Nach dieser großen Zeit

Kritische Theorie und Psychoanalyse nach dem Ersten Weltkrieg

Als die Mehrzahl der europäischen Staaten mit Gejohle und Geschrei in den Krieg zog, entschied sich Karl Kraus zu schweigen. »[I]n dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.« Vorerst stellte Kraus Die Fackel tatsächlich ein. Als die Zeitschrift ab November 1918 doch wieder erschien, begann er mit der Arbeit an einem Werk, das ihm einzig dem »Weltuntergang« angemessen erschien und in der Sprache zu bannen versuchte, was zum Schweigen gezwungen hatte. Die letzten Tage der Menschheit, eine Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, besteht aus über 200 losen Szenen und wurde noch nie komplett aufgeführt. »Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos«, so wie die »Tragödie der Menschheit« als die Kraus den Weltkrieg begriff.

Gleichfalls in Wien, aber anders als Kraus, hatte sich Sigmund Freud von der »lauten Zeit« durchaus betäuben lassen. »[Z]um ersten Mal seit dreißig Jahren«, so heißt es 1914 in einem Brief an Karl Abraham, fühle er sich »als Österreicher«. Freuds Haltung zum Krieg wurde jedoch zunehmend ambivalenter, bis er sich schließlich ganz als Pazifist begriff. Der Schock war nicht nur persönlicher Art – sein Sohn wurde an der Front verwundet –, sondern berührte das Zentrum seiner Theorie. Die Brutalität, Intensität und Dauer der Gewalt schien eine der grundsätzlichen Annahmen der Psychoanalyse infrage zu stellen. Konzentriert auf die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft in ihrem Inneren, hatte Freud bisher versucht, die psychische Konstitution des Subjekts aus dem Lustprinzip, der Libido, zu erklären. Wie war es unter diesen Vorzeichen möglich, dass sich Abertausende von Menschen freiwillig und begeistert in einen Krieg ungekannten Ausmaßes stürzten? Aus dieser Frage wurde bereits in der Vorlesung des Wintersemesters 1916/17 eine rhetorische: »Glauben Sie wirklich, dass es einer Handvoll gewissenloser Streber und Verführer geglückt wäre, all diese bösen Geister zu entfesseln, wenn die Millionen von Geführten nicht mitschuldig wären? Getrauen Sie sich auch unter diesen Verhältnissen, für den Ausschluss des Bösen aus der seelischen Konstitution des Menschen eine Lanze zu brechen?«

Dass es sich bei den Kriegshandlungen von 1914 bis 1918 um einen Weltkrieg handelte, der bald von einem zweiten gefolgt werden sollte, war damals freilich nicht abzusehen. Als gut 20 Jahre später die Welt erneut von einem durch Deutschland verantworteten Krieg heimgesucht wurde, schlossen sich beide Ereignisse für Theodor W. Adorno zu einer einzigen Katastrophe zusammen. »Karl Kraus tat recht daran, sein Stück ›Die letzten Tage der Menschheit‹ zu nennen«, schrieb Adorno 1944 im amerikanischen Exil. »Was heute geschieht, müsste ›Nach Weltuntergang‹ heißen.« Der Schatten, der von den vierziger Jahren auf die Vergangenheit zurückfiel, reichte bis in die Zeit vormoderner Kriege. »Wie der Dreißigjährige, so zerfällt auch dieser Krieg, an dessen Anfang sich schon keiner mehr erinnern kann, wenn er zu Ende sein wird, in diskontinuierliche, durch leere Pausen getrennte Feldzüge.« Der Dreißigjährige Krieg, der Erste und der Zweite Weltkrieg sind Wegmarken einer Geschichte der Gewalt, die – wenn auch auf verschiedenen Ebenen – sowohl in der Kritischen Theorie als auch in der Psychoanalyse ihre Verarbeitung findet. Beide reflektieren auf unterschiedliche Weise die »Unangemessenheit des Leibes an die Materialschlacht« und den profunden Zweifel am aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Gedanken des Fortschritts. Die im Ersten Weltkrieg aufkeimende Ahnung, dass die Menschheit zum Schlimmsten fähig ist, bestätigte schließlich der Nationalsozialismus. Was in der Rückschau als seine Vorgeschichte erschien, hatte allerdings durchaus mehrere Ebenen. Während die Bolschewisierung der Russischen Revolution die vermeintlich progressive Funktion des Proletariats infrage stellte, offenbarte die Massenmobilisierung des Ersten Weltkriegs vor allem das regressive Potenzial des Bürgertums. Dass die Kritische Theorie im Rahmen des Instituts für Sozialforschung früh versuchte sozialpsychologische Reflexionen einzubinden, war ein Versuch, nicht nur diesen Hang zum Schlimmeren begreiflich zu machen, sondern auch, was die Subjekte überhaupt in einer unvernünftigen Gesellschaft hält. Sigmund Freud, auf dessen Psychoanalyse sich die Kritische Theorie maßgeblich bezog, sah sich unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs gezwungen, das begriffliche Universum seiner Psychoanalyse nahezu komplett zu revidieren und zur Kulturtheorie zu erweitern; das Spekulative dieser Schriften verfolgt das Werk Freuds bis heute im Vorwurf des Unwissenschaftlichen. Wie weit der Gedanke eines »Todestriebs«, so Freuds Chiffre für das Destruktionspotenzial des Menschen allerdings an das Unbegreifliche heranreicht, ohne es freilich ganz fassen zu können, ist dabei selten zur Kenntnis genommen worden.

