bewegen. Was sich, sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Raum der Ökonomie, hingegen nicht ändert, sind Ohnmacht und Abhängigkeit des Einzelnen. Die kindliche Welt, ganz gleich ob geistige, wirkliche oder phantastische, ist durch diese Abhängigkeit »vom Gedanken an die Macht von Menschen über Menschen, des Oben und Unten, des Befehlens und Gehorchens beherrscht.«

Mit der Industrialisierung gerät die Trennung von Öffentlichem und Privatem im 19. Jahrhundert zunehmend in Bewegung. Um ihre Existenz zu sichern waren die Familien des Proletariats darauf angewiesen, sämtliche verfügbare Arbeitskraft zu verkaufen. Also auch jene der Frau und der Kinder. Ein Familienleben im bürgerlichen Sinne war unter den daraus resultierenden elenden Bedingungen schlicht nicht mehr möglich. Die Familie wird, wie Marx schreibt, »wirklich aufgelöst« – wohl im negativen Sinne, möchte man hinzufügen, doch ist das nicht völlig zutreffend. Aber dazu später.

Zunächst: auch auf Seiten der besser Betuchten wurden die Frauen vermehrt ins Öffentliche einbezogen. Durch ihre Erwerbstätigkeit war es den proletarischen Frauen nicht mehr möglich, ihre bisherigen familiären Arbeiten in der Erziehung, dem Haushalt, der Pflege etc. noch in ausreichendem Maße zu erfüllen. Diese Aufgaben fielen der sich herausbildenden bürgerlichen Wohlfahrt zu, wo sich wiederum vor allem Frauen engagierten. Damit waren nicht nur die Arbeiterschaft und die bürgerlichen Männer, sondern auch die bürgerlichen Frauen in eine öffentliche und eine private Rolle zerrissen. Allerdings ganz nach geschlechtsspezifischen Vorgaben, denn die Frauen erfüllten in ihrer öffentlichen Funktion ausschließlich »weibliche« Aufgaben, also Kinderbetreuung, Pflege etc. Im Laufe des 19. Jahrhunderts begann der liberale Staat vermehrt, die Wohlfahrt von ihren bisherigen kirchlichen oder privaten Trägern zu übernehmen und verschaffte sich damit die Möglichkeit, auf das private Leben seiner Bürger zuzugreifen.

Aber nochmal zurück zur proletarischen Familie. Anders als im Fall der bürgerlichen Familie bestand ihr Kern nicht in der erblichen Weitergabe des jeweiligen Privateigentums, da schlicht keines vorhanden war. Eben hierauf bezog sich Marx' Bemerkung über die wirkliche Auflösung der Familie. Ist aber nicht mehr das Geld das Bindende zwischen den Mitgliedern, eröffnet sich, neben allem materiellen Übel, die Möglichkeit menschlicher Beziehungen jenseits von Abgrenzung gegen Außenstehende und blinder Gehorsamkeit. Auf diesen Zusammenhang zielten Marx und Engels wohl auch im Manifest der Kommunistischen Partei. Ihre Forderung nach »Aufhebung der Familie« richtete sich gegen die auf Privaterwerb, Kapital, Unterjochung der Frau und Ausbeutung der Arbeiterschaft gebaute bürgerliche Familie, also auf ihre Abschaffung als kapitalistische Institution. An ihre Stelle sollten intime Beziehungen und menschliches Zusammenleben jenseits von ökonomischem Druck und gesellschaftlichem Zwang treten. Da sich bürgerliche Familie und kapitalistische Ökonomie gegenseitig zu bedingen scheinen, ist aber auch eine einseitige Auflösung nur schwerlich möglich. Sprich: ohne die vielzitierte Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln keine Abschaffung der bürgerlichen Familie oder ihrer kleinfamiliären Derivate – zumindest keine positive.

