Einige Pointen ohne Witz

Eine grobe Einführung in die Psychoanalyse

Freuds Psychoanalyse und ein Witz haben eines gemeinsam: Sie lassen sich nicht zusammenfassen. Wer über die Pointe lachen will, muss zuvor den ganzen Witz hören. [...] Die Psychoanalyse hingegen lediglich als Konglomerat von Freuds ›Ergebnissen‹ oder ›Irrtümern‹ (je nachdem) darzustellen, hieße, die Pointe ohne den Witz zu erzählen.« Eine Einführung in die Psychoanalyse kann nie den ganzen Witz erzählen, höchstens Bruchstücke davon. Das schafft grundsätzliche Probleme: Die psychoanalytische Theoriebildung lebt vom Fallmaterial aus dem therapeutischen Setting, also dem, was auf der ›Couch‹ durch freie Assoziation, Übertragung und Gegenübertragung zum Vorschein kommt. Da Freud und seine Nachfolger_innen die Theorie immer am Material entwickelt und korrigiert haben, ist eine Bereinigung der Theorie vom Fallmaterial prinzipiell problematisch, weil sie die Dynamik herausnimmt und zum Schematismus neigt. Da die Theorie aus der Deutung des Fallmaterials entwickelt wird, schlägt sich die zentrale therapeutische Haltung der Offenheit auch in der Theorie- und Begriffsbildung nieder. Sobald sich also der Begriff am Gegenstand stößt, werden Begriff und Theorie verändert, verschoben, aber nicht grundsätzlich umgeworfen.

Diese Beweglichkeit der Begriffe führt dennoch nicht zur Beliebigkeit, obwohl sie sich auch nicht einfach durch Definitionen fassen lassen, da sich in ihnen Offenheit und Strenge, Veränderlichkeit und Konstanz verbinden. Die Geschichte und die Konstellation der Begriffe wären also eigentlich einzubeziehen, wenn man davon absehen möchte, »Grundbegriffe der Psychoanalyse Freuds definitorisch zu verfestigen und ihnen so ihre Spannungen und Mehrdeutigkeiten auszutreiben«. Einerseits wäre es also in einer Einführung sinnvoller, die Denkbewegung und das Spezifische des psychoanalytischen Erkenntnisprozesses zum Thema zu machen, anderseits blieben diese ohne eine Entfaltung der doch sehr eigenwilligen Begriffe der Psychoanalyse unverständlich. Dafür wäre die Behandlung von Fallmaterial unabdingbar, die jedoch in einer überblicksartigen Einführung zu viel Raum einnehmen würde. Erklärt man die Begriffe, ohne ihre Geschichte und ihre Verhältnisse zu bestimmen, verdinglicht man sie; versucht man sie jedoch von vornherein mit allen Bedeutungen vollzustopfen, verheddert man sich schnell und ruft Verwirrung hervor. Diese Schwierigkeiten lassen sich hier nicht befriedigend lösen.

Zudem existieren verschiedene Vorurteile über die Psychoanalyse, die zu berücksichtigen sinnvoll wäre: Erstens wird der Psychoanalyse immer wieder vorgeworfen, biologistisch zu sein. Zweitens interpretierten Psychoanalytiker überall etwas Sexuelles hinein. Drittens argumentiere die Psychoanalyse deterministisch und lasse keinen Platz für Freiheit. Viertens gehe sie zu sehr vom Individuum aus und übergehe die gesellschaftlichen Verhältnisse. Fünftens rechtfertige sie mit ihrer Theorie vom Unbewussten, das in der Alltagssprache auch häufig zum ›Unterbewusstsein‹ degeneriert, irrationales Verhalten und theoretische Esoterik. In der folgenden Einführung möchte ich mich an diesen Vorstellungen abarbeiten.

