Game of Theories

oder: Der lange Rückzug in die Institute

 

Wäre die (kritische) Theorieproduktion ein Quartettspiel, schlüge Žižek Bourdieu in puncto Hipness & Fantasie, Bourdieu wiederum Rancière in Realness & Strategie, und Rancière überträfe Žižek in Uni-Credibility & Pathos. … und noch einige Badious, Holloways, Graebers, Negris, Tiq­quns und andere mehr. Ein Großteil dieses Spiels wird an Universitäten und in akademischen Feuilletons geführt, wobei versucht wird, die gültigen Stiche festzulegen. Dabei gelten verschiedene Spielregeln. Um die Akademisierung von Kritik einigermaßen reflektiert zu beschreiben, müssen mindestens drei Kraftfelder berücksichtigt werden, denen kritische Theorien unterliegen: Die erste Sphäre verlangt von kritischer Theorie einen emanzipatorischen Gehalt, der den Idealen der Aufklärung entspricht; die zweite verlangt die größtmögliche Mobilisierung einer »kritischen Masse«, also einer Bewegung, die die Aufklärung praktisch werden lässt; und drittens müssen die TrägerInnen der Theorieproduktion ihre eigene Reproduktion sicherstellen, d. h. entweder vom Theoretisieren leben können oder zumindest nicht deswegen aus der gesellschaftlichen Reproduktion ausgeschlossen werden. Kritische Theorien »leben« gewissermaßen davon, dass sie inhaltlich nachvollziehbare Weiterentwicklungen vorheriger Befreiungsschritte sind. Dafür gelten Regeln argumentativ sauberer und radikal kritischer intellektueller Produktion. In der zweiten Sphäre müssen Theorien zugleich ein Mobilisierungspotenzial symbolisieren und damit versprechen können, dass die theoretisch geforderte Befreiung auch gemeinsam umsetzbar sein könnte. Um von Bewegungen kollektiv getragen zu werden, muss Kritik jedoch zuerst einmal von irgendjemand geübt werden, der/die sich auf diese Produktion von Kritik spezialisiert hat: Es bedarf eines Kritikers oder einer Kritikerin, die/der sich diesen beiden Aufgaben widmet, wofür wieder ganz andere Regeln wichtig sind. Nur wenn auch diese akademisch-publizistischen Regeln eingehalten werden, kann der/die ProduzentIn selbst die eigene Existenz reproduzieren.

Während die ersten beiden Sphären gerne als Dialektik zwischen Theorie und Praxis vorgestellt werden oder als unversöhnlicher Gegensatz figurieren, meint das letztgenannte Kraftfeld die praktische Möglichkeit des Theoretisierens selbst. Solange Kritik nicht Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Produktion ist, in der das befreite Subjekt morgens Tofu zubereiten, nachmittags fischen, abends Fliesen legen und drumherum nach Lust und Laune kritisieren kann, bleibt es in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft eben eine zentrale Funktion der kritischen Theorien, ihren Träger­Innen ein Auskommen in den Feldern der kulturellen Produktion zu ermöglichen. Das bedeutet eben doch »Kritiker zu werden«. Theorien unterliegen diesen drei genannten Strukturierungslogiken, von Pierre Bourdieu plakativ als Effekte beschrieben, die ähnlich wie Magnet- oder Gravitationsfelder wirken. Sowohl die Ansprüche der Theorie, als auch der Praxis und der Erwerbstätigkeit zehren an den Möglichkeiten, zu kritisieren.

Theodor W. Adorno hat dieses Dilemma des/der Intellektuellen so beschrieben, dass »die materielle Praxis […] nicht nur die Voraussetzung seiner eigenen Existenz [ist], sondern[…] auch auf dem Grunde der Welt [liegt], mit deren Kritik seine Arbeit zusammenfällt.« Intellektuelle seien aber nicht bloße »Nutznießer« dieser Produktionssphären, sondern doch auch diejenigen, »von deren gesellschaftlich unnützer Arbeit es weithin abhängt, ob eine von Nützlichkeit emanzipierte Gesellschaft gelingt.« Dies ist das utopische Potenzial bürgerlicher Freiheit.