Feinde der Familie

Niemand, der bei Verstand ist, würde ernsthaft behaupten, die Sowjetunion habe Marx' ökonomisches Konzept umgesetzt. Vielmehr etablierte sich nach der russischen Revolution ein totalitärer Staatskapitalismus. In beängstigender Übereinstimmung mit dieser Entwicklung forderte die sowjetische Funktionärin Zlata Liliana bereits 1918 auf dem Kongress für staatliche Erziehung: »Wir müssen diese Kinder vor dem verderblichen Einfluss des Familienlebens retten. Wir müssen alle Kinder erfassen, wir müssen sie, offen gesagt, verstaatlichen.« Doch gerade in der Anfangsphase setzte die Sowjetunion zunächst eine liberale Familienpolitik um, die Ehescheidungen vereinfachte und Abtreibungen legalisierte. Als Vorreiterin der weiblichen Emanzipation vom Joch familiärer Verpflichtungen gilt insbesondere Alexandra Kollontai. In ihrem 1920 erschienenen Aufsatz Familie und Kommunismus schildert sie in Anlehnung an Marx und Engels den Zerfallsprozess der Familie im Kapitalismus, ausgelöst durch Frauenarbeit und den Wandel der Familie von der Produktions- zur Konsumptionsgemeinschaft. Sowohl die Produktion als auch die Reproduktion menschlichen Lebens würden, so Kollontai, zunehmend aus dem familiären Raum herausgelöst. Eine Entwicklung, die sicher nicht nur negative Folgen hatte. Für die Frauen bedeutete die eigene Erwerbstätigkeit eine geringere Abhängigkeit vom Mann, die Kinder waren durch die Übertragung der Erziehung an öffentliche Einrichtungen zumindest für ein paar Stunden der Willkür ihrer Eltern entzogen. Nur: Auch die Frauen wurden nun dem Zwang unterworfen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und Kinder wurden dem direkten staatlichen Zugriff ausgesetzt. Anders als in der kapitalistischen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, in der vor allem ökonomischer Druck Frauen in die Erwerbstätigkeit trieb, lag der Frauenarbeit in der Sowjetunion ein moralischer Impetus zu Grunde. Die Arbeitskraft der Genossinnen sollte nicht in der unproduktiven Hausarbeit verschwendet werden, sondern der allgemeinen Produktion dienen. Damit wurde die Entwertung familiärer und häuslicher Tätigkeiten als eigentlich nutzloser Frauenarbeit auch in der Sowjetunion fortgeschrieben. Fast scheint es, als unterscheide sich die frühe Sowjetunion in diesem Punkt nur marginal von heutigen Forderungen nach der »Emanzipation« der Frau in Form ihrer völligen Flexibilität für den Arbeitsmarkt. Spätestens ab 1936 wird diese zwiespältige Entwicklung jedoch zurückgenommen. Wichtiger als die Befreiung der Frau durch ihre Einspeisung in den Produktionsprozess wurde die Steigerung der Geburtenrate. Damit rückte die Frau in ihrer traditionellen Rolle als Mutter und Hausfrau wieder in den Fokus der familienpolitischen Propaganda. Statt die Möglichkeiten der freien Entfaltung des Individuums und seiner Beziehungen bereit zu stellen, weitete die Sowjetunion zunehmend den Einfluss des Staates auf dessen Privatleben aus.

Die Ende des 19. Jahrhunderts mit der Verstaatlichung der bürgerlichen Wohlfahrt begonnene Entwicklung wurde während des Nationalsozialismus noch entschieden verschärft. Anders als durchgeknallte Spinner oder Eva Herman glauben machen wollen, ging es den Nationalsozialisten nicht darum Familien, Kinder oder Mütter als solche zu stärken, sondern diese möglichst unvermittelt unter ihre Kontrolle zu bringen. Ideologisch erhöhten sie dabei die auf Blutsverwandtschaft aufgebaute Familie zum Fundament ihres völkischen Gesellschaftskonzeptes. Genauso aber erkannten sie den »inneren Widerspruch zwischen der Familie im echten Sinn [also einer auf Zuneigung basierenden autonomen Privatsphäre, Anm. LB] und der barbarischen Welt, die sie vertraten.« Also verdoppelten sie die Betreuungsplätze in Kindergärten (knapp 30 Prozent der Kinder bekamen einen Platz), ersetzten deren freie Träger durch die nationalsozialistische Volkswohlfahrt und verlängerten den in die Familie greifenden Arm des Staates durch ihre Jugendorganisationen HJ und BDM. Die Erziehung sollte ganz Sache des Staates werden, Mann und Frau klar auf ihre jeweiligen Rollen als heldenhafter Kämpfer auf dem Schlachtfeld bzw. heldenhafte Lebensspenderin im Kreißsaal festgelegt werden und die Ehe einzig dem Zweck der Vermehrung des Volkes dienen. Wer dazu berechtigt war sich fortzupflanzen und wer zu vernichten sei, legte die nationalsozialistische »Rassenhygiene« fest, die eben integraler Teil Familienpolitik des Dritten Reiches und kein marginaler Ausrutscher war.

