Grenzen des idealen Durchschnitts

Gesellschaftstheoretische Anmerkungen zum Theoriemodus der Kritik der politischen Ökonomie

Die Debatten der heutigen (radikalen) Linken greifen zu beträchtlichen Teilen auf ein theoretisches Reservoir zurück, das dem Feld der sogenannten Neuen-Marx-Lektüre entstammt. Dort wurde, in den sechziger Jahren beginnend und zeitweise akademisch gut institutionalisiert, die Kritik der politischen Ökonomie einer weitestgehend textadäquat verfahrenden Re-Lektüre unterzogen.

Theoretiker wie Hans-Georg Backhaus, Helmut Reichelt und andere haben unter dem Label einer Rekonstruktion originäre kritische Gehalte Marxscher Ökonomiekritik herausgearbeitet und zur Diskussion gestellt. Ein Unterfangen, das heute an den Universitäten zwar marginalisiert ist, als Underground Marxism aber weiterhin prosperiert (vertreten etwa durch Michael Heinrich oder Ingo Elbe). Die Marxsche Theorie konnte auf diesem Wege schrittweise aus ihren Amalgamierungen mit Beständen orthodoxer Umdeutungen (Marxismus-Leninismus) befreit und wieder als Kritische Theorie der Gegenwartsgesellschaft in Stellung gebracht werden – ohne materialistisch-metaphysische Rückendeckung. Die Zurückweisung der geschichtsdeterministischen Dogmen des Marxismus-Leninismus hat zusammen mit der Fokussierung auf die Marxsche Ökonomiekritik auch die Grenzen jener dort offerierten Darstellung des »idealen Durchschnitts« ins Bewusstsein treten lassen, womit sich zugleich das Thema einer kritischen Gesellschaftstheorie in adäquater Schärfe neu gestellt hat. Betrachtet man die diversen Spielarten aktueller linker Theoriebildung – von der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) über wert(-abspaltungs-)kritische Ansätze à la Krisis und Exit!, die anhaltende Prominenz der Positionen der Marxistischen Gruppe bis hin zu antideutschen Fraktionen einerseits, antinationalen Fraktionen andererseits – manifestieren sich ganz unterschiedliche Varianten von Theorie und damit einhergehende Modi von Praxis. Diese können nicht in Gänze auf persönliche und/oder strategische Streitig- und Eitelkeiten der entsprechenden Fraktionen zurückgeführt werden. Wie entsprechende Diskursverläufe zeigen, resultieren bereits aus einer Korrelation von (kapitalistischer) Ökonomie und (bürgerlichem) Staat – als bei Marx vergleichsweise detailliert beackerten Feldern – extrem viele »Freiheitsgrade«, sprich: Die jeweils analytisch gewonnenen Resultate sind nicht mehr eindeutig bestimmt, selbst wenn auf nahezu identische Ingredienzien zurückgegriffen wurde. Differenzen im Detail und unterschiedliche Gewichtungen von Staat und Ökonomie falten sich zu inkompatiblen Diagnosen und politischen Strategien aus, was noch erheblich komplizierter wird, wenn mit dreistelligen Unterscheidungen (etwa unter Einbezug von Kultur) gearbeitet wird.

Dass – wie es immer wieder formuliert wird – »der Kapitalismus als der basale Grundzusammenhang verstanden [wird], der alle anderen gesellschaftlichen Zusammenhänge ordnet«, scheint mir durch Marx nicht in Gänze gedeckt zu sein: Das frühe, gesellschaftstheoretisch emphatische (aber noch nicht formkritische) Programm Marxens, »von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend […] die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugte Verkehrsform, also die bürgerliche Gesellschaft in ihren verschiedenen Stufen, als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeugnisse und Formen des Bewußtseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc., aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozeß aus ihnen zu verfolgen«, ist bekanntlich Programm geblieben: »Weder findet sich (im ökonomiekritischen Marxschen Spätwerk, H.P.) eine systematische Ableitung aller ›idealistischen Superstrukturen‹ aus der Basis, noch wurde diese Basis vollständig dargestellt«. Ich würde aus diesen Gründen analytisch eher für eine Minimalvariante von Totalität optieren, die hierunter zunächst einmal nur den kategorialen Zusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise im engeren Sinne subsumiert, der keinesfalls in eins fällt mit der Ausformung der modernen Gesellschaftsformation als ganzer. Insofern scheint es angebracht, die Frage nach einer kapitalistischen Durchdringung der Gesamtgesellschaft als Problem zu markieren und in pragmatischer Weise nach theoretischen Ressourcen Ausschau zu halten, die für weitere Klärung sorgen können. Mit anderen Worten: Totalität – auf der Ebene der Gesamtgesellschaft – wird nicht als durchs Prinzip gesicherte Selbstrealisation in Anschlag gebracht, sondern bestenfalls als Hypothese.

