Pfade in die Gewalt

Individuelle und kollektive Militanz im strategischen Denken des Anarchismus

Eine Auseinandersetzung mit dem Anarchismus kommt nicht umhin, sein Verhältnis zur Gewalt zu beleuchten. Und sei es nur, um ein althergebrachtes Klischee zu hinterfragen, mit dem der Anarchismus gemeinhin bedacht wird: sein Hang zu Chaos und Zerstörung, versinnbildlicht in der fast schon mystischen Figur des bombenwerfenden Einzelgängers.

Freilich ist diese Vorstellung nicht gänzlich an den Haaren herbeigezogen. In der Welle anarchistischer Attentate Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts findet sie eine durchaus reale Grundlage. Doch zum einen bildet dieses Phänomen einen nur randständigen, wenn auch spektakulären Teil des Anarchismus ab, mit dem sich kaum seine zeitweilige Attraktivität für weite Teile der Arbeiterbewegung erklären lässt. Zum anderen lässt sich anarchistische Gewalt nicht auf vereinzelte Attentate und Anschläge reduzieren, war doch auch der organisierte Anarchismus häufig in (kollektive) Handlungen der Gewalt verwickelt, von Straßenschlachten bis zum militärischen Konflikt.

Allzu häufig leiden Analysen anarchistischer Gewalt daran, hier nicht hinreichend zu differenzieren. In der Forschung zu politischer Gewalt etwa, die in den vergangenen Jahren der »ersten Welle des modernen Terrorismus« (David C. Rapoport) eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen ließ, ist eine Tendenz zur Gleichsetzung von Anarchismus und »anarchistischem Terrorismus« feststellbar. Dabei überwiegt die geradezu monokausale Sichtweise, die Ursache anarchistischer Gewalt sei in der destruktiven Ideologie des Anarchismus zu verorten. Auf dieser Diagnose einer ideologischen Vorveranlagung zu gewaltsamem Handeln gründet im Wesentlichen die Gleichsetzung von Anarchismus und Gewalt, die auch in der öffentlichen Meinung üblich ist. Gewiss hatte der Anarchismus schon immer Elemente in seinen Reihen, deren Grundeinstellungen – wie Organisationsfeindlichkeit, Unverbindlichkeit und Kompromisslosigkeit – es begünstigten, dass sich ihr Wirkungsdrang eher in destruktiven Bahnen der Politik entlud. Doch derlei Charakteristika treffen nur auf einen kleineren Teil des Anarchismus zu; die überwiegende Mehrheit der AnarchistInnen setzte auf eine Strategie der Massenorganisierung mit verbindlichen Entscheidungsstrukturen und einer konstruktiven Programmatik.

Die Gewaltforschung umgeht dieses Problem häufig durch einen Zirkelschluss: Als genuin anarchistisch gelten nur destruktive bzw. individualistische Positionen, und dies dient wiederum als Beleg für die Gewaltveranlagung der anarchistischen Ideologie. Zwar wird am Rande anerkannt, dass sich viele AnarchistInnen gewerkschaftlich engagierten, doch wird dies als Abweichung von der anarchistischen Tradition begriffen, als eine Anpassung an moderate Ideologien und Abkehr von der Gewalt. Diese Konstruktion hat vor allem zwei Haken:

Zum einen ignoriert sie die Tatsache, dass der Anarchismus als politische Bewegung zuerst im Kontext der Ersten Internationale (1864–1878) aufkeimte, dass die anarchistische Tradition also im Kontext gewerkschaftlicher Organisierung begründet wurde. Insofern ist es vielmehr die in den 1880er Jahren einsetzende destruktive Tendenz, die als Abweichung vom ursprünglichen Anarchismus interpretiert werden kann. Entsprechend wurde die ab den 1890ern entwickelte syndikalistische Strategie denn auch als Rückbesinnung auf die Gründerzeit begriffen.

Zum anderen blendet sie aus – und hier stellt sich die Gewaltforschung selbst ein Bein –, dass es gerade die vermeintliche moderate Abweichung war, der die blutigsten Konflikte in der anarchistischen Geschichte zuzuordnen sind. Zwar verfolgte der gewerkschaftliche Anarchismus keine Strategie der Gewalt, um eine Umwälzung der Gesellschaft herbeizuführen, sondern eine, die über die Organisierung entlang sozialer Probleme die Massen für das anarchistische Projekt zu mobilisieren versuchte. Auf diesem Wege aber generierte er soziale Kämpfe und sogar revolutionäre Situationen (z.B. Buenos Aires 1909, Ruhrgebiet 1919/20, Patagonien 1920/21, Kronstadt 1921, Asturien 1934), in denen sich die mobilisierten Massen der gewaltsamen Konfrontation mit der politischen Reaktion stellen mussten.