Es ist leider nur zu offensichtlich, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen keinem der drei Kraftfelder zufriedenstellend entsprochen werden kann; weder sind progressive Theorien auf dem Vormarsch in die Öffentlichkeit, noch gibt es eine schwungvolle Bewegung. Zudem werden die akademischen Jobaussichten durch die Kenntnis kritischer Theorien eher schlechter denn besser. Vielmehr ist es so, dass Theorien noch am ehesten attraktiv sind, wenn sie ihr »kritisches Potenzial« für eine Umwälzung der Verhältnisse an der Illusion aufhängen, wenigstens einem der Kraftfelder entsprechen zu können. Zunächst einmal können wir kritische Theorien dahingehend unterscheiden, auf welche Karte sie besonders setzen (und daran dann besonders deutlich scheitern).

Die gegenwärtige Ungefährlichkeit der kritischen Intellektuellen zeigt sich uns beispielhaft anhand eines Eintrags auf der ersten Seite des Sammelbandes Die Idee des Kommunismus, Bd. 2, wie in einer Bibliothek vorgefunden: »Beschafft aus Mitteln der Carl Friedrich von Siemens Stiftung.« Von der Form bis in den Inhalt weht uns dieselbe Ungefährlichkeit entgegen. Im letzten Beitrag dieses Bandes beschreibt Slavoj Žižek die Ziele seines Kommunismus, den er zu vertreten sich berufen fühlt. Dabei wird für ihn aber nur die bürgerliche Ideologie der Zweckfreiheit, auf links gewendet, zu einer Politik der kleinen Schritte: linke Akademisierung und ein bisschen emanzipatorische Praxis. Entsprechend zielt selbst er nur auf die Repräsentation bei Tagungen und im Audimax: »Unser Kampf sollte sich also auf jene Aspekte konzentrieren, die für den transnationalen offenen Raum eine Bedrohung darstellen, wie etwa den laufenden Bologna-Prozess für die Hochschulbildung, der ein einziger, konzentrierter Angriff auf das ist, was Kant den ›öffentlichen Gebrauch der Vernunft‹ nannte.«

»Unser Kampf« adressiert, zumal mit Blick auf den großspurigen Titel des Sammelbandes und des Aufsatzes, eine kämpferische Bewegung, die an universellen Grundfesten der Gesellschaft rütteln will. Das von Žižek gewählte Beispiel der Hochschulreform zeigt jedoch, dass sowohl die auf die Praxis gerichtete Forderung, wo und wofür es zu kämpfen lohne, als auch deren auf Kant rekurrierende theoretische Begründung auf die akademische Sphäre beschränkt bleibt. Žižeks revolutionär-utopistischer Anspruch eines »Kampfes« lässt sich nur als Habermas’sche Diskursethik in der akademischen Arena formulieren, was angesichts eines fast ausschließlich studentisch-akademischen Publikums auch nicht ganz unsinnig ist.

Wir meinen trotzdem: Eine Kritik des »öffentlichen Gebrauchs der Vernunft« verlangt es, nicht nur die Zwänge und Mechanismen der akademischen Theoriebildung oder häufig auch die Musealisierung linker Theorie und Geschichte zu denunzieren, sondern in ihrer eigenen Widersprüchlichkeit zu beschreiben. Schließlich ist es die notwendige Verschränkung der drei Felder, die den Intellektuellen mit dem Dilemma konfrontiert, »dort gegen die Macht zu kämpfen, wo er gleichzeitig deren Objekt und deren Instrument ist«. Nehmen wir vorläufig einmal an, die Universität könne ein solcher Ort der kritischen Öffentlichkeit sein – wie sind die drei Sphären in ihr wirksam?

