Neues aus Burkistan

Von Zweckbekleidung, Burkinis und verschleierten Prinzessinnen

Die Verschleierung von Frauen, in der Linken zumeist und zu Recht assoziiert mit Rückständigkeit und sexistischer Unterdrückung (die Autorinnen nehmen sich hier nicht aus), ist in vielerlei Hinsicht in der Moderne angekommen. Diese Diagnose ist zwar keineswegs erfreulich, entspricht aber zumindest empirisch der Wahrheit: In der ostdeutschen Provinz selbst ist diesbezüglich zwar kaum eine Veränderung spürbar, der Blick auf die Laufstege und Mauern von Metropolen wie Sydney oder Paris aber verrät uns, dass es seit ein paar Jahren durchaus Tendenzen zur Weiterentwicklung und auch Umdeutung des »Unterdrückunglappens« (in Form von Kopf-, Gesichts- oder auch Ganzkörperschleier nach den islamischen Bekleidungsvorschriften, den »hijab«), gibt. Einige davon sollen im Folgenden erläutert und auf ihren ideologischen Gehalt hin überprüft werden.

Sporty, sporty

Die Designerin Cindy van der Bremen, selbst keine Muslima und auf ihrer Homepage ganz unzüchtig ohne jegliche Kopfbekleidung zu sehen, begegnete dem in den Niederlanden aus Sicherheitsgründen verhängten Kopftuchverbot im Sportunterricht überaus geschäftstüchtig: Sie entwarf eine Sportversion des Haarschleiers, um den muslimischen Mädchen die Teilnahme am Schulsport wieder zu ermöglichen. Ihre nicht ganz billigen »capsters« (22,50 €/ Stück), vertrieben über einen Onlineshop, boomen: mittlerweile gibt es vier verschiedene nadel- und pinlose Modelle namens »Aerobic«, »Tennis«, »Outdoor« und sogar die Neoprenversion »Surf«. Alle capsters sind außerdem durch einen Imam für Koran-kompatibel befunden worden.

Als Begründung des Designs finden sich in der »philosophy«-Sparte des Onlineshops unter anderem »freedom of choice« (hier besonders absurd: Haarausfall, unter dem ja bekanntermaßen sehr viele Teenager leiden, als ästhetische Begründung für den selbst gewählten Schleier) und, als erklärte sich dies von selbst, »empowerment of women«. Das Kopftuchverbot greift dieser Deutung nach also in die Privatsphäre von Mädchen und Frauen ein, nicht etwa die religiöse Untersagung körperlicher Autonomie. So wird die Sportbekleidung zum Mittel der aktiven Lebensgestaltung, ohne dabei jedoch zu kritisieren, dass muslimische Frauen in die Unsichtbarkeit gezwungen werden. Es lässt sich anhand solcher Marketing-Strategien recht gut erahnen, mit welcher Melange aus Vormoderne und falscher Freiheitsideologie wir es hier zu tun haben. Die wichtigste Botschaft der Designerin lautet denn auch zynischerweise: »Be who you want to be!« – als wäre das Haubetragen die ultimative Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Hauptsache, die Farbe passt zum Teint.

 Nicht nur dass auf Basis dieser »philosophy« die Möglichkeit, eine Frau ohne Kopftuch sein zu wollen (und dies auch gegen den religiösen Mainstream durchzusetzen), schlicht für unmöglich erklärt wird, auch werden staatliche Erlasse umgangen und lediglich religiöse Autoritäten (natürlich männlichen Geschlechts) befragt. Die Option, einfach ohne Kopftuch Sport zu treiben, also das ohnehin aus dem Koran nicht zwingend abzuleitende Kopftuchgebot pragmatisch auszulegen, kommt nicht in Frage. Der Laizismus, die den westlichen Demokratien zu Grunde liegende Trennung von Staat und Kirche/Religion, verkommt so lediglich zur unangenehmen bürokratischen Hürde, die es zu überlisten gilt. In den meisten Fällen werden die betroffenen Mädchen ohnehin kaum autonom über ihre Religionsausübung entscheiden, sondern den familiären Banden, Vorstellungen oder auch handfesten Zwängen gemäß handeln. Insofern kann ein »capster» zwar eine Lebenserleichterung und Möglichkeit zur Partizipation darstellen – eine grundlegende Kritik des Symbols Kopftuch selbst bzw. eine langfristige Wirkung des staatlichen Verbots werden so dennoch unterbunden. Die Scharia, in der das Kopftuchgebot trotz der Uneindeutigkeit des Korans einen festen Passus darstellt, steht folglich über dem rechtlichen Apparat des demokratischen Staates. Vordergründig moderne »Sportbekleidung« erscheint so als Meilenstein auf dem Weg zur islam-konformen Demokratie. Andersrum ist ohnehin nichts mehr denkbar.

