Fremde Dinge und Monaden

Warum Adornos Rezeption der Psychoanalyse einen unzureichenden Subjektbegriff voraussetzt

Da weder die historische Objektivität mit Notwendigkeit auf die Emanzipation zusteuert, noch durch die Dominanz einer politischen Avantgarde im trade-unionistischen Klassenkampf die Klasse an sich zur Klasse für sich wird, ist es für die radikale Linke unumgänglich, sich mit den Bedingungen und Strukturen der Subjektivität zu beschäftigen, durch die hindurch das Kapital sich reproduziert und durch die es überwunden werden müsste. Zwar gibt es nach wie vor Frohgemute, die meinen, es bedürfe einfach noch mehr der Agitation, der Aufklärung oder der Einmischung in die reformistischen Kämpfe, dann würde das Bewusstsein schon folgen. Phänomene wie das Opfer für die Nation, das Verprügeln eines Schwulen oder der wieder aufkommende Hang zu Esoterik und Religion lassen aber doch sehr daran zweifeln, dass hier ein »noch nicht« am Werk ist. Offensichtlich richtet sich etwas in der Struktur gegenwärtiger Subjektivität gerade gegen die Aufklärung, gegen die Rationalität, und mit Sicherheit gegen die Emanzipation. 

Karl Marx hat gezeigt, dass die Bewegungsgesetze des Kapitals selbst dazu führen, dass Subjekte als einzelne praktisch gezwungen sind, sich dem Kapital gegenüber affirmativ zu verhalten, und seine Reproduktion mit zu betreiben, egal wie aufgeklärt sie sind. Egal, welche Kritik am Kapital sie haben mögen, sie müssen arbeiten gehen, sprich Mehrwert produzieren, sie müssen einkaufen, sprich den Wert realisieren, und sie müssen sich, sprich die Ware Arbeitskraft, reproduzieren. Egal, wie sehr sie von solidarischem Handeln und gesamtgesellschaftlicher Kooperation überzeugt sein mögen, sie müssen Angst um ihren Arbeitsplatz haben, ihrem Arbeitgeber dementsprechend Erfolg wünschen und sich in der Konkurrenz gegen andere stellen. Ausgehend von der Erkenntnis dieses objektiv notwendigen, falschen Verhaltens, von dieser rationalen Irrationalität, scheint es naheliegend zu sein, auch weitergehende Irrationalitäten, deren immanente Rationalität nicht sofort auf der Hand liegt, aus der Verfasstheit gegenwärtiger Gesellschaften abzuleiten: Zuflucht in Religion und Nation als Reaktion auf die allgegenwärtige Unsicherheit, Gewalt gegen alles, was dem gesellschaftlichen Mainstream nicht entspricht, als gesteigerte Konkurrenz. Dasjenige in der Struktur gegenwärtiger Subjektivität, was sich der Emanzipation entgegenstellt, wäre so selbst ein Produkt der gegenwärtigen Objektivität. Die Theorie des Subjekts wäre so verstanden eine Konkretisierung der Kritik der politischen Ökonomie. 

Die Freud’sche Psychoanalyse behauptet das Gegenteil. Zwar erkennt sie ganz selbstverständlich an, dass es Gesellschaftliches gibt, das das Subjekt bestimmt: »Im Elterneinfluß wirkt natürlich nicht nur das persönliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluß von Familien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweiligen sozialen Milieus. Ebenso nimmt das Über-Ich im Laufe der individuellen Entwicklung Beiträge von seiten späterer Fortsetzer und Ersatzpersonen der Eltern auf, wie Erzieher, öffentlicher Vorbilder, in der Gesellschaft verehrter Ideale.« Die Einflüsse betreffen aber zunächst nur das Überich, nicht das Ich oder das Es, und besonders betreffen sie nur die bestimmten Inhalte der Anforderungen, die das Überich an das Ich stellt, in keiner Weise aber die Struktur des psychischen Apparats, also des Subjekts selbst. Andersherum soll sich bei gesellschaftlichen Sachverhalten wie einer so deutlich mit der kapitalistischen Produktionsweise vermittelten allgemein gesteigerten Nervosität »der schädliche Einfluß der Kultur im wesentlichen auf die schädliche Unterdrückung des Sexuallebens der Kulturvölker (oder Schichten) durch die bei ihnen herrschende ‚kulturelle‘ Sexualmoral« reduzieren. 