Tear Down This Wall

Blickt man auf das Feld der Universität, wäre es jedoch verkürzt, bloß Kritik an denen zu üben, die »das Spiel mitspielen«, weil sie das Kritisieren zum Beruf machen konnten. Solange nur hier und da ein wenig Begleitmusik für eine linke »Bewegung« zu komponieren ist (Bewegung = wenigstens mal wieder öffentlich zelten), während die bürgerliche Wissenschaft sich im Übrigen völlig unberührt von gesellschaftlicher Kritik mit ihren eigenen Sparzwängen und Karrierewegen beschäftigt, ist es leider verfehlt, sich aus ihr heraus wirksame Impulse linker Willensbildung zu erhoffen: »Keine Theorie kann sich entwickeln, ohne auf eine Mauer zu stoßen, welche nur von der Praxis durchstoßen werden kann.« Die vermeintlich rein theoretische Kritik in den Universitäten selbst ist immer auch von praktischen Bewegungen abhängig: einerseits als Inspiration, andererseits weil so ein sozialer und politischer Druck entsteht, bestimmte Emanzipationsbewegungen an den Universitäten zu thematisieren und zu problematisieren. Die Frage muss lauten: Wie kommt Kritik in die Hochschule? Und wieso ist sie oft so wenig wirkmächtig, dass sie dort wiederum versandet? Trotzdem ist der Theoriediskurs für die StudentInnen eher Spielwiese für »kritisches Denken« statt ernsthafte Arena. Linke Gesellschaftspolitik zieht so nicht in die Unis ein, sondern zieht sich in sie zurück. Aufklärung war aber nicht immer nur das akademische Projekt der rationalen Welterklärung, sondern der Herstellung von gesicherten Lebensverhältnissen für alle.

Die ProduzentInnen sogenannter kritischer Theorien erhalten ihren emanzipatorischen Impetus jedoch nur durch die Nestwärme des akademischen Feldes, in dem Kritik als intellektualistische Kritik verbürgerlicht wird. Das Studium an der Universität ist für ProduzentInnen kultureller Produkte die Phase der größtmöglichen Sicherheit, gleich im Anschluss an die hochkulturellen Verheißungen der Mittelschichts-Schulbildung und noch vor der Prekarität der »kreativen« Arbeit. In der studentischen »wilden Phase« ist das »Kritisieren« im Grunde gesellschaftlich akzeptiert, ja wird erwartet. Nirgends ist das Symbolisieren kritischer Distanz einfacher und folgenloser als an der Universität. Während des Studiums herrscht dort für viele weder Lohnabhängigkeit noch familiäre Autorität. Noch dazu ist der eigene Lebenslauf im Hinblick auf noch kommende Abhängigkeiten hochgradig unbestimmt und lädt geradezu dazu ein, unspezifische Abstraktionen gesellschaftlicher Macht-, Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse zu beklagen. Dies ändert sich, wenn die Produktion von Kritik über das Studium hinaus an der Universität weiter betrieben werden soll.

Insofern ist das (geistes- oder sozialwissenschaftliche) Studium an einer Universität für GymnasiastInnen ein Abklingbecken für Kritik »ums Ganze« in einem weitgehend selbstbezogenen und damit folgenlosen Rahmen. Zwar wäre die Universalisierung partikularer Kritik eigentlich ganz im Sinne linksemanzipatorischer Aufklärung, nur ist ihre akademische Produktion gar nicht gesellschaftlich unnütz, wie Adorno das gerne gehabt hätte, sondern im Gegenteil in viele Verwertungszusammenhänge eingebunden. Die Hochschule bildet VertreterInnen des sogenannten General Intellects aus, die sowohl an der Produktion des Wissens beteiligt sind, »auf das die gesellschaftliche Produktivität angewiesen ist«, als auch ständig dem Zwang ausgesetzt sind, ihre eigene, Wissen für die Allgemeinheit reproduzierende Arbeitskraft, permanent unter meist prekären Bedingungen zur Verfügung zu stellen. Es ist eine triviale Erkenntnis, die nichts anderes meint, als dass die Wissensproduktion auch immer einer Reproduktion derjenigen bedarf, die dieses »allgemeine Wissen« produzieren: »Der Verwissenschaftlichung der Berufs- und Alltagspraxis entspricht eine Vergesellschaftung der in Hochschulen organisierten Lehre und Forschung.«

