Gänzlich neue und einzigartige Methoden der Lebensverbesserung

Erziehung, Arbeitswissenschaft und Eugenik in der frühen Sowjetunion

Wissenschaftliche Umbrüche finden nicht unbedingt infolge von gesellschaftlichen Umwälzungen statt, vielmehr verflechten sich diese beiden Bereiche mal mehr und mal weniger stark. In Zeiten des gesellschaftlichen Ausnahmezustands wie der Zwanziger Jahre in Russland wird dies besonders offensichtlich. Hier förderte die sowjetische Gesellschaft so sehr ihre Wissenschaften, wie letztere ihre gesellschaftliche Umgebung überhaupt erst entstehen ließ. Die Rolle der Wissenschaften wurde dabei offen diskutiert und reguliert, was ganz einzigartige Folgen hatte – neue Experimente, schnelle Anwendungen von unerprobten Verfahren, interdisziplinäre Projekte, ganzheitliche Heilmethoden. Doch mit den Versprechen dieser Situation gingen auch Gefahren einher wie die Einschränkung von Selbstkontrolle und Freiheit. Paradoxerweise waren aber genau diese beiden die wichtigsten Ziele der Revolution und damit die zentralen Grundfesten des Sozialismus. Im Folgenden will ich diese Paradoxie an einigen Beispielen veranschaulichen.

Selbstexperimente

1924 begann der russische Philosoph, Mediziner, Science-Fiction-Autor und Sozialrevolutionär Aleksandr Bogdanov mit Selbstexperimenten, in denen er sich wechselseitigen Bluttransfusionen unterzog. Sie verfolgten den Zweck, »das Leben des Organismus auszudehnen über die Grenzen dessen hinaus, was ihr individuelles Schicksal vorsieht«. Wie viele seiner Zeitgenossen glaubte der Universalgelehrte an die Möglichkeit, die physiologischen Gegebenheiten des Menschen langfristig verändern und verbessern zu können, um das Leben zu verlängern. Das Mittel zu diesem Zweck sah er im Blut: »Blut als universeller Stoff des Lebenstausches, als allgemeines Milieu der Ernährung und Absonderung für alle übrigen Milieus, ist in höchstem Maße als Übertragungsmittel von verschiedenen Elementen und ihrer Kombinationen geeignet.« Bis zur Gründung des Instituts für Bluttransfusionen in Moskau 1926 führte Bogdanov elf erfolgreiche Blutübertragungen an sich selbst durch. Stets in der Überzeugung, seinem Körper damit Stoffe zuzufügen, die ihn gesünder, resistenter gegen Krankheiten und damit jünger machen würden. Umgekehrt sollten etwaige Mangelerscheinungen seiner Spender durch Bestandteile seines Blutes behoben werden. Die Technik für diese Versuchsandordnung musste Bogdanov selbst erfinden und erproben, denn sie hatte keine Vorläufer in der Experimentalphysiologie oder Medizin.

Zunächst schienen sich die Hoffnungen des kühnen Physiologen zu erfüllen. Bis Oktober 1927 hatte sein Institut 213 Transfusionen mit 158 Patienten durchgeführt. Seine selbst konstruierte Apparatur verbreitete sich mit der Gründung von Transfusionszentren in allen Republiken. Bewilligt von Lenin und durch Stalins Beschluss finanziert, war Bogdanovs Einrichtung eine der prominentesten therapeutischen Zentren im jungen sozialistischen Russland. Die medizinische Erforschung der Bluttransfusion war mithin von größtem politischen Interesse und die Gründung eines eigenständigen Instituts ermöglichte es, so Bogdanov: »die Dinge zu beschleunigen«. Was aber gab es zu beschleunigen in diesem Land, in dem die Revolution doch erst vor 10 Jahren zu einer rasanten Veränderung der Ordnung geführt hatte?

