Krise – Rettung – Krisestrich

Zu den inneren Widersprüchen der aktuellen Krisenpolitik

Genauso systematisch wie die gegenwärtige Krise, ist das Versagen des volkswirtschaftlichen Wissens. Die Unfähigkeit der WirtschaftsexpertInnen, die aktuelle Lage der Kapitalverwertung auch nur halbwegs realistisch einzuschätzen, ist seit einiger Zeit offensichtlich. Die akuten Zusammenbruchsszenarien bringen nicht nur allerlei »faule Papiere« in den Vermögen der Banken zum Vorschein, sondern auch den Sachverhalt, dass die VolkswirtInnen auch zu Zeiten der Prosperität nicht gewusst haben können, was sie mit ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen haben. Nur fiel das nicht so auf, als das Kapital noch in der Lage war, nicht nur – privat organisiert und in Konkurrenz zueinander – zu produzieren, sondern sich auch – als gesellschaftliche Totalität und auf erhöhter Stufenleiter – zu reproduzieren. Das Bruttoinlandsprodukt misst die Summe aller im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen quantitativ, unterschlägt aber systematisch die Rolle, die damit erworbene Produktionsmittel für den notwendig verwobenen Reproduktionsprozess spielen.

Die Einzelkapitalien, dessen Perspektiven bei der Berechnung des BIP einzig Rechnung getragen wird, erkämpfen in der Konkurrenz, in der sie stehen, nicht unmittelbar die Realisation des Mehrwerts der von ihnen jeweils verwendeten Arbeitskraft. Vermittelt durch die in der eigenen Produktionssphäre gegebene organische Zusammensetzung des Kapitals und die Position in der Konkurrenz innerhalb der Sphäre, eignen sie sich vielmehr ihren Anteil an »der Gesamtexploitation der Arbeit durch das Gesamtkapital« an. Jedes Einzelkapital ist von einer Krise nicht nur äußerlich betroffen, wie es etwa die gängige Floskel vom »schwierigen wirtschaftlichen Umfeld« impliziert. Verwickelt sind die Einzelkapitalien aufgrund ihrer eigenen inneren Konstitution als Kapital als solches. Ist die Gesamtexploitation in der Krise nicht gegeben, zeigt sich im Nachhinein, dass nichts realisiert wurde, egal wie effizient die Verwendung der Arbeitskraft war und egal wie erfolgreich die jeweiligen Unternehmungen in der Zwischenzeit erschienen. Die Betrachtung dieser Differenz ist erhellend, weil die Formen, die sie verschleiern und in denen sich die Volkswirtschaftslehre ausschließlich bewegt, als Gründe für das vorherrschende völlige Unverständnis von den Vorgängen während einer Krise gelten können. »Dieser Zusammenhang« zum Gesamtkapital heißt es bei Marx weiter, »ist ihm [dem Kapitalisten, J.M.] ein vollständiges Mysterium, um so mehr, als selbst die Bourgoistheoretiker, die politischen Ökonomen, es bis jetzt nicht enthüllt hatten.« Dementsprechend erscheint all den ExpertInnen der Verlauf ein und derselben Krise als mehr oder weniger unglückliches Zusammentreffen unendlich vieler einzelner Krisen: Finanzmarktkrise, Euro-Krise, Krise der Staatshaushalte usw. Zwar ist allen Beteiligten fast schon instinktiv klar, dass dies nicht der Fall sein kann und, dass es sich bei all den Einzelkrisen um Durchgangsstadien desselben Entwertungsprozesses handelt. Wer empört geltend machen möchte, dass »die Politik« noch immer nicht bereit sei, gegen »die Krise« und ihre Verursacher konsequent vorzugehen, bringt für gewöhnlich genau dies auch zur Sprache. Anders als in der Form autoritär empörten Eifers gegen »die da oben« lässt sich das aber offenbar nicht ausdrücken.

