Propaganda mit Ausstellungen

Eine Mobilisierungsstrategie des Ersten Weltkriegs

Das Deutsche Reich kämpfte im Ersten Weltkrieg gegen »eine Welt von Feinden«. Das Wort »Welt« meinte dabei nicht nur die europäischen Nationen, sondern auch die abhängigen und kolonialisierten Länder und Regionen außerhalb Europas, die von den sie beherrschenden Staaten in den Konflikt hineingezogen wurden. Bereits Ende 1914 erschienen »Skandalmeldungen« in der deutschen Presse, dass die Deutschen gegen »wilde Horden« von »Barbaren« oder »ein buntes Völkergemisch« kämpfen müssten. Diese Meldungen fanden ihre Bestätigung auch durch die Wissenschaft. So schrieb der Völkerkundler Karl Weule 1915: »Dort der arglistige und hinterhältige Japaner, hier die Engländer, Franzosen und Belgier mit ihren weißen und schwarzen Kontingenten – es ist in Wahrheit die ganze Welt, gegen die wir kämpfen.«

Als »farbige Hilfstruppen« der Gegner wurden die afrikanischen und asiatischen Kolonialtruppen bezeichnet, die Großbritannien, Frankreich und Belgien für die Kampfhandlungen in den jeweiligen Kolonien sowie in Europa einsetzten. Auch der russische Zar schickte abhängige Völker, vor allem Tataren und Georgier, an die Front. Das Deutsche Reich verpflichtete ebenfalls Kolonialtruppen in seinen afrikanischen »Schutzgebieten«, setzte sie aber nicht auf europäischem Boden ein. Die deutsche Presse unterstellte, dass die Entente-Staaten und Belgien beim Einsatz von Kolonialsoldaten in Europa völkerrechtswidrig handelten. Dabei belegte sie die kolonialisierten Gruppen vielfach mit den Klischees des 19. Jahrhunderts als »Kannibalen«, »Wilde«, »Primitive« oder »Barbaren«, als Vertreter der »Naturvölker«, die unangemessene Gegner für die europäischen »Kulturvölker« seien. Die polemische Formulierung der »Menschenfresser«, die nun als »Kulturkämpfer« aufträten, drückte auch die Sorge um den Fortbestand der imperialistischen Welteinteilung des 19. Jahrhunderts aus. Der Beginn des Ersten Weltkriegs löste eine Kettenreaktion von Bündnisverpflichtungen aus und bewirkte damit, dass nicht mehr »Natur-« und »Kulturvölker« gegeneinander kämpften, sondern sich die europäischen Nationen mit kolonialisierten Gruppen verbündeten und gegen europäische Gegner in die Krieg zogen. Die Weltordnung schien in Gefahr – als politische, geografische und historische Ordnung, aber auch als Ordnung der Identitäten, des Selbstverständnisses vor allem der europäischen Nationen. Über diese Identitäten wurde in der Kriegspropaganda verhandelt.

Die Geburt der Propaganda

»Der Weltkrieg war in der Wahrnehmung der Zeitgenossen auf deutscher Seite ein Krieg um Identität, auf alliierter Seite ein Kreuzzug gegen das ›Böse‹« – so heißt es in der Enzyklopädie Erster Weltkrieg unter dem Eintrag Propaganda. Der Begriff selbst hatte im Deutschen Reich des Ersten Weltkriegs eine zweifelhafte Karriere gemacht, nachdem er während des 19. Jahrhunderts eher für Gruppen verwendet worden war, die im Verdacht revolutionärer Aktivitäten standen. Propaganda wurde ab 1914 zwar nicht zum ersten Mal zu Kriegszwecken eingesetzt, doch zum ersten Mal in großem Umfang – und sie wurde erstmals als eigene Waffe verstanden. Vom lateinischen Wort propagare für das biologische Verbreiten, Fortpflanzen oder auch Aufpfropfen, leitet sich das Gerundiv propaganda ab, das zu Verbreitende, das im 17. Jahrhundert durch die katholische Kirche für die Missionstätigkeit genutzt wurde, etwa in den 1622 in Rom gegründeten Sacra Congregatio de Propaganda Fide. Im Kontext der Französischen Revolution wurde der Begriff Propaganda in einen politischen Kontext überführt. Eine positive Bedeutung erhielt der Begriff Propaganda im Deutschen Reich um 1900 einerseits durch die Übernahme in die Werbung als Synonym für Produktwerbung, andererseits durch seine Aufwertung zur imperialistischen Kulturpropaganda, die allerdings dann durch die Kriegsumstände mit außen- wie innenpolitischer Kriegspropaganda zusammenfiel.

