Islam, du Opfer!

Es ist falsch, dem Begriff »Islamophobie« eine generelle Absage zu erteilen, ebenso wie ihn unkritisch zu verwenden

Spätestens seit dem Skandälchen um die Konferenz Feindbild Jude, Feindbild Moslem des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) kommt man kaum noch darum herum, eine Position zu Begriffen wie Islamophobie, Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus zu haben. Eine besondere Herausforderung ist dies für diejenigen, die einerseits nicht nur im Islamismus, sondern auch in sich nicht unmittelbar politisch gerierenden Interpretationen des Islam einen Gegenstand der Kritik sehen, die aber andererseits keinesfalls mit der reaktionären »Islamkritik« etwa der Jungen Freiheit in Verbindung gebracht werden wollen.

 Positiv fällt hier zunächst ein gewisses Problembewusstsein auf. Dies ist etwa daran abzulesen, dass in Phase 2, Jungle World und Konkret, aber auch von einzelnen Publizisten wie Matthias Küntzel jüngst Texte zum Thema vorgelegt wurden, die allesamt konzedieren, dass Muslimen in Deutschland Diskriminierung und Ressentiment entgegenschlagen. Am deutlichsten wird dabei Klaus Blees, der in der Jungle World einen in der Tat wünschenswerten »Minimalkonsens« fordert, »der den Kampf gegen islamisch legitimierte Unterdrückungsverhältnisse ebenso notwendig ein[schließt] wie den gegen Faschismus, Fremdenfeindlichkeit und sich islamkritisch gebenden deutsch-europäischen Standortrassismus«.

 Doch leider nehmen sich diese Abhandlungen insgesamt eher aus wie eine affektive Abwehr als wie eine ernsthafte Auseinandersetzung; Bereitschaft zu wirklicher Selbstreflexion, geschweige denn Selbstkritik sucht man vergebens. Dies fällt einerseits an den regelrechten Fehlleistungen einiger Autoren auf, insbesondere aber an der pauschalen und unzureichend begründeten Ablehnung der Begriffe Islamophobie, Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus. Die Unzulänglichkeiten der Argumentation lässt sich sehr gut anhand zweier in dieser Zeitschrift veröffentlichter Artikel – nämlich Islamkritik und »antimuslimischer Rassismus« von der Phase 2-Redaktion Leipzig (Ausgabe 30) sowie »Islamophobie« und Antisemitismus vom ebenfalls zur Redaktion gehörenden David Schweiger (Ausgabe 32) – darlegen.

Die Argumentation, mit der die Begriffe hier abgetan werden, besteht aus drei Schritten: Erstens wird zugestanden, dass viele Muslime in Deutschland diskriminiert werden. Doch sei dies eben keine islamophobe Feindlichkeit gegen den Islam als Islam oder Muslime als Muslime, sondern der altbekannte Rassismus, der sich eben auch Muslime als Objekt wähle. Demnach brauche man Begriffe wie Islamophobie einfach nicht, da sie etwas ohnehin bezeichnetes nur neu bezeichneten und somit einen »verschleiernden Charakter« hätten. Zweitens solle man sie vermeiden, weil mit ihnen eine völlig unhaltbare Gleichsetzung mit Antisemitismus verbunden sei. Drittens wird eher politisch als inhaltlich argumentiert, dass es die notwendige Kritik des Islamismus, des islamischen Antisemitismus oder autoritärer Züge von islamischer Alltagskultur gefährden könne, wenn man zugesteht, dass auch Muslime Objekte eines spezifischen, islamophob zu nennenden Ressentiments sind.

Zusammengefasst heißt dies: In Wirklichkeit gebe es einerseits Rassismus, der unter anderem, aber nicht insbesondere Muslime treffe, andererseits eine legitime und notwendige Kritik am Islam und zudem einen Antisemitismus, der auch und insbesondere unter Muslimen verbreitet sei. Begriffe wie Islamophobie und antimuslimischer Rassismus verschleierten diese Wirklichkeit, indem sie die legitime Islamkritik mit dem Teil des Rassismus, der zufällig eben Muslime treffe, in einen Topf werfe und diesen auch noch neben den Antisemitismus stelle, was letzteren »islamophil« verharmlose und notwendige Kritik delegitimiere.