Wenn schon nicht der gesamte psychische Apparat, so sind doch zumindest die grundlegenden Triebe, der Eros und beim späten Freud der Destruktionstrieb weit entscheidender für das Subjekt als gesellschaftliche Verhältnisse es sind: »Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung des privaten Eigentums zweckdienlich und vorteilhaft ist. Aber seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiß ein starkes und gewiß nicht das stärkste. An den Unterschieden von Macht und Einfluß, welche die Aggression für ihre Absichten mißbraucht, daran hat man nichts geändert, auch an ihrem Wesen nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden, herrschte fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr armselig war, zeigt sich bereits in der Kinderstube, kaum daß das Eigentum seine anale Urform aufgegeben hat, bildet den Bodensatz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen [...].« So wenig dem Gegenteil zuzustimmen ist, dass die Abschaffung des Privateigentums alle psychischen Probleme automatisch beseitigte, so wenig tragfähig ist die Verabsolutierung der Aggression mit der Rückführung auf einen Grundtrieb und bis in »Urzeiten«. Selbst wenn so ein Trieb vorhanden ist, ist das Verhalten der Subjekte doch wesentlich davon abhängig, in welcher je gesellschaftlich spezifischen Weise dieser Trieb als Moment in der jeweiligen Struktur der Psyche vermittelt ist. Bei Freud ändert die jeweilige Vermittlung am Verhalten nichts Wesentliches: Sobald es so etwas wie »Kultur« gibt, sind psychische Störungen, Neurosen oder Psychosen quasi anthropologische Konstanten, wenngleich in Freuds kulturtheoretischen Schriften deutlich wird, dass unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen verschiedene Häufungen auftreten können. Kein Grund also, die »kultur- und zivilisationskritischen Einsichten der Freudschen Theorie in die verhängnisvolle Dialektik des Fortschritts« zu bewundern. Das für die Psyche Verhängnisvolle dem Fortschritt und der Kultur überhaupt und nicht ihrer gesellschaftlichen Gestalt bis heute zuzuschreiben, ist im Gegenteil eine Enthistorisierung der Geschichte. Für Menschen, die eingesehen haben, dass das Subjekt wesentlich historisch ist, scheint sich die Psychoanalyse als Theorie des Subjekts also von vornherein zu disqualifizieren.

Adornos Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse

Umso erstaunlicher mag es zunächst erscheinen, dass gerade Theodor W. Adorno, der die Geschichtlichkeit des Subjekts zu betonen nicht müde wird, sich – zumindest vor seinem Aufsatz »Postscriptum« – tendenziell auf die Seite der Psychoanalyse schlägt. Dabei ist ihm die Kritik durchaus geläufig: »Man wirft Freud vor, er habe gesellschaftliche und ökonomische Strukturen als bloße Wirkung psychologischer Impulse angesehen, die selber einer mehr oder weniger geschichtslosen Konstitution des Menschen entsprängen. Daß Charakterzüge wie Narzißmus, Masochismus oder das anale Syndrom nicht weniger Produkte von Gesellschaft und Milieu sind, als sie diese bedingen, wird solchen Erklärungsversuchen vorgehalten [...].« Adorno unterstützt diese Kritik auch so weit, dass er meint, der Psychoanalyse selbst müsse »daran liegen, dass das methodologische Problem ihrer Beziehung zur Theorie der Gesellschaft grundsätzlich aufgerollt wird. Darauf hingewiesen zu haben, ist das Verdienst der neofreudschen oder revisionistischen Schule.«