Die Totalität des Kapitals auch in der Krise

Dies hat Gründe im Wesen der Kapitalakkumulation selbst. Im BIP wird z.B. erfasst, wenn der Maschinenbau der Autoindustrie fixes Kapital zu einem Gesamtpreis von x Euro verkauft hat. Über den Wert dieser x Euro verfügt der Maschinenbau in diesem Moment also in Form von Geld. Der Wert, der x Euro ist, ist aus seiner Perspektive also bereits realisiert, also nicht mehr Ergebnis von Vergangenem, sondern Anweisung auf zukünftiges Kommando. Die Autoindustrie verfügt über ihn in Form von in der Zukunft zu realisierenden Produktionsmitteln, also den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit.

Aus der bornierten Perspektive des Maschinenbaus scheint damit alles erledigt, vom Aspekt der Totalität her ist es das aber nicht. Das Geld liegt objektiv in der Form von zur Verwertung bestimmtem Geldkapital vor, weil sich seine BesitzerInnen weiterhin auch im Besitz von eigenen Produktionsmitteln befinden. Es muss also dazu verwendet werden, die eigenen Produktionskapazitäten am Laufen zu halten und dem Ersatz der verschlissenen und verbrauchten Teile, also der Reproduktion des Kapitals, zu dienen. Damit stellt sich aber auch die Lage für den Maschinenbau nicht so einfach dar, wie es zunächst schien. Denn wenn sich herausstellen sollte, dass die Waren aus dem für sie schon mit Profit abgeschlossenen Zyklus für die Autoindustrie eine Fehlinvestition waren und nur zum Aufbau von Überkapazitäten geführt haben, entwertet sich rückwirkend auch das Kapital des Maschinenbaus. Der Maschinenbau hat jedoch Profit gemacht; die volkswirtschaftliche Statistik erfasst dies auch und deutet es als Anzeichen von »Wirtschaftswachstum«. Nur, und hier geht sie völlig fehl, war der Profit nichts wert, weil die Autoindustrie die Waren des aktuellen Zyklus nicht mehr haben will. Der Krisenverlauf ist – etwas flapsig formuliert – Kapitalakkumulation rückwärts. Der aktuelle Wert des Maschinenbaukapitals hängt also ab von der zukünftigen Verwertung des Kapitals der Autoindustrie. Ab dem Zeitpunkt, wo sie nicht mehr gelingt, ist auch der Besitz des Maschinenbaus für die Gegenwart nie Wert gewesen. Oder, allgemeiner ausgedrückt: In dialektischem Widerspruch zur Konkurrenz in der Produktion, in der sie sich zu allem anderen Kapital befinden, sind die Einzelkapitalien zur Reproduktion auch abhängig vom Erfolg allen anderen Kapitals.

Diese Abhängigkeit entstand historisch und besteht heute durch die vom Geld abgeleiteten Formen, in denen das Kapital die Durchschnittsprofitrate herstellt. In dieser erscheint die Exploitation des Gesamtkapitals. Keine Produktion kann sich der Beteiligung an diesen Formen entziehen, also etwa jegliche Investition ohne Kredit aus Ersparnissen finanzieren, die nie zur Bank gebracht werden. In diesen Formen sind aber zwangsläufig alle Kapitale an der Ausbeutung der Arbeitskraft durch alle anderen beteiligt (wenn sie Zinsen kassieren) bzw. beteiligen alle anderen an der eigenen (wenn sie Zinsen zahlen). Was Marx zufolge als Mysterium erscheint, wird auf den Finanzmärkten tatsächlich praktiziert. Daher kann jede Anlagetätigkeit fetischistisch als eigenständige Unternehmung gelten und sich auch tatsächlich gegen diejenige Zirkulationsform verselbstständigen, aus der sie hervorgegangen ist. Mit dem Finanzkapital besteht die abstrakt bestimmte Verschränkung von Produktion und Reproduktion des Kapitals real als unendliche Menge in eben dieser Weise verschränkter Käufe und Verkäufe von Beteiligungen. Das Resultat des Bezugs all dieser Rechtstitel aufeinander ist, dass der Profit jedes Einzelkapitals – und damit auch dieses – nur in dem Maß etwas wert ist, in dem die Gesamtexploitation der Arbeitskraft stattfindet. Zwar nimmt die Krise diese Verselbstständigung zurück, letztlich gewaltsam, aber solange sie sich in den Formen durchsetzt, in denen sie entstanden ist, erscheint jedes Krisenstadium in einer der verselbstständigen Sphären als eigenständige, auf diese Sphäre beschränkte Krise.