Im Unterschied zur bereits mehrfach eingeschlagenen Strategie, zur Erweiterung formtheoretischer Befunde auf zusätzliche Kategorien »mittlerer Reichweite« zurückzugreifen, soll hier ein anderer Weg angetestet werden. Ging es beispielsweise bei den deutungsmächtigen Beiträgen regulationstheoretischer und hegemonietheoretischer Provenienz darum, Kompaktdiagnosen wie »kapitalistische Gesellschaft« durch vermittelnde Konzepte und Phasenmodelle (etwa: Akkumulationsregime/ Regulationsweise, Fordismus/ Postfordismus) intern auszudifferenzieren, um dem sich wandelnden Kapitalismus besser Rechnung zu tragen, möchte ich andere Aktualisierungsmöglichkeiten kritischer Theorie andenken. Es geht darum, die basalen werttheoretischen Theoreme ins Verhältnis zu setzen zu in ganz anderen Theorietraditionen entstandenen Grundbegrifflichkeiten und materialen Befunden. Die eher als harzig zu klassifizierenden Lockerungsübungen schon an den Theoriefronten von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus, die spätestens seit den 1990er Jahren zu verzeichnen sind, ermutigen einen solchen Schritt zwar nicht gerade, motivieren andererseits aber auch zu einer Radikalisierung. Was wäre, wenn dezidierte »No-Go-Areas« linker Theoriebildung – wie Differenzierungstheorie, Medientheorie, Evolutionstheorie etc. – Ressourcen beinhalten, die, bei richtiger Inanspruchnahme und Dosierung, den Blick auf den Gegenwartskapitalismus schärfen? Der vorliegende Text kann – schon aus Platzgründen – nicht systematisch verfahren. Stattdessen soll anhand von zwei Beispielen aus den Bereichen Kunst und Wissenschaft auf grundsätzliche Limitierungen von Theoriemodi im Gefolge der Kritik der politischen Ökonomie hingewiesen werden, um hieraus Perspektiven anzudeuten, was eine Einbeziehung anderswo generierter Theoriebestände bringen könnte.

…zum Beispiel Kunst: Die Historizität der Avantgarde-Bewegungen

Kritische Theorien in der Linie von Marx adressieren Vorgänge, die seitens des soziologischen Mainstreams in positiv-deskriptiver bzw. funktionalistischer Weise als Prozesse sozialer Differenzierung gefasst werden, meist implizit oder explizit unter einer »Aufhebungsperspektive«, wofür zum Beispiel bereits die Terminologie der »Verselbständigung« Pate steht: Bei Marx firmiert prominent die Idee einer Art Rücknahme der kapitalistischen Ökonomie und ihres Staates als emanzipatorische Zielbestimmung: eine Idee, die mit Bezug auf religiöse Objektivierungen bereits in Feuerbachs Das Wesen des Christentums vorgedacht wurde. Beide Argumentationsstränge wurden nicht zuletzt inspiriert vom erkenntniskritischen Programm der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, also der Auflösung von Substanz in Subjekt im Prozess einer Selbstreflexion kognitiver Schemata. Präsentiert Hegel einen Argumentationsgang, der vermeintliche epistemologische Transzendentalien (etwa das Kantsche Ding-an-sich) selbst noch als Effekte menschlicher Denkoperationen durchsichtig macht, so stehen bei Marx und Feuerbach soziale Objektivitäten im Fokus, die ebenfalls als Produkte des sozialen Verkehrs von Menschen ausgewiesen und so ent-ontologisiert werden. Das hiermit eingeführte Aufhebungs- oder auch Entdifferenzierungsnarrativ ist auch im 20. Jahrhundert fortgeführt worden. Zu denken ist an Eugen Paschukanis' Beitrag Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, in dem Rechtsformen unter dieser Perspektive diskutiert wurden, aber auch an Beschreibungen der Kunst, wie sie seitens Kritischer TheoretikerInnen angefertigt wurden. Ein Grundproblem, worauf ich im Folgenden aufmerksam machen möchte, besteht darin, dass durch diese (links)hegelianische »Erblast« zwei verschiedene Sachverhalte oder Perspektiven miteinander amalgamiert wurden: Die Aufhebungsperspektive war sinnvoll und bleibt sinnvoll, insofern es darum geht, die Gegenwart zu historisieren und die Zukunft offen zu halten. Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte. Sie erweist sich aber zuweilen als Hemmschuh, wenn unvoreingenommene Gegenwartsanalytik betrieben werden soll. Hier kommt es mitunter dazu, dass die Orientierung an einem aus der Theorie abgeleiteten antizipierten Kulminationspunkt kapitalistischer Vergesellschaftung den Blick auf empirische Verlaufsformen limitiert und auf diese Weise das deskriptive bzw. gegenwartsdiagnostische Potential Kritischer Theorien unnötig einschränkt. Dies lässt sich am deutlichsten auf dem Terrain einer Kritischen Theorie der Kunst explizieren.

