Lost in Attention

Eine Annäherung an die Optimierung des aufmerksamen Individuums

Aufmerksamkeit ist etwas, das man nicht sehen kann. Dem gegenüber steht das Diktum des Psychologen und Philosophen William James aus dem Jahr 1890, dass »jeder weiß, was Aufmerksamkeit ist«. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Aufmerksamkeit steht damit vor einem Dilemma: Sie beschäftigt sich mit etwas, das alle kennen und niemand vollständig zu charakterisieren vermag. Oft wird Aufmerksamkeit als gegeben verstanden, deswegen wird ihre Abwesenheit problematisiert oder pathologisiert; Unaufmerksamkeit beeinträchtigt Gesellschaftsfunktionalität. Allerdings ist fraglich, ob das, was Forschung und Gesellschaft heute unter »natürlichen« Aufmerksamkeitsprozessen verstehen, immer schon natürlich war.

Aufmerksamkeit ist eine der Voraussetzungen für das Navigieren in einer reizüberfluteten Umgebung; Aufmerksamkeit trennt Information, die relevant für die Interaktion mit der Umwelt ist, von irrelevanter. Wenn die Person, nach der jemand in einer großen Menge Menschen sucht, einen roten Pullover trägt, sind alle anderen Farben für die wahrnehmende Person irrelevant. Aufmerksamkeit funktioniert wie ein Filter, der nur die Information mit hoher Priorität ins Bewusstsein vordringen lässt – deshalb gilt die Aufmerksamkeit als das Tor zum Bewusstsein. Das funktioniert automatisch und unbewusst, ganz gleich ob die Konzentration willentlich oder unwillentlich auf die eine oder andere Sache gerichtet wird. Lediglich die Konsequenzen von Aufmerksamkeit oder ihrer Verschiebung sind nachvollziehbar; auf der Verhaltensebene, beispielsweise durch Irrtümer in der Ausübung einzelner und paralleler Tätigkeiten und das Übersehen von Fehlern. Zaubertricks funktionieren dank dieser Unaufmerksamkeiten: Magie lebt von der Verschiebung der Aufmerksamkeit auf das Ablenkungsmanöver, während der Zauberer unbemerkt das Kaninchen verschwinden und wieder auftauchen lässt. Methoden der Neurowissenschaft und der kognitiven Psychologie versuchen das Phänomen Aufmerksamkeit zu greifen, indem sie die Effekte der Aufmerksamkeit auf physiologischer Ebene sichtbar machen. Erhöhte physiologische Aktivität, also erhöhte Neuronenaktivität, sei die Folge von Aufmerksamkeitsverschiebung. Damit ergibt sich ein Darstellungsproblem für die Hirnforschung, denn ihre Beobachtungen gründen auf kausalen Zusammenhängen: Die Ursache selbst aber ist unzureichend beschrieben, weil sie nicht sichtbar oder nachvollziehbar gemacht werden kann. Das Dilemma ist damit nicht aufgelöst.

Die Entstehung des Aufmerksamkeitsregimes

Eine kritische Rolle für die Prozesse der Wahrnehmung wird der Aufmerksamkeit in der Moderne zugeschrieben. Erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wird ihr zunehmend Bedeutung beigemessen. In seinem Buch Aufmerksamkeit – Wahrnehmung und moderne Kultur stellt Jonathan Crary fest, dass die Voraussetzungen für das wachsende Interesse an der Aufmerksamkeit ein neues Verständnis der Physiologie des Körpers waren. Wahrnehmung, insbesondere die Grundlagen des Sehens, wurde im Individuum verortet und damit die Objektivität und Verlässlichkeit der Sinneseindrücke in Frage gestellt. Sie war fortan abhängig von den physiologischen Prozessen im Körper des Betrachtenden und nicht mehr, wie ursprünglich angenommen, vom visuellen Reiz selbst.  Damit wurde ein Bruch zwischen den subjektiven Wahrnehmungserlebnissen und der externen Welt evident: Wahrnehmung war nicht mehr nur reine Repräsentation der äußeren Eindrücke. Die Vorstellung eines stabilen, punktuellen Subjekts und dessen mentaler Einheit und Fähigkeit zur Synthesis wurden damit problematisch.

