»Nach Hitler wir!«

Zu Anspruch und Wirklichkeit des DDR-Antifaschismus

Zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer fallen die Einschätzungen von 40 Jahren DDR und ihres erklärten Gründungsanspruchs, auf deutschem Boden einen antifaschistischen Staat errichten zu wollen, vernichtend aus. Die öffentliche Debatte ist von Desinteresse für den ideologischen Kern der DDR – die sozialistische Gesellschaft – wie auch für ihren antifaschistischen Entstehungsansatz geprägt und ergeht sich stattdessen – in Anbetracht der zeitlichen Distanz wie der Perspektive des »Siegers« der Geschichte nicht ganz unverständlich – in der Würdigung des friedlichen Abstreifens der »zweiten deutschen Diktatur«.

Hans-Ulrich Wehlers im vergangenen Jahr erschienener Band zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands erklärt die DDR zur »Fußnote der Weltgeschichte«; in der Forschung wird dem DDR-Antifaschismus mehrheitlich eine rein legitimatorische, d.h. dem Machterhalt dienende Funktion zugeschrieben. Auch die Auseinandersetzung der radikalen deutschen Linken mit 40 Jahren Realsozialismus treibt – bei aller berechtigten Kritik an Staatskapitalismus und Ostalgie – bisweilen kuriose Blüten, etwa in der Charakterisierung der DDR als »wichtige Speerspitze des weltweiten Antisemitismus«.

Gemessen an den Leistungen der DDR verwundert dieses durchweg negative Urteil nicht einmal sehr. Aus linker Perspektive betrachtet, führte die staatskapitalistische Variante des Sozialismus inklusive Arbeitszwang, Entrechtung, Militarismus und dem Lob deutscher Tugenden kommunistische Vorstellungen ad absurdum, und auch ihr Antifaschismus konnte nicht überzeugen. Er heroisierte eine einzige Opfergruppe des Nationalsozialismus, verschwieg eine andere und barg generell das Problem, den überwiegenden Teil der Bevölkerung von den nationalsozialistischen Verbrechen frei zu sprechen.

Und dennoch werden die genannten Beispiele dem Antifaschismus der DDR nicht gerecht. So übersieht die Charakterisierung des Antifaschismus allein als Legitimation die überaus ernst gemeinte, gegen den soeben unter großen Opfern niedergerungenen Nationalsozialismus gerichtete Motivation gleich zweier Generationen: zum einen die aus Exil, Untergrund oder Konzentrationslager wiedergekehrten VertreterInnen der deutschen Arbeiterbewegung, die die spätere Führung und den Parteiapparat der DDR bilden sollten; zum anderen eine zweite Generation, darunter Persönlichkeiten wie Christa Wolf, Franz Fühmann, Frank Beyer oder Hermann Kant, die den Krieg als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt hatten und die sich angesichts seiner Schrecken voll und ganz dem Aufbau des neuen, »antifaschistischen« Staates verschrieben hatten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit, für viele auch noch länger, schien es wirklich so, als sei die sowjetische Besatzungszone (SBZ) bzw. die DDR gerade aufgrund des eingeschlagenen antifaschistischen Weges der »bessere« Staat.

Auch die Reduzierung der DDR-Geschichte auf eine antisemitische Politik geht an der Realität vorbei. Die SED betrieb keine, über 40 Jahre hinweg dauernde dezidiert antisemitische, d.h. in vollem Bewusstsein gegen ihre jüdischen Bürgerinnen und Bürger gerichtete Politik. Im Kontext des Blockkonflikts beteiligte sie sich freilich sehr wohl an den verschiedenen antizionistischen Kampagnen, die sowohl nach innen als auch nach außen starke antisemitische Untertöne zum Ausdruck brachten. Auch die Deklassierung jüdischer Überlebender als Opfer zweiter Klasse, die Marginalisierung des Holocaust oder die penetrante Solidarisierung mit der palästinensischen Befreiungsbewegung zeigten wenig Fingerspitzengefühl für das jüdische Schicksal. Daraus jedoch zu schließen, die DDR sei eine Speerspitze des weltweiten Antisemitismus gewesen, ist hingegen eine unhistorische Verkürzung, die heutige Maßstäbe zu dessen Bewertung anlegt und dabei zusätzlich Gefahr läuft, den Begriff des Antisemitismus zu verwischen.