Argumentiert die Psychoanalyse biologistisch? 
Der Trieb-Begriff und das Spannungsverhältnis Natur und Kultur

Der Vorwurf des ›Biologismus‹ verdrängt häufig die Erinnerung daran, dass Menschen auch sinnliche und leibliche Wesen sind und nicht rein vergeistigt, sozial oder sprachlich konstituiert oder als Schnittmenge von Diskursen existieren. Er dient in diesem Falle einer Abwehr jedes materialistischen Gedankens an die Lebensnot und einer Leugnung von Natur. Der Vorwurf, die Psychoanalyse sei biologistisch, speist sich nicht zuletzt aus einer Missinterpretation des Triebbegriffes. Er wird in solcher Kritik häufig mit dem Instinktbegriff gleichgesetzt. Im Gegensatz zum (tierischen) Instinkt ist der Trieb jedoch nicht hereditär, er hat kein vorgegebenes Ziel, keinen vorgefertigten Ablauf, ist nicht abschließbar, sondern bezeichnet »eine Unersättlichkeit, ein unendliches Drängen und Streben«. Freud bestimmt den Trieb als »psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle«. Es handelt sich also um einen Grenzbegriff zwischen dem Somatischen und dem Psychischen: Als psychische Repräsentanz ist er die Übersetzung von etwas, das sich dem Geist entzieht. Der Trieb ist verwurzelt in Natur und zugleich Loslösung davon. Für Laplanche beispielsweise ist die Triebkonstitution insofern ein sozialer Akt, als es das Begehren der Eltern ist, das aus bloßer Natur heraustritt: Am Anfang der menschlichen Existenz steht die Lebensnot, das Kind ist existentiell angewiesen auf Erwachsene, die es füttern, wärmen, wickeln. Diese allerdings sind bereits vergesellschaftet, sie können sprechen und hegen eigene (unbewusste) Wünsche gegenüber ihren Sprösslingen. Dadurch kommt es dazu, »daß das unreife Kind mit Botschaften, die mit Sinn und Begierde beladen sind, konfrontiert ist, deren Schlüssel es jedoch nicht besitzt«. Der Säugling nimmt diffus ein Begehren der Erwachsenen wahr, doch ihm ist unklar: Warum füttert, hält und wärmt meine Mutter (oder eben Personen, die an ihrer Stelle stehen, denn im Bild ›der Mutter‹ werden oft verschiedene reale Personen verdichtet) mich? Könnte sie das auch nicht tun? Was will sie von mir, was bindet ihr für mich lebensnotwendiges Interesse an mich? Aber es kann diese Fragen noch nicht denken, es antwortet mit eigenem Begehren auf das Begehren der Erwachsenen, das über die lebensnotwendige Befriedigung der Körperfunktionen hinausschießt. Für Freud ist dabei der Begriff der Anlehnung zentral: Im Nuckeln des Kindes lehnt sich das Streben nach Lust an die Befriedigung des körperlichen Bedürfnisses beim Stillen an. Es handelt sich um die Suche nach Wiederholung der Lust, die bei der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses entstanden ist. »Die Lippen des Kindes haben sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung durch den warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung. Anfangs war wohl die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet.« In der Suche nach Wiederholung der Lust aber separiert sich der Sexualtrieb, denn er ist nicht mehr auf das Streben nach Sättigung reduzierbar. Somit tritt aber auch ein Widerspruch zwischen Körperfunktionen und vom Trieb angestrebten Lustempfinden ein: Orale Lustbefriedigung durch Daumenlutschen, Kaugummikauen, Zigarettenkonsum und Knutschen sind nicht funktional für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen. Auch die drei Triebmodelle Freuds bestehen immer aus einem Gegeneinander verschiedener Triebarten: Selbsterhaltung–Libido, Ichlibido–Objektlibido und Eros–Todestrieb. Das Triebleben ist also immer widersprüchlich und dieses Gegeneinander macht Triebbefriedigung unmöglich. Im Laufe der späteren Libido-Organisation spielt die Widersprüchlichkeit eine große Rolle, beispielsweise wenn Freud feststellt, dass sich bezüglich der Entwicklung von Weiblichkeit »die Konstitution nicht ohne Sträuben in die Funktion fügen wird«. Die Bereitschaft bzw. der Wunsch, die Fortpflanzungsfunktion zu bedienen, Kinder zu bekommen, ist also kein Endpunkt eines natürlichen Prozesses, sondern Folge einer komplizierten Entwicklung, in der der »Libido mehr Zwang angetan wurde, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funktion gepreßt ist«. Die Libido ist also nichts, was unmittelbar den biologischen Funktionen dient, auch wenn sie sich ins Verhältnis zu diesen setzt und aus ihnen entsprungen ist. Der Triebbegriff steht dafür ein, dass der Mensch zugleich Naturwesen und nicht Natur ist. Das Verhältnis der Menschen zu ihrer Natur wird in der Freudschen Psychoanalyse als konflikthaft gedacht.