Aber nicht nur die Vorstellungen von der Wahrnehmung veränderten sich im 19. Jahrhundert, sondern auch die realen Anforderungen an das Subjekt. Urbanisierung und technologischer Fortschritt sorgten zum Beispiel für eine Veränderung der Lichtverhältnisse. Die physiologischen Mechanismen für das Sehen am Tag und in der Nacht sind verschieden. Durch die Beleuchtung der Städte bei Nacht wurde diese physiologische Arbeitsteilung tendenziell aufgehoben. Straßenbeleuchtungen wiederum waren notwendig, weil sich die Produktionsverhältnisse veränderten; die Einteilung des Tages in absolute Ruhe- oder Produktivitätsphasen verschwand sukzessive im Zuge des Zivilisationsprozesses.

In mehreren Lebensbereichen wurden Möglichkeiten der Zerstreuung durch die konzentrierte Aufmerksamkeit ersetzt. Richard Wagner beispielsweise kritisierte die zerstreute Praxis des kulturellen Genusses. Nur die gebündelte, konzentrierte Form der Aufmerksamkeit erschien ihm die angemessene Form für die Musikrezeption. Infolgedessen entwickelte er neue Konzepte, die dem Publikum das höchste Maß an Konzentration abverlangten: Das Licht im Publikumsraum wurde gedämpft, die Menschen blickten geradeaus auf die Bühne und wurden der Möglichkeit im Saal umherzuschauen beraubt. Das Orchester versank im Orchestergraben und wurde unsichtbar gemacht, die Bühne mit Lichteffekten stärker zur Wirkung gebracht. Das Publikum war nun kontrolliert, sein Blick an die Bühne gefesselt. Zeitgenössische Formen dieser Verdichtung in der Bindung der Aufmerksamkeit bzw. der Aufmerksamkeitsüberwachung sind neben Theater und Oper das Kino und das Fernsehen, obgleich Letzteres ähnlich wie das Radio oft als Begleitmedium genutzt wird.

Es gehört zur Logik des Kapitalismus, dass das schnelle Verschieben des Fokus von einer Sache auf die andere als natürlich empfunden wird. Die gezielte Platzierung von Werbung – im Kino sowie in Radio und Fernsehen – beruht auf diesen Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung. Computer und Smartphones lenken die Aufmerksamkeit subtiler und eher temporär. Plopp – eine neue Mail, pling – eine SMS; mit wachsender Bereitschaft, rund um die Uhr verfügbar zu sein, fällt es schwer, sich diesen aufmerksamkeitsfordernden Signalen zu widersetzen, gehören sie doch längst zum vertrauten Repertoire einer mannigfaltigen Geräuschkulisse. Aufmerksamkeit ist ein historisches Konzept des Zeitalters der Technologisierung. Die Flexibilität des Fokus, Neuheit als aufmerksamkeitserregendes Attribut und Zerstreuung oder Ablenkung durch stärkere Eindrücke, sind Zuschreibungen eben dieser Zeit. Sie wurden die neuen Maßstäbe für die Wahrnehmung; aus stabilen, konstanten Perzepten, den subjektiven bewussten Wahrnehmungserlebnissen, wurden instabile Informationsflüsse, ständige Wechsel von perzeptuellen Eindrücken: Die Ablösung der Photographie durch die bewegten Bilder des Films mag das versinnbildlichen. Parallel zu den mehr und mehr unstabilen Perzepten der modernisierten Welt veränderte sich das Verhältnis zwischen Subjekt und dem, was es wahrnimmt. Die neuen Formen der Wahrnehmung machten eine Disziplinierung der Aufmerksamkeit notwendig, die Jonathan Crary das Aufmerksamkeitsregime nennt. Die auferlegte Anpassung an die immer neuen Technologien der Moderne und die Konzentration über immer längere Zeiträume stellten und stellen für das wahrnehmende Subjekt eine Herausforderung dar.

