Jenseits von »Roter Diktatur« und »Sonnenallee«

Bemerkungen zu herrschenden DDR-Geschichtsbildern

Das Panoptikum der DDR-Bilder

Die DDR war ein Staat, der den Antifaschismus, die Völkerfreundschaft, den Frieden, den Antimilitarismus, den Sozialismus, die Emanzipation des Menschen, die (wirkliche) Demokratie und den Marxismus zur allenthalben verlautbarten Grundlage seiner Legitimation machte. Es ist bis heute aber nicht leicht zu verstehen, warum die DDR realiter eine Politik hervorbrachte, die jüdische Shoah-Überlebende in den fünfziger Jahren zur Flucht aus der DDR zwang, die zwar verschwiegene, aber immer vorhandene Rassismen fortbestehen ließ, die 1968 eine deutsche Armee zu einem erneuten Einmarsch in die ?SSR bereitstellte. Es war eine Politik, die bereits die Jugend in Massenorganisationen uniformierte und in Aufmärschen, Fahnenappellen und im obligatorischen Wehrunterricht militarisierte, die den Sozialismus zu einem Staatskapitalismus uminterpretierte, die den Massen ein kritisches, freies Denken (zumindest über den Marxismus-Leninismus) und damit ein kritisches Bewusstsein mittels streng verteidigter Dogmen versagte, die den »Arbeitern und Bauern« eine politische Mitsprache nicht zutraute und die einem Funktionärs-Apparat die Rolle übertrug, als »Avantgarde der Arbeiterklasse« (ohne Konsultation etwa von Räten) die Interessen der Arbeiterklasse und den richtigen Weg zur Umsetzung des herrschaftsfreien Kommunismus immer schon notwendigerweise zu kennen.

Dann gab es da noch eine Gesellschaft, in der der Staat vor allem seit den siebziger Jahren eine fast lückenlose soziale Grundsicherung ermöglichte, Frauen in den achtziger Jahren zu über 90 Prozent finanziell unabhängig machte und Familien durch Kinderkrippen zeitig bei der Kinderbetreuung entlastete. Der Wirrwarr der DDR-Bilder lässt sich beliebig fortschreiben.

Nicht zuletzt aber diese Widersprüchlichkeit eines Staates und seiner Bevölkerung, die sich in den Anfangsjahren mehrheitlich aus einer zutiefst mit dem NS und seinen Verbrechen verwickelten Gesellschaft rekrutierte, liefert zahlreiche Anknüpfungspunkte für all die mannigfaltigen und zum Teil skurrilen Erinnerungsbilder. Insofern ist eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der DDR dringend geboten, um all den widersprüchlichen Diskussionen über die DDR, die sich zwischen Ostalgie und antikommunistischem Verurteilungseifer bewegen, eine neue Richtung zu geben.

 Zweifelsohne ist die Erinnerungspolitik bzw. -kultur immer auch von den gesellschaftlichen Verhältnissen derjenigen Zeit abhängig, in der die Erinnerung (aus-)gestaltet und organisiert wird. Da das Ende der DDR allerdings noch sehr nahe liegt, sind geschichtspolitische Fragen aufgrund der (personellen und strukturellen) Kontinuität nach der vergangenen Epoche immer eng mit der »faktischen Geschichte der Vergangenheit« verknüpft. Dies mag der Grund dafür sein, dass eine Millionenzahl deutscher StaatsbürgerInnen sich seit fast zwei Jahrzehnten verdutzt die Augen reibt, wenn das vorherrschende bundesdeutsche Geschichtsbild von der DDR als Terror-, Mauer- und Stasistaat ihnen sehr wenig über die (subjektive) Realität der Mehrheit der DDR-BürgerInnen sagt. All jene, die sich mit den Umständen arrangierten (sich nicht zuletzt auch identifizierten) und ihr profanes Leben führten, werden mit einem Geschichtsbild konfrontiert, das ihnen eine DDR vermittelt, die nichts mit »ihrer« DDR zu tun hat. Nachvollziehbar ist daher – man addiere dazu die zahlreichen sozialen und politischen Enttäuschungen seit 1990 – eine Nachfrage nach profaner Erinnerung, nach Devotionalien aus der Vergangenheit.

