Kein Gott, kein Staat – kein Homöopath

Überlegungen zu esoterischer Medizin

Warum wird Alternativmedizin von vielen progressiv denkenden Menschen angewendet? Ich danke Karen Bo. Sie hat mir beim Schreiben des Textes geholfen.  Warum ist sie besonders unter AkademikerInnen so beliebt?

Es könnte daran liegen, dass der Medizinapparat selbst es ist, der als Teil kapitalistischer Zustände die esoterische Suche nach Auswegen hervorbringt. In der Tendenz zur Alternativmedizin kommt die Angst der Menschen vor dem Zwang zur Selbstverwertung und vor dem damit einhergehenden Verleugnen ihrer Sehnsüchte und Wünsche zum Vorschein.

Homöopathie ist dabei eines der am häufigsten angewendeten alternativmedizinischen Verfahren, deren Entstehung und aktuelle Bedeutung beispielhaft zeigt, wie sich regressives Denken in der esoterischen Abgrenzung zur Schulmedizin verfestigt.

Potenzierung ins Nichts: Die Entwicklung zur Neuen Deutschen Heilkunde

Die Geschichte der Homöopathie beginnt Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Durch Versuche an sich, seinen Kindern und PatientInnen glaubte der aus Meißen stammende Arzt und Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), ein allgemein gültiges Prinzip erkannt zu haben. Das von ihm angewendete Verfahren beruht auf der Vorstellung, Gleiches sei mit Gleichem zu heilen, indem die Abwehrkräfte des Körpers gegen eine Krankheit durch die Wirkstoffe angeregt werden, von denen er glaubte, ihre Einnahme löse ähnliche Symptome aus wie die Krankheit selbst. Zusätzlich populär wurde die Homöopathie durch den Verzicht auf die lebensgefährlichen Quälereien der damaligen Standardmedizin, wie Aderlässe, unnötige Operationen und andere fragwürdige Behandlungen. »Bei Hahnemann stirbt man nicht«, hieß es.  Homöopathische Wirkstoffe werden stark verdünnt, nach genauen Vorgaben ritualisiert geschüttelt und fertig ist die Tinktur oder das Globuli, wie die kleinen weißen Kügelchen genannt werden. Je größer die Verdünnung ist – von HomöopathInnen wird sie als »Potenzierung« bezeichnet – umso wirksamer sind sie nach homöopathischer Lehre, was dazu führt, dass in den meisten Globuli kein Wirkstoff enthalten ist. Heute ist Homöopathie besonders in Deutschland weit verbreitet, 25 Prozent gelten als VerfechterInnen, mehr als jedeR Zweite wendet sie regelmäßig und parallel zu anderen alternativ- oder schulmedizinischen Therapien an.

Nach dem Tod Hahnemanns verbreiteten sich seine Ideen weiter, begünstigt durch antimoderne Bewegungen, die mit der kapitalistischen Industrialisierung entstanden. Die Umwälzung der Produktionsverhältnisse, die damit verbundene Auflösung scheinbar seit Ewigkeiten bestehender Strukturen, der Vertrauensverlust in Katholizismus und in Protestantismus und die Verelendung der zu Lohnarbeit Gezwungenen wie auch die Abstiegsangst des Bürgertums beförderten das Entstehen antimodernistischer Lebenskonzepte. Die Beliebtheit alternativmedizinischer Verfahren spiegelte die Krise der etablierten Medizin, die trotz wichtiger Erkenntnisse in den Jahren zuvor hinter den geschürten Hoffnungen auf ebenso herausragende Verbesserungen in der Behandlung von Krankheiten weit zurückblieb.

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft sahen AlternativheilerInnen ihre Stunde gekommen. Homöopathie war als eine naturverbundene und deutsche Heilmethode bei einigen führenden Nationalsozialisten wie Rudolf Hess, Julius Streicher und Heinrich Himmler sehr beliebt. Als im Oktober 1933 Reichsärzteführer Gerhard Wagner einen Aufruf auf der Titelseite des Deutschen Ärzteblattes veröffentlichte, in dem er zur umfassenden Zusammenarbeit der Heilerverbände mit der Schulmedizin aufrief, reagierten nicht nur HomöopathInnen euphorisch.  Nationalsozialistisches Ziel war die Etablierung einer neuen, völkischen Medizin, die die »jüdisch-marxistische«, seelenlose, technokratische Schulmedizin ablösen sollte. Dazu erfolgte zwei Jahre später die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Neue Deutsche Heilkunde. Deren Leiter Karl Kötschau äußerte bei diesem Anlass: »Nationalsozialistisch denken und biologisch denken sind eins. Wir finden in der biologischen Medizin [Synonym für Homöopathie, S.W.] wieder die Natur- und Volksverbundenheit des Nationalsozialismus, ebenso finden wir in beiden das ganzheitliche Denken und die Ablehnung mechanistischer Erklärungen und Zerstückelungen.«