Happy Family

Auf den offenen Rückfall in die Barbarei folgte in der BRD die Rückbesinnung auf traditionelle Familienwerte. Der Mann ging arbeiten, die Frau kümmerte sich um Haushalt, die zumeist unbetreuten Kinder und darum, dass pünktlich zur Mittagspause die Kohlrouladen auf den Tisch kamen. In dieser Hinsicht erscheinen die fünfziger Jahre als verzweifelte, bisweilen zynische Kopie der Zeit vor dem kollektiven Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus. Nur, wirklich funktioniert hat das nicht. Zumindest nicht in dem Sinne, dass sich die bürgerliche Familie hierdurch rehabilitiert hätte. Vielmehr setzte sich ihr Zerfall unterm Kapitalismus, wie ihn Kollontai zu Beginn des Jahrhunderts beschrieben hatte, weiter fort. Zusammengehalten hatte die bürgerliche Familie vor allem ihr gemeinsames Eigentum und der gesellschaftliche Druck, der gerade für Frauen eine Scheidung problematisch machte. Doch wo in der anwachsenden Angestelltengesellschaft das Erbe nicht mehr in einem Familienunternehmen, sondern allerhöchstens einem Reihenhaus besteht, verliert auch die Drohung der Enterbung ihre Wirkung und die ehemalige Interessengemeinschaft verwandelt sich in zunehmend atomisierte Individuen. Anstelle des Vermögens der eigenen Eltern, so wird vermittelt, soll das eigene Geschick über die Zukunft entscheiden. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg waren Ehefrauen auf die Zustimmung ihres Mannes angewiesen, wollten sie selbst einer Arbeit nachgehen. Dank der Kinderladen- und vor allem der Frauenbewegung während der sechziger und siebziger Jahre konnten Frauen und Mütter dies vermehrt in die eigene Hand nehmen, ohne als Flittchen oder Rabenmütter stigmatisiert zu werden. Ihre Abhängigkeit von den Männern hat das erheblich verringert, ihre Freiheit, selbst über ihr Leben zu verfügen, gesteigert und sie zumindest ein wenig von der ihnen zugeschriebenen biologischen Bürde gelöst. Insofern ist die – wenn auch nicht annähernd erreichte – angestrebte Gleichstellung der Geschlechter begrüßenswert. Nur darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der patriarchale Charakter der Gesellschaft weiter fortbesteht und es sich bei der Freiheit eben nur um Freiheit der Wahl zwischen unterschiedlichen Abhängigkeiten handelt – sei's vom Ehepartner, der Ehepartnerin, der Familie oder dem Zwang, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Das Geschlecht des oder der Abhängigen ist bezüglich dieser Abhängigkeiten natürlich völlig gleichgültig.

Heute erweist sich möglicherweise das aktuelle Wirtschaftssystem als deutlich effektiverer Sturmläufer gegen die Familie als ihre ebenso vielgescholtenen wie selbsternannten linken Gegner in der Vergangenheit. Denn die bestehende Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre, die bislang den Einzelnen entzweite, scheint sich aufzulösen. Und zwar insofern, als dass der im Idealfall zweckfreie Raum des Privaten nach wirtschaftlichen Kriterien, die alles und jeden einem bestimmten Zweck unterordnen, organisiert und so aufgezehrt wird. Das Private verwandelt sich in ein Management-Projekt, das es jenseits der Arbeit wie ein Unternehmen zu leiten gilt. Die ohnehin schon knapp gewordene Zeit mit den Kindern, gilt es als Quality-Time mit schrecklich pädagogisierten Unternehmungen zu nutzen (ob nun zur Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung, zur Kreativförderung oder zur gesunden Kindsentwicklung, es findet sich immer etwas besonders Klangvolles). Wer über die nötigen Mittel und noch weniger Zeit oder Lust verfügt, dem helfen vielseitige Angebote bei der professionellen Auslagerung des Familienlebens.

