Nachkriegsmoderne

Zum betonierten, eintönigen und monumentalen demokratischen Neuanfang nach 1945

Im Städtebau und in der Architektur wurde, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch, nach 1945 so getan, als hätte in der deutschen Geschichte 1933 ein Einbruch stattgefunden, der 1945 mit einem Neuanfang – der berühmten Stunde Null – wieder aufgehoben wurde. Die Moderne und insbesondere der «Bauhaus-Stil« als spezifische Spielart galten in der frühen Bundesrepublik als Garant für die Anknüpfung an das bessere Deutschland der Zeit vor 1933 und als Zeichen des neuen transatlantischen Joint Venture im Kontext des Kalten Krieges. Warum Moderne und freiheitliche Entwicklung, Fortschritt und Partizipation zwangsläufig synchron gehen sollten, obwohl doch die modernen KollaborateurInnen des Faschismus und des Nationalsozialismus deutlich gemacht hatten, dass zumindest Teile der modernen Gestaltung weder mit der Ideologie des Nationalsozialismus unverträglich waren noch dagegen immunisierten, fragte sich in den Wiederaufbaujahren in Deutschland nach 1945 wohl kaum jemand.

Bauhaus-Mythos

Schließlich waren 1933 das Bauhaus geschlossen und seine Direktoren zur Emigration gezwungen worden. Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe wurden als Ikonen des liberalen deutschen Erbes in der jungen Bundesrepublik ebenso hofiert wie etwa die VertreterInnen der Frankfurter Schule. Jede und jeder, die oder der auch nur ein Semester am Bauhaus verbracht hatte, konnte in Berufung darauf Karriere machen und wurde Bestandteil der Lebenslüge der Adenauer-Zeit: »Wir sind alle Demokraten«. Und gerade weil dieses geschönte Bauhaus-Bild der Nachkriegszeit im Jubiläumsjahr 2009 eine Renaissance erlebte, soll hier kurz exemplarisch gezeigt werden, dass am Bauhaus ebenso wie in anderen Lebensbereichen ab 1933 auch die Übergänge fließend waren. Die ehemaligen Direktoren Gropius und Mies waren eingetragene Mitglieder der Reichskulturkammer, beide wirkten zusammen mit jüngeren BauhäuslerInnen 1934 bei der nationalsozialistischen Propagandaausstellung »Deutsches Volk - Deutsche Arbeit« mit, im selben Jahr unterzeichnete Mies auch den »Aufruf der Kulturschaffenden«. Im Rahmen der Bemühungen zur Wiedereröffnung eines »Deutschen Bauhauses« vertrat nicht nur Gropius zeitweise das italienische Modell einer modernen Staatskunst, obwohl die Ziele der NationalsozialistInnen für jede und jeden ersichtlich waren. Bauhaus-Meister Oskar Schlemmer schrieb 1933: »Z.Zt. wird zwar alles nachgeprüft, die Abstammung, Partei, Jud, Marx, Bauhaus... Ich fühle mich rein und meine Kunst streng, den nat. soz. Grundsätzen entsprechend, nämlich ›heroisch, stählern-romantisch, unsentimental, hart, scharf, klar, typenschaffend‹ usw. – aber wer sieht es?«. Obwohl das Bauhaus in den Zwanziger Jahren zu den meistgenannten Feindbildern der nationalsozialistischen Kulturpolitik gehörte und eine Duldung aus propagandistischer Sicht problematisch gewesen wäre, wussten die Nazis sehr wohl, wen und was sie gebrauchen konnten. Jüdische und kommunistische BauhäuslerInnen mussten emigrieren oder wurden verfolgt und ermordet, während viele andere zu MitläuferInnen wurden.

