Motive des Scheiterns und Funktionierens

Eine kritische Geschichte utopischer Familienentwürfe

Die sozialistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. haben die bürgerliche Familie, die wichtigste aller traditionellen Gemeinschaftsformen, aus je unterschiedlichen Gründen in Frage gestellt. Obwohl es naheliegt, dass eine sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft andere gesellschaftliche und persönliche Beziehungsformen herstellen muss, sind die meisten dahingehenden Versuche bisher gescheitert. Im Folgenden wird das Scheitern und Funktionieren alternativer Familienkonzepte am Beispiel der frühen Sowjetunion und der Kibbuzbewegung erzählt, ohne dass dabei der Begriff des Scheiterns das Modell der bürgerlichen Familie als Ideal affirmieren soll.

Familie und Arbeiterbewegung: Transformation eines psycho-ökonomischen Systems

Die Leitgedanken für eine »andere Familie« im Umfeld des Sozialismus setzten sich aus Friedrich Engels Interpretation des historischen Materialismus und seinem Text Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates zusammen. In dieser historischen Untersuchung widmet Engels sich dem Zusammenhang von Familienformen und gesellschaftlichen Produktions- und Eigentumsformen. Er übernimmt darin Lewis Henry Morgans Teleologie »Wildheit-Barbarei-Zivilisation«. Morgans scheinbar klar zum Fortschritt gewandte Systematik ist Engels jedoch gleichzeitig suspekt, weshalb er sie – ganz dem historischen Materialsimus verpflichtet – zu ihrer eigenen Überwindung hindrängend begreift. Sein versammelter Hass gilt dabei der »zivilisierten« Eigentumsform der bürgerlichen Familie als Kern einer die gesamte Gesellschaft strukturierenden Lebensform des Privateigentums: »Die der Zivilisation entsprechende und mit ihr definitiv zur Herrschaft kommende Familienform ist die Monogamie, die Herrschaft des Mannes über die Frau, und die Einzelfamilie als wirtschaftliche Einheit der Gesellschaft. Die Zusammenfassung der zivilisierten Gesellschaft ist der Staat, der in allen mustergültigen Perioden ausnahmslos der Staat der herrschenden Klasse ist und in allen Fällen wesentlich Maschine zur Niederhaltung der unterdrückten, ausgebeuteten Klasse bleibt.«?

Scheinbar lapidar wird die Problematik der bürgerlichen Familie von Engels als hierarchisches Geschlechterverhältnis und ihre rechtliche Grundlage in der ehelichen Monogamie kritisiert. Daran anschließend lässt sich jedoch eine Staatskritik entwickeln, die verstanden hat, dass die Veränderung der Gesellschaft nicht nur Produktionsmittel betrifft, sondern auch die Familie als wirtschaftliche, soziale und vergeschlechtlichte Einheit transformieren muss. Die Kritik an der bürgerlichen Familie ist ein umfassendes Konzept, weil sie sowohl die juristische Eigentumsgemeinschaft, die patriarchal hierarchische Struktur, damit aber auch die Sozialisationsinstanz nach innen und das feindlich ausschließende Verhältnis nach außen gleichzeitig betrifft.

Die Analyse dieser Zusammenhänge ist bis heute für eine antikapitalistische Kritik der bürgerlichen Familie aktuell. Problematisch an der bürgerlichen Familie ist das psycho-ökonomische Verhältnis zur Konkurrenz der Gesellschaft, in der sie als sogenanntes Reich der Freiheit dem Reich der Notwendigkeit in der Öffentlichkeit gegenübersteht. Widerlich ist daran die klare »Innen hui und außen pfui«-Trennung bzw. das komplementäre, feindliche und vermeintlich unpolitische Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, die das Resultat der Verallgemeinerung des Prinzips Privat-Eigentum im Kapitalismus ist. Wer von der Konkurrenz im Berufsleben frustriert ist, versucht halt mit seiner Familie gegen den Rest der Welt klar zu kommen.

