Epitaph Katyn

Das kollektive Gedächtnis in der polnischen Geschichtsschreibung in Bezug auf die Massaker von Katyn und die ukrainische Aufstandsarmee

Über die Ermordung von polnischen Offizieren durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD im Jahr 1940 kann in Polen erst seit 1990 öffentlich gesprochen werden. Für die Orte der Erschießungen stehen symbolisch ein Dorf und ein Wald bei Smolensk: Katyn. Zwar wurden die hier Ermordeten vor 1945 zweimal von »internationalen« Kommissionen ausgegraben und untersucht, danach aber begann eine lange Zeit des Schweigens. Durch dieses bis 1990 währende Stillschweigen über das Verbrechen konnte Katyn zum traumatischen Fixpunkt einer jungen polnischen Republik werden.

Auf Anordnung des Präsidenten Dmitri Medwedew veröffentlichte die russische Archivbehörde Rosarchiv auf ihrer Webseite Ende April 2010 eine elektronische Version der Originaldokumente über die 1940 erschossenen polnischen Offiziere und Angehörigen der Oberschicht und gewährte damit erstmals einen öffentlichen Einblick in die sowjetische Politik zu Katyn. Die freigegebenen Dokumente belegen, dass der von sieben Mitgliedern des KPdSU-Politbüros im März 1940 unterzeichnete Befehl zur Exekution von konterrevolutionären Aktivisten zu der Ermordung von 18.500 polnischen Offizieren an verschiedenen Orten in der westlichen Sowjetunion führte. Der Wald bei Katyn wurde, neben den anderen Hinrichtungsorten, besonders durch die Entdeckung der Massengräber nach dem deutschen Einmarsch 1943 und infolge der sowjetischen Gegenpropaganda zum Symbolort für alle ermordeten polnischen Offiziere. Die deutsche Regierung hatte die Entdeckung der Toten durch die Wehrmacht dazu genutzt, die sich bietende Gelegenheit propagandistisch so gut wie möglich auszuschlachten. Eine durch das nationalsozialistische Deutschland einberufene »internationale« Ärztekommission stellte mit ihrem umfangreichen Bericht die Westalliierten bezüglich ihrer Zusammenarbeit mit der polnischen Exilregierung und der Sowjetunion vor ein Dilemma. Letztendlich entschieden sich aber Roosevelt und Churchill in diesem vierten Kriegsjahr für einen pragmatischen Umgang: »Wir müssen Hitler schlagen, dies ist nicht der Augenblick für Streitereien und Anschuldigungen.« Dieser Bündniskonsequenz folgend, konnte die Sowjetunion den Kontakt zur polnischen Exilregierung in London problemlos abbrechen, wofür Stalin schon länger nach einem Vorwand gesucht hatte. Die nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht erst von Paris und seit 1940 von London aus agierende Exilregierung der Zweiten Polnischen Republik hatte neben dem Kampf gegen den deutschen Hauptfeind auch immer eine Befreiung Polens von der sowjetischen Besatzung gefordert. Nachdem die Wehrmacht 1944 zurückgedrängt worden war, konnte die eingesetzte sowjetische Untersuchungskommission, der unter anderem der Schriftsteller Aleksej Tolstoj angehörte, erwartungsgemäß feststellen, dass die Deutschen für die Morde verantwortlich waren, was nach der Erfahrung der deutschen Barbarei für viele auch plausibel war.

Da den Westalliierten die sowjetischen Anschuldigungen zumindest für die Nürnberger Prozesse jedoch zu wenig belegt und propagandistisch zu aufgeladen waren, hielten sie sich aus den Anklagepunkten heraus. Für den russischen Historiker Victor Zaslavsky, der für die sowjetischen Massaker in Polen den Begriff der »Klassensäuberung« prägte, beginnt das eigentliche Verschweigen jedoch erst nach dem Kriegsende 1945: »Die sowjetische Führung hätte ihre Verantwortung für das Massaker von Katyn nicht fünfzig Jahre lang vertuschen können, wenn die westlichen Regierungen nicht ihren Teil dazu beigetragen hätten, um die ihnen vorliegenden Informationen zurückzuhalten und die Nachforschungen im Sande verlaufen zu lassen: die amerikanische Regierung bis Anfang der fünfziger Jahre, die britische Regierung sogar bis zum Zusammenbruch des Sowjetregimes.«

