Psychoanalyse in der feministischen Kritik

Von der »Weiblichkeitsdebatte« zu aktuellen feministischen Rezeptionen

Seit fast einem Jahrhundert sieht sich die psychoanalytische Theoriebildung mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie der weiblichen Subjektentwicklung nur unzureichend beziehungsweise überhaupt nicht gerecht werde. Auch heute noch ist es der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit, der viele Linke und Gesellschaftskritiker_innen auf Distanz zur Freud’schen Psychoanalyse gehen lässt. Und das nicht gänzlich zu Unrecht, denn die sogenannte »Freud’sche Weiblichkeitstheorie« kann in weiten Teilen als verfehlt bezeichnet werden. 

Im folgenden Artikel soll zunächst das, was unter der »Freud’schen Weiblichkeitstheorie« verstanden wird, in groben Zügen dargestellt werden. Im Anschluss daran wird die sogenannte »Weiblichkeitsdebatte«, die in den zwanziger und dreißiger Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der psychoanalytischen Community führte, skizziert, um zum Schluss den Stellenwert der Freud’schen Psychoanalyse für eine feministische Gesellschaftstheorie und/oder queertheoretische Ansätze zu diskutieren. 

Die Freud’sche Weiblichkeitstheorie

Sigmund Freud geht für die erste Entwicklungsphase von Jungen und Mädchen von einem sexuellen Monismus aus, was bedeutet, dass sich seiner Ansicht nach beide Geschlechter jeweils in der Gewissheit wähnen, ihr eigenes Genital würde der gesamten Menschheit zukommen. Die frühen Phasen der Libidoentwicklung, die orale und die anale Phase, verlaufen Freud zufolge für beide Geschlechter noch gleich. Allerdings bedeutet dies nicht, dass sich in diesen frühen Phasen zwei gleichwertige Seinsqualitäten entwickeln, sondern Freud nimmt an, dass sich das Mädchen als »kleiner Mann« fühlt und die Sexualität der kleinen Mädchen durchaus »männlichen Charakter« habe. Mit männlich ist bei Freud allerdings nicht eine biologische Begriffsdefinition gemeint, sondern vielmehr eine bestimmte Libidoposition, nämlich eine aktive (männliche) im Gegensatz zu einer passiven (weiblichen). Aus dieser Selbstverkennung heraus und nur deshalb, kann das Mädchen bei Freud eine aktive Selbstbefriedigung an der Klitoris praktizieren. Eine Kenntnis der Vagina ist dagegen laut Freud lange Jahre so gut wie nicht vorhanden und er nimmt an, dass die Vagina in ihrer sexuellen Bedeutung auch erst in der Pubertät entdeckt werde. Die Wege der parallelen Entwicklung trennen sich, sobald ein Mädchen die für sie folgenschwere Entdeckung des männlichen Genitals gemacht hat: »Sie hat es gesehen, weiß, dass sie es nicht hat, und will es haben.« Von dieser Entdeckung an – das bleibt in Freuds Theorie über alle Jahre hinweg eine konstante Annahme – ist dem Mädchen die masturbatorische Betätigung verleidet, sie erkennt ihr Organ als minderwertig an, fühlt sich unterlegen in Bezug auf den Bruder, verharrt in einer Position des Neides auf diesen. Von der Mutter, ihrem ersten Liebesobjekt, wendet sie sich enttäuscht und wütend ab, weil diese sie ihrer Meinung nach ungenügend ausgestattet habe. Durch die Entdeckung dieser »Kastration« läuft das Mädchen nach Freuds Ansicht in die Ödipussituation ein »wie in einen Hafen«. Mit der Abwendung von der Mutter findet eine Hinwendung zum Vater statt, von dem sie sich von nun an das erhofft, was sie selbst nicht hat: einen Penis beziehungsweise als dessen Substitut ein Kind, am besten natürlich einen Jungen. Für männliche Kinder verhält sich diese ödipale Entwicklungsphase spiegelverkehrt. Der kleine Junge sieht das Geschlecht des Mädchens, das auch er sofort als minderwertig und kastriert anerkennt, und unterliegt von da an der Kastrationsangst, die ihm drohen könnte als Strafe für Masturbation, aber auch für sein Begehren, das sich auf die Mutter richtet. So wird beim Jungen durch die Kastrationsangst der Ödipuskomplex eingeleitet, in dessen weiterem Verlauf er sich dem Gesetz des Vaters beugt und auf die Mutter als Liebesobjekt verzichtet – allerdings mit der Aussicht, später einmal die gleichen Rechte genießen zu dürfen wie der Vater. Beim Jungen bauen sich auf diese Weise ein starkes Über-Ich und eine Gewissensinstanz auf, indem er die Autorität des Vaters anerkennt und respektiert. Beim Mädchen ist dies nicht in gleicher Weise notwendig, weswegen ihr Über-Ich auch deutlich weniger stark ausgeprägt sei als bei Jungen, so Freud. Anders als das Mädchen muss der Junge keinen kompletten Objektwechsel vornehmen: Er darf weiterhin Frauen begehren, nur eben nicht die Mutter, was diesen Verzicht nicht so absolut macht wie bei dem Mädchen, dem in der Freud’schen Theorie Frauen nun nicht mehr als Liebesobjekte zur Verfügung stehen. 

