Europa und das sozialistische Erbe Jugoslawiens

Im Jahre 1999 wies der französische Philosoph Etienne Balibar in einem Vortrag in Thessaloniki darauf hin, dass »das Schicksal der europäischen Identität als solcher in Jugoslawien und allgemei­ner auf dem Balkan ausgetragen wird (obschon es nicht der einzige Ort des Aushandlungsprozesses ist)«. Europa stünde dabei vor der Alternative: »Entweder nimmt es die Situation auf dem Balkan nicht als eine ihm aufgehalste pathologische Nachwirkung von Unterentwicklung oder Kommu­nismus, sondern als Resultat seiner eigenen Ge­schichte an, die es konfrontiert, die es löst und darüber zu Veränderung gelangt. Nur dadurch wird Europa vermutlich wieder möglich werden können. Oder aber es verweigert sich der Auseinanderset­zung, behandelt das Problem weiterhin als ein ihm äußeres Hindernis, was es mit äußeren Mitteln, inklusive Kolonisierung zu lösen versucht.«

Europa, so meine These, erscheint heute so­gar weniger möglich und selbstreflektiert als es noch vor zwei Jahrzehnten während des Krieges in den jugoslawischen Nachfolgestaaten war. Im Gegenteil, das europäische Projekt scheint am kritischsten Punkt seiner Geschichte angelangt, und nicht wenige sprechen bereits von seinem Ende. Es macht den Eindruck, als würde von Euro­pa in Zeiten, in denen es von der globalen ökono­mischen Krise erfasst und von Maßnahmen der Austeritätspolitik polarisiert ist, in denen es die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Os­ten und den damit einhergehenden Anstieg von Xenophobie und aufstrebenden rechten und fa­schistischen Gruppierungen zu bewältigen hat, als würde in dieser Zeit Solidarität als grundle­gendes Prinzip des europäischen Projektes auf­gekündigt und »eine leere Hülle, ein Objekt der Schande und des verdienten Sarkasmus« zurückbleiben.

Globale Prozesse wie Neoliberalisierung, die Kommodifizierung von Bildung, Gentrifizie­rung und die Dezimierung öffentlicher Räume zeigen gegenwärtige Momente der Krise auf. Sie sind sowohl in den Zentren Europas als auch an seinen Rändern sichtbar. Entlang dieser neuen Umstände könnte die Relevanz einiger dichoto­mer Setzungen, markiert durch zahllose »posts« und »ismen«, ebenso wie die Basis der EU-Mit­gliedschaft in Frage gestellt werden. Spielen in Zeiten, in denen sich Europa in Arme und Reiche aufspaltet – erkennbar an den Routen der Migra­tionsbewegung – alte Trennungen wie jene in West- vs. Osteuropa (»kapitalistisches« vs. ehe­mals sozialistisches Europa), Europa vs. den Bal­kan überhaupt noch eine signifikante Rolle?

Trotz der Neuordnung der symbolischen eu­ropäischen Landkarte und neuer Disziplinie­rungsmechanismen, vor denen auch EU-Mit­gliedsstaaten wie Griechenland, Portugal, Italien, Irland oder Spanien nicht gefeit sind und die da­mit auch große Teile der Bevölkerungen originär europäischer Staaten betreffen, verlieren die alt­bekannten Muster des »Othering« und des Aus­schlusses nicht an Prominenz und gestalten auch heute die politischen Prozesse in Europa. Diese stechen besonders in dem von Etienne Balibar be­nannten Gebiet – dem ehemaligen Jugoslawien – hervor. Dort zeigt sich Slowenien momentan um starke Abgrenzung zu seinen Nachbarn bemüht; in Kroatien lässt sich ein spürbarer konservativer Backlash sowie die nachträgliche Verharmlosung des während des Zweiten Weltkriegs eingesetz­ten faschistischen Marionettenstaats beobach­ten; Serbien rehabilitiert seine Nazi-Kollabora­teurInnen, während im ethnisch hoffnungslos zerstrittenen Bosnien keine politische Handlung auf der Grundlage bürgerlichen Staatsbürger­schaftsrechts möglich erscheint; korrumpierte Politiker und Institutionen sowie ein zunehmen­der Verlust ihrer Legitimität lassen sich in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens beobachten.