A History of Violence

Mit der ironisch eingenommenen Perspektive des Einfältigen zeugt Der Abenteuerliche Simplicissimus vom vormodernen Gewaltexzess par excellence, dem Dreißigjährigen Krieg. Von 1618 bis 1648 kam es in Europa zu Kampfhandlungen, deren Brutalität selbst in der Schilderung des vermeintlich naiven Simplicius kaum an Drastik verlieren. »Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib; das nannten sie einen schwedischen Trunk«. Die zur damaligen Zeit ungekannte Gewalt des immer wieder von Pausen unterbrochenen Krieges, erweist sich in der Rückschau allerdings als noch einigermaßen begrenzt. Nach Innen war den siegreichen Soldaten – an Soldatinnen war damals kaum zu denken – vom Plündern und Brandschatzen bis zum Vergewaltigen und Töten alles erlaubt. Die Grenze der Gewalt bestand vielmehr im Verhältnis nach Außen. Räumlich konzentrierte sich die Gewalt in der Stadt oder der Burg, zeitlich auf die Dauer weniger Tage wonach sich die Soldaten wieder in ihrem Heer einfinden mussten.

Im Ersten Weltkrieg wurde das Schlachtfeld geographisch erweitert und die Brutalität intensiviert; allein die Zahl der in den Krieg Involvierten sprengte jede bis dato bekannte Dimension. Sechs Millionen Soldaten erhielten Anfang August 1914 ihren Marschbefehl. Allein in den ersten fünf Monaten gab es auf Seiten der Deutschen eine Millionen Opfer, bei den Franzosen waren es in den ersten zwei Wochen 300.000. Vgl. Modris Eksteins, The Rites of Spring. The Great War and the Birth of the Modern Age, New York 1990, 101ff. Das Bild vom Ersten Weltkrieg ist bis heute geprägt von den Assoziationen, die sich mit der Chiffre »Verdun« verbinden: endlose Gefechte in Schützengräben, Stellungskrieg, die »Dicke Bertha«, Giftgas, brutaler Stillstand. Die Zermürbungstaktik war eine Erfindung der Deutschen und auch der erste Einsatz von Giftgas, der seit 1899 verboten war, ging von ihnen aus. Vgl. ebd., 161.Verallgemeinerbar sind die Kampfhandlungen an der Westfront allerdings nicht; die Pattsituation, in der sich die verfeindeten Armeen befanden, sorgte paradoxerweise für eine räumliche Einhegung der Gewalt auf dem Schlachtfeld. Im Osten wiederum marodierten die deutschen Truppen mit einem, wie es ein Teilnehmer der Zerstörungsaktionen beschrieb, »quälende[n], aus allen Winkeln unserer Herzen peitschende[n] Drang.« Zit. nach Reemtsma, Vertrauen und Gewalt, 338.