Um sich der Frage zu nähern, wie antifaschistisch die DDR war bzw. wie frei sie sich entfalten konnte, hilft stattdessen ein Blick, der den Antifaschismus der DDR kontextualisiert und historisiert. Kontextualisierung meint hier die Einordnung in die weltpolitische Lage des Kalten Krieges und die realpolitische Ausgangssituation, eine Bevölkerung zu regieren, die eben noch die Volksgemeinschaft des Dritten Reiches gebildet hatte. Historisch zu argumentieren hingegen bedeutet, Herkunft, Weltbild und Biographien der Antifaschistinnen und Antifaschisten (insbesondere der älteren Generation) ernst zu nehmen, um ihren Begriff von Antifaschismus in Gänze erfassen zu können. Legt man diese Perspektive an, ist der Blick zur Erklärung von 40 Jahren DDR also stärker in die zwanziger und dreißiger Jahre zu richten. Biographisch ist dieser Bezug ohnehin evident, bedenkt man, dass praktisch die gesamte DDR-Führung vor allem der frühen Jahre ihre lebensweltliche und ideologische Prägung in der Weimarer Republik erfahren hatte. Der folgende Text will Anspruch und Wirklichkeit des DDR-Antifaschismus vor diesem stärker gedächtnisgeschichtlichen Hintergrund auf drei Ebenen – Kalter Krieg, Ideologie und Erfahrung – nachgehen.

Kalter Krieg

Eine Ebene, auf der sich der Antifaschismus der DDR konstituierte, war ihr Verhältnis zur Sowjetunion, das wohl zu Recht als das einer Statthalterin beschrieben worden ist. Weisungen aus Moskau waren zu befolgen, kurzfristige, bis eben noch undenkbare Schwenks inbegriffen. Dies galt in besonderer Weise für die SBZ bzw. die spätere DDR, die wie die Bundesrepublik auch bis 1990 dem alliierten Kontrollrecht unterlag und der zusätzlich aufgrund ihrer Lage an der Blockgrenze besondere Aufmerksamkeit durch die Alliierten zuteil wurde. In den Präsidenten bzw. Staatsratsvorsitzenden Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Erich Honecker hatte die Sowjetführung zugleich Vertreter, auf die sie sich verlassen konnte – durch sie drohte kein Sonderweg wie von Tito in Jugoslawien, von Dimitroff in Bulgarien oder von Dub?ek in der ?SSR. Diese Linientreue der deutschen GenossInnen kam nicht von ungefähr. Einerseits waren sie es noch aus den zwanziger und dreißiger Jahren gewohnt, den Anweisungen aus Moskau, damals noch von der Kommunistischen Internationale (Komintern) ausgesprochen, Folge zu leisten. Pieck und Co. waren bestens vertraut mit den Höhen und Tiefen der streng zentralistisch organisierten Parteipolitik, die sich jeweils der neuen Lage, in der Regel den Anfordernissen der Außenpolitik der Sowjetunion, anzupassen hatte. Ein überaus positives Bild von der Sowjetunion, das man sich in zahlreichen Reisen schon in den zwanziger Jahren gebildet hatte, tat sein übriges: Sie verkörperte den Traum der kommunistischen Bewegung und den Hort des menschheitlichen Fortschritts, ihr Wohlergehen war praktisch sakrosankt. Zum anderen hatten Pieck und Ulbricht die Wellen der Großen Säuberungen im Moskauer Exil seit 1936 überstanden, eigene Intrigen inbegriffen, was geradezu als Beweis ihrer Linientreue gewertet werden kann, kurz: sie waren stalinistische Hardliner.