In dieser stark verkürzten Zusammenfassung des Freud’schen Blicks auf die weibliche frühkindliche Entwicklung wird deutlich, dass Freud seine Entwicklungstheorie generell an der Sozialisation des kleinen Jungen beschrieb und die psychosexuelle Entwicklung von Mädchen quasi in Abgrenzung dazu nachgeschoben wurde. Dies räumt Freud auch selber ein, wenn er sagt: »Wenn wir die ersten psychischen Gestaltungen des Sexuallebens beim Kinde untersuchten, nahmen wir regelmäßig das männliche Kind, den kleinen Knaben, zum Objekt. Beim Mädchen, meinten wir, müsse es ähnlich zugehen, aber doch in irgendeiner Weise anders.«

Dem Ödipuskomplex innerhalb des Freud’schen Denkgebäudes kommt deswegen ein so zentraler Stellenwert zu, weil es sich bei diesem um mehr als nur einen kindlichen Entwicklungskonflikt mit Vater und Mutter handelt. Der Ödipuskonflikt hat bei Freud den Stellenwert einer Sozialisationstheorie, die den unterschiedlichen Weg der beiden Geschlechter hinein ins Patriarchat zur Darstellung bringt. Dies beschreibt Freud nicht »als, aber doch wie ein Naturgesetz«, weswegen der Ödipuskomplex bei ihm den Stellenwert einer »anthropologische[n] Konstante« bekommt.

Freuds Beschreibung weiblicher Entwicklung kann aus heutiger Sicht einerseits als Festschreibung eines Mangels, als Defizittheorie und männliche Projektionsfläche gelesen werden, andererseits wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich bei seinen Texten aber auch um eine Beschreibung der damaligen Realität, eine Frau zu sein, handelt. Indem Freud die Konstitutionsbedingungen der verhinderten weiblichen aktiven Sexualstrebungen aufgezeigt hat, habe er von den Entwicklungsbedingungen für Frauen im Patriarchat des 19. Jahrhunderts ein Bild gezeichnet. Dafür stehen exemplarisch die Hysterikerinnen, die Freud zu Beginn seiner Forschungstätigkeit zusammen mit Breuer untersuchte.

Letztlich aber ist Freud die weibliche Entwicklung immer ein Rätsel geblieben, wie er selbst offen zugegeben hat. Das Geschlechtsleben der erwachsenen Frau sei gar ein »dark continent«, die blinden Flecken in seiner Weiblichkeitstheorie sind offensichtlich. 

Die Weiblichkeitsdebatte der zwanziger und dreißiger Jahre 

Freuds durchaus schwierige Thesen zur weiblichen Entwicklung blieben natürlich auch von seinen Kolleg_innen nicht unhinterfragt. Als die erste und wohl auch vehementeste Kritikerin Freuds, die 1923 Einspruch gegen seine Darstellung der Entwicklung des Mädchens erhob, darf die Psychoanalytikerin Karen Horney bezeichnet werden und im Folgenden sollen Grundzüge dieser Debatte zwischen Freud und Horney nachgezeichnet werden.

