»Mein Bauch gehört mir!«

Die feministische Forderung nach Selbst­bestimmung bleibt auch beim Körperfett radikal

Sehr dick zu sein bedeutet heutzutage mehr denn je, »anders« und »anormal« zu sein. Während dicke Menschen nicht frei sind, dick zu sein, weil stets ein normierender Druck auf sie einwirkt, gilt ihre Körperform vor dem Hintergrund eines neoliberalen Gesellschaftssystems als freiwillig verschuldete Entgleisung zu Lasten der Gesellschaft. 

Die gesellschaftlichen und medialen Bilder von dicken Menschen sind vielfältig und umfassen zahlreiche negative Attribute wie träge, gierig, zügellos, unmoralisch, unkontrolliert, dumm, hässlich, willensschwach und gehen nicht selten auch mit der Diskriminierung sozial schlechter gestellter Personen einher. Hierbei kann unterschieden werden zwischen der Darstellung von Körperformen, die lediglich als »nicht attraktiv« gelten, und solchen, die auf Grund einer offensichtlichen Abweichung von der Norm als abstoßend und ekelerregend angesehen werden. Medial gelten Personen in der Regel als dick, sobald ihr Körperfettanteil – vor allem an Bauch und Taille – merklich ins Auge springt. Durch das zu Rate ziehen der jeweiligen Konfektionsgröße wird dann näher eingegrenzt, ob eine Person, meist weiblich, als dick kategorisiert werden kann. Meist geschieht das ab Größe 40/42.

Die Stereotype, die dicke Menschen (be)treffen, und die damit verbundene Stigmatisierung sind so allgegenwärtig, dass nahezu täglich im Fernsehen Menschen bei der Selbstoptimierung qua Körper zugesehen werden kann. Es gibt zahlreiche Sendungen, die sich mit dem Makel »dick sein« beschäftigen. Diese reichen von subtiler Reproduktion der Gleichung »arm = faul = dick = ›anormal‹« in sogenannten Docutainment -Formaten im Nachmittagsprogramm über den Konkurrenzkampf im Abnehm-Camp bis hin zur Selbstoptimierung in sogenannten make over-Sendungen. Diese Fernsehsendungen dienen sowohl als Instrument des Vergleichs und der Abgrenzung als auch als Identifikationsfläche. Die Tatsache, dass die Protagonist_innen solcher Sendungen sozusagen »an den Pranger« gestellt werden, führt zu einer Identifizierung ihres Verhaltens als falsch und deviant von der Norm, wogegen sich die Zuschauer_innen abgrenzen können. In einem Folgeschritt kann so die eigene Identität aufgewertet werden – schließlich ist man selbst, zumindest im Moment, nicht Zielscheibe der Kritik. Einsichtige Protagonist_innen, die ihr »Fehlverhalten« zugeben und bemüht sind, etwas dagegen zu unternehmen, zum Beispiel eine Diät befolgen, können als Identifikationsfläche fungieren. Ihre Anstrengungen und ihr Leid sind für die Zuschauer_innen nachvollziehbar. Das Mitempfinden ihnen gegenüber wird durch ihre Bemühungen, sich einer Körpernorm anzunähern, legitimiert. Sendungen dieser Art sind eingebettet in das Herrschaftsverhältnis »richtiger« und »falscher« Körper, dessen Trennung sich entlang einer Demarkationslinie von sozial verankerten Körperbildern vollzieht. 

Bei der Analyse dieser Bilder und des Ressentiments gegenüber dicken Körpern geht es weder um eine Negierung eventueller gesundheitlicher Folgen massiven »Über«gewichts noch um ein Abstreiten des zwanghaften Charakters, den Essen für viele Menschen hat. Es geht vielmehr um eine Kritik an der gesellschaftlichen Abwertung dicker Menschen und den Zuschreibungen, die damit einhergehen. Gleichzeitig setzt sich ein gesellschaftlicher Diskurs durch, der zwar Folgen des Dickseins immer wieder beleuchtet, die psychischen und physischen Auswirkungen eines sehr dünnen Körperideals und dessen gesellschaftliche Funktion hingegen kaum oder nur marginal thematisiert.

