Intersexualität und Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive

Bei den beiden im Folgenden besprochenen Büchern handelt es sich jeweils um als Buch erschienene Dissertationen. Zentrales Thema beider Arbeiten ist das Geschlecht, beziehungsweise dessen Ein- und Uneindeutigkeit. In Zwitter beim Namen nennen behandelt Kathrin Zehnder das Phänomen der Intersexualität aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive. Im Fokus der empirischen Studie befindet sich dabei der gesellschaftliche und medizinische Umgang mit intersexuellen Menschen sowie deren Selbstbildern. Intersexualität ist kein Thema, das in der Öffentlichkeit bislang einen großen Stellenwert genossen hätte. Dies änderte sich erst kürzlich, als bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft über die Geschlechtszugehörigkeit der Läuferin Caster Semenya debattiert und über eine mögliche Intersexualität öffentlich spekuliert wurde. Ansonsten aber handelt es sich um ein Spezialthema der Medizin. Zehnder kritisiert diese Unsichtbarkeit im öffentlichen Diskurs und unternimmt mit ihrer Arbeit gleichsam den Versuch, intersexuellen Menschen ein Stück weit mehr Gehör zu verschaffen. Im ersten Teil der Studie wird der medizinisch-psychologische Diskurs einer kritischen Analyse unterzogen: Wie wird im medizinischen Feld somatisches (also körperliches), wie wird psychosoziales Geschlecht gefasst, wie wird über Intersexualität verhandelt? Zehnder arbeitet überzeugend heraus, dass im medizinischen Diskurs eine klare Pathologisierung der Intersexualität herrscht, die entweder a) als »falsche Kombinatorik« einzelner Geschlechtsmerkmale wie den Chromosomen, den Gonaden oder Genitalien gesehen wird, b) als Prozess einer »Vermännlichung« oder »Verweiblichung« im Sinne einer »Entgleisung« oder c) gleich als »Missbildung«. Diesem medizinischen Kontext stellt Zehnder eine Art »Gegendiskurs« in Form von diversen Plattformen und Foren im Internet gegenüber, in denen sich Intersexuelle als Betroffene und als Gruppe konstituieren. Interessant an Zehnders diskursanalytischer Untersuchung ist vor allem die Tatsache, dass es sich bei ihrer Studie zwar einerseits um einen Gegenentwurf mit einer explizit medizinkritischen Stoßrichtung handelt, die Medizin aber zugleich Schöpferin dieses Diskurses ist, da medizinische Kriterien die Eintrittskarte dafür bilden, wer sich als im Netz als »intersexuell« bezeichnen darf und damit auch zu bestimmten Foren zugelassen wird und wer nicht. Eine scharfe Abgrenzung wird hier beispielsweise zu Transsexuellen gezogen. Das empirische Material in Zehnders Untersuchung ist sicherlich der spannendste Teil der Arbeit, für den Zehnder über Monate, zum Teil Jahre die Diskussionen auf einschlägigen Foren wie Hermaphroditforum.de und diversen Blogs verfolgt hat. Dort wird von den Schreibenden in eindrücklicher Weise über – häufig in der Kindheit vorgenommene – »Eingriffe« berichtet, die zu Recht als Verstümmelungen bezeichnet und stellenweise mit der Praxis der Genitalverstümmelung bei jungen Mädchen gleichgesetzt werden. Diese Zwangsmaßnahmen und Behandlungen durch die ÄrztInnen – mal mit mehr, mal mit weniger Unterstützung der Eltern – sowie das Zur-Schau-gestellt-werden als Kuriosität im medizinischen Kontext, werden von den meisten Betroffenen als traumatische Erlebnisse empfunden, die als langfristige Folge vielfach den Verlust sexueller Sensibilität nach sich ziehen. Zehnder zeigt, dass bei den medizinischen Eingriffen, die formal als »Heilbehandlung« durchgeführt werden, eine heterosexuelle Logik vorherrscht. Beim Anlegen einer Vagina – die meisten intersexuellen Kinder werden der Einfachheit halber zu Mädchen »gemacht« – steht häufig nur die Penetrationsfähigkeit im Vordergrund und nicht etwa die Sensibilität oder der Lustgewinn oder sogar die Fortpflanzungsfähigkeit der betroffenen Person. Gerade letztere darf es innerhalb dieser Logik nur im Einklang mit dem sozialen Normgeschlecht geben, wie sich auch an weiblichen Körpern nichts Phallisches befinden darf.