Unter Protektion Heinrich Himmlers und Rudolf Hess’ wurden zahlreiche homöopathische Kliniken neu gegründet.  Mit dem Ziel, die Überlegenheit der Homöopathie zu belegen, wurden erstmals in großem Umfang Medikamentenstudien in den neu geschaffenen Krankenhäusern durchgeführt. Später ließ Heinrich Himmler mörderische Experimente an Häftlingen in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz durchführen, um die Wirksamkeit der geliebten Globuli zu beweisen.  Die in weitaus größerem Umfang begangenen Verbrechen der deutschen SchulmedizinerInnen, ihr direktes theoretisches und praktisches Mitwirken übertrafen das der NaturheilkundlerInnen bei Weitem. Dies war jedoch nicht Ausdruck einer auch nur ansatzweise vorhandenen Opposition der Alternativmedizin, sondern spiegelt lediglich die Kräfteverhältnisse im damaligen Medizinbetrieb wider: In der Effizienz beim Betreiben der Mordmaschine konnten Homöopathie und andere mit wissenschaftlicher Medizin nicht mithalten. Nach der deutschen Niederlage 1945 präsentierten sich HomöopathInnen wie die Naturheilkunde insgesamt als Opfer des Nationalsozialismus. In der DDR galten alternativmedizinische Konzepte als bürgerlich, reaktionär, waren unbeliebt und wurden nicht gefördert. In den Nürnberger Ärzteprozessen fand die »Neue Deutsche Heilkunde« keine Erwähnung.  Der Versuch einer Analyse der Beteiligung an Verbrechen wurde nicht unternommen, ein Bemühen um Kritik an der für deutschen Faschismus anschlussfähigen Ideologie unterblieb. Bis heute existiert das 1939 eingeführte und seitdem kaum veränderte Heilpraktikergesetz, das die Zulassung von HeilpraktikerInnen durch den Staat regelt. Die Überschneidung und wechselseitige Beeinflussung von nationalsozialistischer Ideologie, Esoterik und Alternativmedizin bestehen weiter, zum Beispiel in der Begeisterung für tibetischen Buddhismus und Anthroposophie (Misteltherapie) sowie in der extremeren und weniger verbreiteten »Germanischen Heilkunde«.

 

It’s the economy

Gerade deshalb stellt sich die Frage, warum heute solcher Ideologie völlig unverdächtige Menschen zur HeilpraktikerIn gehen oder sich homöopathische Pillen in der Apotheke kaufen. Dieses Phänomen muss auch vor dem Hintergrund der Entwicklung der Ökonomie der Schulmedizin gesehen werden, die wie viele andere staatliche Leistungen einer zunehmenden Deregulierung, Privatisierung und Ökonomisierung unterliegen.

Die gesetzlichen Krankenkassen versuchen, chronisch kranke und alte Patienten loszuwerden und sie durch junge und gesunde zu ersetzen. Gleichzeitig wird die Ausbeutung des medizinischen Personals forciert, die Arbeit in ehemals staatlichen und in den letzten Jahren privatisierten Kliniken erinnert an fordistische Massenproduktion. Betrug die durchschnittliche Zeit, in der sich eine PatientIn im Krankenhaus befand, in den neunziger Jahren noch 12 Tage, sind es heute gut sieben. Die Löhne des Pflegepersonals wurden mit Hilfe der Gewerkschaft massiv gekürzt. In Krankenhäusern tätige ÄrztInnen konnten sich dem vorerst erfolgreich widersetzen, bezahlten dafür aber mit Arbeitsverdichtung und mit Erhöhung ihrer Arbeitszeit. Außerhalb der Kliniken sieht es aus Sicht der Kranken nicht viel besser aus: In den durchschnittlichen knapp acht Minuten, die sich ein niedergelassener Arzt für ein Gespräch mit ihnen Zeit nimmt, kann in den meisten Fällen nur eine eng auf das Symptom bezogene Kommunikation erfolgen. So verwundert es nicht, wenn die Mehrzahl der PatientInnen über »Fließbandabfertigung« klagt.

