»Jews of the East«?

Über das Ressentiment gegen die chinesische Minderheit in Indonesien und seine strukturellen Ähnlichkeiten mit dem modernen Antisemitismus

Auch wenn die Krise dem Kapitalismus immanent ist, trifft sie die Menschen scheinbar jedes Mal derart unerwartet, dass das Erwecken bestehender Ressentiments und der Drang, einen Sündenbock zu finden, als einzige Auswege erscheinen und somit jegliche Krisenanalyse zur Ideologie verkommen lassen. Ist es historisch »der Jude«, an dem insbesondere in wirtschaftlichen Krisenzeiten das abstrakte Kapitalverhältnis personifiziert wird, so sind es gegenwärtig die Banker_innen, die ebenfalls wie die Jüdinnen und Juden mit der Zirkulationssphäre assoziiert, als Krisenverursacher_innen identifiziert und attackiert werden.
Das Gefühl einer Mehrheit, machtlos gegenüber einer Minderheit zu sein – in diesem Fall der »unteren« 99 Prozent der Bürger_innen gegen die »oberen« 1 Prozent der im Finanzwesen Tätigen – führte bislang nur zu Sachschaden. Im Falle der in Indonesien lebenden chinesischen Minderheit, die dort seit über 500 Jahren vornehmlich im Handel tätig ist, wurde die über Asien in den Jahren 1997 und 1998 hereinbrechende Finanzkrise lebensgefährlich. Chinesische Händler_innen wurden als »Scapegoats« von der indonesischen Bevölkerung für die wirtschaftliche Misere mitverantwortlich gemacht, und es kam infolge von gegen sie gerichteten Pogromen zu über 1000 Toten, zahlreichen Verletzten und systematischen Vergewaltigungen von chinesischen und anderen Indonesierinnen. Mehrere Zehntausend Chines_innen flüchteten aus dem Land. An der Geschichte der Indonesier_innen mit chinesischem Migrationshintergrund im Besonderen sowie der chinesischen Minderheiten in Südostasien im Allgemeinen zeigt sich, wie eine nichtjüdische Gruppe, die ebenfalls mit Handel und Kreditwesen assoziiert wird, Feindseligkeiten und Ressentiments ausgesetzt ist, die dem modernen Antisemitismus ähneln.

Hierbei gilt es aber zu betonen, dass die Ähnlichkeiten einer ebenso offenen wie latenten Feindseligkeit gegenüber Chines_innen in Indonesien mit Elementen des Judenhasses auf rein struktureller Ebene zu verordnen sind. Während also der historische Kontext von Antisinismus und Antisemitismus ein jeweils anderer ist, lassen sich dort Gemeinsamkeiten finden, wo sich der Hass auf Jüdinnen und Juden oder auf Chines_innen vor allem aus einer verkürzten Kapitalismuskritik ableiten lässt. Mit der Unterscheidung von gutem »schaffendem« und schlechtem »raffendem« Kapital wird die Verantwortlichkeit für die Ausbeutung der Menschen im Kapitalismus jenen zugesprochen, die in der Zirkulationssphäre tätig sind.