 

Von der Alma Mater geht eine Heimeligkeit aus, die man sich durch den Nachweis dieser irgendwie doch nützlichen Bildung verdient. Die akademisierte Kritik stellt sich als etwas Öffentliches dar, und bedient dabei doch nur die eigenen Zeitschriften mit ihren »Erkenntnismodellen, dialogischen Performances, Sprachspielen«, wo der »öffentliche Intellekt […] mit der kommunikativen Kompetenz der Individuen« zusammenfällt. Wer es sich leisten kann, knabbert an der Hand, die ihn oder sie füttert, da davon ausgegangen werden kann, dass sie sowieso nachwächst. Die im akademischen Jargon formulierte Kritik wird problemlos implementiert, ihr »kritisches Potenzial« ist als soft skill für den akademischen Betrieb äußerst nützlich. Das liest sich z. B. so: »Und nicht zuletzt hat der utopische Überschuß [sic!], der der Universitätsidee innewohnt, auch ein kritisches Potential bewahrt, das mit den zugleich universalistischen und individualistischen Grundüberzeugungen des okzidentalen Rationalismus in Einklang stand und von Zeit zu Zeit für eine Erneuerung der Institution wiederbelebt werden konnte.« Wer das Thinking-outside-the-box verinnerlicht hat, kann als UniversitätserneuererIn mit dem Takt der knowledge-based economy Schritt halten. Dies dient dann der permanenten Selbstvergewisserung in einem akademischen Geschäft, das auf die vermeintliche Selbstverwirklichung und den langwierigen und langweiligen Marsch durch die Institute setzt.

Bourdieu erklärt gerade das zum Programm seiner sozialwissenschaftlichen Arbeit: alle Kraftfelder reflektieren, ohne dabei die eigenen Arbeitsbedingungen an der Universität allzu sehr zu gefährden. Davon zeugen Passagen wie diese, die sowohl den akademischen Elfenbeinturm als auch dessen Einbettung in die soziale Praxis mit der kämpferischen Rede von »Befreiung« versehen: »Die Erinnerung an die Verhältnisse, in denen sich das philosophische Denken vollzieht, […] hat nichts mit einer Verurteilung der Philosophie und noch viel weniger mit einer polemischen Kritik zu tun, der es nur auf die Relativierung aller Erkenntnis und allen Denkens ankäme. Eine soziologische Analyse, die die Philosophie in das Feld der kulturellen Produktion und in das soziale Feld zurückholt, führt nicht nur nicht zu ihrer Zerstörung, sondern ist das einzige Mittel zu einem umfassenden Verständnis der Philosophien und ihrer Abfolge und damit zu ihrer Befreiung von dem Ungedachten, das sie als Erbe mit sich herumtragen.« Bourdieu formulierte sicherlich ein hehres Ziel, auch wenn seine Theorie der Praxis wohl nur darin halbwegs erfolgreich ist, Kritik als solche über die Geisteswissenschaften hinaus in den Sozialwissenschaften wenigstens in Erinnerung zu halten. So geht es auch ihm zunächst um das Akademisieren von Kritik: »Nur eine Realpolitik der wissenschaftlichen Vernunft kann dazu beitragen, die Kommunikationsstrukturen zu verändern, indem sie dazu beiträgt, die Funktionsweisen der Universen zu ändern, in denen Wissenschaft produziert wird, und zugleich die Dispositionen der Akteure, die in diesen Universen rivalisieren, […] das heißt jene Institution, die ihre Gestalt am nachhaltigsten prägt: die Universität.«

 

Die Rede von den »Universen« betont die enorme Distanz, in der die einzelnen Sphären zueinander stehen. Universitäten verfügen als Orte der Wissensproduktion und Reproduktion aber eben prinzipiell über die Möglichkeit, Satelliten in andere Universen, z. B. jene linker Theoriebildung und Bewegung, zu entsenden. Umgekehrt können Signale empfangen und gedeutet werden.