Diese ideologischen Prozesse werden von einer ökonomischen Umstrukturierung begleitet, in deren Zuge Bürger- und Arbeitnehmerrechte dramatisch eingeschränkt werden. Obgleich die­se Umstrukturierungen auch im Rahmen globaler Entwicklungen stehen, sind die lokal-historischen Bedingungen in den Blick zu nehmen. Diese hän­gen stark mit der Tilgung der sozialistischen Er­fahrung, der Gleichsetzung von Sozialismus und Nationalsozialismus – auf europäischer Ebene und insbesondere in den Gesellschaften der post-sozialistischen Staaten selbst – sowie mit der Relativierung der historischen und universellen Bedeutung des Antifaschismus zusammen. Die amerikanische Anthropologin Kristen Ghodsee weist auf den Effekt hin, den die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus auf europäischer Ebene nach sich zieht: Sie ist eng verbunden mit und wird zusätzlich beschleunigt von der ökonomischen Krise in Europa.

Den im Jahre 2008 vom Parlament in Brüssel ausgerufenen »Europäischen Tag zum Gedenken an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozia­lismus« nahmen viele post-sozialistische Länder zum Anlass, Mahnmale für alle Opfer totalitärer Regime zu errichten sowie Museen und andere Institutionen zur Erforschung dieser Regime auf­zubauen. Diese Entwicklungen sollten vor dem »Hintergrund wachsender sozialer Proteste ge­gen die globale Finanzkrise und die Instabilität der Eurozone in Griechenland und Spanien« und »im Kontext regionaler Ängste vor einer wiederer­starkenden Linken betrachtet« werden.

Dieser Artikel hebt die enge Verbindung zwi­schen revisionistischen Prozessen, wirtschaftli­cher Verarmung und der Art und Weise, wie »Eu­ropa« die Gesellschaften Ex-Jugoslawiens in den Beitrittsverhandlungen behandelt hat, hervor. Die in den Gesprächen von Seiten der europäischen Union vorgenommene Darstellung vom Sozialis­mus als ein explizit nicht europäisches Erbe machte es den Bürgern nahezu unmöglich, sich bei politischen Forderungen für Gegenwart und Zukunft auf ihre sozialistische Vergangenheit zu berufen. Dadurch verlor Europa das Potential ei­ner emanzipatorischen Idee, auf die sich die Bür­ger, progressive Individuen und Gruppen positiv beziehen konnten. Stattdessen ergab sich eine unheilvolle Allianz aus den Handlungen und De­batten der europäischen Institutionen und den nach wie vor nationalistisch gesonnenen Eliten der post-jugoslawischen Gesellschaften.

Ein Unort: Vom politischen Polygon zur Wüste des Post-Sozialismus

Die sozialistische Vergangenheit und die verhee­rende ethnische Gewalt, die die Auflösung Jugo­slawiens in den 1990er Jahren begleitete, zog eine abermalige Verstärkung paternalistischer und kolonialartiger Haltungen nach sich. In dieser wird der Balkan von Europa als ein innerer, an der Peripherie gelegener Fremdling wahrgenommen, der beaufsichtigt, verwaltet und ständige Unter­stützung aus den europäischen Zentren der Macht erhalten muss. Die Auffassung, nach der der Balkan eine Form der kolonialen Verwaltung benötige, um Frieden und die Entwicklung des ge­samten europäischen Kontinents zu gewährleis­ten, spiegelte sich ab Anfang der 1990er Jahre vielfältig in wissenschaftlichen Beiträgen und auch pseudo-akademischer Literatur wieder. Der Kanadier Michael Ignatieff beispielsweise identi­fizierte die Abwesenheit bedeutender Großmäch­te auf dem Balkan als einen Grund für die dorti­gen Konflikte: »Die Bevölkerung des Balkans sieht sich der Situation ausgesetzt, keinen Schlichter imperialer Größe zur Verfügung zu ha­ben, an den sie sich wenden können. So nimmt es nicht wunder, dass sie, vollkommen enthemmt durch das Fehlen einer übergeordneten Macht, selbst miteinander abrechneten; was ihnen zuvor durch die Gegenwart des Großreichs versperrt war.« Robert Kaplan hält in seinem Buch Balkan Ghosts (1993) fest, dass »nur westlicher Imperia­lismus – obgleich nur wenige sich mit der Be­zeichnung werden anfreunden können – den euro­päischen Kontinent einigen und den Balkan vorm Chaos bewahren kann.« Diese Einstellung gegen­über den post-jugoslawischen Ländern wurde aufrechterhalten durch zwei dominante Bilder: Eines zeichnet diese Gesellschaften als leere Ge­bilde (»polygons«), in denen allerlei politische, staatliche und soziale Experimente durchgeführt werden können; das andere begreift Gesellschaf­ten und Bürger als unreife Kinder, deren Unfähig­keit, Verantwortung zu übernehmen und vernünf­tige Entscheidungen zu treffen, Führung, Beleh­rung und dauernde Kontrolle erfordert.