Dass bei Kriegsausbruch die Kolonialsoldaten der Alliierten zu einem Propagandathema in der deutschen Presse wurden, erinnert nicht umsonst an die Herkunft des Begriffs aus der christlichen Glaubenspropaganda, die im 17. und 18. Jahrhundert in Übersee betrieben wurde. Im Ersten Weltkrieg wurden bewusst Analogien zu diesem Glaubenskrieg bewahrt: Die Propaganda, oft bezeichnet als »geistiger Krieg« in Analogie zum militärischen Krieg oder als »Krieg mit geistigen Mitteln«, wies auch Züge von einem Krieg um den Glauben an das Deutsche auf, das jedoch nur schwer zu fassen und zu definieren war. Propaganda wird heute verstanden als Versuch der aktiven und manipulativen politischen Beeinflussung der gegnerischen Partei in negativer, der eigenen Partei in positiver Weise. Im Ersten Weltkrieg wurde der Begriff der Propaganda zwar politisiert und militarisiert, doch theoretisch ausformulierte Konzepte von Propaganda entstanden erst in Reaktion auf den Krieg, etwa mit den Arbeiten von Edgar Stern-Rubarth und Johannes Plenge zu Beginn der zwanziger Jahre. Während die Diskreditierung der Gegner – im Ersten Weltkrieg beispielsweise der Vorwurf, die britischen und französischen Streitkräfte würden so genannte Dumdumgeschosse, verbotene Munition, verwenden – auf bekannte Strategien aufbaute, musste die Kriegspropaganda für die eigene Partei einer besonderen historischen Situation begegnen: Die eigene Partei im Deutschen Reich teilte sich in die militärisch kämpfende Feldfront und die erstmals so genannte »Heimatfront«, die einen »Versorgungskrieg« zu Hause führte. Bei Kriegsbeginn lag der Fokus zunächst auf der eigenen Positivbeschreibung gegenüber dem Gegner und dem neutralen Ausland, wozu im Oktober 1914 vom Auswärtigen Amt die Zentralstelle für Auslandsdienst eingerichtet wurde. Doch mit dem Verblassen der anfänglichen Kriegseuphorie und dem Ausbleiben militärischer Erfolge ergab sich zunehmend die Notwendigkeit, auch zwischen den beiden eigenen »Fronten«, zwischen Heimat und Schlachtfeld zu vermitteln. Erich von Ludendorff erkannte die seiner Meinung nach kriegsentscheidende Macht der Propaganda und baute im Rahmen der Dritten Obersten Heeresleitung ab Ende August 1916 die »Volksaufklärung« als Inlandspropaganda aus. Damit ging die bis dahin von Zivilbehörden bürokratisch betreute deutsche Propaganda gänzlich in militärischer Kontrolle auf.

Ausstellungen als Propaganda

Das Betreiben von »geistigem Krieg«, von »Volksaufklärung« oder schlicht von »Aufklärung«, wie es auch nach dem Krieg hieß, war genuin an Medien gebunden und basierte auf nationalen Bild- und Filmdiensten sowie auf einem bereits international funktionierenden illustrierten Pressewesen. Im Deutschen Reich waren die offizielle fotografische Bildproduktion und die Filmberichterstattung zunächst privaten Unternehmen überlassen. Erst mit der Gründung des Bild- und Film-Amtes im Januar 1917 wurde die Bildpropaganda zentralisiert. Neben die Propaganda mit Druckerzeugnissen, Bildern, Fotos und Filmen trat ein weiteres öffentlichkeitswirksames Phänomen: Propaganda mit Ausstellungen.