Karen Horney eröffnete die Diskussion, indem sie auf einem Vortrag im Jahr 1922 (Ein Jahr später in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse veröffentlicht) einige von Freuds zentralen Thesen in Frage stellte. Basierend auf ihren klinischen Fällen unterschied sie einen primären Penisneid, den sie durch reale anatomische Benachteiligungen des Mädchens gegenüber Jungen in Bezug auf die Harnerotik, die Zeigelust und die Onanie erklärte, von einem sekundären, den sie auch den Kastrationskomplex nannte. In diesem Kastrationskomplex sah Horney eine »Flucht aus der Weiblichkeit« durch eine starke Vateridentifizierung sowie Männlichkeitswünsche erwachsener Frauen, die allerdings nicht zuletzt ihren realen Benachteiligungen geschuldet seien. Dieser sekundäre Penisneid habe allerdings mit dem infantilen nur wenig zu tun und sei eine sekundäre Bildung. 

Nach der Veröffentlichung von Horneys Text, in dem sie zentrale psychoanalytische Theoreme wie den Kastrationskomplex und den Penisneid neu definierte, war Freud gewissermaßen dazu gezwungen, als »Vater« der Psychoanalyse seine eigenen Thesen zu verteidigen und gegen diese Angriffe von außen Stellung zu beziehen. So veröffentlichte er 1925 seinen Text Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds, in dem er selbst einräumt, der Entwicklung des kleinen Mädchens bisher nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Freud bekräftigt in diesem Text seine früher bereits formulierte These, nach der der Ödipuskomplex erst durch den Kastrationskomplex ermöglicht und eingeleitet werde und damit ein dauerhaftes Minderwertigkeitsgefühl bei Frauen hervorrufe, was konträr zu Horneys Thesen steht. Horney wiederum reagierte 1926 mit einem schärferen Text, in dem sie Freud zwar vordergründig als »Genie« würdigt und nach wie vor häufig auf ihn Bezug nimmt, in dessen weiteren Verlauf sie aber die psychoanalytische Theorie in Bezug auf die Weiblichkeit zu weiten Teilen als männliche (Angst-)

 Phantasie eines kleinen Knaben karikiert. Horneys nicht hoch genug zu schätzendes Anliegen in dieser erneuten Veröffentlichung war es, sich als Analytikerin nicht mit einer entwicklungspsychologischen Defizittheorie für Frauen zufrieden zu geben, sondern der kindlichen Selbstverkennung in der Freud’schen Theorie eine eigene weibliche, auch technisch von der männlichen verschiedene Onanie gegenüberzusetzen und auf eine Kenntnis der Vagina bereits in frühen Kindheitsjahren hinzuweisen. Außerdem betont Horney die Gegenseite des Kastrationskomplexes bei kleinen Jungen: den Gebärneid. Letztlich läuft ihre Argumentation darauf hinaus, eine lustvolle Sexualität für Frauen theoretisch denkbar zu machen, was Freud, wie oben beschrieben, nicht möglich war. Dass Horney trotz dieses emanzipatorischen Anspruchs aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive hinter Freud zurückfiel, hat Lilli Gast eindrücklich herausgearbeitet. Sie weist darauf hin, dass Horney für ihre Inanspruchnahme einer inneren lustorientierten weiblichen Sexualität einen zu »hohen Preis« gezahlt habe. Denn anders als Freud, bei dem ein konflikthafter Prozess jeder Entwicklung zu Grunde liegt, geht Horney von einer primären, angelegten Weiblichkeit und einer angeborenen Heterosexualität aus. Damit gründet sie ihre Thesen auf einer »biologistischen Figur einer genetisch präformierten weiblichen Geschlechtsrolle«, die sich im Laufe ihrer Publikationen immer deutlicher herausstellt. Horney kritisiert Freud sogar dafür, dass dieser versucht, »das biologische Prinzip der gegengeschlechtlichen Anziehung psychologisch zu erklären«, etwas, das für sie ein »elementare[s] Naturprinzip« beziehungsweise ein »biologisches Urprinzip« darstellt. Der Psychoanalytiker Ernest Jones, ein enger Weggefährte Freuds, der aber in dieser Debatte auf Horneys Seite stand, formulierte die zentrale Frage wie folgt: »Meiner Ansicht nach entwickelt sich die Weiblichkeit fortschreitend aus dem Antrieb einer triebhaften Konstitution. Kurz gesagt, ich sehe die Frau als ein geborenes Weibchen und nicht – wie die Feministen es tun – als un homme manqué, als ein ewig enttäuschtes Geschöpf, das sich mit sekundären Surrogaten zu trösten sucht, die ihrer wahren Natur fremd sind. Die letzte Frage ist also, ob man zur Frau geboren oder gemacht wird.«

