Möglichkeiten queerer Praxis

Von Grundforderungen queerer Politik zum revolutionären Anspruch linksradikaler Queerer

Befragt man Menschen aus schwulen, lesbischen und transgender-Zusammenhängen, ob sie sich als queer bezeichnen würden, so erhält man viele, sich teils widersprechende Antworten. Von einigen wird queer so verwendet, wie in der Einleitung zu diesem Heft vorgestellt, nämlich – jenseits vom konkreten eigenen (Sexual)leben – verknüpft mit dem Anspruch, sowohl die hierarchisierende Geschlechterbinarität also auch herkömmliche Kategorien des sexuellen Begehrens in Frage zu stellen. Andere verwenden queer eher als Begriff für ihre Freizeitgestaltung – queer ausgehen, sich in lgtb-Kontexten bewegen – und nennen ihr dezidiert politisches Handeln antisexistisch, (pro)feministisch, bzw. transgender.

Was den Vorstellungen linksradikaler Kritiker_Innen entgegenläuft, ist die Tatsache, dass sich ein sehr großer Teil derer, die sich als Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Intersexen und Transgender bezeichnen, selbst überhaupt nicht dezidiert politisch aktiv werden will. Sie verbinden ihre individuelle, oft als privat verstandene Lebensweise zwar mit einem Anspruch auf Anerkennung, nicht aber mit einer Bekämpfung des Heterosexismus der Gesellschaft im Allgemeinen. Kann diese dritte Gruppe daher nicht als queer bezeichnet werden?

Jenseits der definitorischen Unklarheit dieses Begriffs, der schon vor seiner positiven Umwertung durch Aktivist_Innen das Schräge, das Verqueere, das die Norm Befragende bezeichnete, soll an dieser Stelle versucht werden, den Rahmen emanzipatorischer Praxis in Bezug auf andere Geschlechtlichkeiten und sexuelle Vorlieben zu untersuchen. Dabei lassen sich drei Dimensionen politischer Praxis beobachten, die Ähnlichkeiten zu älteren Bewegungen mit antirassistischer oder autonomer Ausrichtung aufweisen.

Selbstbestimmung und queere Freiräume

Die erste Form der politischen Praxis betrifft die Selbstbestimmung der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Lebensweise. Existenziell dafür sind Räume, in denen sich Menschen versammeln können, die in anderen Kontexten angegafft, diskriminiert, ausgestoßen oder verfolgt werden. Zur Diskriminierung gehört auch, dass Heterosexualität gesellschaftlich immer als gegeben vorausgesetzt wird. Bei Artikulation eines anderweitigen Begehrens wird einer Person der Stempel des »Anderen« aufgedrückt. Es wird versucht, sie als homosexuell zu identifizieren, wobei ihr alle möglichen angeblich dazugehörigen Attribute in die Schuhe geschoben werden.

Queere Räume bieten also einerseits Schutz vor Übergriffen aller Art, andererseits einen Rahmen, in dem es möglich ist, sich überhaupt so zu repräsentieren, wie jede_r möchte und dabei Erfahrungen auszutauschen. FrauenLesben, Schwule und später Transgender schufen Orte, die sich seit den siebziger Jahren teils institutionalisiert haben und wichtige Anlaufstellen für all jene bieten, die sich aufgrund ihrer Sexualität oder ihres Geschlechts ausgegrenzt fühlen. Es gibt eine ganze Reihe von queeren Wohnprojekten, darüber hinaus spielen auch kommerzielle und nicht-kommerzielle Räume wie Cafés oder Veranstaltungsorte für die Lebensweise dieser Gruppen eine große Rolle.

In Groß- und Universitätsstädten bilden sich zudem feste oder temporäre queere Orte, in denen verschiedene Inszenierungen ohne Repression möglich sein sollen. Ein Beispiel für einen festen Ort in Berlin ist die Kneipe Silver Future, die dezidiert einen Raum für queere Praktiken bieten will, in dem antisexistische Verhaltensregeln auch tatsächlich durchgesetzt werden. Temporäre Orte sind queere Partys im Uni- oder Clubkontext. Im einmal im Monat stattfindenden Poopsy Club besteht die Möglichkeit, geschlechtlich-sexuell verschiedene Identitäten zu inszenieren.

Im Gespräch mit Organisator_Innen hat sich gezeigt, dass heterosexuelle Praktiken in diesen Räumen oft akzeptiert werden, aber möglichst nicht dominierend werden sollen. Trotz der Unbestimmtheit und Offenheit von queer kann die Autonomie von Queeren auch darin bestehen, die Regeln zu bestimmen, unter denen (unkritische) Heterosexuelle Zugang zu den genannten Freiräumen haben.