Das von der »internationalen Gemeinschaft« im Nachgang der Konflikte der 1990er Jahre ge­wählte Herangehen verstand sich explizit als mis­sion civilisatrice: Die RepräsentantInnen verstan­den ihre Maßnahmen als Beitrag, den ehemaligen jugoslawischen Staaten Demokratie und Respekt vor dem Gesetz beizubringen. Der Demokratisie­rungsprozess erforderte eine Art kolonialer Ver­waltung und wurde als Voraussetzung für die Eu­ropäisierung dieser Länder betrachtet. Als »neue« und »leere« Räume wurden sie als Experi­mentierfelder betrachtet, in denen der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft »von Grund auf« erprobt werden könne. Das größte dieser Ex­perimente ist der Prozess des so genannten Übergangs, der als schier endloses Experimentie­ren in politischen, sozialen und ökonomischen Feldern betrachtet werden kann. Die EU mit ihrer »transformierenden Kraft« ist der entscheidende Akteur dieses Experiments. Gemeinsam mit an­deren internationalen Organisationen, wie der Welthandelsorganisation und dem Internationa­len Währungsfond, leitete die EU den Transforma­tionsprozess vom Post-Sozialismus hin zum neo­liberalen Paradigma der Privatisierung, der Dere­gulierung und des freien Markts mit einem Mini­mum an staatlicher Präsenz. Solche EU-geführ­ten Prozesse zeitigten auf dem Balkan vielfach ungewollte Konsequenzen. Sie legitimierten lo­kale politische Eliten, die »in räuberischer Manier staatliches Vermögen abzogen« und die die schwerwiegenden neoliberalen Reformen als Notwendigkeit der EU-Beitrittsverhandlungen verkauften. So zeigen beispielsweise die Unter­suchungen des Anthropologen Slobodan Naumovic über die Umwälzungen des Agar-Sek­tors in Serbien wie Europäisierung in diesem Rahmen nicht nur Rationalisierung und Intensi­vierung der Produktion, sondern auch Landnah­me, systematische Korruption sowie die Be­schränkung des Zugangs zu natürlichen Ressour­cen und Agrarland nach sich zogen. Der »histori­sche Sieg« von riesigen landbesitzenden Unter­nehmen war die zentrale Errungenschaft dieses Prozesses der Europäisierung.

Die Menschen in den postjugoslawischen Gesellschaften werden von den Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft nicht nur als Volk ohne Geschichte adressiert, sondern auch als eines ohne Unabhängigkeit und mit nur einge­schränkter Fähigkeit rationaler Entscheidungs­kraft. In einem Interview illustrierte Slavoj Žižek diese Haltung mit einem Beispiel aus dem Koso­vo, wo eine internationale Kampagne für Toleranz zwischen SerbInnen und AlbanerInnen mit einer Plakataktion warb, auf der unter dem Bild eines Hundes und einer Katze zu lesen war: »Wenn sie zusammenleben können, warum solltet ihr es nicht schaffen?«

Die als leere Gebilde, als »polygons« ge­dachten Staaten wurden im Verlauf des beinahe 20 Jahre währenden »Übergangs« weiter in die Armut getrieben und in eine »Wüste des Post-Sozialismus« verwandelt, eine Art Deponie für alles, was Europa selbst nicht auf seinem Grund­stück stehen haben wollte. Die Länder wurden eine Pufferzone, um Flüchtlinge aus den Konflikt­zonen Syrien, Irak oder Afghanistan aus der EU herauszuhalten, und ein Ort, um Industrien aufzu­bauen, die ernsthafte ökologische Schäden für die lokale Bevölkerung bedeuten und in denen sie zugleich für niedrige Löhne, oftmals schwarz, mehr Stunden schuften durften, als es das Ar­beitsrecht je erlauben würde.