Kritik als akademisches Spiel

Theorien, die linksemanzipatorisch klingen, dürfen an den Universitäten eingesetzt werden, weil sie ohnehin nur auf symbolischer Ebene wirken, zumindest in harmlosen »gesellschaftskritischen« Feldern wie den Cultural Studies, Gender Studies etc. Und selbst wenn sich dort etwas »Kritisches« im Spiel um die Königstheorie hegemonial durchsetzt, wird ihm von der Basis Verrat an der emanzipatorischen Idee vorgeworfen: zu akademisch-theoretisch, zu bürgerlich-betulich etc. Während in der »Basis« TheoriecheckerInnentum durchaus noch einen achtungsvollen Distinktionsgewinn (oder offenen Widerspruch) einzubringen vermag, evoziert es in der Akademie angesichts der Ellenbogenzwänge vielmehr Neid und Unbehagen. Die neoliberale Internalisierung von Strukturzwängen macht auch die selbsterklärt revolutionären Subjekte der Multitude zu einer Horde verängstigter Schafe, die in ihrer »Unsicherheit, die in krassem Gegensatz zu den neoliberalen Heilsversprechungen steht«, blökend unter dem größten Dach Schutz suchen. Das gilt selbst für diejenigen, die am lautesten blöken. Wer sich wie Žižek von bürgerlich-akademischen Meriten längst verabschiedet hat, bleibt bei aller Radikalität dennoch weiter fokussiert auf die heile Welt der akademischen Kritik: Angesichts der »Reduktion der Hochschulbildung auf die Aufgabe der Produktion von sozial nützlichem Expertenwissen […] ist [es] wichtig, die gegenwärtige Tendenz in Richtung stromlinienförmiger Hochschulbildung […] zusammen mit dem derzeit ablaufenden Prozess der Einhegung bisher für alle zugänglicher geistiger Produkte, das heißt die Privatisierung des allgemeinen Intellekts zu reflektieren.«

 

Die »Privatisierung des allgemeinen Intellekts« meint in der wahlweise postfordistischen oder neoliberalen kapitalistischen Realität nichts anderes als den langen Marsch des bürgerlich zugerichteten Mittelstands-Subjekts. Über das »freie« Studium geht es in die Post-K-Gruppen, Fachschaften oder alternativen Vorlesungsverzeichnisse bis hin zur Professionalisierung beim Verfassen von Bewerbungsschreiben, Drittmittel- oder Hartz-IV-Anträgen. Das Spiel wird, wenn es darum geht, den prekären Verhältnissen auch nur annähernd entfliehen zu können, ernst. Nur wer im akademischen Betrieb weit genug »oben« ist, kann sich wieder auf die Spielwiese der radikalen Theorieproduktion begeben.

Die akademische Praxis der Produktion »revolutionärer Theorie« (und Kritik der praktischen Utopie) der verhinderten V. Internationale verkümmert in ihrer Rede über je »das Gemeinsame« (bei Antonio Negri, Slavoj Žižek etc. ein utopistisches Modell, in dem sich der Übergang zum Kommunismus schon peu à peu vollzieht), »die Kommune« (für »das unsichtbare Komitee« ein emanzipatorisches Ideal, wobei die Zuschreibung dessen, was schon Kommune und was noch Milieu ist, durchaus willkürlich wirkt, s. u.) und die »radikaldemokratische Politik« (oder was Jacques Rancière, Alain Badiou, Giorgio Agamben etc. je unter der »guten Demokratie« verstehen). Sie tragen damit zur Pathologisierung einer Gesellschaft bei, deren Krankheit nur die TheoretikerInnen richtig analysieren und behandeln können. In Anlehnung an die romantisierte Widerstandsfigur Bartleby (»I would prefer not to«) liest sich das so: »Du glaubst, aktiv zu sein während deine wahre Haltung, insofern sie im Fetisch verkörpert ist, passiv ist.« Diese Beschreibung der Gesellschaft als krank, wogegen die eigene Theorie als Heilmittel verordnet werden soll, wird von John Holloway zumindest noch selbstkritisch erkannt und bemängelt: »Bei linken Kapitalismus-Kritikern gibt es vielleicht die Tendenz eine moralisierende Position einzunehmen, uns selbst über die Gesellschaft zu stellen. Die Gesellschaft ist krank, aber wir sind gesund. […] Der Schrei der Wut […] wird sehr leicht zu einer selbstgerechten Anklage der Gesellschaft, zu einem moralisierenden Elitismus.«