Man könnte meinen, die Bewältigung dieser Reizüberflutung erfordere ein Mehr an Regenerationsphasen. Zeitgleich verkürzten sich jedoch die Phasen der Ruhe kontinuierlich. Schlief der Mensch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch zehn und in der letzten Generation acht Stunden, so betragen die Ruhephasen gegenwärtig sechseinhalb Stunden. Und immer noch will eine Leistungsgesellschaft sich nicht damit abfinden, dass der Mensch nur unzureichend für die Anforderungen des Kapitalismus ausgestattet ist und der Perioden der Regeneration bedarf. Die natürliche Grenze der Erschöpfung nach ausgedehnter, konzentrierter Aufmerksamkeit wird immer weiter verschoben. In der Folge dreht sich die Forschung um Möglichkeiten, die Ruhephasen des Individuums zu verkürzen, ohne dessen Aufmerksamkeit und Produktion dabei einzuschränken.

Genie & Wahnsinn?

Parallel zu dieser Entwicklung kann die Romantisierung von Bildung als Synonym für alles, was Gedächtnis und Intelligenz involviert, gelesen werden. Beide, Gedächtnis und Intelligenz, sind verschieden von der Aufmerksamkeit, haben sie jedoch als Voraussetzung: Ohne ihre selektive Filterfunktion wäre die Konzentration auf die Aneignung von Wissen nicht möglich. Sogenannte Universalgenies oder Universalgelehrte ernteten von Generationen Bewunderung für ihr umfassendes Wissen auf mehreren verschiedenen Gebieten. Nicht minder jedoch fällt die Anerkennung für diejenigen aus, die auf nur einem Gebiet Geistesgröße bewiesen haben. Es existiert eine absurde Obsession mit der Genialität; Gehirne von Genies werden aufbewahrt in der Hoffnung, das Rätsel ihrer Fähigkeiten irgendwann zu lösen. Tatsächlich haben die Psychologie und die Neurowissenschaft die meisten ihrer Erkenntnisse durch Menschen gewonnen, die von der sogenannten Norm abweichen oder gar Defekte, beispielsweise nach Hirnverletzungen, davongetragen hatten. Vor allem Savants, »die Wissenden«, eine kleine Gruppe von rund 100 Menschen weltweit, wecken immer wieder das Interesse von Gesellschaft und Forschung. Savants haben besondere Fähigkeiten in den Bereichen Mathematik, Kunst, Musik oder außergewöhnliches Faktenwissen. Sie sind in der Lage, das Wissen aus Tausenden Büchern zu reproduzieren, nach einem Hubschrauberflug Panoramen von Großstädten detailgetreu nachzuzeichnen oder komplexe Rechenoperationen im Kopf durchzuführen. In ihnen verbindet sich Genialität oft mit sogenannten Defiziten: Mehr als die Hälfte der Savants gelten als Autisten. Offensichtlich ist die Leistungsfähigkeit gesteigert, um den Preis verminderter Fähigkeiten bzw. der absoluten Unfähigkeit zu sozialer Interaktion und Kommunikation sowie dem eigenständigen Organisieren des Alltags. Weil das reibungslose Funktionieren in Gesellschaft und Alltag aber als Norm gesetzt ist, werden viele von ihnen im Kindes- und Schulalter als lernbehindert diagnostiziert, ehe ihre besonderen Fähigkeiten entdeckt und anerkannt werden. Nicht alle hingegen werden als Savants geboren; es gibt einige unter ihnen, die durch einen harten Fall oder Schlag auf den Kopf kleine Verletzungen im Gehirn erlitten und in der Folge außerordentliche Begabungen entwickelt haben.