Und dennoch steht Verdun paradigmatisch für den Ersten Weltkrieg. Wenn Adorno davon sprach, dass die »Unangemessenheit des Leibes an die Materialschlacht eigentliche Erfahrung unmöglich« machte, so hatte er dabei die Bilder und Berichte aus den Schützengräben vor Augen; ohrenbetäubender Lärm, eine Reduktion des Menschen auf instinkthaftes Verhalten in einer Umgebung, in der der Kampf gegen die Elemente und die Krankheiten verbreitenden Ratten mindestens so viele Opfer forderte, wie das Gefecht selbst.   Es sind diese Ereignisse, die in Ernst Jüngers In Stahlgewittern (1920) ihre romantisierende, regressive literarischer Verarbeitung fanden. »Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle eine starke Zugehörigkeit zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm verwachsen.«

In den geo- und kulturpolitischen Deutungen Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland das Land der Moderne und ein künstlerisches Zentrum. Großbritannien kam die Rolle der konservativen Kraft zu. Beide Mächte brachten demnach auch unterschiedliche Strategien der Legitimation hervor, beiden ging es um mehr als nur einen militärischen Sieg. Für die Deutschen stand die zum ästhetischen Erlebnis überhöhte Mission der Kultur auf dem Spiel, deren Verkörperung die deutsche Nation sein sollte. Die Rede von der »Heimatfront« war eine Neuschöpfung jener Zeit. Der Krieg der Deutschen war ein geistiger, ja fast schon spiritueller Kampf, ein Wagnersches Gesamtkunstwerk, das alle gesellschaftlichen Konflikte der Zeit neutralisieren sollte. Die Briten wiederum wollten gerade jene zivilisatorischen, bürgerlichen Tugenden von Sicherheit, Ordnung und Stabilität erhalten, die die historischen Avantgarden bereits vor dem Krieg attackiert hatten.

Es waren vor allem Intellektuelle wie Ernst Jünger, die den Krieg zu einem Erweckungserlebnis stilisierten und die noch das Offensichtliche leugneten oder rechtfertigten. 1914 erschien das Manifest der 93, unterzeichnet unter anderem von dem Theologen Adolf von Harnack, dem Komponisten Engelbert Humperdinck und dem Dramatiker Gerhart Hauptmann. Unter dem Titel Aufruf an die Kulturwelt erhob die Kulturelite »Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten.« Das Deutsche Kaiserreich und seine Armee, so das Manifest, hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Mit der Begeisterung der Intelligenz korrespondierte, dass es sich bei dem Krieg von 1914 bis 1918, so Modris Eksteins, um den ersten Krieg der Mittelklasse gehandelt hatte. Nicht nur die Armen wurden auf den Schlachtfeldern im Osten und Westen verheizt, sondern zu großem Teil jene, die relativen Wohlstand und Sicherheit für die Verteidigung des deutschen Kampfes im Namen der Kultur zu opfern bereit waren. »Während es sich bei früheren Kriegen und dynastische, feudale und aristokratische Interessenkonflikte gehandelt hatte, war der Erste Weltkrieg der erste große Krieg der Bourgeoisie.«   Die Werte des Bürgertums wurden zum Maßstab seiner Beurteilung: Pflicht, Standhaftigkeit, Erfolg.

Was treibt?