Quartettspiel der »Kastrierten«

Weitaus verklärender findet sich eine solche Kritik an den »eigenen Reihen« in Der kommende Aufstand, der weit weg von akademischen Universen stattfinden soll: »Die Sackgasse der Gegenwart ist überall wahrnehmbar und wird überall geleugnet. Niemals haben sich so viele Psychologen, Soziologen und Literaten darum so sehr gekümmert, jeder in seinem besonderen Jargon, in dem die Schlussfolgerung besonders abwesend ist.« Wenn die eigene Theorienbildung schon auf keine Revolte hinausläuft, dann dient sie nur der »Unterhaltung der Kastrierten«, der Theorien-Reproduktion. Das unsichtbare Komitee macht dazu eine Unterscheidung zwischen Milieu und Kommune auf. Während ersteres abwertend als »konterrevolutionär« beschrieben wird, wird die Kommune trotzig zum utopischen Ideal erklärt, die zum Milieu degeneriere, »sobald sie den Kontakt zu den Wahrheiten verliert.« Dieser linke Radikalismus verzichtet letztendlich auf jede Aktion und dient nur noch dem Vergnügen oder als Einschlaflektüre für »RevolutionärInnen«.

Prüft man die genannten Kritikversuche auf ihre Verwertbarkeit als Konsumartikel, d. h. auf ihren Gehalt für die drei benannten Sphären von Akademie, emanzipatorischer Praxis und theoretischer Spielwiese, käme man wohl zu folgenden exemplarischen Urteilen über das Theorie-Quartettspiel: Der Mobilisierungsfaktor eines Bourdieu, der viel zu nüchtern realpolitische Zwänge bedenkt, ist gegenüber Žižek, der das Unbehagen über die Verhältnisse mit den Mitteln der akademisch längst abgeschrieben Psychoanalyse analysiert, denkbar gering. Žižek bespaßt die Poplinke, indem er die große Pose der Radikalität beherrscht. Politische Aufmärsche motiviert er damit auch keine, dafür die eine oder andere popkulturelle Referenz. Umgekehrt (be)sticht Bourdieu mindestens dank empirischer Zuverlässigkeit in karrieristischer Perspektive für das akademische Feld und auch sein Einfluss auf die z. B. Feministische Theorie ist dank Die männliche Herrschaft nicht zu vernachlässigen. Žižek und Rancière nehmen sich fast nichts in puncto »Fuck you«-Attitüde, wenn auch Rancières Hang, andere Intellektuelle als PlatonikerInnen zu diffamieren, ebenso wie seine gesellschaftstheoretische Zurückhaltung zugunsten der »reinen« Dekonstruktion zumindest in den Literatur- und Kulturwissenschaften zitier- und damit diskursiv salonfähiger sind. So »gefährlich« zwar die Beschäftigung mit sich als KommunistInnen gerierenden TheoretikerInnen der Multitude (Negri, Virno, Holloway) für den akademischen Betrieb erscheinen mag, ihre jeweilige Unschärfe, die die Machtlosen zu kollektiven MachthaberInnen erhebt, die irgendwie verbunden sind und für die sich also irgendwie alles schon multitudisch richten wird, versauen den Theoriegehalt und dienen nur dort für eine »radikale« Bewegung, wo die Bewegung auch ohne Theorie ganz gut auskommt (sprich: im Polizei-Kessel stecken bleibt).