In den USA und Großbritannien herrschte lange Zeit stillschweigendes Einverständnis bzw. Gleichgültigkeit den Morden von Katyn gegenüber, was ein Resultat ihrer Kriegsbündnisse mit der Sowjetunion einerseits und der deutschen Propaganda nach der Entdeckung der Gräber andererseits war, und auch nach 1945 noch anhielt: In den USA wurde kritischen Stimmen oder Zeitzeug_innen noch in den fünfziger Jahren untersagt, Ansichten öffentlich zu äußern, die die Sowjetunion der Schuld an den Verbrechen verdächtigten und in London noch 1972 die Errichtung eines öffentlichen Katyn-Mahnmals durch die britische Regierung verhindert. In der Sowjetunion und den sozialistischen Staaten überlebten Zweifler_innen eine öffentliche Kritik, zumindest bis zu Stalins Tod, nur selten. Zur vollständigen Verwischung der Spuren in der sozialistischen Öffentlichkeit stilisierte die sowjetische Propaganda das Schicksal des kleinen weißrussischen Dorfes Chatyn, das mit allen Bewohner_innen von der SS niedergebrannt wurde. An dem hier errichteten Denkmal wurden (und werden bis heute) Besucher_innen an die Gräuel der nationalsozialistischen Barbarei erinnert – -wenigstens bis 1990 auch mit der Absicht, die Erinnerung an ein anderes, ähnlich klingendes Katyn zurückzudrängen.

Interesse am Einzelereignis

Die geschichtswissenschaftlichen Debatten über die Fakten und die Verantwortung für das Massaker von Katyn dauerten bis zum Ende der Sowjetunion und der erstmaligen Präsentation einiger Unterlagen durch Michail Gorbatschow im Jahr 1992 an. Nach der Veröffentlichung der russischen Originaldokumente und der amerikanischen Quellen, der Entdeckung weiterer Massengräber polnischer Offiziere in der Ukraine und in Westrussland während der letzten zehn Jahre sowie durch hervorragende Forschungen, unter anderem durch Victor Zaslavsky, kann heute mit großer Wahrscheinlichkeit von einer fast lückenlosen Aufdeckung der Ereignisse ausgegangen werden. Die entstandenen Publikationen zu Katyn könnten inzwischen eine eigene Bibliothek füllen und wachsen weiter an. Dennoch erscheint nach einem Blick in aktuelle polnische Medien das Wissensbedürfnis auf der Suche nach neuen Wahrheiten ungestillt. Wegen der Lügen, die die Geschichtspolitik der Sowjetunion und der sozialistischen Volksrepublik über die Verbrechen von Katyn verbreitet hatten, sitzt auch 50 Jahre später das Misstrauen noch tief. Eine distanzierte Kritik und Einbettung der Ereignisse von Katyn in den Kontext des Zweiten Weltkriegs und des stalinistischen Terrors gegenüber Polen wurde und wird nur von wenigen Wissenschaftler_innen, Politiker_innen und Akteur_innen der Geschichtswiedergabe praktiziert: »Die Erschießung der polnischen Kriegsgefangenen […], bekannt als das Massaker von Katyn, ist nur eines der zahlreichen Verbrechen des Stalinregimes und nicht einmal das blutigste.«

Diese Position des in Westeuropa und den USA für seine Recherchen zu Katyn mehrfach ausgezeichneten Victor Zaslavsky löste in Polen keine öffentliche Diskussion aus: sein Hauptwerk zu Katyn wurde schlicht kaum beachtet.

