Kinderlos glücklich

Die Deutschen sterben aus, die Gesellschaft veraltet, Karrierefrauen sind unsoziale Egoistinnen. Derartige Weisheiten werden gegenwärtig gern bemüht, um soziale Schieflagen zu erklären und demographische Horrorszenarien zu entwerfen. Sogenannte Kinderlosigkeit ist seit den achtziger Jahren verstärkt zu einem nationalen Thema geworden und hat unzählige Maßnahmen zur Steigerung der kollektiven Gebärfreudigkeit hervorgebracht. Seitdem wurden Studien zur Erforschung der Unlust, Kinder zu bekommen, durchgeführt und es existieren eine Menge wissenschaftlicher Erklärungsansätze, warum Menschen ohne eigenen Nachwuchs leben wollen. Allen gemein ist, dass hier ein Problem erkannt wird, dem man auf die Spur kommen und das schließlich behoben werden muss. So wird in der gegenwärtigen Debatte »Kinderlosigkeit« als Folge der feministischen Emanzipationsbewegungen dargestellt, beziehungsweise mit der Teilhabe von Frauen an der Erwerbsarbeit erklärt.

Dagegen, so stellt Lena Correll in ihrer kürzlich veröffentlichen Dissertation fest, ist Kinderlosigkeit seit jeher gesellschaftliche Realität. Bis zur Aufklärung und dem Aufkommen des bürgerlichen Familien-ideals sogar in einem weitaus höherem Maß als heutzutage. Sie fragt darum auch nicht danach, weshalb Personen sich gegen eine Familie im herkömmlichen Sinne entschieden haben, sondern beschäftigt sich damit, welche hegemonialen Wissensbestände um Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft existieren. Im Zentrum ihrer Forschung stehen die historischen Diskurse und familienpolitischen Maßnahmen zum Feld der Kinderlosigkeit. Daran anschließend untersucht sie, wie diese Anrufungen die Subjektkonstitution von Frauen beeinflussen. Denn, obgleich mehr Männer als Frauen keine Kinder haben, sind es fast ausschließlich Frauen, die im Zusammenhang mit Kinderlosigkeit problematisiert werden und an die sich die Appelle und Maßnahmen richten. Familie wird nach wie vor als eine Angelegenheit von Frauen betrachtet. Eine Feststellung, die so banal wie entlarvend ist. Correll untersucht anhand biographischer Falldarstellungen einiger Frauen, die ohne eigene Kinder, aber in gesicherten und familienfreundlichen Arbeitsverhältnissen leben, wie ihre Nicht-Mutterschaft durch staatliche Instanzen oder von ihrem direkten Umfeld thematisiert wird. Im Weiteren geht sie der Frage nach, welche Strategien Frauen ohne Kinder entwickelt haben, mit den ständigen gesellschaftlichen Erwartungen umzugehen. Die Entscheidung gegen eigene Kinder, so stellt die Autorin heraus, resultiert in einem permanenten Rechtfertigungszwang, da der konventionelle Lebensentwurf, nämlich die Organisierung in der heterosexuellen Kleinfamilie, Abweichungen immer als anormal problematisiert. Vor allem in nicht selbst gewählten sozialen Zusammenhängen, wie auf der Arbeit oder in der eigenen Herkunftsfamilie wird nicht selten ein Druck zur Mutterpflicht erzeugt, was dann in Fragen wie »und wann ist es bei euch so weit« oder »bist du etwa kinderfeindlich?« seinen Ausdruck findet. Correll entwirft dabei die These, dass Mutterschaft oder Kinderlosigkeit eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Einordnung von Frauen spielt, wobei letzterem in der Regel die soziale Anerkennung versagt bleibt.

Die Konfrontation mit diesen gesellschaftlichen Wissensvorräten führt meist, so die Schlussfolgerung Corrells, zu einer Distanzierung der Nicht-Mütter, indem diese auf Formen von Gegenwissen zurückgreifen. Damit gelingt einigen Frauen innerhalb ihres subjektiven Wissens eine politische Aufwertung ihrer Situation und somit in Teilen auch eine Position, die sich dem gesellschaftlichen Diskurs entgegenstellt. Ein weiteres Muster, das die untersuchten Frauen in Reaktion auf die normativen Anrufungen entwickeln, ist das der Normalisierung des eigenen Lebensentwurfs, indem die eigene Entscheidung als temporär erklärt oder eine soziale Mutterschaft, beispielsweise von Kindern des Partners oder der Partnerin, angeführt wird.

Die Autorin nähert sich der gesellschaftlichen Anrufung zur Mutterschaft differenziert und durchaus komplex. Umso bedauerlicher ist, dass sie in ihrer Untersuchung kaum die Klassendimension der Thematik reflektiert, die doch angesichts des permanenten Gelabers um gebärunwillige Akademikerinnen augenscheinlich das gesamte Feld von Elternschaft und demographischem Wandel strukturiert. Ein weiteres Manko des Buches ist die fehlende Spannung und Lesbarkeit, die allzu oft zu Gunsten wissenschaftlicher Elaboration vernachlässigt wird. Angesichts ganzer sieben Seiten Inhaltsverzeichnis, den häufigen inhaltlichen Wiederholungen und der angestrengten Sprache stellt sich die Frage, ob die Dissertation für die Veröffentlichung überarbeitet wurde. Für spezielles Fachinteresse ist der Detailreichtum des Buches sicherlich gewinnbringend, für eine interessierte LeserInnenschaft jedoch wird das durchaus spannende Thema in dieser trockenen Form schnell ermüdend. Schlussendlich zeigt Correll vor allem eines: Entgegen häufiger Annahmen sind es meist nicht ökonomische oder soziale Gründe, die Frauen davon abhalten Mutter zu werden, sondern schlicht der Wunsch keine Kinder zu haben.


Lena Correll, Anrufungen zur Mutterschaft. Eine wissenssoziologische Untersuchung zu Kinderlosigkeit, Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, 330 S., € 35,00.

LENA NOWAK