Fliehend eine Waffe suchen

Einer Einführung haftet immer etwas Unbefriedigendes an, steht sie doch stets vor einer gleichermaßen unattraktiven Alternative: Entweder reißt sie schillernde, aber sperrige Begriffe aus dem Kontext ihres Funktionierens im Text, überführt sie in die vertraute Sprache der LeserInnen und passt sie schließlich in reproduzierbare Argumentationsmuster ein. Oder die Einführung wiederholt im Bemühen, die Begriffe nicht durch Verkürzung oder Übersetzung zu beschädigen, lediglich die Worte des Originals, ohne sie deutend zu überschreiten. Kurz: Die erste Variante löscht durch scheinbar präzise Erklärungen die Bewegung und die Faszination des Textes aus, die zweite bewahrt diese zum Preis, nur unwesentlich zum Verständnis der Autor-Innen beizutragen. Diese Alternative – und nur schlechte PhilosophInnen ersparen diese Wahl – drängt sich umso schmerzhafter auf, je stärker die Begriffe von ihrer Bewegung im Text, von der Distanz zum Gewohnten leben. Dies gilt insbesondere für die politische Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari, zeichnet sich diese doch nicht nur durch die Erfindung zahlreicher neuer Begriffe aus (Wunschmaschinen, Gefüge, Kriegsmaschine, Rhizom, Deterritorialisierung etc.), sondern steht zudem unter dem Verdacht, anstatt eines kohärenten Denkens lediglich versprengte Ansätze oder abgebrochene Assoziationsketten zu versammeln. Die Vorwürfe sind bekannt: Ein theoretischer Anarchismus zweier »heiliger Narren«, die nichts als »eleganten Unsinn« produzieren.

Vor diesem Hintergrund beeindrucken Ralf Krause und Marc Rölli in dieser ersten umfassenden deutschsprachigen Einführung zur politischen Philosophie von Deleuze und Guattari: Behutsam und mit hohem Bewusstsein für den drohenden Präzisionsverlust öffnen sie die hermetischen Begriffe der beiden Philosophen einer zugänglichen Sprache und entfalten diese, ohne sie in ein System zu zwängen und bewahren so ein gewisses Maß ihrer Faszination. Den Einstieg dafür bildet Deleuzes und Guattaris Konzept des Demokratisch-Werdens. Dieses gewinnt zunächst Kontur, indem es Ansätzen gegenübergestellt wird, die um einen fundamentalen Mangel, eine zentrale Leerstelle kreisen. Prominent dafür stehen heute etwa die radikalen Demokratietheorien oder die Idee einer Demokratie im Kommen (démocratie à venir), welche Züge einer negativen Theologie aufweist. Gegen diese Modelle des Mangels – zu denen auch utopische oder repressionslogische Ansätze zählen – entwerfen Deleuze und Guattari eine politische Philosophie der Immanenz. Diese nimmt ihren Ausgangspunkt in der produktiven Aufnahme von Humes Assoziationslehre, gemäß der in der Einbildungskraft ein Netz von Verbindungslinien zwischen Vorstellungen und Affekten erzeugt wird, die stets aufs neue in überraschenden Wendungen und reaktiv auf praktische Erfordernisse bezogen werden. Gesellschaft wird hier als imaginäre Institution sichtbar, die sich in ihren Gewohnheiten der Einbildungskraft und den immer neu geknüpften Verbindungen stabilisiert, aber auch durch mikrologische Veränderungsprozesse subvertiert werden kann. Diese politische Dimension jedoch, das Zusammenspiel von molaren Institutionen und molekularen Werdensprozessen, tritt bei Deleuze erst in der Zusammenarbeit mit Guattari im Anti-Ödipus und Tausend Plateaus in das Zentrum der Aufmerksamkeit. In Bezug auf diese beiden Bücher entwickelt die Darstellung von Krause und Rölli ihre größten Stärken: Zum einen lassen sie die faszinierenden, aber schwierigen Begriffe wie Wunschmaschine, Gefüge, Kriegsmaschine oder Vereinnahmungsapparat fassbar werden, zum anderen arbeiten sie die Unterschiede heraus, die diese Ansätze von Foucaults oder Butlers Denken trennen. Schließlich entfalten sie den Begriff des Minoritär-Werdens, den Deleuze und Guattari in ihrer Kafka-Studie einführen und der vielleicht ihre politische Ethik enthält: ein stets bewegliches Verfehlen der majoritären Standards, das aufgrund seiner Prozesshaftigkeit nicht mit einer identitären Politik oder dem Status von marginalisierten Gruppen zusammenfällt. Entsprechend fehlt freilich auch die Vorstellung einer befreiten Gesellschaft, aber es geht – in den Worten Deleuzes – auch nicht um eine abstrakte Freiheit, sondern um einen Ausweg. So steht am Ende ein Begriff der Mikropolitik, der die Bedeutung der lokalen Kämpfe betont, die vielfältigen, molekularen Verschiebungen, die Fluchtlinien einer Gesellschaft und damit verbundenen Herausbildungen neuer Gewohnheiten.

Legt man schließlich diese Einführung beiseite, so überkommt einen für einen kurzen Moment das Gefühl, Deleuzes und Guattaris politische Philosophie vollständig erfasst, das Beunruhigende und Verwirrende jener Begriffe, die sie bevölkern, im Lichte klarer Beschreibungen aufgelöst zu haben. (Ein erneuter, selbstgewisser Blick in die Tausend Plateaus jedoch löst die Klarheit auf und reißt das Denken wieder auf ihren Linien fort.)



Ralf Krause/Marc Rölli: Mikropolitik. Eine Einführung in die politische Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Mit einem Essay von Manola Antonioli, (Reihe: es kommt darauf an, Bd. 10), Turia + Kant, Wien/Berlin 2010, 143 S. € 14,00.

HELENE DRILCHA