Ein erster Grund, warum Adorno es mit Freud hält, ist, dass seine Gegner so schwach sind. Anstatt an der gesellschaftlichen Vermittlung von Libido und Triebstruktur zu arbeiten, schütten sie das Kind mit dem Bade aus, verzichten ganz auf die Libido und setzen dafür »emotionale Antriebe, Impulse, Bedürfnisse oder Leidenschaften«, die im Gegensatz zu Freuds Trieben nicht weiter in einem Verhältnis zur Struktur des Subjekts verortet werden, sondern »unanalysiert passieren«. So unmittelbar ist dann auch die Integration des Gesellschaftlichen ins Subjekt. Nicht die Eigengesetzlichkeit der Strukturen in Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, bestimmt die Psyche, sondern das »Milieu«. Oder noch weiter heruntergebracht: »Das läuft darauf hinaus, daß ›Störungen im Bereiche der Beziehungen zum Mitmenschen zum Hauptfaktor bei der Entstehung der Neurosen‹ werden.« Die Individuen stehen sich hier als fertige Einheiten gegenüber und verändern lediglich das Erscheinungsbild ihrer Oberfläche durch äußere Beeinflussung. »Während sie [die Revisionisten, O.J.] unablässig über den Einfluß der Gesellschaft aufs Individuum reden, vergessen sie, dass nicht nur das Individuum, sondern schon die Kategorie der Individualität ein Produkt der Gesellschaft ist.« Statt also die Struktur des Subjekts in ihrer gesellschaftlichen Objektivität zu denken, verzichtet sie auf die Entwicklung einer solchen Struktur überhaupt. Eine solchermaßen revidierte Analyse bietet sich in der Tat nicht als Alternative zur freudschen an und verwirft alles, das im Gegensatz weiter zu entwickeln wäre. 

Nicht nur die Unreflektiertheit seiner Gegner aber führt Adorno zum Festhalten an Freud. Gegen jede, auch die reflektierteste kausale Bestimmung der Psyche aus ihrer Gesellschaftlichkeit heraus, wendet er ein, dass diese Bestimmung eine Einheitlichkeit des Gegenstands voraussetzte, während Subjekt und Gesellschaft doch nur in ihrem Gegensatz zueinander zu bestimmen seien: »[I]nneres und äußeres Leben sind voneinander gerissen. Nur durch die Bestimmung der Differenz hindurch, nicht durch erweiterte Begriffe, wird ihr Verhältnis angemessen ausgedrückt.« Die Begründung dafür ist zunächst recht klassisch marxistisch: »Die Menschen vermögen sich selbst in der Gesellschaft nicht wiederzuerkennen und diese nicht in sich, weil sie einander und dem Ganzen entfremdet sind. Ihre vergegenständlichten Beziehungen stellen ihnen notwendig als ein Ansichsein sich dar.« Die Vermittlung der gesellschaftlichen Reproduktion durch Geld und Kapital zwingt Menschen dazu, diese als ihre Lebensmittel zu betrachten und sich zu ihnen zu verhalten – nicht als Kristallisation von Menschen gemachter gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern als bloß Gegebenes, und deshalb als Ansichsein. Dass Menschen sich nicht »wiedererkennen« können, heißt insofern schlicht, dass die Gesellschaft, die das Produkt von Menschen ist, ihnen nicht als ihr Produkt, sondern als ein Äußerliches, Fremdes entgegentritt. Nun muss man aber bei dieser Bestimmung vorsichtig sein mit dem, was man daraus folgert. Die Umkehrung wäre falsch: Einzelner und allgemeiner Wille, individuelles und gesellschaftliches Produkt können in einer arbeitsteiligen Gesellschaft niemals übereinstimmen. Ein direktes »sich wiedererkennen« wäre nur möglich dort, wo der Einzelne ausschließlich für sich selbst produziert, nur seine eigenen Produkte konsumiert und als Mittel weiterer Produktion nutzt. Eine vernünftige Fortführung des Gedankens könnte insofern nur in einem vermittelten Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem bestehen, indem diese sich weiterhin unterscheiden, das eine, das Allgemeine, sich aber nicht allgegenwärtig gegen alle Einzelnen stellt, sondern sich sukzessive ihren Bedürfnissen anmisst. Das Gegenteil von dem, was so missverständlich als »Entfremdung« bezeichnet wird, ist also nicht eine Rückkehr zur unmittelbaren Einheit, sondern eine veränderte Vermittlung, in der das Andere durchaus anders bleibt, nicht aber durchweg feindlich. 

