Pulp und Gedächtnis

Stalag-Romane und Zeugenschaft des Holocaust in Israel

Spätestens seit den siebziger Jahren wurde das Bildgedächtnis des Nationalsozialismus auch geprägt durch sexualisierte Stereotypisierungen der TäterInnen und Opfer.
Die sozialpsychologisch begründete Annahme, dass eine Verbindung von sexueller Repression zu den im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen bestünde, fand insbesondere ihren Niederschlag in filmischen Darstellungen der siebziger Jahre. In Italien bildete sich das Filmgenre der Sadiconazista-Filme heraus. Diverse Produktionen konstruierten über die Darstellung einer sich hemmungslos und gewaltförmig entladenden Sexualität und Sadismus ein Erklärungsmodell für das historisch und ästhetische Phänomen des Nationalsozialismus. Die sowohl in Filmen wie Luchino Viscontis Die Verdammten oder Liliana Cavanis Der Nachtportier als auch parallel dazu im pornografischen Sexploitationkino inszenierten Tabubrüche sind dabei auch als eine Distanzierungsstrategie zu deuten. Somit wurden historische Settings von Orgien der nationalsozialistischen Elite, genauso jedoch sexuelle Unterdrückungsverhältnisse in den nationalsozialistischen Lagern, in Objekte pornografischer Faszination umgewandelt. Bevor sich jedoch die Sadiconazista-Filme als Genre etablierten, kamen in Israel Anfang der sechziger Jahre während des Eichmannprozesses pornografische Taschenbücher auf den Markt. Sie waren nach den nationalsozialistischen »Stammlagern« benannt und verwendeten allesamt ähnliche Plots; gefangen genommene amerikanische oder britische Kampfpiloten werden in den Stalags fast ausnahmslos von barbusigen, sexuell aufreizend gekleideten SS-Wärterinnen brutal gefoltert und sexuell missbraucht und rächen sich am Ende der Geschichte an ihren Peinigerinnen. Diese pornografischen und sadistischen Schilderungen nationalsozialistischer Lager wurden von einer Öffentlichkeit gelesen, die zeitgleich zum ersten Mal mit schockierenden Zeugnissen von Holocaustüberlebenden im Eichmannprozess konfrontiert war.
 Saul Friedländer hatte die psychische Dimension des sich seit den späten sechziger Jahren verändernden europäischen Diskurses über den Nationalsozialismus vor allem in der »imaginären Ebene« des Faschismus ausgemacht. »Der ästhetische Reiz wird ausgelöst durch den Gegensatz zwischen Kitsch-Harmonie und permanenter Beschwörung der Themen Tod und Zerstörung; das Verlangen wird durch Erotisierung der Macht, der Gewalt und der Herrschaft geweckt, aber gleichzeitig auch durch Darstellung des Nazismus als des Zentrums aller Entfesselung der unterdrückten Affekte«. Welche Rolle spielte aber nun eine auf ähnlichen sexuellen Stereotypisierungen basierende Darstellungsstrategie in der israelischen Gesellschaft, die zu über einem Drittel aus Überlebenden des Holocaust bestand und in der es nicht um Erklärungsmuster für die eigene Täterschaft, sondern um die Einordnung der Vernichtung und des Überlebens in ein jüdisches bzw. zionistisches Geschichtsnarrativ ging?
Jenseits des erinnerungskulturellen Trashfaktors muss die Bedeutung der Stalags, die Frage des Tabubruchs und der Distanzierung über einen sexualisierten Deutungsrahmen im Kontext einer sich verändernden Situation des Sprechens und Wissens über den Holocaust gesehen werden.

