Lieber ein Fähnchen im Wind

Radikale queere Theorie stellt geschlechtlich Identitäten grundlegend in Frage

Hoch auf seinem Wagen sitzt Harvey Milk in dem soeben gesehenen Biopic Milk von Gus Van Sant und jubelt auf der Gay Freedom Day Parade 1978 seinem phänomenalen Erfolg entgegen. Knapp 10 Jahre nach Stonewall 1969, dem Wendepunkt in der Schwulen- und Lesbenbewegung, wurde der New Yorker Harvey Milk der erste bekennend homosexuell lebende Stadtrat San Franciscos und zugleich zum Symbol und Märtyrer der Emanzipationsbewegung, wobei bereits hier betont sei, dass es sich nie um eine einheitliche Bewegung gehandelt hat.

Dennoch ließe sich sein Tod als performativer Akt im Film durch die Rahmung der Tonbandaufnahme als Zeitdokument und Testament interpretieren, der die signalhafte Wirkung seines Engagements verstärkte und durch den Schrecken des Mordes an ihm der öffentlichen Wahrnehmung der Kämpfe eine Bedeutung verlieh, welche die Vielfältigkeit der Bewegungen auf ein konsensuelles Maß zuzuschneiden verhalf. Gekoppelt an einen christlich unterlegten Märtyrerglauben bekam(en) die us-amerikanische(n) Schwulen -und Lesbenbewegung(en) ein Gesicht und eine Identifikationsfigur, die in der posthumen Zeichenhaftigkeit eine Identifikation auf Basis geteilter Werte und vereint im Kampf gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte ermöglichte. Die Tonbandaufnahme hilft dabei als Reliquie und Vermächtnis, die der Sinnlosigkeit seines Todes überhaupt erst einen Sinn gab, sodass sein Leben zu einem Zeichen für homosexuelle Identität als politische Kraft werden konnte. Dabei geht es mir weniger darum zu zeigen, dass Harvey Milk das pars pro toto schlechthin ist, sondern sein Leben, von ihm selbst entwendet, instrumentalisiert werden konnte für die Begründung einer Identität und einer Essenz der Bewegung im Kampf um Gleichberechtigung. Jene Entwendung als Prozess der Vereinseitigung fand letztlich in den USA wie in Deutschland gleichermaßen statt – nur zeitversetzt.

Auf Grundlage dieser Homo-Identität wurde ein Kampf initiiert, der sich der Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung verschrieb, worin sich meines Erachtens ein Essenzialismus verbirgt, insoweit zu fragen ist, von wo oder wem ausgehend und wem oder was nacheifernd eine Gleichstellung erfolgen soll? Gleichstellung mit der Hetero-Identität? Gleichstellung in einem machtdurchsetztem Raum und Diskurs in der Hoffnung, auch am langen Hebel sitzen zu können? Welche hegemonialen Vorannahmen und heteronormativen Voreinstellungen liegen dieser Forderung zugrunde? Hieße die Gleichstellung nicht gleichermaßen Assimilation an heteronormativ vorausgesetzte Werte, die ich immer als hegemonial gesetzte, eben normative Werte verstehe?

Ausgehend von schwul-lesbischen Emanzipationsbewegungen möchte ich daher fragen, welche Bedeutung queer und Queer Theory zukommen kann, verstehe ich die soziale Bewegung der Gay Liberation als historisch notwendigen, möglicherweise jedoch zu wenig tief greifend gedachten Schritt, insofern eine gesellschaftliche Umstrukturierung und Subversion hegemonialer Machtverhältnisse nicht durch die (Re-)Installierung homosexueller Identität erreicht werden konnte. Ohne in irgendeiner Form bagatellisieren zu wollen, dass sich queer epistemologisch auf diesen historischen Moment schwul-lesbischer Emanzipationsbewegungen seit 1969 bezieht, möchte ich dennoch behaupten, dass es sich bei queeren Theorien um eine radikale Infragestellung und Ablösung zuvor geführter und durch die Bewegung (re-)inkarnierter Identitätspolitiken handelt. Daher ist mein Point of Departure, dass sich nicht schwul-lesbische Praxen eine Theorie gesucht haben, sondern letztlich die queere Theorie nach einer Praxis sucht.