Dass es eine in dieser Weise falsche, feindliche Objektivität gibt, erklärt aber noch nicht, wie und ob diese Objektivität sich als Vereinzelung durchsetzt. Adorno bleibt deshalb nicht bei dem allgemeinen Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem stehen, sondern versucht die Konstitution des Subjekts aus der Gewalt zu erklären, die zwar vermittelt durch das Allgemeine der kapitalistischen Produktionsweise, aber doch je im Einzelnen in jeder konkreten Situation bestimmend ist. Dass schon das Kind in der bürgerlichen Familie unablässig der Gewalt ausgesetzt ist, führt zu einer Abschottung des Psychischen, wie Adorno es ausdrückt: einem »System von Narben«, das sich jeder späteren Handlung, jedem späteren Wunsch zugrunde legt. Die Handlung des Einzelnen im Allgemeinen ist so nie durch direkten Kontakt von Bewusstsein und Welt bestimmt, sondern immer schon durch ein sich Verhärtendes, sich Abschließendes, den psychischen Apparat. Und gerade weil Freud die »schockhafte Struktur der einzelnen Erfahrung« und ihre verhärtende Wirkung gesehen hat, hat er nach Adorno mehr »vom Wesen der Vergesellschaftung gewahrt, indem er gerade bei der atomistischen Existenz des Individuums beharrlich verweilte.«

Dass es eine solche Abschottung gibt, ist kaum von der Hand zu weisen. Die Frage bleibt dennoch, ob Adorno hier nicht die brutale Einwirkung der Gesellschaft an der falschen Stelle ansetzt. Diesem »System von Narben« entgegengesetzt wäre ja ein nicht vernarbtes, heiles oder gesundes Einzelnes, das Adorno sich auch tatsächlich wünscht: »Eine Totalität des Charakters, wie sie die Revisionisten als gegeben voraussetzen, ist ein Ideal, das erst in einer nicht traumatischen Gesellschaft zu verwirklichen wäre.« In solchen Passagen schlägt das Missverständliche im Entfremdungsbegriff auf die Theorie zurück. Bei Adorno verschwimmt beides immer wieder. So sehr er sich bemüht, gegen das Gleichmacherische der abstrakten Vorstellung von Einheit anzugehen und für Individuen sich wünscht, sie könnten ohne Angst verschieden sein, so sehr gerät er immer wieder mit sich in Widerspruch, wenn er gegen die Unwahrheit des falschen Ganzen sich ein richtiges, versöhntes Ganzes wünscht: »das versöhnte Leben, das des gestillten Triebes, das keinen Mangel mehr kennt« oder den »opferlose[n] Zustand [...], der keiner ratio mehr bedürfte.« 

Sinnvoller ist die Vorstellung der fehlenden Vernarbung zu erklären, wenn man genau betrachtet, welche Regungen des Subjekts beschnitten werden und welche nicht, welche spezifischen Triebe also nicht gestillt werden und welche speziellen Opfer gebracht werden müssen. Adornos Meinung nach ist nämlich dasjenige, was sich als Individualität selbst in der Hochphase des Bürgertums entwickelte, beziehungsweise der »Kern, um den der Individuelle Charakter sich kristallisierte«, wesentlich der Tauschakt. Seiner Meinung nach ist dasjenige, was durch die gesellschaftliche Gewalt entsteht, wesentlich die Charaktermaske des Tauschenden. »Das vereinzelte Individuum, das reine Subjekt der Selbsterhaltung, verkörpert im absoluten Gegensatz zur Gesellschaft deren innerstes Prinzip. Woraus es sich zusammensetzt, was in ihm aufeinanderprallt, seine ›Eigenschaften‹, sind allemal zugleich Momente der gesellschaftlichen Totalität.« Wenn das der Fall wäre, bedeutete eine fehlende Vernarbung nicht, dass eine Unmittelbarkeit in der Beziehung von Individuum und Gesellschaft herrschte, sondern dass Verschiedenes sich entwickeln könnte, das nicht mehr am Prinzip des Tausches sich zu messen hätte. Die Idee wäre dann eher die einer freieren Entfaltung, die sich nicht einem übergeordneten Prinzip zu unterwerfen hätte.