Auf dem Spiel stehen in der Krise daher letztlich nicht beschränkte Mengen bestehenden Reichtums einzelner BesitzerInnen, sondern der Wert als gesellschaftliches Verhältnis selbst. Dass die Gesamtexploitation der Arbeitskraft nicht gegeben ist, bedeutet also nicht, dass nirgendwo auf der Welt mehr Arbeit gegen Lohn getauscht würde. Es bedeutet, dass dies nicht mehr in dem Umfang passiert, der nötig ist, um das Kapital in der Wertform zu erhalten. Der Wert, der im Zustand der Prosperität durch die permanente Verwandlung von Geld in Kapital die »okkulte Qualität [erhält, J.M.] Wert zu setzen, weil er Wert ist« kann sich dann nicht mehr selbst voraussetzen. Die existentielle Panik, die die Charaktermasken des Kapitals in der Krise ereilt, resultiert aus dem Bruch mit der Vergangenheit, der offenbar wird, wenn sich einerseits die erweiterte Stufenleiter der Akkumulation nicht einstellt, es andererseits aber weiterhin unmöglich ist, Reichtum aus der Vergangenheit einfach nur zu behalten.

Ratlose Charaktermasken und ihre Ressentiments

Die Charaktermasken der Verwertung lässt dies doppelt ratlos zurück. Sie wissen nicht, woher ihr Profit seinen Wert bezieht bzw. warum er diesen verliert; jede Bedrohung, der das eigene Kapital ausgesetzt ist, erscheint ihnen deshalb als Vorteil der Konkurrenz. Von der wissen sie aber gleichzeitig, dass es ihr auch nicht besser geht. Gemäß ihrer gewöhnlichen Ideologie, dass es sich bei ihnen um die »Leistungsträger der Wirtschaft« handele, müssten sie den Entwertungsdruck, der auf ihrem Kapital lastet, als Folgen eigener Fehler betrachten, nur können sie da beim besten Willen fast nie etwas finden. Unendlich lang ist die Liste ihrer repressiven »Restrukturierungs- und Konsolidierungsmaßnahmen«. Unentwegt reden sie von ihnen und ihretwegen halten sie noch die kleinste Lohnerhöhung für eine Existenzbedrohung.

Statt ihre Probleme in der gesellschaftlichen Konstitution ihres Reichtums zu suchen, beginnen die doppelt ratlosen Charaktermasken, die Fehler, die sie nicht gemacht haben, aber doch bei sich vermuten müssen, allen anderen zu unterstellen. Mit einzelnen Verlusten, verursacht durch  Fehlentscheidungen, haben sie umzugehen gelernt. Der Verlust des Bodens aber, auf dem ihnen ihre Profite etwas zu gelten vermögen, liegt weit jenseits ihrer Vorstellungskraft. Gerade wer geübt ist in der Legitimation des alltäglichen Hauen und Stechens, der oder die sollte eigentlich keine Krisenursache erkennen, wenn mal wieder gemeldet wird, dass ein Banker seinen AuftraggeberInnen Milliardenverluste durch Fehlspekulation beschert hat. Ganz egal, ob der Schaden nun dadurch entstanden ist, dass der Unglücksrabe zu teuer gekauft oder zu billig verkauft hat: Solange auf dieser Ebene verblieben wird, erklärt sich gar nichts, denn ein zu teurer Kauf auf der einen Seite ist ein gutes Geschäft auf der anderen. Gesamtgesellschaftlich ändert sich hier nichts. Die Unterstellung des Fehlers bei den anderen hatte den bloß subjektiven Sinn, die eigene Ohnmacht zu kaschieren. Dies fällt nicht nur nicht auf: Die Idee wird sogar so weit überspannt, dass der (im Fall der Fehlspekulation tatsächliche) Fehler, der den KonkurrentInnen eigentlich nutzen müsste, von diesen als potentielle Ursache eigenen Schadens wahrgenommen wird. Während zu Beginn des Gedankens die Konkurrenz alles war, scheint sie nun gar nichts mehr zu bedeuten.