Burkini und Ikea – »Slöja«

Zwei ähnlich ambivalente Neuauflagen des Schleiers bzw. der Burka sind in den letzten Jahren in Kanada und Australien auf den Markt gekommen. So ist auf der Seite thehijabshop.com eine Pressemitteilung zu lesen, die stolz die Entwicklung eines eigenen IKEA-Hijab im blau-gelben Corporate Design bekannt gibt. Derart als Berufsbekleidung getarnt, hat nun das misogynste aller religiösen Symbole Eingang in den gottlosen Raum des Kapitalismus gefunden. Die weiblichen Ikea-Angestellten, die den Wunsch nach einem solchen Schleier vermutlich auch noch selbst geäußert haben, sind nun nicht nur doppelt, sondern gleich dreifach »frei«: mittellos verkaufen sie ihre Arbeitskraft, verschleiert zugunsten so genannter Religionsfreiheit. Dass die »Freiheit zu« und »Freiheit von« zwei Ansprüche gleichen Gewichtes sind, wird in der Debatte über Menschenrechte immer zugunsten der Religionsausübung übersehen – das Recht auf Verweigerung religiöser Lebensvorgaben (im juristischen Jargon: »negative Religionsfreiheit«) wird in westlichen Demokratien marginalisiert und in Gottesstaaten wie Iran, Saudi-Arabien und Afghanistan gleichermaßen mit Stein, Peitsche und Galgen bekämpft. Liest man jedoch die einschlägigen Internetforen, kommt der Eindruck auf, dass gerade in westlichen Ländern lebende Muslima den Schleier trotz der bekannten Gewalt gegen Frauen in fast allen islamisch geprägten Regionen der Welt immer noch als Ausdruck ihrer Ehrhaftigkeit oder gar des Widerstandes gegen den gottlosen westlichen Mainstream sehen.

 Derartige Überlegungen haben wohl auch die »Designerin« Aheda Zanetti umgetrieben: Wie kann eine muslimische Frau baden gehen und aktiv sein, ohne sich wie ihre nicht-muslimischen Geschlechtsgenossinnen der Schande anheim zu geben? Im Sinne der hijab-Bekleidungsvorschriften erfand sie kurzerhand den Burkini (auch bodykini oder sharia swimsuit genannt, welcher mit Verlaub nach einem etwas bunt geratenen Schlumpfkostüm aussieht) und eroberte die muslimische Modewelt mit Slogans wie »modesty - Sun Protection – Fun«. Zwar muss auch hier angemerkt werden, dass innerhalb einer geschlossen frauenfeindlich-theokratischen Ordnung eine den dubiosen Regeln gerecht werdende Badebekleidung sicher ein Mehr an Freiheit mit sich bringt. Dennoch bleibt diese eine zweifelhafte: denn »modesty« (Bescheidenheit) bleibt noch immer Chiffre für die Abwehr der natürlichen Verderbtheit aller Frauen. Auch wenn durch das Bedecken des Körpers die Beschuldigung, Frau wäre eine »Hure«, vermieden wird, lässt sich derart dennoch weder die Erlaubnis zur Bewegungsfreiheit noch der Status eines vollwertigen Menschen erreichen. Darüber können auch die schönen Hawaiiprints und der Lichtschutzfaktor 50 des Burkinis nicht hinweghelfen.