Vermittlung 

Zunächst sei einmal davon abgesehen, dass das bestimmende ökonomische Verhältnis auch schon in hochbürgerlichen Zeiten nicht der Tausch, sondern die Kapitalproduktion, und mit ihr nicht das zu tauschende Privateigentum schlechthin, sondern spezifisch das Privateigentum an Produktionsmitteln war, und dass deshalb die Reduktion auf den Tausch immer schon eine schlechte Abstraktion ist, die wenig erklärt. Darüberhinaus hat Adorno hier doch eine zu eindeutige Übereinstimmung von Subjekt und Objekt vor Augen, in das Erste letzten Endes eine abhängige Variable des Letzteren ist, wie sehr auch immer Adorno betont, dass die Struktur des Subjekts die der Objektivität nicht »einfach abbildete«. Das Subjekt ist nicht abstrakt oder determiniert, nicht einfach Produkt der Produktionsweise. Selbstverständlich ist es immer wieder konfrontiert mit Grenzen, die unter der Bedingung der Kapitalproduktion ganz andere sind, als es seien müssten. Das Problem aber ist nicht die fehlende Freiheit, sondern die Weise, in der sie sich vergegenständlicht. Dass Menschen Produkt der Gesellschaft sind, heißt ja nicht, dass sie mit ihr einfach identisch wären. Selbst das Kapital ist nicht mit sich identisch, reproduziert sich nur durch Krisen, Pleiten, Irrwege und Fehlentscheidungen hindurch. Die Determination setzt sich nicht gegen die freie Entscheidung sondern als ihr Resultat durch. Mehr noch als Adorno es tut, müsste man insofern daran festhalten, die Struktur des Subjekts nicht einfach von der Gesellschaft, von der Kapitalproduktion her zu bestimmen, sondern innerhalb der Konstellation, in der sie als gewordene jeweils einen signifikanten Knotenpunkt darstellt, von dem aus das Allgemeine sich noch einmal zu ordnen hat. Genaugenommen ist das Allgemeine für das Subjekt ja gar nicht einfach so zu haben, sondern es muss in seinem theoretischen und praktischen Handeln das Objektive erst subjektiv konstruieren, muss sich eine subjektive Ordnung schaffen, durch die hindurch es in der Welt bestehen kann. Genau aus diesem Grund ist Adorno zuzustimmen, dass das Subjekt Monade ist: »Monade ist es in dem strengen Sinn, daß es das Ganze mit seinen Widersprüchen vorstellt, ohne doch je dabei des Ganzen bewußt zu sein. Aber in der Gestalt seiner Widersprüche kommuniziert es nicht stets und durchgängig mit dem Ganzen, sie rührt nicht unmittelbar von dessen Erfahrung her.« Im Gegenteil stellt sich die Übereinstimmung mit der Objektivität erst durch Fehlschläge in der Ordnung und Einordnung, durch scheiternde Handlungen und theoretische Fehler hindurch her. Das Subjekt ist gerade insofern nicht allgemein vorzustellen als ein passives Opfer der Objektivität. Wenn Adorno und Horkheimer schreiben: »Das Subjekt schafft die Welt außer ihm noch einmal aus den Spuren, die sie in seinen Sinnen zurücklässt [...], und es konstituiert damit rückwirkend das Ich«, dann klingt ist das eine sehr ähnliche Vorstellung, in der aber gerade das Moment der Praxis nicht betont wird. Das Subjekt konstruiert nicht nur als passiven Sinneseindrücken, sondern es bewegt sich aktiv in das Reale hinein, um es und damit sich selbst zu konstruieren. Wir sind nicht »Gefangene unserer Konstitution«. Die Objektivität wird für das Subjekt im Gegenteil erst durch sein Handeln. Absurd ist es insofern, das einzelne Scheitern, das zur Herausbildung der Objektivität der subjektiven Ordnung führt, als Narbenbildung zu bezeichnen. Ohne die Narben ist nichts Unvernarbtes, was zu bewahren wäre. Das Subjekt ist erst je die Ordnung, die es konstruiert. Das Problem ist nicht, wie Adorno meint, schon die Vereinzelung, nicht, dass der »Wunsch, Individuum zu sein, [...] verstümmelt« ist. Individuen sind gegenwärtige Menschen schon genug. Das Problem ist nicht Begrenztheit, sondern es sind erst die spezifischen Grenzen, die dem Subjekt durch die Bewegungsgesetze des Kapitals gesetzt sind. Das Problem ist insofern auch nicht, dass sich das Subjekt zu einer festen Ordnung macht, nicht dass »das Individuum ohne Rest in lückenlose Organisation« eingefangen wäre, sondern die spezifische Gestalt der Organisation, die es sich geben muss, in Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht. Die Ordnung ist und bleibt das Produkt von Praxis und das aktive Moment bleibt insofern für sie bestimmend. Nicht ein Rest oder ein Ungeordnetes ist gegen die Totalität der Organisation ist zu erkämpfen sondern die Richtung der Aktivität auf die Umordnung der Ordnung.