Emanicipare – das Gefängnis der Selbstbefreiung

Stonewall als »die zu Boden fallende Haarnadel, die die ganze Welt hört« wird auch heute noch als die Entstehung einer lesbisch-schwulen Identität mit Sektströmen auf kommerziellen CSDs begossen und transformierte die Homophilenbewegung in einem infernalischen Akt hin zu einer politischen Emanzipationsbewegung. Dennoch wurde die homosexuelle Identität bereits im Verlauf der Medizinisierung und Biologisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts diskursiv hergestellt und als »kleine Perversion« eingepflanzt, um auf diesem Stützpfeiler beruhend Normalisierungen der Sexualität(en), der Lüste und des Begehrens zu bewirken. In der Politisierung dessen, die homosexuelle Identität als Konstruktion eines hegemonialen und heteronormativen Diskurses selbstbewusst anzunehmen, um dem Normalisierungsdruck 1969 ein vorläufiges Ende zu setzen, entstand das Paradoxon der Ermächtigung in der Fremdzuschreibung.

Auf diesem Paradox gründet die Befreiungsbewegung Homosexueller als einer assimilatorischen Politik und knüpft sie implizit an den lateinischen Begriff der Emanzipation an. Gemäß diesem wird ein Sklave oder Sohn in die Eigenständigkeit entlassen, sodass dem Emanzipationskonzept eine phallozentrische Identität vorausgeht. Bereits begrifflich findet eine männliche Setzung statt, die sich im Bestreben nach Freiheit und Gleichheit insofern fortschreibt, als diese Werte im Zuge der Französischen Revolution nur männlichen Bürgern zugestanden wurden. Der Kampf für die Emanzipation wurde in der Besinnung auf eine männliche Identität unter dem politischen Ausschluss bzw. der Marginalisierung von dieser vergeschlechtlichten Identität abweichender Personen geführt und gewonnen. Ist die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland 1919 ein Mahnmal dieses politischen Ausschlusses von Frauen bei gleichzeitiger Zuschreibung des Repräsentationscharakters von Nation durch Weiblichkeitsdarstellungen, muss auch in Bezug auf die Emanzipation Homosexueller gefragt werden, auf welchem Rücken die Befreiung ausgetragen wurde und wird – zum Beispiel unter dem Aspekt, dass Lesben in der männerdominierten Homo-Kultur lange Zeit unsichtbar blieben oder Homosexuelle mit Migrationshintergrund sich nicht durch die Forderung nach Befreiung angesprochen fühlen, weil sie erst einmal im System aufgenommen sein müssten, um sich dann befreien zu können. Sich in der Spirale patriarchaler und weißer Diskurse von Aufklärung und Freiheit befindend, kann die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung verstanden werden als zwar notwendiger Akt, aber sich in der (hetero)normativen Logik freiheitsliebender Werte unter dem gleichzeitigen Ausschluss Nicht-Identitäts-Homosexueller und/oder schwarzer, anders befähigter, bisexueller Menschen als homonormativ herstellend. In diesem Sinne scheint die Emanzipation einer homosexuell l(i)ebenden Community gegen sich selbst gerichtet, da sie im Kampf gegen heteronormative Werte diese zu reproduzieren scheint, werden im Rückgriff auf konstruierte Identitätslogiken und kollektive Homogenitäten Menschen verschiedenster Positionierungen und Verortungen doppelt, dreifach, mehrfach, verkreuzt und integral marginalisiert. Eine Politik, die auf einer Identität aufbaut, die das Ergebnis von Herrschaft ist, wird Herrschaft (re)installieren. Da sich Emanzipation auch auf die Suche nach individueller oder gruppenspezifischer Freiheit bezieht, ließe sich im Zuge kapitalistisch verstärkter Individualisierungstendenzen fragen, ob die Emanzipation das Konzept für eine radikale Infragestellung von Gesellschaft und politischen Verhältnissen sein kann, da es sich nicht um die Emanzipation weg von den Verhältnissen, sondern um die Emanzipation hin zu den Verhältnissen, in der Hoffnung um Gleichstellung und Anerkennung, handelt. Da sich dem Begriff der Emanzipation hier ideologiekritisch angenähert wird, erscheint er durchgehend negativ besetzt. Die Notwendigkeit einer (marxistischen) Vorstellung, herrschende Verhältnisse durch Emanzipation zu überwinden, deckt sich sicherlich mit der queeren Hoffnung, Gesellschaft umstrukturieren zu können. Der Unterschied beläuft sich darauf, dass sich queer niemals auf gegebene, natürliche, selbstverständliche Verhältnisse bezieht, sondern auf konstruierte und produzierte Verhältnisse im Gewand des Natürlichen. Um also darüber nachdenken zu können, wie Verhältnisse subvertiert werden können, bedarf es einer genauen Analyse der Herstellungsmechanismen, der Dekonstruktion. Emanzipation davor zu schalten, wie es schwul-lesbische Emanzipationsbewegungen z.T. getan haben und tun, bedeutet den zweiten vor dem ersten Schritt zu gehen.