Homo Sovieticus

Mitte der Zwanziger Jahre hatte man es in der Sowjetunion neben der beschleunigten Industrialisierung mit der Verwandlung von Bauern in Arbeiter zu tun. Alle kennen sicherlich die Rede vom »Neuen Menschen«, der die neue Gesellschaftsform des Sozialismus erschaffen musste und zugleich ein Effekt der neuen, noch nicht existierenden Welt sein sollte. Zur Lösung dieser paradoxen Konstellation schienen nur die Wissenschaften vom Menschen in der Lage. Folgerichtig erweiterte auch die Sozialistische Akademie der Wissenschaften 1925 ihren Zuständigkeitsbereich. Nachdem sie sich zuvor, unter Bogdanovs Direktion, als eine Art Diskussionsforum für sozialwissenschaftliche und parteiideologische Fragen verstand, richtete sie nun Abteilungen nicht nur für Mathematik und Physik sondern auch für Psychologie, Neurologie und Biologie ein. Hier wurden vor allem die praxisbezogenen Disziplinen programmatisch entworfen. Pavlovs Reflexlehre als Grundlage für die Pädagogik, die Arbeitswissenschaften als Anwendungsfeld von Physiologie und Psychologie und schließlich die Eugenik als Anwendungsbereich der Genetik. Sie alle setzten sich angesichts des Mangels an sozialistischen Bewohnern der neuen Gesellschaft mit der Frage auseinander, wie sich Umwelt und Organismus gegenseitig beeinflussten, was nicht zuletzt 1924 zu der Entscheidung der Zentralen Wissenschaftsbehörde (Glavnauka) geführt hatte, die neu gegründeten biologischen Abteilungen ausschließlich mit Lamarckisten zu besetzen. Letztere waren überzeugt, dass sich erworbene Eigenschaften vererben ließen und somit die Erbmasse nicht konstant weiter gegeben wurde – ein für die Abgrenzung der sozialistischen Revolutionäre von ihrer Vergangenheit ganz verständlicher Gedanke.

Wie schon die Menschenbilder des französischen Hommes Nouveau oder Nietzsches Übermensch zeichnete sich der Homo Sovieticus durch einen unerschütterlichen Glauben an die Optimierbarkeit des Menschen aus. Eines aber war neu: Statt der Erziehung zum besseren Menschen wurde seine Selbsterziehung behauptet. Hierzu schien sich die Reflexlehre des Physiologen Ivan Pavlov, der 1904 als erster Russe einen Nobelpreis erhalten hatte, besonders gut zu eignen. Pavlov hatte die sogenannten bedingten Reflexe herausgearbeitet, die anders als die unbedingten, angeborenen Reflexe unabhängig von der Herkunft eines jeden Menschen erlernt werden konnten. Ein bedingter Reflex war für Pavlov das Ergebnis eines entfernten Reizes, der mit einem unbedingten Reflex verbunden wurde. Der berühmte Pavlovsche Hund reagierte auf das Erklingen eines bestimmten Tones, der mit der Nahrungsaufnahme verbunden wurde, durch die Sekretion von Speichel. Wurde dies oft genug wiederholt, sonderte der Hund bereits Speichel ab, ohne überhaupt Futter zu sehen. Sein Reaktionsverhalten wurde immer schneller, vor allem aber reagierte der Hund unmittelbar, ohne nachzudenken. Dem entsprechend behauptete die Parteipropaganda in Filmen und Zeitungsartikeln, dass auch Kinder auf diese Weise lernten zu essen, sich zu waschen und sogar weniger erfreuliche, verantwortungsvolle Aufgaben wie Geschirrspülen zu erfüllen. Nur durch ständige Wiederholung und Übung sollte es möglich sein, aus ungehobelten Naturburschen kultivierte Sozialisten zu machen, mehr noch, diese Sozialisten schienen durch die Pavlovsche Konditionierung unwillentlich, geradezu automatisch zu entstehen. Die Abgabe von Eigenverantwortung und damit Verstaatlichung der Kontrolle wurde also als Befreiung aufgefasst, während zugleich die Selbsterziehung propagiert wurde.

Aleksandra Kollontai, zentrale Figur der sowjetischen Frauenbewegung, setzte im Fahrtwind des Neuen Menschen die Wünsche der »Neuen Frau« durch. Sie versuchte die Rolle der Frau in der Gesellschaft dadurch zu verbessern, dass sie ein neues Liebesverhalten forderte. »Eine Vereinigung von Zuneigung und Kameradschaft« entstehe nur durch den steten Wechsel der Sexualpartner, angetrieben von Leidenschaft und ohne »häusliche Knechtschaft«. Allein indem sie der Erfüllung ihrer freien, körperlichen Wünsche nachginge, könne sich die »Neue Frau« als Kommunistin entfalten. Die Fortpflanzung hingegen würde unabhängig von Einzelinteressen und entlang hygienischer Kriterien staatlich organisiert, ebenso wie Kinderpflege und -erziehung. Gerade letzteres sollte keine Wunschvorstellung bleiben. Glaubt man Kollontai kamen die sowjetischen Kinder tatsächlich in staatliche Hände: »Es gab Säuglingsheime, Tagesheime, Kindergärten, Kinderkolonien […], Spitäler und Erholungsstätten für kranke Kinder, Restaurants, Frühstücks- und Mittagsausspeisungen in der Schule, unentgeltliche Verteilung von Lehrbüchern, von warmer Kleidung, von Schuhen usw.«