Zur Geschichte chinesischer Migration in Indonesien

Die erste Phase chinesischer Migration nach Indonesien lässt sich auf die Zeit zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert datieren. Diese Zeit war vor allem durch chinesische Händler_innen bestimmt, die losen Handel auf dem indonesischen Inselarchipel betrieben und zum Teil auch wieder in ihr Heimatland zurückkehrten. Ab dem 16. Jahrhundert setzte eine zweite, große Migrationbewegung ein, als europäische Mächte ihre Kolonien in Südostasien aufbauten und sich so für die chinesischen Händler_innen neue, lukrative Märkte erschlossen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stieg der Zuzug so rapide an, dass sich erste Konflikte mit der niederländischen Kolonialherrschaft anbahnten, die ihre Handelsmacht in Gefahr sah. Als die chinesische Bevölkerung begann, sich gegen die Willkür der Kolonialverwaltung aufzulehnen, mündete dies 1740 in einem Massaker, dem 10.000 in Batavia, dem heutigen Jakarta, lebende Chines_innen zum Opfer fielen.
Dieser historische Vorfall ist vor allem deshalb interessant, weil in der Wahrnehmung der indonesischen Bevölkerung die Chines_innen als Handlanger der verhassten Kolonialherren galten. Dass die Chines_innen selbst Übergriffen und Diskriminierungen durch die niederländische Kolonialmacht ausgesetzt waren, wurde kaum oder gar nicht gesehen. Aufgrund ihres weit ausgebauten Handelsnetzwerks in ganz Südostasien erhielt die chinesische Minderheit einen Sonderstatus, der ihr Handelsvorteile einräumte und sie rechtlich über die ethnische Bevölkerung Indonesiens stellte. Die Gewährung von Handelsvorteilen diente den Niederländern vor allem dazu, die chinesische Minderheit als Steuereintreiber_innen und Mittler_innen zu instrumentalisieren, die zwischen ihnen und den lokalen Händler_innen, Produzent_innen und Konsument_innen verhandeln sollten. Gleichzeitig aber wurden die Chines_innen in eigens angelegten Ghettos angesiedelt und so bewusst vom Rest der Bevölkerung isoliert. Um sich außerhalb der »chinesischen Gebiete« bewegen zu dürfen, war eine besondere Genehmigung nötig. Diese von den niederländischen Kolonialherren erzwungene Klassentrennung verunmöglichte den Chines_innen den Kontakt zu den Einheimischen, wenn sie nicht selbst in die dritte und unterste Kaste rutschen wollten. Es zeigt sich deutlich, dass das niederländische Königreich in Indonesien auf die von kolonialen Mächten häufig angewendete Strategie von Divide and Conquer (dt. Teile und Herrsche) setzte. Während die Chines_innen aus Sicht der indonesischen Bevölkerung Marionetten der Kolonialherren waren, dienten sie den Niederländern als willkommener Sündenbock für den in der Bevölkerung angestauten Hass auf die Fremdherrschaft. Bis heute besteht das feste Bild von den Chines_innen als Geldleiher_innen und Händler_innen, die ihren Wohlstand vor allem durch die Vorteile der Kolonialzeit erzielen konnten.

Eingesperrt in die Zirkulationssphäre

Die niederländische Kolonialherrschaft nahm mit ihrer Teile-und-Herrsche-Politik wesentlichen Einfluss auf die Rolle und das Bild der chinesischen Minderheit, das sich in der Wahrnehmung der indonesischen Gesellschaft verfestigte. Sie verstärkte nicht nur das Fremdheitsstigma der Chines_innen, sondern auch all die Vorurteile, die sich auf ihren vermeintlichen Wohlstand sowie ihre ökonomische Macht und Kompetenzen bezogen. Ähnlich wie es Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im Kapitel »Elemente des Antisemitismus« in der Dialektik der Aufklärung bereits für die Juden beschreiben, wurden Chines_innen in Indonesien, weil sie »allzu lange in sie [d. h. die Zirkulationssphäre, C. C.] eingesperrt« waren, mit dieser identifiziert und somit als Träger_innen und Verantwortliche für die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse identifiziert. Auch weitere Gründe, die Adorno und Horkheimer in ihrer Analyse des Antisemitismus nennen und die aus ihrer Sicht den Judenhass in Deutschland entscheidend beförderten, lassen Analogien zur Situation der chinesischen Minderheit unter der Kolonialherrschaft in Indonesien erkennen. So ließ man die Chines_innen ebenfalls »keine Wurzeln schlagen«, und indem man sie in die Rolle von Geldeintreiber_innen und Mittelsmännern zwang, trugen sie »kapitalistische Existenzformen in die Lande und zogen den Haß derer auf sich, die unter jenen zu leiden hatten.« Die strukturellen Ähnlichkeiten des Antisinismus mit Elementen des modernen Antisemitismus werden hier nur allzu deutlich.