In diesem Sinne schreibt am 5. August 1914 ein junges Mädchen aus bürgerlichem Hause einen Brief an ihren ebenso situierten Freund. »Krieg – was schließt dieser Begriff nicht alles ein, wie viele ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten, die tief in der Menschenbrust ruhten, lockt nicht der Klang dieses Wortes ans Tageslicht: Mut und Liebe, heiligste Empörung und die unerschütterliche Treue paaren sich in den Herzen und ein hohes Ziel steht vor den Augen des ganzen Volkes.« Die Antwort des Freundes am 8. August ist nicht nur verhalten, sie ist geradezu erbost. »Warum entspringt eine einzige große Dummheit aus dem Wachsen der ganzen Welt? […] Volk ist ja ein bloßer Begriff, und nur die Individuen sind real […] Du redest begeistert vom Kriege – ich verdamme ihn aus meinem ganzen Innern«. Luise reagiert auf die Antwort ihres Freundes Walter verwirrt, wenn nicht gar angegriffen. Noch einige Male geht der Briefwechsel hin und her. Walter wird schließlich an die Front geschickt, sendet bis zuletzt Nachrichten an Luise. Die Berichte sind das Gegenteil von den Elegien Erich Jüngers. »Und sie schlagen und stechen sich tot. Wütend, erbittert wird gemordet, greuliche Wunden klaffen, Rauch qualmt in den Straßen, Leichen liegen am Boden, Sterbende ächzen.«

Der Briefwechsel ist ein fiktives Dokument aus dem Frühwerk eines Denkers, der später jener Tradition einen Namen geben sollte, die im Frankfurter Institut für Sozialforschung ihre Anfänge nahm: Max Horkheimer. Krieg, so der Name der Geschichte, ist von durchaus jugendlichem Pathos und zuweilen bemühten romantischen Formen getragen. Doch er legt offen, was einer über den Krieg dachte, der ihm durch Zufall entgangen war. In sein Tagebuch schrieb Horkheimer 1916: »Der Krieg ist häßlich, seine Lobredner sind Betrüger oder Betrogene, sie sind Mörder, denn sie vergießen Blut. Ich hasse ihre dummen, dicken Gesichter mit den mächtigen Knochen und den harten Zügen.«   Ein Jahr später wurde Horkheimer eingezogen, bald darauf allerdings aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Repräsentativ ist seine Biographie mit Blick auf die anderen Vertreter der Kritischen Theorie nur bedingt. Wurde Horkheimer aufgrund einer Krankheit vom Krieg verschont, so der 1903 geborene Adorno schlicht aufgrund seines Alters. Marcuse hingegen diente im letzten Jahr des Krieges und wurde während der Novemberrevolution in einen Berliner Soldatenrat gewählt. Auch Leo Löwenthal leistete gegen Ende des Ersten Weltkrieges seinen Militärdienst; die Stationierung in einem Arbeitsregiment empfand Löwenthal als derart bedrückend, dass er sich freiwillig (aber erfolglos) an die Front meldete. Was die vier kurzen Biographien jener deutsch-jüdischen Söhne aus bürgerlichen Elternhäusern zeigen, ist ein Moment der Kontingenz zwischen Sozialisation und der Haltung zum Krieg. Weder ihre bürgerliche noch ihre jüdische Herkunft hat notwendig dafür gesorgt, dass sie den Krieg ablehnten.

Sie vereint jedoch, dass ihre intellektuell prägende Zeit mit dem Ende des Ersten Weltkrieges erst begann und unter dessen Eindruck stand. Vor dem Hintergrund der enormen Bedeutung, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg in der Kritischen Theorie spielen, wird der mögliche Einfluss des Ersten gern vergessen. Das mag auch damit zu tun haben, dass seine Spuren in den Schriften Adornos, Horkheimer et al. eher subtil sind, ja dass die Ereignisse von 1914 nicht selten als Station einer Geschichte der Gewalt evoziert werden, die in die Vergangenheit und die Zukunft zugleich verweist. Worin sich der Erste Weltkrieg für die Kritische Theorie aber vor allem Geltung verschafft, auch dort wo er nicht explizit erwähnt wird, sind die Fragen, die an die bürgerliche Gesellschaft gestellt wurden.