Recht passgenau dazu hat sich in den letzten Jahren die Rede vom familienfreundlichen Unternehmen etabliert, das alles dafür tut, die Work-Life-Balance seiner Angestellten immer fest im Blick zu haben. Doch steht nicht das je eigene, private Glück der Beschäftigten zur Debatte, sondern ihr möglichst effektives Funktionieren, also die erfolgreiche Verwaltung der human resources. Dabei geht es – wie sie selbst ganz offen eingestehen – vor allem um den Nutzen für die Unternehmen, die ihre leitenden Angestellten so auch über die Babypause hinweg halten können. Das Privatleben der Menschen, wenn man davon überhaupt noch sprechen kann, liegt durch die entsprechenden Vereinbarkeits-Programme ein Stück weit in den Händen der Firma und erscheint als großzügige Gabe, der gegenüber man sich dankbar zu zeigen hat. Denn wenn der Arbeitgeber diese gewähren kann, schwebt die schlecht kaschierte Drohung im Raum, sie zurückzunehmen, sollte es einmal nicht mehr so gut laufen.

Möglich wird die überall geforderte Flexibilität, die Erwerbstätigkeit von Frauen (denn nach wie vor sind sie es, die den Hauptteil der familiären Reproduktionsarbeit erledigen) und besagte Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem jedoch durch das erheblich ausgebaute Angebot staatlicher Kinderbetreuung. Also: Kita, Kindergarten, Schule, Hort und Ferienprogramm. Ebenso wie die wirtschaftliche Emanzipation der Frau ist auch das ein zweischneidiges Schwert. Einerseits löst es die Kinder aus dem Zwangszusammenhang der Kleinfamilie, andererseits erledigen die professionellen Erziehungseinrichtungen dann ganz automatisch die Anpassung des Subjekts an die bestehenden Verhältnisse. Von der Familie übrig geblieben ist damit in erster Linie die physische Vereinigung zwischen Mann und Frau, wobei die jeweiligen Individuen zunehmend so austauschbar werden, wie die Geschäftspartner in wirtschaftlichen Beziehungen. Zu Gute kommt das nicht zuletzt der Wirtschaft. Denn die braucht ungebundene und mobile Individuen und keine persönlichen Verpflichtungen. Bricht auch diese letzte Verbindung auseinander, sind nach wie vor die Frauen die Leidtragenden. In der Alleinerziehenden sieht Andrea Trumann daher den »aktuellen Ausdruck des Geschlechterverhältnisses«, das die Frauen vor die Wahl zwischen einem Leben in Überforderung als berufstätige Mütter (mit oder ohne Mann) und den Verzicht auf Kinder zu Gunsten der eigenen Karriere stelle.