Die Unabhängigkeit Indonesiens

Trotz aller Hindernisse, vor die die chinesische Minderheit durch die Regularien der Kolonialverwaltung gestellt wurde, konnte sie ihre ökonomisch Dominanzstellung, die sie sich mit den zahlreichen in Indonesien präsenten ausländischen Unternehmen teilte, bis zum Ende der Kolonialherrschaft und der Ausrufung der Unabhängigkeit Indonesiens 1945 bewahren. Einheimische Unternehmen waren zu diesem Zeitpunkt nur in wenigen Segmenten vertreten, was umgehend erste nationalistische Gruppierungen auf den Plan rief, die die ökonomische Disparität anprangerten und gegen chinesische Unternehmen hetzten. Die Regierung unter dem ersten Präsidenten Indonesiens Sukarno folgte dieser Linie und erließ Gesetze, die einerseits einheimische Unternehmen begünstigten, andererseits den Zuzug von Chines_innen nach Indonesien in Form von Reisebeschränkungen erschwerten. In vielerlei Hinsicht setzte Sukarno die Politik der niederländischen Kolonialverwaltung fort. Diese Entwicklung manifestierte sich in einem Erlass aus dem Jahre 1959, der Ausländer_innen verbot, Einzelhandel in ländlichen Gebieten zu treiben. Dies betraf überwiegend Chines_innen, denen damit ihre Lebensgrundlage genommen wurde, woraufhin ungefähr 130.000 von ihnen das Land verließen. Während Sukarno versuchte, die wirtschaftliche Kraft der Chines_innen im großen Stil zu unterminieren, ließ er ihnen zumindest die Freiheit, ihre kulturelle Identität zu bewahren und politisch zu partizipieren. Im Allgemeinen jedoch trug Sukarno mit seiner Politik maßgeblich dazu bei, das Bild der Chines_innen als Profiteur_innen des Kolonialismus und »ökonomische Besatzer_innen« in der indonesischen Bevölkerung zu festigen. Der Hass der Bevölkerung entlud sich unter seiner Herrschaft im Jahre 1963, als es zu antichinesischen Unruhen infolge inflationsbedingter Preiserhöhungen kam. Doch erst mit dem Putsch von 1965 und der Errichtung der »Neuen Ordnung« durch General Suharto erreichte der Antisinismus in Indonesien eine neue Dimension.