Allan Snyder, ein australischer Hirnforscher, argumentiert, dass Savants Fähigkeiten haben, die in uns allen existieren, nur haben wir dazu keinen Zugang. Savants, so Snyder, nehmen die Welt wahr, wie sie wirklich ist, während Menschen ohne diese Gabe gefangen sind von ihren eigenen Vorstellungen über die Welt. Die Wirklichkeit wird von Letzteren immer schon interpretiert, während Erstere die Umwelt in ihrer ganzen, allerdings überfordernden, Vielfältigkeit wahrnehmen. Die unbewusste Filterfunktion der Aufmerksamkeit ist in Savants vermindert. Sie haben Zugang zu Informationen, die von Gehirnen der Mehrheit der Menschen aussortiert werden. Um dieses Beispiel zu illustrieren: Auf einem belebten Platz sind die meisten Menschen in der Lage, sich auf ein Gespräch mit der Begleitung zu konzentrieren, ohne vom Lärm des Verkehrs und schreiender Kinder, vom Läuten der Kirchenglocken sowie all den dazugehörigen visuellen Eindrücken abgelenkt zu sein. Sie trennen relevante von irrelevanten Wahrnehmungsreizen aus der Umgebung. Savants hingegen wären aufgrund des Eindringens dieser zahlreichen visuellen und auditiven Reize ins Bewusstsein an einem Ort wie dem Times Square überfordert.

Es drängt sich die Frage auf, ob die Störung der Filterfunktion der Aufmerksamkeit Ursache oder Symptom des Savant-Syndroms ist. Beantwortet werden kann sie nicht, jedenfalls noch nicht. Das Phänomen aber vergegenwärtigt die Komplexität des Alltags, die Herausforderungen der sozialen Interaktion und des Weltgeschehens. Es zeigt, warum die temporäre oder konstante Überforderung mit der Welt weit natürlicher erscheinen sollte als der souveräne Umgang mit Arbeit, Aktion und moderner Technologie, die eben nicht Natur sind.

Vielen Genies der letzten Jahrhunderte wird nachgesagt, sie seien autistisch gewesen. Das heißt, es werden dieselben Symptome in Bezug auf die Filterfunktion der Aufmerksamkeit angenommen, die ein erweitertes Empfinden für die Welt zulassen und zu sogenannten Inselbegabungen führen. Begründet wird der Verdacht mit nicht-normativen sozialen Verhaltensweisen, einem »Anders-sein« als die Mehrheit. Die Gehirne von Einstein und Co. warten derweil, eingelegt in Formaldehyd, auf den Tag, an dem die Methoden raffiniert genug sind, die Ursache ihrer Genialität zu enthüllen, und sie von den ungewollten Nebenwirkungen, wie sozialem Nonkonformismus, zu trennen.

 