Dass in einer feindlichen Umgeben, die auf gegenseitiger Konkurrenz von doppelt freien Privateigentümern beruht, die Verhältnisse innerhalb der Privatleben dieser Konkurrenten nicht halb so gewaltfrei und empathisch verlaufen müssen, wie sich vermutlich alle Beteiligten das wünschen, ist nur naheliegend. Der Rückzug in autoritär disziplinierende Entscheidungsformen hat sein Vorbild in den Erfahrungen mit der außerfamiliären Umwelt, die erduldet werden muss und zuhause nicht einfach ausgeklammert werden kann. Nicht zuletzt ist auch die als normal geltende ausschließliche Abhängigkeit der Kinder von ihren Eltern eine Auslieferung ersterer an die individuell psychischen und sozialen Kompetenzen aber auch die Mängel letzterer.

Dennoch wird, was innerhalb der Familie passiert, häufig präfeministisch als Liebe bezeichnet. Nüchtern betrachtet handelte es sich aber in den meisten Fällen um eine geschlechtlich asymmetrische Aufteilung von Haus- und Sorgearbeit. Die Familie steht der Gesellschaft komplementär ergänzend gegenüber, weil hier die Individuen als bedürftige Menschen und Mitglieder zählen, außerhalb jedoch als Vertragspartner in der Konkurrenz Erwerbsarbeit verrichten müssen. Da die Familie als ökonomische Einheit auf Einkommen angewiesen ist, das in den meisten Fällen außerhalb verdient werden muss, erwächst zwangsläufig ein ambivalentes Verhältnis der Familienmitglieder zwischen den Tätigkeiten der Lohnarbeit und jenen nicht bezahlten Tätigkeiten im Innern der Familie, die gleichzeitig als unbezahlbar und unproduktiv, überbewertet und abgewertet erscheinen. Diese auf das Prinzip Eigentum zentrierte linksradikale und feministische Kritik am System der bürgerlichen Familie ist den sozialen Bewegungen des frühen 20. Jahrhundert und der neuen Linken nach 1968 gemeinsam. Es geht um eine Transformation mit dem Ziel der Öffnung der ökonomischen, pädagogischen und psychologischen Verhältnisse der Familie.

Damit ist aber auch klar, dass dies nicht nur durch individuelles Verhalten, sondern nur als kollektive bzw. gesellschaftliche Strategie erreicht werden kann. Zwei Dimensionen lassen sich unterscheiden: Erstens werden reproduktive Arbeiten als gesellschaftlich zu organisierende Angelegenheiten aufgefasst, um die geschlechtlich stereotypisierte Verteilung und gleichzeitige Abwertung dieser Tätigkeiten aufzubrechen. Zweitens werden Beziehungs- und Erziehungsformen, z.B. Monogamie, verstanden als Eigentum an Geschlechtspartner_innen und Kindern, als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung verstanden. Verantwortung und Aushandlung von Erziehungsprinzipien gegenüber den Bedürfnissen von Kindern, Kranker, Ermüdeter werden nicht auf Grundlage biologischer Verwandtschaftsbeziehungen organisiert, sondern möglichst auf Freund_innen, Nachbar_innen und Institutionen ausgeweitet.

Transformationsmodell : Vom Absterben der Familie zur Familie als gesellschaftliche Industrie

Dennoch haben sich aus heutiger Perspektive funktionalistische Modelle einer anderen Familie, die in der Vorstellung einer gesellschaftlich gewordenen Industrie gipfeln, als problematisch erwiesen. Noch Engels schrieb: »Mit dem Übergang der Produktionsmittel in Gemeineigentum hört die Einzelfamilie auf, wirtschaftliche Einheit der Gesellschaft zu sein. Die Privathaushaltung verwandelt sich in eine gesellschaftliche Industrie. Die Pflege und Erziehung der Kinder wird öffentliche Angelegenheit.«? Die Funktionen der familiären Einheit sollten auf die Gesellschaft übertragen werden und auf diese Weise ihren privativ ausschließenden Charakter verlieren. Das Vorbild für die angestrebten Veränderungen ihrer Organisation stammte aus der industriellen Produktion. Damit blieb jedoch das abfällige Urteil über Hausarbeit als unproduktive, kleinbürgerliche und herabdrückende Tätigkeit (Lenin) in der Vorstellung einer alternativen Familienstruktur erhalten.