Paralleluniversen

Der Prozess gegen Eichmann 1961 war neben dem Nürnberger Prozess 1945/46 der weltweit am stärksten wahrgenommenen Prozesse im Rahmen der juristischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus. 1954 kam es in Israel zum Prozess gegen Reszö Kasztner. Dieser war mittlerweile Abgeordneter der israelischen sozialdemokratischen Mapai-Partei und war in seiner Tätigkeit für eine zionistische Hilfsorganisation in Ungarn in Verhandlungen mit hochrangigen Nazis getreten, um Juden vor der Vernichtung zu retten. Er wurde wegen Kollaboration verurteilt und der Prozess entwickelte sich zu einem israelischen Parteienstreit um »angemessenen Verhalten« während des Holocaust. Mit dem Eichmannprozess war nun der Massenmord an den europäischen Juden und die Zeugenaussagen von Überlebenden Hauptgegenstand eines Prozesses. Die meisten Israelis wurden durch die Hörfunkübertragung und Berichterstattung so erstmals und dauerhaft mit den schockierenden Aussagen von Überlebenden konfrontiert. Der Prozess gilt als Einstieg in die Auseinandersetzung mit der Shoah und zugleich mit ihrer Bedeutung für die Konstitution einer jüdischen Identität – nach Auschwitz und im Rahmen eines jüdischen Staates – und damit auch für einen staatlich verordneten Wandel im Umgang mit den Überlebenden. Abba Eban, der damalige israelische Bildungs- und Kulturminister wies in seinen Memoiren auf die sozialen und erinnerungspolitischen Gräben der jungen israelischen Gesellschaft hin, die durch den Prozess gekittet werden sollten. Es »erinnerten bestimmte gemeinsame Erinnerungen die Israelis oft daran, dass die Geschichte die Gesamtheit des jüdischen Volkes in einer Weise behandelt hatte, dass letztlich ihr Schicksal unteilbar war. Einer der großen Momente der Vereinigung war die Gefangennahme und der Prozess Adolf Eichmanns.« Die heute im Umgang mit dem Holocaust selbstverständlich erscheinenden Kategorien der historischen Überlieferung und der Zeugenschaft wurden hier erstmalig und sehr explizit in den erinnerungspolitischen Diskurs eingeführt, standen jedoch zugleich im Kontext einer zionistischen Erinnerungspädagogik. Gideon Hausner, der Ankläger im Prozess, wies darauf hin, dass die israelische Jugend aufgrund der Arbeit am Aufbau und Schutz des neuen Staates zu wenig Einblick in die Ereignisse hätte. Das benannte Problem war jedoch hausgemacht – die Sinnlosigkeit des Mordens und die Erfahrungen der ehemaligen Inhaftierten des europäischen Lagersystems waren nicht ohne weiteres in ein gemeinschaftsstiftendes, zionistisches Narrativ integrierbar, das ganz wesentlich auf einer dichotomen Beschreibung des »neuen Juden« und des schwachen Diasporajuden basierte. Während der ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war der gesellschaftliche Diskurs über den Holocaust höchstgradig aufgeladen. Das Zusammentreffen mit Überlebenden, die ihnen entgegengebrachten Vorurteile der Passivität, ideologische Gegensätze von Diaspora und jüdischem Staat, selektive Informationen über das Geschehene, weitverbreitete Ignoranz den Erfahrungen der Überlebenden gegenüber, unterdrückte Scham, Schuldzuweisungen und -ablehnungen – all das ergab eine Mischung, in der es äußerst schwer war, sich diesem Ereignis reflektiert zu nähern und sich ein Bild davon zu machen, selbst wenn es um die eigenen Familienmitglieder ging, die überlebt hatten.
 Ein wesentlicher neuer Punkt des Eichmannprozesses war die »Entstehung des Zeugen«, der nun zum öffentlichen Träger der Geschichte des Holocaust avancierte. Das Mittel der individuellen Zeugenaussage zum Zweck der Verurteilung, nicht bloß eines einzelnen Täters – Eichmann – sondern des »Antisemitismus im Verlauf der Geschichte« schien jedoch nicht ohne weiteres zusammenzupassen. Einerseits war es die Erfahrung eines Bruchs, andererseits die Annahme einer Kontinuität jüdischer Geschichte, die hier zur Verhandlung standen.