Dass das Interesse am Einzelereignis dem Interesse an wissenschaftlicher Kontextualisierung entgegensteht, ist natürlich keine Neuentdeckung in der Betrachtung von erinnerungspolitischen Diskursen. Katyn würde in einem Prozess der Einordnung in die Geschichte Polens und der Sowjetunion einen Teil seiner Symbolwirkung verlieren. Das Streben nach Wahrheitsfindung ist hier ein Schlüsselbegriff. In Bezug auf Katyn wird weniger nach den genauen Abläufen der Morde und nach Opferzahlen, als vielmehr nach der Aufhebung der Verschleierung gefragt. Denn die Aufdeckung des Verschleierten potenziert den im Diskurs um Katyn wiederkehrenden Märtyrergedanken und bindet ihn an die Gegenwart: es wurde eben nicht nur massakriert, sondern auch gelogen. Diese Lügen aufzudecken und die »Märtyrer« zu ihrem Recht kommen zu lassen, sind identitätsstiftende Momente Katyns für die Gegenwart. Auf diese Weise kann das Trauma Katyn Element eines »Nation Building« des neuen Polen werden.

Wie wenig abgeschlossen dieser Prozess ist, zeigt die Diskussion um das Flugzeugunglück des polnischen Präsidenten am 10. April 2010. Auf dem Weg zur Gedenkfeier anlässlich des Jahrestages der Verbrechen von Katyn in Russland stürzte die Präsidentenmaschine ab. Dabei kamen neben dem Präsidenten selbst auch mehrere hochrangige Militärs und Politiker_innen zu Tode. Auf die Absturztragödie folgte in Polen eine Verschärfung des politischen Kampfes der liberalen mit der konservativen Partei um die Deutungshoheit über Katyn und spaltete das Land in zwei Lager. Die Liberalen meinen, dass die übertriebene nationale Trauer um Katyn in einen übergeordneten polnischen Erinnerungsprozess einfließen soll, da einem modernen europäischen Polen die alltägliche Mahnung an Teilung und Kriegsgefahr im Weg stehe. Die Konservativen und Nationalen heizen dagegen die Kontroversen an und scheuen sich nicht, auf zweifelhafte Quellen und religiöse Symboliken wie die Errichtung großer Kreuze an polnischen Nationalorten zurückzugreifen. Mit der Untersuchung der Umstände des Flugzeugunglücks selbst befassen sich letztendlich trotz großen Misstrauens die zuständigen Behörden des russischen und polnischen Staates gemeinsam. Die polnische Opposition, die Partei Recht und Gerechtigkeit unter Vorsitz Jaroslaw Kaczynskis, dem Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten, hatte gleich nach dem Absturz der regierenden Bürgerplattform, dem Präsidenten Bronislaw Komorowski und dem Premier Donald Tusk die Schuld für die Flugzeugtragödie gegeben. Die Oppositionsmitglieder bildeten eine alternative Parlamentskommission für Ermittlungen über den Unfall, die eher einer Sekte ähnelte und schon zuvor die These einer russisch-polnischen Verschwörung gegen die »wahre« polnische Nation in die Welt gesetzt hatte. Die Beteiligten sahen das traumatisch fundierte Nationalbewusstsein in der Gefahr, durch die beginnende russisch-polnische Aussöhnung im Zuge des Flugzeugunglücks einen wichtigen Feind zu verlieren und damit entkräftet zu werden. Auch wenn bis heute die Debatte um den Flugzeugabsturz noch anhält, gibt die sich seitdem abzeichnende Entspannungspolitik zwischen Russland und Polen schon jetzt auch einer neuen kritischen und distanzierten Geschichtsschreibung Auftrieb und führt gleichzeitig zu einer Erweiterung des Forschungsfeldes um Katyn.

Katyn als Schutzschild

Zugespitzt lassen sich aus dem Vorangegangenen drei Thesen formulieren: Erstens führte der durch den politischen Wandel 1990 bedingte neue Geschichtsfokus zu einer Veränderung der öffentlichen Erinnerung an die NS-Geschichte in Polen. Die Beantwortung von Fragen zur sowjetischen Besatzungspolitik und zum Realsozialismus, die in der Volksrepublik Polen nicht gestellt werden konnten, war in der Bevölkerung und in der Wissenschaft ein großes Bedürfnis und führte zu einer radikalen Verschiebung des bisherigen Geschichtsinteresses. Trotz umfangreicher neuer Publikationen zum Holocaust schien und scheint die öffentliche Wahrnehmung der NS-Verbrechen in den Schatten der sowjetischen Säuberungen und Morde zu treten.