Überwindung von Grenzen

Die Begeisterung für die Begabungen der Savants und ihre Romantisierung enthüllt die allgemeine Hoffnung auf das Erwerben dieser oder vergleichbarer Fähigkeiten. Aufmerksamkeit und Konzentration spielen hier eine entscheidende Rolle. Der Versuch, Grenzen der Wahrnehmung und Leistungsfähigkeit zu überwinden, zeigt sich in zahlreichen Bereichen, auch wenn die Möglichkeiten begrenzt sind. Viele Drogen, die heute hedonistisch konnotiert sind, begannen als Mittel zur Leistungssteigerung. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde Kokain zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit, insbesondere von Kampffliegern, verabreicht. Zum Wirkungsspektrum gehört unter anderem stark gesteigertes Selbstvertrauen, Ausgelassenheit, der Wegfall von Hemmungen und Ängsten, ein Gefühl der Stärke und erhöhte Risikobereitschaft. Ganz nebenbei hat Kokain auch zu erhöhter Euphorie im Kriegsspiel beigetragen. Aus Kostengründen haben Amphetamine das Kokain im Zweiten Weltkrieg abgelöst. Amphetamine steigern gezielter die Konzentration, Aufmerksamkeit und Selbstvertrauen und vermindern Schmerzempfinden. Sukzessive wurden auch die kreativen Bereiche von Amphetaminen durchdrungen. Jean-Paul Sartre griff für das Verfassen seiner philosophischen Schriften zum Amphetamin Corydran: »In der Philosophie bestand Schreiben im Großen und Ganzen darin, meine Ideen zu analysieren, und ein Röhrchen Corydran bedeutete, diese oder jene Ideen werden in den kommenden zwei Tagen analysiert«. Die literarischen Werke hingegen sollten nicht »fabriziert« und frei von dem Einfluss von Drogen bleiben, »da er glaubte, die Analyse des Gefühls und die Wahl der Worte, des Satzbaus und Stils würden es erfordern, ›absolut normal‹ zu sein«.  Ritalin ist derzeit der berühmteste kleine Helfer für Prüfungsvorbereitungen und das Einhalten von Deadlines. Die Optimierung mit Hilfe von Amphetaminen und anderen leistungssteigernden Drogen bedeutet jedoch lediglich den Aufschub der Erschöpfung. Das temporäre Überschreiten der Grenzen der Wahrnehmung und Produktivität hat mit Verzögerung dieselben, wenn nicht stärkere, körperliche Auswirkungen.

Substanzen wie Betablocker tun genau das Gegenteil von Amphetaminen; sie verhindern die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, die Angstgefühle und ihre Begleiterscheinungen auslösen. Eigentlich werden sie bei Krankheitsbildern eingesetzt; ein Heilmittel wird zur Doping-Substanz verkehrt. Betablocker mildern die Angst- und Stresssymptome, nicht die Nervosität oder das Lampenfieber selbst. Spätestens seit den sechziger Jahren wird es von professionellen Musikern eingesetzt, um Aufführungsangst zu bekämpfen und dadurch die Performance zu verbessern.

Neue Formen der Angstregulation intervenieren nicht mehr durch die Einnahme von Stimulantien, sondern werden vom Subjekt selbst gesteuert. Neurofeedback ist eine Methode, bei der Menschen ihr Hirnstrommuster in einem experimentellen Rahmen kennen und regulieren lernen. So können Angst- oder Stresszustände vom nervösen Musiker selbst moduliert werden, durch Training auch jenseits des Experimentalraums.

Optimierung und Selbstoptimierung der Gegenwart haben zwar neue Praktiken hervorgebracht, aber sie sind als Phänomen nicht neu und nicht unbedingt qualitativ verschieden von Optimierungsversuchen bei Sartre und seinen Zeitgenoss_innen. Gehirnjogging und Neuro-Enhancement oder Cognitive Enhancement sind deswegen gesellschaftlich akzeptabel, weil sie nicht mit illegalisierten Substanzen operieren. Der gesellschaftliche Druck jedoch hat sich zweifelsohne erhöht. Die Optimierung des Hirns korrespondiert dabei mit Phänomenen in anderen medizinischen Gebieten, wie beispielsweise der Schönheitschirurgie, dem Anti-Aging oder der Potenzsteigerung. Hier wie dort geht es nicht mehr um die Heilung von oder Prävention vor Krankheiten, sondern um die Verbesserung von Leistung und Funktion. Die Dichotomie von krank und gesund verschiebt sich: Menschen empfinden sich generell als defizitär und gleichen ihre vermeintlichen Makel mit Substanzen aus, die eigentlich der Minderung von psychischen Beschwerden oder Störungen dienen.