Gleichzeitig werden mehr sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen verkauft. Dabei handelt es sich um fragwürdige bis sinnlose medizinische Dienstleistungen, deren Erstattung nicht von den Krankenkassen übernommen wird, die von PatientInnen also selbst bezahlt werden müssen. In den Krankenhäusern spezialisiert man sich unterdessen auf gewinnbringende Behandlungen. Das System der DRGs (Diagnosis Related Groups) führt dazu, dass Krankenhäuser mit Eingriffen Geld verdienen, die deshalb häufiger als andere weniger Gewinn bringende ausgeführt werden. Ein OP-Saal unterliegt der gleichen Kostenkalkulation wie ein Flugzeug oder ein Frachtschiff, fehlende Auslastung bedeutet Verlust. Nirgendwo werden so viele Knie- und Hüftoperationen durchgeführt wie in der Bundesrepublik, in Hamburg unternehmen KardiologInnen mehr Herzkatheter-Eingriffe als in der gesamten Schweiz. In einem rasanten Ökonomisierungsprozess werden medizinische Leistungen in die Verantwortung des Einzelnen übertragen. Unter der Vorgabe, dass ein Teil des Lohns für die Versicherung medizinischer Leistungen aufgebracht werden muss, wird die Verwendung der Mittel und der erbitterte Kampf um diese kaum noch staatlich beschränkt. Gesetzliche Krankenkassen, Pharmafirmen, Krankenhauskonzerne und niedergelassene ÄrztInnenverbände streiten über die Verteilung und können dabei nur mühsam verbergen, dass nicht »der Mensch im Mittelpunkt steht«  sondern die Motivation, Profite zu erzielen: »Rund ein Fünftel unserer Beitragszahler verdienen so viel, dass sie zu einer privaten Kasse wechseln könnten [...]. Wenn wir diese Gruppe im System der gesetzlichen Krankenversicherung halten wollen, müssen wir dafür auch etwas bieten«, begründet ein Sprecher der Techniker Krankenkasse die Kostenübernahme für homöopathische Behandlungen.

Dies erklärt eindrücklich, weshalb KritikerInnen der Schulmedizin vorwerfen, sie richte mehr Schaden an als dass sie nütze, sei außerdem rücksichtslos, reduktionistisch und erscheine als das Gegenteil ihres humanistischen Anspruches.

Ganzheitliche Betriebsamkeit ohne Nebenwirkungen

Die Hoffnung auf Flucht vor diesen Zuständen wird jedoch nicht mit der Inanspruchnahme alternativmedizinischer Angebote erfüllt. Stattdessen wird dort der kranke Mensch auf gestörte Energieflüssen oder wie in der Homöopathie auf die gestörte Organfunktion reduziert. Wenn Ähnliches mit Ähnlichem geheilt wird, erhält jedeR, die mit Kopfschmerzen oder psychischen Beschwerden ihre BehandlerIn konsultiert, genauso ein Medikament wie bei der SchulmedizinerIn, das allerdings bei fast allen Beschwerden viel besser hilft: sorgfältig ausgewählte Homöopathie »heilt schnell, sanft, sicher, dauerhaft und ohne Nebenwirkungen [...] auch schwere akute Erkrankungen wie Migräne, Neurodermitis, Asthma u.v.a. für die sonst nur Linderung aber keine Heilung möglich ist«, und weiter: »man kann sich die Wirkung der Homöopathie vorstellen, als käme der Person eine Nachricht zu, die sie befähigt, ihre Selbstheilungskräfte optimal einzusetzen.«

