»Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr«

Versuch über Naturbewusstsein zwischen Hass und Romantisierung

In aller Erfahrung von Natur, so heißt es bei Theodor W. Adorno, »steckt eigentlich die gesamte Gesellschaft.« Müßig, so ließe sich der Gedanke fortführen, ist es deswegen, über Natur an sich zu sprechen. Historisch und gesellschaftlich bestimmt ist sowohl der Naturbegriff selbst als auch die Wahrnehmung derer, die sie betrachten. Mit der Gesellschaft ist damit aber auch Naturerfahrung deformiert und was »Natur« heißt, einzig durch ihre verzerrte Wahrnehmung hindurch, also negativ, zugänglich. Das Verhältnis des Subjekts zu seiner und der es umgebenden Natur ist wesentlich ästhetisch, Wahrnehmung und normative Wertsetzung zugleich. Die Kategorien der Schönheit und der Hässlichkeit sind zwei Pole dieses Naturverhältnisses; Romantisierung und Hass, Teile desselben Spektrums. Zugrunde liegt beiden die zivilisatorische Notwendigkeit, äußere und innere Natur zu beherrschen. Ihr Unterschied besteht jedoch in der Art und Weise, sich zur Naturbeherrschung in Beziehung zu setzen und sie auszuagieren. Erst so wiederum erschließt sich, was gemeinhin identifizierend als Begriff von Natur ausgemacht wird.

Schönes Rätsel der Natur

Als irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 1977 Dimitri seinen Vater kurz vor dessen Tod noch einmal besucht, schießen dem alten Mann ganz unvermittelt Tränen in die Augen. Auf die Frage nach dem Grund der plötzlichen Trauer erklärt er, »dass die Flugzeit eines bestimmten Falters schon begonnen« hat und dass er nicht mehr hoffen könne, ihn noch einmal zu jagen. Die Welt kannte Dimitris Vater als den russisch-amerikanischen Schriftsteller Vladimir Nabokov, der mit dem Titel seines Romans Lolita (1955) den Namen für ein ganzes kulturindustrielles Genre geprägt hatte. Nabokov allerdings schien sich an seinem Lebensende vor allem als eines zu fühlen: als Schmetterlingsforscher. Diese Leidenschaft des Dichters hatte eine lange Geschichte. Bereits im Alter von 16 Jahren hatte er eine umfangreiche Schmetterlingssammlung angelegt, später in Cambridge Naturwissenschaften studiert und seine ersten Artikel im Bereich der Insektenforschung veröffentlicht. Sechs Gattungen einer Art und sieben Unterarten konnte er zu Lebzeiten seinen Namen verleihen, weiteren nach seinem Tod. Nicht der Zusammenhang dieses biographischen Details zu Nabokovs literarischem Werk soll hier interessieren, sondern das Bild des Schmetterlingssammlers und dessen Hingabe an die Natur als eine bestimmte Konstellation von Naturbewusstsein, Naturstudium und Natur­beherrschung.