Es soll hier nicht um die möglichen Verstrickungen von einzelnen BauhäuslerInnen in den Nationalsozialismus gehen und auch nicht die Frage nach der Rolle der Moderne im Nationalsozialismus beantwortet werden. Wenn man aber darüber reden möchte, welche Moderne nach 1945 in Westdeutschland kanonisiert wurde, spielt die Frage nach Kontinuität und Bruch jeweils am Beginn und Ende des Nationalsozialismus eine Rolle. Der Nationalsozialismus verfolgte in der Architektur einen »programmatischen Eklektizismus«. Je nach Bauaufgabe wurde die passende Architekturform gewählt: für Repräsentationsbauten klassizistisch, für Wohnungsbau regionalistisch und für Industriebauten eben modern. Als der Nationalsozialismus mit einer geschlossenen Weltanschauung auftrat, waren diese architektonischen Elemente längst ausgeprägt vorhanden, in kleinbürgerlicher Manier teilte er darüber die Welt zwischen hoher Feierlichkeit und Alltag in absteigender Wertigkeit. Die uniformierte Feierlichkeit brauchte die Monumentalität der Klassik, während der Alltag in Arbeit, die funktional bewältigt werden durfte, und Pausen im Haus, das gemütlich und heimatlich auszustatten war, zerfiel. Dieser »Dreiklang«, der mitunter bis heute wesentlich beliebter ist als es die moderne Architektur in Deutschland jemals war, macht deutlich, dass die Moderne zwar auf ihren Platz verwiesen wurde, aber Teil der Programmatik der Nazis blieb – nämlich dort, wo es um Rationalisierung von Produktions- und Arbeitsprozessen und nicht zuletzt auch um das Ziel der industriellen Vernichtung ging. Gescheitert waren spätestens mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten jene Ansätze der modernen Bewegung, deren Begriff von architektonischer Funktionalität an linken bzw. kommunistischen Vorstellungen der Organisation des Lebens orientiert war.

Die moderate Moderne

Dies änderte sich auch nach 1945 kaum, denn unter den neuen Verhältnissen des Kalten Krieges galten Verbindungen zu linksradikalen oder kommunistischen Strömungen der Moderne als problematisch. Der Diskurs um die Architekturmoderne selbst hatte sich seit den Dreißiger Jahren stark verändert. Im Zuge der revolutionären Umwälzungen zwischen 1917 und 1919 war sie unter linker Prägung gegen überlebte Gesellschaftsstrukturen angetreten und, mehr als man heute annehmen würde, färbte die Frage nach Sinn und Unsinn eines gesellschaftlichen Umsturzes oder tiefgreifender Reformen die Debatten der modernistischen Architekturbewegung bis Ende der Zwanziger Jahre stark. Dabei ging es natürlich immer auch um die Frage nach den optimalen Umsetzungsmöglichkeiten umfassender architektonischer und urbaner Visionen innerhalb eines politischen Systems. Die AnhängerInnen einer eher experimentellen, auf progressiven gesellschaftlichen Wandel bzw. Umsturz ausgerichteten Moderne sind noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges entweder in den faschistischen Bewegungen und im Nationalsozialismus unter- bzw. aufgegangen, oder scheiterten entgegen allen Hoffnungen auch in der Sowjetunion am Stalinismus und hatten damit ihren prägenden Einfluss verloren. Währenddessen konnten sich die so genannten moderaten ModernistInnen, also diejenigen, die glaubten, unter den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen ihre modernistischen Vorstellungen von Stadt durchsetzen zu können, behaupten. Bezeichnenderweise handelte es sich dabei zumeist um dieselben Personen, die eine Depolitisierung der modernen Architekturbewegung vorantrieben und gleichzeitig weniger Berührungsängste mit den faschistischen und reaktionären Bewegungen Europas während der Dreißiger Jahre zeigten. Ohne eine zwingende Kausalität behaupten zu wollen sei neben den oben genannten Beispiele Gropius und Mies noch Le Corbusier angeführt, der Mussolini seine Dienste anbot und mit dem Vichy-Regime zusammenarbeitete. Als Signum des steigenden Einflusses der moderaten ModernistInnen gelten vor allem die Ausstellungen zum International Style: Architecture since 1922 (1932) und die Bauhaus 1919 - 1938 Exhibition (1938), die beide im New Yorker MoMA gezeigt wurden. Erstere präsentierte erstmals eine sich an der minimalistischen Schönheit labende Architekturmoderne, die folglich konsumierbar, stilartig und deshalb tendenziell formalistisch war, während Gestaltungsmethoden und der gesellschaftspolitische Kontext, in dem die europäische moderne Bewegung entstanden war, nicht thematisiert wurden. Die zweite Ausstellung betonte ebenfalls die visuellen Qualitäten des »Neuen Bauens« und war zudem unter Mitarbeit von Gropius selbst entstanden, was erklärt, warum sich das Bauhaus hier vor allem aus dem Wirken seiner Person herleitete. Letztlich entstand aus dieser Strömung auch der westlich-modernistische Architekturkanon, der in Deutschland bis heute durch das in den Fünfziger Jahren neu erbaute Berliner Hansaviertel repräsentiert wird. Im Rahmen der Interbau-Austellung (1957) bauten auf dem Gebiet des ehemaligen jüdischen Viertels internationale Größen wie Alvar Alto, Oscar Niemeyer und Walter Gropius, aber auch ein deutscher Kleingeist wie Egon Eiermann konnte hier seine neu erworbene demokratische und anti-totalitäre Haltung demonstrieren.