Briefmarkensammeln und Sexualität

Eine nicht selten geäußerte Vorstellung ist die, dass von der Psychoanalyse überall Sexualität hineingedeutet werde. Was dabei untergeht, ist das Besondere des Freudschen Sexualitätsbegriffs. Die alltägliche Verwendung des Begriffs der Sexualität setzt bereits bei der erklärungsbedürftigen erwachsenen, genitalen Sexualität an. Die Psychoanalyse aber setzt nicht voraus, dass von der Geburt an eine Fixierung auf die Genitalien besteht und sie nimmt auch nicht an, dass eine solche Fixierung in der Pubertät durch natürliche oder gesellschaftliche Prägung unvermittelt auftaucht. Sie rekonstruiert vielmehr, wie die Libido auf die genitale Sexualität und – im Falle eines heterosexuellen Ausgangs der Libidoorganisation mit Kinderwunsch – die Erfüllung der Fortpflanzungsfunktion eingeschränkt wird. Für Freud war dabei gerade die Heterosexualität erklärungsbedürftig, weil sich sowohl in der Psyche als auch körperlich eine konstitutionelle Bisexualität feststellen lässt: »Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Phänomen und keine Selbstverständlichkeit.« Da es der Psychoanalyse um die Geschichte der Sexualität geht, setzt sie dort an, wo sich die ersten Lustregungen zeigen lassen: bei polymorph-perverser und oraler Lust des Säuglings, der noch kein Geschlecht kennt.

Libido, das lateinische Wort für so widersprüchliche Dinge wie Lust, Begierde, Verlangen, Vergnügen und Lüsternheit bezeichnet bei Freud »die als quantitative Größe betrachtete [...] Energie solcher Triebe, welche mit all dem zu tun haben, was man als Liebe zusammenfassen könnte«. Libido (und das Nicht-festgelegt-Sein des Triebes auf ein Objekt) ist das, was überhaupt die Grundlage der bewussten und unbewussten Bindung an die Welt darstellt. In der Schreber-Analyse etwa zeigt Freud, wie der Abzug der Libido von der Außenwelt eine Art Weltuntergang initiiert, indem die Welt alle Bedeutung für das Subjekt verliert. Jede Tätigkeit, ob Briefmarkensammeln, Singen oder politisches Engagement, braucht ein Mindestmaß an libidinöser Besetzung. Der Sexualtrieb »stellt der Kulturarbeit außerordentlich große Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar infolge der bei ihm besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit, sein Ziel verschieben zu können, ohne wesentlich an Intensität abzunehmen. Man nennt diese Fähigkeit, das ursprünglich sexuelle Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, aber psychisch mit ihm verwandtes, zu vertauschen, die Fähigkeit zur Sublimierung.« Das bedeutet jedoch auch, dass die Briefmarke des Sammlers zugleich ein sexuelles und ein nicht-sexuelles Objekt ist. Die Psychoanalyse interpretiert nicht wahllos sexuelle Bedeutung in etwas hinein, sie rekonstruiert das Entsprungensein jedes bedeutsamen Objektes aus den der Lebensnot entstammenden Sexualtrieben. 