Diese letzte Frage, die Simone de Beauvoir 14 Jahre später beantwortet hat, war für Freud – der hier interessanter-(und unbemerkter?)weise von Jones als Feminist bezeichnet wird – dagegen nicht so einfach zu beantworten. Er hat zumindest einen deutlich weniger biologistischen Ansatz, wenn er betont, dass »alle menschlichen Individuen infolge ihrer bisexuellen Anlage und der gekreuzten Vererbung männliche und weibliche Charaktere in sich vereinigen, so daß reine Männlichkeit und Weiblichkeit theoretische Konstruktionen bleiben mit ungesichertem Inhalt.«

Während sich also für Horney und Jones irgendwann das biologische Prinzip gegengeschlechtlicher Anziehung zu entfalten beginnt, das aber eine homosexuelle Objektwahl nur als Normabweichung definieren kann, war es für Freud eine offene Frage, wieso sich eigentlich kleine Mädchen irgendwann ihrem Vater zuwenden und heterosexuell werden. Freud macht es sich weniger einfach und geht im Grunde genommen seinem Forschungsduktus nach dekonstruktivistisch vor, wenn er der Gewordenheit bestimmter bislang unhinterfragter Phänomene nachforscht: »Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, wenn wir annehmen dürften, von einem bestimmten Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen Anziehung geltend und dränge das kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz dem Knaben das Beharren bei der Mutter gestatte.«

Die Debatte um die Freud’schen Thesen zur Weiblichkeit hielt noch einige Jahre an, Freuds eigene Beschäftigung mit der »Psychologie der Frau« endete 1933 mit seiner Vorlesung zur Weiblichkeit. Horney ging ins amerikanische Exil und gründete dort zusammen mit Erich Fromm und anderen die sogenannte Neo-Freudianische Schule, die sich von zentralen Annahmen der Freud’schen Theorie verabschiedete (insbesondere der Triebtheorie) und dafür vor allem von Theodor W. Adorno aufs Schärfste kritisiert wurde, da seiner Ansicht nach die Revisionist_innen der Psychoanalyse ihr kritisches Potential rauben würden.