Bei letzterem Beispiel fällt ins Auge, dass das Motiv der Selbstaufhebung der Kunst – qua angestrebtem Zusammenfallen von Kunst und Gesellschaft – als Selbstbeschreibung im Gegenstandsbereich selbst aufzufinden war, nämlich in den diversen künstlerischen Avantgarde-Bewegungen, die in der Moderne entstanden sind. Peter Bürgers klassische Studie zur Theorie der Avantgarde bringt die Potentiale und Dilemmata der diversen Avantgarde-Bewegungen wie folgt auf den Punkt: »Mit den historischen Avantgardebewegungen tritt das gesellschaftliche Teilsystem Kunst in das Stadium der Selbstkritik ein. Der Dadaismus, die radikalste Bewegung innerhalb der europäischen Avantgarde, übt nicht mehr Kritik an den ihm vorangegangenen Kunstrichtungen, sondern an der Institution Kunst, wie sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft herausgebildet hat. [...] Erst nachdem im Ästhetizismus die Kunst sich gänzlich aus allen lebenspraktischen Bezügen gelöst hat, kann einerseits das Ästhetische sich ›rein‹ entfalten, wird aber andererseits die Kehrseite der Autonomie, die gesellschaftliche Folgenlosigkeit, erkennbar. Der avantgardistische Protest, dessen Ziel es ist, Kunst in Lebenspraxis zurückzuführen, enthüllt den Zusammenhang von Autonomie und Folgenlosigkeit«. Weil die Autonomie der Kunst um den Preis ihrer Trennung von anderen gesellschaftlichen Vollzügen erkauft ist, besteht das Ziel der Avantgarde darin, die ästhetische Erfahrung (als eine der rationalen Lebenspraxis von Markt und Betrieb opponierende Kraft) ins Praktische zu wenden qua Einstampfen der Differenz von Kunst und Gesellschaft. So weit, so gut. Es ist aber zu fragen, ob die anschließende Diagnose Bürgers, wonach die post-avantgardistischen »Hervorbringungen tendenziell keine gesellschaftliche Funktion mehr übernehmen«, als empirische Beschreibung zutreffend ist, oder ob sie nicht einfach einer Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Kunst in der fortgeschrittenen kapitalistischen Moderne entspringt. In der Tat kann ja verzeichnet werden, dass die radikale Emphase einer Aufhebung qua Praktisch-Werden auf dem Feld gegenwärtiger Kunst kaum noch anzutreffen ist. Zugleich muss konzediert werden, dass Kunst als gleichermaßen autonom prozessierende wie gesellschaftlich eingebettete Sinnsphäre nach wie vor – vermutlich sogar mehr denn je – prosperiert, oder jedenfalls: stattfindet. Die meines Erachtens nach zu einfache »Exit-Option« besteht darin, den post-avantgardistischen Zustand der Kunst nur noch subsumtionslogisch einer kategorialen Kritik zu unterziehen: So wie die politisch-ökonomische Revolution verpasst wurde, wurde auch der Moment einer Emanzipation qua Kunst »vergeigt« und wir sind heute mit einer künstlerischen Sinnsphäre konfrontiert, die zwar Haie in Aspik einlegen und damit neben künstlerischen »Credits« ebenfalls erhebliche monetäre Gewinne realisieren kann (Damien Hirst), aber die ansonsten zu einem vollständig bedeutungslosen Spektakel verkommen ist.