Knapp 40 Jahre nach den Stichworten von Engels über das »Absterben des Staates« und der Familie nahm Alexandra Kollontai seine Vision in ihre Politik für die sowjetische Revolution auf. Als Aktivistin und Politikerin im Zentralkomitee entwickelte Kollontai ab 1919 eine äußerst liberale und feministisch orientierte Familien-Politik, die z.B. vereinfachte Scheidung, Abtreibung und Alimente beinhaltete. Die Scheidung wurde für kurze Zeit in der Sowjetunion zu einem rein formalen Akt, der schriftlich von einer Seite bekundet und von der anderen Seite angenommen werden musste. Erstaunlich mag daran scheinen, dass eine Lebenspartnerschaft so einfach und schnell zu beenden war; damit wurde jedoch auch klargestellt, dass kein Mensch Eigentum eines anderen ist. An die Stelle der Familie wollte Kollontai die neue sowjetische Gesellschaft setzen, die alle Aufgaben der Familie übernehmen sollte. Alle vormals häuslichen Arbeiten sollten durch Kommune-Häuser, Kantinen, Kindertagesstätten, und kommunale Hausreinigungsteams zentralisiert und rationalisiert werden, um damit Frauen Zeit für »produktive« industrielle und politische Arbeit zu ermöglichen.

Bekanntlich sind jedoch weder der sowjetische Staat noch die Kleinfamilie in der Folgezeit abgestorben. Denn entgegen Kollontais Entwurf hatte sich um 1932 die stalinsche Doktrin einer Politik der Festigung der Familie durchgesetzt. Mit der stalinschen Politik der forcierten Indus-trialisierung, die mit der Festigung der Familie einherging, wurde das revolutionäre Potential der Sowjetunion endgültig stillgestellt. Auch die bis dahin breite und widerspruchsreiche gesellschaftliche Diskussion über neue Beziehungs- und Lebensformen wurde autoritär beendet, bzw. ihre Vertreter_innen zum Großteil in den Schauprozessen umgebracht oder wie Kollontai als Diplomat_innen ins Ausland geschickt.

Erklärtes Ziel der Politik zur »Festigung der Familie« war nicht zu Letzt die Steigerung der Geburtenrate. So wurde Abtreibung erneut verboten und Frauen ohne Kinder gesellschaftlich als bemitleidenswert stigmatisiert, da sie keine gesunden sowjetischen Held_innen heranziehen konnten. In den bildungspolitischen Prämissen der frühsowjetischen Periode herrschte weitgehende Einigkeit über das Ziel, die erzieherischen Funktionen der Familie soweit als möglich einzuschränken und staatlichen Institutionen zu übertragen. Wie sehr Kinder zu diesem Ziel jedoch tatsächlich aus der Familie herausgenommen werden sollten, war von Beginn an umstritten. Die mit dieser Lebensform korrespondierenden zahlreich geplanten Kommune-Häuser wurden ab ca. 1932 nicht mehr gebaut oder wieder traditionell familiär genutzt. Mit dem politischen Programm des schnellen Aufbaus des Sozialismus durch forcierte Industrialisierung setzten sich in der Sowjetunion zunehmend wieder normative Geschlechtscharaktere durch, die die Bedeutung der Frau als Hausfrau und Mutter hervorhoben.

Die Familie entwickelte sich in der Folgezeit zu einer Institution mit großen Ähnlichkeiten zu ihrer Funktion in den kapitalistischen Industriegesellschaften. Das Individuum sollte in der Familie zwar an die Werte der Gesellschaft angepasst werden, gleichzeitig jedoch trug die Kleinfamilie zu einer strukturell konservativen Abschottung gegenüber dieser Gesellschaft bei. Der Rückzug ins Private blieb analog zur klassisch bürgerlichen Werteordnung der Ort an dem vor den Anforderungen der Gesellschaft ein Reich der Freiheit und Ruhe gesucht wurde. Ein wesentlicher Unterschied zum kapitalistischen Westen blieb mit der staatlich organisierten umfassenden Kinderbetreuung, die zum erwünschten Ziel einer sehr hohen Quote erwerbstätiger Frauen beitrug, jedoch über die 1930er Jahre hinaus bestehen. Doch änderte das nichts daran, dass die Idee einer anderen Familie im Realsozialismus – und damit auch das Projekt einer kommunistischen Gesellschaft – spätestens ab 1936 gescheitert war.