Psychoanalyse in der 
feministischen Kritik und Rezeption

Wie ich oben zu zeigen versucht habe, ist die Kritik an Freuds Thesen zur weiblichen Sozialisation keineswegs neu, sondern hat seine Theoriebildung von Beginn an begleitet. Es bietet sich nun im Folgenden an, einen Blick auf aktuelle psychoanalytische Theorien zur weiblichen Subjektwerdung zu werfen, die sich trotz aller Einwände weiterhin auf die Freud’sche Psychoanalyse beziehen – ohne dabei allerdings eine Defizittheorie weiblicher Entwicklung zu Grunde zu legen. Eine Darstellung aller seit Freuds Zeiten entworfenen psychoanalytischen Theorien zur weiblichen Entwicklung ist dabei schlicht nicht möglich. Zu zahlreich und verschieden sind die Ansätze. Nicht zuletzt wurde und wird sich viel darum gestritten, wie wörtlich Freuds Thesen zur Weiblichkeit denn nun zu lesen seien. Die Psychoanalytikerinnen Brigitte Boothe und Annelise Heigl-Evers etwa lesen Freuds Modell der weiblichen Entwicklung in einer ironischen Brechung: Eine ironische Haltung thematisiere »den Horizont wunschgeleiteten Erlebens und Handelns in Spannung zu widerstreitenden Bedingungen der Realität« und aus dieser Perspektive könne den »unausweichlichen Täuschungs- und Selbsttäuschungsmanövern« Raum und Kontur verliehen werden. Ein ironischer Standort verdeutliche die Gebrochenheit der eigenen Existenz. Mit dieser Lesart beschreiten die Autorinnen neue Pfade, denn Freuds Thesen zur Weiblichkeit, insbesondere seine Idee des Penisneides, wurden in seiner Rezeption – wie oben dargestellt – meist nicht ironisch oder als »subjektive und dem Kindlichen verhaftete Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen wunschgeleiteter Vorstellungswelt und Frustrationserfahrung« aufgenommen, sondern als klare Herabsetzung von Frauen. Der phallische Mangel als solcher sollte aber Boothe und Heigl-Evers zufolge nicht wörtlich genommen werden, sondern die Konfrontation mit dem Geschlechterunterschied in eine Spannung zur Phantasieproduktion über eben diesen Mangel gesetzt werden, »deren Aufklärung Gegenstand psychoanalytischer Arbeit sein sollte«. Die Darstellung einer solchen Konflikthaftigkeit, »die aus einer lust- und wunschgeleiteten Aneignung der eigenen Leiblichkeit in Auseinandersetzung mit den subjektiv wichtigen Eltern- und Geschwisterfiguren« entstehe, sei nicht zuletzt der Verdienst der Freud’schen Theorie. Genau diese Konflikthaftigkeit jenseits jedes Schematismus ist es auch, was die freudsche Psychoanalyse so attraktiv für eine Kritische Theorie der Gesellschaft macht (siehe hierzu Kirchhoff und Babenhauserheide in diesem Heft). Die Entwicklung zum (männlichen und weiblichen) Subjekt wird in ihr prinzipiell als schwierig und konfliktträchtig beschrieben, die Phasen der psychosexuellen Entwicklungen verlaufen nicht einem Reifungsmodell gleich, sondern müssen immer wieder neu und zwangsläufig konflikthaft gelöst werden, da in ihnen die Triebansprüche des Individuums mit seiner Umwelt und seinen engsten Bezugspersonen kollidieren. Es ist dabei Freuds spezifischer erkenntnislogischer Zugang, der die Geschlechterdifferenz konsequent als ein erst zu konstituierendes Phänomen metatheoretisch entfaltet, wie Gast hervorhebt, anstatt wie Horney und Jones von einem angeborenen Prinzip gegengeschlechtlicher Anziehung auszugehen. Weiblichkeit wird damit in der psychoanalytischen Theorie nicht als genetisch präformierte Struktur verstanden, sondern erhält als Ergebnis einer »konflikthaften (Trieb?)Dynamik« fundamental konstruktivistische Züge. Diese eröffneten so Gast, die Möglichkeit zur Reflexion von gesellschaftlichen und kulturellen Einwirkungen in der Hervorbringung von Subjektivität und Geschlechtsidentität. Gast unterscheidet dabei allerdings streng zwischen diesem erkenntnislogischen Zugang der Psychoanalyse und einer »dringend notwendigen Kritik« an ihrer »profunden Kulturbefangenheit«. Eine solche Kritik leistet etwa Christa Rohde-Dachser in ihrem Buch Expedition in den dunklen Kontinent. Darin nimmt sie die Freud’schen Thesen zur Weiblichkeit in einer ideologiekritischen Analyse und zugleich vor einem dezidiert psychoanalytischen Hintergrund unter die Lupe und kommt zu dem Fazit, dass die Psychoanalyse in den meisten ihrer Kategorien der herrschenden Geschlechterideologie verhaftet ist und somit auch die Weiblichkeitsbestimmung im Rahmen dieser patriarchalen Denkmuster nur wieder zu einer Bestimmung von ideologischen Weiblichkeitsbildern führen können. Rohde-Dachser wendet gewissermaßen die Psychoanalyse auf sich selber an, indem sie die unbewussten männlichen Phantasien in Bezug auf die psychoanalytische Weiblichkeitskonzeption freilegt und damit die Psychoanalyse zu ihren aufklärerischen Wurzeln zurückführt, die ja darin bestanden, das Unbewusste bewusst zu machen. 