Der hiermit einhergehende paradoxe Bewusstseinszustand besteht darin, dass das Ressentiment, den Fehler der anderen würde Entwertungsmacht über den eigenen Besitz zugesprochen, gegenläufiges Resultat der illusionären Verteidigung dieses Besitzes ist. Es entwickelt sich vom Standpunkt der unternehmerischen Allmachtsphantasie aus, in der sich die Wertform dieses Besitzes vollständig als Produkt eigenen Vermögens, »unternehmerischer Weitsicht« und realitätsgerechter Rücksichtlosigkeit den ArbeiterInnen und der Konkurrenz gegenüber zurechtgelegt wird. Es steckt hierin die implizite Anerkennung, dass die Konkurrenz in der Produktion nicht nur dies ist, sondern im dialektischen Gegensatz hierzu im Allgemeinen auch Kumpan in der Reproduktion sein muss.

Genauso obskur, aber ein paar Vermittlungsstufen näher am Gesamtkapital, ist der Streit um die vermeintliche Macht der Rating-Agenturen. Oberflächlich erscheint die Kritik an diesen zunächst einmal nur als antiamerikanisch grundierter Reflex, der die ÜberbringerInnen der schlechten Nachricht köpft. Die Gründe liegen allerdings tiefer: Das Ressentiment entzündet sich, weil die Ratings daran erinnern, dass es überhaupt ökonomische Objektivität und nicht im staatlichen Souverän vermutete Willenskraft der Retter ist, die den Wert der betreffenden Anlagen konstituieren muss, soll es nicht dauerhafter »Rettung« bedürfen. Vorgeworfen wird den Agenturen daher, durch ihre Urteile über die Wirksamkeit der politischen Maßnahmen genau jene politische Macht auszuüben, die ihnen durch die Verwandlung ökonomischer Vermittlung in politisches Handeln im Zuge der ganzen Retterei überhaupt erst aufgezwungen wurde. 

Die ersehnte okkulte Qualität des Staates

Ganz wie die unmittelbaren Charaktermasken des Kapitals pflegen auch die AkteurInnen der Wirtschafts- und Geldpolitik die Allmachtsphantasie, nicht nur die Bedingungen der Konkurrenz, sondern auch die Wertgegenständlichkeit der darin erworbenen Profite setzen zu können. Eine Idee, die nicht aus heiterem Himmel kam, sondern eine wehmütige und damit verzerrte Erinnerung an die Funktion war, die der autoritäre Staat im 20. Jahrhundert einmal hatte. Die erste Reaktion auf die Finanzkrise 2008 war die Produktion einer kollektiven Phantasie von der Allmacht des Staates, dem die okkulte Qualität zukommen soll, Wert zu setzen, obwohl er kein Wert ist. Seitdem stehen alle Maßnahmen in diesem Bann. 

Weil die Allmacht aber Phantasie war, wurde nur die Entwertung fortentwickelt. Die ganzen Einzelkrisen, die dem volkswirtschaftlichen Verstand wechselseitig als äußere Bedingungen aller anderen Krisen erscheinen, sind daher nicht ökonomisch folgerichtige Schritte eines Entwertungsprozesses in dem Sinne, dass am Ende der Entwertungsdruck irgendwo abgelassen wird und dann verschwindet. Vielmehr werden alle von ihrer widersprüchlichen Absicht geplagt, alles dafür zu tun, die Entwertung der Konkurrenz aufzudrücken, ohne dass die Reproduktion, also der Wert des eigenen Reichtums, darunter leidet.