Von Fehlern in der Geschichte

Auch wenn der International Style, das Bauhaus und die entsprechenden StararchitektInnen offiziell in der Bundesrepublik ge- und verehrt wurden, waren die westdeutschen Architekten mehrheitlich Traditionalisten und moderate Modernisten, von denen das Gros unter dem Nationalsozialismus reichlich Berufserfahrung sammeln konnte. Die Debatte um Wiederaufbau oder Neubau der im Krieg zerstörten Städte verlief entlang dieser beiden Lager und bestimmt zumeist als Kompromiss zugunsten des Neubaus, bis heute das Erscheinungsbild der betroffenen Städte. Vorbild für die Mehrzahl dieser Planungen waren verkehrstechnische und städtebauliche Konzepte. Diese hatten sich von der Gartenstadt über die Trabantenstädte bis hin zur aufgelockerten Stadtlandschaft innerhalb eines halben Jahrhunderts entwickelt und waren als funktionale und zonierte CIAM-Stadt (CIAM: Congrès International d`Architecture Moderne) den modernen Architekten und Stadtplanern zum Allgemeingut geworden. Damit hatte sich auch ein weiteres Leitmotiv der ModernistInnen aus den zwanziger Jahren erhalten: die Ablehnung historischer Formen. Die Orientierung an der Geschichte galt als unschöpferisch, indem sie unnütze Attrappen und Scheinarchitektur produziere. Tatsächlich wurde in vielen Städten zugunsten eines modernen Neubaus die alte Bausubstanz – als »Fehler der Geschichte« – entfernt und ersetzt, weshalb bis heute seit den Achtzigern auf die Nachkriegsmoderne bezogen gern von einer »zweiten Zerstörung« vieler deutscher Innenstädte gesprochen wird. Heute weniger als damals wurde die Zerschlagung der Städte durch die Bombenangriffe der Alliierten mitunter auch als Katalysator der Auflösung des eigentlichen Deutschtums gesehen. Wenn die Alliierten beispielsweise durch die Sprengung der Reichskanzlei keine Anknüpfungspunkte für spätere Heldenverehrung hinterlassen wollten, scheint diese Sichtweise durchaus plausibel. Die Beispiele München, wo sich das Leitbild der Wiederherstellung der Stadt durchsetzte und nicht nur das barocke Palais, sondern auch Nazi-Bauten wieder hergestellt wurden, und Dresden, etwa im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche, zeigen, dass die restaurativ-rekonstruierende »Zuwendung zur Geschichte« Nazis und HeimatschützerInnen bis heute eint und auf breiterer gesellschaftlicher Ebene zur Verdrängung beiträgt.