Im letzten Teil des Buches diskutiert Zehnder die Forderung nach einem dritten Geschlecht als rechtlich-politische Kategorie. Diese Forderung erwächst für viele AktivistInnen logischerweise aus der Existenz von intersexuellen Menschen. Ihnen würde mit diesem Personenstand ein Platz in der Gesellschaft zugestanden, der ihnen bis dato verwehrt bleibt. So wären sie vor irreversiblen medizinischen Eingriffen in der Kindheit geschützt, da sie nicht notwendigerweise einem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden müssten. Intersexuelle sind, so Zehnder, obwohl in der Gesellschaft so gut wie unsichtbar, eigentlich keine Ausgeschlossenen, sondern zwanghaft Eingeschlossene. Mit einer dritten Kategorie von Geschlecht wären sie zwar »sichtbar« und könnten möglicherweise leichter eine Identität als dritte Gruppe aufbauen, allerdings problematisiert Zehnder auch die mit einer solchen Möglichkeit einhergehenden Nachteile, denn eine erneute Zuordnung zu einem dritten Geschlecht berge auch immer die Gefahr einer Zwangszuordnung und weiteren Stigmatisierung in sich. Die Option eines dritten Geschlechts werde ohnehin von vielen AktivistInnen letztlich nur als Zwischenschritt zur Abschaffung von Geschlecht als juristischer Kategorie überhaupt gesehen.

In seinem Buch Making Sex revisited hat sich der Autor Heinz-Jürgen Voß nicht weniger vorgenommen, als die gemeinhin akzeptierte Tatsache, dass es zwei – und nur zwei – Geschlechter gebe, aufgrund medizinischer und biologischer Argumentationen zu widerlegen.