Dem Typus des Schmetterlingssammlers haftet etwas Kauziges, Einzelgängerisches an. Carl Spitzwegs Gemälde »Der Schmetterlingsjäger« (1840) zeigt ihn als merkwürdig gekleideten Sonderling mit dem bekannten Kescher, offenem Mund und aufgerissenen Augen vor zwei blauen Faltern. Das Bild vom schmetterlingsjagenden Wunderling, vom über den Glaskasten gebeugten »Nerd«, legt offen und verdeckt zugleich. Deutlich wird, dass Naturstudium und Naturerfahrung auf freier Zeit, also gelinderter Notwendigkeit beruhen; wer das Feld tagein tagaus beackern muss, wird schwerlich die Muße finden, es zu genießen. Verdeckt wird in dem scheinbar so harmlosen Bild aber nicht nur der Ernst der Angelegenheit selbst, sondern die Zurichtung von Objekt und Subjekt zugleich. »Meine Arbeit ist berauschend, aber sie ermüdet mich sehr. Ich habe mir die Augen verdorben und trage eine Hornbrille«, berichtet Nabokov seiner Schwester. Bis heute ist der Schmetterling ein Symbol für Schönheit und Zauber der Natur. Die Verwandlung von der Puppe hin zum farbenprächtigen Falter ließen ihn bereits in der Antike zum Sinnbild der Auferstehung werden. Regelhafte, zyklische und konstante Metamorphose – das ewig gleiche Rätsel, wie aus diesem jenes wird – hatte einst das Naturstudium motiviert. »Kriege gehen, Käfer bleiben« ist ein anderer von Vladimir Nabokov aus einem Brief überlieferter Satz, der die traditionelle Antithese von Geschichte und Natur zum Ausdruck bringt. Während sich das gesellschaftliche Leben ständig ändert, so die Annahme, gibt es inmitten aller Dynamik eine sich zwar zyklisch verändernde aber im Wesentlichen gleichbleibende und konstante Materie. Wie war diese Selbstgenügsamkeit zu erklären, wie war zu erklären, dass sich Jahreszeiten wiederholen und dass aus Samen Blüten werden? Eine zwar dem Animismus – der Beseelung und Vermenschlichung der Natur – schon entwachsene, dem Mythos jedoch noch immer verhaftete Antwort auf diese Frage war die Gleichsetzung der Natur mit Gott als strukturierendem Prinzip. Die Frage der Zugänglichkeit des ontologischen Grundes war damit untrennbar an das Verhältnis von Vernunft und Gott gebunden. Wo dieser nicht fassbar war, musste auch die den Menschen umgebende Natur verschlossen bleiben. Die moderne Naturwissenschaft im Allgemeinen sowie der Insekten- oder Schmetterlingssammler im Besonderen, sind bereits Teil einer säkularisierenden Tendenz und widersetzen sich der Idee einer Unzugänglichkeit der Natur, auch wenn bei den Pionieren (wie Galileo Galilei oder Johannes Kepler) Gottesglaube und rationalistischer Forschungsdrang noch Hand in Hand gingen.

Im Bild der im Glaskasten aufgespießten Käfer und Schmetterlinge kommt ein bestimmtes Verhältnis von Naturbeherrschung und Naturerkenntnis zum Ausdruck. Das Entscheidende beim Sammeln, schreibt Walter Benjamin, ist, »dass der Gegenstand aus allen ursprünglichen Funktionen gelöst wird, um in die denkbar engste Beziehung zu seinesgleichen zu treten.« Benjamin dachte bei seinen Reflexionen über den Sammler eigentlich an Gegenstände des Alltags. Wenn die Natur gesammelt wird, spitzt sich die Frage nach der »Beziehung zu seinesgleichen« zu. Das Insekt, das eben noch auf einem Blatt saß, wird eingegliedert in ein klassifizierendes System von Ähnlichem, geordnet nach einem von außen herangetragenen Prinzip (beispielsweise Farbe oder Größe). Im Schmetterlingssammler – wie in den Tränen Nabokovs auf dem Sterbebett – verbindet sich dabei auf eindrücklichste Weise Ehrfurcht vor der Natur mit ihrer Unterjochung. Ihr Zweck ist zweifelsohne Naturerkenntnis: Im erjagten Objekt erschließt sich dem Sammler etwas über Herkunftsort, Umgebung und Verhalten des Insekts. Seinem ursprünglichen Zusammenhang entrissen, versetzt es der Sammler – mit Nadel und Vitrine – in eine neue Ordnung, normalerweise eine der Klassen, Familien und Arten. Die sterile Leere der Vi­trine präfiguriert bereits den von allen Störfaktoren gereinigten Idealraum des Experiments, in dem die moderne Wissenschaft den unterstellten Naturgesetzen auf den Grund zu gehen glaubt. Trotz und wegen der zugrundeliegenden Gewalt, der Nadel im Insekt, liegt im faszinierten Blick des Sammlers noch etwas von der Wertschätzung des Besonderen. Ihm ist »in jedem seiner Gegenstände« – und nichts anderes sind die Schmetterlinge hinter Glas – »die Welt präsent und zwar geordnet (…) Kaum hält er sie in den Händen, so scheint er inspiriert durch sie, scheint wie ein Magier durch sie hindurch in ihre Ferne zu schauen.« Die Magie, von der Benjamin spricht, weist bereits darauf hin, dass gerade durch die konservierende Vitrine ein sakraler Gehalt der Naturdinge erhalten bleibt. Von dieser »Aura« (Benjamin) lebt heute noch jedes Naturkundemuseum.