Ausstellungen mochten im Zeitalter des Kinos mit seinen Kriegswochenschauen und filmischen Dokumentationen der »Heimatfront« anachronistisch anmuten. Vor dem Zeitalter des Radios jedoch – im Deutschen Reich wurde der Rundfunk erst ab 1922 flächendeckend eingeführt – boten Propagandaausstellungen mediale Spezifika, die einen besonderen politisch-ideologischen Erfolg versprachen. Dies zeigt die Reihe der »Deutschen Kriegsausstellungen«, die das Preußische Kriegsministerium gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz in den Jahren 1916 und 1917 in beinahe 30 deutschen Städten ausrichtete.

Den Plan zu Trophäen-Ausstellungen mit erbeuteten Waffen hatte das Ministerium bereits 1914 gefasst, als es die ersten so genannten Kriegsbeutesammelstellen einrichtete. Sie machten die auf dem Schlachtfeld erbeuteten Waffen wieder einsatzfähig, lieferten die Trophäen jedoch zunehmend auch an militärgeschichtliche Museen und Zeughäuser. Eine »Sichtungsstelle für Kriegsbeute und Bibliothekswesen« bekam ihren Sitz in Berlin. Im Jahr 1917 wurden im Deutschen Reich bereits 217 öffentliche und private Kriegssammlungen gezählt, die alle das Ziel gehabt hätten, »den unermeßlichen Schatz von Kriegsdokumenten und Erinnerungen zu bergen und aufzubewahren« Das Sammeln von Kriegsdingen noch während der Krieg geführt wurde, war ein historisch neues Phänomen, denn bei früheren Kriegen waren derartige Sammlungen erst im Nachhinein angelegt worden. Den vielfältigen Initiativen wurde keine prüfende Instanz übergeordnet. Kriegssammlungen galten als staatsunterstützende »Werkstätten« der deutschen Geschichte, wie Susanne Brandt gezeigt hat, und sollten zur Identitätsstärkung beitragen, immer freilich in der Annahme eines deutschen Sieges. Über das Sammeln wurden vielfältige Kräfte auf nationaler, doch auch regionaler und lokaler Ebene, etwa in Schul- oder Heimatmuseen, an den Krieg um die deutsche Identität gebunden. Die praktische Tätigkeit des Sammelns (oft gefolgt von kleinen Ausstellungen) fungierte als eine Kriegstechnik auf der nicht-militärischen Ebene, es stellte eine gewisse Form der Partizipation, der metaphorischen Kriegsteilnahme dar. Die kleinen Leute wurden als Sammler an der »Heimatfront« aktiv in den großen Krieg eingebunden.

Diesen Anspruch der Einbindung nahmen die fünf ähnlich aufgebauten »Deutschen Kriegsausstellungen« auf, die Anfang 1916 in Berlin, Karlsruhe, Darmstadt, Schwerin und Breslau starteten. Sie umfassten jeweils einen Kernteil unter anderem aus erbeuteten Waffen, der als Wanderausstellung weiterzog, und einen regionalen Teil, den die jeweilige Kommune selbst gestaltete und damit regionale Kräfte in die Präsentation einband. Ihre Zielsetzung, so das gemeinsame Katalogvorwort, beruhte »auf dem Grundgedanken, der in der Heimat zurückgebliebenen Bevölkerung die greifbaren Erfolge unserer Truppen vor Augen zu führen, und in dem Bestreben, aus den erhofften Erträgnissen dem Roten Kreuz neue Mittel für die Durchführung seiner vielseitigen Aufgaben zu verschaffen« Als erste wurde am 8. Januar 1916 die »Deutsche Kriegsausstellung« in den Ausstellungshallen am Berliner Zoologischen Garten eröffnet, die bis zu ihrer Schließung im April des gleichen Jahres über eine halbe Million zahlende Besucher/innen anzog. Ihr Hauptteil bestand aus Trophäen: erbeutete Geschütze, Kanonen, Panzerfahrzeuge, Gepäckwagen und Flugzeuge. Zugleich präsentierte die Ausstellung Elemente der neuen Kriegsformen: Zum Krieg zu Wasser dienten Seeminen und bisher unbekannte Torpedos; zum Krieg in der Luft Jagdflugzeuge und zum Stellungskrieg in den Schützengräben Maschinengewehre, Handgranaten, Minen und Minenwerfer. Die Originale von der Front schufen sowohl Evidenz (der militärischen Überlegenheit der Deutschen) als auch Präsenz (des Frontkriegs).

