Rätsel des Kapitals

Eine Kritik an David Harveys Marx-Interpretation

Wer das Kapital verstehen möchte, nimmt im englischsprachigen Raum meist David Harveys Kommentare zu Hilfe. Viele Kapital-Lesekreise nutzen Harveys Videovorträge oder sein Buch – Marx‘ »Kapital« lesen, das auch auf Deutsch erschienen ist?David Harvey, Marx’ »Kapital« lesen. Ein Begleiter für Fortgeschrittene und Einsteiger. VSA, Hamburg 2011. Im Folgenden einfach Marx lesen. – parallel zum Original. Zwar finden wir es begrüßenswert, wenn es Harvey gelingt, Menschen zur Lektüre des Kapitals zu ermuntern, seine Ausführungen zu Ware, Wert, Arbeit, Geld und Kapital jedoch sind fehlerhaft.

In diesem Artikel? wollen wir darstellen, dass Harvey eine der wichtigsten Kategorien der politischen Ökonomie missverstanden hat: die abstrakte Arbeit, also die Arbeit, die Wert schafft. Um dies zu zeigen, werden wir zunächst wiedergeben und erklären, was Marx im ersten Kapitel über abstrakte Arbeit sagt und es daraufhin mit Harveys Kommentar abgleichen. Im Anschluss gehen wir auf Harveys Idee ein, Schwundgeld einzuführen und zeigen, dass sie auf der Affirmation von Warentausch und -produktion beruht. Damit setzt seine Idee also genau jene Bedingungen, unter denen sich Arbeit in Wert ausdrückt, – kurz die kapitalistische Produktionsweise – voraus.

Es gibt mehr an David Harveys Buch zu kritisieren, als wir es hier tun. Neben Harveys Neigung, aus dem Kapital eine Ansammlung von »kryptischen Behauptungen« und »apriorischen Sprüngen« zu machen und seinem Ratschlag, auf bestimmte Wörter zu achten, ohne zu erklären, warum, stören seine Art, über völlig andere Gegenstände zu reden, als die, die gerade im Kapital behandelt werden und seine Tendenz, von Prozessen, Bewegungen und Mustern von Argumenten zu sprechen statt einfach das Argument zu dem tatsächlichen Bewegungsprozess, den er kommentiert, zu erklären. Obwohl all das die Brauchbarkeit von Harveys Buch als Kapitalkommentar einschränkt, wollen wir uns in diesem Artikel auf den ökonomischen Inhalt des Buches beschränken und ihn mit dem ersten Kapitel des Kapitals ins Verhältnis setzen.

Abstrakte Arbeit

Harvey stellt einführend die Kategorien Ware, Gebrauchs- und Tauschwert vor, bevor er sich der abstrakten Arbeit zuwendet, indem er das folgende Zitat aus dem Kapital anführt:

»Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenko?rper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten. Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand verwandelt. Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den ko?rperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. Es ist nicht la?nger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nu?tzlich Ding. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelo?scht. Es ist auch nicht la?nger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nu?tzlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nu?tzliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht la?nger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.«?

Sowohl Wein als auch Käse sind austauschbar. Ihre Austauschbarkeit ist keine physische Eigenschaft der Produkte. Das eine ist flüssig, das andere fest. Anders gesagt: Die Bedingung der Gleichsetzung zweier Waren im Tausch ist gerade ihre Verschiedenheit. Von dieser Verschiedenheit wird im Austauschprozess aber abstrahiert, sodass nur ihr Gemeinsames, ihr Wert, übrig bleibt. Das Gleiche passiert mit der Arbeit, die zu ihrer Herstellung nötig ist. Es ist nicht das Käsen oder das Keltern im Besonderen, sondern einfach menschliche Arbeit als solche, abstrahiert von ihrer konkreten Form, die zählt und Wert produziert. Diese Abstraktion ist alles andere als eine intellektuelle Übung. Abstrakte Arbeit ist vielmehr eine Abstraktion, die tatsächlich stattfindet, wenn Waren getauscht werden. Was Reichtum ausmacht in dieser Gesellschaft, ist die rein negative Seite der Arbeit. Diesen reinen Aufwand, diese »Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw.«? meint abstrakte Arbeit – und nicht, dass sie all die nützlichen Dinge produziert, die wir mögen, brauchen und konsumieren – das ist nur Bedingung.