In den Diskursen über ihren Beitritt zur EU werden die ehemaligen jugoslawischen Gesell­schaften oftmals als Kinder und Studenten dar­gestellt, die ihre Hausaufgaben erfüllen müssen und die für ihre Leistungen benotet werden. Sol­cherlei Bilder reproduzieren und legitimieren die paternalistische Haltung der EU: Kinder können für Handlungen nicht vollkommen verantwortlich gemacht werden; sie verhalten sich irrational und benötigen entsprechende Unterstützung, Auf­sicht und Erziehung. Boris Buden stellt heraus, dass der in diesem Bild angelegte Ausdruck von den »Kindern des Kommunismus« keine Metapher darstellt, sondern das Symptom einer Vorstellung ist, in der der »Übergang zur Demokratie« als ra­dikaler Wiederaufbau bei Null beginnt. Buden weist ferner auf das Paradox hin, welches »den Jargon des postkommunistischen Übergangs ausmacht: Diejenigen die ihre politische Reife in den so genannten ›demokratischen Revolutio­nen‹ von 1989–90 bewiesen, wurden danach, quasi über Nacht, zu Kindern gemacht.« Dieses Para­dox basiert auf der »zynischen Idee, dass die Menschen, die ihre Freiheit durch eigenen Kampf erlangten, nun lernen müssen, sie ordnungsge­mäß zu genießen.«

Diese in den europäischen Machtzentren von Politikern der Mitgliedstaaten und EU-Offizi­ellen dominierten Diskursmuster und Bilder des Balkans werden von den Gesellschaften des ehe­maligen Jugoslawien internalisiert und von den lokalen Eliten als machtvolle Mittel angewendet, um die Beziehungen zur EU neu zu definieren. In den Ländern des Balkans, die bereits Mitglied der EU oder auf gutem Wege zum Beitritt sind, bedie­nen die Machthaber Argumentationen, die iden­tisch sind mit jenen, denen sie selbst ausgesetzt waren oder sind. Sie bieten in der Regel Hilfe an, was eine Konstante im kolonialen Diskurs aus­macht, drohen aber auch oftmals, den Aufnahme­prozess ihrer Nachbarn zu blockieren oder blo­ckieren ihn tatsächlich, so wie Slowenien es in Aufnahmeverhandlungen mit Kroatien aufgrund von ungeklärten Grenzstreitigkeiten tat; oder so wie Kroatien derzeit die Verhandlungen mit Serbi­en behindert. Während des durch die Flüchtlings­krise aufkommenden Konfliktes zwischen serbi­schen und kroatischen Behörden über die Ein­richtung der Flüchtlingsroute gab der kroatische Premierminister Zoran Milanovic mehrfach zu Protokoll, dass Kroatien nicht mit Serbien, son­dern nur mit Brüssel verhandeln werde. Kroatien, so Milanovic, sei ein Adler, Serbien dagegen eine Fliege, und Adler sprächen nicht mit Fliegen.

Nicht-Zeit: Sozialismus und die Idee von Europa

Das Bild der Gesellschaften im ehemaligen Ju­goslawien als leere und verlassene von Kindern bewohnte Länder impliziert, dass dieser Teil Euro­pas über kein Erbe verfügt, welches in gegenwär­tige Auseinandersetzungen, Strategien und Visi­onen über die Zukunft integriert werden kann. In Bezug auf die Debatten um die Mitgliedschaft dieser Gesellschaften in die EU ist Europa als Konzept untrennbar mit der Vorstellung von Zu­kunft verknüpft. Das lineare Bild der von der Ver­gangenheit in die Zukunft fließenden Zeit be­schwört eine Idee des Fortschritts, in der alles Vergangene reaktionär, rückwärtsgewandt und unentwickelt ist, während die Zukunft mit der Vor­stellung von Entwicklung und Fortschritt assozi­iert wird. Solch eine Wahrnehmung wird befördert von Kommentaren in der medialen und politi­schen Debatte, in der der Beitritt zur EU als »Ent­scheidung für die Zukunft« und als der »endgülti­ge Bruch mit der rückwärtsgewandten Vergan­genheit« gedeutet und mit der Raummetapher, nach der »der Fortschritt auf dem Weg nach Euro­pa liege«, unterstützt wird.

Für beide, europäische Politiker wie lokale politische Eliten, fungiert der Sozialismus als An­tipode zur europäischen Identität. Darum wurde der Beitritt von Slowenien 2004 und von Kroatien 2013 als »Heimkehr« nach einer aufgezwungenen, befremdlichen und besser schnell zu vergessen­den Episode des Sozialismus verkauft. Die Til­gung jedweder Erinnerung an einen »gelebten Sozialismus« von der Liste des europäischen Er­bes zeitigt tiefgreifende Konsequenzen für die ehemaligen jugoslawischen Gesellschaften, wie auch für das europäische Projekt selbst. Die Fol­gen sind besonders gravierend in den drei Berei­chen, die sich für die Zukunft des Projekts als elementar darstellen: die europäische Geschich­te der Arbeit und der Raum, den kollektiv organi­sierte Industriearbeit im Sozialismus in dieser Geschichte einnimmt; die Geschichte linker Ide­en und Bewegungen und die Rolle, die der Sozia­lismus Osteuropas darin spielte; sowie Antifa­schismus als ein zentrales europäisches Prinzip und die Bedeutung, die dem Antifaschismus im ehemaligen Jugoslawien und östlichen Europa in der europäischen Geschichte des Antifaschis­mus zukommt.