Das Massaker von 1965 und die Errichtung der Neuen Ordnung

Unter Sukarno machten viele chinesische Indonesier_innen von den zugestandenen Freiheitsrechten Gebrauch und engagierten sich politisch. Die starke linke Orientierung der politischen Organisationen, denen sie anhingen, sollte ihnen jedoch schließlich zum Verhängnis werden. Neben dem ihnen verliehenen Stigma des »ausbeuterischen Kapitalisten«, wurden sie nun auch als Kommunist_innen identifiziert, die das Ziel hätten, die Nation zu zersetzen. In der Folge eines Putschversuches am 30. September 1965, für den die Kommunist_innen verantwortlich gemacht wurden, starben zwischen 250.000 und 500.000 Menschen durch die Gewalt der rechtsgerichteten Armee unter General Suharto. Unter den Opfern des Massakers waren neben dem Landproletariat besonders viele der in Indonesien lebenden Chines_innen. Neben dem Vorwurf, die chinesische Minderheit hätte sich an dem Machtkomplott beteiligt, gerieten sie unter den Generalverdacht, dem kommunistischen chinesischen Heimatland weiterhin loyal gegenüberzustehen. Sogar China selbst wurde verdächtigt, den Putsch initiiert zu haben. Wie im europäischen Antisemitismus war es dabei kein Problem je nach Bedarf zwischen den Zuschreibungen »Kommunist_in« und »Kapitalist_in« zu wählen. Der plötzliche Ausbruch und das Ausmaß der Gewalt gegen die chinesische Community in den Wochen und Monaten nach dem Coup D’état wurden zu deren Trauma. Auch wenn nicht genau bekannt ist, wie viele Chines_innen damals umgebracht wurden, so ist seitdem die Angst, etwas Ähnliches könnte jeder Zeit wieder geschehen, allgegenwärtig. Das Massaker hatte gezeigt, dass die chinesische Minderheit bei jeder kleinsten ökonomischen oder politischen Krise des Staates als Sündenbock angeprangert werden kann.
General Suharto, der sich als großer Retter der Nation sah, konnte sich infolge der blutigen Niederschlagung des Putsches schließlich im März 1967 an die Macht setzen und sein autokratisches System der »Neuen Ordnung« installieren. Er führte die harte Linie seines Vorgängers gegenüber der chinesischen Minderheit im Land fort, setzte dabei aber auf eine noch verstärkte Assimilierungspolitik. Zu dieser Zeit war in der indonesischen Bevölkerung die Vorstellung bereits tief verankert, die ganze Nation sei von der wirtschaftlichen Macht der Chines_innen fremdbeherrscht. Unter Rückgriff auf dieses Wahrnehmungsmuster konnte Suharto sein Assimilierungsvorhaben als quasi sozialpolitische Maßnahme zur »Lösung des Chinesenproblems« verkaufen. Infolgedessen wurden chinesische Schulen geschlossen, die Verwendung chinesischer Schriftzeichen und Sprache im öffentlichen Raum wie in den Medien, und das Praktizieren chinesischer Religionen und Traditionen außerhalb des familiären Kreises verboten. Die Anerkennung gleicher sozialer und politischer Rechte blieb aus; so setzten sich die Schikanen und Diskriminierungen gegenüber den chinesischen Indonesier_innen in vielen Bereichen unvermindert fort.

Die auf die chinesischen Indonesier_innen gerichtete Wirtschaftspolitik trug wie bereits unter Sukarno widersprüchliche Züge. Zum einen waren die Regierung und das Land auf die Wirtschaftskraft der chinesischen Unternehmen angewiesen. Zum anderen musste man nach Außen eine Bevorzugung der einheimischen Unternehmen propagieren. Letztlich setzte sich eine auf Beziehungen zwischen der Bürokratenelite und chinesischen Großunternehmer_innen beruhende Klientelwirtschaft durch, mit der man diese besser zu kontrollieren gedachte und die größere Renditen abwarf. So entstanden vom Staat geschützte riesige Konglomerate mit zumeist chinesischen Unternehmer_innen als Geschäftspartner_innen, die teilweise bis heute bestehen. Mit der Bildung dieses Rackets, das durch die liberale Wirtschaftspolitik Suhartos entstehen konnte und aus chinesischen Unternehmen und bürokratischer, politischer Elite bestand, wurden die anti-chinesischen Ressentiments in der Bevölkerung weiter genährt. Dieser Unmut schlug in den siebziger und achtziger Jahren immer wieder in antisinitische Ausschreitungen um, denen die Regierung Suhartos mit dem Versuch, durch Erlässe zur Einschränkung ausländischer bzw. chinesischer Aktivitäten dem Unmut der Massen nachzugeben und damit die Lage zu deeskalieren, entgegensteuerte. Dass sich die Stereotype über die Chines_innen innerhalb der indonesischen Bevölkerung in den Jahrzehnten der Herrschaft unter Suharto in keiner Weise verändert hatten, zeigte sich in trauriger Weise in den anti-chinesischen Ausschreitungen des Jahres 1998.

Die Maiunruhen 1998

Bereits im Jahre 1996 kam es zu ersten Übergriffen der indonesischen Bevölkerung auf Regierungsgebäude, Polizeistationen und Läden. Sie waren Ausdruck der Frustration vieler Indonesier_innen über die soziale Misere und die politische Handlungsunfähigkeit der Suharto-Regierung, die die ökonomischen Probleme des Landes Jahren zuvor nicht in den Griff bekommen hatte. Nach über zwei Jahrzehnten des ökonomischen Aufstiegs Indonesiens in den siebziger und achtziger Jahren stürzte das Land mit dem Beginn der Asienkrise im Jahre 1997 in eine tiefe wirtschaftliche Depression. Obgleich anfangs die indonesische Wirtschaft noch stabil zu sein schien, war Indonesien letztlich das Land, das die Krise in Asien am härtesten traf. Die Inflation stieg an, Unternehmen gingen Pleite und zahlreiche Menschen wurden arbeitslos.