Ist diese als »Ostalgie« bezeichnete Trotzerinnerung aber wirklich eine Gegenbewegung zur stark verzerrten antikommunistischen Sicht? Nein, das ist sie nicht. Die Ostalgie passt eigentlich sehr gut in den gegenwärtigen Geschichtsdiskurs, der regelt, was gedacht, gesagt und gemacht (bzw. veröffentlicht) werden darf. Die Verehrung von Ost-Musik und Ost-Produkten ist die gerade noch zulässige (weil scheinbar unpolitische) Form der Erinnerung an ein Land, das viele überzeugte SozialdemokratInnen/SozialistInnen und KommunistInnen Ende der vierziger Jahre anzog, weil es die Umsetzung eines Traumes verhieß: den Aufbau einer antimilitaristischen, antifaschistischen und vor allem sozialistischen Gesellschaft.

Es ist dies im Übrigen ein Fakt, der die Bedeutung der DDR als ernsthaften Umsetzungsversuch eines Politikkonzeptes verdeutlicht und wieder stärker in den aktuellen historiographischen und politisch-theoretischen Fokus gerückt werden muss. In der Ignoranz dieses Aspektes aber liegt gerade der große Mangel in der Erinnerungskultur. Das Scheitern der DDR wird nicht selten als vermeintlicher Beweis für die Nicht-Realisierbarkeit der marxistischen bzw. Marx’schen Philosophie herangezogen. Tatsächlich hat man sich damit erfolgreich vor der intellektuellen Herausforderung und der Notwendigkeit gedrückt, den wichtigen ideengeschichtlichen Aspekt der DDR-Geschichte wirklich zu verstehen.

Auch wenn es ausgebildete HistorikerInnen sind, die immer wieder behaupten, dass sich die DDR notwendigerweise so hätte entwickeln müssen, da bereits in der Idee des Sozialismus der Keim des Scheiterns enthalten sei, verstoßen sie auf anachronistische Art und Weise gegen eine Grundregel der Historiographie: Die Geschichte ist nicht determiniert und ist zu jedem Zeitpunkt für die ZeitgenossInnen der jeweiligen Epoche handlungsoptional offen. Wer die DDR von ihrem Ende her denkt, hängt einer hartnäckigen Geschichtslegende an, der beharrlich widersprochen werden muss. Die Geschichte der DDR ist (auch) eine Geschichte des Scheiterns eines ideologischen Dogmensystems: des »Marxismus-Leninismus«; jenes ideengeschichtlichen Konglomerats aus Vulgärmarxismen und bürgerlichen Ideologiefragmenten also, das zusätzlich ständig den jeweiligen Machtinteressen sich »kommunistisch« nennender Machteliten angepasst wurde. Hinzu kam der Umstand einer – aus Marxianischer Sicht – nicht unbedingt für die Implementierung eines fehlerhaften Dogmensystems günstigen welthistorischen Umgebung.