Die sich durchsetzenden Maximen von Stalin können als Wandel zu einer konservativen staatskapitalistischen Machtpolitik mit realitätstüchtigem Blick für die stabilisierenden Funktionen einer Gesellschaft gesehen werden, die anhaltend millionenfach von Hunger, Obdachlosigkeit, heimatlosen Kindern und Krankheit infolge von Krieg und Bürgerkrieg geprägt war. So blieb die Familie auch in der Sowjetunion ein System das aber die Tradition als Anknüpfungspunkt auf seiner Seite hatte. Der großen Familie einer auf gesellschaftlicher Industrie basierenden sozialistischen Gemeinschaft fehlte es aufgrund mangelnder materieller Kapazitäten an Überzeugungskraft. Entgegen ihrer anfänglichen Ausrichtung blieb sie auf die traditionellen familiären Formen sozialer Reproduktion angewiesen. Ob das zuvor diskutierte System der Familie als »gesellschaftliche Industrie« aus sich heraus scheitern musste oder modifizierbar gewesen wäre, kann mangels tatsächlich gelebter dauerhafter Erfahrungen am Beispiel der Sowjetunion nicht beurteilt werden. Die frühe sozialistische Städteplanung sah durchaus eine heterogene Wohnstruktur vor, die familiäre Wohnungen und Kommunehäuser nebeneinander setzte und damit unterschiedlichen Bedürfnissen und Geschwindigkeiten von Transformation gerecht werden wollte.

Kibbuz-Bewegung

Während die sowjetischen Kommunehäuser integrale Bestandteile einer neuen Gesellschaft werden sollten, wurden die meisten Experimente anderer Familien-Formen als Inseln in einem kapitalistischen Meer geplant und realisiert. Eine Zwischenform zwischen Insel und neuer Gesellschaft – also vielleicht eine Art Archipel – stellt das genossenschaftlich organisierte Modell des israelischen Kibbuz dar. Parallel zur Arbeiterbewegung existierte seit etwa 1900 eine heterogene europäische Strömung von Lebensreformern die den »neuen Menschen« die »neue Frau« und den »neuen Juden« ermöglichen wollten. Aus diesem »dritten Weg« zwischen Kommunismus und Kapitalismus entstanden Bodenreformgemeinschaften, Konsum- und Baugenossenschaften und nicht zu Letzt auch die sozialistischen Kibbuzim in Israel. Deren komplexe Struktur basierte auf vergleichbaren Vorstellungen einer anderen Familie wie jene der Kommunehäuser. Nur wurde hier, im Unterschied zur Sowjetunion diese andere Familie über Jahrzehnte gelebt.

Gemeinsam war beiden Entwürfen, dass das Leben in einer patriarchalen bürgerlichen Familie durch die Gemeinschaft in einer egalitären sozialistischen Gruppe abgelöst werden sollte. Kibbuzim und Kommunehäuser ähnelten sich dabei auch in Bezug auf ihre Größenordnung (ca. 400-2000 Bewohner_innen), ihre Elementarisierung und stark segregierte funktionale Raumordnung in private Zellen, Kantine, Gemeinschaftsbereich, Kinderbereich. Dass Eltern in den sozialistischen Kibbuzim ausschließlich ihre Freizeit mit ihren Kindern verbringen sollten, wird heute – im Gegensatz zur wissenschaftlichen Meinung der 1960er bis 1980er Jahre – als inhuman kritisiert. Zu oberflächlich seien die Bindungen gewesen, die die Eltern zu ihren in separaten Häusern lebenden Kindern hätten aufbauen können.