Die radikale Industrialisierung und Moderni­sierung vom vornehmlich ländlichen Jugoslawien während der Ära des Sozialismus war Teil eines breiteren europäischen Modernisierungsprojekts. Für den überwiegenden Zeitraum des 20. Jahrhun­derts teilte Europa die Vision einer Zukunft, die mit Industrialisierung, Urbanisierung und Moder­nisierung assoziiert war. Zygmunt Bauman erin­nert daran, dass es die Moderne mit ihrer Bot­schaft der Aufklärung war, in der Kapitalismus und Sozialismus auf »ewiglich miteinander verheira­tet« wurden. Charity Scribner diskutiert die Ro­mane von John Berger und Leslie Kaplan, in denen »permanent Parallelen zwischen dem Arbeitsle­ben in Frankreich und Mitteleuropa, besonders Polen während den Jahren von Solidarnosc gezo­gen werden.« Scribner zufolge »offenbart eine kri­tische Lesart ihrer Werke das Ausmaß der intel­lektuellen Verausgabung des Westens in einem idealisierten ›anderen Europa‹ in den 1970er und 80er Jahren« und macht die beiderseitigen emoti­onale Beteiligung und die Inspiration zwischen Ost und West trotz Trennung durch den eisernen Vorhang deutlich. Allerdings wurde die sozialis­tische Industrialisierung niemals wirklich in die europäische Arbeitergeschichte aufgenommen und als Teil ihres kulturellen Erbes begriffen. Die Errungenschaften der sozialistischen Modernisie­rung – die Anhebung des Lebensstandards, der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, die Möglichkeit sozialen Aufstiegs, Sozialversi­cherung und Selbstverwaltung als eine Form poli­tischer Vertretung politischer Subjekte – erweisen sich als überaus relevant in der Bewältigung der gegenwärtigen Krise in Europa. Gleichwohl kön­nen die BürgerInnen der post-jugoslawischen Ge­sellschaften, die selbst Akteure dieser Moderni­sierung waren, keine Forderung nach Alternativen zum herrschenden neoliberalen Regime vorbrin­gen, da ihre Erfahrungen als illegitim, abweichend, totalitär und lähmend erachtet werden. Die Politi­kerInnen der ehemaligen jugoslawischen Gesell­schaften schieben die Verantwortung für die de­saströse wirtschaftliche Situation auf die Bürge­rInnen selbst, denen sie Unfähigkeit oder Unwillen vorhalten, sich der neuen, marktorientierten Rea­lität anzupassen, die Eigeninitiative und Eigenver­antwortlichkeit erfordert. Gründe für diese Unfä­higkeit bzw. den Unwillen »für sich selbst zu sor­gen« werden mit dem problematischen Erbe des Sozialismus erklärt, in dem die Menschen dem Glauben anhingen, der Staat oder jemand anderes würde oder sollte für sie sorgen. Solch eine Sicht­weise auf den Sozialismus begünstigt in den post-jugoslawischen Gesellschaften nicht nur die ra­sante Abwicklung des Sozialstaates – rücksichts­lose Privatisierung, Eindampfung von Arbeitneh­merrechten und Beschränkungen zum Zugang von Gesundheitsversorgung und Bildung –, sie dient auch als griffige Erklärung für ganz unterschiedli­che Formen reaktionärer politischer Haltungen von den 1990er Jahren bis heute. »Die Kinder des Kommunismus« streben demnach nach autoritä­ren Vaterfiguren, wie sie sie in der Figur von Josip Broz Tito während des jugoslawischen Sozialis­mus vorfanden. In ähnlicher Weise wird die geleb­te Erfahrung des Sozialismus durch das Label des Totalitarismus von der Geschichte der Linken im lokalen, europäischen und globalen Maßstab aus­geschlossen. Auf lokaler Ebene werden Spuren dieser Geschichte durch die Umbenennung von Straßen, Schulen und anderen Institutionen, durch eine radikale Umgestaltung der schulischen Curri­cula und der Gedächtnislandschaft marginalisiert oder ausradiert. Außenstehende Beobachter der Region interpretieren die emotionale Verbunden­heit zur linken, internationalistischen und antifa­schistischen Erfahrung oftmals zu leichtfertig als eine eigentümliche Pflege einer Jugo-Nostalgie und eines Persönlichkeitskultes um Josip Broz Tito. Neuere linke Initiativen knüpfen ebenfalls nicht an diese Erfahrung an, sondern vermeiden sie eher als Bezugspunkt, womit sie zugleich die notwendige Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte des Sozialismus umgehen. Indem die Neue Linke sich vom Sozialismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts distanziert, trägt sie paradoxerweise zur sozialen Einschläferung bei, die die Grundlage für die Ideologie des Übergangs bildet und die das ehemalige Jugoslawien in eine Wüste des Post-Sozialismus verwandelt: »Soziale Widersprüche des Post-Kommunismus, wie die wachsend Kluft zwischen Arm und Reich, der Ab­bau jedweder Formen sozialer Solidarität, enorme soziale Ungleichheit – sie alle bleiben unangetas­tet. (…) Diese soziale Anästhesie ist eines der auf­fälligsten Symptome der post-kommunistischen Transformation.«