Princess Hijab

Einen besonders poppigen Auftritt hat der Schleier seit noch relativ kurzer Zeit als so genanntes Hijab-Ad, das eine Form der Street Art darstellt, bei der in allen erdenklichen Formen und an allen erdenklichen Orten der Stadt Verschleierte als Graffiti, Stancil, als Poster oder einfach mit dem Edding an Häuserwände gesprüht, geklebt, gemalt werden. Mittlerweile ist es zwar auch hierzulande anzutreffen, doch als Gründermutter des hijabizing kann die junge Französin gelten, die seit 2006 als Princess Hijab die Straßen von Paris unsicher macht. Ihrer Popularität ist sicher zuträglich, dass sie ihre Identität verschweigt; kaum mehr ist bekannt, als dass sie 1988 geboren wurde, weiblichen Geschlechts und Pariserin ist. Ihren eigenen Mythos erschafft sie, sich stereotyper Bilder bedienend, indem sie sich als einsame Kämpferin geriert, die tags mit einem weißen Schleier, der Reinheit und moralische Integrität verspricht, und des nachts mit schwarzem Schleier, der ihre Unerkanntheit garantiert, für eine noble Sache kämpft. In Erscheinung trat sie erstmals mit einem unscheinbaren Poster, darauf eine verschleierte Frau, darunter der Schriftzug Hijab-Ad. Von manchen wird dieses für ein Selbstporträt gehalten, eine Annahme, die aber nie verifiziert werden konnte, da alle bisherigen Photos die Künstlerin nur von der Seite und mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze zeigen. Interviews gibt sie kaum, wenn dann nur telephonisch oder per Mail. Von ihrer Website kann man nichts mehr erfahren, denn diese ist seit Wochen außer Betrieb, ihr knalliges, unübersichtliches und wenig aussagekräftiges myspace-Profil wurde kürzlich gelöscht. Nichtsdestotrotz oder gerade wegen dieser Geheimniskrämerei besteht ein großes Interesse an der Künstlerin, auf unzähligen Blogs findet man Informationen aus zweiter, dritter, vierter Hand, ebenso wie Auszüge aus ihren raren Interviews und ihrem Manifest; selbst an internationalen Ausstellungen wurde Princess Hijab bereits mehrfach beteiligt.

Ihre Kunst besteht einerseits aus mannigfaltigen Bildern verschleierter Frauen, die durchaus mit herkömmlichen Assoziationen in Konflikt geraten können. Manch eine der Gezeichneten trägt eine nur knielange Verhüllung, darunter scheinen Stiefel oder gar high heels hervor, manche tragen Pilotenbrillen und Gewehre in der Hand – diese Symbole der Aggressivität und weiblicher Sexualität widersprechen dem Bild der unterdrückten und desexualisierten Musilma. Was aber will Princess Hijab mit solchen Darstellungen sagen? Dass auch muslimische Frauen kämpferisch und sexy sein können? Wirbt sie gar für einen modernisierten Islam, der weiblichen Bedürfnissen nach freier sexueller Entfaltung und Selbstbestimmung gegenüber zu Zugeständnissen bereits ist? Interessant auch eine Bilderreihe von drei verschleierten Profilen in den französischen Nationalfarben blau, weiß und rot. Ist auch dies eine Bejahung der Vereinbarkeit islamischer Lebenspraxis und dem Wertekanon westlich-demokratischer Gesellschaften? Oder wird hier von der Künstlerin in kritischer Absicht auf ein Gesetz hingewiesen, das die Verschleierung in öffentlichen französischen Institutionen verbietet? Besondere Aufmerksamkeit lässt Princess Hijab außerdem Werbeplakaten angedeihen, auf denen halb nackte Frauen zum Kauf einladen. Diese bekleidet die Künstlerin, indem sie sie mit aufgesprühten Hijabs oder Ganzkörperburkas verhüllt. Auch hier tun sich mehr Fragen auf, als beantwortet werden: Ist Princess Hijab ganz im Sinne islamischer SittenwächterInnen, die ebenfalls mit Schwarzstift bewaffnet laszive Frauendarstellungen in Zeitschriften und Büchern »korrigieren«, darauf aus, erotisch angehauchte Bilder aus der öffentlichen Sphäre zu verbannen? Oder ist ihr Anliegen im Gegenteil ein feministisches, will sie womöglich einem standardisierten Schönheitsideal oder der Instrumentalisierung des weiblichen Körpers im Dienste kapitalistischer Interessen etwas entgegensetzen?