Eines dieser Heime in Moskau nannte sich »Kinderheim-Laboratorium« und betrieb die gewünschte Selbsterziehung auf wissenschaftliche und besonders ökonomische Weise unter Anwendung der Psychoanalyse. Diese hatte schließlich gelehrt, dass »es in der menschlichen Psyche neben dem bewussten Seelenleben das große Reich des Unbewussten gibt« und um selbiges zu studieren und seine Entwicklung zu fördern, brauchte man nichts anderes zu tun, als in der Erziehung der Kinder nichts zu tun. Statt ihnen Verhaltensweisen vorzugeben, sie Moral, Rücksicht und Verständnis zu lehren, ließ man der biologisch begründeten, infantilen Sexualität der »Neuen Kinder« freien Lauf, und das hieß auch der Entwicklung ihrer Reinlichkeit. Es gab keine Befehle, keine Bestrafungen und keine Liebkosungen. Die ErzieherInnen beschäftigten sich hauptsächlich mit der Beobachtung der Kinder und fertigten Charakterskizzen, Tagebücher oder Notizen »über die körperlichen Verrichtungen […], über die Zahl der Schlafstunden bei Tag und Nacht, den Zustand der Haut, Appetit und Stimmung an.« Genannt wurde diese neue Form der Selbst-Erziehung nicht mehr Pädagogik, sondern ab 1923 – Pädologie.

Die richtige Einstellung der Arbeitenden

Neben Frauen und Kindern waren natürlich auch die sowjetischen Männer den Selbstverbesserungsversuchen der Sozialisten ausgesetzt. Das bekannteste Projekt hierzu war Aleksej Gastevs ZIT – das Zentrale Institut der Arbeit in Moskau. Gastev hatte sein Institut bereits Anfang der zwanziger Jahre, in der ersten Phase der industriellen Restaurierung gegründet. Die von Lenin mit der Neuen Ökonomischen Politik begrenzt eingeräumte Privatwirtschaft trug nach dem Bürgerkrieg dazu bei, dass vorrevolutionäre Bestrebungen sich teils schneller als zuvor weiterentwickeln konnten. Eine dieser Entwicklungen war die Ausbreitung der wissenschaftlichen Arbeitsorganisation genannt NOT, deren Rahmen schon auf der ersten ihr gewidmeten Konferenz 1921 von keinem anderen als Aleksandr Bogdanov abgesteckt wurde: »Eine notwendige Grundlage der wissenschaftlichen Organisation sind die Arbeiten und Ergebnisse der Psychophysiologie, der Reflexologie, der Arbeitshygiene und der Ermüdung des Menschen, weil nur auf solche Weise nicht nur den Erfordernissen einer sparsamen Betriebsführung, sondern auch den Interessen der arbeitenden Menschen Rechnung getragen wird.« Letzteres, »die Energiebilanz des Arbeitenden«, markierte den zentralen Unterschied zum amerikanischen Taylorismus und brachte eine Vielzahl an Unternehmungen im gesamten Sowjetreich hervor, die mehr oder weniger erfolgreich versuchten, alle brauchbaren Disziplinen der Arbeitswissenschaft zum Zwecke des Arbeitsschutzes zu integrieren. In Moskau, Petrograd, Kazan, Char'kov, Kiev, Sverdlovsk, Rostov, Erivan, Minsk, Baku und Taschkent wurden an Volkskommissariaten, Instituten, Universitäten und Akademien einzelne Stellen und ganze Labore zur wissenschaftlichen Erforschung der Arbeit eingerichtet. Die Gründe für diese Konjunktur der Arbeitswissenschaften liegen auf der Hand: Es galt gleich drei immensen Problemen zu begegnen – einer maroden Industrie, einer Masse unqualifizierter, meist analphabetischer Arbeitskräfte und einer paradoxen Politik der Versöhnung von Betriebs- und Sozialinteressen, von Industrialisierung und Sozialismus.