Es ist jedoch nichts gewonnen, wenn man die jeweiligen TheoretikerInnen oder Theorien als solche abkanzelt (als »PoMo«, »AdornitInnen«, »SozialdemokratInnen« etc.), anstatt sie in ihrer Widersprüchlichkeit zu erkennen. Denn alle reproduzieren sie sich durch die Illusion, man könne jeweils mindestens einem der Kraftfelder entsprechen; ebenso halten sie die Illusion aufrecht, das gewichtiger bediente Feld sei schon irgendwie mit den anderen vereinbar. Nur: egal welchem Feld man sich in der spätkapitalistischen Arbeitsteilung annähert, früher oder später landet man durch die Gravitation und Anziehungskraft, die die realpolitischen Zwänge ausüben, auf dem entfremdeten Boden der Tatsachen.

Winter Is Coming

Welche Kritik hat denn nun a) am meisten emanzipatorisches Potenzial, lässt es b) praktisch werden und taugt c) am besten zum Theoretisieren in akademischen Diskursen? Diese Fragen drängen sich in vielen linken Diskussionen immer und immer wieder auf. Das kann durchaus produktiv sein, oftmals geht es am Wesen des Problems aber vorbei. Das gegenwärtige Elend der Kritik ist nicht nur bestimmten Theorien zuzuschreiben, sondern im Kern ein Problem der zu kritisierenden Gesellschaft. Die herrschenden Verhältnisse sehen schlicht und ergreifend keine erfolgreiche Verbindung der drei Felder vor, auch die Kritik bleibt eben hinter dem Anspruch einer allgemeinen Produktion zurück. Wenngleich Marx zu Recht fordert, man müsse kritisieren können, ohne KritikerIn zu werden: Wenn das unter den heutigen Bedingungen wenigstens möglich wäre, ohne nur »das unermüdliche Echo der kritischen Stichwörter zu sein«!

Das gegenwärtige Elend der Kritik ist leider nicht einmal etwas Besonderes. Marx hat sich für bessere Zeiten erträumt, dass alle alles tun können, ohne es berufsmäßig zu machen. Solange das nicht der Fall ist, unterliegen alle, die sich mit Kritik ernähren können müssen, den Regeln akademischer Karrieren oder möglichst hoher Auflagen. Natürlich schade, wenn diejenigen, die Kritik abseits der Universitäten und Feuilletons produzieren wollen, nur einen Abklatsch dessen fabrizieren (wie z. B. Der kommende Aufstand).

Auch das vorliegende Fragment leistet nichts anderes, als diesen Zustand noch einmal missmutig zu konstatieren: Unsere Beschäftigung mit den hier in den Ring geworfenen TheoretikerInnen ist a) theoretisch unbefriedigend und reflektiert Kritik nur als hypothetisch mögliche Form, bleibt b) hinter allem zurück, was die sozialen Bewegungen (hoffentlich!) umwälzen wollen, aus denen heraus die Theorien formuliert wurden, und c) werden die praktischen Folgen dieser schriftlichen Beschäftigung mit »Akademisierung von Kritik« sich auf unsere eigene akademische Publikationsliste beschränken. Der kritische Impetus, den wir oben v. a. der studentischen Phase zuordnen, beginnt in der Promotions- oder Professionalisierungsphase notgedrungen heimlicher zu werden – so dass wir leider fast schon hoffen, dieser Fall gescheiterter Selbstzensur möge ohne praktische Folgen bleiben. Hoffentlich ist »[d]er Konsequenz wegen […] diese Inkonsequenz verzeihlich.«

 

~ Von Vincent G. Gengnagel & Chris W. Wilpert. Die Autoren sind unfreie wissenschaftliche Angestellte an der Uni Bamberg und unwissenschaftliche Mitarbeiter an der freien uni bamberg (fub).