 Auf Antworten von Princess Hijab selbst dürfen wir kaum hoffen, denn was sie auf Fragen zu den Absichten ihrer Kunst preisgibt, ist stets vage: Sie sei durchaus von starken Frauenfiguren wie hijabi-girl the woman-soldier oder warriorgrrl inspiriert und allein durch ihr Tun als weibliche Guerrilla-Artist in einer männlich besetzten Domäne fordere sie gender-Stereotype heraus (bedient dafür jedoch gern andere Klischees als weibliche Variante des Mythos vom einsamen, außerhalb der Gemeinschaft stehenden und daher nicht von ihr korrumpierten Künstler oder dem moralisch überlegenen Einzelkämpfer). Als Feministin möchte sie sich jedoch nicht bezeichnen, weil ein Bekenntnis zu jeder irgendwie gearteten Bewegung oder Ideologie ihrem starken Distinktionsbedürfnis zuwider läuft. Sie sei nicht »involved in any lobby or movement be it political, religious or to do with advertising« schreibt sie ihn ihrem Manifest und wolle sich nicht an »ideologies or worse, ideologues« binden. Eine einzig halbwegs greifbare inhaltliche Aussage zu ihrer Kunst macht sie, indem sie sich in die Tradition der konsum- und medienkritischen ad-buster-Bewegung der beiden kanadischen culturejammers Kalle Lasn und Bill Schmalz stellt und das Lieblingswerk der Globalisierungskritik, Naomi Kleins No Logo!, als Inspirationsquelle angibt. Trotz Einsicht in die »failures of our consumer society« zielt ihre Kunst ihrer eigenen Aussage nach aber auf keinerlei Utopie und so versandet ihre Kritik einmal mehr als unscharfer Wunsch nach einem »paradigm shift« im Nichts.

 Was soll man nun von einer Künstlerin halten, die selbst sagt, sie sei »not interested in the political implications of what I do« und jederR könne ihr Vorgehen so interpretieren, wie es ihm oder ihr gefalle? Wohlwollend könnte man ihre Kunst als wenig durchdachten Versuch, mit einem sprengkräftigen Symbol zu provozieren, bezeichnen und empfehlen, ihrer oberflächliche Konsumkritik und ihren inhaltsleeren Plattitüden (»my work will always be a game between me and my city«; »Princess Hijab is an urban allegory that I have created myself. She's a matrix, a metamorphosis that an ordinary mortal can only dream of. It's a sphere reserved for gods and superheroes«) die angestrebte Aufmerksamkeit zu verwehren. Angesichts ihres exzessiven Einsatzes nicht nur emotional und politisch aufgeladener Symbole (wie dem Hijab), sondern eines darüber hinaus sprachlichen Repertoires islamistischer Couleur, fällt es allerdings schwer, ihrer Kunst mit solcher Nachsicht zu begegnen. Obwohl sie sich ausdrücklich gegen eine Subsummierung unter politische-religiöse Ideologien ausspricht, scheint Princess Hijab keine Berührungsängste mit einer (Symbol-)Sprache zu haben, die ihre Kunst im Dienste islamistischer Wertvorstellungen vereinnahmbar macht. Die durch ihr hijabizing betriebene Popularisierung des Schleiers kommt einem hijab-mainstreaming gleich. Dies stellt eine kritikwürdige Praxis dar, insofern es die Normalisierung und breite Akzeptanz eines Symbols befördert, dessen misogynen Gehalt aber zu hinterfragen versäumt wird. Neben dem inflationären Einsatz des Schleiers, irritiert auch ihr Sprachgebrauch, denn sowohl in ihrem Manifest, als auch in ihren Interviews versäumt sie es nicht, ihr Anliegen in die Sprache der VerfechterInnen eines radikalen Islam zu hüllen. Sie bedient sich ausgiebig eines pathetischen Vokabulars aus dem Begriffsumfeld des islamistischen Tugendterrors, sie sei »a young woman fighting every day for a noble cause«, die sich »veiled and alone« gegen die Zurichtungen der Werbung wehrt, welche »have been killing her little by little«. Ihre Art des Widerstandes aber ist nicht der »American way«, sondern ihre Antwort auf den Konsumismus lautet »visual terrorism«, also hijabizing des öffentlichen Raums, »'cause that's her fight, Jiahd is her art«. Dieses schamloses Kokettieren mit islamistischem Vokabular ist nun entweder naiv und sich seiner Implikationen nicht bewusst oder intendiert doch eine politisch Botschaft, progressiv ist jedenfalls beides nicht oder, um die prägnanten Worte eines Beitrages aus dem Internet zu zitieren: »Chador. Gun. Terrorism. Jihad. Not a good combination.«

