Leni Riefenstahl trifft Fatih Akin

Alexandra Ludewig widmet sich in Screening Nostalgia der Analyse deutscher Heimatfilme der letzten 100 Jahre. Sowohl das Genre als auch der zugrunde liegende Begriff der »Heimat« lassen sich Ludewig zufolge nicht endgültig definieren. Der Begriffsgehalt erweitere sich stetig: Seit dem 19. Jahrhundert berge er eine spezifisch deutsch-nationale Konnotation, darüber hinaus jedoch auch das Potential, Idylle und Eskapismus, Anti-Moderne und Utopie auszudrücken. Die Autorin unterteilt die Filme in Kategorien, um unterschiedliche Zugänge zum Genre zu verdeutlichen und die Bandbreite der ausgewählten RegisseurInnen von Leni Riefenstahl über Volker Schlöndorff bis Fatih Akin verständlich zu machen. In einem eklektischen und nicht-chronologischen Zugriff auf den Untersuchungsgegenstand werden Veränderungen in der jeweils ambivalenten Wahrnehmung von Nation, Familie und Gemeinschaft in den jeweiligen historischen und politischen Kontexten herausgearbeitet.
Ludewig analysiert in der Kategorie »Bergfilme« Leni Riefenstahls mystischen Film Das blaue Licht, Luis Trenkers quasi nazi-propagandistischen und antiamerikanischen Film Der verlorene Sohn und Tom Tykwers Alpen-Drama Winterschläfer. Nazi-Heimatfilme könnten analytisch in die bis dahin bestehende deutsche Filmgeschichte eingereiht werden, schreibt Ludewig. Es komme hier nicht zwangsläufig zu einem Bruch mit kinematographischen Konventionen, lediglich ihr ideologischer Gehalt steche hervor. Neben Kurt Hoffmanns Kohlhiesels Töchter von 1943 wählt die Autorin Oliver Hirschbiegels Der Untergang von 2005 als einen erinnerungspolitischen Beitrag in der Kategorie Nazi-Heimatfilm.
In der sozio-kulturellen Leere der Nachkriegszeit , in der die entrückte und kolorierte Realität der Heimatfilme vom Publikum dankbar angenommen wurde, spielt die Natur als Refugium der heilen Welt wie bereits im Bergfilm eine Hauptrolle: »Filme wie Schwarzwaldmädel und Grün ist die Heide [...] waren erfolgreich, weil sie Nachkriegsemotionen wie Nostalgie, Verlust und persönliches Leid respektierten«. Idylle, Familie, Wirtschaftswunder und latenter Antisemitismus bildeten das historische Setting der Filmproduktionen. Dieses Schema wurde erst durch eine neue Generation von FilmemacherInnen gebrochen. Rainer W. Fassbinders Katzelmacher (1969) beispielsweise ist ein früher Anti-Heimatfilm: Es wird die Situation des Außenseiters gezeigt, der dem Konzept Heimat widerspricht. Ein Bruch mit traditionellen weiblichen Rollenbildern findet in Volker Schlöndorffs und Margarethe von Trottas Die verloren Ehre der Katharina Blum von 1975 statt.
Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der positiven Wiederentdeckungen von Heimat in den achtziger Jahren, wie sie in TV-Produktionen wie Die Schwarzwaldklinik zu sehen ist. Gesellschaftspolitisch relevant ist in dieser Zeit die Anti-Atom-, Friedens- und Ökologiebewegung, die immer auch einen Bezug zum regressiven Heimatschutz aufwies. Ludewig zeigt zudem den Wandel des ostdeutschen Heimatfilms. Den DEFA-Filmen sagt sie nach, eine generell positive Darstellung von Heimat zu liefern. Wurden in den ersten Jahren der DDR viele Lehrfilme produziert, folgten in den siebziger Jahren vor allem Unterhaltungsfilme. In den nach 1989 entstanden Ostalgiefilmen wie Sonnenallee oder Good Bye Lenin, die auch eine Anregung für Westalgiefilme wie Herr Lehmann lieferten, sieht Ludewig die Wiederentdeckung einer wiedervereinigten deutschen Heimat.
In neueren Produktionen wie Hierankel von Hans Sebastian Steinbichler und Marcus Rosemüllers Wer früher stirbt, ist länger tot ist der Bezug auf das Lokale nach wie vor populär (389). Sie stehen Ludewig zufolge jedoch für einen ambivalenten Zugang, der mit den gängigen Vorstellungen und Setzungen des Genres – dem Verlangen nach Gemeinschaft in Zeiten sozialen Wandels, Globalisierung und neuer Technologien – zwar nicht bricht, jedoch durchaus als sozialkritisch bezeichnet werden kann. Erst spät kommt es zu einer Re-Definition von Heimat aus Sicht junger FilmemacherInnen wie Fatih Akin, Züli Aladag oder Angelina Maccarone. Mit ihnen setzte sich die Vorstellung durch, dass »deutsche Identität« mehr als das sei, was der Heimatfilm bisher zu bieten hatte.
Der Begriff Heimat birgt einen politischen und vor allem affektiven Bezug zu Gemeinschaft. Dieser Bezug kann, wie Ludewig detailliert zeigt, unterschiedlich zu Tage treten – mal gebrochen und widersprüchlich, mal aggressiv, affirmativ und kitschig. Der Gewinn von Ludewigs Analyse ist, diese unterschiedlichen Ausdrucksformen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Ereignisse darzustellen. Auf den ersten Seiten des Buches lässt sich die Möglichkeit eines kritischen Potentials ihrer Analyse von Heimatfilmen noch erahnen, wenn sie schreibt, dass das Spiel mit den Regeln und die Umkehr erwarteter Motive eine subtile Kritik sei, derer man sich bemächtigen könne. Doch statt diesen queering-Heimat-Ansatz anzuwenden, schließt Ludewig leider mit dem Satz »Lang lebe Heimat!« Eine kritische Reflektion dieses nach wie vor problematischen Begriffs bleibt aus.

LENA KAHLE

Alexandra Ludewig: Screening Nostalgia. 100 Years of German Heimat Film,
transcript Verlag, Bielefeld 2011, 476 S., € 39,80.