Gesundheit und Prävention

Rund um das Thema Essen hat sich inzwischen eine Expertisierung und Moralisierung durchgesetzt. Während es schon immer kulturelle Vorstellungen von gesunder und ungesunder und damit »falscher« und »richtiger« Ernährung gab, erhält diese Einteilung heute vor dem Hintergrund moderner medizinischer Normen eine weitaus stärker rationalisierte Komponente, die mit den oft mythisch begründeten Essgeboten früherer Zeiten nichts mehr zu tun hat. Wissenschaftliche Autoritäten setzen die Maßstäbe für »gute« Ernährung. Es ist deshalb auch nicht überraschend, dass der Wert »Gesundheit« in Hinblick auf Fettleibigkeit in den letzten Jahrzehnten verstärkt Eingang in Politik und Gesellschaft gefunden hat. Dieser macht einen zentralen Mechanismus des Ressentiments gegenüber dicken Menschen – fatism – aus, ist er doch eng verknüpft mit der kapitalistischen Verwertungslogik und der Nutzbarmachung von Individuen für den Markt. Unter dem sich seit einigen Jahren herausbildenden Begriff fatism werden sowohl die gesellschaftliche Stigmatisierung dicker Menschen als auch die Pathologisierung des Dickseins generell gefasst. Fatism steht in einem engen Zusammenhang mit einer sich immer mehr verengenden Schönheitsnorm, die ein konstruiertes Ideal des dünn, jung und erfolgreich Seins als erstrebenswertestes Lebensziel propagiert. Leben kommt hierbei privatem Besitz gleich, der selbstverantwortlich gesichert werden muss. Nach wie vor erhält in der neoliberalen Gesellschaftsordnung nur das rational und nach Marktprinzipien handelnde Individuum Subjektstatus. In der Konsequenz werden so Eingriffe in die Selbst- und Lebensführung derjenigen Menschen legitimiert, die nicht als entscheidungsfähige Subjekte gedacht werden. Das Schlagwort »Gesundheit«, gedacht als körperliche Leistungsfähigkeit, wird hierbei zum entscheidenden Faktor der Beurteilung, wer den Anforderungen des Marktes gewachsen ist und wer nicht. Die Normalisierung von Körpern und Körpergewicht kommt einer Moralisierung gleich, die in letzter Instanz auf die Haftbarmachung der Individuen zielt. Gesundheit wird zur Ressource für ein produktives Leben – wer sie nicht eigenhändig sichert und vermehrt, ist selber Schuld. Welche Relevanz dies vor allem für dicke Menschen hat, zeigt sich anhand der Gleichsetzung von Fettleibigkeit und Krankheit im gesellschaftlichen Diskurs. Hierbei spielt vor allem der Rekurs auf den Body-Mass-Index (BMI) beispielsweise durch Krankenkassen, Versicherungen und (Landes-)Politik eine zentrale Rolle, da anhand des BMI verkürzt festgelegt wird, ab wann jemand »übergewichtig«, also auch potentiell »krank« sei. Relevante Faktoren zur Bestimmung der individuellen Gesundheit wie Blutdruckmessung und Blutzuckerspiegeltest werden nicht mit einbezogen. Die Gleichung ist stark reduziert und vereinfacht, jedoch ist Gesundheit ein sehr individuelles und komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Fatism und Gender

Zwar sind auch Männer von Vorurteilen und Diskriminierung bezüglich ihres Körpergewichts betroffen, jedoch ist fatism für Frauen auf Grund engerer Schönheitsideale und des Status des weiblichen Körpers als (kulturelles) Objekt weitaus virulenter. Die mediale Inszenierung von Frauenkörpern erfährt seit den letzten zehn Jahren mit Supermodel-Castingshows und Fernsehdokumentationen einen regelrechten Boom. Dass dieses »medial inszenierte Exempel des Frauenkörpers« bei jungen Frauen nicht selten zu Störungen in der Selbstwahrnehmung und zu massivem Leiden am eigenen Körper führt, kann nicht verwundern. Besonders dann, wenn die Masse an Bildern bedacht wird, die ein nur zu einprägsames Bild vom »perfekten Körper« vermittelt.