Die Alternative bestünde darin, die eigenen Theoriegrundlagen stärker zu abstrahieren und auf diesem Weg die (Ansprüche der) Avantgarde-Bewegungen selbst stärker zu historisieren. Während Kritische Theorien der Kunst sehr wohl in der Lage waren und sind, vormoderne von moderner (kapitalistischer) Kunst zu unterscheiden und ins Verhältnis zu setzen mit dem sich ändernden gesellschaftlichen Umfeld, dominiert mit Blick auf die Kunst in der modernen Gesellschaft obig genannte Grunddifferenz: Die Avantgarde erscheint als (verschwundener) Statthalter kategorialer Kritik, postavantgardistische Strömungen nur noch als Fortwuchern eines ihres kritischen Gehalts verlustig gegangenen, reell subsumierten Kunstbetriebs. Hier lohnt ein Seitenblick auf die Luhmannsche Theorie sozialer Systeme, die mit Kritischen Theorien das Anliegen teilt, Kunst von gesellschaftstheoretischer Warte aus zu adressieren und nicht aus der Immanenz der kunstgeschichtlichen Disziplin. Was sich bei Luhmann allerdings unterscheidet, ist das basale Kerntheorem von Gesellschaftstheorie. Folgend auf eine allgemeine (und insofern ganz bewusst überhistorisch anzusetzende) Funktion der Kunst als Potential »der Verlagerung von Kommunikation in das Wahrnehmbare«, wird als Spezifikum moderner Kunst vermutet: »Kunst kann radikaler sein, indem sie den Umgang mit selbsterzeugter Ungewißheit am Objekt im Wahrnehmbaren vorführt [...]. ... und ich denke, daß die Kunst, wenn man sie nicht länger als Imitation oder als Kritik der Gesellschaft beschreibt, sondern als Symbolisierung eines ganz allgemeinen Modells der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft, einen Sinn hat, den man als Soziologe deutlich machen kann, der dem Künstler vielleicht nicht bewußt sein muß – da genügt die Inspiration durch sein eigenes Werk. Aber für einen Soziologen wäre daran interessant, daß die moderne Gesellschaft das überall realisiert, was in der Kunst exemplarisch und in gewisser Weise geschützt durch Folgenlosigkeit vorgestellt wird«.

Mit anderen Worten: Kunst im Modus der Post-Avantgarde verabschiedet mehrheitlich emphatische Aufhebungsprogramme und bescheidet sich mit wesentlich abstrakteren Modi der Beobachtung und Reflexion von Gesellschaft. Dies kann man zweifelsohne unzureichend oder kritikwürdig finden. Dieser Befund entbindet die Kritische Theorie aber nicht davon, Gegenwartskunst detailliert empirisch auszuleuchten. Es geht mir nicht darum, Zugriffsweisen, wie sie beispielsweise in Theodor W. Adornos Ästhetischer Theorie praktiziert wurden, pauschal abzuwerten, sondern deren gesellschaftstheoretische Rahmung flexibler zu gestalten. Mit anderen Worten: Das Adorno'sche Motiv von Kunst als sprachunabhängigem Darstellungsmodus und die darin inaugurierten Potenziale werden aufgegriffen und das Verfahren, Kunst daran zu messen, ob sie die »Gesamtgeschäftsordnung« der Gesellschaft zu erschüttern vermag, wird weniger anspruchsvoll in Stellung gebracht. Diese theoretische Umakzentuierung lässt sich am besten an einem Beispiel andeuten: Wenn im Bereich zeitgenössischer Finance Art die Repräsentationsordnungen der Finanzökonomie ironisiert und dekonstruiert werden, dann liefert diese Art künstlerischer Intervention zwar keine Grundlagenkritik dergestalt, dass sie die Form moderner Vergesellschaftung als solche attackieren würde. Nichtsdestotrotz wird es ermöglicht, die im operativen Finanzgeschäft mittlerweile unhintergehbaren Visualisierungstechniken (Charts etc.) ihres Objektivitätsanspruchs zu entkleiden und – ermöglicht gerade durch die Kompetenz der Kunst, selbst im Medium von Visualität operieren zu können – auf deren Einbettung in Machtstrukturen zu verweisen. Mit anderen Worten: Die Finance Art sabotiert die Suggestion der Finanzmärkte, als Garanten von Fortschritt und Rationalität zu fungieren und präsentiert Splitter zu einer Kritik der politischen Ökonomie im Medium der Kunst.