Um Emanzipation nicht als Subversion misszuverstehen, bedarf es einer Theorie, eines Konzeptes, welches sich von den machtvollen Diskursen insofern abzuwenden versucht, als die Voreinstellungen der Heteronormativität, der Zweigeschlechtlichkeit, des Freiheitsglaubens und Rationalitätsanspruches radikal aufbrechen und porös werden für Verunsicherungen und Entsicherungen. Hierfür braucht es eine Utopiefähigkeit, die nicht eingebunden werden soll in eine kapitalistisch motivierte Verwertungs- und Praktikabilitätslogik. Es braucht eine Widerstandsfähigkeit, die sich über die Dauer einer jeden sich selbst überlebten, weil institutionalisierten und kapitalisierten, sozialen Bewegung hinwegsetzt. Es nutzt nichts, wenn eine starke Bewegung im Narrativ glamoröser Hollywood-Filme zu oscargoldenem Geld und von Nivea und BillyBoy als gut zu identifizierende Zielgruppe entdeckt wird. Es nutzt auch nichts, wenn Milk zur Repräsentationsfigur und zum Signifier einer Bewegung wird, die Gefahr läuft, politisch auszubrennen.

Queering Society

Das verglühende Feuer wurde neu entfacht, als queere Interventionen vernehmbar wurden, welche die auf den Barrikaden der unerschütterlichen Geschlechtsidentität geführte Frauen- als auch Schwulen- und Lesbenbewegung in Wallungen brachte und u.a. akademische Kontroversen hervorrief. Dabei haben sich Bewegungen und politische Praxen mit den queeren theoretischen, philosophischen und psychoanalytischen Beiträgen und Analysen durchdrungen und wurden in einem Setting aktivistischer, polemischer und abstrakter Diskussionen verhandelt. Demzufolge lässt sich Queer Theory nicht als eigenständige Disziplin herausschälen, sondern ist konstitutiv mit schwul-lesbischen Identitätspolitiken verbunden, insofern sie sich kritisch auf diese bezieht. Der Einwand, dass queer immer schon in den schwul-lesbischen Emanzipationskämpfen enthalten war, ist sicherlich insoweit berechtigt, dass es sich erstens nie um eine homogene Bewegung ausschließlich homosexueller Identitätspolitiken handelte und dass zweitens alle schwul-lesbischen Kulturen durchdrungen waren von Transsexuellen, Transgendern und Intersexuellen und sich die Diskriminierung homosexueller Menschen zum Teil vornehmlich auf ihre nicht-bipolaren Perfomanzen bezog und bezieht. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass die Queere Theorie erst durch die wissenschaftliche und theoretische Reflexion Dimensionen einer artikulierten und eingeforderten Gesellschafts- und Geschlechtersubversion einerseits erreichen und aufgrund der dekonstruktiven und poststrukturalistischen Untermauerung den Bewegungen eine andere, um nicht zu sagen eine neue Richtung geben konnte, eben weil sie die sich einschleifende Essentialisierung und Homogenisierung herausforderte.