Die Abteilung »Unsere Feinde« machte darüber hinaus allererst sichtbar, was weder die Menschen an der »Heimatfront« zu Gesicht bekamen noch die kämpfenden Soldaten, denn durch die Distanzwaffen wurden Mann-zu-Mann-Kämpfe weitgehend ausgeschlossen. Sie präsentierte die Uniformen der »Feinde« einerseits ausliegend, andererseits auf Kleiderpuppen gezogen. Diese lebensgroßen Figuren aus Holz und Wachs zeigten unterschiedlich gestaltete Gesichter und repräsentierten Soldaten aus den Entente-Staaten sowie aus Indien und Afrika, Vertreter jener berüchtigten Kolonialtruppen. Darunter waren Nachbildungen von Söldnern der französischen Kolonialarmee, eines so genannten Turko aus Nordafrika und eines als Zuave bezeichneten Algeriers. Während die Kleidung und die mit ausgestellten Ausrüstungsgegenstände, darunter auch Musikinstrumente, ebenfalls Kriegsbeute waren, stellten die von der Hamburger Firma J.F.G. Umlauff in koloriertem Pappmaché ausgeführten Physiognomien ethnische Stereotypen dar, wie sie aus den Völkerkundemuseen des Kaiserreichs bekannt waren. Auch wenn spätere Varianten der Deutschen Kriegsausstellungen ganze Dioramen (Schaukästen) mit russischen, indischen und afrikanischen Soldaten zeigten, ging es in ihnen weniger um die Beschreibung einzelner Gruppen als vielmehr um ein Panorama der vielgestaltigen Feinde. So kommentierte etwa das Hamburger Fremdenblatt die Berliner Ausstellung: »Ganz besondere Sorgfalt ist den Köpfen gewidmet [...] Man wird Stunden darauf verwenden können, diese Proben des großen Menschen-Mischmasch, den unsere Feinde gegen uns ins Feld geführt haben, zu studieren.« Ausstellungsbericht, in: Hamburger Fremdenblatt vom 23. Mai 1916.

Die Propagandaausstellung umfasste neben anderen kleineren Teilen auch eine selbstreferenzielle Abteilung, in der der »geistige Krieg« präsentiert wurde: Kriegsfotografien, Kriegsgrafik, Kriegsliteratur, Medaillen, Notgeld und Kriegsbriefmarken aus dem Reichspostmuseum. Während die bisher genannten Elemente der Berliner Kriegsausstellung auf Traditionen zurückgriffen – die Industrieausstellung mit Erzeugnissen der Waffenindustrie oder das Heeresmuseum mit Trophäen; das Völkerkundemuseum, die Kolonialausstellung oder das Panoptikum mit ethnischen Klischees; die Dokumentation eines Krieges nach seinem Ende –, fanden sich darin auch spektakuläre Elemente, die traditionslos erschienen.

Das »Kriegserlebnis« an der »Heimatfront«

An einem Kopfende der Halle stand das hölzerne Modell eines von der Firma Krupp gebauten U-Bootes, in das die Besucher/innen einen vor Ort erworbenen Nagel einschlagen konnten. Das Nagelungsritual, das eine mittelalterliche Tradition der Rechtsprechung und eine neuzeitliche Tradition im Handwerk besitzt, war im Jahr 1915 für Kriegszwecke vereinnahmt worden und hatte sich im Deutschen Reich mit staatlicher Unterstützung zu populären Spendenaktionen entwickelt. Der Vorgang der Nagelung erinnerte an einen Opfergang, in der die »Heimatfront« kollektiv das Abbild einer wehrhaften Volksgemeinschaft erzeugte. Der Krieg war in dieser moralisch verpflichtenden Opferhandlung die Ursache, doch gleichzeitig auch das Ziel der Spende.