Noch bevor die sukzessive Brutalisierung und Stalinisierung der Russischen Revolution das sowieso nur zaghafte Vertrauen in die Arbeiterklasse brach, hatten bereits die Ereignisse von 1914ff. bei Horkheimer zu der Frage geführt, wie sich das Subjekt derart gegen den eigenen Drang nach Selbsterhaltung verkehren konnte, oder, in den Worten des Briefeschreibers Walter, wie schafft es »die ›menschliche‹ Gesellschaft überhaupt […] ihre Mitglieder so glänzend zu organisieren«? In dieser Frage war bereits angelegt, was die Kritische Theorie in verschiedenen Variationen immer wieder beschäftigen sollte. Die massenhafte Mobilisierung der Volksgenossen an die Front im Osten und Westen war der Extremfall, der ein Licht auf den Normalzustand warf. Dass sich die individuelle Praxis der einzelnen Subjekte durch ihre Organisation in einem warenproduzierenden- und tauschenden System zu einem universellen »Verblendungszusammenhang« verdichtet, der sich zwar begreifen, nicht aber hintergehen lässt, lernte die Kritische Theorie erst in der Lektüre der Marxschen Schriften.

Diese Denkbewegung, die aus dem Ausnahmezustand auf die Brüchigkeit des vermeintlich gesitteten Alltags schloss, vollzog sich erneut, als dem Ersten Weltkrieg ein zweiter folgte und endgültig offenlegte, welches Gewaltpotenzial sich durch die Risse der bürgerlichen Konstitution entladen konnte. Das machte auch jene Theorie fraglich, von der die Frankfurter Theoretiker entscheidendes über den Prozess der Vergesellschaftung gelernt hatte: die Psychoanalyse. »In der Ära der großen Konzerne und Weltkriege aber erweist sich die Vermittlung des Gesellschaftsprozesses durch die zahllosen Monaden hindurch als rückständig«, schrieben Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung. »Die Subjekte der Triebökonomie werden psychologisch expropriiert und diese rationeller von der Gesellschaft selbst betrieben. Was der Einzelne jeweils tun soll, braucht er sich nicht erst mehr in einer schmerzhaften inneren Dialektik von Gewissen, Selbsterhaltung und Trieben abzuringen.« Die Psychoanalyse – damals noch unter dem Stichwort Psychologie – war in die Kritische Theorie einbezogen worden, um zu erklären, warum die Menschen an einem schlichtweg irrationalen System festhalten, anstatt die Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Mit der zugespitzten These einer vollkommenen Identität von Gesellschaft und Ökonomie wurde obsolet, was die Psychoanalyse einst relevant gemacht hatte. Nicht bloß die Ideologie halte die Subjekte in Fesseln, so Horkheimer, sondern die »psychische Gesamtstruktur dieser Gruppen […]. Die Psychologie wird daher zu diesen tieferliegenden Faktoren, mittels deren die Ökonomie die Menschen bestimmt, vorzustoßen haben, sie wird weitgehend Psychologie des Unbewußten sein.«

Todestrieb

Für die Kritische Theorie schien sich die Erfahrung des Ersten Weltkrieges immer dann zu aktualisieren, wenn das destruktive Potenzial der bürgerlichen Gesellschaft deutlich wurde, zuvorderst also während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. »Seit dem ersten Weltkrieg ist das Bewusstsein der permanenten Krise nicht geschwunden«, so Adorno noch 1959. Sigmund Freud jedoch sah sich gezwungen, unmittelbar auf die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« (G.F. Kennan) zu reagieren und revidierte nicht weniger als seine ganze Theorie, an der er seit Mitte der 1890er Jahre gearbeitet hatte. Was Walter Benjamin als »Erfahrungsarmut« beschrieben hatte, die Gebrochenheit und Beschädigung der aus dem Krieg Zurückgekehrten, konnte Freud aus erster Hand beobachten. Hier – zuerst an den sogenannten »Kriegszitterern« – aktualisierte sich für Freud ein Begriff, den er bisher zwar durchaus systematisch behandelt, allerdings eher in der Infantilität angesiedelt hatte: der Begriff des Traumas. Die Kriegsneurosen stellten eine der zentralen Thesen der Psychoanalyse infrage, nämlich das neurotische Störungen vornehmlich innerpsychische Ursachen haben, also aus der psychischen Konstitution des Subjekts selbst abzuleiten seien. Schon darin hatte damals der Skandal der Theorie Freuds gelegen: Dass das vermeintlich souveräne bürgerliche Individuum nicht »Herr im eigenen Haus« ist, sondern vielmehr einer komplexen Dynamik aus unbewussten Trieben, verinnerlichten Idealen unterlag, die noch dazu ihren Grund in der Sexualität haben sollte, das wollte Anfang des 20. Jahrhunderts nicht akzeptiert werden.