Dass sich das Rätsel der Natur lösen und sich die Welt abschließend ordnen und sammeln lassen kann, war die Überzeugung der Naturwissenschaften des 16. und 17. Jahrhunderts. Allerdings bestand schon damals die Gefahr der sammlerischen und klassifizierenden Willkür. Francis Bacon hatte sich »Naturgeschichte« als unendliche Liste von um ein Kernthema zentrierten Phänomenen vorgestellt. Dazu muss geistesgeschichtlich etwas geschehen sein: In der Antike bestand die ontologische Grundannahme darin, dass ein jedes materielles Einzelding in einem ideellen, sinnhaften Zusammenhang steht, der ihm Substanz und Geltung verleiht. Dieser metaphysische Grund, das Wesen der Erscheinung, galt den sogenannten Realisten als das eigentlich Konkrete, dasjenige, was eigentlich ontologische Dignität besitzt. Im Mittelalter erodiert diese Position, einerseits aufgrund der wachsenden Einsicht in die konstitutive Rolle der Subjektivität im Erkenntnisprozess, anderseits aufgrund ungelöster Widersprüche in der Vermittlung von Allgemeinem und Besonderen. Jedes Singuläre – am prägnantesten formuliert dies Wilhelm von Ockham – ist nun nur noch isoliertes Einzelnes. Wenn es ein Allgemeines gebe, eine sinngebende Struktur, so habe diese ihren Grund im Intellekt und nicht in der Natur. Anders gesagt: das Sammeln und willkürliche Klassifizieren und Hierarchisieren ist das praktische Korrelat zur philosophischen Position des Nominalismus; die »Stiftung von Objektivität« fällt »ganz in das Subjekt«? Darin liegt etwas Befreiendes und Zurichtendes zugleich. Erst wo die Naturordnung nicht mehr als unabhängig und unzugänglich verstanden wird, kann nach ihren Strukturen gefragt werden. Gleichzeitig bereitet die Vereinzelung des Naturzusammenhangs seine Zurichtung vor. Das hier beschriebene Schmetterlingssammeln ist ein Phänomen auf der Schwelle zum modernen Naturbewusstsein. Motivation ist die erklärungsbedürftige und als schön empfundene Struktur und Metamorphose der Natur aus sich selbst. Die Hierarchie der Gattungen und Spezies soll die vormals von Gott gestiftete Regelmäßigkeit gleichsam nachbilden. Diese muss jedoch zum einen willkürlich bleiben und zum anderen wird sie nach und nach blind für den ontologischen Grund der Naturerkenntnis. Die schrittweise Entfernung vom organischen Zusammenhang, hin zur abstrakten Klassifizierung wird erkenntlich im Namen ein und desselben Käfers, vor und nach der grundlegenden Systematisierung durch Carl von Linné: Aus dem »auf großen Disteln sich aufhaltenden Schild-Käfer« (1749) wurde schlicht »Cassida vibex« (1767).

Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr

Die Schönheit der Natur, die sich traditionell an Regelhaftigkeit, Struktur und Selbstgenügsamkeit heftet, auf die das Naturbewusstsein des hier exemplarisch beschriebenen Schmetterlingssammlers reagiert, wird mit dem naturwissenschaftlichen Zugriff, vermittels eines klassifizierenden Systems, praktisch einzuholen versucht. Der Prozess der Zurichtung – sei es in der von Nabokov erwähnten »Jagd« oder im Aufspießen des Schmetterlings – sowie das Zerlegen der Natur in isolierbare Einzeldinge bleibt darin unerkannt. Die »Entzauberung der Welt« (Max Weber) hatte ursprünglich als Befriedung begonnen, als Versuch, der Natur durch rationale Erschließung ihren Schrecken zu nehmen. Nur lässt sich Natur zwar zähmen, restlos beherrschbar ist sie wiederum nicht. So besteht die Dynamik des modernen Naturbewusstseins darin, auf die niemals ganz gelingende Naturbeherrschung entweder mit Verklärung oder Verdrängung zu reagieren. Besonders eindrücklich machen sich die Eigenwilligkeit der Natur und das Ausgeliefertsein des Subjekts nicht nur am eigenen Körper geltend, sondern auch in periodisch eintretenden Naturkatastrophen. Ökologisches Bewusstsein tritt vornehmlich dann auf den Plan, wenn – wie es vermenschlichend heißt – »die Natur zurückschlägt«. Das 1986 in der Folge des Atomunglücks in Tschernobyl eifrig gegründete Bundesministerium, das mit der Umsetzung der Staatsräson Naturschutz beauftragt wurde, erinnert daran noch in seinem Namen: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Wo von »Umwelt« gesprochen wird – wie in der nichtssagenden Zuständigkeitsbeschreibung des Ministeriums – da geht es bereits nicht mehr um etwas unmittelbar Gegebenes. »Umwelt« ist vielmehr durch den Menschen domestizierte Natur. Dem »Umweltschutz«, der sich dahinter verbirgt, geht es also weniger um die Erhaltung vermeintlich unberührter Materie, sondern um deren Aneignung. Weil die harmlos klingende Aneignung als Naturzerstörung aber bereits erheblich fortgeschritten ist, handelt es sich beim Umweltschutz vor allem um den Versuch, ein Stück weit zu korrigieren, was Naturbeherrschung selbst angerichtet hat. In Stauseen, stillgelegten Tagebaugebieten oder wieder zu bewaldenden Flächen, wird ausnahmslos versucht, Ruinen der Natur zu rebiologisieren, nicht selten mit dem Ziel, diese dann wiederum ökonomisch nutzbar zu machen.

Die wohltätig-wertschätzende Haltung gegenüber der Natur und die Ernsthaftigkeit im Appell zu ihrem Schutz, scheinen sich bei genauerem Blick als eine Abwehr der Natur auf höherer Stufenleiter herauszustellen. In einer Studie zum Naturbewusstsein der Bundesregierung, die so verblüffende Ergebnisse enthielt, wie, dass die Mehrzahl der Deutschen die Natur als »wertvoll, schön und nützlich« einschätzen, fiel unter anderem dieser Satz: »Die meisten Deutschen verbinden mit Natur grüne, strukturierte Landschaften. Wald, Wiesen und Gewässer gehören dazu, aber auch Äcker und der eigene Garten. Was sie überwiegend schätzen, ist nicht Wildnis, sondern eine gewachsene Kulturlandschaft.« Adorno hatte in der posthum veröffentlichten Ästhetischen Theorie noch versucht, die Kulturlandschaft als organische Verbindung von Natur und Geschichte stark zu machen, freilich bereits mit der Einsicht, dass »der Freude an jedem alten Mäuerchen, an jeder mittelalterlichen Häuserfamilie« ein »schlechtes Gewissen beigemischt« sei. Denn gewachsen sind die sogenannten Kulturlandschaften nicht, sondern vermittels derselben Naturbeherrschung hergestellt, mit der Nabokov seine Insekten präparierte. Was passiert, wenn es nach den Bäumen ginge, so sie denn einen Willen hätten, sieht man beispielsweise bei riesigen Feigenbäumen in Kambodscha die sich langsam und geduldig alter Tempel bemächtigen, wie eine Anakonda ihrer Beute. Erst der Eingriff des Menschen etablierte die Unterscheidung von »unberührter« und »wilder« Natur auf der einen und der »Kulturlandschaft« auf der anderen Seite. Gemessen am heutigen Stand des Naturbewusstseins ist dieser Dualismus in seiner ideologischen Schlichtheit jedoch fast schon sympathisch. Denn ginge es nach Vertretern der »Umweltgeschichte«, einer jüngst ins Leben gerufenen Wissenschaftsinitiative, sollte es nicht einmal mehr das zur Wildnis verklärte Gestrüpp geben, vielmehr solle »die gesamte Landschaft als Kulturlandschaft« in den Blick genommen werden, so der Historiker Joachim Radkau.11 Die zeitgemäß antimaterialistische Hervorhebung des »Kon­struk­tions­charakter[s] von Natur« beruht dabei auf der Übertragung eines Wunsches für die Zukunft in einen Befund für die Vergangenheit: Weil der Mensch überall sein soll, muss er auch überall gewesen sein. Kein Ort nirgends, an dem der Mensch nicht »eingreift«, wo keine Touristinnen, Naturkundler und Wanderer herumwieseln, wo kein Baum nicht klassifiziert und kein Insekt nicht auf einer Artenschutzliste steht – Expansion, wie sie sonst nur das Kapital kennt.

