In Motion

Schnellstraße nach Lichtenhagen

Nie wieder Rostock! Nicht nur eine angemessene Mahnung, sondern auch persönliche Konsequenz aus Demonstrationserfahrungen vor Ort in den neunziger Jahren. Aber, wie das so ist mit den Konsequenzen, bei der nächstbesten Gelegenheit wirft man sie über Bord. Und 20 Jahre Pogrom in Lichtenhagen sind ganz bestimmt der richtige Grund, sich auch aus entfernten Gebieten wieder nach Meck-Pom zu bewegen.

Rostock Lichtenhagen war damals und im Nachgang einschneidend. Es zeigte die Perversion der deutschen Normalität, vergegenwärtigte die Möglichkeit der Barbarei. Die Bilder des klatschenden Mobs, des »Pissers von Rostock« und der Imbissbude (happi, happi bei api) sind Teil des kollektiven Gedächtnisses zumindest eines linken.

Die Differenzierung zwischen organisiertem Nazi und deutschem Normalo war (eigentlich) nicht länger aufrecht zu erhalten. Die Bilder, Reportagen, Interviews sind nach wie vor unerträglich – kaum auszuhalten, mit anzusehen, wie der rassistische Mob sich gegenseitig befeuert und entgrenzt gewalttätig wird, wie BewohnerInnen in Todesangst schreien und fliehen.

Die Erinnerung an diese gewalttätigen Tage war vielen so wichtig, dass sie sich trotz Kritik an den Aufrufen des Bündnisses und/oder der Mobilisierungsveranstaltungen an der Demonstration beteiligten. Nicht wenige das erste Mal seit langem wieder.

ALB (Antifaschistische Linke Berlin), TOP (Theorie, Organisation, Praxis) und Rassismus tötet ebenso wie vereinzelte Piraten, DKPler, ÖkoLis (Ökologische Linke) und SpartakistInnen demonstrierten gemeinsam. Was davon zu halten ist, soll an anderer Stelle diskutiert werden. Die Demonstration selbst war insofern okay, als dass man sich in die Menge begeben konnte, in der man sich am ehesten politisch verortet. Und groß genug, so dass man Sprüche aus anderen Blöcken nicht mitbekam. Von einzelnen Maulwürfen war allerdings zu hören, dass insgesamt wenig Törichtes gerufen wurde. Bei ca 6.000 Teilnehmenden kann hier keine Gewähr dafür gegeben werden. Vielleicht blieben die AntisemitInnen zu Hause, vielleicht waren sie einfach nur ruhiger, who knows.

Wie bei jeder guten Demonstration konnte man die Zeit gut damit vertreiben, sich über die anderen DemonstrationsteilnehmerInnen zu amüsieren oder zu ärgern.

Gleich zu Beginn ging es auf eine Schnellstraße, die damit zwar lahm gelegt wurde, aber die Demonstration war dort auch jeglicher Adressatin beraubt. Während wir also gefühlt auf einer gesperrten Autobahn gingen, nur vorne und hinten begleitet von Polizei, forderten uns Demonstrierende wiederholt auf, Ketten zu bilden. Gegen wen ich mich hier schützen sollte, blieb unbeantwortet. Ebenfalls musste man sich fragen, wer die Losungen und Sprüche an dieser Stelle hören sollte. Aber, was soll’s, Eigenmotivation ist sicherlich Grund genug für rhythmisches Klatschen und Skandieren. Und nachdem ein ebenfalls menschenleeres Einkaufsgebiet umlaufen war, wurde der Grund hier zu sein umso deutlicher. Die Platten in Lichtenhagen und ihre BewohnerInnen gleichen erschreckend den eingebrannten Bildern.

Ein Redebeitrag der Zwischenkundgebung veranschaulicht die konträren Konsequenzen aus den Pogromen in Lichtenhagen. Während es für einen Teil der klare Beweis für den regressiven deutschen Mob ist, auf den die Politik verständnisvoll zugeht, ziehen andere offenbar ganz andere Lehren. Für einen Antifaschisten aus Bremen, der 1992 nach Rostock gefahren war, um dem Mob etwas entgegenzusetzen, hat Lichtenhagen gezeigt: Man muss mit den Leuten reden, auf sie zugehen und nicht verachten. Ob Hoyerswerda, Rostock und Mölln als antideutscher Aufbruch oder antirassistischer Bildungsauftrag interpretiert werden, ist wohl der Unterschied ums Ganze.

Am Ende verändert eine Demonstrationsteilnahme wahrscheinlich so wenig wie eine Demonstrationskritik. Diese Demonstration war eine der besseren – und wenn’s nur für das Gewissen ist.

Auswertungen, die die politischen Inhalte höher bewerten, finden sich unter anderem bei den HauptorganisatorInnen: VVN-BdA (http://lichtenhagen.blogsport.de/), »Das Problem heißt Rassismus« (http://lichtenhagen.net/), und Rassismus tötet (http://rassismus-toetet.de).