Demzufolge war die Frage Judith Butlers, was die Kategorie Frau(en) eigentlich sei, was sie konstituiere und was sie zum Subjekt des Feminismus mache, auch auf die Homo-Identität übertragbar. Unter der Annahme, dass Macht- und Repräsentationsregime Subjekte hervorbringen und konstruieren, kann keine Homo-Identität als Kern und Ziel der Emanzipation identifiziert werden. Das Subjekt der Befreiung existiert schlicht nicht in Formen natürlicher und selbstverständlicher Prägungen. Diese Zerschlagung der Geschlechtsidentität (gender) und des biologischen Geschlechts (sex) gleichermaßen führt nicht nur die Zweigeschlechtlichkeit ad absurdum, sondern auch die binär konnotierte sexuelle Orientierung. Neben dem Entstehen neuer Begehrensräume und -technologien, wie einem Transgender-Begehren oder Dildotektoniken und »sex radicalism«, eröffnen sich Möglichkeiten der Verunsicherungen und Aufweichungen, die sich in einer Fluidität geschlechtlicher Identifizierungen und Performationen als auch von Handlungs- und Begehrensoptionen äußern. Queer damit zu unterhöhlen, ebenjene Fluidität und Flexibilisierung von Identität als eine Kapitalisierung von Geschlecht insofern zu verstehen, dass Geschlechter konsumierbar würden, entspricht meines Erachtens dem Versuch, queer als kapitalistisch-verworfen zu delegitimieren. Diese Vorwurfshaltung bezieht sich auf die begriffsimmanente Schwierigkeit des pluralisierten Angebots vieler Geschlechtsidentitäten, die beliebig nachgefragt werden können, und impliziert dennoch ein Missverstehen queerer Interventionen. Schließlich handelt es sich um einen politischen Akt des Queerens von Gesellschaft, da hegemoniale und in Dichotomien aufgelöste Wertkategorien einerseits verunsichert werden und andererseits entgegen den mit Macht durchsetzten Normalisierungstendenzen wirken, ohne behaupten zu wollen, dass queer nicht auch marktkompatibel instrumentalisiert werden kann. Dennoch ist der Konsum einer »anderen« oder auch keiner oder keiner feststehenden Geschlechtsidentität entgegen dem Konsum neuer glänzender Markenschuhe mit Deprivilegierungen, Benachteiligungen und physischen wie psychischen Diskriminierungen verbunden und ordnet sich vor allem in Alltagspraxen keinen schillernden Verwertungslogiken unter. Als Drag King auf der Bühne zu stehen, ist vielleicht noch mit einem Statusgewinn verbunden. Als Drag King in der U-Bahn zu sitzen, konfrontiert eine_n jedoch mit abschätzigen Blicken, dummen Sprüchen und ungläubigem Verhalten, insoweit die Drag Performance nicht dahingehend perfektioniert ist, dass mensch »passt« und durchgeht als das »andere« Geschlecht. Die Frage nach der eigenen Identität und der eigenen Positionierung in einem Gespräch zu verweigern, führt nicht zu einer anerkennenden Geste, sondern stachelt den Forscher_inneninstinkt an, nochmal nachhaken zu wollen, wie mensch sich nun bezeichnen würde. Die Identität muss fixiert werden, um sich beruhigt der Unterhaltung widmen zu können. Dekonstruktion ist schlecht auszuhalten und dabei weitaus politischer als das Festhaltenwollen an einer Geschlechtsidentität, weil die Dekonstruktion als ein Denken und Wirken nicht politischen Machtverhältnissen unterworfen ist. Demzufolge greifen queere Denksysteme und Versuche queerer Praktiken über das Emanzipationspostulat hinausgehend Heteronormativität als auch die eigene Identität und das eigene Selbst an, sodass es sich bei queeren Theorien nie nur einzig um Brechungen und Neuordnungen handelt, sondern um eine harte Auseinandersetzung mit (eigenen) Privilegien und Benachteiligungen, die sich aus der Annahme einer geschlossenen Identität und in der Berufung auf eine kollektive Identität ergeben.

Dabei beläuft sich das Potenzial queerender Denkkreisel und kreiselnder Queeruptionen nicht nur auf maximalen Einschluss, um Marginalisierungen zu vermeiden, sondern erweitert das Spektrum um die Infragestellung kategorialer Zuschreibungen überhaupt. Erst wenn die Identitätsgrenzen und -mauern eingerissen sind, können sich Menschen im Menschlichen treffen und aufeinander zubewegen, da sie nicht in ein Ich und ein Du zu teilen sind, sondern jeder Mensch in seiner komplexen Verortung immer mit jedem anderen Menschen einen Nenner hat und sich Schnittmengen der Kommunikation, des gemeinsamen Wirkens und Kämpfens finden lassen. In der Rückbesinnung auf ethische Werte jenseits von Geschlechtsidentität, der »Rasse«, Sexualität, Religion, Klasse können materielle Differenzen zur Anerkennung kommen, eben weil sie die identitätsstiftende Bedeutung im Sinne einer auf Abgrenzung beruhenden Identitätskonstitution eingebüßt haben.