Macht der Begriff des Rassismus den der Islamophobie überflüssig?

Das erste Argument, nach dem das gegen Muslime gerichtete Ressentiment eigentlich Rassismus und somit schon bezeichnet ist, klingt gut. Doch sollten seine VertreterInnen sich doch wenigstens zweierlei Mühe machen: erstens überhaupt eine konsistente Definition von Rassismus vorlegen und zweitens darstellen, inwiefern das, was empirisch als Ressentiment gegen den Islam auftritt, tatsächlich gänzlich in dieser Definition aufgeht und keiner spezifischen Bezeichnung bedarf.

Doch leider hapert es schon beim ersten Schritt: Man macht sich einfach nicht die Mühe, den Begriff Rassismus, der den der Islamophobie doch überflüssig machen soll, überhaupt zu definieren. Schlimmer noch: Die Verwendung wechselt ständig und scheint auf immer andere Definitionen zu verweisen: Rassistisch ist in den beiden Phase 2-Texten mal, wer essentialistisch dem Individuum Subjektstatus und Reflexionsfähigkeit abspricht, mal, wer es pars pro toto für die Gruppe nimmt, mal, wer ein Fremdes gegen ein Autochtones konstruiert, dann wieder nur, wer diesem Fremden bestimmte Inhalte zuschreibt, oder, wer die Kritik an einer Religion auch zu einer Kritik an ihren Gläubigen macht und letztlich, wer sich einer »positive(n) Aufladung vermeintlich kultureller Eigenschaften« schuldig macht. Um die Verwirrung perfekt zu machen, reicht es wahlweise mal aus, nur eines von all dem zu tun, mal müssen es schon zwei oder mehr Dinge sein und was bei Wilders noch das entscheidende Kriterium war, ist bei Giordano schon gleichgültig.

 Angesichts eines solchen definitorischen Schlamassels wundert es wenig, dass auch der zweite zur Plausibilisierung notwendige Schritt ausbleibt, nämlich der Nachweis, dass das, was empirisch als Ressentiment gegen den Islam und gegen Muslime auftritt, tatsächlich gänzlich in dem Begriff Rassismus aufgeht. Dabei liegt das Material doch ausgebreitet auf dem Tisch. Denn bei aller affektiven Abscheu oder berechtigten Kritik, die einige gegen die akademische Vorurteilsforschung hegen mögen, muss man zugestehen, dass beispielsweise in einigen Texten im Jahrbuch für Antisemitismusforschung – etwa in Peter Widmanns Kritik des Wirkens von Peter Raddatz und in Yasemin Shoomans Artikel über den einschlägigen Blog Politically Incorrect – viel Brauchbares steht, diese daher zu den besten ernsthaften Fallstudien von Ressentiments gegen den Islam in Deutschland gehören. Eine Kritik, die behauptet, man brauche den Begriff Islamophobie nicht, müsste die dort angeführten Thesen durchgehen und zeigen, dass in keinem dieser Fälle etwas vom Rassismus qualitativ Unterschiedliches auftaucht. Stattdessen begnügt man sich mit Bemerkungen über Wilders und Giordano, zeigt warum diese nicht der Kritik, sondern dem Ressentiment zugeordnet werden sollen – aber gerade nicht, dass deren Ressentiment im Rassismus aufgeht.

Relativiert den Antisemitismus, wer von Islamophobie spricht?