Exkurs: Männer in queeren Kontexten

In der Geschichte der Frauenbewegung haben FrauenLesben sich seit den siebziger Jahren Frauenräume geschaffen, in denen ohne Männer interagiert werden kann. Seit vielen Jahren wird an dieser Praxis der Ausschluss von Transgendern und Männern kritisiert. Als Reaktion darauf gab es eine Teilöffnung für Transgender bzw. Intersexen. Für den fortwirkenden Ausschluss von Männern wurde zu Recht vorgebracht, dass das Argument von »gleichen Rechten« demagogisch sei, da Frauen immer noch als Frauen diskriminiert werden, dass patriarchal-raumeinnehmendes maskulines Verhalten den Alltag weiter prägt und dass es deshalb Austausch- und Rückzugsmöglichkeiten geben muss, die weitgehend frei von der alltäglichen Diskriminierung sind.

Davon unterschieden werden muss der Charakter von temporären queeren Räumen, vor allem im universitären Kontext. Das Spiel mit feminin konnotiertem Auftreten oder Kleidung dient gerade Männern manchmal nicht dazu, Verwirrung zu stiften und Geschlechter in Frage zu stellen, sondern bringt durch weibliche Maskerade eine Art Hyper-Männlichkeit hervor. Weiblichkeit wird usurpiert, die unhinterfragten »Privilegien« herkömmlicher Männlichkeit können weiter abgerufen werden. Nach der Party kann die Maskerade abgestreift und Hetero-Männlichkeit in herkömmlicher Form wiederhergestellt werden. Organisator_Innen von Veranstaltungen dieser Art haben die Aufgabe, sexistische Verhaltensweisen zu sanktionieren und Leute, die sich so verhalten, gegebenenfalls rauszuschmeißen.

Aber auch wenn solches Ausprobieren und temporäres »Frausein« zuweilen problematisch und sicher nicht revolutionär sind, macht der Flirt mit der Travestie doch zumindest erfahrbar, in welcher Weise Geschlecht Re-Enactment bedeutet und wie stark queeres Verhalten jenseits geschützter Räume angegriffen wird – und sei es nur in der U-Bahn auf dem Weg zur Party.

Queere Anerkennungspolitik

Die zweite Dimension queerer Praxis ist eine Politik der Sichtbarmachung und Anerkennung von differenten sexuellen Lebensweisen. Dazu gehören der Kampf gegen Diskriminierung im Arbeitsleben, gegen Pathologisierung und sexualisierte Gewalt. Aktivist_Innen engagieren sich gegen die Zweigeschlechtlichkeit der Staatsbürgerschaft oder in sozialen Netzwerken und für Repräsentation in Gremien. Bei dieser Repräsentationspolitik geht es darum, in der Öffentlichkeit queere Lebensweisen und Anschauungen sichtbar zu machen, um eine Akzeptanz der Pluralität von sexuellen Lebensweisen zu schaffen.

Im Kulturbereich gibt es eine Vielzahl queerer Künstler_Innen, von Drag Kings zu popkulturellen Größen wie Rufus Wainwright und Antony and the Johnsons. Queer Cinema und queere Kulturfestivals erfreuen sich auch beim Mainstream-Publikum immer größerer Beliebtheit. Sich als lesbisch, schwul, feministisch, transgender oder queer Bezeichnende leisten wichtige Bildungspolitik in Schulen und Aufklärungsarbeit in den Medien, mit dem Ziel, Akzeptanz von als anders wahrgenommenen Lebensweisen herzustellen. Als im weiter gefassten Sinne queer können dabei auch die auf Öffentlichkeit abzielenden Aktionen von bdsm, polyamor/polygam lebenden Menschen und Sexarbeiter_Innen bezeichnet werden.

Aus einer linksradikal-emanzipativen Perspektive ist diese Politik zwiespältig: Linksradikale_ müssten eine der Aufklärung verpflichtete Repräsentationspolitik einerseits stützen, da sie einen Möglichkeitsrahmen öffnet, im gegebenen gesellschaftlichen Kontext mit der eigenen Geschlechtlichkeit respektiert zu werden. Andererseits appelliert diese Art von Politik immer an den Staat, der Rechte gewährt und gegebenenfalls wieder entziehen kann. Staatlichkeit legitimiert sich auch durch Minderheitenschutz und Pluralismus und verschleiert so die strukturelle Gewalt, die ihr innewohnt. Die Akzeptanz einer Pluralität des Begehrens und der Geschlechter kann Linksradikalen_ nicht weit genug gehen, da nicht abzusehen ist, dass dieser Ansatz die heterosexistische Matrix in der Gesamtgesellschaft ernsthaft gefährden könnte.