Zahlreiche weitere alternative Verfahren kamen seit Beginn der siebziger Jahre hinzu und wurden populär: Traditionelle Chinesische Medizin und bald danach Tibetische Medizin, Indische Medizin (Ayurveda) und Japanisches Shiatsu. Begleitet wurde und wird die Zunahme der alternativen Verfahren von einer Professionalisierung mit zahlreichen Schulen für HeilpraktikerInnen, Fachschulen für Osteopathie, privaten und öffentlichen Hochschulen, die Studiengänge und Abschlüsse in Homöopathie und traditioneller chinesischer Medizin anbieten. Auf Bioresonanztherapie und Elektroakupunktur spezialisierte HeilkundlerInnen betreiben kompliziert erscheinende elektrische Geräte, mit denen sie Störungen von Energiefeldern des Körpers lokalisieren und beeinflussen wollen. Von Akupressur bis Zelltherapie: Zur Zeit gibt es mehr als 70 verschiedene alternative Heilverfahren. Die Innovation, um sich von der Konkurrenz abzuheben, kennt kaum Grenzen. So bietet die Firma Deutsche Homöopathie Union gegen beinahe jede Erkrankung ein Präparat an. Zu dem Symptomkomplex »Stress« wird auf der Homepage geworben: »Sie [die Homöopathie, S.W.] betrachtet nicht nur den Ernährer in Ihnen, den Ehepartner, das Elternteil, den Freund, Chef oder Kollegen. Sie sieht Sie als ganzen Menschen und setzt dort an, wo Ihre Lebenskraft aus den Fugen geraten ist.« Als Mensch nicht in Funktionen zerlegt zu werden, wird hier offensiv als Luxus gepriesen.

Akupunktur und vieles anderes wird damit beworben, »die Selbstheilungskraft des Menschen zu aktivieren«. Eine Gesundung dadurch zu erreichen, dass die »Lebensenergie wieder in einen Zustand der Harmonie« gebracht wird, sei das Ziel Traditioneller Chinesischer Medizin.

Ein weiterer Erfolg alternativer Medizin gründet in dem Versprechen auf Individualität. Niemand muss das bekommen, was alle anderen erhalten. Während die Mehrheit angeblich mehr oder weniger schlecht im Rahmen der Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen behandelt wird, können sich KonsumentInnen alternativer Verfahren der Unterwerfung unter rationalisierte, ökonomisierte Standardbehandlungen zumindest teilweise entziehen. Geworben wird dafür mit den diffusen Begriffen Ganzheitlichkeit, Harmonie und Gleichgewicht, mit der Zusicherung, den »ganzen Menschen« zu betrachten und ihm ein Refugium zu schaffen, in dem er von den Zwängen der Verwertung, des alltäglichen Funktionierens befreit ist. Das verkehrt sich ins Gegenteil: Alles kann der Bewertung und Regulierung unterzogen werden. Jede Krankheit lässt sich mit dem angeblich unharmonischen Lebensstil in Verbindung bringen, die den Körper aus der Balance der Kräfte und Säfte bringt oder die Energieströme durcheinander wirft.

Dagegen bietet die Schulmedizin Menschen, die in der Mühle kapitalistischer Verhältnisse gefangen und verzweifelt sind, nur schlecht verträgliche Medikamente. Alternativmedizinische Methoden werden so zum Placebo  an ihrer Selbstverwertung verzweifelnder Menschen, von denen sie einem kalten, auf Gewinnmaximierung abzielenden Gesundheitssystem gegenübergestellt werden. Dabei handelt es sich um Dienstleistungen, die vorgeben, Bedürfnisse wie die nach Zuwendung und Mitgefühl zu befriedigen. Ganzheitlichkeit bedeutet dabei gerade nicht, sich der Selbstvernutzung entziehen zu können, sondern im besten Fall eine Art Ersatzpsychotherapie, in der den PatientInnen für den Preis der Akzeptanz esoterischer Ideologie das Gefühl von Wertschätzung vermittelt wird.