Fictitious memories

Außerhalb des Prozessraumes, an den Kiosken des Tel Aviver Busbahnhofs, die seit Beginn des Prozesses massenhaft Stalag-Hefte verkauften, stellte sich die Frage nach dem Verhältnis von historischem Bewusstsein für den Holocaust und Formen der Überlieferung und Repräsentation auf einer anderen Ebene. Der Filmemacher Ari Libsker, der sich diesem massenkuturellen Phänomen in einer Dokumentation widmete, erinnert sich, dass die ersten Bilder des Holocaust, die er als Heranwachsender gesehen hatte, die Bilder nackter Frauen waren und wie ihn dies peinlich berührt hatte. Er verweist damit auf die bunten Cover der Stalags, die zumeist barbusige SS-Aufseherinnen in Folterszenen an Kriegsgefangenen zeigten und die Bildästhetik der American War Literature aufgriffen. Ein Heft zeigt auf dem Cover eine der Frauen, wie sie ihrem Opfer eine Henkersmütze über den Kopf zieht, von diesem man lediglich einen mit Striemen übersäten, muskulösen Oberkörper sieht, im Hintergrund ein Galgen mit einem bereits Gehenkten; ein anderes Cover zeigt einen von Aufseherinnen umringten und festgehaltenen Gefangenen, auf seiner Brust wurde mit einem Messer ein Hakenkreuz eingeritzt, vor ihm kniet eine SS-Frau mit einem zähnefletschenden Hund. Einige Cover zeigen Nahkampfszenen, in denen die Frauen von den Gefangenen überwältigt werden oder halb nackt und gefesselt am Boden liegen. Die Frauen entsprechen den klassischen Pin-Up-Bildern der sechziger Jahre, die Männer sind durchweg groß und muskulös. Obwohl ihre Körper geschunden sind, strahlen sie keine Schwäche aus. Die Plots der Hefte sind schnell erzählt, das Setting fast ausnahmslos dasselbe, sexuelle Handlungen und Genitalien werden en détail beschrieben. Die Hefte wurden unter englischsprachigen Pseudonymen wie Mike Baden, Ralph Butcher oder Mike Longshot veröffentlicht, die vorgaukelten, es handele sich um amerikanische Übersetzungen – selbst die Satzstruktur folgte dieser Logik. Tatsächlich waren diese Comics jedoch ein genuin israelisches Genre. Das erste Heft mit dem Titel Stalag 13 (benannt nach Billy Wilders Film Stalag 17 von 1953) wurde von dem 23-jährigen Eli Keidar unter dem Pseudonym Mike Baden verfasst und wurde laut Aussage des Autors rund 80.000 mal verkauft. Andere Autoren und Verleger sprangen auf die Erfolgswelle auf. Erschienen die Comics zunächst mit Seriennummern, wurden sie später mit Titeln aus dem Horrorgenre benannt: Stalag of the She-Wolves, Death Stalag, Stalag of the Devils. Einige Ausgaben wiesen direkte historische Bezüge auf. So dienten offenbar Ilse Koch, die für ihren Sadismus bekannte Frau des Kommandeurs von Buchenwald Karl Otto Koch und Irma Grese, Aufseherin in den Lagern Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz-Birkenau und mutmaßliche Geliebte Mengeles, als Vorlagen.
Der Verleger des ersten Stalags betont, dass das Aufkommen dieses genuin israelischen Genres eng mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann zusammenhing. Das israelische von Uri Avnery herausgegebene Magazin Ha'Olam Haze (This World) brachte zum Teil Bilder des Eichmann-Prozesses und der Stalagcover als Vor- und Rückseite einer Ausgabe und kommentierte somit den hegemonialen geschichtspolitischen Kurs kritisch. Im Laufe des Prozesses gewannen die Hefte immer mehr an Popularität. Immer mehr Autoren und Verleger sprangen auf den Zug auf, den ihnen die gesellschaftliche Stimmung dieses auf der erinnerungskulturellen und sexuellen Ebene zugleich vonstattengehenden Tabubruchs bescherte, und überboten sich an pornografischen und brutalen Details. Zum Teil kam täglich ein neues Heft auf den Markt, mitunter trugen sie sogar dieselben Coverillustrationen