Differenzierter wurde dies zeitgenössisch von dem Familiensoziologen Ludwig Liegle als Vorteil der Quality-Time und Nachteil eines geringeren erzieherischen Einflusses nebeneinandergestellt. So wie sich auch Vorteile und Nachteile einer familiären Erziehung formulieren lassen. Die erzieherische Gestaltung von Hygiene, Nahrungsaufnahme und Sexualität oblag der Kinderpflegerin (Metapelet). Hinzu trat das Kinderkollektiv der Haus- und Zimmergenoss_innen, die eine ungleich größere sozialisierende Bedeutung für die einzelnen Kinder hatten und die traditionelle kindliche Abhängigkeit von ihren biologischen Eltern und geschwisterlichen Beziehungen relativierten. Wie lässt sich das Scheitern dieses psycho-ökonomischen Systems beschreiben, das ja teilweise über zwei bis drei Generationen hinweg praktiziert wurde, also auch funktioniert hat? Interessant ist hier der Zeitpunkt des Niedergangs: Das System der anderen Familie im Kibbuz begann sich aufzulösen als das ökonomische System vieler Kibbuzim in den 1980ern bankrott ging und wurde – zumindest als grundlegender Ansatz – mit der verschärften Sicherheitslage auf israelischem Boden durch die ab 1990 zunehmenden Raketenangriffe infolge der Kriegshandlungen im Irak endgültig aufgegeben. Die von Beginn der Gemeinschaftserziehung an kursierenden Einwände bekamen zu diesem Zeitpunkt mehr Zustimmung. Die physische Bedrohung wurde wohl auch zum Vorwand genommen, Kinder wieder dauerhaft bei ihren Eltern einzuquartieren. Denn mit dem Zusammenbruch des Ostblocks hatte der Kollektivismus auf internationaler Ebene seinen historischen Tiefpunkt erreicht, während der Individualismus als neue Leitideologie selbst im Kibbuz mit der Zusammenführung von Familien Einzug erhielt.

Transformationen von Privatheit und Öffentlichkeit

Die meisten sozialistischen Konzepte folgten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts tatsächlich der Idee von Engels, der die Privathaushaltung in eine gesellschaftliche Industrie verwandeln wollte. Vorbild der neuen gesellschaftlichen Beziehungen war die tayloristische Fabrik, deren Prinzipien von Rationalisierung und Zentralisierung auch auf reproduktive Einrichtungen übertragen werden sollten. In diesen Modellen beschränkte sich die Vorstellung von Kollektivität auf eine gemeinsame öffentliche Infrastruktur, wie z.B. Kitas. Gleichzeitig wirken die privaten Wohnarrangements eher anonymisierend, seriell, zellenhaft. Verbindliche familiäre kleinere Bezugs-und Wohngruppen, die Verantwortung für die Bedürftigkeit wie z.B. von Kindern und Älteren übernehmen, sind als Alternativen zur bürgerlichen Familie nicht vorgesehen. Das Leben des Kindes findet seinen Platz in der Kita wie das des älteren Mensch in der Tagesbetreuung, aber nicht als Teil einer Wohngruppe. Die familiäre generationelle Heterogenität ist durch eine altersspezifische Segregation ersetzt.

In vieler Hinsicht gingen die Diskussionen ab den 1960ern über dieses rein funktionale Konzept der industriellen Strategie einer anderen Familie, wie sie uns heute in den großen Studentenwohnheimen noch bekannt ist, »nur dass dort Kollektivität mit Massenproduktion verwechselt wird« hinaus. So formulierte die feministische Architekturtheoretikerin Dolores Hayden? als Lösung die Strategie der Nachbarschaft, in der Selbstorganisation mit Infrastruktur sowie persönliche, verwandtschaftliche und organisatorische Beziehungen auf lokaler Ebene miteinander verschränkt werden sollten. Ein ähnliches Mischkonzept wird bislang erfolgreich in der größten linksorientierten Kommune Deutschlands Niederkaufungen bei Kassel gelebt: Mittelgroße Wohngruppen (ca. drei bis zehn Menschen) ergänzen die funktionale Infrastruktur, in denen dauerhaft Sorge für Kinder, Alte und den emotionalen Haushalt aller übernommen wird. Wie aus den Grundsätzen der in den 1980er Jahren entstandenen Kommune klar wird, ist der Abbau kleinfamiliärer Strukturen eines der zentralen Anliegen: »Durch unsere Handhabung der gemeinsamen Ökonomie und die (formelle) Gleichbewertung von Arbeit verhindern wir die gesellschaftlich nach wie vor vorherrschende Rollenverteilung zwischen Ernährer und Hausfrau, zwischen höher bewerteter produktiver und niedriger bewerteter reproduktiver Arbeit. Die Kindergruppe und die Küche sind eigenständige, vollwertige Arbeitsbereiche und schaffen den Eltern/Erziehenden Freiräume für ihre Arbeit/Freizeit. – Prinzipiell wird Kinderbetreuung als Arbeitszeit anerkannt. Trotzdem begleiten uns auf individueller Ebene die für die kleinfamiliären Strukturen verantwortlichen patriarchal-kapitalistischen Mechanismen in uns auch weiterhin. Diesbezüglich gibt es ab und zu – kommuneweit selten – Diskussionen und positive Entwicklungen.«?