Alternatives Doping

Bemerkenswert ist jedoch, dass die meisten alternativmedizinischen Präparate nicht von HeilpraktikerInnen oder ÄrztInnen verabreicht oder verschrieben, sondern als Selbstmedikation bei Bagatellerkrankungen oder auch zu einer etablierten schulmedizinischen Behandlung eingenommen werden. Sie sind zwischen Blasentees, Vitaminpräparaten und Heftpflastern in den Regalen deutscher Apotheken nicht zu übersehen. Homöopathische Globuli und Tropfen sind frei verkäuflich. Der Markt wächst, der Trend in den durchschnittlich reichen Vierteln deutscher Innenstädte ist eindeutig. Die Nachfrage steigt und ApothekerInnen und ÄrztInnen passen sich dem an. Die Zahl der ÄrztInnen mit der Zusatzbezeichnung »Homöopathie« oder »Naturheilverfahren« und die Regalfläche für homöopathische Produkte ist ebenso ein entscheidendes Indiz für die Aufwertung von Wohngegenden wie die Konzentration von Bio- und Outdoorbekleidungsläden.

Argument für alternativ-heilkundliche Tropfen und Pillen ist das garantierte Ausbleiben schwerer Nebenwirkungen, die leichte Verfügbarkeit, die unkomplizierte Einnahme und das Wissen, keine Fehler gemacht zu haben. Wenn es nicht hilft, hat man es wenigstens versucht, kann später immer noch richtige Medizin ausprobieren und ist kein Risiko eingegangen. Um dem zunehmenden Bedürfnis nach Selbstmedikation entgegen zu kommen, werden KonsumentInnen homöopathische »Komplexpräparate« zum Kauf angeboten, die auch ohne die sonst zum Behandlungskonzept dazugehörende ausführliche Beratung eingenommen werden können, wie zum Beispiel ein homöopathisches Beruhigungsmittel: »N. erzeugt am Tag keine Müdigkeit, so kann es problemlos im Beruf angewendet werden. Es mindert nicht die Leistungsfähigkeit und führt nicht zu Beeinträchtigungen im Straßenverkehr.« Den AnhängerInnen der traditionellen chinesischen Medizin verspricht Ohrakupunktur besonders effizient und schnell zu helfen: »Egal, ob chronischer Nackenschmerz endlich vergehen soll oder die Lust auf die nächste Zigarette – am Ohr sitzt der passende Schalter dafür. Vieles, was uns das Leben schwer macht, kann so durch Ohrakupunktur einfach ausgeknipst werden.« wirbt die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur, die sich auch im Bereich Vorsorge und Vermeidung von Leistungsabfall mit »Akupunktur zur Prophylaxe von Müdigkeit, Erschöpfung und Burnout« engagiert. In einer bekannten Lifestyle-Männerzeitschrift heißt es: »Selbst Bachblüten sind bei extremem Stress angezeigt« und: »Mit Naturmedizin den Kopfschmerz abstellen«. Im Wettbewerb mit der Schulmedizin wird deren Diktion von »ausknipsen und »abstellen« imitiert, zusammen mit der Zusicherung andauernder Leistungsfähigkeit.

Rettung ins Falsche

In der Zuflucht der Menschen zur Alternativmedizin kommt ihre Angst vor dem Zwang zur Selbstverwertung zum Vorschein, wobei sie sich in noch größere Abhängigkeit begeben. Ein Grund für den Erfolg esoterischer Medizin bestand und besteht in der Vereinfachung, in dem vorgeblichen Eingehen auf Bedürfnisse der Menschen nach Zuwendung, nach Unterstützung bei existenziellen Sorgen, um dann die richtige Pille, die bessere Tinktur und die Nadel am richtigen Punkt einzusetzen. So entsteht die Illusion, eine natürliche, bessere und somit eine elitäre Medizin zu schaffen.

Unterstützung bekommen Heil-EsoterikerInnen von den Ärzteverbänden, von den privaten und zunehmend von den gesetzlichen Krankenkassen. Sie konkurrieren mit dem Verkauf alternativmedizinischer Dienstleistungen um gesunde Mitglieder der Mittel- und Oberschicht. Währenddessen werden Leistungen zu Pflege und Rehabilitation zusammengestrichen und die Selbstbeteiligung an beinahe allen Kassenleistungen eingeführt und gesteigert, um im Sinne des Konzeptes der Ich-AG die medizinischen Reproduktionskosten zu individualisieren. Alternativmedizin ist Selbstmanagement und der verzweifelte Versuch, sich am Funktionieren zu halten. Zu der Verdeckung des Elends in der »blinkenden Durchsichtigkeit des rationalisierten Betriebes«  dient Alternativmedizin als Lifestyle. Wer nicht alles getan hat, wird bei AlternativheilerInnen dafür verantwortlich gemacht und auf sich selbst zurückgeworfen. Der Körper soll als Bastion gegen den Zugriff der kapitalistischen Verhältnisse beschützt werden. Er darf deshalb der Einsicht nicht zugänglich gemacht werden und muss als reines Bollwerk gegen das die Individuen umgebende Unbehagen, symbolisiert durch die Schulmedizin, imaginiert werden. Auch physisch Teil des Ganzen zu sein ist schwer zu ertragen. Vereinsamung und fehlende Unterstützung im alltäglichen Kampf mit den Zuständen zum Beispiel durch FreundInnen soll durch den Besuch bei der HeilerIn kompensiert werden. Von ihr bekommen Menschen genau das, was ihnen im grauen Alltag genommen wird und was ÄrztInnen ihnen nicht geben können und wollen: Zuwendung, das Gefühl, einzigartig zu sein und ernst genommen zu werden.