Zweitens: Die alles überlagernde Präsenz der Erinnerungskämpfe um die Ermordung der polnischen Offiziere und Intellektuellen im Wald bei Katyn reduziert die polnische Geschichtsbetrachtung eines ganzen Jahrhunderts auf ein Einzelereignis. Katyn wird zu einem eindimensionalen, nationalen Trauma stilisiert und hält die gesamte jüngere polnische Geschichte im Würgegriff der symbolischen Erinnerungsmaschinerie des kollektiven Gedächtnisses. Die daraus folgende antisowjetische bzw. antirussische Politik brüskiert bis heute die russische Bereitschaft zur Aufarbeitung und ist an Aufklärung letztendlich nur partikular interessiert.

Schließlich konnte drittens erst durch die Diskussion über die Katastrophe des Flugzeugabsturzes des polnischen Präsidenten 2010 ein Umdenken in der polnisch-russischen Geschichtspolitik stattfinden. Die schon vor einigen Jahren in beiden Ländern begonnene Aussöhnungspolitik schwächt so exponierte symbolische Erinnerungsakte zu Katyn ab und hat nach dem Flugzeugunglück einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung errungen.

Identitätsstiftende Institutionalisierung

Nun ist es nicht so, dass diese erste schwache Distanzierung von Katyn als wichtigstem Orientierungspunkt für die Geschichtsbetrachtung in Polen seit 1990 einen leichten Stand hätte: Durch die seit 20 Jahren stattfindende Institutionalisierung der Symbole der Solidarnosc-Bewegung, bei der keine polnische Stadt ohne Denkmal geblieben ist, das nicht gleichzeitig mit Erinnerungen eben an Katyn aufgeladen wäre, stellt eine Neubewertung der Bedeutung Katyns hohe Anforderungen an alle Beteiligten. Nach dem Schwerpunkt Katyn könnten jetzt endlich neue Quellen zum Terror der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), zur antisemitischen Politik der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) oder zum Engagement polnischer Freiwilliger in der deutschen Wehrmacht in russischen und ukrainischen Archiven in das Blickfeld rücken. Wie schwer jedoch vom nationalen Erinnerungskanon abzurücken ist, zeigte besonders die Auseinandersetzung mit der Ukrainischen Aufstandsarmee.