…zum Beispiel Wissenschaft: Wissenschaftskultur und neoliberale Hegemonie

Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie enthält als die positive Darstellung sekundierende Flanke systematisch angelegte und immerhin ansatzweise durchgeführte Überlegungen zur Kritik konkurrierender Deutungen. Marx ist bestrebt, die ihm vorangegangenen Diskurse von Merkantilismus, Physiokratie und klassischer politischer Ökonomie als perspektivische und insofern defizitäre Beschreibungen des modernen Kapitalismus auszuweisen. Wie auch allgemein stellt sich die Frage des Fortgangs, in diesem Falle also die Weiterentwicklung der Wirtschaftswissenschaften nach Marx. Hat Marx zu seinen eigenen Lebzeiten noch die schrittweise Auflösung der Ricardo'schen Schule zur Kenntnis nehmen können, hat er das, was später und rekonstruktiv oftmals als »marginalistische Revolution« bezeichnet wurde, nicht mehr erlebt. Die Theorie Ricardos kann als Kulminationspunkt prä-marxscher Arbeitswerttheorien begriffen werden. Seit der marginalistischen Wende der 1870er Jahre wurde hingegen vermehrt auf subjektive Werttheorien umgestellt und damit auf ein Paradigma, das ökonomische Werte unmittelbar durch Rekurs auf Gebrauchswerte (subjektive Nutzenserwägungen) zu erklären versucht (was heute das eindeutig dominante Narrativ in den Wirtschaftswissenschaften darstellt). Einerseits fällt es nicht schwer, sowohl die klassische politische Ökonomie wie den Marginalismus auch in Engführung mit den jeweiligen historisch dominanten sozialstrukturellen Faktoren in Zusammenhang zu bringen. Einigermaßen sicher kann die These vertreten werden, wonach die klassische politische Ökonomie in einer Epoche entstanden ist, »in der sich der industrielle Kapitalismus gerade erst herausbildete und sich die Bourgeoisie noch gegen den grundbesitzenden Feudaladel und den von ihm kontrollierten Staat behaupten musste«. Insofern verwundert der durchgängige Rekurs auf Arbeit als zentraler ökonomischer Größe seitens der klassischen politischen Ökonomie nicht sonderlich, schließlich bestand hierin das Alleinstellungsmerkmal von Bürgerschaft und Proletariat gegenüber der wirtschaftlich unproduktiven Feudalelite. Auch die marginalistische Wende lässt sich grundsätzlich im Rahmen eines Zugriffs erklären, der auf sozialstrukturelle Faktoren Bezug nimmt: »Dagegen hatte es der Marginalismus bereits mit einem etablierten Kapitalismus zu tun, in den auch die ehemals feudalen Grundbesitzer eingebunden waren. Die zentrale gesellschaftliche Konfliktlinie verlief nicht mehr zwischen den von der Bodenrente lebenden Grundeigentümern und der industriellen Bourgeoisie, sondern zwischen der Bourgeoisie und dem schnell anwachsenden Proletariat«. Insofern der Adel als selbständige Kraft mehr und mehr abgedankt hatte, zugleich aber das Proletariat im Zuge der Industrialisierung zu einer relevanten Größe angewachsen war, wird Arbeit als Schlüsselkategorie der Wirtschaftswissenschaften schrittweise ausgetrieben und durch klassenindifferente Nutzenkonzepte ersetzt.