Der menschliche Motor

Zwei Motive scheinen das Individuum zu Selbstoptimierung und -disziplin zu treiben: Zeit und Erfolg. Gibt es noch ein An-Nichts-denken? Dürfen Gehirne noch imperfekt und Individuen unaufmerksam sein? Die Gesellschaft macht keinen Unterschied mehr zwischen Unproduktivität und kognitiver Unzulänglichkeit; neuronale Dysfunktion und Erfolglosigkeit erfahren eine Gleichsetzung. Das Funktionieren von Neuronen wird mit den »natürlichen« Operationen der Welt identifiziert, so als würden biologische Grundlagen einen bestimmten Typ von politischer oder sozialer Organisation rechtfertigen. Denkt man an das Vokabular der Aufmerksamkeitsforschung, so scheint es sich um ein Wechselverhältnis zu handeln. Im wissenschaftlichen Diskurs dient die Sprache der elektronischen Informationsverarbeitung und der Ökonomie der Konkretisierung neurowissenschaftlicher bzw. kognitiver Modelle. Aufgrund der bedingten Fähigkeit zum synchronen Ausführen von Konzentrations- und Denkarbeiten – beliebtes Beispiel: gleichzeitiges Autofahren und Telefonieren – geht die Forschung heute davon aus, dass Aufmerksamkeit ein selektiver Prozess mit notwendigerweise begrenzter Belastbarkeit ist. Der Fachbegriff für dieses Konstrukt war zunächst Effort (Arbeitsaufwand, Leistung). Effort wurde durch Kapazität ersetzt, ein Konzept, das dem Feld der Informationsverarbeitung entnommen ist, obgleich es die Nähe zu Produktion und Wirtschaft bereits andeutet. Kapazität wiederum wird gleichauf mit dem Begriff Ressource verwendet, womit die neuronale Marktlogik komplementiert wird: Weil Verarbeitungsressourcen im Gehirn limitiert sind, steht die zu verarbeitende Information stets im Wettbewerb mit konkurrierenden Informationen. Der »Gewinner« dieses Wettbewerbs nimmt nach dem the-winner-takes-it-all-Prinzip dann die Ressourcen für sich in Anspruch.

Müdigkeit und Erschöpfung haben in der Gesellschaft offensichtlich einen schlechten Stand. Das lässt sich auch an ADHS oder Autismus zeigen, die als »unnormal« angesehen werden, weil Konzentration und Aufmerksamkeit schlechter funktionieren und eine »normale« Integration in die Gesellschaft vermeintlich schwierig machen. Paradoxerweise scheinen die als psychische Dysfunktion stigmatisierten Phänomene die Konsequenz ebenjener Aufmerksamkeitsökonomie zu sein. Sowohl ADHS als auch Autismus gelten einigen Forschenden als Symptome der kontinuierlichen Konfrontation mit bewegten Bildern – TV und PC – beziehungsweise Reizüberflutung vor allem bei Kleinkindern. Auch zwischen Depressionen und Internetnutzung scheint dieser Zusammenhang zu bestehen.

Krankheit und Erschöpfung sind ständige Begleiter des modernen Individuums. Anson Rabinbach widmet in seinem Buch The Human Motor, das zahlreiche, zumeist vergessene wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Arbeit und Arbeitskraft aufgreift, ein Kapitel den diversen Formen der Erschöpfung und Überarbeitung im ausgehenden 19. Jahrhundert. 1880 und 1890 gab es einen schlagartigen Anstieg von Studien zu Ermüdungs- und Erschöpfungserscheinungen. Besonders unter Schüler_innen in Europa breitete sich eine mentale Erschöpfung aus; übertrieben viel Wissen werde den Lernenden abverlangt und führe zu einer chronischen Überarbeitung, zu nervöser Überreaktion, mentaler Hyperaktivität – kurzum: Es verändere ihren Charakter. Surmenage, der französische Begriff für Erschöpfung und Überanstrengung beim Menschen, gelangte zu eben jener Zeit ins Vokabular, während es vorher verdorbenes Fleisch von unter Stress geschlachteten Tieren bezeichnete. Frühe psychophysische Studien des deutschen Naturwissenschaftlers Hermann Griesbach zeigten den Zusammenhang zwischen intellektueller Arbeit und einer gesteigerten Unempfindlichkeit für Reize auf der Haut auf. Er demonstrierte außerdem, dass mechanische Arbeit die Empfänglichkeit für Empfindungen auf der Haut weniger beeinträchtigte. Der Heidelberger Psychologe Emil Kraepelin brachte mit dem Ziel, die »höchste Steigerung der Arbeitsfähigkeit während des Unterrichts durch zweckmäßigen Wechsel von Anspannung und Erholung«  bei Jugendlichen zu erreichen, jene Ansichten in die Debatte, die so paradigmatisch für den Optimierungskanon sind. Er sah in den Erschöpfungserscheinungen eine Entwicklungskrankheit: »Sie ist entstanden dadurch, dass ein gewisser Bruchteil der heutigen Menschheit nicht die genügende Anpassungsfähigkeit besitzt, um ohne Schaden die Steigerung und Erweiterung unserer Lebensarbeit zu ertragen. Der Untaugliche unterliegt, während die Kräfte des Tüchtigen sich erproben und bereichern, um einem neuen, leistungsfähigeren Geschlecht die Bahn zu öffnen«.