Entgegen den feministischen Bagatellisierungen, es würde sich bei queer lediglich um ein individualistisches Ausleben aller gebotenen Möglichkeiten handeln, ist queer als strukturelle Veränderung der Verhältnisse jenseits des Verhaltens der Einzelnen gedacht. Somit wird queer immer dann verkannt, wenn es von Kommerz und Szene als reiner Sammelbegriff alles Schrägen und »Perversen« vermarktet wird, um eine schwul-lesbische Identität durch eine queere Identität zu ersetzen. Dieser Identitätsüberwurf beruht auf den gleichen Verkennungen wie die Annahme, Frauen repräsentieren zu können als das was sie seien. Queer will sich diesen Repräsentationsregimen versagen, angreifbar dadurch bleiben, sich selbst immer wieder eine Verschiebung, eine Transformation, eine Selbstleugnung aufgrund einer Selbsthinterfragung zuzutrauen. Sich lieber zum Gegenstand der Analyse machen, eine These und eine Einschätzung lieber revidieren, als zu einer geronnen Lüge und einem fixierten Diktat zu werden. Lieber ein Fähnchen im Wind als ein Fels in der Brandung. Und doch können sich ruhig ein paar mehr an queer stoßen, nicht damit aus queer eine soziale Bewegung wird, die identifizierbar, dämonisierbar und somit diskreditierbar wird, wie es den Schranklesben und Latzhosenfeministinnen im Zuge zweckentfremdeter Machtresignifikationen geschah. Anstelle dessen sollten vielfache, diverse, ungleichzeitig gleichzeitige und nicht vom Identitätsmonster einzuholende queere Praxen in verschiedenen Räumen an allen Orten entstehen, um Bündnisse auf Grundlage politischer Interessen und aktivistischer Belange querliegend zu allen Diskursen zu ermöglichen. Die Grabenkämpfe von Schwarzer und Co., Wellness-Feministinnen bis hin zu queerenden AktivistInnen oder Vätern ersticken die Bündnisse im Keim, weil ein Verständnis der Solidarisierung aufgrund geteilter Anliegen durch die erzwungenen und auf Binaritäten verhärteten Differenzen und vermeintlich kohärenten Identitäten im Ansatz unterminiert wird.

Queer leben, queer handeln, queer bandeln

Wie aus dem politischen Bedürfnis, Gesellschafts- und Geschlechterordnungen zu subvertieren und zu queeren, auch politische Praxen des Queerens entstehen können, ist meines Erachtens nicht nur die große Herausforderung, sondern das Wagnis, insofern die subkulturelle Operationalisierung schnell in eine hegemoniale Instrumentalisierung umschlagen kann. Mit dem Konferenz- und Buchprojekt »queer leben queer labeln. (wissenschafts)kritische Kopfmassagen« wollten wir, eine Gruppe von NachwuchswissenschaftlerInnen und AktivistInnen, ebenjenes Verhältnis theoretischer Ansprüche und politischer (Alltags)Praxen abwägen und ausloten. Dabei stießen wir nicht nur auf die Grenzen eigener Vorstellungshorizonte, sondern vor allem auf Fragen der Vermittlung und Lebbarkeit queerer Konzepte. Unabhängig davon, dass queer im Sinne sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identitäten schon immer gelebt und geliebt wurde, scheint viel dringlicher die Frage, wie die Verweigerung von Identität tatsächlich am eigenen Körper als auch in die Gesellschaft hineinwirkend vollzogen werden kann, ohne letztlich in der Binarität zu verharren.