Ist das erste Argument noch scheinbar schlüssig und nur in seiner Ausgestaltung problematisch, hat das zweite schon in sich eine logische Lücke. Man lese etwa folgende Sätze aus dem Text der Phase 2-Redaktion: »Nun gibt es aber Stimmen, die behaupten, die Angst vor der Ausbreitung des Islams sei zwar tatsächlich etwas anderes als Rassismus, nähme aber wahnhafte Züge an und sei gerade deshalb als ›Islamophobie‹ ganz richtig bezeichnet. ›Islamophobie‹ herrsche dort, wo, wie im Antisemitismus den Juden, auch den AnhängerInnen des Islams, das Streben nach der Weltherrschaft unterstellt würde. Offensichtlich hinkt dieser Vergleich mit dem Antisemitismus gleich in mehrfacher Hinsicht.« Die hierauf folgende Bestimmung der Unterschiede zwischen Antisemitismus und dem Ressentiment gegen den Islam ist ebenso wie die von Küntzel vorgelegte weitgehend schlüssig – aber warum springt bei den obenstehenden Sätzen nicht allen LeserInnen und SchreiberInnen sofort, sagen wir: ein fehlender logischer Vermittlungsschritt ins Auge? Kann man denn wirklich mit den Unterschieden von Islamophobie und Antisemitismus beweisen, dass ersterer Rassismus ist und keines eigenen Begriffes bedarf? Könnte nicht auch jemand den ersten Satz von einer wahnhaften, nicht mit Rassismus identischen und durch Islamophobie gut zu bezeichnenden Angst vor dem Islam unterschreiben ohne damit zu behaupten, diese sei dem Antisemitismus gleichzusetzen? Und wurde eben dies nicht schon mehrfach getan? Und wer hat die im Zitat im Konjunktiv stehenden Sätze in dieser abstrusen Logik überhaupt jemals so formuliert? Hinter diesem Argument scheint eine versteckte Grundannahme zu stecken, ohne die es keinen Sinn machen würde: Es soll offenkundig nur rassistisches und antisemitisches Ressentiment geben, tertium non datur – dass es anders ist, wird unten gezeigt.

 Davon abgesehen: Ja. Selbstverständlich ist es unerträglich, wenn das Ressentiment gegen den Islam mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, und umso unerträglicher, wenn gar explizit die Opferkonkurrenz mit den in der Shoah Ermordeten gesucht wird. Aber zunächst hat Micha Brumlik mit dem banalen Satz »Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen« durchaus recht. Das, was Küntzel in seiner Kritik tut, was die beiden Phase 2-Texte leisten, ist ja ein Teil dessen, was die vergleichende Sozialwissenschaft als Vergleich bezeichnet: das Herausarbeiten von Unterschieden. Illegitim ist die Vergleicherei des ZfA, das sich ja auch zuvor schon mit anderen Ressentiments als dem Antisemitismus auseinandergesetzt hat, vor allem wegen der Art und Weise, in der sie geschieht: Die Unterschiede werden hier gar nicht erst in den Blick genommen, sondern nur die Ähnlichkeiten – wegen der Leute, die dabei mitspielen dürfen – insbesondere Sabine Schiffer, deren Texte das Paradebeispiel dafür sind, wie eine Kritik von Islamfeindschaft in schiere Apologetig umschlägt – und wegen der illegitimen Gleichsetzung, die aus diesen Fehlern folgt und im von Brumlik scheinbar nicht wahrgenommenen Ausspruch Benzens aus dem Vorwort des Jahrbuchs zutage tritt, die »Wut der neuen Muslimfeinde« gleiche »dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden.« Diese Probleme müssen thematisiert und zum Teil auch skandalisiert werden und dass dies – wenn auch in etwas zu aufgeregtem Ton – geschieht, ist dankenswert. Aber die bloße Tatsache, dass das Ressentiment gegen den Islam nicht dem Antisemitismus gleichzusetzen ist, ist kein Argument dafür, dass es keine Eigenständigkeit hat, keines Begriffes bedarf.

Entscheiden politische Überlegungen über Begriffe der Kritik?