 Vor dem Hintergrund des aufziehenden Kalten Krieges Ende der vierziger Jahre verkleinerte sich auch der Spielraum für die zu dieser Zeit durchaus noch variable Interpretation der Vergangenheit. Die Erfordernisse der internationalen Konstellation, die eigenen Reihen zu schließen, führten zur Abschottung und ideologischer Eindeutigkeit. Angesichts von nuklearer Bedrohung und Wettlauf im Blockkonflikt war der Blick ohnehin in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit gerichtet. Deutlich wird dies im Fall Paul Merker, Politbüro-Mitglied und einflussreicher SED-Funktionär, der Anfang der fünfziger Jahre als Kopf einer angeblichen Verschwörung gegen die DDR entmachtet wurde. Mit Merker wurden zugleich Abweichungen von der Moskauer Linie in Sachen Vergangenheitsinterpretation zum Schweigen gebracht. Im mexikanischen Exil hatte Merker die Mitschuld der Arbeiterklasse an den Verbrechen des Nationalsozialismus thematisiert und umfangreiche Entschädigungen für jüdische Überlebende gefordert. Seine Entmachtung war allerdings weniger der inhaltlichen Brisanz geschuldet, die seine Wortmeldungen aufwiesen, sondern lag in erster Linie am Exilort selbst, dessen Nähe zu den imperialistischen Zentren Anfang der fünfziger Jahre höchst suspekt geworden war. In der Konsequenz sorgte der Fall Merker, der lediglich Höhepunkt einer größeren Kampagne gegen RückkehrerInnen aus dem westlichen Exil war, dafür, dass die äußerst orthodoxe Version der Vergangenheitsdeutung, wie sie von der Gruppe Ulbricht vertreten wurde, übrig blieb.

Neben der Abhängigkeit von der Sowjetunion und den Anfordernissen des Kalten Krieges gab es noch ein weiteres Moment, das den Antifaschismus berührte: die Frage, welche Position man gegenüber der deutschen Bevölkerung einnehmen sollte. Eigentlich hatte man sich bereits 1933 darauf zurückgezogen, das deutsche Volk und insbesondere die deutsche Arbeiterklasse habe mit dem Faschismus nichts zu tun und stehe ihm sogar ablehnend gegenüber. In einer günstigen Situation würde die Unzufriedenheit mit der sozialen Lage (wohlgemerkt nicht mit dem Regime) sogar zum Aufstand führen. War Letzteres Wunschdenken und Ausdruck radikaler Rhetorik, wie sie seit den zwanziger Jahren gepflegt wurde, konnte sich die kollektive Entlastung im Übrigen auf ältere Erinnerungsschichten stützen. Der kommunistische Widerstand war durchaus real gewesen, wie auch die spezifische Milieu-Erfahrung, d.h. die vergleichsweise hohe Immunität der deutschen Arbeiterbewegung gegenüber dem Nationalsozialismus in der Spätphase der Weimarer Republik mitunter für eine ablehnende Haltung des deutschen Volkes sprechen mochte. So hatten noch in den letzten Reichstagswahlen vom 5. März 1933 KPD und SPD gemeinsam fast ein Drittel der Stimmen erreicht und damit das Niveau der Wahl ein Jahr zuvor weitgehend halten können.

Auch während des Krieges hatte man eine Schuld des deutschen Volkes mehr oder minder bestritten. In Moskau ging man im Frühjahr 1942 sogar so weit, gemeinsam mit im Krieg gefangen genommenen deutschen Offizieren und Soldaten das »Nationalkomitee Freies Deutschland« zu gründen. Dies passte gut zum allgemeinen Verständnis, der Faschismus sei lediglich die Tat einer Handvoll Imperialisten und Großagrarier. Die Beteuerungen, Hitler sei nicht Deutschland, wurden interessanterweise immer stärker, je offensichtlicher das Gegenteil der Fall war, aber auch, je näher das Ende des Krieges rückte. Jetzt spielten noch andere Überlegungen eine Rolle: die Positionierung im Kampf um die künftige Macht. Es lag nahe, dass dann ein positiver Deutschlandbezug, der weite Teile der Bevölkerung integrierte, vonnöten sein würde, da man nicht gänzlich gegen das Volk würde regieren können. Die Auseinandersetzung mit der Schuld der Bevölkerung – gleich ob aktiv oder passiv – blieb dabei auf der Strecke.