Harvey kommentiert diese Stelle folgendermaßen: »Aber sofort fragt er, welche Art von menschlicher Arbeit in den Waren verkörpert ist? Es kann nicht die tatsächlich verausgabte Zeit sein – was er als konkrete Arbeit bezeichnet –, denn dann würde die Ware umso wertvoller sein, je länger an ihr gearbeitet wurde. Warum sollte ich für eine Sache viel bezahlen, weil jemand lange für ihre Herstellung gebraucht hat, wenn ich sie von jemand anderen für die Hälfte bekommen kann, der nur halb so lange dafür brauchte? Alle Waren, schlussfolgert er also, sind »reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit«.? Bei Harvey wird plötzlich aus der »Art von menschlicher Arbeit« die »verausgabte Zeit«. Er springt sofort zur quantitativen Bestimmung der Arbeit, wo Marx von ihrer Qualität spricht. Es scheint, als ob Harvey abstrakte Arbeit an sich gar nicht für besonders erklärenswert hielte.

Die Wertsubstanz: geronnene abstrakte Arbeit

Wenn Harvey schreibt: »warum sollte ich für eine Sache viel bezahlen, (…) wenn ich sie von jemand anderen für die Hälfte bekommen kann«, dann redet er von etwas völlig anderem als der abstrakten Arbeit. Wenn man einen Stuhl kaufen will, abstrahiert man nicht von seinem Gebrauchswert. Man sucht ein Objekt, auf dem man bequem sitzen kann. Also sucht man nach einem guten Stuhlproduzenten, der den Stuhl obendrein billig verkauft. Marx spricht an dieser Stelle hingegen davon, wie von all den verschiedenen Arbeitsprodukten und Arbeiten, die sie produzieren, abstrahiert wird, sodass die Produkte im Tauschakt gleichgesetzt und gegeneinander gestellt werden können. Käse, Wein und jedes andere Produkt wird mit Stühlen gleichgesetzt, wenn der Stuhlproduzent seinen Stuhl verkauft. Sie sind offensichtlich nicht die gleiche Sache und Produkte sehr verschiedener Arbeiten, namentlich Käsen, Keltern und Zimmern. Trotzdem gelten sie, sobald es um den Wert geht, als das Gleiche. Marx‘ »Kapital« lesen aber bemerkt nicht, dass das Produkt des Käsens mit dem des Kelterns gleichgesetzt wird.

In dieser Gesellschaft wird für andere produziert, aber der Grund dafür ist nie, dass die andere Seite einen Gebrauchswert benötigt. Der Gebrauchswert wird stets als Hebel benutzt, um an gesellschaftlichen Reichtum zu kommen. Ein Hebel, dessen Kraft so groß ist wie die Menge an Arbeitsaufwand, der durchschnittlich nötig ist, diesen Gebrauchswert zu produzieren. Ich kann im Tausch gesellschaftlichen Reichtum für mein Produkt verlangen, weil zur Herstellung Arbeit nötig war und andere es brauchen.? Du brauchst meinen Käse, aber mein Käse ist mein Mittel, um Zugang zu einem Teil des restlichen gesellschaftlichen Reichtums zu bekommen, von dem ich sonst ausgeschlossen bin. Ich kann diesen Zugang verlangen, wenn mein Käse als gesellschaftlicher Reichtum zählt (also zahlungsfähige Nachfrage findet). Dafür spielt es keine Rolle, ob ich Wein oder Käse herstelle, sondern lediglich, dass Arbeit verausgabt wird. Nur unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen macht sich die Tatsache, dass Arbeit Anstrengung ist, als Qualität der Produkte der Arbeit geltend – als Wert.