Den Abschluss der Berliner Kriegsausstellung bildete ein so genannter Schauschützengraben im Freien. Er bildete den Stellungskrieg als neue Kriegsform nicht nur ab, sondern auch dreidimensional nach. Der verlustreiche Grabenkrieg an der Westfront forderte ein Jahr nach Kriegsbeginn zunehmend aufwändige Rechtfertigungen der deutschen Regierung gegenüber den Soldaten und der »Heimatfront« heraus. Es erschienen zahlreiche siegverheißende Propagandaschriften. Ab 1915 entstanden an der »Heimatfront« immer mehr Schützengräben im Maßstab eins zu eins, die zunächst der militärischen Übung von Soldaten dienten, doch auch zu Schauzwecken für das Publikum geöffnet wurden. Der Graben im Hof der Zoohallen war bereits vor Ausstellungseröffnung gegen Entgelt zu besichtigen, danach musste nur ein detaillierter Plan bezahlt werden. Das Bauwerk enthielt »Unterstände für Offiziere und Mannschaften, Verteidigungssappen [oberirdische Gräben], Minen- und Horchpostengänge, Wolfsgruben, Drahthindernisse mit Holzpfählen, Ausfallstufen für Sturmangriffe.«

Bei der Besichtigung von Schaugräben stieg die »Heimatfront« in die verharrende und ausspähende Position der »Feldgrauen«, der normalen Soldaten, im Schützengraben. Die Identifikation von Ausstellungsbesucher/innen mit der Perspektive von anonymen und ununterscheidbaren Soldaten statt von bekannten Feldherren oder Generälen markierte einen bedeutenden Unterschied zu historisch früheren Kriegsinszenierungen. Sie sollten sich mit den »Feldgrauen«, den gemeinen Soldaten, identifizieren und vollzogen im Schauschützengraben scheinbar den Schritt von distanzierten Betrachter/innen zu involvierten Darsteller/innen.

Versuche, Kriegsausstellungen mit optischen, architektonischen, akustischen und haptischen Effekten auszustatten, richteten sich auf eine im Unterschied zu früheren Kriegsinszenierungen gesteigerte Form des »Erfahrens« auf das »Erlebnis«. Im Erleben einer Kriegsausstellung, so das politisch motivierte Ziel, ließe sich die Distanz zwischen Betrachtenden und Betrachtetem verringern oder aufheben. Während die Feldfront den Krieg hautnah erlebte, erfuhr die »Heimatfront« über den militärischen Krieg hauptsächlich durch Medien. Die Gefahr der Spaltung der beiden Fronten spiegelt sich in den 1916 erschienen Propagandaschriften: »[...] unsere Männerwelt erlebt draußen unendlich Großes – unaussprechlich Großes! – und wir daheim müssen diesem Erleben nahe kommen – wir müssen ihr Erlebnis nacherleben – wenn auch auf anderen Wegen und auf andere Weise. Es darf sich keine Kluft auftun zwischen dem Volk in Waffen und dem Volk in der Heimat!«

Diese Kluft, die Erfahrungslücke zwischen Front und »Heimatfront« sollte die Kriegspropaganda schließen. Das Kriegsministerium, das Rote Kreuz und die deutschen Gemeinden bemühten sich, der Zivilbevölkerung ein Erleben des Krieges oder zumindest ein aktives Teilnehmen am Krieg durch Nagelungsrituale und Schauschützengräben innerhalb oder außerhalb von Kriegsausstellungen zu suggerieren. Diese spektakulärsten und auf das Erleben ausgerichteten Elemente der Berliner Kriegsausstellung waren ausstellungsästhetisch neu und dienten zugleich dem Eintreiben von zusätzlichen Spendengeldern. Die Teile der Ausstellung, die am meisten Aktivität von Besucher/innen verlangten, kosteten auch das meiste Geld. Die ästhetische Partizipation mit dem Körper, mit einer Handlung macht sie zugleich zum Kriegsmitfinanzierer. Die Ästhetik des Erlebens fungierte zugleich als Strategie der politischen Beteiligung.

