Moralisch integer bleibt alleine, wer sich dem Stammeln ergibt

Music is my boyfriend dokumentiert 20 Jahre Büsser‘sche Textproduktion, 20 Jahre Auseinandersetzung und Leben mit Pop und dessen Widersprüchen. Das klingt erst einmal gewaltig, und ja, das ist es auch. Schwer und tragisch wiegt das Buch außerdem vor dem Hintergrund, dass Büsser über der Veröffentlichung der Textsammlung im September 2010 an Krebs gestorben ist. Im Diskurs um Pop in Deutschland war Martin Büsser ein fester Bestandteil und bleibt es hoffentlich auch nach seinem Tode. Die Textsammlung zeichnet nicht nur die persönliche Entwicklung eines, unter anderem, Musikjournalisten, sondern auch die Entwicklung der Debatten in und um Popkultur nach. Sonja Eismann beschreibt in ihrem Vorwort einen Kollegen und Fan, der mehr wollte und dieses Mehr auch einforderte von dem Phänomen namens Pop. Dass er sich nicht zufrieden gab mit der kalkulierten Provokation und der inszenierten Unangepasstheit mancher Bands, sondern dass er forschte, suchte und grub, nach den Lücken und Bruchstellen, die für die wirkliche Avantgarde bezeichnend sind.
Mit This Heat und deren Album Deceit beschreibt er eine Band, deren Wirken an diesen Bruchstellen offensichtlich ist. Beginnt der Text mit Insiderwissen, entwickelt sich schon gleich auf der folgenden Seite eine Beschreibung der Materialität der Musik oder des Sounds, die auch für Menschen ohne konkrete Hörproben nachvollziehbar ist. In seiner Besprechung des Albums wälzt sich Büsser analysierend durch das Gesamtpaket Deceit. Er stellt heraus, dass Sound gleichberechtigt neben Darstellung und Inhalt steht, dass »Unzufriedenheit, Depraviertheit, Entfremdung, Verkrampfung und Sprachlosigkeit […] auf dem Gesamtkunstwerk Deceit in Photos, Collage, Text und Musik zum Ausdruck gebracht wird«. Ganz nebenbei schüttelt er, um es mit Sonja Eismanns Worten zu sagen, postkoloniale Theorie aus dem Ärmel, prüft die Textversätze nach ihrem politischen Gehalt und bezeichnet Sprache in ihrem Moment der Machtverschiebung durch »den Verlust von Eigentlichkeit […] der auf einen Zustand grenzenlosen Nichtverstehens zurückgeführt […]« wird. »Nachdem die Geschichte der Unterdrückung sich stets reproduzierte, bleibt dem Intellektuellen am Ende, aufgeladen durch eine verbrauchte, die Begriffe und Strukturen der Unterdrückung in sich tragende Sprache, keine Möglichkeit des klaren Ausdrucks mehr. Moralisch integer bleibt alleine, wer sich dem Stammeln ergibt, wer sich durch absolute Kommunikationslosigkeit bzw. Kommunikationsverweigerung den Mechanismen einer fatalen Logik entzieht«.
In dem Text Hardcore ade – eine Abrechnung formulierte Büsser 1992 eine wütende Kritik am Elitarismus und der Nabelschau einer Szene, die eigentlich ein Gegenentwurf zum herrschenden System sein wollte. Wütend auch, weil Büsser erkennen musste, dass auch der Gegenentwurf Teil des Systems ist und hierbei das Dilemma jeglicher Subkultur oder Strömung offenbar wird, nämlich dass nach der anfänglichen Euphorie »die Persönlichkeit, das Eigene, was jeder darin einnimmt, […] längst keine menschliche, sondern eine behördliche Frage geworden« ist. Individualität ist leicht zu imitieren, wenn man die anerkannten Insignien der gewählten Bezugsgruppe zur Verfügung hat. Uniformität ersetzt Abgrenzung und Wut, eine Jugendkultur ist mal wieder angekommen, »das Nein zu einer Gesellschaft wie dieser wird lächerlich, wenn es im Kern doch diese Gesellschaft nachahmt«. Diese Erkenntnis ist schmerzlich, und dennoch überzeitlich. Denn stünde am Anfang des Textes nicht das Erscheinungsjahr, niemand würde anzweifeln, dass es sich um eine Abrechnung jüngeren Datums handelte. Das sowohl Nervende, als auch Spannende an Jugend- und Subkulturen ist ja die ewige Wiederkehr des Gleichen, das Zurückfallen hinter Diskussionen, die schon längst geführt sind, eben die zyklische Verfasstheit, die mit jeder neuen Generation Nostalgie ebenso fördert, wie die Frage, ob sich nicht doch etwas ändern könnte. Ebenso gut könnte Hardcore mit Antifa oder Links ersetzt werden. Trotzdem, oder gerade deshalb, muss diese Kritik immer wieder formuliert werden, aber »wir müssen uns lösen vom Geschwätz, das sich nur im Kreis dreht. Das richtet sich auch an die eigene Adresse, klar«. Dass Pop auch allerhand Skurriles gebiert, honoriert Büsser in seinen Texten, in denen er auf die Suche nach dem unoffensichtlich Offensichtlichen ist. Er entwirft in Nicht zu zz toppen… eine kleine Kulturgeschichte des Barts in der Popkultur, in der mal das Tragen, dann wieder das Rasieren des Barts zum Zeichen von Rebellion wird. Schließlich findet eine Umdeutung der Gesichtsmatte als Merkmal ätherischer Androgynität statt, die mit Aufbegehren nur bedingt zu tun hat. »So sind es auf wunderbare Weise inzwischen Frauen, die den Bart als Ausdruck der Rebellion einsetzen«. Die Rezeption dieser Form der feministischen (Selbst-)Inzenierung ist dennoch marginal, und findet bestenfalls im Indie-Bereich statt. »Während die Dominanz des heterosexuellen Mannes im Indie-Bereich zumindest nicht mehr ungebrochen ist, erleben wir im kommerziellen Pop, der sich auf MTV abspielt, einen Rückfall in Frauen- und Männerbilder, der den Eindruck aufkommen lässt, es hätte Gender und Queer Studies nie gegeben, ja noch nicht einmal die Emanzipationsbewegungen der 1960er- und 1970er Jahre.« Wobei Indie-Bereich hier den Indie im Indie meint, da »die Titelblätter nach wie vor den Indie-Jungs […]« gehören. Was Büsser als Widerspruch in Indie boys are neurotic – Geschlechterverhältnisse im Pop formuliert, hat er auch in einigen anderen Texten immer wieder benannt. Texte, die allesamt lesenswert sind, die ich gern weiter zitieren möchte und über die, wie ich finde, immer wieder nachgedacht werden sollte.

JILL RÖBENACK

Martin Büsser: Music is my Boyfriend. Texte 1990–2010, Ventil Verlag, Mainz 2011, 256. S., € 14,90.