Determinismus und Nachträglichkeit

Wenn aber nun alle Objektbindungen triebgesteuert sind, ist die Psychoanalyse dann nicht doch deterministisch? Tatsächlich zeigt die Psychoanalyse, dass die Geschichte individueller Triebschicksale und Symptome sich als von der Vergangenheit bestimmt rekonstruieren lassen. Doch der Determinismus-Vorwurf verkennt, dass eine Haupterkenntnis der Psychoanalyse die innere Widersprüchlichkeit des Subjektes ist. Der genitale, heterosexuelle Ausgang der Libidoorganisation wird immer erkauft über eine Verdrängung der gegensätzlichen Bestrebungen, das Ersetzen von homosexueller Objektbindung durch Identifikation etc. Indem aber immer Gegensätzliches im Subjekt wirksam ist, wird deutlich, dass es keine lineare und widerspruchsfreie Entwicklung geben kann. Nicht linear, weil das zentrale Prinzip der Nachträglichkeit gilt, nach dem frühere Ereignisse erst mit späteren Erfahrungen eine Bedeutung erhalten. Etwa im Fall der Patientin Emma, die mit acht Jahren im Kaufladen einem sexuellen Angriff ausgesetzt war. Dieses Ereignis schien zunächst keinerlei Wirkung zu haben. Vier Jahre später sieht sie in einem anderen Laden drei Angestellte, von denen sie einen attraktiv findet. Sie flieht in Panik und kann danach keine Geschäfte mehr betreten. Mit dem Auftreten des eigenen Begehrens, das größere Verständnis für sexuelle Vorgänge durch den beginnenden Eintritt in die Pubertät, lösen die Ereignisse eine Phobie aus. Es handelt sich nicht nur um eine rückwirkende Erkenntnis, sondern die aktuelle Szene gewinnt auch ihre Bedeutung durch die frühere. Daher kann die Psychoanalyse rekonstruieren, aber nicht prognostizieren, denn es handelt sich nicht mehr um ein zeitlich lineares Modell von Ursache und Wirkung, sondern um eine zweizeitige Verursachung: »Die Verwendung des Begriffes Verursachung beim Wort zu nehmen, heißt jedoch anzuerkennen, daß die psychisch wirksamen Ursachen keine Ur-Sachen an sich sind, sondern allererst in einem Verhältnis zu etwas Anderem in einem Prozeß der Ver-ur-sachung gewonnen werden müssen.« Nachträglichkeit bedeutet auch, dass Vergangenes in der Gegenwart oder Zukunft eine neue Bedeutung erhalten und verändert werden kann. Der Weg also, den das Subjekt beschritten hat, könnte bei aller Notwendigkeit nicht zwangsläufig gewesen sein. Zwar ist alles von der Vergangenheit bestimmt, aber durch die Logik der Zweizeitigkeit gibt es dennoch eine gewisse Offenheit in die Zukunft. Ein Ziel psychoanalytischer Therapie ist es gerade, Fixierungen zu verflüssigen, so dass Symptome nicht bis in alle Ewigkeit beibehalten werden. Erst mit Auflösung des Symptoms ist seine Entwicklung nicht mehr so zwangsläufig wie sie erscheint. Dehnert und Quadfasel formulieren dieses Prinzip schön in seiner Analogie zur Frage der gesellschaftlichen Freiheit: Erst das Heraustreten aus Verhältnissen, in denen die Menschen der Herrschaft unterworfen sind, »erweist die menschliche Möglichkeit, aus Freiheit zu handeln (und ist deshalb auch aus keinen Gesetzen ableitbar). Ist dieser Beweis aber erstmal angetreten, lässt sich nicht mehr sagen, warum die Befreiung nicht schon in der Vergangenheit hätte möglich sein sollen; mehr noch: lässt sich erst dann die bisherige Geschichte als sich noch unbewusste Handlung aus Freiheit erfassen.«