Was in der psychoanalytischen Debatte und Theoriebildung allerdings lange Zeit gänzlich fehlte, war eine Auseinandersetzung mit homosexuellen Lebensentwürfen und Begehrensstrukturen. Nicht nur bei Freud, sondern auch bei seinen Nachfolger_innen ist eine Fokussierung auf die Entwicklung heterosexueller Sozialisation zu konstatieren. Eine homosexuelle Objektwahl dagegen wurde auch noch lange nach Freud von vielen Psychoanalytiker_innen als pathologisch angesehen und homosexuelle Kandidat_innen wurden in psychoanalytischen Ausbildungsinstituten entweder gar nicht zugelassen oder zumindest stärker hinterfragt als heterosexuelle. Einen der wenigen Versuche, die Freud’sche Psychoanalyse aus einer lesbischen Perspektive heraus zu lesen und eine Neudeutung von lesbischem Begehren und lesbischer Phantasie vorzunehmen, hat Theresa de Lauretis vorgenommen. Sie interpretiert lesbisches Begehren psychoanalytisch als »perverses« Begehren, das sich auf Phantasieszenarien stütze, die den Verlust und die Wiederfindung eines phantasmatischen weiblichen Körpers neu inszenierten. Die Werteverschiebung beziehungsweise Affektübertragung auf einen Fetisch erlaube es dem Subjekt, den weiblichen Körper anderer Frauen erneut libidinös zu besetzen, und zwar mit Hilfe des phantasmatischen oder innerpsychischen Bildes, für das der Fetisch ein Symbol sei. Damit ist in de Lauretis´ Deutung des lesbischen Begehrens nicht der väterliche Phallus der Signifikant des Begehrens, sondern der Fetisch in Form von Kleidung oder bestimmten Szene-Attributen. Diese lesbischen Fetische sind zwar Objekte oder Zeichen mit maskulinen Konnotationen, aber nicht deshalb, weil sie für einen fehlenden Phallus einspringen würden, sondern weil sie am stärksten dafür präcodiert seien, dem Subjekt selbst und anderen die kulturelle Bedeutung eines auf Frauen gerichteten sexuellen genitalen Handelns und Begehrens zu signalisieren. Damit legt de Lauretis eine gänzlich andere Interpretation lesbischen Begehrens vor als das des gängigen »Männlichkeitskomplexes«, der in den normativ heterosexuellen Begriffen oftmals als ein Wunsch nach einem Penis konzipiert ist. Sexualität wird in ihrem Entwurf weniger als eine feste Struktur begriffen, die endgültig in der ödipalen oder pubertären Phase festgelegt werde, sondern als ein »verhältnismäßig offener Prozeß sexueller Strukturierung, der vom Wandel und von den Zufälligkeiten in der Innen- und Außenwelt des Subjekts überdeterminiert ist.« Die einen Objektbesetzungen werden dabei – je nach gegebenem soziokulturellem Kontext – als normal, andere als pervers bezeichnet. Es ist sicherlich nicht zuletzt der Begriff der Perversion, der ihr von feministisch-lesbischer Seite her viel Kritik eingebracht hat. Zudem ist ihr Buch sehr voraussetzungsvoll und für Psychoanalyse-Unkundige kaum zu verstehen, so dass es nicht verwundert, dass de Lauretis‘ Entwurf nicht eine ähnlich breite Rezeption in queertheoretischem Rahmen erfahren hat wie etwa Butlers Texte. 