Das Niveau solch kollektiver und organisierter Gewalt – bis hin zum Bürgerkrieg, etwa in der Ukraine und Spanien – konnte derjenige Teil des Anarchismus, der explizit auf Gewalt als revolutionäres Mobilisierungsmittel setzte, nie erzeugen. Zwar fanden die Attentate und Anschläge zahlreiche Nachahmer in großen Teilen der Welt – daher die Rede von einer Welle des »anarchistischen Terrorismus« –, doch blieben diese isoliert von den Massen. Wir haben es also mit einer räumlichen Ausdehnung von individueller Gewalt zu tun (»horizontale Eskalation«). Die beabsichtigte Anhebung der Gewalt auf ein kollektives Level (»vertikale Eskalation«) konnte auf diesem Wege nicht in Gang gesetzt werden.

Es wäre daher verfehlt, Formen der individuellen und der kollektiven Gewalt nur als quantitative Grade anarchistischer Mobilisierung zu sehen, als stünden sie an verschiedenen Punkten eines linearen Radikalisierungsprozesses. Wie bereits angeklungen, konnte der gewerkschaftliche Ansatz große Teile der Arbeiterschaft »abholen« und in ein radikales Projekt integrieren. Aus der Mitte der so radikalisierten Arbeiterbewegung entsprang die anarchistische Massenmilitanz. Dagegen konnte der militante Ansatz nur bereits radikalisierte Subjekte ansprechen, die mit ihren Gewaltakten vorpreschten und die Arbeitsmassen »abhängten«. Dieser Versuch, eine militante Bewegung zu mobilisieren, blieb an den Rändern der Arbeiterbewegung stecken. Der Herausbildung kollektiver Militanz liegt somit ein qualitativ anderer Prozess zugrunde als der Ausbreitung individueller Militanz.

Damit ist eine Dialektik von Radikalisierung und Militanz angezeigt, insofern als die Prozesse horizontaler und vertikaler Eskalation im Widerspruch zueinander standen. Immerhin hatte die Ausbreitung individueller Militanz zur Folge, dass der Anarchismus in vielen Ländern starker Repression ausgesetzt wurde und einen Imageschaden erlitt. Dies beeinträchtigte seine Fähigkeit zur Mobilisierung der Arbeiterschaft für radikale Konzepte nachhaltig. So musste der Syndikalismus, der eine für die Arbeiterschaft anschlussfähige Strategie vertrat, immer wieder auch die abträglichen Effekte des militanten Anarchismus kompensieren. In diesem Sinne haben wir es auch mit konkurrierenden Strategien zu tun, die sich in die Quere kamen.

In diesen konkurrierenden Strategien kommen zwei unterschiedliche Rationalitäten zum Ausdruck, die man auf jeweils andere »Strickmuster« in der Ideologie zurückführen kann: auf kognitive Vorentscheidungen, aus denen sich ableitet, welche Ziele als richtig und welche Handlungen als zielführend bewertet werden. Anarchistische Gewalt von der Ideologie her zu analysieren, erfordert daher, zwischen spezifischen Ausprägungen anarchistischer Ideologie zu differenzieren, bedingen sie doch unterschiedliche Pfade in die Praxis der Gewalt. Eine solche Unterscheidung kann sich nicht, wie es in Diskursen des Gegenwartsanarchismus häufig der Fall ist, in einer Polarisierung von gewaltfreiem und gewaltbereitem Anarchismus erschöpfen, als gäbe es dazwischen keine Varianz von Gewaltverhältnissen.

Zu einem Verständnis der verschiedenen Verhältnisse zur Gewalt im Anarchismus bedarf es daher einer strategieorientierten Genealogie des Anarchismus, mit der sich jene Rationalitäten fassen und typologisieren lassen. Eine solche haben Lucien van der Walt und Michael Schmidt in Schwarze Flamme entwickelt, dabei aufschlüsselnd, welche Vorentscheidungen das strategische Handeln der jeweiligen Ausprägung des Anarchismus anleiteten. Im Folgenden wird sich zeigen, wie sich mit dieser Typologie analytisch gewinnbringend auf Phänomene anarchistischer Gewalt zugreifen lässt.