Adorno analysiert für die Gegenwart, es habe angesichts der »Ohnmacht des Individuums – aller Individuen – […] bei der Erklärung gesellschaftlicher Vorgänge und Tendenzen die Gesellschaft, und die mit ihr befaßten Wissenschaften Soziologie und Ökonomie, den Vorrang«; auch dort, wo die Handlung von Individuen integraler Bestandteil der Produktion und Reproduktion der Vorgänge und Tendenzen ist: »Auch wo das Individuum individuell, doch im Sinne Max Webers gesellschaftlich handelt, ist das Organ solchen Handelns, die ratio, wesentlich gesellschaftliche, nicht psychologische Instanz.« Ein solches Urteil folgt, wenn man vorher das Subjekt romantisiert als einen unreglementierten Rest gegen die Regelung betrachtet hat. Wenn dieser Rest nicht mehr zu sehen ist, ist guter Rat teuer. Ist dagegen Subjektivität gerade dasjenige, was sich durch die Konstruktion der Ordnung erhält und verwirklicht, so bleibt die Frage, wohin sich die Konstruktion richtet, entscheidend. Nicht die Konstruktion schlechthin stellt sich der Emanzipation entgegen, sondern eben eine bestimmte Ausformung der Konstruktion. Die Alternative ist nicht die zwischen unreglementiertem Rest als letzter Hoffnung auf der einen Seite und totaler Konstruktion auf der anderen. Gerade in der Ordnung als einer des Subjekts liegt das Potential der Umordnung. Gegen Adorno wäre daran festzuhalten, dass auch heute nicht nur das Handeln der Individuen von der Objektivität her, sondern umgekehrt auch die Objektivität, wie sie sich spezifisch dem konstruierenden Subjekt entgegenstellt, zu betrachten ist; auch und gerade mit der Frage, wo die Beziehung der Strukturen Verschiebungen derselben ermöglicht, die der emanzipatorischen Praxis vorausgesetzt sind. Eine Psychoanalyse, die, mit Adorno, »das methodologische Problem ihrer Beziehung zur Theorie der Gesellschaft grundsätzlich auf[...]rollt«, mag daran einen entscheidenden Anteil haben.

Oliver Jelinski

Der Autor lebt in Berlin. 

Fußnoten

  1. Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse, Frankfurt a.M. 1994, 43.
  2. Ders., Die »kulturelle« Sexualmoral und die moderne Nervosität, in: ders., Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt a.M. 1974, 16.
  3. Ders., Das Unbehagen in der Kultur, in: Ebd., 242.
  4. René Wiegel, »Die schlechte Aufhebung des bürgerlichen Subjektbegriffs«, 2001, http://www.trend.infopartisan.net/trd1001/t261001.html.
  5. Theodor W. Adorno, Die revidierte Psychoanalyse, in: ders., Gesammelte Schriften (GS), Bd. 8.1, Frankfurt a.M. 1972, 20.
  6. Ebd., 20f.
  7. Das macht das Lesen von »Die revidierte Psychoanalyse« an verschiedenen Stellen extrem ermüdend. Es gelingt Adorno nicht gerade, den Gegner dort zu fassen, wo er am stärksten ist, stattdessen werden offenkundige Unzulänglichkeiten kritisiert, die sich schon von selbst ad absurdum führten, ohne, dass es der Kritik bedürfte.
  8. Ebd., 22. Adorno zitiert hier Karen Horney, Neue Wege in der Psychoanalyse, Stuttgart 1951, 21.
  9. Ebd.
  10. Ebd., 26. Zitat im Zitat wiederum Horney, Neue Wege, 9.
  11. Ebd.
  12. Theodor W. Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: ebd., 45.
  13. Ebd., 44f.
  14. Adorno, Die revidierte Psychoanalyse, 24.
  15. Ebd.
  16. Adorno, Drei Studien zu Hegel, in: ders., GS 5, 277.
  17. Adorno, »Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie«, 48.
  18. Ebd, 55.
  19. Ebd.
  20. Ebd.
  21. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, GS 3, 213f.
  22. Theodor W. Adorno, Drei Studien zu Hegel, GS 5, 255.
  23. Ebd., »Die revidierte Psychoanalyse«, 41.
  24. Theodor W. Adorno, »Postscriptum«, GS 8.1., 86.
  25. Ebd.
  26. Ebd., 20f.