Aber zu fragen: »warum sollte ich mehr bezahlen?«, hilft nicht einmal dabei, der Wertgröße auf den Grund zu kommen. Harvey will nicht doppelt so viel bezahlen, aber warum kann er das vermeiden? Warum kann die langsamere Tischlerin nicht darauf bestehen, dass sie den ganzen Tag gearbeitet hat und so viel Geld verlangen, dass sie davon leben kann? Warum kann der Käufer sich durchsetzen, sie aber nicht? Warum kann der Käufer nur dann weniger ausgeben, wenn der zweite Tischler es geschafft hat, schneller zu produzieren? Das ist es, was Marx erklärt, wenn er von der Wertgröße – der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit – redet. Harveys Verkürzung dieser Diskussion auf den Standpunkt des gesunden Menschenverstandes beim Einkaufen ignoriert den Inhalt der Erklärung: Er argumentiert mit der ökonomischen Vernunft, die aus den ökonomischen Gesetzen dieser Gesellschaft folgt, ohne zu erklären, worin diese Gesetze bestehen.

Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und die Produktivität der Arbeit

Die Beobachtung, dass »[i]ch etwas zum halben Preis von jemandem bekommen [kann], der es in der Hälfte der Zeit produziert hat«, ist eine Beobachtung, die erklärt werden muss. Harvey behandelt sie aber schon als Erklärung. Stellen wir uns zwei Tischler_Innen mit unterschiedlicher Produktivität vor: Tischlerin Alice stellt in derselben Zeit doppelt so viele Stühle her wie Tischler Bob. Alice mag sich entscheiden, Bob beim Verkauf zu unterbieten und ein bisschen weniger für ihre Stühle zu verlangen, um sicherzustellen, dass sie all ihre Stühle los wird. Als Folge schafft es Bob nicht, seine Stühle gegen genügend Sachen zu tauschen, um sich zu reproduzieren. Er ist ruiniert. Wenn Alices Produktivitätsstand sich allgemein durchsetzt, sinkt das, was sie im Tausch für ihre Stühle bekommt, auf den neuen Stand der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Wenn in einer Branche mit wenig Aufwand viel verdient wird, wechseln andere Produzent_Innen in diese Branche, heizen die Konkurrenz an und senken das Austauschverhältnis der Produkte, in diesem Fall der Stühle. All das setzt voraus, dass Alice mit Bob um zahlungsfähige Nachfrage konkurriert, in Harveys Beispiel um zahlungsfähige Nachfrage nach einem Stuhl. Das ist ein sehr besonderes gesellschaftliches Verhältnis. Wenn zehn Kilo Käse hergestellt wurden, ist es vom Standpunkt der Bedürfnisbefriedigung – für den Konsum – nur wichtig, ob der Käse gut ist oder nicht. Wenn es nicht genug Käse gibt, gibt es nicht genug Käse und es muss mehr produziert werden. Wenn eine Produzentin es aber in dieser Gesellschaft aus irgendeinem Grund nicht geschafft hat, ihren Käse in der gesellschaftlichen Durchschnittszeit herzustellen, ist sie auch von Wein, iPhones usw. ausgeschlossen, weil sie mit dem Verkauf ihrer Waren das dafür nötige Geld nicht verdienen kann. Wenn sich die Produktivität bei der Herstellung von Stühlen verdoppelt, werden in derselben Zeit wie bisher doppelt so viele Stühle hergestellt. Für den Konsum, also von der Seite der Gebrauchswerte her, hat sich der Reichtum vermehrt, da es nun mehr Stühle gibt. Aus Sicht der Warenproduktion hat sich der Reichtum nicht vermehrt, denn es wird die gleiche Menge an Arbeit verausgabt. Außerdem ist es in dieser Gesellschaft so, dass meine Arbeit umsonst war, wenn mein Käse keine Abnehmer_Innen findet, er also nicht als gesellschaftlicher Reichtum gilt. Auch wenn ich auf dem normalen Produktivitätsstand gearbeitet habe, kann es sein, dass zu viele Leute Käse in der Hoffnung hergestellt haben, ihn auch loszuwerden. Der Standard der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit macht sich gegen alle Produzent_Innen geltend, und jede Arbeit, die nicht mithalten kann, war umsonst. Diese Gesellschaft, in der abstrakte Arbeit den Reichtum ausmacht, ist in der Verausgabung tatsächlicher Arbeit sehr verschwenderisch. All das ist in der Konkurrenz zwischen Tischler_Innen und der zwischen allen anderen Produzent_Innen vorausgesetzt.