 Aus diesem Grund verlor die Entnazifizierung, von der es lange Zeit hieß, sie wäre im Osten konsequenter verfolgt worden, bald an Wirkmacht.  Hatte die erste Ausführung ohnehin der sowjetischen Besatzungsmacht unterstanden, betrieb die SED bald eine Politik der Integration belasteter Personen. Bereits 1948 verkündete man den offiziellen Abschluss der Entnazifizierung. In vielen Bereichen der DDR-Gesellschaft waren daraufhin ein großer Teil ehemaliger NS-Kader aktiv, auch wenn man darauf achtete, ihnen höhere Posten vorzuenthalten, so im Militär und in der Staatssicherheit, in der Wirtschaft oder in der eigens dafür gegründeten Blockpartei NDPD, die als Auffangorganisation für alte Nazis und Wehrmachtsoldaten fungierte. Auch in der SED gaben 1951 in einer internen Befragung mehr als 174.000 Personen an (das waren ungefähr acht Prozent der Mitglieder), früher einer NS-Organisation angehört zu haben. Die Argumentation, mit der diese Praxis gerechtfertigt wurde, besagte oftmals, dass die ernsthafte Wandlung eines Menschen mehr zähle als das unpolitische Mitlaufen. Dass dieser Integrationsprozess, der gerade auch vor dem Hintergrund des Blockkonflikts erfolgte, für Irritationen und Unverständnis bei manchem Opfer sorgte, muss nicht hervorgehoben werden. Letztlich führte man auf diese Weise aus, was auch Konrad Adenauer im Westen erkannt hatte, dass nämlich ein Land nur schwer gegen seine Bevölkerung zu regieren ist.

Ideologie

Eine zweite Ebene, die bereits anklang, ist die der Ideologie. Ihre Wirkung auf den Antifaschismus, insbesondere in Form der Faschismustheorie, ist für die DDR nicht zu unterschätzen. Die Deutung des Nationalsozialismus als eine (wenn auch aggressivste) Spielart des Imperialismus, wie sie insbesondere von Georgi Dimitroff entwickelt wurde und 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern auch offizielle Weihen erfahren hatte, dominierte wesentlich die Interpretation der Vergangenheit. Bei der oft gescholtenen Erklärung Dimitroffs wird gern übersehen, dass seine Theorie durchaus der Versuch war, die zu dieser Zeit noch neuartige Bedrohung des Faschismus begrifflich zu fassen. Ihr Inhalt freilich war nicht nur problematisch, weil sie den Nationalsozialismus nicht als politische Massenbewegung mit einem dezidiert antikapitalistischen Programm wahrnahm; ihre Fortdauer nach dem Krieg, als sie bereitwillig neu aufgelegt wurde,  erlaubte es auch, die Deutschen von den Verbrechen freizusprechen. Eine weitere Inflationierung ging damit einher, dass der Faschismusvorwurf leichtfertig angewandt wurde: auf die Bundesrepublik, auf die Vereinigten Staaten, auf diktatorische Regime in Südamerika und anderswo. Vor dem Hintergrund, dass sich der Faschismusbegriff eigentlich nicht geändert hatte, weil er immer noch »Imperialisten« und »Reaktion« meinte, konnte dann auch die Berliner Mauer als »antifaschistischer Schutzwall« bezeichnet werden. Die Besonderheit des deutschen Faschismus ging so selbstverständlich verloren.

 Diese Interpretation war freilich weniger Absicht einer bewussten Relativierung der NS-Verbrechen als vielmehr Ausdruck einer Befangenheit in Denkmustern der Zwischenkriegszeit. Was aus den zwanziger und dreißiger Jahren fortlebte und nach 1945 ungebrochen wieder aufgenommen wurde, war das Denken in Klassengegensätzen, das sich der Wirkmächtigkeit von Ideologie völlig verschloss. Die fast schon zwanghafte Einteilung der Gesellschaft in Arbeiterklasse und Imperialisten war derart undurchlässig (und fand ihre Entsprechung in Milieu, Sozialverhalten und Arbeiterkultur), dass alle gesellschaftlichen Phänomene immer durch dieses Verhältnis erklärt wurden. Diese dichotomische Engführung hatte ihren Ursprung in der sozialpolitischen Aufladung der deutschen Gesellschaft seit dem Kaiserreich, die ihrerseits eine Dominanz der sozialen Frage in der kommunistischen Bewegung in Deutschland nach sich gezogen hatte. Durch die prekäre wirtschaftliche Lage der zwanziger Jahre mit ihren wiederkehrenden verheerenden Krisen und die Organisation der deutschen Wirtschaft in Monopolen und Kartellen hatte sie stets aufs Neue Nahrung gefunden. 