Der Fokus richtet sich dabei zwar auf Debatten im historischen Anarchismus; deren Analyse ist aber auch für den Gegenwartsanarchismus von großer Relevanz. Immerhin berühren sie den Kern des anarchistischen Projekts, drehen sich die strategischen Überlegungen doch vor allem um die Frage, wie der Anarchismus wirkungsmächtig werden oder gar die Gesellschaft verändern kann. Angesichts des Zustands des heutigen, vielerorts marginalisierten Anarchismus, der Vieles als fundamentale Prinzipienfragen behandelt, könnte eine solche Rückschau helfen, wieder einen Sinn für strategisches und taktisches Denken zu entwickeln.

Von besonderem Interesse ist daher auch das Lernverhalten des Anarchismus. Wie Akteur-Innen nämlich die Resultate ihrer Praxis reflektieren und daraus Konsequenzen ziehen, zeigt nämlich an, inwieweit man es, um mit Max Weber zu sprechen, mit einer (autistischen) Gesinnungs- oder einer (aufnahmefähigen) Verantwortungsethik zu tun hat. Wo Annahmen über die zu erwartenden Resultate einer Strategie in der Praxis nicht eingelöst werden und dennoch nicht auf den Prüfstand geraten, bewegt sich der Anarchismus mehr im Bereich des Glaubens als der Aufklärung. Hier entscheidet sich, ob die von AnarchistInnen angewendeten Praktiken – etwa der Gewalt – blind oder bedacht gewählt sind.

Wer A sagt: Pfadabhängigkeiten anarchistischer Strategien

Geht man nach van der Walt und Schmidt, so sollte der historische Anarchismus als Strömung der sozialistischen Arbeiterbewegung begriffen werden. In dieser Eigenschaft habe er sich in Fragen der (langfristigen) Revolutionsstrategie – vor allem die Rolle des Staates bei der Realisierung des Sozialismus betreffend – vom Marxismus abgegrenzt. Innerhalb des Anarchismus selbst fand wiederum eine Ausdifferenzierung anhand von Fragen der (mittelfristigen) Mobilisierungsstrategie statt, was im Wesentlichen das Problem der Organisierung und die Bedeutung des sogenannten Tageskampfes betraf. Diese Binnendifferenz lässt sich idealtypisch in zwei strategische Linien einteilen: den Massenanarchismus einerseits und den aufständischen Anarchismus (auch: Insurrektionalismus) anderseits.

Mit dieser Typologie wird der Blick auf unterschiedliche strategische Pfade geöffnet, in die sich anarchistische Gewalthandlungen einordnen lassen. Denn insofern die strategischen Differenzen auf unterschiedlichen Analysen beruhen, wie sich die politischen Ziele erreichen lassen, ist ihnen jeweils eine spezifische Rationalität eigen, welche die taktischen Optionen einrahmt und dispositioniert.

So folgte die Strategie des Insurrektionalismus, die Revolution unmittelbar durch einen spontanen Volksaufstand zu verwirklichen, primär Annahmen, wonach formelle Organisationen stets neue Hierarchien hervorbrächten und Verbesserungen im Kapitalismus vergeblich seien. Eine solch fundamentale Auffassung, die jegliche Organisierung oder das Engagement für Reformen ausschließt, führt zu einer Politik, die keinen Raum für Verhandlungen und nur einen sehr begrenztes taktisches Repertoire bietet, das sich vor allem in atomisierten Handlungen erschöpft. Innerhalb dieser Pfadabhängigkeit, in welcher »der Weg in die Umsetzung von Alternativität versperrt« ist, mag Gewalt dann als eine Option erscheinen, mit der sich die Kluft zwischen Realität (politische Wirkungslosigkeit) und Anspruch (Volksaufstand) vermeintlich »überbrücken« lässt.

Tatsächlich wurden im insurrektionalistischen Denken punktuelle Gewaltakte als taktisches Mittel begriffen, eine revolutionäre Mobilisierung in Gang setzen zu können. Diese Strategie ist eng verknüpft mit dem Konzept der »Propaganda der Tat«, das sich mit dem Gedanken wiedergeben lässt, »dass solche Taten die Arbeiterklasse und die Bauernschaft mit dem Geist der Revolte erfüllen würden, damit diese ähnliche […] Handlungen begehen, die zu einer allgemeinen Erhebung oder Revolution zusammenlaufen«. Seinen größten Einfluss hatte das Konzept in den 1880er Jahren, als es die Debatten und die Praxis der anarchistischen Bewegung maßgeblich bestimmte. Zwar hatten sich bereits Mitte der 1890er zahlreiche ProtagonistInnen der Bewegung wieder davon abgewandt, doch fand es in Teilen des Anarchismus bis in 1930er Jahre Anwendung und erlebte ab den 1970ern ein kleines Revival.