Auch der antifaschistische Kampf während des zweiten Weltkrieges kann nicht abgetrennt werden von dem sozialistisch-föderativen Staat, der zwischen 1943 und 1991 existierte. Aus die­sem Grund bedeutet die auf europäischer Ebene vorgenommene Reduktion des Sozialismus auf ein totalitäres Regime zugleich die Marginalisie­rung des jugoslawischen Antifaschismus. Dies wiederum gibt den fortwährenden revisionisti­schen Tendenzen in der Region auftrieb, in denen die Rolle von Opfern und TäterInnen, Antifaschis­tInnen und KollaborateurInnen relativiert werden. Dieser tiefgreifende Prozess des Revisionismus muss allerdings in einen größeren europäischen Kontext gestellt, in dem Kommunismus und Nati­onalsozialismus miteinander gleichgesetzt wer­den. Die Europäisierung der ehemaligen sozialis­tischen Gesellschaften wird in großem Maße ideologisch durch diese Gleichsetzung und den sie begleitenden historischen Revisionismus vollzogen. In diesem Zusammenhang steht auch die übermäßige Emphase, mit der den Opfern des Kommunismus, ihren Geschichten und Erinne­rungen begegnet wird, während die Erinnerungen an das Leben, die Arbeit und den Alltag im Sozi­alismus marginalisiert und als illegitim, verzerrt, problematisch und schließlich »nicht-europä­isch« abgetan werden. Zugleich hat sich das »Kern-Europa« niemals ernsthaft mit den von ihm begangenen Gewalttaten und wirtschaftlichen Verbrechen auseinandergesetzt: »Mit partiellen Ausnahmen für den Holocaust haben europäi­sche Staaten wenig Aufklärung hinsichtlich ihres eigenen Erbes von Misshandlung und Unrecht betrieben, die in Europa und den Kolonien mit Krieg und autoritärer Herrschaft verbunden wa­ren.« Derlei Konstellationen lassen die Ausein­andersetzung in post-sozialistischen Gesell­schaften mit den Verbrechen des Sozialismus als Normalität erscheinen, während alle anderen not­wendigen und emanzipatorischen Aufarbeitungs­prozesse unterbunden werden. Dies wiederum spielt den Zielen von örtlichen Nationalisten und RevisionistInnen in die Hände.