Der Staat phantasiert, nicht nur die Bedingungen der Reproduktion zu schaffen, sondern auch deren Vollzug, weshalb die jeweils neueste Einzelkrise das Resultat der praktischen Verleugnung des gesellschaftlichen Charakters des Werts während des vorherigen Stadiums der Krise ist. Die erste Bankenrettungsrunde hatte diese auf die Ebene der Staatshaushalte gehoben, was im Rahmen der Konkurrenz der Nationalökonomien bedeutet, dass mit dem drohenden Konkurs des griechischen Staatshaushaltes aus u.a. deutscher Perspektive das Ziel, den eigenen Ruin durch die Organisation des Ruins des schwächsten Glieds in der Kette zu vermeiden, erreicht war. Der dialektische Umschlag ließ aber nicht lange auf sich warten, es stellte sich heraus: Pustekuchen, es sind ja die Forderungen »unserer« (bzw. größtenteils französischer) Banken, die wertlos werden, wenn Griechenland die Kredite nicht zurückzahlen kann. Wer – unschuldiger Augenaufschlag und Helm ab zur europäischen Einheit – hätte aber auch damit rechnen können, dass wir in der Vergangenheit als ökonomische Weltmacht so erfolgreich waren, dass wir auch am schwächsten Glied der Kette Anteile halten? 

Die unmittelbare Abhängigkeit in den Bilanzen der Banken konnte zumindest abgelesen werden, weshalb nicht mit der Bildzeitung in Häme und rassistischem Ressentiment gegenüber den »Pleitegriechen« verfallen werden durfte. Stattdessen musste dem maulenden Volk beigebracht werden, dass Griechenland zu retten sei. Immer wieder wird seitdem betont, dass all das erstens keine wohltätige Unternehmung, sondern voll und ganz im nationalen Interesse sei, und zweitens eine Kettenreaktion drohe, wenn »die Finanzmärkte« geschnallt hätten, dass die EU-Staaten ihre Mitgliedsländer mit ihren Sorgen alleine ließen. Nach einem erfolgreichen »Angriff auf den Euro« in Griechenland, hätten diese ohnehin unberechenbaren Gestalten Blut geleckt, um alsdann fortzufahren, gegen Italien und Portugal zu spekulieren. Sinn macht das nicht, denn gerade dann, wenn der Druck von Griechenland genommen würde, wird er sich anderswohin verlagern müssen. Wohin, darüber entscheiden die Formen, die mit der Intention, die Krise zu überbrücken, gewählt werden bzw. die sich aus den Machtkonstellationen ergeben. Diese folgt nicht der Struktur der Konkurrenz, sondern derjenigen gegenseitiger Abhängigkeit, denn es wird verzweifelt versucht, der Notwendigkeit der Reproduktion nachzukommen. Grundsätzlicher geht es bei den erzwungenen »Konsolidierungen« der Staatshaushalte, zu denen Schuldenerlass genauso gehört wie Sparmaßnahmen, um die Frage, ob das Kapital dieser Staaten noch genügend Anteil an der weltweiten Exploitation des Mehrwerts hat, um damit die Herstellung der Kapitalverwertungsbedingungen auf seinem Staatsgebiet finanzieren zu können.