Allerdings war es nicht Gewalt an sich, die den Insurrektionalismus von der konkurrierenden Strategie des Massenanarchismus abhob, sondern die taktische Dispositionierung von Gewalt, die sich aus dem strategischen Rahmen ergab. So verfolgte der Massenanarchismus eine Strategie der gewerkschaftlichen Organisierung rund um alltägliche Kämpfe für soziale Verbesserungen, die letztlich in einem revolutionären Generalstreik kulminieren sollten. Dies ließ ein breiteres Aktionsrepertoire und Spielraum für pragmatische Entscheidungen zu, so dass eine Gewaltpolitik nicht zur Kompensation von politischer Wirkungslosigkeit und fehlender Gestaltungsmöglichkeiten herhalten musste. Nichtsdestotrotz behielt sich der Massenanarchismus Gewalt als Mittel in konkreten Konflikten vor, etwa zur Verteidigung in einer revolutionären Situation.

Während der aufständische Anarchismus also durch individuelle Gewaltakte (z.B. Attentate, Anschläge, Aufstandsinitiativen) eine Massenbewegung (spontaner, ggf. gewaltsamer Aufstand) erzeugen wollte, sah der Massenanarchismus in kollektiver Gewalt (z.B. Barrikadenkampf, Milizen) ein notwendiges Übel, um eine bestehende, durch soziale Kämpfe (v.a. Streiks) gewachsene Bewegung zu verteidigen. Freilich sind diese beiden strategischen Stränge als Idealtypen zu verstehen, die je nach Akteur oszillieren. In manchen Ländern, etwa in Argentinien und Spanien, gab es bedeutende massenanarchistische Bewegungen, die mehr oder weniger ausgeprägte insurrektionalistische Elemente aufwiesen. Zugleich waren nicht alle Insurrektionalisten gegen jegliche Organisierung, etwa wenn sie klandestine Gruppenstrukturen befürworteten oder die Mitarbeit in Gewerkschaften für Agitationszwecke guthießen.

Ebenso ist die »Propaganda der Tat« nicht unbedingt gleichzusetzen mit dem Insurrektionalismus. Zwar hatte sich letztlich das von van der Walt und Schmidt pointierte Verständnis verbreitet, doch meinte die Losung, als deren Urheber Paul Brousse gilt, zunächst nichts anderes, als den Menschen »den Sozialismus durch das Handeln nahezubringen, sie ihn sehen, fühlen, berühren zu lassen«. Brousse verwies dabei etwa auf die Umsetzung einer Arbeiterselbstverwaltung, wie sie die Pariser Kommune vorgemacht habe. Politischen Attentaten stand er skeptisch gegenüber, da es »hinterher allzu einfach ist, die Absichten der Täter zu verdrehen«.

Ähnliches gilt für Michail Bakunin, der häufig mit der »Propaganda der Tat« assoziiert wird – fälschlicherweise. Dieser war tatsächlich jemand, der Worten Taten folgen lassen wollte, wie seine Beteiligung an zahlreichen Aufständen in Europa zeigt. Doch als Aktivist der Ersten Internationale und Veteran von 1848/49 setzte er vor allem auf die Massenorganisierung in »Arbeiterassoziationen« (Gewerkschaften) und eben kollektive Erhebungen. Revolutionäre Gewalt befürwortete er in einem militärischen Sinne, zur Durchsetzung der »organisierte[n] Revolte des ganzen Volkes« gegen die »militärische Reaktion«. Zugleich warnte er vor der »unvermeidlichen Reaktion«, die individuelle Attentate herbeiführen würden.

Auch als der Anarchisten-Kongress 1881 in London die »Propaganda der Tat« zur maßgeblichen Strategie der Bewegung erklärte, dabei die offensive Anwendung von Gewalt explizit empfehlend, lagen die Dinge nicht eindeutig. Peter Kropotkin etwa stimmte zwar für die Resolution, dies aber als Folge eines Kompromisses. Zuvor hatte er sich energisch gegen den »Wahn mit der Bombe« ausgesprochen und die Bedeutung einer »starken Arbeiterorganisation« herausgestellt. Auch er bekräftigte die inspirierende Kraft von Taten, meinte damit aber das couragierte Auftreten revolutionärer Minderheiten; Attentate waren für ihn nicht geeignet, um Propaganda zu machen. Wie er später beklagte, wurde sein Konzept vom »Geist der Revolte« allzu oft mit dem der »Propaganda der Tat« verwechselt.