»…wie es eigentlich gewesen ist«

In den meisten Heften ging es augenscheinlich nicht um Juden und die ihnen in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern angetanen Verbrechen. Die mittlerweile in die Jahre gekommenen LeserInnen, die in der von Libskers gedrehten Doku zum Thema interviewt werden, verwiesen in erster Linie auf den Reiz, den die Bücher in ihrer Jugend auf sie ausübten. Es waren einige der wenigen pornografischen Produkte, die in der puritanischen israelischen Gesellschaft der Zeit überhaupt zu bekommen waren. Schon allein aus diesem Grund stellten die Hefte einen Tabubruch innerhalb der israelischen Gesellschaft, dar. Die staatliche Zensurpolitik interessierte dies anfänglich jedoch nicht. Den besonderen Reiz schien aber die Integration in die historische Rahmenhandlung auszumachen. Das zentrale Setting der Pulp-Hefte waren nationalsozialistische Lager und diese suggerierten in einer Gesellschaft, in der mehr als ein Drittel der Bevölkerung jüdische Überlebende und deren Nachfahren ausmachten und gerade einem Hauptverantwortlichen der Deportationen in die Vernichtungslager der Prozess gemacht wurde, nichts anderes als den Holocaust. Es ist schwierig von den Stalags als einer bewusst gewählten Repräsentationsform des Ereignisses zu sprechen, denn letztendlich scheinen sie den Blick auf die Vernichtungspolitik zu verstellen. Dennoch spiegeln sich in ihnen unterschiedliche miteinander in Konflikt stehende Elemente des hegemonialen erinnerungspolitischen Umgangs und erfahren eine provokative Wendung.
Für die Autoren der Stalags, die in vielen Fällen, wie Eli Keidar, Kinder von Holocaustüberlebenden waren, stellte das Verfassen der Bücher auch eine Möglichkeit dar, die untergründige Präsenz des Todes in ihrem familiären Umfeld und die von ihren Eltern am eigenen Leib erfahrene Gewalt zu verarbeiten, sich gleichzeitig aber auch dieser Allmacht durch die Sexualisierung zu widersetzen. Einigen LeserInnen dienten die Hefte offenbar auch als Informationsquelle über den Holocaust. Die in den Stalags geschilderten Szenen konterkarierten die unglaublichen Zeugenaussagen des Eichmannprozesses, schienen diese jedoch in Form einer »dichten Beschreibung« gleichzeitig auch anzureichern oder zu ergänzen.
 Der israelische Historiker Omer Bartov vermutet, dass trotz der Präsenz eines sehr elaborierten Diskurses über den Holocaust und der Zugänglichkeit expliziterer Pornografie heutzutage, die in den Stalags entworfenen Szenarien noch immer ihre erinnerungskulutrelle Wirkung zeitigen. Zudem knüpften die Autoren der Pulp-Hefte an einen literarischen Darstellungsmodus an, der seit Beginn der fünfziger Jahre in Israel parallel zum zionistischen Narrativ existierte; die unter dem Pseudonym verfassten Erzählungen Ka-Tzetniks. Sein literarisches Zeugnis »des anderen Planeten« der nationalsozialistischen Vernichtungslager bestand aus einer hyperrealistischen und expliziten Darstellung von Hunger, Entwürdigungen, Degenerationen des menschlichen Körpers, sexuellem Missbrauch und erzwungener Prostitution. Seine Romane wie z.B. Das Puppenhaus (1953), in dem er das fiktive Schicksal seiner Schwester in einem Lagerbordell entwarf, hatten die Vorstellungen und das Wissen um den Holocaust in den fünfziger und sechziger Jahren maßgeblich geprägt. Ka-Tzetniks Beschreibungen repräsentierten alles andere als Sprachlosigkeit angesichts des Geschehenen – die in anderen literarischen Zeugnissen von Überlebenden problematisierten Grenzen des traditionellen Sprachgebrauchs, das Problem der Nicht-Darstellbarkeit und angemessenen Formgebung hatten in seinen Beschreibungen des Lageralltags keine Bedeutung. Ka-Tzetnik war unter seinem von ihm abgelegten bürgerlichen Namen Yehiel Dinur als Zeuge im Eichmann-Prozess geladen und versuchte hier, von der entmenschlichten Eigengesetzlichkeit des »Planeten Auschwitz« zu berichten. Sein körperlicher Zusammenbruch während der Befragung im Eichmannprozess ist zu einer ikonischen Szene des israelischen kollektiven Gedächtnisses geworden. Dinur stand für all das, was eine zionistische Neuerfindung des Juden notwendig machte und galt lange als eine zentrale und unangefochtene Figur der literarischen Zeugenschaft von Überlebenden in Israel. Gleichzeitig ist jedoch sein Auftreten auch Ausdruck der Schwierigkeit der Überführung des Erfahrenen in die Gegenwart eines geschichtspolitischen Prozesses. Die von Dinur explizit und voyeuristisch beschriebenen Handlungen von körperlicher, sexueller Demütigung wurden in den Stalags in einer (befreiend empfundenen) Transformation der Rollen und Klarstellung der Geschlechterhierarchien umgekehrt und somit auch dem zionistischen Narrativ angenähert.
Wie schmal offenbar der Grad zwischen dem in den Heften Dargestellten, einem gesellschaftlichen Bewusstsein des Holocaust und den Grenzen des Darstellbaren war, lässt sich an einigen Ausgaben zeigen, die vom gewohnten Muster der Gefangennahme, Folter und Rache der Kriegsgefangenen abwichen.
So diente einem der Taschenbücher die Person Eichmanns direkt als Vorlage. Erstmalig war ein SS-Mann der Protagonist vom Typ des durch den Prozess omnipräsent gewordenen sadistischen NS-Täters. In der Ausgabe I was Colonel Schultz's private bitch wird der Missbrauch einer französischen Gefangenen durch einen Nazi-Offizier beschrieben. Hier wichen die Geschlechterrollen vom klassischen Muster SS-Frau-gefangener Soldat ab. Damit kamen die Hefte offenbar der Realität ein Stück näher, als die klassische Konstellation der drallen, brutalen, aber schließlich gerächten SS-Frau, die für einige Zeit sexualisierte Rachefantasien beflügelt hatten. Das Erscheinen dieser Ausgabe zog aufgrund seiner Nähe zu historischen Begebenheiten und seines pornografischen Detailreichtums eine rigorose Zensurpolitik nach sich. Der Herausgeber wurde verurteilt und die israelische Polizei ließ alle auffindbaren Kopien einstampfen.
 Ari Libsker behauptet abschließend in seiner Dokumentation mit dem Verweis auf die anhaltende Präsenz und Kanonisierung der Romane Ka-Tzetniks in israelischen Schullehrplänen, dass es noch immer dieselbe Mischung aus Horror, Sadismus und Pornografie sei, die das israelische Holocaustgedächtnis durchdringt. Auch wenn diese Aussage übertrieben erscheinen mag, lässt sich an der gewählten Darstellungsweise sexualisierter Beziehungen zwischen TäterInnen und Opfern des Nationalsozialismus in den Stalags einiges über die damalige gesellschaftliche Präsenz des Holocaust und dessen Nachwirkungen ablesen. Friedländer betonte in diesem Zusammenhang die Funktion des Exorzismus:» […] der Exorzismus schließlich setzt – heute wie damals – sein ganzes Bestreben darein, durch die Sprache Distanz zu halten gegenüber der Realität des Verbrechens und der Vernichtungspolitik, durch Verkehrung der Vorzeichen eine andere Realität zu behaupten.« Im Kontext des Eichmannprozesses hieß dieser Exorzismus eine Überlagerung der von Überlebenden geschilderten Erfahrungen der absoluten Entmenschlichung durch ein universalisierendes und anthropologisierendes Muster von Sadismus und sexuellem Begehren.
Eli Keidar hielt sich zum Höhepunkt des Erfolgs der Stalags nicht mehr in Israel auf, er war nach Deutschland gegangen und versuchte dort erfolglos, seine literarischen Bestseller übersetzen zu lassen. Bekanntermaßen waren es nicht pornografische Taschenbücher, in denen sich die Verfasstheit des kollektiven Gedächtnis der Deutschen und die Annäherung an die von Deutschen begangenen Verbrechen ausdrückte, sondern die Tagebücher der Anne Frank. Diese boten weniger die Möglichkeit des Exorzismus als ein verführerisches Angebot der Identifikation.