Neben Suharto, der als politisch Schuldiger für die Krise betrachtet wurde, machte die Bevölkerung vorrangig die Chines_innen des Landes, insbesondere die chinesisch geführten Großunternehmen, für die wirtschaftliche Misere des Landes verantwortlich. Hierbei traten erneut die antichinesischen Ressentiments zu Tage, die innerhalb der indonesischen Gesellschaft latent vorhanden, allgegenwärtig und virulent waren. In Zeiten der ökonomischen Krise schlugen sie bedingt durch das gezielte Schüren des Ressentiments durch Medien, Regierungsbeamte und Militärs im Mai 1998 in gewalttätige Ausschreitungen gegen die chinesische Minderheit um. Wie schon beim antikommunistischen und antichinesischen Massaker von 1965 zeugten die Übergriffe auf chinesische Indonesier_innen, ihre Läden und Wohnhäuser während der Maiunruhen von organisiertem Charakter, bei dem der plündernde und mordende Mob offenbar Unterstützung von Teilen des Militärs erhielt. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wer die Aktionen initiierte, ob Suharto versuchte mit den Unruhen die Schuld für die politische und wirtschaftliche Krise der chinesischen Minderheit zuzuschieben, oder ob die Opposition mithilfe der antichinesischen Ressentiments in der indonesischen Gesellschaft die Regierung destabilisieren wollte. Es ist jedoch sicher, dass die chinesische Minderheit ein weiteres Mal in der Geschichte Indonesiens zum Spielball der politischen Interessen wurde. Einerseits führten die Unruhen mit dem Fall Suhartos nach 32 Jahren Herrschaft zu einer politischen Umwälzung. Andererseits bedeuteten sie für die Chines_innen in Indonesien nach 1965 ein weiteres traumatisches Erlebnis, das ihnen verdeutlichte, wie sehr sie den Vorurteilen, negativen Stereotypen und Gewaltexzessen der indonesischen Bevölkerung ausgeliefert waren.

»Jews of the East«

Ein Jahr nach seinem erzwungenen Rücktritt antwortete Suharto in einem Interview auf die Frage, ob hinter seinem politischen Sturz eventuell eine Verschwörung gestanden habe: »It was a Zionist conspiracy. The Indonesian government was careless in its regard of the systematic and tactical machinations of the Zionists. The Zionists always know who their enemies are and there are two forces that they observe with caution. The first is the yellow threat posed by the Chinese. Their numbers spread from mainland China to every nation. Their political, social and economic conditions are always seen as a threat [...]«. Suharto spricht hier also von einer zionistischen Verschwörung und unterstellt dieser anti-chinesische Absichten. Dabei war es seine anti-chinesische Politik, die erneut strukturell-antisemitische Stereotype und Vorurteile in die indonesische Gesellschaft streute und somit den Nährboden für die Ausschreitungen von 1998 schuf. Der Asienwissenschaftler Jeffrey Hadler bezeichnet das als »translations of antisemitism«, und vertritt die These, dass auf die chinesischen Indonesier_innen all jene Stereotype projiziert werden, die man aus dem Antisemitismus kennt: »Chinese are depicted as anti-nationalists, practitioners of native labour abuse and then reflexive capital flight. Such shadowy ›conglomerates‹ and peripatetic urban exploiters are as Jewish as they are Chinese stereotypes.« Die Geschichte der Chines_innen in Indonesien, insbesondere seit dem Ende der Kolonialzeit, zeigt eindringlich, wie antisemitisch konnotierte Stereotype auch nichtjüdischen Gruppen zugeschrieben werden. Der Antisinismus ist jedoch nicht auf Indonesien beschränkt, sondern hat auch in anderen südostasiatischen Ländern Tradition, wie auf den Philippinen, in Malaysia oder Thailand. Auch dort wurde den chinesischen Minderheiten die Zuschreibung als wurzelloses Händler_innenvolk zuteil, das sich nicht assimilieren wolle und so für Missstände jeglicher Art verantwortlich gemacht werden konnte. Diese »Übersetzung« des Antisemitismus in Chines_innenhass wurde ganz offen nach außen getragen, wie im Falle des Königs Vajiravudh von Thailand, der in einem 1915 veröffentlichten, von rassistischen Tönen geprägten Aufsatz gegen die von ihm als »Jews of the East« bezeichneten Chines_innen hetzte.