 Auch wenn ein banaler Haarschnitt nicht unbedingt der Brecher eines Beispiels ist, durfte ich, die eher ein hirnqueering wissenschaftlicher Diskurse und kollegialer wie auch freundschaftlicher Gespräche betrieben hatte, auch letztlich erfahren, was selbst eine minimale Veränderung des Haarschnitts in normativen Räumen auslöst. Ich, als Beobachtungsgegenstand queerer Gedankenströme, fand mich in lächerlichen Diskussionen wieder, in denen mein »Weiblichsein« betrauert wurde. Was mir in heteronormativen Kontexten als Verlust suggeriert wurde, transformierte sich in queeren – oder sagen wir doch homonormativen? – Zusammenhängen zu einer erstmaligen Wahrnehmung meiner Person. Diese Gespaltenheit der Reaktionen könnte mich nun hinsichtlich eines Queerens in gewisser Weise freuen, weil sie Reaktionen auslöste, auf deren Grundlagen diskutiert werden konnte, sie bewies mir jedoch, wie sehr eigene Körperpraxen auf eine reine Sichtbarkeit reduziert und diskursiv instrumentalisiert werden, so dass mensch selbst als Subjekt wenig Einfluss auf die Rezeption hat. Die queere Vereinfachung hinsichtlich reiner Sichtbarkeiten scheint mir daher viel zu verkürzt, da das Auge nach vermeintlichen bekannten und tradierten Mustern versucht, Menschen zu sehen, zu verstehen und zuzuschneiden. Auch wenn performativ subversive Körperpraxen, wie die Performance einer Biodrag, produktive Verwirrungen und Unsicherheiten auslösen können, implizieren sie zugleich die Gefahr einer identifizierenden Einschränkung und Reduktion im Moment des Erblickens als einen Akt des Erkennens.

Somit bedarf es performativ subversiver Handlungs-, Rechts-, Sprech- und Bildakte, um queere Bedeutungen zu produzieren. Nicht nur körperliche Sichtbarkeiten der Verunsicherung müssen geschaffen werden, sondern sprachliche, rechtliche, alltagspraktische, intellektuelle und bildliche, insofern die Bedingungsverhältnisse von Bild und Rahmen, von Sprache und Diskurs stärker in den Fokus rücken; insofern Komplexitäten nicht reduziert, sondern in ihrer Differenziertheit und ihren Überlagerungen und Schnittstellen zu vielfältigen Kategorisierungen problematisiert werden. Sei es durch die Sichtbarmachung neuer Sprachräume mit dem Unterstrich oder dem Weglassen geschlechtsmarkierender Wortendungen. Sei es durch die Sichtbarmachung von Kamerapositionen, -blickwinkeln und Ausleuchtungen z.B. in postpornografischen Versuchen oder dem subversiven Spiel von Bildbedeutungen durch Dekontextualisierungen und Montagen. Sei es, dies alles noch einmal durch die Brille der Intersektionen anders, schräg und quer zu betrachten, um den Normalisierungen in queeren und linken Zusammenhängen auf den Zahn zu fühlen.

Ideen, die verhandelt, diskutiert und permanent kritisch hinterfragt werden müssen – auch um sich Instrumentalisierungen, wie der Vermarktung von Travestie, entziehen zu können. Dazu gehört auch die Ideologie des Konsums abzuschaffen, die einem suggeriert, sich alles aneignen, alles erreichen zu können, um dann entsetzt feststellen zu müssen, dass strukturelle Verhältnisse eineN immer wieder zu Fall bringen. Diese Ideologie, mit ihren wirksamen Effekten der geistigen Umnachtung im Dusel von Shoppingtempeln und Cafémeilen, leistet einem gesellschaftlichen Stillstand Vorschub, insofern der Aspekt der Anstrengung und des Engagements verklärt wird. Da diese kapitalistische Verklärung immer auch an Geschlecht gekoppelt stattfindet, muss queer dem entgegenarbeiten.

Queer jedoch an seinem Erfolg zu messen, wäre kontraproduktiv, da Erfolg ein Instrumentarium von Macht ist. Patentrezepte wären tödlich und können nicht ausgesprochen werden, weil queer, ohne eine Bewegung sein zu wollen, in Bewegung bleiben muss. Daher geht die Suche nach queeren Strategien und Praxen weiter – für jede_n ganz individuell und gerne gemeinsam.

 

~Von Katrin Köppert.