Andererseits ist ein solcher Befund alles andere als zureichend, um jene Genese einer spezifischen wirtschaftswissenschaftlichen Wissenschaftskultur, wie sie mehr oder minder das gesamte Fach seit den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg bestimmt, zu begreifen. Hier ist es zu kurz gegriffen, den Fortgang einfach als lineare Durchsetzung bestimmter materialer Prämissen (etwa: subjektive Werttheorie) oder Theorietechniken (etwa: allgemeine Gleichgewichtstheorie) zu klassifizieren und selbige umstandslos als aktuelle Varianten von Vulgärökonomie zu klassifizieren. Ebenso ist es zu kurz gegriffen, die gegenwärtigen neoliberalen Transformationsprozesse unmittelbar aus einem solchen Kontinuum abzuleiten – beispielsweise als wirtschaftspolitische Umsetzung monetaristischer Prämissen. Einer solchen – unmittelbar aus ideologiekritischen Ressourcen schöpfenden – Perspektive mangelt es an Sensibilität gegenüber den Strukturen wissenschaftlicher Eigenlogik, die entscheidend zur Modulation der entsprechenden Wissensbestände beigetragen haben. Ihr entgeht zum Beispiel das Phänomen, dass die allgemeine Gleichgewichtstheorie vielleicht gar keine intrinsische Passförmigkeit gegenüber neoliberalen Politikprogrammen besitzt, sondern dieser heute verfestigte Eindruck selbst als ein Artefakt wirkungsmächtiger hegemonialer Stimmen an den Schnittstellen von Wissenschaft und Politik zu deuten wäre. Ein anderes Beispiel, das die Eigenlogik bzw. Brechungsstärke von Disziplinen ausdifferenzierter wissenschaftlicher Felder noch einmal anders akzentuiert, könnte im Fall der Assimilierung der Keynes'schen Theorie aufgefunden werden, die im Zuge der sogenannten »neoklassischen Synthese« zu einer Art Spezialfall des neoklassischen Paradigmas umgebaut wurde. Auch hier kommen mehrere Faktoren zusammen: mindestens der Bedarf der Wissenschaft an formelhaft lehrbarem, kumulativ-fortschreitend erscheinendem Wissen sowie der Bedarf der Wirtschaftspolitik an Sozialtechnologie. Schließlich dürfte auch die akademische Marginalisierung bzw. Exklusion zahlreicher alternativer wirtschaftswissenschaftlicher Paradigmen (Neo-Ricardianismus, Neo-Marxismus, Post-Keynesianismus), die bestenfalls noch als heterodoxe Schulen ein Schattendasein in der Peripherie des Fachs fristen, nicht allein politisch-hegemonialen Faktoren zu verdanken sein (diesen aber auch!). Sie dürfte auch darin begründet sein, dass die Formalisierungsgrade der dortigen Theoriearchitekturen und Modelle nicht mit den in der Zwischenzeit im Mainstream entstandenen Standards von Mathematisierung und Formalisierung Schritt gehalten haben. Auch wenn man – wozu ich tendiere – die Genese und Durchsetzung der entsprechenden Standards selbst als problematische Sonderevolution der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft interpretiert, können die angedeuteten Beispiele deutlich machen, dass die pure Frage der kapitalistischen Passförmigkeit ökonomischer Theorien durch die Logik des wissenschaftlichen Feldes in vielfacher Weise gebrochen wird. Dass neoklassische Vulgärtheoreme heute in der Öffentlichkeit in der Tat als eine Art Weltreligion fungieren, soll damit nicht negiert, muss aber differenzierter erklärt werden. Pauschalverweise auf die kapitalistische Imprägniertheit bereits der abstraktesten Denkformen respektive kognitiven Schemata, wodurch immer schon eine Identität von Wissenschaft und Kapitalismus gegeben sei, scheinen mir angesichts des fragmentarischen Status materialistischer Epistemologien nicht.

No-Go-Areas betreten!

Was sind die Empfehlungen, die aus obigen punktuellen Ausführungen zu Kunst und Wissenschaft gefolgert werden können im Hinblick auf die Fortschreibung kritischer Theorien im Anschluss an Marx? Sie haben erstens auf die Notwendigkeit verwiesen, differenzierungstheoretisches Denken in den Horizont der Kritischen Theorie mit einzubeziehen. Es geht darum, das Verhältnis »Strukturprägekraft der Ökonomie versus Brechungsstärke anderer Sphären« ernsthaft auszuleuchten: Das Programm wurde bereits bei Bourdieu dezidiert unter Einschluss herrschaftskritischer Dimensionen verfolgt, auch wenn die dortige Terminologie natürlich nicht die einzig mögliche ist. Zweitens deuten sie in die Richtung, die Theoretisierung des historisch-konkreten empirischen Verlaufs der modernen kapitalistischen Gesellschaft einer mitunter grundsätzlichen Revision zu unterziehen. Die – despektierlich ausgedrückt – linkshegelianische »Kulminationspunktdenkerei« sollte ad acta gelegt und durch eine Perspektive ersetzt werden, die keine geschichtsphilosophischen Prämissen mehr mit sich herumschleppt. Wie ausgeführt impliziert dies nicht, »Postkapitalismus« als Horizont von Theorie und Praxis Preis zu geben. Es geht allerdings darum, die Fortentwicklung des Kapitalismus nicht immer schon dadurch vorformatiert zu betrachten. Ein Kandidat hierfür wäre das weite Feld der Evolutionstheorie, bis dato und nicht zuletzt aus historischen Gründen (sozialdarwinistische Anwendungen) eine No-Go-Area kritischer Theorie. Das gegenüber diesen Ansätzen richtige Argument einer Rassismusaffinität (oder andersgearteten Affirmationen von Herrschaft) erweist sich dann als unzutreffend, wenn als Element evolutionärer Selektion nicht länger Menschen angesetzt werden, sondern soziale Einheiten/Strukturen (etwa: Kommunikation im Falle Luhmanns, Formen im Falle Marxens). Ein drittes – hier ausgespartes – Terrain würde die Medientheorie betreffen. Auch hier sind Statements à la Neue Medien, alte Scheisse zwar verständlich, aber wenig hilfreich. Dass sich bei prominenten Vertretern des neueren Medienmaterialismus reflexartige Ausfälle gegenüber der Kritischen Theorie und Marx finden lassen, könnte detailliert gezeigt werden. Bei Bolz wird ernsthaft postuliert, dass »Software-Kentnisse dienlicher als die Lektüre der Klassiker politischer Ökonomie« seien um die sozialen Systeme der Gegenwart zu verstehen. Marx rangiert bei ihm als »Produktionsfetischist«, was im Handstreich die Forschungsresultate der letzten 40 Jahre unterschlägt. Dass zum Kernbestand medientheoretischen Denkens Versatzstücke gehören, die an den Historischen Materialismus (in seinen schlechten Ausprägungen) erinnern, soll auch nicht grundsätzlich bestritten werden. Teilweise werden Modelle medieninduzierter sozialer Evolution vertreten, die in ihrem Schematismus dem Produktivkräfte/Produktionsverhältnisse-Theorem kaum nachstehen.