 Eine ähnliche weltanschauliche Resistenz ist auch in der Bewertung des Antisemitismus durch die KPD und spätere SED zu finden. Auch hier ließ das Denken in sozialen Kategorien nicht zu, den modernen Judenhass als etwas anderes als eine von der herrschenden Klasse gesteuerte Ablenkung von den wahren Schuldigen zu deuten. Seine Bedeutung als ernst gemeinte Ideologie und die von ihm ausgehende Bedrohung wurden schlichtweg verneint. Deutlich wird dies in den Reaktionen auf die Nachrichten von der Judenvernichtung, die bis zum Ende des Krieges als Nebenwiderspruch, eben als Ablenkung, interpretiert wurden. Selbst als spätestens mit der Befreiung Majdaneks im Sommer 1944 die Existenz von Vernichtungslagern unbestreitbar geworden war, erklärten VertreterInnen der KPD die Verbrechen mit Profitlogik und dem Streben nach Dividende.  Obwohl man annehmen könnte, dass MarxistInnen aufgrund des ihnen zur Verfügung stehenden begrifflichen Apparats am ehesten in der Lage hätten sein können, zu erkennen, dass die unterschiedslose Ermordung der europäischen Juden eben nicht der Wertschöpfung diente, sondern dieser diametral widersprach, waren die einmal eingeübten materialistischen Denkmuster offenbar zu stark, den Unterschied wahrzunehmen.

Erfahrung

Eine dritte Ebene bezeichnet schließlich Erfahrungen biografischer, generationeller und parteipolitischer Natur, die Auswirkungen auf den Antifaschismus entwickelten. Hier wird vielleicht am stärksten deutlich, inwieweit die spätere SED-Führung eigentlich noch in der Zwischenkriegszeit der Weimarer Republik lebte und inwieweit auch ihr Antifaschismus ein konservierter war.

Nicht nur in exzessiv betriebenen Ritualen, in der Vorliebe für Masseninszenierungen und Uniformierung, die nun auf Staatsebene gehoben waren, zeigte man sich als Erbe des Politikstils der Zwischenkriegs-KP. Auch der Neuanfang von 1945, die »Stunde Null«, war für die KPD nicht allein auf die Zukunft gerichtet – der Aufbau des antifaschistischen Staates vollzog sich gerade vor einem Zeithorizont, der viel weiter in die Vergangenheit zurückreichte. Ein Bezugspunkt datierte dabei auf das Jahr 1933, das im Rückblick nicht als der Beginn nationalsozialistischen Terrors – wie es heute gesehen wird – verstanden wurde. Wie sich in der um 1933 ausgegebenen Parole »Nach Hitler wir!« ausdrückte, galt die Machtübernahme der Nationalsozialisten vielmehr als Beginn einer von Imperialisten gesteuerten faschistischen Periode, recht eigentlich als Intermezzo auf dem Weg zur Revolution, auf dem man sich dank revolutionärer Arbeiterklasse unter der Führung der Partei bereits befunden hatte. 1933 wies in diesem Sinne aber noch weiter zurück, nämlich auf die gescheiterte Revolution von 1918, die als eigentliche Urkatastrophe der kommunistischen Bewegung in Deutschland verstanden werden kann. Den stets der SPD, Reaktion und Kapital angelasteten »Verrat an der Arbeiterklasse« hatte man nie verwunden. 1945 sah man sich demnach beim Vollzug dessen, wo man 1933 lediglich unterbrochen worden war. Dass sich diese Weltsicht, die durch den Sieg der Sowjetunion noch bestärkt, ja offiziell autorisiert wurde, unbeeindruckt von solch störenden Elementen wie dem Holocaust oder der Frage nach der Verantwortung der KPD für das Versagen der deutschen Arbeiterbewegung beim Aufstieg des Nationalsozialismus zeigte, versteht sich von selbst.

