Generation Nazi

NS-Erinnerung und Familiengeschichte in Deutschland treten zumeist als funktionales Duo auf. Das ist spätestens seit 2002 bekannt, als Harald Welzer in seiner Studie Opa war kein Nazi darstellte, wie eine sogenannte »Enkelgeneration« Verständnis für die eigenen Ahnen entwickelte: Die seien ja schließlich auch nur Kinder ihrer Zeit gewesen. Der Vorgang individueller bzw. innerfamiliärer Rehabilitierung offenbart eine Paradoxie, die eigentlich in eine unauflösbare Konkurrenz zwischen dem familiären, kommunikativen Gedächtnis und dem kollektiven, kulturellen Gedächtnis münden müsste – waren doch die meisten Täter_Innen später Großväter und -mütter irgendwelcher Enkel. Das Ausbleiben dieser Auseinandersetzung belegt nicht zuletzt die Flut so genannter Familienromane, die den Büchermarkt der Bundesrepublik seit der Jahrtausendwende überschwemmen. Diese Bücher haben als Teil kultureller Rezeption von Geschichte unmittelbaren Einfluss darauf, wie der NS gesellschaftlich erinnert wird. Sie heben sich damit in Funktion und Wirkung von innerfamiliären Erzählungen ab. Es gibt also gute Gründe, sich mit dem deutschen Familienroman zu befassen. Der Band Familiengefühle. Generationengeschichte und NS-Erinnerung in den Medien beleuchtet in dieser Absicht Epochen, Ästhetik und Wirkung des Genres.

Als Einführung in das Thema dekonstruiert Herausgeber Jan Süselbeck zunächst ein gesellschaftliches Konzept, das seit 1945 selten hinterfragt worden ist: Die Zeitrechnung der Generationen. Dabei unterstreicht er den Differenzcharakter des Modells und definiert Generation als einen »Unterbrechungsbegriff«, der als Erklärungsmuster für gesellschaftspolitische Zäsuren – allen voran 1933 und 1945 – diene. Durch diese Einteilung in voneinander trennbare Generationen entstehe eine Wellenwahrnehmung der Gesellschaft und ihrer Geschichte, die Zuschreibungskategorien wie »68er«, »Kriegskinder« usw. produziere. Während eine Generationenfolge im eindimensionalen Bezugsrahmen Familie noch Sinn ergeben mag, erscheint sie im gesamtgesellschaftlichen Kontext nicht nachvollziehbar: Die Reproduktion einer Gesellschaft erfolgt eben nicht abrupt, sondern kontinuierlich.

Der Familienroman, dessen Konzeption zumeist einer statischen Generationenvorstellung folgt, füllt die gesellschaftlich konstruierten Zuschreibungen einzelner Generationen mit individuellen Charakteren und verspricht so, neben persönlicher Betroffenheit, ungetrübte Authentizität und Evidenz. Das als oktroyiert empfundene Wissen über NS-Verbrechen und die deutsche Schuld wird durch ein emotionales Erleben der individuellen deutschen Opferschaft überlagert; und die dadurch erzeugten Emotionen auf die gesamte Generation der jeweiligen Erzähler_innen übertragen.

Der Familienroman wird damit zum Werkzeug, das bestimmte Emotionen evoziert und einen spezifischen Deutungsrahmen vorgibt. Stimmt dieser nicht mit vorherrschenden Erwartungshaltungen und dem gesellschaftlichen Konsens überein, erzeugt das Werk bei den Leser_innen Verstörung. Einen entsprechenden Vorgang illustrieren die Reaktionen des Feuilletons auf Gisela Elsners Fliegeralarm, im vorliegenden Sammelband von Christine Künzel vorgestellt und analysiert. Elsner stellt in dem 1989 erschienen Roman die vermeintliche Schuldlosigkeit der »Kriegskinder« infrage und lässt diese stattdessen als fanatisierte, mitleidslose Figuren erscheinen. Im Falle Elsners führte diese Darstellung zu einer  reflexartigen und einhelligen Ablehnung des Werkes vonseiten der zeitgenössischen Literaturkritik.

Ähnlich wie Künzel, die in ihrem Beitrag die hinter der Emotionalisierungskunst der Autorin liegenden Mechanismen untersucht, widmen sich auch die anderen Beiträge des Bandes der subjektiven, emotionalen Intention der Romanautor_innen. Dass die angestrebte affektive Wirkung eines literarischen Werkes unmittelbar mit der emotionalen Position des/der Schreibenden zusammenhängt, zeigt unter anderem Sieglinde Geisel. In ihrem Beitrag gibt sie einen Einblick in die emotionale und literarische Auseinandersetzung Thomas Harlans mit seinem Vater Veit Harlan, der bei dem Propagandafilm Jud Süß Regie führte.

Die verschiedenen weiteren Beiträge des Bandes werfen einen kritischen Blick auf die Verbindung von Emotionalisierungstechniken und Generationenkonstruktionen in Familienromanen der letzten Jahrzehnte. Als gemeinsame Schlussfolgerung eignet sich aufgrund der Vielseitigkeit der Texte lediglich die These, dass Familienromane eine sukzessive Harmonisierung der NS-Erinnerung und die Pathologisierung deutscher Täter_innen(schaft) begünstigen. Auch machen einzelne Beiträge, wie der Andrea Geiers zu Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders deutlich, dass nicht jeder Familienroman auf Entlastungs- oder Aussöhnungseffekte baut.

Insgesamt bietet der Band eine hervorragende Möglichkeit, das Genre Familienroman im Kontext der NS-Erinnerung kritisch zu betrachten und den faden Nachgeschmack zu erklären, der oft auf die Lektüre einschlägiger Werke folgt.

 

Anne Lepper

Jan Süselbeck (Hrsg.): Familiengefühle. Generationengeschichte und NS-Erinnerung in den Medien, Verbrecher Verlag, Berlin 2014, 304 S., € 18.