Die Geschichte der Ukrainischen Aufstandsarmee und ihres Aushängeschildes Stepan Bandera stellt eigentlich keine Randnotiz in der polnisch-ukrainischen Nachbarschaft dar, war sie doch um 1930 mit bis zu 30.000 Soldat_innen zur »Befreiung« und Gründung einer Großukraine auch auf polnischem, rumänischem und russischen Staatsgebiet angetreten. Bewaffnete Einheiten der UPA töteten zwischen 1929 und dem Ende der fünfziger Jahre – im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit der deutschen Wehrmacht und SS-Verbänden – in Ostpolen und der Westukraine über 100.000 Sowjetsoldat_innen, Polinnen und Polen, darunter zahllose Jüdinnen und Juden. Dabei verrät die schiere Zahl der Ermordeten wenig über das Ausmaß des Terrors: Forcierte die UPA bis 1939 vor allem die Ermordung polnischer Politiker_innen und die Massakrierung der Landbevölkerung, so spielte die Bildung europaweiter Netzwerke – seit 1926 auch besonders eng mit der Reichswehr – eine immer gewichtige Rolle. Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 entfesselte die UPA Pogrome an Jüdinnen und Juden in Lviv, denen noch ohne deutsche Beteiligung mehrere tausend Menschen zum Opfer fielen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die ukrainische Sowjetrepublik wurde die UPA sehr schnell in die deutsche Armee eingegliedert bzw. bildete eigenständige Marschtruppen für den Aufbau einer autonomen Ukraine. Rigoros setzte die UPA hierbei durch, wer in der »befreiten« Ukraine nicht zu leben hatte: Jüdinnen und Juden wurden an die SS ausgeliefert, sowjetfreundliche Ukrainer_innen und Russ_innen sofort erschossen und die große Zahl der Polinnen und Polen, zumindest zu Beginn, »nur« vertrieben. Die Kriegswende und der Vormarsch der Roten Armee berührte die Operationsbasis der UPA nur am Rande: Die bergigen und schwer zugänglichen Regionen der Karpato-Ukraine und Ostpolens, die über keine nennenswerte Industrie verfügten, hatten auf dem Weg nach Berlin keine Priorität, so dass die Überfälle und Massaker an Polinnen und Polen weiterhin nur auf schwachen Widerstand stießen. Die UPA erstarkte durch den Zulauf zurückgebliebener deutscher SS- und Wehrmachtsangehöriger nach 1945 und widmete sich dann besonders der Ermordung der polnischen Landbevölkerung. Der neue, noch schwache polnische Staat konnte sich den teilweise offenen Angriffen der UPA erst ab Ende der vierziger Jahre erwehren. Der tödliche Zugriff des KGB 1959 auf Stepan Bandera, der seit1945 in München residiert hatte, und der massive Einsatz von Fallschirmjäger_innen der Roten Armee in den Rückzugsgebieten beendete die Existenz der UPA um 1960 endgültig. Mit der Wiederzulassung von UPA-Veteranenverbänden 1990 hat die ukrainische Geschichtsschreibung den »Freiheitskämpfer« Bandera als ein Narrativ wiederentdeckt, das in seiner identitätsstiftenden Funktion mit der Rolle von Katyn für Polen vergleichbar ist. Schon als wichtige Akteure der sogenannten »Orangen Revolution« 2004 konnten nationalistische und antisemitische Parteien ihren Einfluss in der Westukraine bis heute deutlich ausbauen.
Ohne dass hier auf jedes Detail zur Geschichte der UPA und deren identitätsstiftende Funktion in der Westukraine intensiv eingegangen wurde, überrascht das Ausmaß des Mordens, besonders mit Blick auf die heutigen schwache Beachtung in Polen. Erinnerungspolitische Diskurse zur UPA blieben bisher lokal auf einige wenige Historiker_innen und die konservative Zeitung »Rzeczpospolita« beschränkt – eine nennenswerte öffentliche Diskussion zu diesem Thema fand praktisch nicht statt. Dabei zwingt eigentlich schon die schiere Größenordnung des UPA-Terrors zu einer intensiven Betrachtung durch die polnische Öffentlichkeit und aktuelle Geschichtsforschung.

Die spärliche Beachtung, die der UPA in Polen zuteil wird, zeigte die Protestnote des damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski am 5. Februar 2010: Wenige Tage vor seinem Ausscheiden aus dem Amt hatte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko dem Separatisten Stepan Bandera den Ehrentitel »Held der Ukraine« verliehen und die UPA als eine offizielle Veteranenorganisation anerkannt. Die darauf folgende Protestnote des polnischen Präsidenten und des europäischen Parlaments und der direkte politische Wechsel in der Ukraine – Viktor Janukowytsch übernahm nur 20 Tage später das Präsidentenamt –, bedeuteten das Ende der nationalstaatlichen Ehrung für Bandera und dessen UPA noch im selben Frühjahr. In Polen hatte die Ehrung dagegen nur zu der Reaktion des Präsidenten und einer Handvoll kleiner Protestkundgebungen geführt.