Nur wenn man es bei ebenso reflexartigen Gegenreaktionen belässt, kommen mögliche komplementäre Erkenntnisinteressen von Kritischer Theorie und Medientheorie gar nicht erst auf den Schirm: Gerade mit Blick auf eine Wiederaufnahme und Fortführung materialistischer Epistemologien in der Linie Sohn-Rethels scheint es viel versprechend, den Dialog zu suchen. Dass die moderne Rationalität (in Gestalt formaler Logik) erstens mit dem erstmaligen Auftauchen von Münzgeld (als erster selbständiger Form der Verkörperung abstrakten Reichtums) im antiken Griechenland historisch zusammenfiel und zweitens die Genese moderner Naturwissenschaft am Übergang zur modernen Gesellschaft mit der Genese des Kapitalismus (oder dem Übergreifen monetärer Strukturlogiken auf die Sphäre der Produktion) zusammenfiel, konnte phänomenologisch auf dem Wege von Indizienbeweisen plausibilisiert werden. Eine strenge Ableitung solcher Strukturidentitäten ist bis heute ein Desiderat geblieben, was vielleicht systematisch die Grenzen der bisherigen »Denkformenanalysen« aufzeigt: Dass die Genese formaler Logik im antiken Griechenland ebenfalls mit der Erfindung von (alphabetischer) Schrift korreliert sowie die Herausbildung moderner Wissenschaft und Technik (pauschal gesprochen) mit der Erfindung und Durchsetzung des Buchdrucks, sollte Grund genug sein, Kritik der politischen Ökonomie und medientheoretische Perspektiven in nicht polemischer Weise aufeinander zu beziehen.

Dass in Sachen theoretischer Präzision – in allen genannten Fällen – mit Reibungsverlusten zu rechnen ist sobald disparate Paradigmen miteinander ins Gespräch gebracht werden, scheint unhintergehbar, dies ist aber zu rechtfertigen, wenn dadurch Analysepotentiale erweitert werden können. Um hier eine anderswo anderweitig in Stellung gebrachte Aussage zweckentfremdet zu zitieren: »Ideologiekritik und Neue Marx-Lektüre sind für den Arsch, wenn sie sich dieser Aufgabe nicht widmen«.

Hanno Pahl

Der Autor ist Soziologe und lebt in Zürich.