Freud hatte sich, wie viele seiner Zeit, zu Anfang durchaus vom Krieg begeistert und patriotisch gezeigt. Doch bereits 1915 schreibt er in Zeitgemäßes über Krieg und Tod: »Es will uns scheinen, als hätte noch niemals ein Ereignis so viel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe erniedrigt.« Die Kriegsneurosen, mit denen Freud in der Folge konfrontiert war, ließen sich nicht als Resultat eines Ich-Konflikts beschreiben. Mehr noch: Während Freud bisher davon ausgegangen war, dass der Traum, dem er sich in der Traumdeutung (1900) ausführlich gewidmet hatte, Ausdruck von Wunscherfüllung sei, musste er diese These angesichts der immer wiederkehrenden Alpträume unter den Kriegsheimkehrern revidieren. Aus einer monistischen Triebtheorie, die das Seelenleben aus einem singulären Trieb erklären wollte – der Libido –, wurde ein dualistisches Modell. »Wir nehmen an«, so erklärte Freud 1931 Albert Einstein, dass »die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen […] und andere, die zerstören und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder Destruktionstrieb zusammen.«

Das erste Mal systematisch formuliert hatte Freud diesen Dualismus in Jenseits des Lustprinzips (1920). »Der schreckliche, eben jetzt erst abgelaufene Krieg«, so Freud, war die Ursache einer Vielzahl von traumatische Neurosen, die sich nicht alle durch die äußere Einwirkung von Gewalt erklären ließen. Das Traumleben der Geschädigten zeigte, dass diese beständig in die traumatisierende Situation zurückgebracht wurden. »Darüber verwundert man sich viel zuwenig.« Freud deutete die Wiederholung des Schreckens als einen Bewältigungsmechanismus der Psyche, in dem das Geschehen sich gleichsam angeeignet und in die eigene Regie genommen werden konnte. Während sich bei positiven Erlebnissen der »Wiederholungszwang« problemlos mit der These von der Existenz eines Triebes erklären lässt, nötigte die Reinszenierung des Schreckens, also die Verdrängung des Lustprinzips, Freud zu einer »weitausholenden[n] Spekulation«.  Alle Triebe, so Freud, seien im Grunde konservativ, insofern als sie »Früheres wiederherstellen wollen«.

Wenn das Leben aber aus dem Anorganischen hervorgegangen ist, so müsse der Trieb notwendig auf diesen früheren Zustand zielen. Nach dieser Logik sah sich Freud gezwungen, neben dem Sexualtrieb einen zweiten anzunehmen, den Todestrieb. Diesem Trieb, sofern er sich im Gegensatz zum Lustprinzip befand, bescheinigte Freud einen geradezu »dämonischen Charakter«. Die Libido galt ihm fortan als jene Instanz, die den Todestrieb zivilisatorisch in Schach hält; ein prekäres, immer wieder dramatischen Schwankungen unterliegendes Verhältnis, das er in seinen kulturtheoretischen Schriften weiter zu verdeutlichen suchte. Tatsächlich war der Todestrieb eine spekulative Notlösung. Weil der Trieb, wie er ihn zuvor konzipierte, den Spannungsabbau will, musste Freud diese Logik zu Ende denken und das Ende jeder Spannung mit dem Tod gleichsetzen. Ob die Neigung der Menschen zu Gewalt damit hinreichend erklärt ist, sei dahingestellt. Deutlich wird aber, dass Freud unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs eines Destruktionspotenzials gewahr wurde, das auch die bürgerliche Gesellschaft nicht vollständig zivilisieren konnte.