Die pathologische mentale Erschöpfung des Individuums als Resultat der modernen Zivilisation, genannt Neurasthenie, beschränkte sich nicht auf Schüler_innen. Gesamtgesellschaftlich stieg im ausgehenden 19. Jahrhundert abrupt die Zahl erschöpfter, depressiver Individuen, die durch exzessive mentale Arbeit, intellektuelle und moralische Anstrengungen sowie den Kampf um die eigene Existenz entkräftet waren. Die Unfähigkeit, das eigene Empfinden vor der Einwirkung äußerer Strapazen zu schützen, ist ein Charakteristikum von Neurasthenie. Das ruft erneut die gesteigerte Bedeutsamkeit der Filterfunktion der Aufmerksamkeit ins Gedächtnis und deutet die Folgen eines dysfunktionalen Filters an. Interessanterweise wurde auch Neurasthenie von einigen Forschenden mit einer Schwäche des Willens assoziiert, ähnlich wie dies bei Anzeichen von Unaufmerksamkeit behauptet wurde. Zu den Zuschreibungen des Willens in jener Zeit gehörte seine hemmende Kraft: Unterdrückung von Reizung und Erregung, Unterdrückung von Begehren und Antagonist des Reflexes. Der Wille wurde als disziplinierendes Korrektiv etabliert und die Wiederherstellung der Willenskraft als Therapie vorgeschlagen. Théodule Ribot, einer der Hauptvertreter dieser Ansicht, war der Wortführer in der Umdeutung von Neurasthenie als einem Leiden an übermäßigem, sozialen und intellektuellen Druck sowie Mangel an Antriebskraft hin zu einer Unlust zur Arbeit und zur Produktivität. Empfohlene Therapie: Arbeit. Bereits hier wurden die Grundsteine für die gegenwärtige Gleichsetzung von Dysfunktion, Faulheit und Erfolglosigkeit gelegt.

 

Lob der Unaufmerksamkeit

Ist Unaufmerksamkeit vor den Zeiten der Technologisierung einfacher gewesen? Einer der Unterschiede zwischen dem Individuum der Vormoderne und dem Subjekt der Gegenwart ist die permanente Informations- und Reizüberflutung. Radio hören, Stromrechung bezahlen, Termine wahrnehmen, im Netz surfen, telefonieren und gleichzeitig E-Mails schreiben: Menschen koordinieren heute eine Unmenge an Faktoren und müssen immer neue Informationen aufnehmen. Damit ist unterstellt, dass sie der Organisation des Alltags mehr Raum geben müssen als Menschen vor hundert oder zweihundert Jahren. Verändert sind auch die Formen der Wissensaneignung; eine Fülle an Daten muss auf ihre Relevanz hin überprüft, selektiert und gefiltert werden.