Harvey behandelt diesen Gegensatz zwischen verschiedenen Tischler_Innen in Marx lesen als selbstverständlich, genauso wie er den Gegensatz zwischen Produzent_Innen verschiedener Gebrauchswerte als gegeben hinnimmt. Er nimmt einfach den Standpunkt von jemandem ein, der sich in dieser widersprüchlichen Beziehung befindet, statt zu fragen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen es überhaupt zu dieser Art von Beziehungen kommt.

Während Marx sagt, dass »diese zwie-schlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit [konkrete und abstrakte Arbeit] … der Springpunkt ist, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht«?, geht Harvey auf diesen Springpunkt gar nicht ein. Es gelingt ihm darum nicht, den Unterschied und Gegensatz zwischen konkreter und abstrakter Arbeit zu benennen, geschweige denn zu erklären. Als Folge behauptet Harvey, wie wir sehen werden, einen Widerspruch zwischen Geld auf der einen Seite und Tausch und Wert auf der anderen.

Wertformanalyse: Ware und Geld

Harvey stört nicht, dass Geld Wert darstellt und Waren zirkulieren lässt, sondern dass man es horten kann: »Was ist also Geld und gibt es einen Widerspruch in der Geldform? Es zeigt sich, dass Geld tatsächlich ein Anspruch auf gesellschaftliche Arbeit ist und es deswegen aus marxistischer Sicht einen Widerspruch zwischen Geld und Wert gibt. […] Als Mittel für den Tausch ist Geld ziemlich neutral. Das große Problem mit Geld ist seine Funktion als Wertspeicher, da es als Wertspeicher gesellschaftliche Macht speichern kann.«?

Nach Harvey steht die Sache ungefähr so: Waren werden für den Tausch produziert. Dazu braucht es Geld, um Wert zu repräsentieren. Irgendwie bekommt Geld aber auch die Funktion als Speicher von Wert und damit beginnt das ganze Problem mit der kapitalistischen Produktionsweise. Das heißt, dass Harvey weder ein Problem mit der Unterordnung von Produktion und Konsumtion unter den Warentausch, noch mit der Tatsache hat, dass sich die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gegen die Produzent_Innen als der Standard geltend macht, dem sie gerecht werden müssen, und auch nicht damit, dass Aufwand das Maß des Reichtums ist, was als Konsequenz nur Mühe für die Arbeitenden zur Folge hat. Davon abgesehen gibt es für Harvey gar keinen notwendigen Zusammenhang zwischen Wert und Geld als Wertspeicher, weshalb es für ihn eine einfache Lösung gibt: »Repräsentation von Wert in der Geldform ist eine Perversion dessen, worum es bei Wert geht, ein Widerspruch. […] Das bedeutet, dass wenn man die Bildung von Klassen, die individuelle Aneignung von gesellschaftlichem Wert verhindern will, man eine Form von Geld erfinden muss, die Akkumulation verhindert. […] Marx sagt, dass Gold und Silber die Geldwaren sind, weil sie nicht vergänglich sind. […] Sie erhalten ihre Eigenschaften. […] Man kann Wert – soziale Macht – akkumulieren. Und wir sehen, was in Gesellschaften passiert. Aber wenn man eine Geldform hätte, die sich auflöst, die vergänglich ist, würde man eine ganz andere Gesellschaft haben. Man würde eine Geldform haben, die der Zirkulation dient, ohne Akkumulation zu fördern.«?