Fazit

Wie lassen sich abschließend die zunächst recht unterschiedlich anmutenden vorgestellten Phänomene wie islamkonforme Sport-, Bade- und Berufsbekleidung für Frauen einerseits und die Verhüllungskunst von Princess Hijab andererseits über die simple Tatsache hinaus, dass sie alle irgendetwas mit Schleiern zu tun haben, auf einen Nenner bringen?

 Ihre Gemeinsamkeit besteht in der Art und Weise, wie sie Burka und Hijab deuten. Wo flotte Blumenmuster und das Versprechen, auch Muslima könnten dank passender Bekleidung an Sport- und Badevergnügen teil haben, dem Hijab einen äußerst modernen Anstrich geben, unterstellt Princess Hijab ihm sogar kritisches Potential, mit dem der allgegenwärtigen Verkaufsideologie Einhalt geboten werden könnte. In allen Beispielen durchläuft der Schleier eine Modernisierung, indem er alltagskompatibel gemacht und aktuellen Bedürfnissen – sei es nach mehr Bewegungsfreiheit für muslimische Frauen und Mädchen oder nach Subversion der Konsumgesellschaft – angepasst wird. Deutlich muss jedoch gesagt werden, dass es sich hierbei lediglich um eine Pseudomodernisierung handelt, denn der prinzipielle Sinn und Unsinn der Verschleierung wird nicht mehr diskutiert. Der inhärente misogyne Gehalt des Schleiers gerät durch seine Adaption an zeitgenössische Moden vollends aus dem Blickfeld – daher ist auch die vermeintlich »feministische« Lesart von modernisierter Frauenbekleidung oder der Graffitikunst einer Princess Hijab lediglich falsche Kritik am falschen Ganzen. Konkret wird hier zwar auf die grunsätzlich abzulehnende Sexualisierung des weiblichen Körpers zu Marktzwecken abgezielt, jedoch immer nur eine archaische Variante der »Befreiung« von solcher Zurichtung angeboten. Statt der Forderung nach der Emanzipation von patriarchalen, theokratischen Wertesystemen kommt es im wahrsten Sinne zur Verschleierung der eigentlichen Machtmechanismen: der Körper der Frau gehört ihr noch lange nicht, wo sie sich verhüllen muss, um sich vor den Phantasien, Zuschreibungen und Strafen der Männer zu schützen. Wir sehen den Schleier daher keineswegs als zweigeteiltes Phänomen, das solange nicht in der Kritik stehen darf, wie es lediglich eine private Spielart von Religion bleibt, und erst im öffentlichen Feld, also in staatlichen Institutionen, problematisch wird. Eine feministische Perspektive auf Zustände, die Frauen nicht nur den Subjektstatus streitig macht, sondern sie auch noch dazu bringt, sich mangels wirtschaftlicher, politischer oder auch psychologischer Autonomie einem vermeintlich göttlichen Willen zu unterstellen, kann die Annahme von der Freiwilligkeit privater Religionsausübung in diesem Fall nicht gelten lassen. Im Gegensatz zu religiösen Symbolen wie dem Kreuz oder der Kippa ist das Kopftuch ein stark sexualisiertes und misogynes Symbol – und dadurch inhärent politisch. Zwar bleibt es unmöglich, die im privaten wirkenden Mechanismen von Religion und Macht zu kontrollieren; da Verbote, gerade im Sinne des Laizismus, aber immer auch eine Kulturleistung darstellen, gilt es, das Kopftuchverbot im öffentlichen Raum konsequent durchzusetzen und muslimischen Frauen somit Schutzräume zu schaffen. Im Bereich der Kunst ist ein solches Verbot natürlich keine adäquate Maßnahme. Obgleich wird das Schaffen der derzeit prominentesten Vertreterin der Schleier-Kunst lediglich als von pseudo-postmodernem Habitus durchsetzten Nonsens erachten und auch wenn zu bezweifeln ist, dass von Princess Hijab oder der Erfindung des Burkinis die demokratischen Ordnung zu Fall gebracht wird, sollte sich feministische Kritik auch mit derlei Phänomenen befassen. Sie liegen zwar etwas abseits der Hauptverkehrsstraßen der Gesellschaftskritik, können aber vielleicht gerade durch ihre scheinbare Trivialität viele erreichen.