 

~ Von Anna Pollmann. Die Autorin ist Redaktionsmitglied der Leipziger Redaktion der Phase 2.

Fußnoten

  1. Marcus Stiglegger, Sadiconacista. Faschismus und Sexualität im Film, St. Augustin 1999.
  2. Der Dokumentarfilmer Ari Libsker widmete sich diesem zwar nur kurz währenden, aber dennoch massenkulturellen Phänomen in seinem Dokumentarfilm Stalags. Holocaust and Pornography in Israel (Israel 2007). Informationen zu einzelnen Ausgaben, Protagonisten und zur zeitgenössischen Rezeption sind, wenn nicht anders ausgewiesen, diesem Film entnommen.
  3. Saul Friedländer, Kitsch und Tod. Der Widerschein des Faschismus, erweiterte Ausgabe, Frankfurt a.M. 2007, 26.
  4. Abba Eban zitiert nach A. Wieviorka, Die Entstehung des Zeugen, in: Gary Smith (Hrsg.), Hannah Arendt Revisited. Eichmann in Jerusalem und die Folgen, Frankfurt a.M. 2000,137.
  5. Omer Bartov, Kitsch and Sadism in Ka-Tzetnik's Other Planet: Israeli Youth Imagine the Holocaust, in: Jewish Social Studies 3/1997, 47.
  6. Wieviorka, Die Entstehung des Zeugen, 136–159.
  7. David Ben-Gurion zitiert von Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München/Zürich 1986, 336.
  8. New York Times vom 6.9.2007.
  9. Bartov, Kitsch and Sadism, 49.
  10. Gideon Hausner, Gerechtigkeit in Jerusalem, zitiert nach Wieviorka, Entstehung des Zeugen, 148.
  11. Friedländer, Kitsch und Tod, 26 f.