Gastev hatte das Konzept der so genannten Ustanovka (Einstellung) entwickelt, die einen Doppelsinn zum Ausdruck brachte: Einerseits die »Aufstellung, Montage, technische Anlage« und andererseits die »Einstellung im Sinne von subjektiver Haltung«. In seiner Praxis analysierte Gastev zuerst die Arbeitsabläufe durch Zeit- und Bewegungsstudien, dann zerlegte er die Bewegungen seiner Akteure auf minimale Einheiten, jede Einheit wurde einzeln trainiert und schließlich neu zu einem möglichst effektiven Arbeitsablauf zusammengesetzt. Das Resultat nannte sich »kulturelle Einstellung« des Menschen, was sowohl seine Einbindung innerhalb der formalen Organisation des Arbeitsraumes, als auch seine »psychologische Einstellung« meinte. Psychologie indes beschränkte sich bei ihm auf die Rekonstruktion des Bewegungsapparats, auf die Schaffung von »Nerven-Muskel-Automaten«, von menschlichen Maschinen, deren Psyche sich über das Training ihrer Physis verändern sollte: »Die Maschinisierung normt nicht nur die Gesten, nicht nur die Produktionsmethoden, sondern auch die täglichen Gedanken«. Von Selbstbeherrschung konnte hier keine Rede mehr sein, hier war die menschliche Arbeitskraft an die Maschine angepasst, die den Takt vorgab, wobei dieser Rhythmus natürlich entlang von Studien der menschlichen Bewegungen entwickelt worden war.

Genetik und Eugenik

Im Rahmen all dieser Verwandlungen des alten in den Neuen Menschen ließ man auch die sowjetische Eugenik nicht aus, um die Verkündungen Leo Trotzkis zu erfüllen, des frühen Gefährten Lenins und späteren Kriegsministers: »Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren. Er wird es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eigenen Organe – bei der Arbeit, beim Gehen oder im Spiel – höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen. Er wird den Willen verspüren, die halbbewussten und später auch die unterbewussten Prozesse im eigenen Organismus: Atmung, Blutkreislauf, Verdauung und Befruchtung zu meistern […]. Das Leben, selbst das rein physiologische, wird zu einem kollektiv-experimentellen werden. Das Menschengeschlecht […] wird erneut radikal umgearbeitet und – unter seinen eigenen Händen – zum Objekt kompliziertester Methoden der künstlichen Auslese und des psychophysischen Trainings werden.«

Der Biologe, der sich der künstlichen Auslese verschrieben hatte und zur zentralen Figur der Eugenik in Sowjetrussland wurde, war der Genetiker Aleksandr Serebrovskij. Er plante seit Mitte der zwanziger Jahre eine Datenbank für die Erfassung des Erbguts der Proletarier, die er Genofond nannte, am treffendsten übersetzt als Genbestand. In seiner Ökonomie der Gene verstand er die sowjetische Bevölkerung »als […] sozialen Reichtum«. Sie sollte durch die spätere Populationsgenetik ökonomisch bedeutsame Gene orten, ihre Häufigkeit in der Bevölkerung feststellen, ihre Verbreitungswege erforschen, um schließlich das Material für die Auslese optimaler Geschlechtspartner zur Verfügung zu stellen. Am wichtigsten erschienen ihm hierbei die »höheren Ebenen der menschlichen Kreativität, also die künstlerischen, gelehrten und wissenschaftlichen Aktivitäten«. Sie mussten landesweit erfasst werden, ihre erblichen Grundlagen und die Prozesse, die sie veränderten sollten erforscht werden. Konkret hieß dies, dass »die alltäglichen politischen Maßnahmen der Kommissariate für Gesundheit, Erziehung, Arbeit, Sicherheit und Recht einen direkten Einfluss auf das Schicksal des menschlichen Genbestands hatten und daher sollten dessen Belange beim Aufbau des Landes auf der ganzen Linie berücksichtigt werden«.