Da sich der gesellschaftliche Wert einer Frau immer noch größtenteils aus ihrem Status als begehrenswertes und attraktives Objekt zusammensetzt, wird Frauen, die nicht diesem Muster entsprechen, der Status als begehrenswerte Frau verwehrt – sie gelten als deviant. Während Bilder von männlicher Attraktivität wie Stärke, Unabhängigkeit und Fitness deren Individualität betonen, ist der weibliche Körper ein uniformer, dessen Wert sich durch kulturell geprägte Bilder von Reinheit, Unschuld und Makellosigkeit auszeichnet.

Die Soziologinnen Paula-Irene Villa und Katherina Zimmermann sprechen im Zusammenhang des Diskurses um das Körpergewicht von Frauen von der Abgrenzung sozialer »Normalität« vom »Monströsen«, welches sich zum einen vom »Normalen« abhebt und zum anderen dieses zugleich konstituiert. Das »Monströse« besteht in der Übertreibung dessen, was in geringerem Maße als »normal gilt« – Maßlosigkeit ist dementsprechend »monströs«. Hier wird die Verbindung zur Stigmatisierung dicker Menschen offenbar: Ihr »Mehr« an Körperfett macht sie zu etwas »Monströsem«. 

So prägen die gesellschaftlichen Körpernormierungen auch die jeweils subjektive Körperwahrnehmung sowie das Erleben des und den Umgang mit dem eigenen Körper. Ein Beispiel für die immense Reichweite und Intensität des Einflusses gesellschaftlicher Körpernormierungen ist die erhebliche Zunahme von Essstörungen bei jungen Frauen seit den neunziger Jahren. Zugleich sind die durch hegemoniale Genderdiskurse konstruierten Schönheitsideale unerreichbar und beliebig was ihrer Wirkmächtigkeit jedoch keinen Abbruch tut.

Ein weiterer Aspekt der Verknüpfung von fat­ism und Sexismus ist die Uneindeutigkeit des dicken Körpers. Durch das Absuchen des Körpers einer Person nach »eindeutig« zuweisbaren Merkmalen wie Brüsten, einem breiten Becken, der Körpergröße oder den Genitalien wird Geschlecht in erster Linie zugewiesen. Dementsprechend bedeutet ein Verlust an Eindeutigkeit dieser Merkmale, zum Beispiel durch einen hohen Körperfettanteil, einen teilweisen Verlust der Möglichkeit einer eindeutigen Zuordnung des Geschlechtes. Da solche Körper die starre Geschlechtsdichotomie in Frage stellen, folgt vor dem Hintergrund der heterosexistischen Matrix häufig eine weitere Stigmatisierung. Dicke Frauen verlieren auf diese Weise häufig sogar ihren Status als Sexualobjekt, was auf den ersten Blick nicht problematisch erscheinen mag, da dieser schließlich eine Unterwerfung unter den »männlichen« Blick zur Folge hat. Gemessen an der Tatsache, dass ein Status als Objekt aber für viele Menschen leichter zu ertragen sein mag als über gar keinen Status zu verfügen, kann sein Verlust dennoch ein einschneidendes Erlebnis sein. Hierbei ist zu beachten, dass dies nicht alle Bereiche der Gesellschaft betrifft – deviante/subkulturelle Sphären bieten oft andere, zum Teil androgynere Körperideale.

Frauen mit Kindern wiederum trifft die Interdependenz von fatism und Sexismus noch auf einer anderen Ebene. Im gesellschaftlichen Diskurs werden in erster Linie Mütter, insbesondere Alleinerziehende oder Sozialleistungen beziehende, für das »Über«gewicht ihrer Kinder verantwortlich gemacht. So werden strukturelle Problematiken wie classism, Rassismus, finanzielle Ungleichheiten und Sexismus unsichtbar gemacht.

Sogenanntes Mother blame ist keineswegs ein neues Phänomen. Bereits 1930 hielt Hilde Bruch, eine deutsch-amerikanische Ärztin und Psychoanalytikerin, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem durch ihre Forschung zu Essstörungen bekannt wurde, in ihren Arbeiten zu Essstörungen die Mütter von »über«gewichtigen Kindern für verantwortlich und war besonders kritisch Immigrantinnen gegenüber. Mother blame hat seit den fünfziger Jahren zugenommen und ist eng verknüpft mit kulturellen Ängsten um die sich ändernden gesellschaftlichen Rollen von Frauen. Konstruierte Eigenschaften »guter Mütter« (heterosexuell, weiß, der Mittelklasse zugehörig) werden im Zuge dieser Rhetorik naturalisiert. Mütter, die nicht über diese Eigenschaften verfügen – homosexuell, nicht erwerbstätig, of colour – oder auf Grund anderer Eigenschaften wie beispielsweise Fettleibigkeit stigmatisiert sind, haben es im Umkehrschluss schwerer, als zur Kindererziehung fähig angesehen zu werden. 