Individuum und Gesellschaft

Damit wären wir dann auch schon bei dem Verhältnis Gesellschaft–Individuum angelangt, beim »weit verbreitete[n] Vorurteil […], die Psychoanalyse sei ein Unternehmen, das sich auf private Vorgänge kapriziere« und beim Vorwurf, die Psychoanalyse übergehe die gesellschaftlichen Verhältnisse. Er trifft daneben, obwohl die Psychoanalyse keine Gesellschaftstheorie ist und ihren Erkenntnismöglichkeiten damit Grenzen gesetzt sind. Freud hat sich mit Themen wie Krieg, Moral, Religion, Massenbildung und Kunst auseinandergesetzt, weil er das Subjekt stets schon im Spannungsverhältnis Subjekt–Objekt, Natur–Kultur, Innen–Außen gedacht hat. Aus der Perspektive des Vorwurfs scheinen Gesellschaft und Individuum getrennte Entitäten zu sein, die sich höchstens gegenseitig beeinflussen. Der Vorwurf ignoriert, dass der Gegenstand der Psychoanalyse, das Individuum, als bürgerliches Subjekt selbst gesellschaftlich ist. Adorno hat versucht, die Problematik in ihrer Widersprüchlichkeit zu fassen: »Die Trennung von Gesellschaft und Psyche ist falsches Bewußtsein; sie verewigt kategorial die Entzweiung des lebendigen Subjekts und der über den Subjekten waltenden und doch von ihnen herrührenden Objektivität [...]. Was die arbeitsteilige Wissenschaft auf die Welt projiziert, spiegelt nur zurück, was in der Welt sich vollzog. Das falsche Bewußtsein ist zugleich richtiges, inneres und äußeres Leben sind voneinander gerissen.« Da sie keine vorschnellen Schlüsse zieht, ist die Konzentration der Psychoanalyse auf das Individuum in seinen Beziehungen geeignet, zu rekonstruieren, wie auf der ontogenetischen Ebene – die Entwicklung des Individuums betreffend – aus einem Naturbündel ein vergesellschaftetes Subjekt wird: Die Verbreitung einer bestimmten Moral etwa erklärt noch lange nicht, warum und wie ein Individuum sie verinnerlicht oder libidinös besetzt. Die Psychoanalyse stellt Erkenntnisse zur Verfügung, mit denen sich etwa die psychische Hartnäckigkeit antisemitischer Ressentiments durch ihre Struktur-Ähnlichkeit zur Paranoia analysieren lässt. Der Rückgriff auf die Psychoanalyse hat es ermöglicht, in den Studien zum autoritären Charakter das faschistische Potential, etwas, was (noch) nicht real sondern potentiell vorhanden ist, zu untersuchen. Doch es wäre ein Fehlschluss, davon auszugehen, dass die Relevanz der Psychoanalyse für Gesellschaftskritik nur in ihrem Beitrag zu bestimmten Themen (wie Massenbildung, Antisemitismus oder Religion) läge, man aber dabei auf die Neurosenlehre verzichten könne.

Ähnlich wie die gesellschaftliche Totalität nur in Fakten aufscheint, ohne in ihnen aufzugehen, so dass sie nur durch Deutung der Fakten und nicht durch ihr bloßes Abbilden theoretisch aufgefasst werden kann, bringt die psychoanalytische Deutung des Manifesten, etwa der Rationalisierung von Symptomen, nicht nur die innere Dialektik von Heteronomie und Autonomie zum Vorschein. Heinrich zeigt z.B. an einem komplizierten, zwanghaften Einschlafritual, wie für die Patientin das autonom inszenierte Ritual in Objektivität umschlägt. Die Psychoanalyse findet auch im Individuellen gattungsgeschichtliche Momente und allgemeine Funktionsprinzipien, die ebenso von Widersprüchen gekennzeichnet sind wie die antagonistische Gesellschaft, und die sich ebenso wenig unmittelbar erschließen wie die gesellschaftliche Totalität. Die Analogie zwischen Individuellem und Gesellschaftlichem fordert eine Analogie der methodischen Herangehensweise: Deutung und Dialektik. Sie lässt auch erahnen, dass diese Gegenstände nicht so verschieden sind, wie man es vielleicht gerne hätte. Ein Symptom wendet sich an eine Öffentlichkeit und sprengt letzten Endes »jeden privaten Rahmen«, weil »die Symptombildungen gesellschaftlich vermittelt sind«. Die innere Dynamik des bürgerlichen Subjektes wendet sich also selbst im scheinbar Privatesten, dem individuellen Zwangssymptom, immer schon an eine Öffentlichkeit, ist gesellschaftlich vermittelt und weist im Innersten Analogien zum Verhältnis von gesellschaftlichen Einzelphänomenen und der sich darin verbergenden und sich zugleich verratenden gesellschaftlichen Totalität auf.

Das Seltsame ist: Je weiter man sich ins individuelle Innere vorwagt, desto allgemeiner werden die Mechanismen, Konstitutionsgeschichten und Systeme des psychischen Apparats. Und das zentralste System ist wohl das Unbewusste.