1927 kam es in der lamarckistisch orientierten Wissenschaftswelt Sowjetrusslands zu einem Umbruch. Der amerikanische Genetiker Herman Muller, selbst Sozialist und ab 1933 für ein paar Jahre in Russland, sorgte weltweit für die endgültige Wende in der Beurteilung der Genetik. Er entdeckte die künstliche Mutationsauslösung durch Röntgenstrahlung, für die er später den Nobelpreis erhielt. Diese künstliche Auslösung bewies, dass die Gene eine materielle Struktur hatten und sorgte dafür, dass die genetische Theorie gegenüber der lamarckistischen Vorstellungen obsiegte. Serebrovskij berichtete von Mullers Entdeckung in der Pravda und zog dabei eine Parallele zwischen dieser »Erschütterung der wissenschaftlichen Welt« und der gesellschaftlichen Erschütterung der russischen Welt durch die Oktoberrevolution. Unterstützt von Muller mündete seine Idee einer Populationsgenetik in das Programm des Mediko-Biologischen Instituts, das Serebrovskij ab 1928 leitete und durch eine Abteilung für Genetik und Konstitution des Menschen ergänzte. Hier ging es beispielsweise um die Reduzierung der Epilepsie. Dazu wurden Stammbäume gesammelt, die zu einem genetischen Kataster zusammen getragen wurden an dem Ambulanzen, Mütterberatungszentren und Standesämter gleichermaßen mitwirken sollten. Sie berieten Epileptiker-Familien bei Heirat und Schwangerschaft, errechneten Risiken für bestehende Schwangerschaften, vermittelten Abtreibungen und Sterilisationen.

Eugenik bedeutete neben der Erforschung von Erbkrankheiten auch die Bestimmung von Zivilisationskrankheiten. Muller hatte in Amerika Testverfahren erprobt, um soziale Fähigkeiten und Haltungen zu messen und an ihnen die Anteile von Umwelt- und Vererbungseinflüssen zu differenzieren. Er schlug vor, dafür auch Psychologen zu Rate zu ziehen, was Serebrovskij mit einem Schüler von Muller, Solomon Levit, in die Tat umsetzte: 1929 arbeiteten an seinem Institut 100 Ärzte und Psychologen daran, Genealogien und Krankengeschichten lückenlos zu erfassen. Lebten dann erst einmal alle Sowjetbürger unter gleichen, industrialisierten Lebensbedingungen schien es ein Leichtes zu sein, die genetischen Anteile an der Entstehung von Krankheiten wie Diabetes oder Magengeschwüren heraus zu arbeiten und durch Früherkennung und Präventivmedizin ihren Ausbruch zu verhindern. Serebrovkijs Fernziel war es, mit eugenischen Eingriffen die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung und ihre Anpassung an eine industrialisierte sozialistische Gesellschaft sicher zu stellen, so dass »die Fünfjahrespläne künftig in der Hälfte der Zeit zu erfüllen seien«.

Dieses Programm war hiernach die logische Verlängerung der Arbeitswissenschaften wie sie Gastev betrieben hatte und die ebenfalls die Rationalisierung und Leistungssteigerung in der sowjetischen Industrie voranbringen sollten. Nicht nur Arbeitsverhalten und Alltag, auch die Reproduktion des Menschen sollte kontrolliert und durch künstliche Befruchtung sogar normiert verlaufen. Traditionelle Lebenszusammenhänge sollten aufgelöst und neu zusammengesetzt werden. Die bürgerlichen Familienstrukturen würden zerschlagen und die Frauen befreit, verkündete Serebrovskij. Doch auch diese Praxis kam nicht zum endgültigen Vollzug, da die politisch motivierte Kritik der »Biologisierung« gesellschaftlicher Belange Anfang der dreißiger Jahre eine Umorientierung in der Eugenik nach sich zog.

Soviet Burnout

Aleksandr Bogdanov, der Erfinder der zirkulären Bluttransfusion, schien dieses Scheitern geahnt zu haben und machte die Eugenik zum Ausgangspunkt seiner Experimente: »In der entfernten Zukunft mag die Eugenik den Vorteil besserer Typen schaffen. Doch für die, die jetzt und in der nächsten Zukunft leben bestehen hierfür keine großen Hoffnungen. Sind radikalere und direktere Methoden möglich?«