Der Autor, selbst Biologe, führt das wichtige Argument ins Feld, dass es gerade für eine Forschung, die nicht darauf abzielt, möglichst viele und weitreichende Differenzen der zwei Geschlechter zu begründen, wichtig sei, sich mit den Untersuchungen von Chromosomen, Keimdrüsen, Genen und Hormonen zu befassen, um Argumente zu gewinnen, mit denen diese Ausführungen auf gleicher Ebene zurückgewiesen werden können. Diese Argumentation ist sicherlich richtig, jedoch besitzen die Wenigsten das Fachwissen, um einen internen biologischen Diskurs führen zu können. Voß hingegen besitzt dieses Wissen und geht in seiner Arbeit folgendermaßen vor: In den ersten beiden Kapiteln untersucht er die historischen Erscheinungsformen von (gelebtem) Geschlecht in der Antike und modernen Gesellschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, sowie die medizinisch-naturphilosophischen Erklärungen von Geschlechtlichkeit. Die häufig rezipierte, auf die Einteilung von Genitalien beruhende, Zuordnung zu Ein-oderZwei-Geschlechter-Modellen als Grundlage für die Geschlechterverhältnisse der jeweiligen Gesellschaft hält Voß dabei für wenig aussagekräftig. Voß Anspruch ist es, aufzuzeigen, dass historische biologisch-medizinische Theorien über Geschlecht immer in gesellschaftliche Bedingungen eingebunden waren und dass die Merkmale, die als kennzeichnend für Geschlecht betrachtet wurden, keinesfalls fest und unveränderlich waren und sind. In dem historischen Abriss befindet sich auch ein längerer Abschnitt über Hermaphroditismus und dessen ambivalenter Rolle in Biologie und Medizin als eine Erscheinung, die immer schon im Stande war, Theorien über eindeutige Geschlechtlichkeit zu verunsichern. Erst im dritten Kapitel kommt Voß auf zeitgenössische Theorien zu Geschlecht zu sprechen und hier wird es für Nicht-BiologInnen sehr voraussetzungsvoll, wenn nicht gar unverständlich. Zum besseren Verständnis oder einer guten Lesbarkeit tragen auch nicht die Unmengen an Fußnoten bei, die Voß – sicherlich in bester stets erklärender und erläuternder Absicht – anführt, die aber nicht selten einen größeren Raum einnehmen als der restliche Fließtext. So ist man als LeserIn – in weiter bestehender Unkenntnis des schwierigen Feldes der Biologie – darauf angewiesen, dem Autor seine Schlussfolgerungen schlicht zu glauben; was man gerne tut, denn sie scheinen einleuchtend und sind politisch sympathisch. Vor allem Voß Kritik an der gängigen Praxis innerhalb der Biologie, andere Säugetiere als mögliche Modellorganismen für den Menschen zu betrachten, erscheint nachvollziehbar. Außerdem werde in der Biologie mit starken – Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit voraussetzenden – Vorannahmen gearbeitet, die letztlich immer dazu führen, dass das herausgefunden werde, was herausgefunden werden soll: Dass es nämlich zwei Geschlechter gibt und dass sich Männer und Frauen aus einer biologisch-medizinischen Sicht unterscheiden. Voß kritisiert Darstellungen der Genforschung, in denen so getan werde, als seien die DNA, bzw. einzelne Gene, in ihrer Funktion klar benennbar, wenn nicht gar einzelnen Charakterzügen oder Merkmalsausprägungen des Menschen zuordbar. Statt von einer simplen Aufeinanderfolge der wirkenden Gene auszugehen, plädiert der Autor dafür, von großer Komplexität und Prozesshaftigkeit der beteiligten Faktoren auszugehen. Das Beharren auf dichotomen geschlechtlichen Vorstellungen in aktuellen biologisch-medizinischen Forschungen verstelle offene und möglichst vorurteilsfreie Interpretationen bezüglich des Geschlechts. Voß präferiert dagegen das Verfolgen eines Entwicklungsgedankens, der das Ergebnis offen lässt, was eben auch implizieren würde, sich von der gesellschaftlichen Vorstellung zweier dichotomer Geschlechter als Vorannahme zu lösen. Dass es diesen Anspruch innerhalb der biologisch-medizinischen Forschung bislang nicht gebe, zeige schon die Sprache, die mit Begriffen wie »Normalität« besonders häufige Ereignisse beschreibt, während seltenere Merkmalskombinationen als Abweichungen klassifiziert werden. Anstatt in der Forschung mit Zuschreibungen wie normal/unnormal zu operieren, schlägt der Autor vor, Fragen nach Stabilität, Variabilität und Individualität nachzugehen. Voß Fazit ist, dass er keine überzeugenden Theorien für eine Geschlechterdetermination gefunden habe und dass sich Geschlecht vielmehr individuell und im Vergleich mehrerer Individuen vielgestaltig auspräge. Er regt an, den Blick für Prozesse, Komplexität und Interaktionen sowie Kommunikationen zu öffnen. Eine weitere Schlussfolgerung seiner Thesen – und hier trifft er sich mit Zehnder – ist, dass vermeintlich »medizinische« Behandlungen von Menschen im Säuglings- und Kindesalter zum Zwecke einer Geschlechterzuweisung nicht nur vor dem Hintergrund des Hippokratischen Eides von MedizinerInnen, sondern auch vor dem Hintergrund biologisch-medizinischer Erkenntnisse in Bezug auf das Geschlecht abzulehnen seien.



Kathrin Zehnder: Zwitter beim Namen nennen, Transcript Verlag, Bielefeld 2010, 445 S., € 33,80.

Heinz-Jürgen Voß: Making Sex revisited, Transcript Verlag, Bielefeld 2010, 463 S., € 34,80.

MERVE WINTER