Verantwortlich für die Moderne

Während der christliche Judenhass der Ursprung des modernen Antisemitismus ist, wurzeln die Feindseligkeiten gegenüber chinesischen Migrant_innen in Indonesien in der Geschichte der niederländischen Kolonialzeit. Das Einsperren beider Gruppen in die Zirkulationssphäre eint sie darin, Gegenstand von vielen Vorurteilen und Stereotypen zu sein, die im Laufe ihrer Geschichte entstanden und auf sie projiziert wurden. Die strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen Antisemitismus und Antisinismus, wie dieser sich speziell in den postkolonialen Gesellschaften Südostasiens, aber auch in Ostafrika, also überall dort, wo sich chinesische Migrant_innen niederließen, findet, sind jedoch nicht allein über die Identifizierung der Jüdinnen und Juden wie der Chines_innen mit Handel und Finanzkapital zu erklären. Beide Gruppen werden vielmehr, wie Moishe Postone in seinem Aufsatz Nationalsozialismus und Antisemitismus im Hinblick auf den Antisemitismus postuliert, mit der Gesamtheit moderner kapitalistischer Vergesellschaftung in Verbindung gebracht: »Es handelt sich dabei nicht um die bloße Wahrnehmung der Juden als Träger von Geld – wie im traditionellen Antisemitismus; vielmehr werden sie für ökonomische Krisen verantwortlich gemacht und mit gesellschaftlichen Umstrukturierungen und Umbrüchen identifiziert, die mit der raschen Industrialisierung einhergehen: explosive Verstädterung, der Untergang von traditionellen sozialen Klassen und Schichten, das Aufkommen eines großen, in zunehmendem Maße sich organisierenden industriellen Proletariats und so weiter.« Erst aus einer solchen pathischen Projektion heraus kann eine Gruppe gleichermaßen für eine kapitalistische Krise und für kommunistische Agitation verantwortlich gemacht werden.

So zahlreich jedoch die Ähnlichkeiten zwischen dem Antisemitismus und den Feindseligkeiten gegenüber den Chines_innen in Indonesien sind, so einmalig in Qualität und Ausmaß war die Judenverfolgung durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Auch wenn chinesische Migrant_innen in Südostasien für Vieles als Sündenbock herhalten mussten, so war der Gedanke einer chinesischen Weltverschwörung nie bekannter Teil anti-chinesischer Rhetorik. Und trotz aller Gewalt und allem Leid, die die chinesischen Migrant_innen in Indonesien, auf den Philippinen, in Malaysia und Thailand in ihrer Geschichte erfahren mussten, so war die von Kolonialmacht, Regierung oder Mob ausgeübte Gewalt gegen sie immer Mittel zu einem konkreten politischen Zweck – im Gegensatz zu der Vernichtung der Juden durch die Deutschen im Holocaust, der, so Postone, sich selbst Zweck war.