Geschichtsbewusstsein und Aufklärung

Wie bereits in den Thesen zur polnischen Geschichtserzählung angeschnitten, versperrt das herausragende nationale Trauma Katyn den Blick. Phänomene wie die UPA, die quer zum bewährten Freund-Feind-Schema liegen, stehen im Widerspruch zu einer politisch motivierten Geschichtsschreibung, welche Kontinuitäten und Linearitäten dort behauptet, wo Differenzierung notwendig wäre. Ein Beispiel wie das der UPA geht in diesem Schema nicht auf, es findet keinen Platz darin.
In Polen wird die Erfahrung mit Deutschland und der Sowjetunion häufig als ein Kapitel der Besatzung angesehen, als »Schlachtfeld der Diktatoren«, das bis 1990 andauerte. Die Diskussion um Antisemitismus im Polen der Nachkriegszeit sowie die antipolnischen, antijüdischen, aber eben auch antisowjetischen Massaker der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA stehen außerhalb dieser Geschichtserzählung und waren entweder mit heftiger Gegenwehr oder Nichtbeachtung konfrontiert. Doch verliert Katyn als Ausdruck und Bindeglied dieser Geschichtsbetrachtung seit dem letzten Jahr an Kraft, wie die Auseinandersetzung um den Flugzeugabsturz des Präsidenten andeutet. Die Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der polnischen Geschichte ab 1939 sind vielfältiger geworden. Zahlreiche neue Arbeiten zum Holocaust in Polen werden publiziert und in der Öffentlichkeit auch wahrgenommen. Die darüber hinausgehende Konfrontation mit den Verbrechen der UPA ist für die eigene polnische Geschichte und die Geschichte der Ukraine dringend notwendig, besonders im Hinblick auf die Verehrung neuer »nationaler« Helden in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und das Erstarken nationalistischer Parteien. Die Stilisierung antijüdischer und antisowjetischer Mordkommandos zu nationalen Partisanen in den baltischen Staaten, der Ukraine oder auch in den Kaukasusrepubliken ist nicht zuletzt der eindimensionalen Geschichtsschreibung unter dem Duktus der linearen Geschichtsbetrachtung, dem antisowjetischen Totalitarismusansatz geschuldet. Eine hoffentlich noch folgende öffentliche Thematisierung der UPA in Polen würde einen Teil der polnischen, ukrainischen und russischen Geschichte, die sich außerhalb der bisherigen Feindbilder bewegt, beleuchten: Nur so wäre schließlich dem Beharren der ukrainischen UPA-, SS- und Wehrmachtsveteran_innen beizukommen. Die Katyn-Blockade verhinderte dies bisher.

RICO ROKITTE
Der Autor promoviert und lehrt an der Hochschule in Leipzig und Halle.

Fußnoten

  1. Eher konservative Schätzungen von Alexander Gur’ianov aus: Jacek Andrzej Mlynarczyk (Hrsg.), Polen unter deutscher und sowjetischer Besatzung 1939–1945, Osnabrück 2009, 222. Sowjetische Quellen sprechen von ca. 21.800 Toten, in: Victor Zaslavsky, Klassensäuberung. Das Massaker von Katy, Berlin 2007, 80.
  2. Der komplette deutsche Originalbericht von 1943 ist online unter http://katyn.ru/index.php?go=Pages&file=print&id=831 zu finden.
  3. Winston Churchill, zit. nach Zaslavsky, Klassensäuberung, 64.
  4. Ebd., 69.
  5. Ebd., 15.
  6. Quellen sind ca. 80 Artikel in den Onlineformaten der polnischen Tageszeitung »Gazeta Wyborcza« und der russischen Nachrichtenplattform »RIANOVOSTI« im Zeitraum zwischen April und Dezember 2010.
  7. Besonders durch das »Polish Center for Holocaust Research Warsaw«.
  8. Anfang 1943 meldeten sich 84.000 Ukrainer_innen freiwillig zur Waffen-SS. Vgl. Irina Pavlenko, Die Ukrainische Aufständigenarmee (UPA). Ein Abriss der Geschichte ihres Widerstandes, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 61 (2002), 85.
  9. Diese Pogrome an Juden und Jüdinnen sowie Polen und Polinnen finden in der ukrainischen Betrachtung der UPA heute kaum Eingang. Unter anderem sind hier Bandera und die UPA positiver Gründungsmythos der heutigen selbstständigen Ukraine, siehe z.B.: Petro Sodol/Ruslan Sabili u.a. (Hrsg.), Geschichte der Ukrainischen Freiwilligen Armee (UPA), Ukrainisches Institut der nationalen Erinnerung, Lviv 2008.
  10. In Regionalwahlen 2010 erreichte die nationalistische, antisemitische und antirussische Partei »Swoboda« (Freiheit) in den drei größten Städten der Westukraine jeweils mehr als 30 Prozent der Stimmen.
  11. Schon in der Volksrepublik Polen und in der Sowjetunion wurde die jeweilige Beteiligung an Wehrmacht und antisowjetischen Kämpfen selten verhandelt und wenig erforscht. Publikationen und Literatur zu diesem Thema erschienen hauptsächlich direkt nach Kriegsende.