Bei der Pathologisierung von Müttern dicker Kinder spielt, wie bereits erwähnt, der Aspekt der sozialen Schicht eine Rolle. Ähnlich wie Fettleibigkeit wird im sozialen Diskurs auch Armut in der Regel als selbstverschuldet und die Gesellschaft schädigend angesehen. Auch hier werden Faulheit, Inkonsequenz und Undiszipliniertheit als Gründe für die Lebensumstände ausgemacht, in denen sich die betreffenden Individuen befinden. Gänzlich außer Acht gelassen werden dabei im Fall von Armut die gesellschaftlichen Ursachen, die zu dieser Armut führen, und im Fall von Fettleibigkeit jene gesellschaftlichen Bilder, die das Attribut »dick« überhaupt erst zu etwas Negativem machen.

Eine wichtige Rolle bei der Verknüpfung von classism und fatism spielt der rhetorische Rekurs auf Fast Food, Süßigkeiten und Unterhaltungstechnologie, die neben Alkohol und Drogen als Lieblingslaster der delinquenten Unterschicht ausgemacht werden. Die entmenschlichende Bezeichnung von sozial schlechter gestellten Menschen als »Müll« (im Englischen speziell auf eine bestimmte Gruppe bezogen und als white trash bezeichnet) stellt eine prägnante Beschreibung der gesellschaftlichen Einstellung dar.

Im gesellschaftlichen Diskurs verknüpfen sich die Bilder einer verwöhnten, apathischen Bevölkerung, die Wiedereingliederungsmaßnahmen in den Arbeitsmarkt aus Faulheit und Besitzstandswahrung trotzig ablehnt und einer immer weiter verfettenden, undisziplinierten Bevölkerung, die durch ihr egoistisches Verhalten ihre eigene und die Zukunft ihrer Kinder gefährdet. Das Bild einer neoliberalen Utopie, oder besser Dystopie, im Anschluss an die Beerdigung des postfordistischen Wohlfahrtstaates ist damit komplett.

Wie stark die von neoliberalen Körperdiskursen getragene Rhetorik auf das Individuum abzielt, wird besonders deutlich, wenn die Verachtung des eigenen, dicken Körpers als »Therapiemotivation« bei Frauen gelobt wird. Das durch Körpernormierung entstandene Leid wird somit zu etwas Positivem umgedeutet und die betroffenen Individuen zur Verantwortung gezogen. Dies ist eine fatale Beschönigung und Relativierung ernsthafter psychosozialer Folgen für die Individuen, vor allem angesichts der Tatsache, dass Magersucht und Bulimie die häufigsten psychischen Erkrankungen bei jungen Frauen und Mädchen sind.  

Die vielfältigen, auf Expertenwissen aufbauenden body-regimes der Gegenwart sind institutionalisierte Verhaltensprogramme, wie zum Beispiel Fitness-, Ernährungs- oder Gesundheitskultur, aber auch das Feld der plastischen Chirurgie, die auf die Disziplinierung und Normierung der Körper abzielen. Entlang zahlreicher Körpertechniken ergibt sich eine Achse der Unterscheidung in »gut« und »schlecht«. Es gibt kaum Raum für abweichende Körperbilder jenseits der Binarität von schön und hässlich, perfekt und verworfen, dünn und dick, die durch die Körpernormierung produziert wird. Es gilt, den medial inszenierten »perfekten Körper« um jeden Preis nachzuahmen. Das so internalisierte Bild des eigenen Körpers in Abgrenzung zu einem unerreichbaren Ideal wird durch die enge diskursive Verknüpfung desselben mit Persönlichkeitsaspekten zum Selbstbild des Individuums und die eigene Persönlichkeit im Folgeschluss genauso Zielscheibe unablässiger Kritik und Verbesserungswillen. 