Hoffen auf krisenfreie Zeiten

Die Geschichte der chinesischen Einwander_innen in Indonesien belegt, wie strukturelle Elemente des modernen Antisemitismus in Verbindung mit kolonialer Gewalt eine Bevölkerungsgruppe zur Projektionsfläche des Hasses auf das abstrakte Kapitalverhältnis gemacht haben. Dabei ist es irrelevant, dass die acht Millionen in Indonesien lebenden Chines_innen – von insgesamt fast 240 Millionen Einwohner_innen – keinesfalls eine homogene Gruppe bilden. Es bestehen große Unterschiede zwischen den bereits seit mehreren Generationen in Indonesien lebenden und den neu eingewanderten Chines_innen. Auch wenn zu den reichsten Unternehmer_innen des Landes viele Chines_innen zählen, so gehören die meisten der Mittelklasse an. Wie der moderne Antisemitismus keine realen Jüdinnen und Juden braucht, sondern allein auf Projektion beruht, so entbehrt auch der gegenwärtige Glaube an die ökonomische Dominanz der Chines_innen in Indonesien einer objektiven Basis. Die antichinesische Ideologie diente in der Geschichte Indonesien nicht nur den Herrschenden als politisches Mittel, sondern war immer auch Ausdruck einer durch die koloniale Vergangenheit des Landes beschädigten Gesellschaft, die ihr nationales Selbstverständnis durch reale – die niederländische Kolonialherrschaft – und durch imaginierte – von der chinesische Minderheit ausgeübte – Fremdherrschaft unterdrückt sah. Dabei ist es auf die Beschaffenheit des abstrakten Kapitalverhältnisses zurückzuführen, dass sich der Hass auf die chinesische Minderheit vor allem in Krisenzeiten entlud. Auch wenn sich nach den Maiunruhen von 1998 und dem Fall von Suharto ihre gesellschaftliche und politische Stellung in Indonesien immens verbessert hat, so bleibt die Angst der Chines_innen vor der nächsten politischen oder wirtschaftlichen Krisis, die die Gesellschaft wieder gegen sie aufbringen könnte.

Cornelius Coot
Der Autor lebt und arbeitet als TV Producer in Berlin.

Fußnoten

  1. Den Begriff »Antisinismus« möchte ich im Folgenden für das Phänomen antichinesischer Einstellungen, Feindseligkeiten und Ressentiments gebrauchen. Eine allgemein verbreitete Definition des Begriffs ist nicht gegeben.
  2. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, in: Gesammelte Schriften 3, Frankfurt a. M. 1997, 198.
  3. Ebd., 199.
  4. Ebd., 199.
  5. Yuri Slezkine, The Jewish Century, Princeton 2004, 38.
  6. Jeffrey Hadler, Translations of Antisemitism: Jews, the Chinese, and Violence in Colonial and Postcolonial Indonesia, in: Indonesia and the Malay World 94 (2004), 291–313, hier 308. Übers.: »Das war eine zionistische Verschwörung. Die indonesische Regierung war zu nachlässig gegenüber den systematischen und taktischen Machenschaften der Zionist_innen. Die Zionist_innen wissen immer genau, wer ihre Feinde sind, und es gibt zwei, die sie besonders beobachten. Der erste ist die gelbe Gefahr, die die Chines_innen darstellen. Von ihrem Heimatland China aus verbreiten sie sich auf der ganzen Welt. Aufgrund ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Situation werden sie stets als Bedrohung angesehen [...].«
  7. Hadler, Translations, 309. Übers.: Chines_innen werden als anti-nationale Ausbeuter_innen von einheimischen Arbeitskräften gesehen, die dazu noch Kapital ins Ausland abziehen. Solche Bilder von undurchsichtigen ›Konglomeraten‹ und rastlosen urbanen Ausbeuter_innen sind sowohl jüdisch als auch chinesisch konnotierte Stereotype.«; Slezkine, Jewish Century, 38.
  8. Slezkine, Jewish Century, 38.
  9. Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch, in: Dan Diner (Hrsg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a. M. 1988, 242–254, hier 246.
  10. Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, 214.
  11. Muhammad Cohen, Happy to be Chinese in Indonesia, in: Asia Times Online, 20. Oktober 2011, zit. n.: http://www.atimes.com/atimes/Southeast_Asia/MJ20Ae01.html.