Für den dritten Teil der Argumentation gilt Analoges. Ja, Vorwürfe der Islamophobie, Islamfeindschaft, des antimuslimischen oder antiislamischen Rassismus dienen oft dazu, legitime Kritik an realen Problemen zu verdecken, mit ähnlichen Begriffen werden sogar diejenigen, die sich der autoritären Herrschaft islamischen Rechts nicht unterwerfen wollen, diffamiert.

 In einigen Fällen haftet dieses Problem schon der Definition an, so etwa der ersten überlieferten kritisch gemeinten Bestimmung des Begriffes durch den britischen Runnymede Trust, nach der sich all diejenigen der Islamophobie schuldig machen, die den Islam nicht als »diverse and progressive« oder besser noch als »actual or potential partner« betrachten und zudem die »Criticisms made by Islam of ›the West‹« vorschnell ablehnen – also alle, die Islamismus weder ignorieren noch gutheißen. In anderen Fällen rührt das Problem eher von der Verwendung des Begriffes her, wie in dem Artikel von Angelika Königseder aus dem Jahrbuch für Antisemitismusforschung, in dem sie »offiziell« die weitaus sinnigere Definition des Projekts Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verwendet, nach der es sich bei Islamophobie um »generelle ablehnende Einstellungen gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islams« handelt. Doch kommt sie in ihrer Universalpolemik gegen alles, was jemals negativ über den Islam geäußert wurde, überhaupt nicht auf diese Begriffsbestimmung zurück. Stattdessen wirft sie tatsächlich alles, von vernünftiger Kritik bis zum plumpsten Ressentiment in einen Eimer, dem sie das Etikett »Islamophobie« aufklebt. Noch problematischer wird es, wenn Vereine des politischen Islam selbst den Begriff als Waffe gegen Kritik nutzen, wie es in Deutschland die Islamische Gemeinde Milli Görüs besonders gerne tut.

All dies ist zu kritisieren. Es ist unerträglich, wenn notwendige Kritik als Ressentiment diffamiert wird, noch unerträglicher ist es, wenn eine Institution wie das ZfA dazu beiträgt. Aber analog zum zweiten Punkt gilt: Macht eine weit verbreitete schädliche Verwendungsweise einen Begriff hinfällig? Wurde nicht auch der Begriff des Rassismus schon oft als Waffe verwendet, gerade gegen Israel oder Islamkritik? Gibt es nicht genug Definitionen von Rassismus, die an sich problematisch sind und diesen etwa mit Antisemitismus gleichsetzen? Und muss man nicht dennoch an diesem Begriff festhalten?

Gehen Sie zurück auf Los

Es sollte deutlich geworden sein, dass eine Argumentation, wie sie (nicht nur) in den beiden Phase 2-Texten auftaucht, keine guten Gründe liefert, den Begriff der Islamophobie nicht zu benutzen – womit aber noch keiner gegeben wäre, ihn doch zu benutzen. Um dies zu tun sind einige grundlegende Überlegungen über Ressentiments, Antisemitismus und Rassismus vonnöten.

Niemand, der ein Ressentiment äußert, wird dies ernstlich zugeben, sondern immer für sich in Anspruch nehmen, eine legitime oder gar notwendige Kritik zu formulieren, die nur deswegen in einem schlechten Ruf steht, weil sie von der Mehrheit nicht gerne gehört wird. In Erscheinung treten Ressentiments als die Realität systematisch verzerrende oder gar völlig herbeihalluzinierte Darstellungen beziehungsweise als durch solche rationalisierte Gewalt oder Hetze. Dementsprechend kann man diese entweder daran erkennen, dass konstant in eine negative (oder auch positive) Richtung von der Realität abweichende Falschaussagen über eine Sache getroffen werden oder aber an sich richtige Aussagen so zusammengestellt werden, dass ein falsches Bild entsteht. Antiisraelisches Ressentiment erkennt man entweder an erlogenen Legenden über den jüdischen Staat oder aber daran, dass permanent negative Fakten über Israel zu einem falschen Gesamtbild zusammengezogen werden – etwa indem detailliert über die Opfer israelischer Militäraktionen gesprochen wird, ohne sich je Gedanken über deren Zweck, den politischen Kontext, die Aktionen der Hamas oder Gewalt im Kongo oder auf Sri Lanka zu machen.