Zurück zur Ordnung

Bezogen auf den gesamten Wiederaufbauprozess in Deutschland ist es jedenfalls fraglich, ob es bei den modernen Bauten immer darum ging, im Sinne der Ideale der Zwanziger Jahren einen neuen, demokratischen Geist zu fördern – wie die Legende behauptet – oder ob es nicht auch darum ging, die Stadt zu schleifen und leistungsfähiger aufzubauen. Abgesehen davon, dass es nach 1945 für ArchitektInnen und StädteplanerInnen üblich war, ihren Architekturstil ebenso schnell wie ihre Gesinnung zu wechseln, ist die Stärke der gemäßigten ModernistInnen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf den viel beredeten neuen »demokratischen Geist« zurückzuführen, sondern auch im Kontext der aufkommenden Ost-West-Konfrontation zu betrachten. Hinsichtlich der Begründung und Legitimation eines Neuaufbaus der deutschen Städte macht es aber einen bedeutenden Unterschied, ob deutsche ArchitektInnen wie Rudolf Hillebrecht, Konstanty Gutschow oder Friedrich Tamm, die eng mit dem NationalsozialistInnen zusammengearbeitet haben, die Zerstörungen infolge des von Deutschen angestifteten Weltkriegs als Nutzen für die Entwicklung der Städte stilisieren. Aus dem Kreis derjenigen, die einen Neubau der Stadtstruktur favorisierten, ging ein Aufruf hervor, der anmahnte: »Das zerstörte Erbe darf nicht historisch rekonstruiert werden, es kann nur für neue Aufgaben in neuer Form erstehen.« Es ist bei Personen wie Otto Bartning, Max Taut etc. auch anzunehmen, dass sie der Meinung waren, die Rekonstruktion der vom Nationalsozialismus verschuldeten Zerstörung sei im Täterland nicht das richtige Signal für einen demokratischen Neubeginn. Doch wie sehr muss man mit Blindheit geschlagen sein, wenn man einen solchen Aufruf, der zudem noch mit »Aus dem Geist der Opfer rufen wir alle, die guten Willens sind.« abschließt, zusammen mit KollaborateurInnen des Nationalsozialismus unterzeichnet? Im Fall der TäterInnen hieß dies jedenfalls, dass sie die durch sie mitverschuldeten Zerstörungen auch nach 1945 zur Legitimation der eigenen Eingriffe in die Stadt verwenden konnten.

Tatsächlich fällt es schwer, eine westdeutsche Stadt zu finden, in der ehemalige Nazis keine führende Rolle beim Wiederaufbau eingenommen hatten. Und mit Düsseldorf ist nur ein Fall bekannt, wo sich (wenn auch folgenloser) Protest explizit gegen die »Speer-Planer« Tamm und Gutschow richtete. Anders in Hannover, wo das ehemalige Wiederaufbaustabs-Mitglied Rudolf Hillebrecht nach wie vor als Heros des Nachkriegsstädtebaus gepriesen wird und die Stadt ihm bis heute die weiträumige Ausgestaltung des gänzlich neu angelegten Straßennetzes einer »autogerechten Stadt« verdankt. Es mag nun Zufall sein oder nicht, dass auch die Stadt Kassel, die ähnlich wie Hannover im Ranking der unwirtlichsten Städte Deutschlands weit oben platziert ist, nicht nur demselben Leitbild folgte, sondern bei der Neuplanung auch frühere Planungen des Wiederaufbaustabs umgesetzt wurden und demzufolge ein weitgehender Bruch mit dem historischen Stadtbild erfolgte. FussgängerInnen wurden in Straßen- und Kreuzungsbereichen wie in vielen anderen Städten, die versuchten, sich den neuen Anforderungen einer autogerechten Stadt anzupassen, als Störgröße empfunden und durch die Schaffung von Ober- und Unterführungen »ausgeschaltet«. Mit der Herstellung der Treppenstraße wurde eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands am Ort der vom Wiederaufbaustab vorgesehenen Aufmarschroute vom Hauptbahnhof zum Friedrichsplatz umgesetzt. Andererseits kam in anderen Teilen der Stadt eine am kleinstädtischen Ideal angelehnte Architektur zur Ausführung, die ursprünglich für Landstädte im zu kolonialisierenden Osten entwickelt worden war.