Harvey charakterisiert Geld als eine Form gesellschaftlicher Macht und einen Anspruch auf gesellschaftliche Arbeit und stellt dies in Gegensatz zum Wert. Was aber ist Wert, wenn nicht gesellschaftliche Macht und Anspruch auf gesellschaftliche Arbeit, oder genauer, auf die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit? Ein Stuhl wird nicht produziert, um von der Tischlerin benutzt zu werden, sondern um ihn zu tauschen. Für die Tischlerin repräsentiert er ihren Anspruch auf Produkte gesellschaftlicher Arbeit, also all die Dinge, die produziert werden. Der Stuhl ist ihr Mittel, um auf diese Dinge zugreifen zu können. Er zählt in dieser Hinsicht bloß als ein Teil gesellschaftlichen Reichtums und ist gleichzeitig ihr Anspruch genau darauf. Das ist es, was Austauschbarkeit bedeutet. Harveys Charakterisierung von Geld ist zwar richtig, dies aber in einen Gegensatz zum Wert zu stellen, ist falsch: Alles, was für den Markt produziert wird, will gesellschaftliche Macht sein. Das ist es, was Harvey in Marx lesen übersieht, wenn er den in den Waren enthaltenen Doppelcharakter der Arbeit auf ein einfaches »Warum sollte ich mehr zahlen?« reduziert, womit er alles, was ihm als Käufer diesen Standpunkt ermöglicht, einfach ignoriert.

Der große Unterschied zwischen einem Stuhl und Geld ist allerdings, dass der Stuhl erst noch beweisen muss, dass er gesellschaftliches Zugriffsmittel ist, also verkauft werden muss, während Geld unmittelbar als solches anerkannt wird. Wie das?

Wertformanalyse

Obwohl David Harvey eines der Resultate von Marx‘ Wertformanalyse akzeptiert, nämlich dass Wert in Geld ausgedrückt werden muss, vollzieht er die Argumentation nicht nach. Waren werden für den Tausch produziert. Aber bevor sie getauscht werden können, müssen sie zeigen, dass sie unmittelbar austauschbar und damit ein Stück des gesellschaftlichen Reichtums sind. Eine Analogie aus der Welt der Eitelkeit wäre, wenn wir behaupten würden, berühmt zu sein. Wir könnten sagen: »Wir sind so berühmt wie David Harvey«. Falls David Harvey allgemein als berühmt anerkannt wird (ihn also jede_r kennt), dann hätten wir erfolgreich erklärt, für wie berühmt wir uns halten.

Wenn andere Leute Michael Heinrich als Vergleichsmaßstab für Berühmtheit nutzen würden, dann würde uns ein gemeinsamer Bezugspunkt für unseren Ruhm fehlen. Manche Leute würden vielleicht den von uns behaupteten Ruhm nicht anerkennen, weil sie nur Michael Heinrich, nicht aber David Harvey für wirklich berühmt halten. Das ist eine der Kritiken der einfachen Wertform im Kapital und hat nichts mit Naturaltausch zu tun, wie Harvey in Marx lesen behauptet.

Geld

Wenn alle Waren in einer Ware ihren Wert ausdrücken, sagen sie auch aus, dass diese eine Ware die Ware ist, die Wert schlechthin verkörpert. Diese Ware ist Geld. Letztendlich zeigen sie immer auf diese Ware, um auszudrücken, dass sie ebenso Wert sind. Alle Waren haben ein Preisschild, um zu zeigen, wie viel gesellschaftlichen Reichtum sie ausmachen. Gleichzeitig streiten sie damit ab, unmittelbar Wert zu sein. Das Preisschild deutet an, dass sie nicht unmittelbar Geld sind. Deswegen müssen sie ihren Wert beweisen, indem sie verkauft werden. Erst nachdem eine Ware erfolgreich gegen Geld getauscht wurde, hat sie sich als Stück gesellschaftlichen Reichtums bewiesen. Aber der Beweis, dass eine Ware tatsächlich Wert ist und Zugriff auf gesellschaftlichen Reichtum erlaubt, ist der heikle Schritt, der »Salto mortale« der Ware. Denn die Produzent_Innen treffen in einer Gesellschaft aufeinander, in der die gemeinsame Produktion als Konkurrenzkampf gegeneinander stattfindet. Ein Stuhl lässt sich gegen Geld verkaufen oder auch nicht. Geld dagegen kann – in ausreichender Menge – immer gegen jede andere Ware eingetauscht werden.