Wie kommt es jedoch, dass die ideengeschichtliche Grundlage der DDR, mit der die Staatsführung jede ihrer tagespolitischen Entscheidungen rechtfertigte, vom gegenwärtigen Geschichtsdiskurs so eklatant ignoriert wird? Bevor dies durchdacht werden kann, müssen die vorherrschenden Tendenzen in der DDR-Forschung grob skizziert werden. ~Verzerrte DDR-Forschungen ~Bei aller Konformität der Geisteswissenschaft hat die DDR-Forschung ihrerseits sehr entscheidend zum herrschenden DDR-Bild beigetragen. Die vielfach zurecht beklagten Verzerrungen im DDR-Bild sind nicht zuletzt auf die zwei in den neunziger Jahren dominanten Haupttendenzen in der Historiographie zurückzuführen: Zum einen ist die wieder erstarkte (in den achtziger Jahren bereits überwunden geglaubte) totalitarismustheoretische Verurteilungshistoriographie zu nennen. Sie bezog ihre publizistische Stärke vor allem aus dem allenthalben akklamierten Sieg des Kapitalismus über den (real existierenden) Sozialismus. Dieser nach wie vor dominanten Geschichtsdeutung ist – sicherlich verkürzt und polemisch überspitzt formuliert – ein diskursives und gesellschaftlich wirksames Bild von der DDR zu verdanken, das den ostdeutschen Staat mehr oder weniger auf den 17. Juni 1953 und seine Niederschlagung, auf den Mauerbau und auf die Stasi reduziert. Diese historiographisch konstruierte Reduktion des Komplexes »DDR-Geschichte« führte zu einer tendenziellen und generationsübergreifenden Erinnerungsspaltung zwischen Millionen Ostdeutschen auf der einen Seite, die zum großen Teil nie die DDR aus der Perspektive eines/r DissidentIn oder BürgerrechtlerIn wahrgenommen hatten und daher dem öffentlich dominanten Erinnerungsdiskurs befremdet gegenüberstanden, und Millionen Westdeutschen auf der anderen Seite, die seit Jahrzehnten vom Antikommunismus geprägt worden waren und nunmehr ihre innere Gefühlswelt bestätigt sahen, was mangels Neuigkeit allerdings kaum zu gesteigertem Interesse an der DDR und ihren Menschen führte. Vor allem in den neunziger Jahren konnten VertreterInnen der totalitarismustheoretischen DDR-Geschichtserzählung vor Kraft und offen zutage getragener Wut kaum laufen. Leider führte diese Euphorie der Emotionen zu zum Teil erheblichen Nachlässigkeiten hinsichtlich der wissenschaftlichen Sorgfalt in Sprachduktus und Quellenarbeit. In dieser Phase wurden viele wichtige Ansätze und Erklärungsmodelle der DDR-Gesellschaft, die sich seit den siebziger Jahren in der westdeutschen DDR-Forschung herausgebildet hatten und der Komplexität des Phänomens DDR zunehmend gerecht geworden waren, wieder verschüttet; ein bedrückender Umstand, der den neueren Generationen von DDR-HistorikerInnen eine schwere Hypothek ist.

Zum anderen gibt es diejenigen, die zwar mit einer anderen Perspektive prinzipiell ähnliche Mängel im Geschichtsbild produzierten. Ähnlich wie die Totalitarismus-TheoretikerInnen haben auch die »OstalgikerInnen« ihren Anteil an den Verzerrungen. Mit Beschönigungen und (Selbst-)Rechtfertigungen verhinderten VertreterInnen dieses Erinnerungspols eine (selbst-)kritische Aufarbeitung des real existierenden Sozialismus und trugen somit ebenfalls zum aktuellen defizitären DDR-Geschichtsbild und zur diskursiven Diskreditierung bspw. marxistischer Philosophie und Wissenschaft bei.

Es hat freilich seit 1990 immer auch andere DDR-Historiographien gegeben, die mithilfe sozial-, mentalitäts- und kulturgeschichtlicher Ansätze mehr oder weniger geeignete Erklärungsmodelle für die DDR-Realitäten geliefert haben. Oftmals erhielten Forschungsergebnisse aus dieser Richtung entweder wenig öffentliche Aufmerksamkeit oder lieferten weiteren Stoff für die beiden Haupttendenzen. Obwohl alternative DDR-Geschichtsschreibungen zwischen den beiden beschriebenen Polen oftmals zerrieben wurden, zeigte sich doch immer wieder eine größere Offenheit der OstalgikerInnen gegenüber neueren Erklärungsansätzen. Doch auch dies muss wieder eingeschränkt werden: Denn nicht selten wurden Ergebnisse vor allem kulturwissenschaftlicher Forschungen selektiv für die Konstruktion einer »harmlosen« und »gemütlichen« DDR missbraucht.

Erinnerung im Zeitalter der Ideologie der Ideologielosigkeit

Wie ist nun dieses vom Schweigen über die politische Grundlage des Staates geprägte, ansonsten aber so widersprüchliche Panoptikum der DDR-Bilder zu erklären? Totalitarismustheorie und Ostalgie haben gemeinsam, dass sie sich mit politischen Konzepten nicht auseinandersetzen müssen. Eine Erkenntnis über die DDR, die über die Klischeemasken zwischen »rotem Faschismus« und »Sonnenallee« hinausgeht, bedarf einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den politischen Begriffen der DDR. Warum jene zumindest die Sprache der offiziellen DDR so stark prägenden »Ideen« wie Antifaschismus und Sozialismus in den heutigen DDR-Bildern so auffällig keine Rolle spielen, soll im Folgenden thesenartig durchdacht werden.