Die Vorstellungen von der anderen Familie ab den 1960ern lassen sich darüber hinaus kaum räumlich erfassen, weil die Visionen um egalitäre Selbstorganisation, antiautoritäre Erziehung und sexuelle Befreiung, also Formen der Demokratisierung von Beziehungen kreisten. Dennoch blieb der Kibbuz als Modell Vorbild einer anderen Familie, was sich z.b. auch in feministischen Utopien spiegelte.

Gut scheitern oder schlecht funktionieren?

Zu einer Geschichte des Scheiterns der anderen Familie, die nicht bloß die Perspektive der bürgerlichen Familie reproduziert, gehört auch eine kritische Geschichte des Funktionierens dieses Systems. Abschließend soll damit ein Blick auf gegenwärtige Tendenzen geworfen werden.

Angesichts der massiven Ausbreitung von Kleinfamilien in linken Kreisen liegt die Vermutung nahe, dass die traditionelle Familie erneut eine viel größere Glaubwürdigkeit genießt. Das hat vermutlich damit zu tun, dass Familie, auch stärker als die seriell monogamen Liebesbeziehungen, Dauerhaftigkeit verspricht, die komplementär zur Individualisierung aller gesellschaftlichen Institutionen im Neoliberalismus verzweifelt ersehnt wird.

Dauerhaftigkeit ist somit weiterhin zentrale Eigenschaft der bürgerlichen Familie, die rechtsstaatlich legitimierte Sorgebeziehungen und Eigentumsgemeinschaften miteinander verknüpft. In dieses System fallen die Meisten selbst dann zurück, wenn sie lieber auf Wahlverwandtschaften vertrauen würden. Das wird spätestens dann deutlich, wenn Kinder oder Eltern betreut werden. Tatsächlich hat die bürgerliche Familie lauter Argumente auf ihrer Seite, die auf Tradition und staatlicher Gewalt beruhen.

Nicht nur scheint trotz Generationenkonflikten heute klar, dass Familie stärker bindet als andere Beziehungen. Dies zu glauben erwächst aus der ehemaligen kindlichen Abhängigkeit von den eigenen Eltern und stiftet ein Gefühl der Verpflichtung für etwas, das wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Falls dieses Gefühl nicht als Erziehungsleistung automatisch auftaucht, gibt es Gesetze, die eine Verbindlichkeit rechtlich sanktionieren.

Die bürgerliche Kleinfamilie funktioniert gegenwärtig auch in linken Szenekreisen wie ein Ausfallsystem, auf das zurückgegriffen wird, wenn andere Modelle nicht (mehr) funktionieren. Dies hat vermutlich mit der allgemeinen Prekarität und Krise sozialer Reproduktion zu tun, in der eine Reprivatisierung auf allen Ebenen der Gesellschaft stattfindet, die gleichzeitig im direkten Gegensatz zum Prinzip der anderen Familie stehen. Zeitlich begrenzte Experimente wurden eher in der Zeit nach 1968 gewagt. Einer Zeit also, in der wirtschaftlicher Aufschwung und Fordismus? noch gewisse ökonomische Freiräume ermöglichte. Heute scheint hingegen auch in den westlichen Industrienationen angekommen, was in den sogenannten Peripherien selbstverständlich ist, wo niemand ohne das Sozialsystem der Familie überleben kann.