Anders gesagt produzieren in einer Gesellschaft, die auf Warenproduktion und Tausch basiert, private Produzent_Innen in der Hoffnung, dass sich ihre Privatarbeit als gesellschaftliche Arbeit und ihr Produkt als Teil des gesellschaftlichen Reichtums bestätigen. Haben sie umsonst produziert oder haben sie einen Stuhl produziert, der Zugriffsmittel auf den gesellschaftlichen Reichtum ist? Nur Geld zählt unmittelbar als gesellschaftlicher Reichtum und erlaubt den Zugriff auf jedweden Reichtum in der Gesellschaft. Folglich ist die Geldwerdung die erfolgreiche Bestätigung, dass eine bestimmte Privatarbeit gesellschaftliche Arbeit ist. Geld als gesellschaftliches Zugriffsmittel schlechthin ist die notwendige direkte Erscheinungsform gesellschaftlichen Reichtums in einer Gesellschaft, in der Produktion unabhängig und privat, in Konkurrenz zu anderen, aber für andere, stattfindet.

Wert zu »speichern«, also Wert zu sein, ist nicht nur Sache des Geldes. Geld ist bloß besser darin als die anderen Waren, die ihr Wertsein erst noch beweisen müssen.

Akkumulation

David Harveys Vorschlag zur Verhinderung von »Akkumulation« – nämlich Geld, das an Wert verliert – geht an der Sache vorbei. Geld wird nicht akkumuliert, indem es gehortet wird. Mit seiner Darstellung von Akkumulation beschreibt Harvey in Wirklichkeit Schatzbildung. Schatzbildung funktioniert, indem man die Fähigkeit des Geldes, das Bedürfnis nach exquisitem Wein zu stillen, ignoriert; man wird reicher durch die Entsagung vom Konsum. Was die Schatzbildnerin tut, ist das gesellschaftliche Zugriffsmittel zu horten, ohne es als Zugriffsmittel zu benutzen: Ihr Geld realisiert seine Zugriffsmacht nicht, es ist der Zirkulation entzogen. Kapitalistische Akkumulation ist aber nicht bloßes Horten. Unternehmen sitzen nicht einfach auf ihrem Geld. Ein Kapitalist, der das macht, ist ein schlechter Kapitalist. Stattdessen investieren Unternehmen in etwas, das das Kapital weiter wachsen lässt. Zum Beispiel stellen Industriekapitale Arbeiter_Innen für weniger ein, als diese an Wert produzieren.

Dass Harveys Lösung eine Lösung für ein ausgedachtes Problem ist, zeigt sich treffend daran, dass vergängliches Geld, wenn man so will, schon lange existiert. Das Geld in allen erfolgreichen kapitalistischen Staaten verliert immerfort an Wert, denn es herrscht dauernd Inflation. Während das natürlich nicht die Art von Schwundgeld ist, die Harvey im Kopf hat, zeigt es aber, dass es nicht die Schatzbildung ist, die kapitalistische Firmen erfolgreich macht und dass auch Geld, das ständig an Wert verliert, die Akkumulation nicht unterbindet.