It gets fatter

Gegen den starken Einfluss gängiger Körper- und Schönheitsnormen regt sich jedoch vor allem in letzter Zeit starker Dissens. Die Fat Acceptance-Bewegung, gebräuchlich sind auch die Begriffe Body- oder Size Acceptance-Bewegung, betont den radikalen Charakter der Bewegung, die ein Zurückerobern und eine Umwertung vom negativ behafteten Adjektiv fat zu einer neutralen Beschreibung anstrebt. Die Bewegung, die inzwischen durch das Internet wieder an starkem Zulauf gewinnt, hat ihre Wurzeln sowohl in den sozial-reformerischen Graswurzelbewegungen der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts als auch in der zweiten und dritten Welle des Feminismus in den USA. Diese setzten sich im Vergleich zur ersten Welle verstärkt auch mit Diskriminierungsformen jenseits von Sexismus auseinander, indem sie die eigene Einbindung in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse reflektierten. Die nach wie vor größte Organisation der Fat Acceptance-Bewegung, die National Association to Advance Fat Acceptance (NAAFA), gründete sich 1969 als Selbsthilfe- und Lobbygruppe. Vier Jahre später, 1973, spaltete sich ein radikalerer Teil feministischer Aktivistinnen, beeinflusst durch Ideen der radical therapy-Bewegung, ab und nannte sich Fat Underground. Das Konzept der radical therapy entstand als Reaktion auf konventionelle psychotherapeutische Analysemittel und -methoden, sah den Ursprung psychologischer Probleme in der repressiven Verfasstheit des Gesellschaftssystems und verwies so auf den Zusammenhang von Gesellschafts- und Psychologiekritik. Bereits zu Beginn sah sich vor allem der radikalere Flügel der Fat Acceptance-Bewegung klar in einer wissenschaftskritischen Tradition, was auch durch die Art der Veröffentlichungen deutlich wurde. So wurden 1983 beispielsweise in Shadow on a Tightrope, der ersten umfangreichen Publikation zur Thematik, sowohl zuvor als Flugblätter durch den Fat Underground veröffentlichte Standpunkte als auch Gedichte und Essays zusammengefasst und veröffentlicht. Andere aus dieser Zeit stammende Veröffentlichungen wie Fat is a Feminist Issue befassen sich aus einer dezidiert Diät-kritischen Perspektive mit den Folgen der Körpernormierung für Frauen sowie der diskursiven Pathologisierung von Körpergewicht. 

Seit der Jahrtausendwende sind das Internet und die Aktionsform des bloggings nicht zu unterschätzende Komponenten der Fat Acceptance-Bewegung, die sich inzwischen auch zunehmend über die Grenzen Nordamerikas hinaus in Europa und Asien etabliert. Themen sind auch hier vor allem Fa(t)shion, size- beziehungsweise body acceptance jeglicher Körper, zum Beispiel auch der von Menschen mit Behinderung sowie allgemeine queer-feministische Themen wie (A-)Sexualität, soziales Geschlecht und Performance. 

Einige prägnante Beispiele für zeitgenössischen Fat Acceptance-Aktivismus sind der Blog twowholecakes der Autorin Lesley Kinzel, die spoken word-Performance Fat Bottomed Girls von Kim Selling, der Interview-Film Fat Body (In)Visible sowie das Videoprojekt It gets fatter, das sich mit der Intersektionalität von Sexismus, Rassismus und fatism auseinandersetzt und bislang aus sieben Veröffentlichungen auf der Videoplattform vimeo besteht. In den letzten Jahren hat es einige nennenswerte Veröffentlichungen zum Thema Fat Acceptance aus der Bewegung heraus gegeben, von denen nicht wenige ursprünglich in Zine-Form oder in Weblogs zugänglich waren. Zudem hat es in den USA auch eine Zunahme an akademischer Beschäftigung mit dem Themenfeld gegeben, wodurch die fat studies entstanden sind.  