 Solche Ansichten entstehen nicht durch Zufall und sind nicht einfach falsche Überlieferungen. Ihre Existenz und Persistenz liegen darin begründet, dass sie individuelle und gesellschaftliche Bedürfnisse erfüllen. Eine Begriffsbestimmung von Antisemitismus und Rassismus, die dies in den Blick nimmt, wurde von Joachim Bruhn in seinem Aufsatz Unmensch und Übermensch vorgelegt. Demnach rufen Nation, Staat, Arbeit, Wert und Kapital, kurz die moderne Gesellschaft, ein Bedürfnis nach einer doppelten Abgrenzung hervor. Da die idealen StaatsbürgerInnen produktiv arbeitend und politisch loyal sein sollten, würden ihnen auf der einen Seite die zu produktiver Arbeit und Loyalität gänzlich Unfähigen gegenübergestellt, die mit Natur identifiziert und rassistisch diskriminiert werden. Auf der anderen Seite werde antisemitisch ein Judentum halluziniert, das zwar nicht eigentlich produktiv arbeiten, aber aus Wert Wert hecken würde, nicht eigentlich zur Nation loyal sein, aber doch hinter dem Rücken aller Nationen eine Verschwörung anzetteln könne. Erstere verkörperten all das, was zu werden die BürgerInnen fürchten, letztere all das, was zu werden sie sich kaum zu träumen wagen und was als Grund für allen Unbill der Moderne herhalten kann; erstere müssen je nach Form der Begegnung aus dem Weg geräumt, beherrscht, zivilisiert oder ferngehalten, letztere gleich vom Angesicht der Erde getilgt werden, um diese zu retten.

Diese Trennung des Ressentiments in ein rassistisches gegen die als unzivilisiert Wimmelnde und ein antisemitisches gegen die als omnipotent Hintertreibende Halluzinierten ist theoretisch plausibel und beim Verständnis der Welt sehr hilfreich. Allerdings muss es eine analytische Trennung bleiben, die sich in dieser Eindeutigkeit nie oder nicht immer in der Realität findet. Dies scheinen die beiden Texte der Phase 2 anders zu handhaben. Die oben aufgezeigten argumentativen Unstimmigkeiten laufen letztlich auf die versteckte Grundannahme hinaus, es gebe eben nur Rassismus und Antisemitismus und andere Begriffe seien hinfällig. Ganz so, als habe es nie Antiziganismus, Antikommunismus oder Antiamerikanismus, nie antifeministisches, antikatholisches, antirussisches oder antifranzösisches Ressentiment, nie Misogynie, Homophobie oder Heteronormativität, nie Ressentiments gegen die da oben, die da unten, gegen Manager oder Obdachlose gegeben. Wer würde sich denn trauen, all diese einfach in Rassismus oder Antisemitismus aufzulösen oder zu verleugnen? Wer würde sich trauen zu behaupten, dass das, was die AnhängerInnen von Hutu-Power in den Völkermord gegen die Tutsi oder die jungtürkische Bewegung in den gegen die Armenier trieb, in einer der beiden Kategorien aufgeht? Und war der real existierende Antisemitismus wirklich immer so, wie es dieser Begriff will? Würde dies noch behaupten, wer sich damit auseinandergesetzt hat, wie die »Ostjuden« wirklich dargestellt wurden? Die reale Welt der Ressentiments ist einfach ungleich komplizierter, als es die Trennung in Antisemitismus und Rassismus impliziert. Ein theoretisches Konzept wie das von Bruhn entfaltete kann helfen, die Welt dem Denken aufzuschließen; aber wenn man es zur Gesinnung erhebt, kann es den Blick auf die Welt auch verbauen. Eben dies geschieht, wo jegliches Ressentiment gegen den Islam einfach im Rassismus aufgelöst wird.