Errico Malatesta wiederum plädierte auf dem Londoner Kongress für den Aufbau einer klandestinen Organisation, die den bewaffneten Volksaufstand anbahnen sollte. Insofern war er ein Vertreter militanter Politik – wie auch seine Beteiligung am versuchten Aufstand im Benevent 1877 belegt –, nicht aber von terroristischen Strategien. Zum einen engagierte auch er sich im Aufbau von Arbeiterorganisationen, zum anderen hielt er die Anwendung von Terror für eine »Faszination der Fanatiker«. Gewalt war für ihn »notwendig, um der Gewalt des Gegners zu begegnen«; und um zu vermeiden, »daß aus der Revolution ein brutaler Kampf […] ohne die Möglichkeit wohltuender Ergebnisse wird«, müsse sie »in den Grenzen allerengster Notwendigkeit« gehalten werden.

Durchaus gab es aber Anarchisten, die offensiv für terroristische Taten warben. So vertrat die Serraux-Fraktion, gegen die Kropotkin ankämpfte, nachdrücklich eine Politik der Bombe. Kurz darauf machte der russische Anarchist Stepniak mit seinem Underground Russia (1882) die terroristische Strategie der Narodniki in Europa bekannt. Ebenfalls in den 1880er Jahren erregte eine Reihe deutscher (Exil-)Anarchisten Aufmerksamkeit, die Anschläge propagierten (Karl Heinzen), solche anleiteten (Johann Most) oder selbst planten (August Reinsdorf). Nach der Jahrhundertwende führte diese Tradition Luigi Galleani weiter, der in den USA Anschläge propagierte und zum Bombenbau anleitete. Seine Anhänger, die Galleanisten, werden für den schweren Anschlag auf die New Yorker Wall Street 1919 verantwortlich gemacht. Eine späte Vertreterin dieses Stranges findet sich schließlich in der Culmine-Gruppe um Severino di Giovanni, die nach dem Ersten Weltkrieg den Insurrektionalismus in Argentinien propagierte und Anschläge verübte.

Wie ein Boom-Boom-Bumerang: Die Reflexion anarchistischer Gewalt

Wie gezeigt, hatten jene Anarchisten ein jeweils ganz unterschiedliches Verhältnis zur Gewalt. Von den wenigen abgesehen, die individuellen Terror offensiv propagierten, standen die meisten Anarchisten, einschließlich mancher Insurrektionalisten, diesem skeptisch bis ablehnend gegenüber, weil er als Kommunikationsmittel missverständlich sei und für die Bewegung nicht verkraftbare Reaktionen hervorriefe. Offensiv propagiert wurde Gewalt zumeist im Sinne von bewaffneten Aufständen oder zur Verteidigung der Bewegung in einer revolutionären Situation.

Genau genommen hatte der Insurrektionalismus terroristischer Art nur eine sehr begrenzte Popularität. So erklärte bereits Ende der 1880er Jahre Kropotkin die »Propaganda der Tat« für gescheitert und forderte »die Rückkehr zu einem Syndikalismus der Massen, wie ihn die Erste Internationale gekannt und propagiert hatte«. Mit Most rief 1892 – in einem Artikel mit dem Titel Attentats-Reflexionen – sogar der prominenteste Vertreter anarchistischer Gewaltpolitik zu einer strategischen Revision auf: Es sei »selbstmörderisch«, die Bewegung »der Raserei eines per Attentat provozirten [sic] übermächtigen Feindes zu überantworten, ohne dass im Uebrigen [sic] auch nur ein Hund vor den Ofen gelockt wird«. Auch Stepniak wendete sich schnell von der Attentatspolitik ab und plädierte für eine Politik der Reformen.

Dies steht für einen allgemeinen Trend in der anarchistischen Bewegung. Vor allem französische AnarchistInnen, die sehr unter der staatlichen Repression infolge von Attentaten gelitten hatten, forderten, wie Kropotkin, eine Rückbesinnung auf den frühen Anarchismus. So plädierte 1895 Fernand Pelloutier eindringlich dafür, »auf den individuellen Gebrauch von Sprengstoff zu verzichten« und den Anarchismus wieder in der Gewerkschaftsbewegung zu verankern. Tatsächlich wendeten sich in Frankreich viele AnarchistInnen dieser Strategie zu und machten den Anarchismus zur einflussreichsten Kraft in der französischen Arbeiterbewegung. Dieser Erfolg führte zu einer Strategiediskussion im internationalen Anarchismus und löste eine Welle des Syndikalismus aus, in deren Folge die AnarchistInnen in vielen Ländern die Gewerkschaftslandschaft prägten.