Das sozialistische Experiment und die Zu­kunft Europas

Trotz der radikalen Tilgung der sozialistischen Er­fahrung von der historischen, politischen, ökono­mischen und kulturellen Landkarte Europas und ihrer Reduzierung auf einen »totalitären Sozialis­mus« zeigt ein genauerer Blick auf die Art und Weise, wie die BürgerInnen in den ehemaligen jugoslawischen Staaten ihre alltägliche, ökono­mische und politische Realität bewältigen, dass sie Europa eher als ihre sozialistische Vergangen­heit denn als Zukunft wahrnehmen. Dem serbi­schen Anthropologen Ildiko Erdei zufolge gab es eine aufkommende »Denkrichtung, die, obgleich es ihr auf diskursiver Ebene noch an Kohärenz mangelt, eine zunehmend bemerkenswerte Art des Denkens über die sozialistische Vergangen­heit Jugoslawiens reflektiert, in der Fragen jugo­slawischer Moderne und seiner Zugehörigkeit zu Europa diskutiert wurden, lange bevor der EU-orientierte Prozess begann.« Die Wiederbele­bung des sozialistischen Erbes Jugoslawiens tritt in vielen politischen und kulturellen Praxen zutage und ist eng mit einem Beharren auf univer­selle Werte wie Solidarität, Antifaschismus, Ge­meinsinn, gleichen Möglichkeiten, soziale Absi­cherung und Widerstand gegen jedwede Form der Unterdrückung verbunden. So gibt es beispiels­weise eine Reihe selbstorganisierter Chöre über die Länder des ehemaligen Jugoslawiens verteilt, in denen antifaschistische und Partisanenlieder wie auch andere Stücke aus dem Widerstand und der Zeit des Sozialismus gesungen werden. Die­se Chöre treten in vielen Bürgerprotesten auf, de­ren Zahl sich in der letzten Zeit enorm erhöht hat. Im Jahre 2014 traten zahllose people’s assemblies nach Protesten in Bosnien und Herzegowina auf den Plan. Diese assemblies waren der erste wahrnehmbare Versuch, eine Zivilgesellschaft zu begründen, nachdem mehr als zwei Jahrzehnte eine Politik entlang ethnisch definierter Grenzen verfolgt wurde. Assemblies verweisen schon mit ihrem Namen auf den Verlust von Kollektivität und gemeinsamer Repräsentation, wie sie in der sozialistischen Ära üblich waren, jedoch im Transformationsprozess entsorgt wurden. Und als im Mai 2014 Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina von einer verheerenden Flut getrof­fen wurden, war die Reaktion der Menschen aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien überwäl­tigend. Diese Einigkeit in Anteilnahme und Soli­darität wurde von zahlreichen Verweisen auf das Erbe des sozialistischen Jugoslawiens begleitet. Viele Junge und Alte wiesen in sozialen Medien auf die Bedeutung des Trainings im Schulfach »Verteidigung und Sicherheit« im sozialistischen Jugoslawien hin, das kurz nach dem Ende des So­zialismus mit dem Verweis, dass es sich dabei um ein ideologisches Relikt eines totalitären Regime handelte, abgeschafft wurden. Noch bevor sich das Wasser in Gänze zurückgezogen hatte, fan­den sich die Freiwilligen zum Aufräumen der Schäden in »Arbeitsbrigaden« zusammen – eben­falls eine Anspielung auf das sozialistische Jugoslawien.

Diese in den Gesellschaften des ehemali­gen Jugoslawien vorherrschende Verbindung zwi­schen Geselligkeit, Erfahrung, historischem Erbe und dem proaktiven und kollektiven Engagement der BürgerInnen verdient ernsthafte Aufmerk­samkeit. Erstens weist es darauf hin, dass das sozialistische Erbe für die Menschen einen integ­ralen Bestandteil ihrer Forderungen und Sehn­süchte ausmacht. Im Bestehen auf die sozialisti­sche Erfahrung kommt ein Bedürfnis nach Reprä­sentation, Autonomie und Moral zum Tragen, in dem eine Alternative zu dem extrem beschränk­ten Horizont von Möglichkeiten aufscheint, der durch das Zusammenspiel von lokalem Ethno-Nationalismus und dem globalen Regime der wirtschaftlichen Erschöpfung gezeichnet ist.

Zweitens äußert sich darin eine Wiederbele­bung linker und sozialistischer Ideen als Antwort auf die sich zuspitzende Krise des Kapitalismus. Aus diesem Grund weist die Bedeutung des sozi­alistischen Erbes Jugoslawiens auch über Jugo­slawien selbst hinaus. Weil es untrennbar mit den Werten verbunden ist, die die Vorstellung einer Zukunft mit intergenerationeller und universeller Solidarität, Verantwortung und Gemeinsinn, der Anerkennung von Arbeit und individueller wie kollektiver Autonomie wachzuhalten, ist das sozi­alistische Erbe Jugoslawiens nicht nur für seine BürgerInnen, sondern auch für Europa von Be­deutung. Mehr als 20 Jahre, nachdem der Libera­lismus den Sieg über den Sozialismus erklärte, befindet sich Europa in einer Krise, die weit über die bloß wirtschaftliche hinausreicht. In Zeiten, in denen Tausende von Flüchtlingen in improvisier­ten Lagern an den Grenzen Südeuropas festsit­zen, in denen Mitgliedstaaten sich mit Mauern und Stacheldraht abzuschotten suchen, Millionen von Menschen jenseits eines würdevollen Da­seins leben, neue Formen des Faschismus quer über den Kontinent verteilt aufkommen und alte Formen relativiert oder wiederbelebt werden, bleiben Ideen von Solidarität, Gemeinsinn und Antifaschismus, die die ehemaligen Jugoslawen immer noch eng an ihre sozialistische Erfahrung binden, für jegliche Vorstellungen einer europäi­schen Zukunft unabdingbar.