Immer wieder ist beschrieben worden, wie der hohe Politisierungsdruck in der DDR die Entstehung einer privaten und entpolitisierten »Nischengesellschaft« erzwungen habe. Insofern hinterließ die DDR eine Bevölkerung, die – scheinbar entpolitisiert – gelernt hatte, in ihren Nischen eine persönliche, aber eben auch politische Distanz zum System zu wahren. Große, inflationär und formelhaft verbalisierte und vor allem nicht reflektierte Politikkonzepte wurden nicht mehr ernst genommen. Spätestens in den achtziger Jahren kam es zwar zu einer Politisierung der Nische, die auch Auswirkungen auf Honeckers Regierung hatte, die in achtziger Jahren ihrerseits den Politisierungsdruck herunterdrehte. Diese neue Politisierung allerdings fand jenseits moderner politischer Strukturen (Partei, Gewerkschaft etc.) statt. Sie zerfaserte in einen scheinbar zusammenhangslosen Flickenteppich der Einzelpolitiken. Jene »Biotope der Subkultur« bestehen bis heute fort und haben Auswirkungen auf das DDR-Bild vieler Ostdeutscher.

Diese Tendenz der politischen Vereinzelung, um nicht zu sagen Entfremdung, wird nach 1990 aber von einer Ideologie der Ideologielosigkeit, die eben nicht nur die Ostdeutschen betrifft, verstärkt. Seit dem ausgerufenen »Ende der Geschichte« und dem Ende des Zeitalters der Ideologien hat eine erschreckende Theorie-Phobie eingesetzt. Die DDR kann demnach nicht mehr unter politisch-konzeptuellen Aspekten be- und verurteilt werden. Der Totalitarismusbegriff liefert dazu die unpolitisch daherkommende Analysekategorie, die impliziert, dass Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus, Marxismus etc. vertauschbare bzw. vergleichbare und Diktaturen hervorbringende »Ideologien«/»Utopien« seien.

Darunter leidet vor allem die kritische Historiographie. Zum einen lähmt sie der Anpassungsdruck an die Ideologie der Ideologielosigkeit, der sie zu einer sprachlichen Verzerrung ihrer Forschung zwingt oder eine etwa an Marx’schen Kategorien orientierte Auseinandersetzung mit der DDR zumindest nicht durch öffentliche Aufmerksamkeit honoriert. Zum anderen lässt sich eine Lähmung der kritischen und/oder Marx’schen/marxistischen Historiographie feststellen, die einer schwer nachvollziehbaren Berührungsangst mit einer kritischen Geschichte der Irrtümer der Arbeiterbewegung geschuldet ist. Zu lange haben marxistisch orientierte WissenschaftlerInnen sich genötigt gefühlt, die DDR gegen den Kapitalismus im Westen zu verteidigen. Dabei sind wohl zu viele Konzessionen an die Wirklichkeit im Ostblock gemacht worden.

Eine weitere wichtige Ursache für die verschrobenen Bilder vom zweiten deutschen Staat nach 1945 liegt zweifelsohne im Versuch einer Reaktivierung des deutschen Patriotismus bzw. Nationalismus, der sich bspw. in der besonders auffälligen, einerseits chronologisch scharf getrennten und andererseits inhaltlich viel zu stark (ver-)gleichenden Betrachtung von DDR und Nationalsozialismus zeigt. Die Totalitarismustheorie liefert dazu die Grundlage für eine neue »Meistererzählung« der deutschen Nation. Diesem Narrativ zufolge musste das »deutsche Volk« vom »braunen Totalitarismus«, der scheinbar plötzlich über die Deutschen gekommen war, befreit werden, um dann sogleich als Strafe dem »roten Totalitarismus« zum Opfer zu fallen. Davon konnte sich nunmehr schließlich das gereifte »deutsche Volk« endgültig befreien. Sieht man die DDR aber im engen Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Vorgeschichte, löst sich diese nationalistische Meisterzählung in Wohlgefallen auf. Es drängt sich dabei nämlich die Frage auf, ob die Scheu vor einer wirklichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus dazu führt, dass sich ein ehrliches DDR-Bild nicht durchsetzen kann, weil die Existenz der DDR – für »PatriotInnen« – so erschreckend eng mit der »nationalen Schande« kausal verwoben ist. Eine allumfassende Aufarbeitung der DDR bedeutet nämlich auch eine Gegenbewegung zum deutschen Neo-Nationalismus. Zwar ist in beiden deutschen Staaten mehr oder weniger stark versucht worden, das deutsche Jahrtausendverbrechen zu verdrängen. Doch es war gerade die »deutsche Teilung«, die immer wieder an die historisch-singulären nationalsozialistischen Verbrechen erinnerte. Und sie erinnert heute noch an die damalige Notwendigkeit, eine Gesellschaft niederkämpfen zu müssen, die nicht fähig war, den Nationalsozialismus von allein zu überwinden. Die pure Existenz der DDR legte somit ständiges Zeugnis ab über die einst völlige Durchwirkung der deutschen Gesellschaft und Kultur mit der NS-Ideologie.