Ahnung eines besseren Zustands

Führt man sich die Vorstellung des gerade in Mode kommenden Eltern-Kind-Büros im Co-Working-Space an der Ecke oder dem globalen Unternehmen vor Augen, in dem die Trennung von öffentlichem und privatem Leben endgültig verschwunden ist, mag man wirklich einige Skepsis gegenüber der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickeln. Ganz plötzlich steht man dann jedoch in einer Ecke mit rückwärtsgewandten Knochen wie Norbert Blüm und seinen zeitgenössischen Imitationen, die sich in ZEIT und Taz gemeinsam nach den fünfziger Jahren, Entschleunigung und Nachhaltigkeit sehnen. Blüm macht das noch ganz raffiniert, indem er die Familie als Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Konkurrenz und die Partnerschaft zwischen zwei Menschen als »die eigentliche Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft« präsentiert. Da mag man fast zustimmen, würde er nicht sofort klarstellen, dass es sich bei dieser Partnerschaft immer nur um eine Ehe zwischen Mann und Frau handeln könne. Für Blüm wird, wie dies Horkheimer schon für die Konservativen der sechziger Jahre bemerkte, die Ehe als letztes Überbleibsel der Familie mit dieser identisch. Sowie er die Frau auf ihre klare Rolle in der Familie verweist und ihre Emanzipation nur negativ als eine von der Familie denken kann, dementiert er selbst sein utopisches Bild einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Dabei kommt er dann auch nicht umhin, die feministischen Bewegungen, für diese und andere Übel (mehr alleinstehende Frauen im Alter) verantwortlich zu machen. Derart starr konserviert, gerinnt ihm die Idee von Familie zur bloßen Ideologie. Unterstützung bei der Besinnung auf Tradition gibt’s aus der Taz. Aufgrund der mittelmäßigen Qualität deutscher Kindergärten bricht Jana Petersen dort eine Lanze für die familiäre Betreuung der eigenen Kinder. Um sich gegen den Vorwurf der Regression zu schützen, ist ihr Ehemann zwar nur ihr Freund, also ganz zeitgeistig progressiv, hat aber mit der Kinderbetreuung ebenso wenig am Hut wie Blüms alter Patriarch. Dafür kann er sich umso kostengünstiger aus dem Staub machen, wenns mal knapp werden sollte. Statt in die fünfziger Jahre sehnt sie sich in die Zeit vor der Industrialisierung zurück, als Kinder von Stamm, Dorfgemeinschaft oder Großfamilie noch »artgerecht« betreut wurden. Artgerecht erscheint ihr aber auch, dass in den einzurichtenden Unternehmenskrippen oder Coworking-Spaces mit integrierter Kita vornehmlich die Mütter zum Stillen und Kuscheln vorbeischauen. Was die biologisch begründete Verteilung von Verantwortung zwischen den Eltern eines Kindes betrifft, steht sie Blüm, Herman und ihrer konservativen Entourage in nichts nach.

Bei aller Ambivalenz haben die materielle Auflösung der bürgerlichen Familie wie auch die (wirtschaftliche) Emanzipation der Frauen entgegen konservativer Behauptungen Eltern doch einen nicht unerheblichen Dienst erwiesen: anstatt in der bloßen Funktion des Geldverdieners, des Geschlechtsobjekts und der Haushaltskraft, oder im Falle der Kinder als Erben bzw. Lebensversicherung betrachtet zu werden, können die Einzelnen in der Familie als Menschen wirken. Wo die Blutsverwandtschaft als Basis aller familiären Gefühle oder die Überlegenheit heterosexueller Eltern und Paare hochgehalten wird, verkommt die Familie zur reaktionären Ideologie. Denn die Zweckfreiheit der privaten Beziehungen ist eben nicht vom Verwandtschaftsgrad zwischen den einzelnen Menschen oder deren sexueller Vorlieben und Orientierung abhängig, sondern davon, dass sie sich in gegenseitiger Verbundenheit langfristig aufeinander einlassen, das Glück und die Entfaltung der anderen wünschen, oder kurz: einander lieben.  Indem sich die private Einheit so gegen das bloße Funktionieren, die Vermittlung menschlicher Beziehungen nach marktwirtschaftlichen Kriterien und den Zugriff der Gesellschaft verschließt, entsteht ein Gegensatz zwischen ihr und der feindlichen Wirklichkeit. Die Familie, oder wie auch immer man das nennen mag, kann ihren Mitgliedern dann zumindest im Privaten »die Ahnung eines besseren menschlichen Zustands« eröffnen. Möglich ist das nicht als positive Bestimmung der Familie im Nukleus von Vater-Mutter-Kind, sondern nur jenseits vom Zwang, biologisch begründeten gesellschaftlichen Rollen entsprechen zu müssen.

Glücklicherweise sind die uns umgebenden Verhältnisse weder Produkt des Zufalls noch Geschenk des göttlichen Willens, sondern menschlichem Handeln entsprungen. Und als solche sind sie ebenfalls von Menschen veränderbar. Dass das genauso für die Familie gilt, darauf wollte dieser Text hinweisen. Solange diese Verhältnisse dahin tendieren, Öffentliches und Privates miteinander zu verschmelzen, ohne den Widerspruch zwischen beiden aufzulösen, ist wohl die je eigene Privatheit dem Öffentlichen abzutrotzen. Nicht um alles besser zu machen oder möglichst effektiv seine Reproduktion zu besorgen, sondern um Sandburgen zu bauen und zu warten bis das Wasser sie wieder weggespült hat.