Fazit

In einer auf Warentausch basierenden Gesellschaft benutzen Privateigentümer_Innen ihre Waren gegeneinander als Mittel, um an das zu kommen, was sie wollen und brauchen. Sie vergleichen jede Ware am Markt und reduzieren damit die verschiedenen Arten von Arbeit, die gebraucht werden, um sie zu produzieren, auf abstrakt menschliche Arbeit. Ihre Arbeitsprodukte zählen als Teil abstrakten gesellschaftlichen Reichtums, der in Geld seinen angemessenen Ausdruck findet. Diese Abstraktion von menschlicher Arbeit ist der Anfang von Marx‘ Kritik der kapitalistischen Produktionsweise. An diesem gesellschaftlichen Verhältnis ändert Geld, das an Wert verliert, nichts. Da Harvey aber Marx‘ Kritik an Wert und abstrakt menschlicher Arbeit nicht versteht, schlägt er ein Geldsystem vor, das die momentanen gesellschaftlichen Verhältnisse reproduzieren und das gesellschaftlich hergestellte Elend fortsetzen würde. Dieses Elend abzuschaffen heißt, Wert selbst und damit die Produktion für den Tausch, die eben jenen Wert produziert, zum Gegenstand der Kritik zu machen. Marx lesen zitiert Marx‘ Kritik der politischen Ökonomen, eine Kritik, die ebenso gut auf Harvey selbst zutrifft: »Die politische Ökonomie hat nun zwar, wenn auch unvollkommen, Wert und Wertgröße analysiert und den in diesen Formen versteckten Inhalt entdeckt. Sie hat niemals auch nur die Frage gestellt, warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt? Formeln, denen es auf der Stirn geschrieben steht, daß sie einer Gesellschaftsformation angehören, worin der Produktionsprozeß die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozeß bemeistert, gelten ihrem bürgerlichen Bewußtsein für ebenso selbstverständliche Naturnotwendigkeit als die produktive Arbeit selbst.«

Der Unterschied zwischen diesen politischen Ökonomen und David Harvey ist, dass letzterer – als Marxist, der er ist – den Wert nicht als natürlich ansieht. Was er allerdings wirklich ist, was seinen Gehalt ausmacht und was er für die, die ihm unterworfen sind, bedeutet, hält er nicht für erwähnenswert. Entsprechend wenig hat Marx »Kapital« lesen zur Erhellung der Kritik der politischen Ökonomie beizutragen. 

Gruppen gegen Kapital und Nation

Gruppen gegen Kapital und Nation ist ein Zusammenschluss linksradikaler Gruppen. Zuletzt erschien »Die Misere hat System: Kapitalismus«. Das Buch ist über www.gegner.in bestellbar.

 

 

 

Fußnoten

  1. Dieser Text ist im wesentlichen eine gekürzte Übersetzung eines englischsprachigen Textes unserer Schwesterorganisation Critisticuffs aus London: critisticuffs.org/texts/david-harvey/. Eine Übersetzung des vollständigen Texts, der zusätzlich einführend die Kategorien Wert, Gebrauchswert und Tauschwert beleuchtet, wird ab Ende 2015 auf unserer Seite zu finden sein (www.gegen-kapital-und-nation.org/david-harvey).
  2. Karl Marx. Das Kapital, Erster Band. Band 23 in Marx-Engels Werke (MEW 23), Dietz Verlag, 1989, 52.
  3. MEW 23, 58.
  4. Harvey, Marx lesen, 29.
  5. Das Verhältnis besteht nicht darin, dass ich Zugriff auf den gesellschaftlichen Reichtum erhalte, weil ich Arbeit verausgabt habe, um meine Ware herzustellen – Wert ist keine Belohnung für getane Arbeit –, sondern weil es Arbeit braucht, sie herzustellen und weil andere auf sie angewiesen sind.
  6. MEW 23, 56.
  7. David Harvey, The Contradictions of Capital, Vorlesung an der University of Warwick, 14 February 2013, http://0cn.de/4bln, Übersetzung der Autor_Innen.
  8. David Harvey auf dem Platypus Panel »Radical Interpretations of the Present Crisis« (1:55:18), 14. November 2012, http://vimeo.com/53579139, Übersetzung der Autor_Innen.
  9. MEW 23, 94ff.