Bogdanovs Antwort auf diese Frage waren die zirkulären Bluttransfusionen. Als Begründung dafür, dass es eine schnellere Verbesserung der Lebensumstände und Menschen brauchte, als sie die Eugenik herbeiführen konnte, führte Bogdanov den sogenannten Soviet Burnout an, den er für ein Krankheitsbild hielt, das durch den anstrengenden postrevolutionären Alltag entstanden war. Eine Welt der »gleichzeitigen Kämpfe von kulturellen Mustern mit all ihren ideologischen Konflikten verwirrte den Durchschnittsmenschen«, brachte die Psyche des Menschen aus dem Gleichgewicht. Doch dies war kein plötzliches oder gar sowjetisches Phänomen, sondern die Folge von Industrialisierung und Arbeitsteilung. Letztere zwinge den Arbeiter dazu, täglich die gleichen, viel zu einfachen Bewegungen auszuführen: »Ist das etwa noch ein Mensch? Das ist – eine Maschine!« wetterte Bogdanov in einer Schrift gegen den Taylorismus, den er polemisch als Methode karikierte, »wo jemand einen einzigen Finger zu Rekord brechender Kraft entwickeln möchte«. Diese von Gastev in Russland vertretene physiologische Arbeitsoptimierung musste Bogdanov geradezu lächerlich erscheinen, so sehr, dass er ihre Auswirkungen auf den menschlichen Bluthaushalt ausführlich beschrieb: »Um maximale Kraft zu erreichen, muss der Blutfluss für die verschiedenen kleinen Muskeln erhöht werden, sowie die Nervenkraft gesteigert werden muss […]. Die ungleiche Verteilung des notwendigen Blutes kann nur teilweise und zu einem beschränkten Ausmaß durch die Gefäßzentren zusammen mit dem Reflexapparat der ›Aufmerksamkeit‹ bewerkstelligt werden. Weitere Konzentration von Leistung löst rapide und starke Herzkontraktionen aus und eine gesteigerte Aktivität des gesamten Versorgungsapparats«. Und das zöge nichts anderes nach sich als vorzeitige Alterung.

Die Folgen der Industrialisierung seien jedoch nicht nur negativ, denn mit der Zeit würde »die sinnlose mechanische Arbeit […] an richtige Maschinen abgegeben, und der Arbeiter konnte wieder zum Menschen werden«. Damit geriet er aber zum Steuermann von Maschinen, zum Ingenieur, dessen Arbeit primär organisatorische, psychische Tätigkeit war, nicht mehr ausführende, was wiederum zu einer psychischen Überlastung dieses Arbeiters führen musste: »Je mehr der Mensch die Natur erobert, desto stärker wächst die Summe der kollektiven Erfahrung, bis zu derart gigantischen Dimensionen, dass ihre vollständige Erfassung in einer Psyche unvorstellbar ist«. So betraf das Soviet Burnout vor allem »ältere Menschen, verantwortliche Arbeiter und Organisatoren des Lebens, die mit Arbeit überfordert« waren. Die verschiedenen Formen dieser Überlastungen waren »Schwäche, geminderte Arbeitsfähigkeit, Darmträgheit […], Somnambulie«, ferner »allgemeine Abzehrung und teilweise nervöse Erschöpfung« – also zugleich physische und psychische Fehlfunktionen. Denn, davon schien Bogdanov überzeugt gewesen sein, Psyche und Physis beeinflussten einander: »Unter anderem hat unsere Erfahrung gezeigt, dass der Zustand des Bewusstseins eng mit der physischen Gesundheit des Gehirns verbunden ist.« Nur so konnte er versuchen, auch und vor allem psychische Krankheiten durch Bluttransfusionen zu heilen. Und wie viel versprechend musste dieses Verfahren gewesen sein, wenn sogar der Pädologe Aron Zalkind manische und depressive Patienten zur Transfusionsbehandlung schickte.

Unter dem Druck einer sich abzeichnenden, neuen Diktatur sah Bogdanov die Notwendigkeit, seine Arbeiter »in Eile« zu transformieren, und das heißt, effektiver als es die Pädologen, Eugeniker oder Arbeitswissenschaftler vermochten. Letztere könnte er gar als Beitrag zum beklagten Soviet Burnout aufgefasst haben, insofern sie die Desorganisation des Körpers anregten, wenn sie die Sinne mit Schock-Effekten aufrüttelten und so das Reflexsystem manipulierten. Denn »wenn dieses System gestört wird […], dann sind die motorischen Reaktionen des Körpers, ob bewusst oder unbewusst, in einem Massenkonflikt, unangemessen und abnormal zahlreich. Die Person ist erregt, zerrissen, unnötig angespannt usw. All das ist Verschwendung von Energie und bringt die Funktionen der übrigen Organe in Unordnung.« Bogdanov realisierte, dass die Zersplitterungen der Arbeitswissenschaftler die »vitale Koordination« beschädigt hatten und schlug die wechselseitigen Bluttransfusionen als Mittel der Rekonstruktion vor: Der Rekonstruktion des Lebens als einer Einheit von bewussten und unbewussten Aktivitäten, immer im Glauben an eine Physiologie, die quasi automatisch das Leben als soziales, psychologisches und physiologisches Ganzes reorganisieren und harmonisieren könnte: »Je mehr Automatismus es gibt, desto weniger Schwanken gibt es und desto leichter fällt es dem Organisator, seiner Aufgabe Herr zu werden.«