 Eines der krassesten Beispiele lieferte wohl der Stadtplaner und ehemalige NSDAP-Parteigänger sowie SA-Hauptsturmführer Konstanty Gutschow, als er sich 1957 in dem Handbuch für den Gesundheitlichen Städtebau erlaubte, mit einem Artikel über »Gesichtspunkte der ›Hygiene‹ beim Aufbau Warschaus« aufzuwarten. Hier stellt er ebenso sachlich wie verharmlosend fest, dass die Hauptstadt Polens »als ganzes vorsätzlich zerstört« worden sei, dass aber auch eingestanden werden müsse, dass ganz Warschau sowieso ein »Sanierungsgebiet« gewesen war und nun auf dem besten Weg sei, »eine Großstadt zu werden, in der den Menschen eines Tages die Sonne wieder scheint«. Dem Zynismus waren offensichtlich keine Grenzen gesetzt: Dort, wo sich noch vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht Elendsquartiere drängten, hatte man also durch Bombardierung und nahezu komplette Verwüstung Abhilfe geschaffen. Und auch wenn aus den Plänen für die »neue deutsche Stadt Warschau« nichts geworden ist, hatte die Bildung eines »geschlossenen jüdischen Wohnbereichs« Ausbeutungs- und Vernichtungsmöglichkeiten erweitert und damit letztlich dazu beigetragen, die Einwohnerzahl auf ein »gesünderes« Minimum zu senken. Noch im Verlauf der Kämpfe mit der Roten Armee hatte Himmler mit dem Befehl, »Warschau zu pazifieren d.h. Warschau noch während des Krieges dem Erdboden gleich zu machen«, dafür gesorgt, dass jetzt nach dem Krieg Grünflachen, Spiel- und Sportanlagen entstehen konnten. Die Idee der aufgelockerten begrünten Stadt war wie gesagt keine Erfindung der Nazis, auch wenn der für Deutschland eingesetzte »Arbeitsstab zum Wiederaufbau bombenzerstörter Städte« unter der Leitung Albert Speers seit 1943 empfahl, die »Wohnmasse aufzugliedern, um die Stadt präventiv luftschutztechnisch zu modernisieren«. Hinsichtlich der Begründung und Legitimation eines Neubaus macht es aber einen Unterschied, ob die Zerstörung von Städten wie Coventry, Stockholm oder Rotterdam, die eine am Krieg völlig unschuldige Bevölkerung traf, von den Betroffenen zur Umstrukturierung ihrer Städte genutzt wurde, oder ob Kollaborateure des Nationalsozialismus mit den Argumenten der Hygienewissenschaften sogar den von ihnen verursachten Kahlschlag im Ausland legitimierten und den »gesunden« Neuaufbau der Städte rechtfertigten. Ebenso hat die Rekonstruktion der von Deutschland überfallenen Städte eine völlig andere Bedeutung. Dieselben StadtplanerInnen, die 1934 unter dem Titel »Warszawa funkcjonalna« einen Stadtentwurf vorgelegt hatten, der die Schleifung des alten Warschau vorsah, präsentierten nach der Zerstörung einen Entwurf, der nach der Erfahrung der Vernichtung von Kulturerzeugnissen durch die Deutschen bewusst die Rekonstruktion des inneren Stadtkerns vorsah und schließlich umgesetzt wurde.