Das Unbewusste, der Sinn im Unsinn und der Unsinn im Sinn

Eine der grundsätzlichen Erkenntnisse der Psychoanalyse ist die, dass das Subjekt in sich uneinheitlich ist, sich aber in der Regel als Einheit wahrnimmt. Es konstituiert sich weniger durch eine Entwicklung als durch Spaltungen und Widersprüche. Freud hat zwei topische Modelle entwickelt, die jeweils eine der zentralen Spaltungen versinnbildlichen: Das erste beschreibt die zwischen Unbewusstem, Vorbewusstem und Bewusstem. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der Trennung von Es, Ich und Über-Ich im zweiten Modell. Das Ich im Instanzenmodell etwa enthält das Bewusste und z.B. die unbewussten Abwehroperationen. Es handelt sich um verschiedene Ebenen, denn die Differenzlinien der Systeme des seelischen Apparats laufen teilweise mitten durch die Instanzen des zweiten. Der Gegenstand, der die Psychoanalyse besonders beschäftigt, ist das Unbewusste. Doch wie lässt sich überhaupt etwas analysieren, das dem Bewussten entzogen ist? Häufig ist die Rede von den drei Wegen zum Unbewussten, dem Witz, dem Traum und dem, was Freud Zur Psychopathologie des Alltagslebens zählt, den Fehlleistungen: Vergessen, Versprechen, Verlesen, Verschreiben, Vergreifen, Verlegen, Verlieren, Irrtümer. Hinzu kommen Vorgänge, die nicht im engen Sinne Fehlleistungen sind, nämlich Zufallshandlungen und Deckerinnerungen. Natürlich gibt es mehr Phänomene, in denen sich Unbewusstes ausdrückt, doch diesen ersten drei Phänomenen ist gemein, dass die Menschen etwas tun, was ihnen selber nicht ganz durchsichtig ist, etwa träumen, lachen oder vergessen. Im Gegensatz zu kollektiven Ritualen scheinen diese Vorgänge individuell zu sein (jedeR träumt etwas anderes und muss über andere Dinge lachen) und sie sind insofern allgemein, als sie bei allen Menschen auftreten und nicht nur bei denen, die als krank gelten. Die Psychoanalyse hat sich daran gemacht, eine rationale Erklärung für auf den ersten Blick irrationale Phänomene zu finden, die jedoch letzten Endes eine Vorstellung reiner Rationalität unterläuft. Die Psychoanalyse hat erkannt, dass ein Sinn im Unsinn steckt, der jedoch nicht auf der manifesten Ebene zu finden ist. Der manifeste Traumtext, also der erzählte Inhalt eines Traumes, mag trotz sekundärer Bearbeitung verworren oder das Symptom trotz Rationalisierung verrückt erscheinen, wenn man bei ihnen stehen bleibt. Es lässt sich jedoch mithilfe der freien Assoziation und der psychoanalytischen Deutung ein latenter Sinn entdecken, der zuvor nicht dem Bewusstsein zugänglich war, aber bereits in diesen scheinbar unsinnigen Phänomenen angedeutet wurde, verzerrt durch Mechanismen wie Verschiebung und Verdichtung. Nun ist für Freud das Interessante nicht einfach der latente Inhalt, sondern die Art, wie das Manifeste zustande kommt. Er stellt nach sorgfältiger Traumanalyse fest, dass der Traum eine Wunscherfüllung ist, besonders auch der Wünsche, die nicht bewusstseinsfähig sind, deren Erfüllung dem Subjekt unerträglich wäre. Träume, Symptome etc. sind stets eine Kompromissbildung zwischen Wunsch und Abwehr, also »eine Form, der das Verdrängte sich bedient, um ins Bewußtsein zugelassen zu werden […]: die verdrängten Vorstellungen werden dort durch die Abwehr bis zur Unkenntlichkeit entstellt«. Sie verraten im doppelten Sinne das Begehren: Sie »[s]etzen an seine Stelle, statt es zu befriedigen, einen Ersatz […]; zweitens verraten sie es in einem Gegensinn; plaudern es aus [...].« Was hier ausgedrückt wird, ist in sich widersprüchlich. Deshalb ist der Sinn schwer zu erkennen, aber da Verzerrungsmechanismen mit Ähnlichkeitsbeziehungen arbeiten, lässt er sich rekonstruieren. Das bedeutet nicht, dass man das Unbewusste im Bewusstsein auflösen könnte. Die Deutung wäre potentiell unendlich, denn die »Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen.« Bei der Deutung der Symptome, in denen sich Widersprüche verhaken, wird der zwingende Zusammenhang zwischen Manifestem und Latentem in Frage gestellt und somit auseinandergerissen. Das hat oft die Auflösung der Symptome zur Folge, »wie man Salz in Wasser löst: man verändert ihren Aggregatzustand«. Nach Freuds Erkenntnis, dass »nichts anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag«, kann dabei keine reine Rationalität das Ziel sein. Das stellt etwa im Falle des Antisemiten, der danach trachtet, die Welt seinem inneren Bild anzugleichen und den Jüdinnen und Juden das Menschsein auszutreiben, sich nicht als Entschuldigung dar, denn »noch die Behauptung, nicht anders gekonnt zu haben, wird als Verlangen des Subjekts gedeutet«. Schließlich aber ist es auch das Irrationale, der Wunsch, der das Denken dazu antreibt, mehr zu sein als eine Abbildung dessen, was ist – und der Kritik ermöglicht.