Dies wiederum schließt den Kreis zu einem zentralen Begriff der DDR: dem Antifaschismus. So sehr dieser Begriff zur Selbstlegitimation von der Staatsführung missbraucht wurde, so sehr lieferte er der DDR durchaus auch eine moralisch schwer angreifbare Legitimationsgrundlage. DDR-Aufarbeitung kommt daher nicht ohne eine kritische Auseinandersetzung mit der (Nicht-)Umsetzung einer notwendigen Erkenntnis aus dem 20. Jahrhundert, dem Antifaschismus, aus. DDR-Forschung, die auf ein wirkliches Verstehen gerichtet ist, muss bei jeder Fragestellung den deutschen Zivilisationsbruch mitdenken.

Kritische DDR-Forschung ~Das Bild sollte freilich nicht zu düster gezeichnet werden. Es hat wie beschrieben seit den neunziger Jahren immer wieder Ansätze zu einer alternativen DDR-Forschung gegeben. Es lässt sich durchaus auch konstatieren, dass sich die Emotionalität (zumindest in der Wissenschaft) seit der Jahrtausendwende etwas gelegt hat. Dies geht einerseits zwar mit einem zunehmend mangelnden wissenschaftlichen Interesse an der DDR einher, das andererseits sowohl die Gelegenheit zu einer kritischen Aufarbeitung der bisherigen DDR-Forschung als auch die Chance zur Etablierung einer die bisherigen verzerrten DDR-Geschichtsbilder relativierenden, kritischen DDR-Forschung liefern könnte. Ob die im Jahr 2009 zu begehenden Jahrestage der vorsichtig begonnenen Entemotionalisierung eher im Wege stehen werden, bleibt abzuwarten. Da die Wissenschaft Wissen für das allgemeine Geschichtsbild einer historischen Epoche produziert, sollte sich eine kritische DDR-Forschung nicht scheuen, sich in die Auseinandersetzung um das »richtige« DDR-Bild (bewusst) einzumischen.

Was darf aber von einer kritischen DDR-Forschung erwartet werden? In erster Linie braucht sie einen kritischen, also reflektierenden Abstand zu aktuellen Diskursen und den dazugehörigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Das Wissen um die Historizität jedes DDR-Bildes sollte also immer zu den Grundvoraussetzungen jeder DDR-Forschung gehören. Hinzu kommt die Notwendigkeit einer kritischen Distanz zum real existierenden Sozialismus selbst, denn kritische DDR-Forschung schließt positivistisch-rechtfertigende Attitüden aus.

Historiographische Selbstverständlichkeiten, wie etwa die Einordnung der DDR in die historischen Rahmenbedingungen ihrer Zeit, in die internationalen Zusammenhänge oder die Betrachtung der kausalen Verknüpfungen der DDR-Geschichte nicht zuletzt mit der Vorgeschichte des Nationalsozialismus, sollten auch in der DDR-Forschung wieder einen größeren Stellenwert erhalten. Wer die komplexe DDR-Gesellschaft verstehen will, muss sich der Tatsache stellen, dass die DDR und ihre Bevölkerung nur als historisch geworden und als von vorherigen Generationen belastet zu betrachten sind.