Im Osten genauso wie im Westen waren nach 1945 linke bzw. kommunistische Forderungen an das Neue Bauen längst vergessen. Der Gedanke der Nutzerbeteiligung – nämlich der Anspruch, dass Individuen ihre berechtigen Forderungen an das Wohnen erkennen und selbst formulieren –, wie er unter anderem vom ehemaligen Bauhausdirektor Hannes Meyer in der ersten Erklärung des CIAM formuliert wurde, war dem Planerwunsch nach denkbar großen Handlungsmöglichkeiten gewichen. In Deutschland hatte sich ein Minimalkonsens zugunsten der Erhaltung des Grundrisses und der Funktionsmischung in der Altstadt die »organisch, gegliederte, aufgelockerte Stadt«, die sich weitestgehend an der zonierten Stadt orientierte, durchgesetzt. Der Funktionalismus galt durch die erfolgreiche Entpolitisierung seit Ende der zwanziger Jahre weltweit als eine über alle Ideologien erhabene universalistische und damit unschuldige Planungsmethode, die die chaotisch gewachsenen Städte des 19. Jahrhunderts nach modernen wirtschaftlichen, hygienischen und siedlungspolitischen Gesichtspunkten organisierte. Die Vision einer durchgrünten und aufgelockerten Stadtlandschaft verband sich jedoch nicht selten und nicht nur in Deutschland mit der Ignoranz bzw. der Ablehnung der urbanen Kultur und Öffentlichkeit. Wiewohl insbesondere bei der Nachkriegsgeneration der CIAM-Mitglieder ab Mitte der fünfziger Jahre die Kritik an dem stadtfeindlichen Charakter der modernen Planung wuchs, ging Vokabular aus dem »volksbiologischen« Wortschatz in den modernistischen Diskurs über die sogenannte »organische Gestaltung des Stadtkörpers« in Deutschland nach 1945 ein. Wenn beispielsweise Roland Rainer, nationalsozialistischer Parteigänger der ersten Stunde, 1957 die »Entartungserscheinungen« historischer Stadtformen und »Zivilisationsschäden wie Landflucht und Verstädterung« bemängelte und forderte, den »Volkskörper« übersichtlich in abgeschlossenen »Stadtbezirke[n], Stadtzellen, und Nachbarschaften« dem »persönliche[n] und naturverbundene[n] Wohnen« zuzuführen, zeigt dies, dass sich die Begeisterung für schematische Planungsprozesse hervorragend mit antistädtischen Ressentiments verbinden ließ. Das Bild der Stadt wurde nicht mehr mit baulicher Dichte, sozialer und funktionaler Mischung, nicht mit dem Ineinander von Wohn.- und Arbeitsformen, aus der die städtische Öffentlichkeit entsteht, identifiziert, sondern als rationalisiertes Ordnungsmodell gedacht. In Zeiten des »Wirtschaftswunders« verband sich hiermit das Ideal des Privatlebens der Kleinfamilie im automatisierten Haushalt und der Traum von Unabhängigkeit durch das eigene Auto. Dieser radikale Neuanfang war durch die Barbarei der Nazis ermöglicht worden, und auch wenn es falsch wäre, die brutale Monumentalität und Eintönigkeit, die das moderne Bauen in der Nachkriegszeit hervorbrachte, allein auf die angeführten Kontinuitäten zurückzuführen, bleibt zu kritisieren, dass die Einsicht in das destruktive Potential der modernen Rationalität und Planung damals und auch heute im Kontext von Abriss und Erhalt der Bauten der Nachkriegsmoderne keine Rolle spielte. Anstatt den sozialräumlichen Planungsvisionen Einhalt zu gebieten, widmete man sich gerade mit dem modernen Städtebau der kollektiven Verdrängung.

 

~Von Jennifer Stange. Die Autorin ist Mitglied der Phase 2-Redaktion Leipzig.