Entwertung durch Staatsschuld 

Die Staatsschulden sind eine weitere, hochgradig vermittelte und historisch relativ neue Form der Entwertung der privat erzielten Profite. Die Praxis, den Staat nicht allein durch Steuern, sondern in großem Umfang durch private Gläubiger finanzieren zu lassen, lässt eine Zwangslage entstehen, die den unmittelbaren politischen Konflikt bei den Reaktionen auf die Griechenland-Krise bestimmt. Es entsteht der Schein ungeheuren Reichtums der Gläubiger, die die Schulden der Staaten positiv als ihr Vermögen verbuchen. Wert, wiederum auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet, sind die Schuldtitel aber nur etwas, wenn der Staat das geliehene Geld auch einmal aus eigenem Guthaben zurückzahlen kann. Denn solange, wie seit längerem der Fall, die alten Kredite nur durch die Aufnahme neuer beglichen werden können, erweisen sich diese als fiktives Kapital. Denn die Gläubiger, weiterhin betrachtet auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, müssen immer wieder neu Gläubiger werden, um über ihr zuvor verliehenes Vermögen zu verfügen. Eigene Guthaben der Staaten können wiederum nur durch Steuereinnahmen entstehen. Das bedeutet, das Kapital hält in den Staatsanleihen Besitztitel an den Steuereinnahmen und somit an seiner eigenen zukünftigen Verwertung auf deutlich erweiterter Stufenleiter. Damit dieser Zustand aber eintreten kann, müsste es gleichzeitig auch in der Lage sein, die Verwertungsbedingungen, deren Kosten als Staatsausgaben anfallen, auch noch zu finanzieren. Dies waren die Determinanten der Verhandlungen zum Umgang mit den Staatsschulden Griechenlands. 

Die Aufrechterhaltung des Werts des in den Staatsanleihen vorhandenen fiktiven Kapitals treibt die AgentInnen dieses Besitzes zur Proklamation der politischen Entscheidungsgewalt über diesen. Aus dem Grund möchten sie primär Schuldenabbau betreiben mit der Hoffnung, ihre eigenen Guthaben so wieder in Wert zu setzen. Der Grundkonstellation nach ist dies ein Konkursverfahren in Permanenz, d.h. eines, bei dem die Liquidation nicht vermieden, sondern ausgeschlossen werden soll. Daher wird nicht diskutiert, wie die Konkursmasse unter die Gläubiger verteilt wird, sondern umgekehrt wer wie viel springen lassen kann, um den Wert des eigenen Anteils aufrecht zu erhalten. Die »helfenden« Staaten behandeln dabei die Vermögen der Gläubiger unmittelbar als eigenes nationales Kapital, weil sie jene nicht über die Grenze hinaus belasten dürfen, hinter der sie deren Vermögen erneut mit Staatsgarantien als Kapital funktionsfähig halten müssen. Zwar gab es im Laufe der Verhandlungen einen Perspektivwechsel. Zunächst wurde der Werterhalt der griechischen Staatsschulden unmittelbar angestrebt, am Ende hingegen nur noch der des Bankkapitals. Der Fixpunkt der Funktionsfähigkeit dieser Vermögen war aber von Anfang an die Kreditvergabepraxis der Banken, ohne die sich kein gesellschaftliches Gesamtkapital herstellt. Ein solches absurdes Konkursverfahren ergibt sich notwendig bereits daraus, dass ein Staat keine Konkursmasse hat, die verteilt werden könnte. Das, worüber Staaten verfügen, sind die Produktions- und Reproduktionsbedingungen des Kapitals, die sich die Einzelkapitale nicht leisten können.

Kein Sparprogramm wird in der Lage sein, den Zustand herzustellen, in dem das Kapital die Verwertungsbedingungen selbst herstellen kann; je rigoroser, desto weniger. Das Problem, das die Staatsschulden darstellen, ist also weit entfernt davon, dass die verschuldeten Staaten über ihre Verhältnisse gelebt hätten. Keynesianischer Staatskonsum ist hierzu aber auch nicht in der Lage, denn dieser basiert gerade auf neuen Schulden. Etwas anderes kennt die bisherige Welt des Kapitals aber nicht, was sich auch an dem abstrusen Streit zwischen der EU und den USA darüber ablesen lässt, wer denn nun das Konjunkturprogramm starten soll. Die Krise des Weltkapitals ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass die Weltmächte sich untereinander anbetteln, dass die einen den anderen den imperialistischen Ausbeuter machen, der konsumiert, was man selbst produzieren möchte. Dies soll der Weg sein, als Gewinnerin aus der Krise hervorzugehen.