Fußnoten

  1. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 2, Marx-Engels-Werke (MEW) 25, 839.
  2. INEX, Deutschland lieben. Zitiert nach TOP B3RLIN, Zurück in die Politik, Phase 2.38, 2010, 19.
  3. Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, 37f.
  4. Helmut Reichelt, Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Marx, Frankfurt a.M. 1970, 73.
  5. Ähnlich äußert sich Hanna Meißner, Jenseits des autonomen Subjekts. Zur gesellschaftlichen Konstitution von Handlungsfähigkeit im Anschluss an Butler, Foucault und Marx, Bielefeld 2010, 196.
  6. Siehe dazu exemplarisch den Band Jour-fixe-Initiative Berlin (Hrsg.), Kritische Theorie und Poststrukturalismus. Theoretische Lockerungsübungen. Berlin, Hamburg 1999.
  7. Zum Kritikmodus der Epistemologie Hegels siehe Thomas Kesselring, Rationale Rekonstruktion von Dialektik im Sinne Hegels, in: Emil Angehrn/Hinrich Fink-Eitel/Christian Iber/Georg Lohmann (Hrsg.), Dialektischer Negativismus. Michael Theunissen zum 60. Geburtstag, Frankfurt a.M. 1992, 284f.
  8. Eugen Paschukanis, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, Frankfurt a.M. 1966.
  9. Peter Bürger, Theorie der Avantgarde, Frankfurt a.M. 1974, 28f.
  10. Ebd., 42.
  11. Niklas Luhmann, Schriften zu Kunst und Literatur, Frankfurt a.M. 2008, 420.
  12. Ebd., 427.
  13. Siehe hierzu die Beispiele und Überlegungen bei Ramon Reichert, Das Wissen der Börse. Medien und Praktiken des Finanzmarktes, Bielefeld 2009, 196ff.
  14. Dazu interessante Untersuchungen bei Michael Pryke, Money's Eyes: The Visual Preparation of Financial Markets, in: Economy and Society, 2010, 39/4, 427–459.
  15. Siehe hierzu auch Hanno Pahl, Das Geld in der modernen Wirtschaft. Marx und Luhmann im Vergleich, Frankfurt a.M./New York 2008, 149–156.
  16. Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, 2.Aufl., Münster 2001, 65.
  17. Ebd.
  18. Hierzu ließe sich zum Beispiel daran erinnern, dass maßgebliche Protagonisten der allgemeinen Gleichgewichtstheorie deutliche Affinitäten zu sozialistischen Politikprogrammen hatten. Siehe dazu Geoffrey M. Hodgson, What is the Essence of Institutional Economics?, in: Daniel Hausman (Hrsg.), The Philosophy of Economics. An Anthology, Cambridge 2008, 399–412.
  19. Der Terminus der Brechungsstärke ist hier in Anlehnung an Bourdieu herangezogen worden. Darunter fallen zum Beispiel wirtschaftliche Imperative, die sich in anderen Feldern (Kunst, Wissenschaft, Politik) geltend machen, aber durch die Eigenlogik dortiger Kapitalformen (symbolisch, sozial etc.) gebrochen werden. Der Erwerb akademischer Bildungstitel korreliert zwar en gros mit der sozialstrukturellen Herkunft der Studierenden, operativ einsetzbare Diplome und Doktortitel werden aber nicht direkt als Waren auf Märkten feilgeboten.
  20. Stellvertretend für eine ganze Reihe brauchbarer Arbeiten jüngeren Datums zur Entwicklung der ökonomischen Wissenschaftskultur sei verwiesen auf Marion Fourcade, Economists and Societies. Discipline and Profession in the United States, Britain, and France, 1890s to 1990s, Princeton 2009.
  21. Christoph Hesse, Neuen Medien, alte Scheisse. Bausteine zur Theorie der verschalteten Welt, in Streifzüge, Heft 1/2002, 33-39.
  22. Norbert Bolz, Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse, 2. Aufl., München 1995, 7.
  23. Ebd., 98.
  24. Beispiele hierfür werden im genannten Text von Christoph Hesse zusammengetragen und kommentiert.
  25. Ich verwende die Bezeichnung der materialistischen Epistemologie als Spezialfall von naturalistischen Epistemologien wie sie seitens Quine bestimmt wurden, siehe: Willard Van Orman Quine, Ontological Relativity and Other Essays, New York 1969. Es geht darum, die Stellung der Philosophie als vermeintlicher Königsdisziplin zurückzuweisen, die alleinige Kompetenz besitzt, um die Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlichen Wissens zu eruieren. Stattdessen werden epistemologische Fragen als mögliche Gegenstandsbereiche aller Wissenschaften ausgewiesen. Quine selbst hat vor allem eine Psychologie der Erkenntnis ins Auge gefasst, Sohn-Rethels materialistische Erkenntnistheorie würde ich ins weite Feld soziologischer Epistemologien einsortieren wollen, weil dort das Kant'sche Programm durch Rekurs auf die Kritik der politischen Ökonomie geerdet werden sollte.
  26. TOP B3RLIN, Zurück in die Politik, 20.