Dem sekundiert ideologisch eine naturliebende Bevölkerung in »Funktionsjacken«, die die vermeintliche Wildnis im Grunde nur deswegen erhalten möchte, um sie erneut zu bezwingen. Während Spaziergängerin, Wanderer und Walkerin davon ausgehen, dass der Sieg über die Natur längst errungen ist und sich höchstens über ungepflegte Trampelpfade und schlechte Beschilderung beschweren, inszenieren die verschiedenen »Extremsportlerinnen« die Bezwingung der Natur jedes Mal aufs Neue, vom Amazonasdelta über die Wüste Gobi bis zum Mount Everest. In unzähligen Dia-Vorträgen, die das Bedürfnis nach Grenzerfahrung jener befriedigen, die den Schritt ins Heiße, Kalte oder Sauerstoffarme selbst nicht antreten wollen oder können, feiert die spätmoderne Verfallsform des Abenteurers das Überschreiten der eigenen körperlichen Grenzen, also die Bezwingung der eigenen Natur.

Es waren wahrscheinlich dieselben Besucherinnen von Reinhold-Messner-Lesungen und Hochglanzproduktionen wie Die Reise der Pinguine und Al Gores Eine unbequeme Wahrheit, die nicht umschalteten, als das sogenannte Dschungelcamp in die siebte Staffel ging. Die dünkelhafte Rede vom »Unterschichtenfernsehen« wird widerlegt durch enorme Einschaltquoten; jeder dritte Fernsehzuschauer war bei der Krönung des Dschungelkönigs dabei. Im sogenannten Ekel-Fernsehen kommt nicht nur ein zuweilen durchaus bemerkter sadistischer Voyeurismus zum Ausdruck; dass die Welt immer mehr zum permanenten Casting wird, von dem die entsprechenden Formate nur der ideologische Ausdruck sind, lässt sich immer weniger verbergen. Der Titel der Sendung – Ich bin ein Star, holt mich hier raus! – ist dabei trügerisch. Erstens zeichnen sich die »Akteure« der Sendung gerade dadurch aus, dass sie eher im unterem Drittel der Nahrungskette des Showbusiness beheimatet sind, und zweitens beruht das Konzept der Sendung viel weniger darin, die Maden und sonstiges Gewürm fressenden C-Promis von ihrem Elend zu erlösen, als sie möglichst lange dort zu behalten. Was vordergründig mit der Faszination des Dschungels spielt – wie das amerikanische Vorbild Survivor mit dem Topos der einsamen Insel –, agiert eigentlich den Hass auf die innere und die äußere Natur aus. Die Lust wird daraus gezogen, anderen bei der Reduktion auf bloße Kreatürlichkeit zuzuschauen, die interne Dynamik des homo homini lupus live mitzuverfolgen und Zeugin zu werden, ob den Kandidaten der »Sieg über sich selbst« (der meistens als Motivation ausgegeben wird) gelingt oder ob sie gebrochen werden. Nicht nur die natürliche Natur wird unterjocht, indem sie sich ausnahmslos von ihrer unangenehmen, hässlichen Seite zeigen muss, sondern auch die menschliche. Man neidet den Kandidaten selbst noch den blassen Ruhm der C-Prominenz und der Brechreiz, den das Publikum sehen möchte, stößt die gescheiterten Show-Existenzen noch einmal ein paar Stufen die Leiter herunter. Die Überwindung jenes unvermittelt eintretenden Ekelgefühls – sowohl bei Teilnehmern, die trotzdem zubeißen, als auch den Zuschauerinnen, die den Blick nicht abwenden – ist die Überwindung von Natur, die sich Geltung verschafft. Und allen Beteiligten ist klar, dass es tatsächlich eine Qual wäre, fernab von jeder Zivilisation in Camp oder Stamm zu leben und sich tatsächlich nur von den ausnahmslos kargen und abscheulichen »Früchten der Erde« zu ernähren; aber man tut und goutiert es trotzdem. Die Beliebtheit des Formats bestätigt den Satz Wolfgang Pohrts: sie »loben, was sie hassen«.