Die Entdeckung der Aufmerksamkeit als eine optimierbare und kontrollierbare Ressource im ausgehenden 19. Jahrhundert fällt zusammen mit einer Zunahme an Ermüdung und Erschöpfung als gesellschaftliche Phänomene; die Verwaltung der Aufmerksamkeit zieht sich in unterschiedlichen Formen durch das gesamte 20. Jahrhundert. Die einzige – im weitesten Sinne positive – Konsequenz, die die Entdeckung der Leistungsgrenzen des Individuums nach sich zog, entsprang dem Zusammenhang zwischen dessen Erschöpfung und dem Gesetz der geringsten Anstrengung. War die Abgespanntheit der Antrieb der Modernisierung, hatte sie immerhin zur Folge, dass Methoden entwickelt wurden, Arbeit zu erleichtern.  Abgesehen von diesem Minimal-Zugeständnis wurde und wird die Verantwortung an das Individuum abgegeben; die optimierbare Maschine ist das Subjekt selbst, der Optimierungskanon wird kontinuierlich erweitert. Vielleicht kann einzig die Fähigkeit, auszublenden, Reste der Autonomie noch erhalten. Die historische Entstehung des Konzeptes der Aufmerksamkeit deutet an, dass es nicht eine Form der Aufmerksamkeit gibt und dass das Individuum gelernt hat, sich an den Gegebenheiten einer reizüberfluteten, technologisierten Umwelt unterzuordnen. Auch das Ignorieren einer Vielzahl von Reizen ist kognitive Arbeit, das wissen alle, die in lauter Umgebung versucht haben zu lernen. Jedoch ist der Optimierungszwang so tief in den Menschen eingedrungen, dass auch das Gehirn als eine Ressource begriffen wird, die sich durch Training weiter ausschöpfen ließe. Vor diesem Hintergrund ist jeder Moment der Unaufmerksamkeit schon ein kleines Stückchen Widerstand.

Stine Meyer

Die Autorin beforscht die Grundlagen der visuellen Aufmerksamkeit und ist Redakteurin der Phase 2 in Leipzig.

 

Fußnoten

  1. »Every one knows what attention is. It is the taking possession of the mind, in clear and vivid form, of one out of what seem several simultaneously possible objects or trains of thought. Focalization, concentration, of consciousness are of its essence. It implies withdrawal from some things in order to deal effectively with others and is a condition which has a real opposite in the confused, dazed, scatterbrained state which in French is called distraction, and Zerstreutheit in German.« William James, The Principles of Psychology, New York 1890, 403-404.
  2. Vgl. zum Folgenden Jonathan Crary, Aufmerksamkeit – Wahrnehmung und moderne Kultur, Frankfurt a. M. 2002.
  3. Vgl. zum Folgenden Jonathan Crary, 24/7 – Late Capitalism and the Ends of Sleep, London, New York 2013.
  4. Vgl. zum Folgenden Expedition ins Gehirn. Eine Reise in die mysteriöse Welt der Superbegabten. 3-teilige Wissenschafts-Dokumentationsreihe. Buch, Regie, Produktion: Petra Höfer und Freddie Röckenhaus. Deutschland, USA, Australien 2005.
  5. Vgl. zum Folgenden Hans-Christian Dany, Speed – Eine Gesellschaft auf Droge, Hamburg 2008.
  6. Dany, Speed, 87.
  7. Ebd.
  8. Dimitrios Repantis, Psychopharakologische Interventionen für Neuroenhancement bei gesunden Menschen, Dissertationsschrift, 2011.
  9. Catherine Malabou, What Should We Do with Our Brains, New York 2008.
  10. Vgl. zum Folgenden Anson Rabinbach, The Human Motor. Energy, Fatigue, and the Origins of Modernity, New York 1990.
  11. Emil Kraepelin, Ueber geistige Arbeit, Jena 1897, 24.
  12. Ebd., 28.
  13. Rabinbach, The Human Motor.