Dass, parallel dazu, die Welle anarchistischer Attentate und Anschläge dennoch bis in die 1930er Jahre anhielt, lässt sich folgendermaßen erklären: Zum einen gab es eine kleine Minderheit an Anarchisten, die an der insurrektionalistischen Idee festhielt, weil – und hier trifft Webers Charakterisierung der Gesinnungsethik zu – »die Folgen [ihres] Tuns«, darunter gesteigerte Repression und politische Isolierung, auf sie »gar keinen Eindruck« machten. Zum anderen waren zahlreiche Attentäter gar nicht so sehr von anarchistischen AgitatorInnen angestiftet, wie gemeinheim angenommen wird, sondern entsprangen eher der Dynamik sozialer Konflikte. Viele hatten einen nur diffusen Bezug zum Anarchismus, während viele Taten, die eher einer spontanen Empörung folgten, kaum das strategische Kalkül widerspiegelten, das der »Propaganda der Tat« eigen ist.

Der Terrorismusforscher Richard Bach Jensen liefert den richtigen Hinweis, wenn er feststellt, dass der Anarchismus vor allem mit der Welle von politischen Attentaten assoziiert wurde aufgrund der Apologetik und des Applauses, mit denen er sie bedachte. Wo sonst niemand die Attentäter in Schutz nahm und sie als pathologische Kriminelle dargestellt wurden, ging es ihnen darum, die Taten in den sozialen Kontext »struktureller Gewalt« (Johan Galtung) zu stellen: dass sie ein »natürlicher Faktor« seien, »solange ökonomische Sklaverei, soziale Beherrschung, Ungleichheit, Ausbeutung und Krieg weiterhin alles Gute und Anständige im Menschen zerstören«. Von Staat und Presse wurde derlei Apologetik als Anstiftung zur Gewalt gewertet. Und dies diente wiederum häufig als Vorwand, um gegen die anarchistische oder gar Arbeiterbewegung im Allgemeinen vorzugehen.

Insofern war die Unzweckmäßigkeit einer revolutionären Gewaltstrategie großen Teilen des Anarchismus relativ schnell klar geworden. Attentate – insbesondere den Tyrannenmord – rechtfertigten viele allenfalls als nachvollziehbaren Ausdruck von »Rache und Hass«, der »die leidenden Opfer des gegenwärtigen Gesellschaftszustands« erfülle. Schwieriger hingegen gestaltete sich die Evaluation der massenanarchistischen Strategie, die mit komplexeren und langfristigeren Effekten kalkulierte. Zwar konnte das (mittelfristige) strategische Ziel einer revolutionären Mobilisierung tatsächlich vielerorts zumindest annähernd erreicht werden, doch waren die Konsequenzen der daraus entstehenden Situationen nur schwer zu antizipieren.

Nicht von ungefähr hatte Weber den Vorwurf der Gesinnungsethik auch an den Syndikalismus gerichtet, der seines Erachtens die »Chancen der Reaktion« steigern würde. Tatsächlich brachten vor allem die tragischen Erfahrungen mit Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg einige AnarchistInnen dazu, weniger romantische Vorstellungen von der revolutionären Mobilisierung einzunehmen. Alexander Schapiro etwa verwies auf den »negativen Charakter« von Revolutionen: Sie könnten »in bestimmte Kanäle geleitet werden«, die sich »gegen die Grundlagen der Revolution selbst richte[n]. Aufständische Kämpfe verwarf er daher als unreif; stattdessen plädierte er für eine »bewußte Rebellion«.

In ähnlicher Weise hielten die spanischen Treintistas in der CNT dem »chaotischen und zusammenhangslosen Konzept« – den »traumhaften Vorstellungen« von der Revolution als »Spektakel« – ein »geordnetes, vorausschauendes« entgegen, davor warnend, dass ein zu ungestümer Drang zum Aufstand eine blutige Reaktion hervorrufe und die Revolution entgleisen lasse. Ebenso kritisiere der späte Rudolf Rocker, der sich schon Ende der 1920er Jahre an Debatten über »soziale Verantwortung« und »konstruktiven Sozialismus« beteiligte, nach dem Zweiten Weltkrieg die sorglose »Revolutionsmythologie« im Anarchismus und verwies auf die »Gefahren der Revolution«: etwa instabile Szenarien gewaltsamer Machtkämpfe.

