Prokla!

Das Ausrufezeichen des Titelwortes der aktuellen Ausgabe der Prokla, das dem »Marx« folgt, könnte man als ein trotziges interpretieren. Marx, oder vielmehr sein Werk, muss sich behaupten. Seine Rezeption ist keine Selbstverständlichkeit und befindet sich in der Defensive. Marx braucht Hilfe, er muss durch das erwähnte Ausrufezeichen gestützt werden, wird dadurch zur Forderung, zur Parole bei einer Demonstration. Allerdings konterkariert das Medium einer linken akademischen Zeitschrift ein solches Anliegen. Der Trotz richtet sich nur scheinbar gegen die weite Welt, die von Marx angeblich nichts wissen will. Er dient vielmehr dazu, die »Gemeinde«, jene die es bereits wissen, noch einmal unter seinen Fahnen zu sammeln. Das Ausrufezeichen stützt letztlich nicht Marx, sondern die feste LeserInnenschaft der Prokla. Darüber hinaus könnte man das »!« auch als triumphales »Wir haben es Euch doch immer gesagt!« verstehen: Im Angesicht der weltweiten Krise erstrahlt Marx’ Stern wieder heller. Das Editorial spricht von einem neu erwachten Interesse an Marx in der Öffentlichkeit. Ob dies stimmt, kann jedoch in Frage gestellt werden. Die Finanzkrise wurde medial viel stärker unter der Chiffre der Wiederentdeckung von Keynes diskutiert. Auch steht in Frage, wie viel politisches Kapital sich aus der Marxschen Feststellung, dass die Krisen des Kapitalismus »keine Betriebsunfälle« seien, noch gewinnen lässt oder ob diese nicht tatsächlich zu einem Allgemeingut fast jeder ökonomischen Theorie geworden ist. Aber die Krise ist ebensowenig Gegenstand des Heftes wie Marx ökonomische Theorie im engeren Sinne. Es setzt sich vielmehr aus disparaten Beiträgen zusammen, deren gemeinsame Klammer die »Potenziale« der Marxschen »Theorie jenseits der Kritik der politischen Ökonomie« sein sollen, da jene eine »ökonomietheoretische Engführung« nicht vertrage.

Die sechs Aufsätze unterscheiden sich dabei nicht nur hinsichtlich ihrer Themengebiete. Es ist auch nur begrenzt möglich, eine gemeinsame inhaltliche Grundposition herauszuarbeiten. Drei Punkte lassen sich jedoch aufzählen. Zentral ist der »Marxsche Individualismus«. So betont Marti die enge Verbundenheit des Marxschen Denkens mit dem politischen Liberalismus, indem er als das Zentralproblem des Marxschen politischen Denkens die Freiheit und nicht die Gerechtigkeit herausarbeitet. Auch Stadlinger/Sauer deuten Marx Theorie als eine Theorie der »Befreiung des Individuums« und setzen diese gegen aktuelle Individualisierungstheorien ab, die von der Ambivalenz (Beck) oder dem Paradox (Honneth) der erzwungenen Freiheit bzw. der erzwungenen Flexibilisierung sprechen. Gegenüber solchen Ansätzen ließe sich im Marxschen Werk die Idee einer wirklichen Freiheit ausmachen. Zieht man, der zweite Punkt, die Veröffentlichungen der Neuen-Marx-Lektüre als Kontrastfolie heran – Pahls Beitrag ist dafür Beleg –, dann fällt auf, dass in der Mehrzahl der Beiträge ein klassentheoretischer Standpunkt vertreten wird. Als Zentralproblem des Marxismus erscheint so nicht der Fetischismus, d. h. die Unterwerfung aller vergesellschafteten Subjekte unter ihnen als fremd erscheinende Produkte ihres eigenen Handelns, sondern die – vermittelte – Herrschaft der Kapitalisten über die Arbeiter. Die Autor-Innen stehen damit in ihrer Mehrzahl fest auf dem Boden der Marxschen Arbeitswertlehre. Ein dritter Aspekt, den man herausheben kann, ist schließlich der stark theoriebezogene Kontext der Beiträge. D. h. die Marxsche Theorie wird in ihrer Interpretation immer durch die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Ansätzen gelesen und nicht unmittelbar auf die Analyse der Gegenwart angewandt. Dabei lassen sich die analysierten Gegenstandsbereiche grob in zwei Gruppen einteilen. Zum einen finden sich Beiträge, die sich mit Formen der Wissensproduktion auseinandersetzen, also im theoretischen Kontext verbleiben. Zum anderen solche, die zu zeigen suchen, dass Marx Theorie besser – oder überhaupt – geeignet ist, dieses oder jenes Phänomen zu analysieren. Marti verortet Marx im Kontext der politischen Philosophie und nicht in dem der Politik. Pahl setzt sich mit der Wirtschaftstheorie auseinander – und nicht mit der Wirtschaft. Burkett/Foster zeigen, dass es im Marxschen Werk (und bei Engels) durchaus Überlegungen zu einer ökologischen Ökonomie gibt, d. h. dass die »Natur« nicht vergessen wird. Milios/Sotiropoulos untersuchen verschiedene (post-)marxistische Imperialismustheorien und versuchen nachzuweisen, dass die Marxsche Theorie besser geeignet ist, aktuelle Auseinandersetzungen der internationalen Politik zu analysieren. Als eine zentrale Konfliktlinie zwischen den einzelnen Aufsätzen kann man die Frage der Orthodoxie bezeichnen. So kritisiert Demirovic die Idee einer Marxschen Kerngestalt und betont die kapitalistische Dynamik, Pahl versucht die Marxsche Theorie durch sehr heterogene Ansätze zu erweitern, Milios/Sotiropoulos hingegen beharren auf dem von Marx bereitgestellten begrifflichen Instrumentarium.


Marx!, PROKLA, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft Nr. 159, Heft 2, Verlag Westfälisches Dampfboot, Berlin 2010, 160 S., € 14,00.

MARTIN EICHLER