 

Lukas Böckmann

Der Autor lebt in Leipzig. Gemeinsam mit Annika Mecklenbrauck hat er im Ventil-Verlag den Sammelband The Mamas and the Papas. Reproduktion, Pop und widerspenstige Verhältnisse herausgegeben.

Fußnoten

  1. Insofern nicht-heterosexuellen Paaren nach wie vor die gemeinsame Adoption eines Kindes versagt ist.
  2. Max Horkheimer, Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil, in: Max Horkheimer u.a. (Hrsg.), Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, 2. Aufl., Lüneburg 1987, 63 f.
  3. Ich verzichte auf eine klare Definition des Begriffs Familie, da die zu einem der zentralen Gedanken dieses Textes im Widerspruch stehen würde. Nämlich: dass Familie individuell unterschiedlich und wandelbar ist. Insofern erübrigt sich für mich auch die Frage, ob Kinder notwendige Bedingung für Familie sind. Klar ist aber auch, dass die Beziehung zwischen zwei selbstständigen, mündigen Menschen nicht mit der Beziehung gleichgesetzt werden kann, die Eltern und Kinder miteinander verbindet. Letztere ist stark von zunächst einseitiger Abhängigkeit und der äußerst zwiespältigen Notwendigkeit der Erziehung geprägt.
  4. Karl Marx, Die Deutsche Ideologie, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 3, 32.
  5. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, 61.
  6. Horkheimer, Autorität und Familie, 50.
  7. Horkheimer, ebd., 56.
  8. Marx, Deutsche Ideologie, 164.
  9. Andrea Trumann, Die geschrumpfte Familie, in: Jungle World vom 9. Mai 2013.
  10. Horkheimer, Autorität und Familie, 72.
  11. Zitiert nach: Dieter Thomä, Väter. Eine moderne Heldengeschichte, München 2008, 210.
  12. Felicita Reuschling, Familie im Kommunismus. Zur Abwertung reproduktiver Arbeit und der Fortschreibung kapitalistischer Geschlechterarrangements in der Sowjetunion, in: Phase 2.36 (2010).
  13. Max Horkheimer, Autorität und Familie in der Gegenwart, in: Gesammelte Schriften (GS) 5, Frankfurt a.M. 1987, 395.
  14. Etwas detaillierter widmet sich den Veränderungen der Geschlechterrollen der lesenswerte Essay von Andrea Trumann, Das Bedürfnis nach Gleichheit, in: Outside the Box 1 (2010).
  15. Leider handelt es sich dabei nicht um eine kulturpessimistische Hyperventilation. Die absurden Ausmaße hat Arlie Hochschild im Vorwort zur zweiten Auflage ihrer Studie: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet, Wiesbaden 2006, für die USA beschrieben. Deutschland hinkt der Entwicklung etwas hinter her, gibt sich jedoch Mühe, wie die Angebote des pme.familienservice (https://www.familienservice.de/) oder Ratgeber wie der von Julia Rogge zeigen (Den Alltag in den Griff bekommen: Familien-Management, München 2000).
  16. Trumann, Das Bedürfnis nach Gleichheit, 18.
  17. Norbert Blüm, Von wegen Vereinbarkeit, in: Die Zeit vom 11. Oktober 2012.
  18. Jana Petersen, Die erste Trennung, in: taz vom 20./21. Juli 2013, 20–22.
  19. »Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht die Liebe predigen, deshalb weil ich es vergeblich halte sie zu predigen und auch weil keiner das Recht hätte sie zu predigen, weil jener Mangel an Liebe der Mangel aller Menschen ist, ohne Ausnahme, so wie sie heute existieren.« Theodor W. Adorno, Vortrag „Über die zwischenmenschliche Kälte“, unter http://0cn.de/9mnd.
  20. Horkheimer, Autorität und Familie, 64.