Fußnoten

  1. Am 27. Juni 1969 wehrten sich Homosexueller gegen eine Razzia der Polizei im Stonewall Inn, einer Bar mit homosexuellem Publikum in der Christopher Street in New York, was in wochenlange Unruhen gipfelte. Dieser Tag wird heute international begangen (in Deutschland als Christoper Street Day).
  2. http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/Milk-Gus-Van-Sant-Dustin-Black;rt16892,2729298.
  3. John D'Emilio, Sexual Politics, Sexual Communities. The Making of a Homosexual Minority in the United States 1940–1970, Chicago 1983, 232.
  4. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankfurt a.M. 1983, 14. Auflage, 41.
  5. Annamarie Jagose, Queer Theory. Eine Einführung, Berlin 2001, 2. Auflage, 79.
  6. Steven Seidman, Identity and Politics in a »Postmodern« Gay Culture., in: Michael Warner (Hrsg.), Fear of a Queer Planet, Minneapolis 1993, 117.
  7. Katharina Walgenbach, Gender als interdependente Kategorie, in: Dies.u.a., Gender als intedependente Kategorie, Opladen/ Farmington Hills 2007, 45ff.
  8. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991.
  9. Elahe Haschemi Yekani, Transgender-Begehren im Blick: Männliche Weiblichkeiten als Spektakel im Film, in: Robin Bauer/Josch Hoenes u.a. (Hrsg.), Unbeschreiblich Männlich. Heteronormativitätskritische Perspektiven. Hamburg 2007, 264–278; Johanna Schaffer, Seizing and Unfolding, in: Marina Grzinic/ Rosa Reitsamer (Hrsg.), New Feminism. Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions. Wien, 2008, 106–116.
  10. Beatriz Preciado, kontrasexuelles manifest. Berlin 2003.
  11. Beatriz Preciado/ Robin Bauer, »Daddy liebt seinen Jungen« – Begehrenswerte Männlichkeiten in Daddy/Boy-Rollenspielen queerer BDSM-Kontexte, in: Bauer/ Hoenes u.a., Unbeschreiblich Männlich, 170–180.
  12. Helène Cixous im Gespräch mit Julia Encke, Osnabrück, Algerien. Über die deutsch-jüdische Krankheit und den Schmerz der Vertreibung, in: Lettre International 82, 2008, 39.
  13. http://www.queer-o-mat.de/70/Judith-Butler-Frames-of-War.html.
  14. Katrin Köppert, Queering des Feminismus! Betrachtungen zu der Konferenz »Frauenfragen sind Männerfragen sind Geschlechterfragen? 40 Jahre Neue Frauenbewegungen. – Und jetzt?«, 2008. http://queer-o-mat.de/permalink/Queering-des-Feminismus!-Betrachtungen-zu-der-Koferenz-Frauenfragen-sind-Maennerfragen-sind-Geschlechterfragen-40-Jahre-Neue-Frauenbewegungen.-Und-jetzt-vom-12.-bis-14.-Juni-2008-an-der.html.
  15. Maureen Maisha Eggers, Thesenpapier zum Ladies Lunch »Antidiskrimierungspolitik revisited: Intersektionalität - Diversity, oder was?«, http://www.gwi-boell.de/de/web/1189_1531.htm.
  16. Elahe Haschemi Yekani/Beatrice Michaelis, Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory. Berlin 2005, 8.
  17. Judith Coffey u.a. (Hrsg), queer leben-queer labeln? (wissenschafts)kritische kopfmassagen. Freiburg 2008.
  18. Biodrag meint z.B. eine »biologische« Frau, die sich als Frau verkleidet, um durch Überartikulation (künstliche Brüste werden auf die eigenen angebracht, der Mund wird extrem übergeschminkt etc.) hervorzuheben, dass jedes Geschlecht künstlich hergestellt ist.
  19. Steffen Kitty Herrmann, Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung, in: arranca! 28, 2003, 22–25; Der_Dies., Queer(e) Gestalten. Praktiken der Derealisierung von Geschlecht, in: Haschemi Yekani/ Michaelis(Hrsg.), Quer durch die Geisteswissenschaften, 53–72.
  20. Josh Taubert, Queere Sprachvermittlung im Kontext des DaF/DaZ-Unterrichts, in: Coffey u.a., queer leben-queer labeln? 145–152.
  21. Doris Leibetseder, »Turning on« _ (Audio/Visuelle) BegehrensTechnologien und ihre kleinen Helfer_Innen, in: Coffey u.a., queer leben-queer labeln?, 72–84.