Auf diese Weise thematisierten jene Denker etwas, das als Problem der »Ordnungssicherheit« bezeichnet werden kann: Wie können radikale Aufstandsbewegungen gesellschaftliche Stabilität garantieren und kontraproduktive Effekte vermeiden, die zu Reaktion und Gewalt führen? Ein befriedigendes Konzept für solch eine »revolutionäre Verantwortlichkeit« konnte der Anarchismus jedoch nicht mehr ausarbeiten. Gerade der heutige Neoanarchismus scheint besonders im gesinnungsethischen Denken verfangen. Pragmatische Ideen, ja strategische und taktische Erwägungen überhaupt, werden schnell als »revisionistisch« oder »reformistisch« abgefertigt und pauschale Glaubensbekenntnisse, etwa in der Frage der Gewalt, werden abverlangt.

Dabei wäre es für die anarchistische Bewegung, wenn sie wieder Wirkungsmacht entfalten möchte, entscheidend, auf derartige Fragen überzeugende Antworten zu entwickeln. Mehr noch als unter dem plumpen Klischee der Gewaltveranlagung leidet der heutige Anarchismus an dem Eindruck, er habe allzu naive Vorstellungen davon, wie eine radikale Umgestaltung in Gang gesetzt werden könne, ohne in Chaos und Gewalt umzuschlagen. Dieser Eindruck bleibt berechtigt, solange keine strategischen Positionen entwickelt werden, welche die (gewaltförmigen) Konsequenzen kollektiven Handelns in einer komplexen Umwelt berücksichtigen.

Dass der einst von Richard Löwenthal benannte »Anti-Chaos-Reflex« – eine Abneigung gegen Revolutionen aus Angst vor ihren unberechenbaren Resultaten – durchaus seine Berechtigung hat, haben manche Aufstände und Revolutionen der vergangenen Jahre gezeigt. Intuitiv als freiheitliche Aufbrüche gefeiert – wie etwa der »Arabische Frühling« oder der Jugendaufstand in der Türkei –, wurden schnell ihre Schattenseiten ersichtlich: Szenarien der Instabilität und Repression oder gar des Bürgerkriegs, in denen autoritäre Kräfte an Einfluss gewinnen.

Angesichts solcher Beispiele dürften es unterkomplexe Konzepte, die den Ausgang von revolutionären Prozessen zur Lotterie erklären, weiterhin schwer haben, gesellschaftliche Unterstützung zu mobilisieren.

Holger Marcks

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt, wo er zu politischer Gewalt forscht und unterrichtet.