Communism in a coma, we know, we know it’s serious. Rückblick auf den »kommunismus – communismus – ['kcmu'nismos]«-Kongress in Oberhausen

Nicht als Fortsetzung oder Ersatz des traditionsreichen Antifa-Camps in Oberhausen, aber doch irgendwie auf dessen verwaistem Platz, fand am 3. und 4. August 2012 im Druckluft der Kongress mit dem Untertitel »Reflexion über Geschichte, Kritik und Rettung des bedeutungsschweren Begriffs« statt. Das Vorhaben war, den Begriff des Kommunismus auf seine heutige Bedeutung hin zu befragen, im Wissen, dass dies nur im Licht seiner Geschichte möglich sein würde. So sollte es um den Bolschewismus und Realsozialismus gehen, aber auch um Leerstellen der Marx’schen Kritik und überhaupt die Ratlosigkeit der heutigen Linken.

Am leichtesten verdaulich war vor diesem Hintergrund wahrscheinlich der Vortrag Olaf Kistenmachers. Nicht weil er weniger gehaltvoll als die anderen gewesen wäre, sondern weil das Thema vor dem anwesenden Publikum kaum Zündstoff bot. Kern des Vortrages war eine Kritik des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus’ sowie eine Rückführung der kritisierten Punkte auf die Theorie Lenins.

Hendrik Wallat knüpfte hier thematisch an, in seiner Darstellung jener Kritik, die bereits die zeitgenössischen Kommunist_innen und Anarchist_innen an der vorstalinistischen Sowjetunion übten. Gleichzeitig zeigte Wallat auf, worin die Kritiker_innen des Bolschewismus diesem gar nicht unähnlich waren, etwa in ihrem nicht weniger ausgeprägten Geschichtsdeterminismus und Proletariatskult. Ganz andere »Probleme des Kommunismus« berührte dagegen der Vortrag von Chris Thein, der sich in Anschluss an Adorno Gedanken machte zu schwierigen Fragen normativer Begründbarkeit und darüber, ob »Kommunismus« als Allgemeinbegriff nicht schon an sich ein Problem darstellt.

Die offensichtlichste Kontroverse spannten die beiden Vorträge von Roger Behrens und Hannes Geißler auf. Behrens war wichtig, dass der Kommunismus nicht als Anschluss an den katastrophischen Verlauf der Geschichte zu denken sei, sondern nur als radikaler Bruch. Daher warnte er auch vor der Unterordnung jedes utopischen Denkens unter die Kriterien von Machbarkeit und Nützlichkeit. Hannes Geißler argumentierte dagegen, dass heutigen Kommunist_innen vor allem vorzuwerfen sei, wie naiv sie sich gegenüber den Gefahren und Problemen zeigen, die sich aus dem Vorhaben ergeben, die Produktion tatsächlich neuzugestalten. Die Geschichte des Realsozialismus sei nicht einfach auf falsche Vorstellungen vom Kommunismus zurückzuführen, sondern auf die bei Marx schon angelegte konzeptionelle Schwäche in Bezug auf Strategien, die notwendigen Tätigkeiten menschenfreundlich zu organisieren. Am Ende blieb das Dilemma für viele wohl bestehen: Das Andenken an die Toten erlaubt nicht, solche praktischen Fragen leichtfertig beiseite zu wischen. Dennoch besteht die Gefahr, dass vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Diktat der Praxistauglichkeit, den notwendigen radikalen Bruch mit dem Bestehenden sabotiert.

Auch Christine Kirchhoff griff in ihrem Vortrag die Frage nach dem Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit auf und wendete sie vor dem Licht der Psychoanalyse. Uns als Veranstalter_innen bleibt nur einzugestehen, dass es allein der Spontanität und dem Einsatz der geladenen Referent_innen und den anderen Diskussionsteilnehmer_innen zu verdanken ist, dass es über die zwei Tage hinweg gelang, Fäden kontinuierlich weiterzuspinnen.

Die Diskussion am Ende des Kongresses mündete nicht in ein kämpferisches »Jetzt aber!«, sondern in einen eher melancholischen Schlussakkord. Wir können damit gut leben und hatten überhaupt den Eindruck, dass das Beste an diesen zwei Tagen eine geteilte Bereitschaft war, die eigenen Unsicherheiten und Sorgen in Bezug auf die Idee des Kommunismus offen anzusprechen. Resignativ wurde es jedenfalls nie. Im Gegenteil scheint uns eher der Unwillen, solche Themen anzuschneiden, Symptom einer Linken zu sein, die sich selbst nicht ganz über den Weg traut.

 

~ Von Susanne Fischer. Die Autorin ist Redakteurin der Phase 2.