Kultur gewinnt nach Punkten

Dem Sammler Nabokov wäre es freilich nie in den Sinn gekommen, die von ihm geschätzten Lebewesen vor einem Millionenpublikum als Mutprobe verspeisen zu lassen. Doch die Schönheit der Natur, der Nabokov nachjagte, ist der Hässlichkeit, die im Dschungelcamp inszeniert und erlebt wird, nicht einfach vorzuziehen. Denn warum sollte man die Natur nicht hassen, in einer Gesellschaft, die des Menschen Feind vor allem dort ist, wo er Kreatur ist? Den körperlichen Verfall des Alterns oder Behinderungen bestraft sie mit sozialem Ausschluss, ob jemand mit oder ohne »Geschlechtswurst« geboren wird, entscheidet über ihre Gratifikationen und gleichzeitig befördert sie das Ideal von entleibten Arbeitskraftbehältern, die möglichst alles sein sollen – außer Wesen von Natur. Anderseits: Warum sollte man Natur nicht romantisieren, wo doch ein Sonnenuntergang im Gegensatz zu anderen Freuden des Lebens kostenlos ist und zuweilen schon ausreicht, um das Grau des Alltags zwischen den Polen »Arbeit und Soziales« noch viel eindrucksvoller vor Augen zu führen? Für Adorno bestand die größere Legitimität des Naturschönen – um das im Grunde die ganze Ästhetische Theorie kreist – in dem Bedürfnis, das ihm zugrunde liegt. Zwar wird es von der Gesellschaft beständig enttäuscht, hält aber gerade dadurch den Widerspruch fest zwischen der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte. Wer noch fähig ist, einen Strandspaziergang in der Dämmerung zu genießen, so ließe sich weiterdenken, gibt vielleicht auch die Hoffnung nicht auf, dass es jenseits der Dünen einmal gut werde. Die Bedingung für solches Bewusstsein, wäre aber weder der Rückzug ins Grüne, sondern zuallererst die nur individuell zu erlangende Erkenntnis, dass sich Natur nicht vollständig austreiben lässt. Adorno und Horkheimer nannten dies das »Eingedenken der Natur im Subjekt«.

 

 

~Von Robert Zwarg. Der Autor lebt in Leipzig und ist Teil der ?hiesigen Redaktion der Phase 2.

Fußnoten

  1. Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Gesammelte Schriften 7, Darmstadt 2000, 107.
  2. Jana Zwetzschke, »Kriege gehen, Käfer bleiben«. Vladimir Nabokov und die Lepidopterologie, zitiert nach: http://0cn.de/6ngy.
  3. Walter Benjamin, Das Passagenwerk, GS V.1, Frankfurt a.M. 1991, 271.
  4. Ebd., 275.
  5. Floris Cohen, Die Zweite Erschaffung der Welt. Wie die moderne Naturwissenschaft entstand, Bonn 2011, 199.
  6. Zum Folgenden ausführlich Günther Mensching, Das Allgemeine und das Besondere. Der Ursprung des modernen Denkens im Mittelalter, Stuttgart 1992, insbesondere 319-367.
  7. Ebd., 330.
  8. Bundesministerium für Naturschutz, Umwelt und Reaktorsicherheit, Naturbewusstsein 2011. Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt, 6, zitiert nach: http://0cn.de/dhug.
  9. Ebd., 6.
  10. In einer Demokratie muss Naturschutz populär sein. Joachim Radkau im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, in: FR vom 22.Februar 2011.
  11. »Dia« ist keine Abkürzung für ein Bildformat – wie jpeg oder ?gif – sondern ein kaum mehr bekanntes, nicht-digitales Foto­präsentationsmedium des späten 20. Jahrhunderts, nur zu ?bedienen mit einem Lichtprojektor, der deutlich schwerer als zwei Laptops war.
  12. das amerikanische Original Survivor lässt seine Kandidaten und Kandidatinnen in Stammesverbänden leben und spielt besonders stark mit den internen sozialen Dynamiken der isolierten Gruppen.
  13. Dieser Begriff, wie die eine oder andere Überschrift dieses Textes, sind dem unbedingt empfehlenswerten Buch von Elfriede Jelinek Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr entnommen.
  14. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, GS 3, Darmstadt 2000, 58.