Die Zerstörung der heterosexistischen Matrix

In den Gender Studies werden sehr unterschiedliche Ziele einer emanzipativen Politik formuliert, die weitestgehenden Ansprüche stimmen aber mit dem überein, was queere Linksradikale_ fordern sollten, nämlich eine queere Praxis zur Abschaffung von binärer Geschlechterordnung und identifizierenden Bezeichnungen von Begehrensformen. Ebenso wenig, wie es Linksradikalen_ nur darum gehen kann, eine Gleichberechtigungspolitik für ausgebeutete Arbeiter_Innen und marginalisierte Migrant_Innen zu featuren, kann es genügen, lediglich ein besseres Miteinander von »Heteros« und »Anderen« anzustreben, in dem die Herrschaftsverhältnisse bestehen bleiben. Am Besten wäre eine Praxis, die Rechte von geschlechtlich-sexuell »Anderen« stärkt und gleichzeitig darauf gerichtet ist, die gesellschaftlichen Voraussetzungen anzugreifen, die Menschen überhaupt zu Anderen machen. Es müsste die Möglichkeit geben, ohne Angst anders zu sein und im Anders-Sein nicht ständigen Identifizierungen ausgesetzt zu sein.

Die praktische Umsetzung einer solchen Kritik ist nicht einfach, Gruppen finden sich wenige: Die A.G. Gender Killer schreibt in ihrer Selbstdarstellung, dass sie den politischen Gehalt und die Funktion der Geschlechtsidentitäten entlarven und destabilisieren will, verschränkt mit der Analyse »von anderen Kategorien wie class und race.« Eine emanzipatorische Kritik müsste diese Kategorien und das Zusammenwirken von Heteronormativität, Staatlichkeit und Kapitalismus analysieren.

Praktische Probleme

Für eine allen Ansprüchen genügende, praktische queere Kritik stellt sich ein ähnliches Problem wie für eine Kapitalismuskritik im Sinne Adornos: Die Kritiker_Innen vermögen oft nicht zu sagen, was eine effektive kritische Praxis gegen Heterosexismus und Kapitalismus zu einer gegebenen Zeit wäre, weil jede Praxis in die Gefahr gerät, eine reine Rechte- und Interessenpolitik für bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu werden und den Anspruch einer Aufhebung des gesellschaftlichen Ganzen fallen zu lassen. Gegen eine solche Affirmation, eine Stärkung des Bestehenden, wäre Stellung zu beziehen.

Genauso wenig wie von Arbeiter_Innen erwartet werden kann, dass sie nach Kenntnisnahme ihrer objektiv beschissenen Lage sofort die Revolution machen wollen, kann nicht von Lesben, Schwulen und Transgendern automatisch erwartet werden, dass sie über ihr privates Leben hinaus anstreben, die Struktur der heterosexistischen Gesellschaft von Grund auf zu verändern.

Was kann von Linksradikalen_ erwartet werden? Ihr Fehler besteht schon darin, immerzu neue revolutionäre Subjekte identifizieren zu wollen, ohne sich selbst praktisch als solche zu begreifen und zu reflektieren, inwiefern die eigene Verhaltensweise rassistisch oder heterosexistisch sein könnte. Linksradikale_ sollten Verunsicherung zulassen und schaffen, Identifizierungen hinterfragen und gegebenenfalls auf Privilegien der Heterosexualität verzichten. Die Bezeichnung queer ist dabei eine große Schublade, die wenig identifiziert und all denen offen steht, die sich als anders empfinden.

~Von Lucia Garcia & Zack Martyn

Fußnoten

  1. Im Folgenden auch abgekürzt als lgtb – lesbian, gay, transgender & bisexuell.
  2. Mehr im Internet unter www.silverfuture.net.
  3. Ein weiterer wichtiger Ort aus der Berliner Szene ist das Barbie Deinhoff: www.barbiedeinhoff.de.
  4. Poopsy Club mit »queer-pervy-punky attitude«, siehe www.myspace.com/poopsyclub.
  5. Wie das Knutschen heterosexueller Paare.
  6. Wobei klar ist, dass es sich damit noch nicht um einen herrschaftsfreien Raum handelt – Heterosexismus und Hierarchien gibt es überall, auch unter Frauen.
  7. So der in die Öffentlichkeit wirkende Verein TransInterQueer: www.transinterqueer.org.
  8. Zum Beispiel die Sissy Boyz: www.sissyboyz.de.vu.
  9. Siehe Aufklärungsstellen wie www.abqueer.de.
  10. Siehe dazu auch www-hydra-ev.org.
  11. Siehe Phase 2_13, 14f.
  12. Siehe Selbstdarstellung unter www.gender-killer.de.