Feinbildkonstruktionen, Freundbildkonstruktionen

Wer sich die ressentimentgeladene »Islamkritik« ernstlich anschaut, muss zunächst feststellen, dass es zwar oft Überschneidungen zu althergebrachten rassistischen Argumentationsmustern gibt, der Islam jedoch erklärtermaßen als Islam, Muslime als Muslime angegriffen werden – oft mit Verweis darauf, gar nichts gegen Fremde oder Ausländer im Allgemeinen zu haben. Zwar könnte die Abgrenzung zum Rassismus hier noch als Rechtfertigungsstrategie gedeutet werden, doch gibt schon diese explizite Eingrenzung des Hassobjekts auf den Islam dem Ressentiment genug Besonderheit, um wenigstens von einem antimuslimischen Rassismus zu sprechen – was die Phase 2-Redaktion Leipzig ablehnt, Küntzel aber mittlerweile selbst tut.

Doch nimmt man auch noch den Inhalt des Ressentiments in den Blick, deutet einiges darauf hin, dass auch dies der Sache nicht gerecht wird. Zwar enthält das Feindbild Islam in der Tat einige Elemente des Rassismus – die Muslime werden als große, sichtbare und fremde Gruppe dargestellt, die dem Westen zivilisatorisch unterlegen ist, aber durch ihre schiere Masse dennoch droht, diesen zu überschwemmen –, doch stehen daneben auch zahlreiche Elemente, die dem Rassismusbegriff, wie er eben dargelegt wurde, inkommensurabel sind. So sieht man hinter der gefürchteten »Islamisierung« Europas oder Deutschlands nicht nur den Druck einer heranschwemmenden Masse, sondern einen von Regierungen in Riad, Teheran, aber auch Berlin geplanten Vorgang. Den »Islamisierern« – und als solche werden dann alle Muslime gesehen – wird ein durchaus verschwörerisches Potential unterstellt: sie hätten auch die Regierungen im Westen im Griff. Und während die rassistische Zuschreibung in der Regel sexuelle Zügellosigkeit unterstellt, wird dem Islam gerade die sexuelle Repressivität zum Vorwurf gemacht. Während der alte Rassismus in der Übernahme durch das Fremde den Untergang jeglicher Zivilisation im Chaos erblickte, sehen die Islamfeinde in ihr auch die Unterwerfung aller Individualität unter ein all zu gestrenges Gesetz. Welche Bedürfnisse sich darin nun im Einzelnen ausdrücken, muss ex negativo aus den Äußerungen geschlossen werden und bedarf weiterer theoretischer Arbeit, die auch geleistet werden sollte. Jedoch ist festzuhalten: Es existiert auch in Deutschland ein spezifisches Feindbild Islam und es gibt eine regelrechte Szene, deren politisches Engagement in nichts anderem besteht als dem Pflegen und Verbreiten desselben, wobei sie oft genug fruchtbaren Boden vorfindet. Und wenn ein Blog wie Politically Incorrect, der letztlich auf nichts anderem als auf Hetze gegen den Islam basiert, täglich mehrere tausend Mal aufgerufen wird, wenn in der Jungen Freiheit, die doch ein recht guter Gradmesser für in Deutschland attraktive und gefährliche Ressentiments ist, islamfeindliche Darstellungen das Bild prägen und wenn sich solche in abgeschwächter Form auch in Welt und Spiegel wiederfinden, dann ist mindestens erhöhte Aufmerksamkeit geboten. Wenn man das Ressentiment, das sich gegen den Islam als Islam richtet, als Teil des altbekannten Rassismus eher abtut als problematisiert, behindert man die notwendige begriffliche Arbeit ebenso wie diese Aufmerksamkeit. Förderlich für die Herausarbeitung der Kritik wäre es dagegen, einen Namen für dieses Ressentiment zu finden. Die Idee, das Treiben der islamfeindlichen Szene und seine Auswirkungen mit dem etablierten Begriff Islamophobie zu bezeichnen und dafür zu streiten, dass dieser vom apologetischen Ballast gereinigt wird, erscheint mir angesichts dessen als der beste Weg.