Dieser Blick wurde nicht zuletzt untermauert durch Erfahrungen, die man unter dem Nationalsozialismus gemacht hatte, etwa die, Hitlers erstes Opfer gewesen zu sein. Die besondere Härte, die die Nazis den KommunistInnen nach der Machtübernahme zuteil werden ließen, verbunden mit der Tatsache, dass die Judenverfolgung erst mit dem Novemberpogrom 1938 gewalttätige Züge annahm, bestärkte sie in ihrer eigenen Wahrnehmung als Hitlers vorrangiges Opfer. Ein Großteil von ihnen kannte Hitlers Lager von innen, hatte FreundInnen, GenossInnen oder Angehörige verloren, wie auch die mit Entbehrungen verbundene Zeit des Exils sie in ihrer Opferrolle bestätigte. Nach Beginn des Krieges verstellte schließlich die Erfahrung der Konzentrationslager die Erkenntnis, dass es auch Vernichtungslager gab. Erstens kannte man diese nicht aus eigener Anschauung und zweitens waren die in den KZ erlittenen Schmerzen prägend genug. Diese abweichenden Erfahrungen bestärkten die späteren Machthaber auch in der Einteilung von Opferklassen (in KämpferInnen gegen den und Opfer des Faschismus), wie sie nach 1945 vorgenommen wurde. Sie fanden ferner Ausdruck in dem über die gesamte DDR gelegten Netz an Erinnerungsorten und Gedenkstätten sowie in der Vermittlung des Antifaschismus in der Volksbildung, die zum überwiegenden Teil politische Verfolgung und kommunistischen Widerstand thematisierten. Die dort offiziell begründete Erinnerung wurde dabei von der Tatsache begünstigt, dass sich auf dem Boden der DDR kein ehemaliges Vernichtungslager befand, als auch dass der eigenen Inhaftierung in den Konzentrationslagern eine politische Sinnfälligkeit innewohnte, die der unterschiedslosen Vernichtung nicht nachgewiesen werden konnte.

Was bleibt?

Der Antifaschismus der DDR war demnach ein archivierter mit stark fiktivem Einschlag. Dies deckt sich mit der Erkenntnis, die DDR-Geschichte lasse sich wie eine staatsgewordene Engführung der KPD-Geschichte lesen.  Der antifaschistische Gründungsanspruch mochte ernst gemeint gewesen sein, zumal auf individueller Ebene, und hatte eine gewisse Erdung im kommunistischen Widerstand samt dazugehörigem Leid; er entbehrte jedoch anderswo – auf politischer, ideologischer und praktischer Ebene – der Realität. Er fasste nicht, was sich ereignet hatte und dass er einer grundlegenden Neubestimmung bedurft hätte, die vor allem die Destruktivität des Holocaust hätte verarbeiten müssen, und er entlastete den Großteil der Bevölkerung von ihrer Mitschuld an den nationalsozialistischen Verbrechen. Insofern waren die Fehler eher hausgemacht, als dass sie der Bindung an die Sowjetunion oder allein der Konstellation des Kalten Krieges angelastet werden könnten. Stattdessen waren sie der Undurchlässigkeit marxistischer Denkmuster und der Persistenz von Erfahrungen geschuldet. Ihr Studium vermag nicht nur, zu einem historisch genaueren Bild der DDR-Vergangenheit beizutragen, sondern auch die Geschichte der deutschen Linken besser zu verstehen.

 

~Von Philipp Graf. Der Autor ist Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig und arbeitet dort an einem Projekt zur Wahrnehmung des Holocaust durch das kommunistische Exil in Mexiko.

Fußnoten

  1. So der Ankündigungstext zu einer Veranstaltung, die am 23. September 2009 im Rahmen der Kampagne »Still not lovin` Germany« in Leipzig stattfand (http://antide2009.blogsport.de/dates/).
  2. Jeffrey Herf, Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998, bes. 54–86.
  3. Siehe dazu Henry Leide, NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR, Göttingen 2005.
  4. Am prominentesten in Walter Ulbricht, Die Legende vom deutschen Sozialismus, Berlin 1945.
  5. Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944, Frankfurt a. M. 1984, 5. Aufl. (zuerst 1942), 36–44.
  6. Philipp Graf, Angesichts des Holocaust: Das deutschsprachige kommunistische Exil in Mexiko-Stadt, 1941–1946, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts 8 (2009), 451–479.
  7. Dan Diner, Antifaschistische Weltanschauung. Ein Nachruf, in: ders., Kreisläufe. Nationalsozialismus und Gedächtnis, Berlin 1995, 77–94.