Angesichts der herrschenden Diskurse zu Schönheit, Körper und Gesundheit ist es nicht verwunderlich, dass die Fat Acceptance-Bewegung jedoch bislang eher marginal existiert? und sich die Aktivist_innen vor allem in urbanen Ballungsräumen finden. Das Recht auf einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper einzufordern, ist eine radikale Forderung, die in erster Instanz nicht von Stigmatisierung befreit, sondern diese unter Umständen sogar erhöht, weil sie wird sichtbarer. Dennoch ist die Präsenz von Fat Acceptance-blogging auf Seiten wie tumblr, vimeo oder facebook (zum Beispiel die Gruppe »Fat Grrrl Activism«) nicht zu unterschätzen, bietet doch die Zugänglichkeit des Internets – zumindest für einen Großteil der Menschen in Nordamerika und Europa – ein enormes Potential der Identifizierung mit Körpern jenseits der im Mainstream propagierten Schönheitsnormen. Eine Änderung des eigenen Körper- und Selbstbildes als Effekt ist denkbar und realistisch und damit das stückweise Zurückerobern des eigenen Körpers durch die radikale Forderung nach Selbstbestimmung bereits in sichtbare Nähe gerückt.

 

~ Von Anna Frost. Die Autorin lebt in Berlin und beschäftigt sich mit der Verknüpfung von Körpernormen, Selbstbild und Identitätskonzepten in kapitalistischen Gesellschaften.

Fußnoten

  1. Zusammengesetzt aus Documentary (deutsch: Dokumentation) und Entertainment (deutsch: Unterhaltung).
  2. So z.B. »Mitten im Leben« oder »Besser Essen«.
  3. »The Biggest Loser«.
  4. Die deutsche Adaption der gleichnamigen US-amerikanischen Sendung The Swan.
  5. Amy Erdman Farrell, Fat Shame. Stigma and the Fat Body in American Culture, New York 2011, 128.
  6. Michael Berger/Ingrid Mühlhauser, Diabetes und Übergewicht bei Männern und Frauen, in: Klaus Hurrelmann/Petra Kolip (Hrsg.), Geschlecht, Gesundheit und Krankheit. Männer und Frauen im Vergleich, Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 2002, 316.
  7. Paula-Irene Villa/Katherina Zimmermann, Fitte Frauen – Dicke Monster? Empirische Exploration zu einem Diskurs von Gewicht, in: Schmidt-Semisch/ Schorb (Hrsg.), Kreuzzug gegen Fette. Sozialwissenschaftliche Aspekte des gesellschaftlichen Umgangs mit Übergewicht und Adipositas, Wiesbaden 2008, 172.
  8. Ebd., 174f.
  9. Grit Höppner, Alt und schön. Geschlecht und Körperbilder im Kontext neoliberaler Gesellschaften, Wiesbaden 2011, 28.
  10. Auch für Homosexualität, Kriminalität, Autismus, Depression wurden Mütter in der Vergangenheit und noch heute verantwortlich gemacht.
  11. »Kindesmissbrauch mit Pommes«, in: Süddeutsche Zeitung vom 12. Mai 2007.
  12. Ladd-Taylor/Umansky, Bad Mothers, The Politics of Blame in Twentieth-Century America, New York, 1998.
  13. Franz Petermann/Volker Pudel, Übergewicht und Adipositas, Göttingen 2003, 24.
  14. Uwe Helmert, Die »Adipositas-Epidemie« in Deutschland – Eine geschichtswissenschaftliche Rückfrage, in: Schmidt-Semisch/Schorb, Kreuzzug gegen Fette. 86.
  15. Carmen Gransee, Essstörungen, Körperbilder und Geschlecht, in: Schmidt-Semisch/Schorb, Kreuzzug gegen Fette, 168.
  16. http://www.radiancemagazine.com/issues/1998/winter_98/fat_underground.html.
  17. Gerald Abl, Kritische Psychologie: Eine Einführung, Stuttgart 2006.
  18. Susie Orbach, Fat is a Feminist Issue, London 1978.
  19. http://www.size-acceptance.org/branches/index.html.
  20. http://fatshionista.livejournal.com.
  21. http://blog.twowholecakes.com.
  22. Der Auftritt ist zu finden unter, zit. n. http://vimeo.com/21221916, das Skript, zit. n. http://theavantguard.tumblr.com/post/4281772606/hey-kids-full-text.
  23. http://www.fatbodyinvisible.com.
  24. Marilyn Wann, FAT!SO? Because You Don‘t Have to Apologize for Your Size. Berkeley 1998 und Harding/Kirby, Lessons from the Fat-o-sphere. Quit Dieting and Declare a Truce with Your Body, New York 2009.
  25. Zit. n. http://www.utsandiego.com/news/2009/sep/14/fat-studies-emerges-academic-field/.