Dabei sollte man jedoch vermeiden, in Pauschalisierung zu verfallen, wie es die AlarmistInnen und ApologetInnen tun, indem sie den Eindruck erwecken, geradezu jede Islamdarstellung, jede kritische sowieso, sei von solchen Feindbildern bestimmt. Es gibt eine Unzahl von Islambildern in Deutschland: ressentimentgeladene, kritische, überspitzt-kritische und indifferente, aber auch notorisch romantisierende und verharmlosende. Zu diskutieren, welches nun am weitesten verbreitet oder hegemonial ist beziehungsweise den meisten Schaden anrichtet, ist müßig – schließlich muss man sich ja nicht für die Kritik eines Bildes entscheiden.

 Zur Verbreitung des Feindbildes bleibt jedoch festzuhalten, dass die empirische Sozialforschung, die – wenn auch mit zum Teil fragwürdigen Items – Islamophobie misst, weder außerordentlich hohe, noch in alarmierendem Maße steigende Werte feststellt. Dass dies im Jahrbuch für Antisemitismusforschung kaum berücksichtigt wird, spricht wiederum Bände.

Reflexion statt Externalisierung

Von Fragen der Nomenklatur einmal abgesehen: Was bleibt für den Standpunkt von Kritik und Emanzipation? Die beiden bequemen Lösungen fallen aus: Weder vom Ressentiment gegen den Islam noch vom Islamismus und seiner Verwobenheit mit dem Islam darf man schweigen. Der von Klaus Blees geforderte Minimalkonsens der doppelten Abgrenzung geht da schon in die richtige Richtung. Nur macht es sich auch dieser noch etwas zu einfach. Schließlich schiebt er das Problem Karl Rössel zitierend auf »Islam-KritikerInnen von Rechts«, denen er vorwirft, die »Kritik am Islam […] zu instrumentalisieren«. Doch ist es eben nicht einfach ein Problem von bösen Rechten, die gute linke Thesen instrumentalisieren und somit keines, das sich durch den ohne Zweifel notwendigen Ausschluss eines Junge Freiheit-Kommentators von einer »Kritischen Islamkonferenz« oder durch die ebenso notwendige Abgrenzung von Politically Incorrect lösen ließe. Denn wer würde denn schon pauschal diejenigen, die nicht »rechts« sind, wer würde sich selbst a priori vom Ressentiment freisprechen? Haben wir das nicht schon mit anderen Vorzeichen hinter uns? Und wird dies nicht umso zweifelhafter, da doch so gar nicht »rechte« IslamkritikerInnen vor wenigen Jahren Raddatz und Fallaci als Gewährsleute anführten?

 Schon weil das Ressentiment sich immer als Kritik ausgibt, wird es nicht möglich sein, ein für allemal »die Argumentationslinien zwischen Kritik und Rassismus« freizulegen, wie Schweiger es sich wünscht. Es wird keinen Lackmustest geben, der eindeutig und endgültig legitime Kritik vom Ressentiment und die gute von der bösen Islamkritik scheidet; keinen Test den man einfach an einen Text von Henryk Broder, einen von Alice Schwarzer, einen von Ralph Giordano, einen von Hartmut Krauss, einen von der Gruppe X oder Person Y anlegt und der eindeutig verrät, ob es sich um einen guten oder einen bösen handelt. Letztlich bleibt nur die anstrengende, unbequeme und unendliche Aufgabe konsequenter und permanenter Selbstkritik und -reflexion. Bei jeder (vermeintlichen) Gewissheit über den Islam, die man selbst kolportiert oder einen (vermeintlichen) Kritiker kolportieren hört – es gebe im Islam keine Theologie, es gelte dort allgemein dieses und jenes Gebot, er hege, so die Redaktion der Phase 2 in abstracto, »immer noch den Anspruch auf seine politische und rechtliche Durchsetzung«, er müsse eher Gegenstand der Kritik sein als christlicher Fundamentalismus – sollte man sich fragen, woher man diese hat, ob man ihrer wirklich so gewiss ist oder ob vielleicht doch koloniale Ideologie tradiert wird, sollte man sich fragen, ob die Kolportage wirklich der Kritik einer autoritären Ideologie dient oder dem Bedürfnis, das schlechte dieser Welt am Islam zu entdecken.