Ferner tut freilich die notwendige und ernsthafte Betrachtung der ideengeschichtlichen Wirklichkeit der DDR dringend not. Dies aber bedarf einer begrifflichen Schärfe hinsichtlich der zentralen Begriffe der DDR, wie etwa Sozialismus, Marxismus-Leninismus, Antifaschismus etc. Ein gewisses Maß an Unbefangenheit diesen Begriffen und den dahinter stehenden Politikkonzepten gegenüber ist dabei ohne Alternative.

Ähnliches lässt sich ebenfalls aus methodischer Perspektive konstatieren. Eine Rückkehr zur (freilich nicht naiven, sondern kritischen) Wissenschaftlichkeit erfordert ein im Vergleich zur DDR-Forschung der neunziger Jahre höheres Maß an methodisch-historiographischer Vielfalt, quellenkritischer Reflexion und begrifflicher Genauigkeit. Eine reine Politik- oder Alltagsgeschichte der DDR wird der Komplexität der DDR-Gesellschaft zweifelsohne nicht gerecht.

Abschließend sei, die gesellschaftliche Bedeutung betreffend, die Andeutung erlaubt, dass eine kritische DDR-Forschung zwar die verzerrende Popularisierung und Politisierung der DDR zu kritisieren hat. Sie darf sich zugleich aber nicht vor einer öffentlichen Debatte scheuen. Eine Wissenschaft nämlich, die glaubt, sich der diskursiven Entwicklung herrschender geschichtspolitischer Narrative entziehen zu können, negiert ihren wissenschaftlichen Anspruch, einen Beitrag zur (analytisch-kritischen) Wissensproduktion in einer Gesellschaft zu erbringen.

 

~ Von Raiko Hannemann. Der Autor promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin in den Bereichen DDR-Geschichte, jüdische Geschichte und politische Theorie.

Fußnoten

  1. Man bedenke etwa die VertragsarbeiterInnenpolitik der DDR seit den sechziger Jahren oder die Benutzung antipolnischer Ressentiments des DDR-Agitprop in der Solidarnosc-Zeit.
  2. Dies wurde freilich durch den Preis einer hohen Staatsverschuldung erkauft.
  3. Die folgenden Ausführungen gehen nicht auf die ebenso essentiellen sozio-ökonomischen Ursachen des herrschenden Geschichtsdiskurses ein, sondern betrachten die kulturell-überbauliche Ebene.
  4. Hiermit ist eine wissenschaftliche Perspektive gemeint, die bemüht ist, sich so nah wie möglich an den Marxschen Schriften zu orientieren. Sie unterscheidet sich vom Marxismus, der als Lehre daherkommt und auf eine lange verwinkelte Geschichte der Marx-Interpretationen zurückschaut.
  5. Einen Überblick – wenn auch etwas tendenziös – liefert Ulrich Mählert/Manfred Wilke, Die DDR-Forschung – ein Auslaufmodell? Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur seit 1989, in: Deutschland Archiv 37/3 (2004), 465–474.
  6. Der Begriff wurde von Günter Gaus geprägt. Günter Gaus, Wo Deutschland liegt, München 1987, 117ff; Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Berlin 2003, 346.
  7. Man denke etwa an die zahlreichen Jugendsubkulturen oder die Umwelt- und Friedensbewegung in der DDR.
  8. Mittenzwei, Die Intelektuellen, 347.
  9. Zum National-Narrativ in der Geschichtswissenschaft: Stefan Berger, Narrating the Nation: Die Macht der Vergangenheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 1-2/2008, 7–13.
  10. Dies war im Übrigen ein Problem für «PatriotInnen« in Ost und West. Vgl. Werner Bergmann/ Rainer Erb/Albert Lichtblau, Einleitung. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Vergleich. Österreich, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland, in: Dies. (Hrsg.), Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a.M. 1995, 11–17.
  11. Vgl. dazu Jeffrey Herf, Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998; Lothar Mertens, Die SED und die NS-Vergangenheit, in: Bergmann et al (Hrsg.), Schwieriges Erbe, 194–211.
  12. Eine quantitativ kaum zu bewältigende Quellenfülle ist nicht unbedingt der Garant für eine möglichst lückenlose Rekonstruktion der DDR-Wirklichkeit. Nicht zuletzt hinsichtlich der Aussagekraft bleibt der politische und wissenschaftliche Umgang mit den Akten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit besonders heikel.