Es kann, denke ich, konstatiert werden, dass die psychoanalytischen Theorien auf Grund ihres gemeinhin materialistischen Ansatzes ein Stück weit im Gegensatz zu poststrukturalistischen Annahmen stehen, wenn auch vielleicht nicht so absolut wie manchmal behauptet wird. Dekonstruktivistisch, weil hinterfragend und nachträglich vorgehend ist die Psychoanalyse in ihrem Geschlechterverständnis allemal, und aus diesem Grund kann sie auch einen wichtigen Beitrag für aktuelle geschlechtsspezifische Sozialisationstheorien leisten. Materialistisch ist sie deshalb, weil der Ausgangspunkt aller psychoanalytischen Entwürfe immer noch ein weiblicher oder männlicher Körper ist, in und an dem weibliche und männliche Geschlechtskonstruktionen entstehen, weil zum Beispiel als männliche wahrgenommene und adressierte Kinder anders angeguckt/angefasst werden als weiblich wahrgenommene, und eine bestimmte Körperlichkeit als Voraussetzung jeder Phantasieproduktion angenommen wird (ist mein Geschlecht eher außen oder eher im Körperinneren verortet? Was bedeutet das für meine Phantasietätigkeit? usw.). Letztlich landet man mit der Psychoanalyse aber doch immer wieder bei einem Zwei?Geschlechtermodell, weswegen sie als Grundlage für eine Queer-Theory erst einmal ungeeignet erscheint. Eine wirkliche Zusammenführung queertheoretischer und psychoanalytischer Annahmen müsste meines Wissens erst noch geleistet werden – sofern dies überhaupt möglich und wünschenswert wäre. 

Merve Winter

Die Autorin ist Mitglied der Phase2-Redaktion und lebt in Berlin

Fußnoten

  1. Sigmund Freud, Die Weiblichkeit, in: ders., Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse33. Vorlesung (1933), Studienausgabe Bd. 1, Frankfurt a.M. 2000, 549.
  2. Sigmund Freud, Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds (1925), Studienausgabe Bd. 5, Frankfurt a.M. 2000, 261.
  3. Freud, Weiblichkeit, 559.
  4. Freud, Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds, 258.
  5. So jedenfalls schreibt es Christa Rohde-Dachser, Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse, Frankfurt a.M. 1997, 21.
  6. Freud, Weiblichkeit, 561.
  7. Sigmund Freud, Die Frage der Laienanalyse: Unterredungen mit einem Unparteiischen (1926), in: ders., Schriften zur Behandlungstechnik. Studienausgabe, Ergänzungsband, Frankfurt a.M. 2000, 303.
  8. Ich beschränke mich hierbei aus Platzgründen allein auf die Darstellung der Positionen Freud – Horney/Jones, obwohl an der Weiblichkeitsdebatte der zwanziger und dreißiger Jahre noch viele andere Protagonist_innen beteiligt waren.
  9. Karen Horney, Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse IX (1923), Heft 1, 12–26.
  10. So jedenfalls interpretiert Fliegel in ihrem aufschlussreichen Text zur Weiblichkeitsdebatte Freuds Reaktion: Zenia Odes Fliegel, Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung der Frau. Rekonstruktion einer Kontroverse, in: Psyche 9 (1975), 813–834.
  11. Freud, Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds.
  12. Wie Gast 1992 hervorhebt: Lilli Gast, Libido und Narzissmus. Vom Verlust des Sexuellen im psychoanalytischen Diskurs – eine Spurensicherung, Tübingen 1992.
  13. Gast, Libido.
  14. Ebd., 168.
  15. Ebd.
  16. Karen Horney, Flucht aus der Weiblichkeit, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XII (1926), Heft 3, 367.
  17. Horney, Flucht, 372.
  18. Ernest Jones, Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 21 (1935), 341.
  19. Beauvoir veröffentlichte 1949 ihr berühmt gewordenes Buch »Le Deuxième Sexe« (das andere Geschlecht), dessen zweiter Teil mit den provokanten Worten eröffnet: »Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.«
  20. Freud, Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds, 266.
  21. Freud, Weiblichkeit, 550.
  22. Theodor W. Adorno, Die revidierte Psychoanalyse (1952), in: ders., Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt a.M. 1997.
  23. Brigitte Boothe/Anneliese Heigl-Evers, Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung, München 1996, 116.
  24. Ebd., 120.
  25. Ebd., 118 (Hervorhebung im Original).
  26. Ebd., 120.
  27. Ebd.
  28. Gast, Libido, 159.
  29. Ebd., 160.
  30. Vgl. Rohde-Dachser, Expedition in den dunklen Kontinent.
  31. Wobei sie pervers ausdrücklich nicht im Sinne von pathologisch meint: Theresa De Lauretis, Die andere Szene. Psychoanalyse und lesbische Sexualität, Frankfurt a.M. 1999, 270.
  32. Ebd., 209.
  33. Ebd.
  34. Ebd., 208.
  35. Ebd., 205.