 

~Von Floris Biskamp. Der Autor promoviert in Gießen zu Kritischer Theorie und postkolonialer Dekonstruktion.

Fußnoten

  1. Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate stammen aus diesen Texten: Phase 2-Redaktion Leipzig, Islamkritik und »antimuslimischer Rassismus«. http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=640. David Schweiger, »Islamophobie« und Antisemitismus http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=686. Kay Sokolowsky/Alex Feuerherdt, Weltbilder, geschlossen. Islamkritik zwischen Aufklärung und Rassismus – ein Streitgespräch, in: Konkret 10/2009, 12–15. Klaus Blees, Braun ist keine Regenbogenfarbe. http://jungle-world.com/artikel/2009/38/39423.html. Matthias Küntzel, Das »Zentrum für Antisemitismusforschung« auf Abwegen. http://www.matthiaskuentzel.de/contents/file_download/166. Aufrufdatum aller Websites: 10. Oktober 2009.
  2. So versucht Küntzel – dem man ja sonst gewiss keine mangelhafte Sorgfalt bei Recherchearbeit vorwerfen kann –, die Nichtexistenz von Islamophobie zu beweisen, indem er behauptet, es würden »hierzulande keine muslimischen Gräber geschändet,« sondern nur jüdische. Hätte er sich vor der Veröffentlichung die einminütige Mühe einer Googlenutzung gemacht, wäre ihm aufgefallen, dass drei Wochen zuvor in seinem Wohnort Hamburg genau dies passiert ist und auch kein Einzelfall war. Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass Küntzel diesen Fehler später zugestand. Doch auch nachdem er ihn entdeckt hat und somit eines seiner Argumente weggefallen ist, hielt Küntzel in einem Interview von Heribert Schiedel an seiner Gegnerschaft zum Islamophobiebegriff fest. http://www.matthiaskuentzel.de/contents/file_download/172.
  3. Bei Shooman gibt es Abzüge in der B-Note für den generalisierenden Gestus, was aber die von ihr herausgearbeiteten Fakten nicht entwertet.
  4. Vgl. http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/vergleichen-heisst-nicht-gleichseten.
  5. Zit. n. http://www.runnymedetrust.org/uploads/publications/pdfs/islamophobia.pdf.
  6. Joachim Bruhn, Unmensch und Übermensch. Über das Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus. http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/bruhn-deutsch_lp.html.
  7. Leider würde eine ausführliche Darstellung hier den Rahmen sprengen. Daher verweise ich auf meine Diskussion des Blogs Politically Incorrect im Cee Ieh #166 (http://www.conne-island.de/nf/166/18.html) sowie auf die oben erwähnten Aufsätze von Widmann und Shooman im Jahrbuch für Antisemitismusforschung.
  8. http://www.matthiaskuentzel.de/contents/file_download/172.
  9. Vgl. Jürgen Leibold/Steffen Kühnel, Islamophobie oder Kritik am Islam?, in: Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände. Folge 6, Frankfurt a.M. 2008, 95–115.
  10. So gruselig und schädlich auch das meiste sein mag, das Edward Said in seinen Universalpolemiken schrieb und seine EpigonInnen immer noch schreiben, muss man doch einsehen, dass die von ihm beschriebene Tradition existiert und fortwirkt. Vgl. http://www.conne-island.de/whenworst/03.html.