Fußnoten

  1. Jürgen Habermas, »Die zweite Lebenslüge der Bundesrepublik: Wir sind wieder ›normal‹ geworden«, in: Die Zeit, 11.12.1992, http://www.zeit.de/1992/51/Die-zweite-Lebensluege-der-Bundesrepublik-Wir-sind, 5.2.2010, 14:46.
  2. Peter Hahn, Wege der Bauhäusler in Reich und Exil, in: Winfried Nerdinger (Hrsg.), Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus. Zwischen Anbiederung und Verfolgung. München, 1993, 208. Aufgerufen wurde zur Wahl Hitlers als Nachfolger von Hindenburg.
  3. Winfried Nerdinger (Hrsg.), Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus. Zwischen Anbiederung und Verfolgung, München 1993, 19.
  4. Gerhard Fehl, Die Moderne unterm Hakenkreuz. Ein Versuch die Rolle funktionalistischer Architektur im Dritten Reich zu klären, in: Hartmut Frank(Hrsg.), Faschistische Architekturen. Bauen und Planen in Europa 1930-1945, Hamburg 1985, 88–122. Hinzuzufügen wäre noch, dass das Bauhaus-Design« bzw. Bauhaus-Desginer einiges zum propagandistischen Erfolg des Nationationalsozialismus jedoch nichts zum Widerstand mit ästhetischen Mittel beigetragen haben.
  5. Bazon Brock, Wideruf des 20. Jahrhunderts, in: Walter Prigge (Hrsg.), Bauhaus Brasilia Auschwitz Hiroshima, Weltkulturerbe des 20. Jahrhunderts: Modernität und Barbarei, Berlin 2003, 38–49.
  6. Eric Mumford, The CIAM Discourse on Urbanism, 1928–1960, Cambridge 2002.
  7. Sarah Williams Goldhagen, Réjean Legault (Hrsg.), Anxious Modernism: Experimentation in postwar architectural culture, Cambridge 2001, 305.
  8. Formalistisch ist hier im einfachsten Sinn, als die Betonung der äußeren Form unter Vernachlässigung des Inhalts einer Sache zu verstehen. Als problematisch soll hier die latente Reduktion der modernen Bewegung auf ästhtetische Fragen angesprochen sein. Mit den Inhalten der Formalismusdebatten wie sie in der UdssR oder DDR geführt wurden hat dies nichts gemein.
  9. Mumford, The CIAM Discourse, 122.
  10. Paul Betts, Das Bauhaus als Waffe im Kalten Krieg. Ein amerikanisch-deutsches Joint Venture, in: Philipp Oswald, Bauhaus Streit.1919 – 2009. Kontroversen und Kontrahenten, Ostfildern 2009, 207.
  11. Egon Eiermann widmete sich von 1933 bis 1945 dem Industrie.- und Rüstungsbau und gestaltete darüber hinaus die Haupthalle der Ausstellung »Gebt mir vier Jahre Zeit« (1934) mit einem riesigen Hitler-Portrait. Die deutsche Post ehrte ihn 2004 mit einer Briefmarke.
  12. Klaus von Beyme, u.a. (Hrsg.), Neue Städte aus Ruinen. Deutscher Städtebau der Nachkriegszeit, München 1992, 16.
  13. Der Congrès International d`Architecture Moderne war ein von 1929 bis 1959 existierendes internationales Netzwerk von ArchitektInnen und StädteplanerInnen (z.B. Helena Syrkus, Mart Stam, Hannes Mayer, Le Corbusier, Walter Gropius, Siegfried Giedion, Alison Smithon etc.) die sich regelmäßig bei Konferenzen trafen, um gesellschaftliche wissenschaftliche und ästhetische Aspekte ihres Fachbereichs zu diskutieren. Die Idee einer zonierten modernen Stadt ist vor allem auf den Niederländer Cornelis Van Esteren zuück zu führen.
  14. Mumford, The CIAM Discourse, 57.
  15. Hans Stimmann, »Kein Denkmalschutz für die Nachkriegsmoderne« in: Die Welt 7.11.2007, http://www.welt.de/kultur/article1337780/Kein_Denkmalschutz_fuer_die_Nachkriegsmderne.html, 20.02.2010, 14:33.
  16. Christoph Hackelsberger, Die aufgeschobene Moderne. Ein Versuch zur Einordnung der Architektur der Fünfziger Jahre, München 1985, 28.
  17. Winfried Nerdinger, München: Bewährte Kontinuität, in: von Beyme, Neue Städte aus Ruinen, 334–48.
  18. Otto Bartning u.a., Ein Aufruf. Grundsätzliche Forderungen (1947), in: Vittorio Magnago Lampugnani, Katia Frey und Eliana Perotti (Hrsg.), Anthologie zum Städtebau. Vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt, Bd. 3, Berlin, 2005, 55. Der Aufruf wurde insgesamt von 37 weiteren Architekten, Kunsthistorikern und Künstlern unterzeichnet.
  19. Ebd.
  20. Konstanty Gutchow, Gesichtspunkte der ›Hygiene‹bei Aufbau von Warschaus, in, Paul Vogel u.a. (Hrsg.), Medizin und Städtebau. Ein Handbuch für gesundheitlichen Städtebau, Bd. 2, München u.a., 1957, 599.
  21. Barbara Klain, Niels Gutschow, Vernichtung und Utopie. Stadtplanung Warschau 1939 – 1945, Hamburg 1994.
  22. Klaus von Beyme, Der Wiederaufbau, München, 1987, 71.
  23. Mumford, The CIAM Discourse, 182. Die zuständigen Architekten Jan Chmielewski, Helena und Symon Syrkus waren die Begründer der polnischen CIAM-Delegation.
  24. Gerd de Bruyn, Die Diktatur der Philantrophen, Entwicklung der Stadtplanung aus dem utopischen Denken. Braunschweig, Wiesbaden, 1996, 244.
  25. von Beyme, Der Wiederaufbau, 82 ff.
  26. Klaus Horn, Zweckrationalität in der modernen Architektur, in: Heide Berndt u.a. (Hrsg), Architektur als Ideologie, Frankfurt a. M. 1969, 114 ff.
  27. Insbesondere die zweite Generation der CIAM-Mitglieder wie Alison and Peter Smithons, Bakema etc. forderten eine Reform bisheriger Grundsätze.
  28. Roland Rainer u.a., Die gegliederte und aufgelockerte Stadt (1957), in: Perotti, Anthologie zum Städtebau, 84.