So ergibt sich dann auch Einsicht in den inneren Zerfall der polit-ökonomischen Institutionen, der seit der Finanzmarktretterei zu beobachten ist. Die AkteurInnen in Sachen Griechenlandrettung werden KontrahentInnen, weil der Wunsch, die GriechInnen bzw. die Nächstschwächsten ans Messer zu liefern, sie nur negativ eint. Die hegemoniale Linie verfolgt die Illusion, dass dabei niemand leiden muss, außer diejenigen, die es nach Marktgesetzen verdient hätten. Sie können nur nicht herausfinden, wer das ist. Denn sie selbst sind es auf keinen Fall, und alles, was ihnen einfällt, schadet auf kurz oder lang auch ihnen selbst. Die nationalen Schreihälse und das Kleinkapital in der FDP antizipieren währenddessen, dass es auch ihnen an den Kragen gehen wird und fühlen sich daher vom eigenen Staat verraten. Auf dieser Seite des politischen Konflikts befinden sich daher die Apostel der reinen Konkurrenz in politischer Form, die statt Euro-Bonds wohl lieber direkt die Lizenz zum Töten hätten, auch wenn sie nur mit den Mitteln des Rassismus ermitteln können, wen es treffen muss. 

Dazwischen steht die Zunft der VolkswirtschaftlerInnen, die inzwischen in großer Zahl die immer neuen »Rettungsschirme« ablehnen. Diese halten es zwar ebenfalls mit der Konkurrenz, kennen aufgrund der für ihr Fach konstitutiven Verdrängung der Souveränität des Staates aber keine Methode, um aus ihren Statistiken und Modellen einen Grund zum Schießen abzuleiten. Direkt im Anschluss an ihre glänzenden Konjunkturprognosen verfassen sie daher Papiere, die hauptsächlich von der Sorge getrieben sein dürften, dass sie in Zukunft all die schönen Kapitel über die politischen und institutionellen Voraussetzungen idealer Märkte in ihren Lehrbüchern neu schreiben müssen, weil die Politik ihre Schriften zu nachlässig rezipiert hat. Schlimmstenfalls auch noch kurz vor der Pensionierung. 

Die Linke fast aller Schattierungen agiert in etwa auf dem gleichen Niveau, weswegen sie im Regelfall – voll auf Augenhöhe – die ideologischen Versatzstücke der VolkswirtschaftlerInnen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der »Neoliberalismuskritik« traktiert. Die Realisierung der Radikalität, mit der die Krise den Wert als Form der gesellschaftlichen Beziehungen in Frage stellt, bleibt daher auf breiter Basis aus. Sie wird nicht einmal dazu benutzt, das Privateigentum an Produktionsmitteln wieder auf die Tagesordnung der Kritik zu setzen. Dabei liegt zunächst einmal nichts näher als dieser Klassiker, wenn auch nicht aufgrund der Sorge um die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Denn je offensichtlicher die Beschränkungen werden, denen das Kapital nicht äußerem Widerstand wegen unterliegt, sondern seinen eigenen Gesetzen nach, desto deutlicher erscheint der unverschämte Anspruch der FunktionsträgerInnen innerhalb dieses Zusammenhangs, die Mittel jeder denkbaren Bedürfnisbefriedigung diesen Gesetzen unterstellt zu lassen.

JustIn Monday

Der Autor lebt in Hamburg

Es handelt sich bei diesem Text um eine auf die zentralen Punkte gekürzte Darstellung. Eine ausführlichere Darlegung, die näher an den aktuellen Ereignissen argumentiert, findet sich unter: www.beatpunk.org/uploads/krise.pdf.

Fußnoten

  1. Karl Marx/Friedrich Engels, Das Kapital, Bd. 3, Marx-Engels-Werke (MEW) 25, 180.
  2. Ebd.
  3. Karl Marx/Friedrich Engels, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 169.
  4. Siehe etwa die Abstimmung des »Plenums der Ökonomen«, zit. n. http://www.wiso.uni-hamburg.de/lucke/?p=543.