 

~Von Burglinde Hagert und Susan Wille.

Fußnoten

  1. So gelesen (und für treffend befunden) bei Max Goldt.
  2. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Hidschab. Keineswegs unwichtig ist es an dieser Stelle, dass in den meisten anderen Religionen die Züchtigkeit von Frauen ebenfalls mittels besonderer Bekleidung bewahrt werden soll, so auch im Christen ?und Judentum. Nur handelt es sich hier meist um orthodoxe Praxis, während es im Islam die Norm darstellt, abgesehen von Ländern wie der Türkei, in denen der Laizismus zumindest einige Zeit Staatsräson war.
  3. http://www.cvdbremen.nl
  4. https://www.capsters.com/
  5. Im Koran selbst ist lediglich von einer »Trennwand« vor Gott, einer Brustbedeckung bzw. einem schmucklosen Gewand die Rede. Nur die Hadithen, Exegese-Kommentare zum Koran, haben diese Textstellen in Richtung Verschleierung interpretiert. Siehe hierzu auch der Vortrag von Prof. Dr. Rotrud Wielandt, gehalten vor der deutschen Islamkonferenz: http://www.deutsche-islam-konferenz.de/nn_1493160/SubSites/DIK/DE/Themen/Kopftuc/Koran/koran-node.html?__nnn=true
  6. Dezidierte Kritik muss hier auch einer Art von Rechtssprechung zuteil werden, die sich eben nicht auf den Laizismus bezieht, sondern nur »Sicherheitsvorschriften« (wegen Nadelverschlüssen etc.) einzurichten weiß.
  7. http://www.thehijabshop.com/press/index.php
  8. So wirbt bspw. der US-amerikanische Vertrieb des Burkinis splashgear auf seiner Internetseite. (http://www.splashgearusa.com/) Bei der Recherche für diesen Artikel kam manches Mal der Eindruck auf, es handle sich bei Kopftuch und Ganzkörperschleier lediglich um Mittel gegen Haarausfall und Sonnenbrand. Offenbar haben die Macher der Sport- bzw. Neoprenverhüllung selbst Angst, man könne sie für unmodern halten...
  9. Vormals: www.princesshijab.org
  10. Vom 22. Mai?9. August 2009 wurden ihre Werke im Rahmen der Streetart-Ausstellung »The seen and the hidden: dis_covering the veil« im Austrian Cultural Forum in New York, außerdem bei der »Urban Jealousy Biennale« im Interkulturellen Museum in Norwegen ausgestellt.
  11. Nachzulesen beispielsweise auf http://www.rebelart.net/diary/?p=2021
  12. So in einem Interview auf http://www.grassrootsfeminism.net/cms/node/255
  13. https://www.adbusters.org/
  14. http://www.grassrootsfeminism.net/cms/node/255
  15. Ebd.
  16. http://www.euranet.eu/ger/Archiv/Wiadomosci/German/2009/June/Schleier-fuer-Kate-oss
  17. Einen ähnlichen Ratschlag erteilt der Verfasser eines Artikels zum Thema auf http://www.beatpunk.org/stories/this-girl-is-not-alright/
  18. http://muslimahmediawatch.org/2008/12/princess-hijab/