 

Tanja Petrovic

Die Autorin forscht am Institute of Culture and Memory Studies ZRC SAZU in Ljublja­na, Slowenien. Sie ist Autorin des Buches Yuropa: Jugoslawisches Erbe und Zukunfts­strategien in postjugoslawischen Gesell­schaften (2015).

Fußnoten

  1. Etienne Balibar, We the people of Europe?, Princeton/Oxford 2004, 6.
  2. Siehe z.B. Enzo Traverso, The end of Europe, http://0cn.de/9jod.
  3. Kristen Ghodsee, Tale of »Two Totalitarianisms«: The Crisis of Capitalism and the Historical Memory of Communism, in: Histo­ry of the Present: A Journal of Critical History 2014, 4 (2), 115–142.
  4. Igor Štiks / Srecko Horvat, Radical politics in the desert of tran­sition, in: Srecko Horvat / Igor Štiks (Hg.), Welcome to the De­sert of Post-Socialism: Radical Politics after Yugoslavia, Lon­don 2015, 1–17.
  5. Slobodan Naumovic, Fields of Paradox: Three Case Studies on the Europeanisation of Agriculture in Serbia. University of Bel­grade, Faculty of Philosophy – SGC, Belgrade 2013.
  6. Boris Buden, Zone des Übergangs: Vom Ende des Postkommu­nismus. Frankfurt a. M. 2009.
  7. Siehe http://0cn.de/glsd, veröffentlicht am 18. September 2015.
  8. Die Frage der Industrialisierung auf dem Gebiet des ehemali­gen Jugoslawiens ist aus wenigstens zwei Gründen von Bedeu­tung: Erstens, weil Industrialisierung und Modernisierung in Jugoslawien nahezu ausschließlich sozialistische Projekte wa­ren. Die Modernisierung der jugoslawischen Gesellschaft wur­de vornehmlich durch die Aufgabe der Agrarwirtschaft und In­dustrialisierung erreicht, weshalb Jugoslawien sich von ande­ren Ländern mit einer schon etablierten Kultur der Arbeiterklas­se unterschied. Zweitens, weil die Rolle der Arbeiter in Jugos­lawien eine zentrale Rolle in der Herausbildung einer kosmopo­liten, internationalistischen, modernen und übernationalen Identität der Jugoslawen in der sozialistischen Ära war – dieses Selbstbild wurde von den nationalistischen Eliten in den post-jugoslawischen Gesellschaften stark zurückgewiesen. Die Trümmer der industrialisierten Ära mit einem starken Bezug zum Sozialismus rufen Möglichkeiten für die Aushandlung von Identitäten wach, die sich jenseits von ethnischen und religiö­sen Zuschreibungen bewegen, die momentan die Gesellschaf­ten des ehemaligen Jugoslawiens durchziehen.
  9. Zygmunt Bauman, Intimations of Postmodernity, New York 1992, 222.
  10. Charity Scribner: John Berger, Leslie Kaplan, and the Western Fixation on the »Other Europe«, in: Inszenierung des kollektiven Gedächtnisses: Eigenbilder, Fremdbilder, Innsbruck et al. 2002, 239.
  11. Zur Marginalisierung oder Ausradierung des sozialistischen Erbe Jugoslawiens aus dem öffentlichen Raum siehe, Srdan Radovic, Grad kao tekst. XX vek Belgrade 2013; für Belgrad und Dragan Markovina, Izmedu crvenog i crnog: Split i Mostar u kulturi sjecanja, Plejada – Zagreb – Sarajevo, 2014 für Mostar und Split.
  12. Siehe z.B. http://0cn.de/j38x.
  13. Buden, Zone des Übergangs, Frankfurt a.M. 2009.
  14. Iavor Rangelov / Marika Theros / Nataša Kandic, Justice for atro­city and economic crimes: can the EU deliver?, http://0cn.de/d2et, 25. Mai, 2016. Siehe auch Tanja Petrovic, Thinking Europe without thinking: Neo-colonial discourse on and in the western Balkans, http://0cn.de/kxhs.
  15. Ildiko Erdei, IKEA in Serbia: Debates on Modernity, Culture and Democracy in the Pre-accession Period, in: Mirroring Europe: Ideas of Europe and Europeanization in Balkan Societies. Brill/Boston 2014, 114–134, hier 122.