Fußnoten

  1. Nicole Deitelhoff, Leere Versprechungen? Deliberation und Opposition im Kontext transnationaler Legitimitätspolitik, in: Anna Geis u.a. (Hrsg.), Der Aufstieg der Legitimitätspolitik. Rechtfertigung und Kritik politisch-ökonomischer Ordnungen, Baden-Baden 2012, 63–80, hier 74.
  2. Lucien Van der Walt/Michael Schmidt, Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus, Hamburg 2013, 168.
  3. Repräsentiert etwa durch die insurrektionalistischen Schriften Alfredo Maria Bonannos, die Anklang in einigen anarchistischen Kreisen fanden und immer noch finden.
  4. Paul Brousse, La propaganda par le fait, in: Bulletin de la Fédération Jurasienne, 5. August 1877.
  5. Ders., Hoedel, Nobeling, et la propaganda par le fait, in: L´Avant-garde, 15. Juni 1878.
  6. Michail Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie (1873), in: ders., Ausgewählte Schriften, Bd. 4, Berlin 2007, 103–390, hier 313.
  7. Michail Bakunin, Programm und Ziel der revolutionären Organisation der internationalen Brüder (1868), in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 3, Vaduz 1978 [1924], 84–89, hier 87. Bereits 1842 hatte Bakunin von der »Lust der Zerstörung« gesprochen, die häufig als Beleg für seine terroristische Gesinnung angeführt wird. Doch dies richtete sich – das wird gerne ausgeblendet – gegen die »Organisation der Dinge und [die] sozialen Stellungen« der herrschenden Ordnung, kurz: »den Staat«; die Bewegung solle es »nicht nötig haben, Menschen zu zerstören«; ebd., 85, 87.
  8. Caroline Cahm, Kropotkin and the Rise of Revolutionary Anarchism, 1872–1886, Cambridge 1989, 154–160.
  9. Errico Malatesta, Moral und Gewalt (1922), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 2, West-Berlin 1977, 161–166, hier 164.
  10. Serraux hatte eigens im Vorfeld des Kongresses die Zeitung La Révolucion Sociale herausgegeben, in der für eine insurrektionalistische Position geworben wurde. Wie sich später herausstellte, war er einer von vielen Polizeispitzeln, die auf dem Kongress zugegen waren. Zu den zwielichtigen Gestalten gehörte auch ein mexikanischer Delegierter, der erfolglos für die Einrichtung einer Militärschule für AnarchistInnen warb, in der sie für den Einsatz von chemischen Waffen gegen die Bourgeoisie ausgebildet werden sollten.
  11. Deutsche Version: Stepniak [Sergei Krawtschinski], Das unterirdische Russland. Revolutionäre Porträts und Skizzen aus der Wirklichkeit, Bern 1884.
  12. Karl Heinzens Mord und Freiheit (1853) gilt als eines der ersten Plädoyers für politische Attentate als revolutionäres Mittel. Der 1848er-Revolutionär wandelte sich schließlich in den USA zum Anarchisten. Most wiederum war bekannt für seine insurrektionalistischen Schriften wie die Revolutionäre Kriegswissenschaft (1875). In den USA gab er die Freiheit heraus, in der auch Heinzen veröffentlichte. Reinsdorf schließlich sammelte eine kleine Gruppe von Insurrektionalisten in Deutschland um sich und zeichnet verantwortlich für die Niederwald-Verschwörung. Er hatte Einfluss auf die Positionen von Most.
  13. Zitiert nach Daniel Guérin, Anarchismus. Begriff und Praxis, Frankfurt a.M. 1981, 69–70.
  14. Johann Most, Attentats-Reflexionen, in: Freiheit 14, 35 (1892).
  15. So in Stepniak [Sergei Krawtschinski], King Stork and King Log. A Study of Modern Russia, London 1896.
  16. Fernand Pelloutier, Der Anarchismus und die Gewerkschaften (1895), in: Erwin Oberländer (Hrsg.), Der Anarchismus, Freiburg i.Br., 316–333.
  17. Max Weber, Politik als Beruf, Berlin 2010 [1919], 56.
  18. Ravachol etwa griff 1892 die Verantwortlichen für das Massaker an demonstrierenden ArbeiterInnen in Fourmies an, Alexander Berkman im selben Jahr den Verantwortlichen für das Massaker an streikenden Arbeitern in Homestead und Kurt Wilkens 1923 den Verantwortlichen für ein Massaker an streikenden Arbeitern in Patagonien – um nur wenige berühmte Attentate dieser Art zu nennen.
  19. Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism. An International History, 1878–1934, Cambridge 2014.
  20. Emma Goldman, The Tragedy at Buffalo, in: Free Society, Oktober 1901.
  21. So schon früh Bakunin, Programm und Ziel, 86.
  22. Weber, Politik, 56.
  23. Alexander Schapiro, Die russische Revolution aus der Vogelperspektive, in: Die Internationale, 1, 1 (1927), 13.
  24. Jaap Klostermann, Einleitung zu: Alexander Schapiro, Bericht über die Confederación Nacional del Trabajo (CNT) über den Aufstand in Spanien im Januar 1933 (15. Apr. 1933), in: Claudio Pozzoli (Hrsg.), Faschismus und Kapitalismus (Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 4), Frankfurt a.M. 1976, 159–170.
  25. Manifest der Dreißig (1931), abgedruckt in: Diego Abad de Santillán/Juan Peiró, Ökonomie und Revolution, West-Berlin 1975, 65–71.
  26. Rudolf Rocker, Revolutionsmythologie und revolutionäre Wirklichkeit, in: Die Freie Gesellschaft, 4, 36/37 (1952), 3–15; sowie ders., Gefahren der Revolution, in: Die Freie Gesellschaft, 4, 38 (1953), 37–50.
  27. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1986, S. 35. Angesprochen wurde das Problem an anderer Stelle auch schon von Philippe Kellermann, Von der Leichtigkeit des liber-?tären Daseins, in: Graswurzelrevolution, 378 (2013).
  28. Richard Löwenthal, The ›Missing Revolution‹ in Industrial Societies. Comparative Reflections on a German Problem, in: Volker Berghahn/Martin Kitchen (Hrsg.), Germany in the Age of Total War, London 1981, 240–257, hier 251.