Unter Alltag schlummert die Gewalt

Was Sigmund Freud in Jenseits des Lustprinzips ausgeführt hatte, taucht 1951, nach dem Zweiten Weltkrieg, in Adornos Minima Moralia wieder auf. Die Kriegsneurosen, die späten Kriegserinnerungen und jene, die schlicht und einfach stumm blieben, bilden das Vorbild für eine Verdichtung der zwei großen Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. »Das lange Intervall zwischen den Kriegsmemoiren und dem Friedensschluß ist nicht zufällig: es legt Zeugnis ab von der mühsamen Rekonstruktion der Erinnerung, der in all jenen Büchern etwas Ohnmächtiges und selbst Unechtes gesellt bleibt, gleichgültig, durch welche Schrecken die Berichtenden hindurchgingen.«

Was der Krawall des Ersten Weltkrieges bereits angekündigt hat – der echte wie der metaphorische – wird für Adorno zum allgemeinen Signum einer Epoche. Die Rede vom »Reizschutz«, der durchbrochen wurde und unter dem Erfahrung sich allein bilden kann, ist eine Wiederholung von Freuds Neukonzeptionalisierung der Psychoanalyse in Jenseits des Lustprinzips und Benjamins kleiner Schrift »Erfahrung und Armut«. Was auf den Krieg gemünzt war, wurde für Adorno und Sigmund Freud nun das Charakteristikum der Normalität. »Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischenräume klaffen. Nichts aber ist vielleicht verhängnisvoller für die Zukunft, als daß im wörtlichen Sinn bald keiner mehr wird daran denken können, denn jedes Trauma, jeder unbewältigte Schock der Zurückkehrenden ist ein Ferment kommender Destruktion.«

 

 

~ Von alter Schrotfels. Der Autor lebt in Leipzig.

Fußnoten

  1. Karl Kraus, In dieser großen Zeit, Auswahl 1914–25, Berlin 1971, 9.
  2. Ders., Die letzten Tage der Menschheit, Frankfurt a.M. 1986, 9.
  3. Sigmund Freud/Karl Abraham, Briefe. 1907–1926, Frankfurt a.M. 1965, 180.
  4. Sigmund Freud, Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse, Studienausgabe, Bd. 1, 157.
  5. Theodor W. Adorno, Minima Moralia, 61.
  6. Ebd., 60.
  7. Ebd.
  8. H. J. Chr. von Grimmelshausen, Der Abenteuerliche Simplicissimus, Berlin 1955, 18.
  9. Vgl. Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2009, 194.
  10. Eksteins, Rites of Spring, 171.
  11. Ernst Jünger, In Stahlgewittern, Stuttgart 1978, 58.
  12. Vgl. Eksteins, Rites of Spring, 62.
  13. Aufruf an die Kulturwelt, Aufruf an die Kulturwelt, http://www.nernst.de/kulturwelt.htm.
  14. Vgl. Eksteins, Rites of Spring, 177.
  15. Ebd. [Übers. W.S.]
  16. Zit. nach Max Horkheimer, Aus der Pubertät. Novellen und Tagebücher, München 1974, 11.
  17. Ebd., 13f.
  18. Ebd., 45.
  19. Ebd., 156.
  20. Ebd., 30.
  21. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 3, Darmstadt 1998, 229.
  22. Max Horkheimer, Geschichte und Psychologie, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a.M. 1988, 48-69, hier 59.
  23. Vgl. J. Laplanche/J.B. Pontalis, Vokabular der Psychoanalyse, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1973, 517.
  24. Vgl. dazu ausführlich Micha Brumlik, Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts, Weinheim/Base 2006, 151ff.
  25. Sigmund Freud, Warum Krieg?, Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt a.M. 2000, 271–286, hier
  26. Ebd., 281.
  27. Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, Studienausgabe, Bd. III, 213–272, hier 222.
  28. Ebd., 223.
  29. Ebd., 234.
  30. Ebd., 248.
  31. Ebd., 245.
  32. Eine alternative Deutung des Todestriebes bietet Christoph Türcke. Vgl. Bündnispartner eines emphatischen Utopiebegriffs, Interview mit Christoph Türcke, Phase 2.41.
  33. Adorno, Minima Moralia, 60.
  34. Ebd.