Wahlverwandtschaften und andere alternative Systeme bleiben demgegenüber häufig auf der Strecke, weil ihnen kein rechtlicher Status eine rea-litätstüchtige Absicherung gewährleistet. Auch wenn diese staatliche Struktur der familiären Beziehungen dem politischen Verständnis der Akteure grundsätzlich widersprechen mag, hat sie dennoch auf die persönlichen Entscheidungen von uns allen großen Einfluss, indem sie z.B. durch Sorgerechte und Steuern Kleinfamilien stabilisiert und andere Beziehungen davon ausschließt. Da ist es nur zweckrational sich in die politische Ökonomie dieser Familienstruktur einzufügen. Alternative Elternschaften können hingegen jederzeit von Sorge-Verhältnissen ausgeschlossen werden, diese aber auch ihrerseits jeder Zeit ersatzlos aufkündigen. Aus diesem Grund ist wohl auch die Liebes-ehe unter Linken zunehmend wieder normal geworden. Trotz hoher Scheidungsraten formuliert der Ehevertrag den Anspruch dauerhaft ein Paar zu bleiben mit dem Gewicht der ökonomischen Rationalität eines ganzen Staates. Das ist weit mehr als die eigenen Gefühle leisten können.

Alternative Familie und bürgerliche Familie widersprechen sich in der beabsichtigten Tendenz, sich gegenüber dem Rest der Welt zu öffnen oder abzugrenzen. Die beiden Systeme verfügen über eine unterschiedliche gesellschaftliche Rationalität. Die einen haben die Gewalt des Staates zur Absicherung ihres Lebensmodus auf ihrer Seite – kaum ein anderes System ist so hegemonial und strukturiert unser Leben so nachhaltig. Die andere Familie will und muss ihre Formen von Erziehung und Sorgeverantwortung mit nicht-biologischen Familienmitgliedern aushandeln und kann nur wenig auf Traditionen zurückgreifen. Ihr Scheitern wird jedoch häufig als Ausdruck des Widerspruches von persönlicher Neigung und politischen Prinzipien missverstanden. Es ist idealistisch diese Frage persönlich individuell zu verhandeln und nicht als politische Frage zu formulieren, warum wir uns in diesem Widerspruch zwischen normativer, emotional erwünschter Praxis und einer davon abgekoppelten theoretischen aber irgendwie unlebbaren politischen Position befinden. Die meisten Familienformen ohne staatliche Legitimierung sind nicht dauerhaft gelebt worden ,zumal die meisten dieser gescheiterten Experimente nach 1968 wenn überhaupt als Inselchen kleiner Kommunen im kapitalistischen Meer stattfanden. Genau hierin scheint mir auch die Zerbrechlichkeit aller vorgestellten anderen Formen von Familie begründet. Mehr Dauerhaftigkeit war allein dem Projekt Kibbuz beschieden, das angesichts seiner Größe und Komplexität eine eigene kleine Welt innerhalb des Staates Israel (zeitweise 10% der Bevölkerung) behaupten konnte.

Wie lässt sich aber eine funktionale Stabilität erreichen, wenn es dafür keine gesellschaftliche Normalität gibt? Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass eine gewisse Mindestgröße notwendig ist, damit auch die positiven Wirkungen von egalitärer Arbeitsteilung und eine Erweiterung von Sorgebeziehungen auf Wahlverwandtschaften der Gruppe Stabilität und das Gewicht der Normalität verleihen. Kurz: Wenn es also auch zweckrational wird so zu leben. Im Moment scheint das nicht der Fall. Andererseits bietet die gegenwärtige Dauerkrise sozialer Strukturen auch das Potential für neue Allianzen zwischen Kommunen aller Art, die persönliche Assoziation mit Gemeingütern verknüpfen, deren Zugang weder staatlich noch familiär organisiert ist, und damit eine Annäherung zwischen utopisch und zweck-rational ermöglichen.

Felicita Reuschling

Die Autorin ist Kulturarbeiterin für Ausstellungen und Filmreihen und ist Mitglied der Gruppe kitchen politics.

Fußnoten

  1. Lewis Henry Morgan, Die Urgesellschaft. Untersuchung über den Fortschritt der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei zur Zivilisation, Stuttgart 1891.
  2. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, in: Marx/Engels, Ausgewählte Schriften II, Berlin 1971, 170.
  3. Ebd. 214.
  4. Dolores Hayden, Redesigning the American dream, New York 1984.
  5. Kommune Niederkaufungen: abbau kleinfamiliärer Strukturen http://0cn.de/5uzd
  6. Marge Piercy, Women on the edge of time, New York 1976; Ursula LeGuin, The Dispossessed. An Ambiguous Utopia, New York 1974.