Die Begeisterung für die esoterische Medizin bedeutet regressiven Umgang mit den gesellschaftlichen Zwängen im Kapitalismus. AnhängerInnen und NutzerInnen esoterischer Heilkunde attackieren mit falschen Argumenten die Defizite der Schulmedizin, während so eine auf ein besseres Leben zielende Kritik an den sich auch im Medizinapparat manifestierenden Verhältnissen unterbleibt. Die Hoffnung, den Körper so der Verwertung entziehen zu können, erweist sich als Illusion.

 

Stefan Wirth

Der Autor freut sich über gute Medizinkritik. Er arbeitet als Hausarzt in Hamburg und hat sich auf Energieströme und Verdünnung spezialisiert.

 

Fußnoten

  1. Karl-Heinz Leven, Geschichte der Medizin. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 2008, 88-93. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2002.
  2. Vgl. Uwe Heyll, Wasser, Fasten, Luft und Licht. Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland. 1. Aufl., Frankfurt/ New York 2006.
  3. Heyll, Wasser, Fasten, Luft, 229-233.
  4. Am Bekanntesten war das 1937 gegründete »Rudolf-Hess-Krankenhaus« in Dresden.
  5. Ernst Klee, Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Sepsis Versuche. Frankfurt a.M. 1997, 144-150.
  6. Vgl. Alexander Mitscherlich, Fred Mielke, Medizin ohne Menschlichkeit, Frankfurt a.M. 1960.
  7. Aktuelle Satzung der Techniker Krankenkasse.
  8. Michael Kröger, Kosten-Nutzen-Rechnung: Krankenkassen kämpfen für Homöopathie. Spiegel Online, 13.07.2010. http://0cn.de/brv4
  9. Faltblatt zur Behandlung mit homöopathischen Heilmitteln. Herausgegeben vom Deutschen Zentralverein homöpathischer Ärzte. 2012. http://0cn.de/mmid.
  10. In einem Patientenfaltblatt der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. heißt es dazu: »Der eigentlichen Behandlung geht also eine ausführliche Befragung voraus. Wichtige Hinweise geben dem Arzt/der Ärztin Angaben über die Qualität des Schlafs, den Appetit, die körperliche Belastbarkeit, die seelische Stimmungslage, über Urin, Stuhlgang und Verdauungsbeschwerden. Auch berufliche oder familiäre Belastungen, Menstruationsunregelmäßigkeiten, Hitze- oder Kälteabneigung sind von Bedeutung.«
  11. Als Placebo werden wirkstofffreie Medikamente bezeichnet, die einen therapeutischen Effekt (Placeboeffekt) haben, der wie bei der Homöopathie und bei den meisten anderen alternativmedizinischen Verfahren nicht auf Wirkstoffe oder die Methoden selbst zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu steht der Nocebo-Effekt. Damit wird die durch negative Erwartungen an ein Medikament oder eine Behandlung ausgelöste unerwünschte Symptomatik bezeichnet. Eine empfehlenswerte Studie zum Placebo- und zum Nocebo-Effekt: Winfried Häuser et al: Nocebophänomene in der Medizin. Deutsches Ärzteblatt Int., 2012; 109(26): 459–65, http://0cn.de/p9yh.
  12. Theodor W. Adorno, Gesundheit zum Tode, in: Minima Moralia, 1.Aufl., Frankfurt a. M. 1969, 69.