 

Fußnoten

  1. Natürlich ist der Konjunktiv hier nicht gänzlich angebracht, es gibt ein solches Spiel schon. Siehe dazu Original Theory.org.uk. trading cards, http://0cn.de/lsvp (07.07.2013).
  2. Wir interessieren uns in den folgenden Zeilen unwissenschaftlich und undifferenziert für dasjenige Moment, das wir strukturell allen genannten Theorieproduktionen in ähnlicher Weise unterstellen – sozusagen eine Breitseite.
  3. Friedrich Engels/Karl Marx, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: dies., Marx-Engels-Werke (MEW) 2, Berlin 1962, 153.
  4. Friedrich Engels/Karl Marx, Die deutsche Ideologie (1846), in: dies., MEW 3, Berlin 1978, 33.
  5. Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Gesammelte Schriften (GS), Bd. 4, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 2003, 150.
  6. Alain Badiou/Slavoj Žižek (Hrsg.), Die Idee des Kommunismus, Bd. 2, Hamburg 2012 (LAIKAtheorie Band 18 der Bibliotheksausgabe Bamberg). Dass die Carl Friedrich von Siemens Stiftung noch in den achtziger Jahren unter Armin Mohler als Think-Tank der Neuen Rechten galt, bevor sich auch der liberaleren Wissenschaftsförderung verschrieben wurde, ironisiert erst recht die Nivellierung der Distanz linker und rechter Theorie in Teilen des akademischen Feldes.
  7. Slavoj Žižek, Die Idee des Kommunismus als konkrete Universalität, Übersetzung von Roland Holst, in: Badiou/Žižek (Hrsg.), Die Idee des Kommunismus, 255–284, hier 277.
  8. Die Intellektuellen und die Macht, Ein Gespräch zwischen Michel Foucault und Gilles Deleuze, in: Gilles Deleuze/Michel Foucault, Der Faden ist gerissen, aus dem Französischen von Walter Seitter und Ulrich Raulf, Berlin 1977, 86–100, hier 89.
  9. Ebd., 87.
  10. Paolo Virno, Grammatik der Multitude, Mit einem Anhang, Die Engel und der General Intellect, mit einer Einleitung von Klaus Neundlinger und Gerald Raunig, aus dem Ital. von Klaus Neundlinger (Es kommt darauf an. Texte zur Theorie der politischen Praxis, Bd. 4), Wien 2005, 2008, 86. Mit General Intellect entfaltet Virno (in Anlehnung an Marx) ein Konzept einer quasi kollektiven Vernunft bzw. einer allgemeinen und allgemein zugänglichen Produktion von Wissen.
  11. Jürgen Habermas, Theorie und Praxis, sozialphilosophische Studien, 4. durchgesehene, erweiterte und neu eingeleitete Aufl., Frankfurt a.M. 197, 379.
  12. Virno, Grammatik der Multitude, 88.
  13. Jürgen Habermas, Eine Art Schadensabwicklung, Kleine Politische Schriften VI, Frankfurt a.M. 1987, 87.
  14. Loïc Wacquant/Pierre Bourdieu, Reflexive Anthropologie, Frankfurt a.M. 1996, 192.
  15. Ebd., 224.
  16. Virno, Grammatik der Multitude, 16.
  17. Slavoj Žižek, Die Idee des Kommunismus als konkrete Universalität, 227–228.
  18. Slavoj Žižek, Das »unendliche Urteil« der Demokratie, aus dem Englischen von Frank Born, in: Demokratie? Eine Debatte, Frankfurt a.M. 2012, 116?–?137, hier 137.
  19. John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, übersetzt von Lars Stubbe, Münster, 4. Aufl. 2010, 137.
  20. Das unsichtbare Komitee, Der kommende Aufstand, aus dem Französischen übersetzt von Elmar Schmeder, Hamburg 2010, 9.
  21. Ebd., 64.
  22. Ebd., 80.
  23. Ebd.
  24. Siehe dazu Critical Theory.com: Who the fuck is Jacques Ranciere?, 28. März 2013 http://0cn.de/s2to (07.07.2013).
  25. Engels/Marx, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, 153.
  26. Ebd.