Hierin zeigen sich schließlich auch zwei verschiedene Modelle für das Verständnis von Gesellschaft: ein psycho- und ein physiozentriertes. Ein Modell, das Gesellschaft als Effekt von externen Reizübertragungen verstand wie die Arbeitswissenschaftler und eines, das Gesellschaft als Resultat der Zirkulation interner Körperelemente entwarf. Eines, das Impulse zur Informationsübertragung benötigte und eines, das diese Information durch eine permanente Fliessbewegung entstehen ließ – Gesellschaft als nervöse Erscheinung oder als kollektives Blutbild.

Das ganzheitliche Menschenbild vs. Neuer Mensch?

Bogdanovs ganzheitliches Menschenbild widerspricht der Auffassung, die sich vom Neuen Menschen in die Geschichte eingeschrieben hat als eines auf Effizienz, Automatismus und Disziplinierung hin trainierten, blind den Wissenschaften vertrauenden Opfers der Industrialisierung. Zunächst mag man glauben, dass Bogdanov eine Ausnahmeerscheinung war, quasi eine Gegenpol zu den Arbeitswissenschaften. Doch die Tatsache, dass er von Stalin großzügig unterstützt wurde und seine Nachfolger bis in die fünfziger Jahre am Institut für Bluttransfusionen ebenfalls nach natürlichen Allheilmitteln suchten, spricht gegen diese Erklärung. Es liegt näher, dass die Arbeitswissenschaft eine disziplinäre Voraussetzung für Bogdanovs Forschung darstellte, ebenso wie die Eugenik und Pädagogik. Gegen erstere arbeitete er an, der Eugenik kam er zuvor, die Pädagogik galt es zu unterstützen. Doch trotz allen berühmten Vorboten blieb Bogdanovs ganzheitlicher Ansatz im Gegensatz zur sowjetischen Arbeitswissenschaft völlig unbekannt. Und das obwohl er sich den sozialen Problemen seiner Zeit widmete und dieselben wissenschaftlichen Fragen verhandelte wie die Arbeitswissenschaftler. Oder vielleicht gerade deshalb. Michel Foucault hat dieses Phänomen des verschwindenden Autors auch für die Wissenschaftler beschrieben, die »gefangen sind im Netz all derer, die über ›dieselbe Sache‹ sprechen, Zeitgenossen und ihre Nachfolger: gefangen in einem Netzwerk, das sie alle einwickelt in die Ausbreitung dieser riesigen Struktur ohne Zivilstatus, die man ›Mathematik‹ nennt, oder ›Geschichte‹ oder ›Biologie‹«. Demnach gilt es »zu begreifen wie ein Individuum, ein Name als Anhalt dienen kann für ein Element oder eine Gruppe von Dingen, die, indem sie sich in den Zusammenhang der Diskurse und das unbestimmte Netzwerk der Formen integrieren, eben diesen Namen auslöschen […]«. Die Russische Revolution hat also – wie vermutlich jeder größere gesellschaftliche Umbruch – ein so dichtes Netz an Diskursen entsponnen, dass darin die wenigsten wissenschaftliche Projekte sichtbar werden, oder nur die lautesten, nur die bis heute bekannten Praktiken, wie die der Arbeitswissenschaft und eben nicht die zirkuläre Bluttransfusion. Auch wenn sie mehr für die Befreiung des Arbeiter getan hätte, als es die Arbeitswissenschaften bis heute mit ihren ergonomischen Versprechen vermögen.

 

~Von Margharete Vöhringer. Die Autorin forscht zu experimentellen Praktiken in Kunst und Wissenschaft