Propaganda sollte im Ersten Weltkrieg nicht nur Botschaften verbreiten, sondern mobilisieren: zum Durchhalten, zum Kriegführen. Wenn Ausstellungen auch kein modernes technisches Medium darstellten, so boten sie doch genau den anachronistischen Vorteil gegenüber dem Kino und der Presse, dass sie sich an die schauenden und sich bewegenden Menschen wendeten. Sie mobilisierten die Körper und ihre Rituale in der Absicht, auch den Geist zu mobilisieren. Indem die Menschen zu choreografierten Ersatzhandlungen gebracht wurden – Nageln statt Schießen, Schauen statt Granatenwerfen –, sollten sie auf den Krieg eingeschworen werden. Ob dieses Konzept aufging, ist aufgrund fehlender Quellen kaum zu überprüfen. Doch urteilte Ludendorff nach dem verlorenen Krieg: »Deutschland versagte im Kampf gegen die Psyche der feindlichen Völker, während sein Heer auf den Schlachtfeldern siegreich war.« Erich Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914–1918, Berlin 1919, 303. Dieser Vorwurf an die »Heimat« entwickelte sich zu einer Variante der Dolchstoßlegende, die die militärische Führung von der Verantwortung entlastete. Diese Auffassung rückte die Propaganda in der Weimarer Republik in ein schlechtes Licht, so dass vor allem der Begriff »Aufklärung« zum Leitbegriff der auswärtigen Kulturpropaganda wurde, während Theoretiker wie Stern-Rubarth und Plenge den Begriff Propaganda zu rehabilitieren versuchten. Vgl. Schieder/ Dipper, Propaganda, 106–108. Im Nationalsozialismus wurde dieser Unterscheidung Rechnung getragen. Propaganda verstanden Adolf Hitler und Joseph Goebbels gegenüber der »Aufklärung« als einfach, roh, wiederholend und ausschließlich an ihrem Erfolg zu messen. Die Nachkriegsdebatte über die Wirksamkeit von Kriegspropaganda erhielt damit selbst den Charakter eines »Vorkrieges«. Diesen Ausdruck benutzt Jeismann (S. 208) für den gesamten »Nachkrieg« ab 1918. Erfolg versuchte das im März 1933 gegründete Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda seiner Propaganda nun über die Presse zu verschaffen, doch vor allem über die technischen Medien des Films und des Rundfunks.

 

 

~ Von Britta Lange. Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet derzeit am Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin.

Fußnoten

  1. Christian Koller, »Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt«. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914–1930), Stuttgart 2001.
  2. Karl Weule, Die farbigen Hilfsvölker unserer Gegner. Eine ethnographische Übersicht, 2 Teile, in: Kosmos 12, H. 6 (1915), 205–209; H. 7 (1915), 249–253, hier Teil 1, 205.
  3. Vgl. Adolf Heilborn, Menschenfresser als Kulturkämpfer, in: Deutsche Kolonial-Zeitung, 1916, 161 f.
  4. Michael Jeismann, Propaganda, in: Gerhard Hirschfeld u.a. (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, 2. Aufl., Paderborn u.a. 2004, 198209, hier 205.
  5. Wolfgang Schieder/Cristof Dipper, Propaganda, in: Reinhart Koselleck u.a. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache, Stuttgart 1994, Bd. 5, 69112.
  6. Thymian Bussemer, Propaganda. Konzepte und Theorien, 2. überarbeitete Aufl., Wiesbaden 2008, 29–32.
  7. Wilhelm Deist, Zensur und Propaganda in Deutschland während des Ersten Weltkrieges, in: ders., Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärgeschichte, München 1991, 153–163, hier 161.
  8. Albert Buddecke, Die Kriegssammlungen. Ein Nachweis ihrer Einrichtungen und ihres Bestandes, Oldenburg 1917, 3.
  9. Susanne Brandt, Kriegssammlungen im Ersten Weltkrieg: Denkmäler oder Laboratoires d’histoire?, in: Gerhard Hirschfeld u.a. (Hrsg.), »Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...« Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkriegs, Essen 1993, 241–258.
  10. Deutsche Kriegsausstellung 1916. Amtlicher Führer, Berlin o.J. [1916], 17. Die folgenden Details über die Ausstellung sind dem Katalog entnommen.
  11. Vgl. dazu: Britta Lange, Einen Krieg ausstellen. Die »Deutsche Kriegsausstellung« 1916 in Berlin, Berlin 2003.
  12. Vgl. u.a. Michael Diers, Nagelmänner. Propaganda mit ephemeren Denkmälern im Ersten Weltkrieg, in Ders.: Schlagbilder. Ikonographie der Gegenwart, Frankfurt am Main 1997, 78–100.
  13. Amtlicher Führer, 111.
  14. Otto Demmering, Der Krieg unsere Erzieher! Ein Ruf an alle Streiter hinter der Front! Insbesondere an die deutschen Frauen und Jungfrauen!, Berlin 1916, 7.