Melanie Babenhauserheide

Die Autorin lehrt an der Universität Bielefeld und
 promoviert an der Universität Frankfurt a. M. zur Ideologie in Rowlings Harry Potter-Reihe

Fußnoten

  1. Peter Schneider, Sigmund Freud, München 2003, 7. 
  2. Klaus Heinrich, Psychoanalyse Freuds und das Problem des konkreten gesellschaftlichen Allgemeinen, Dahlemer Vorlesungen, Bd. 7, Stroemfeld 2001, 224.
  3. Anna Tuschling, Was Sie schon immer über Sex wissen wollten... Zur Aktualität des Freudschen Sexualitätsbegriffs, in: initiative not a lovesong (Hrsg.), Subjekt (in) der Berliner Republik, Berlin 2003, 16.
  4. Jean Laplanche, Die allgemeine Verführungstheorie, Tübingen 1988, 187.
  5. Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Studienausgabe (im Folgenden kurz StA) Bd. 5, 88.
  6. Freud, Die Weiblichkeit, StA 1, 548.
  7. Ebd., 561. Mit dieser Problematik habe ich mich ausführlicher auseinandergesetzt in dem Artikel »Nicht ohne Sträuben«. Libido und Fortpflanzungsfunktion (in: outside the box. Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik, 3/ 2011), aus dem ich hier einige Wendungen entliehen habe. Darin habe ich auch zentrale, hier nicht aufgeführte Begriffe wie »Ödipuskomplex« und »Penisneid« erläutert.
  8. Freud, StA 5, 56.
  9. Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, StA 9 (b), 85.
  10. Vgl. Sigmund Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia, StA 7, 191ff.
  11. Sigmund Freud, Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität, StA 9 (a), 18.
  12. Siehe hierzu auch: Peter Schneider, Wahrheit und Verdrängung. Eine Einführung in die Psychoanalyse und die Eigenart ihrer Erkenntnis, Berlin 1995, 118ff.
  13. Ebd., 121.
  14. Carmen Dehnert/ Lars Quadfasel, Wenn der braune Großvater erzählt. Zur Psychoanalyse des postfaschistischen Subjekts, in: initiative not a lovesong (Hrsg.), subjekt. gesellschaft. perspektiven kritischer psychologie, Münster 2002, 41.
  15. Heinrich, Psychoanalyse Freuds, 208.
  16. Theodor W. Adorno, Soziologische Schriften 1, Gesammelte Schriften 8 (b), Frankfurt a.M.1997, 44f.
  17. Adorno, Philosophische Frühschriften, GS 1, 1999.
  18. Näheres hierzu findet sich bei Sonja Witte, Von der Gretchenfrage zurück zur Michelskala, Vortrag, Bremen 2010.
  19. Vgl. Theodor W. Adorno, GS8 (a), 315.
  20. Vgl. Heinrich, Psychoanalyse Freuds, 220.
  21. Diesen Zusammenhang hat Sonja Witte in ihrem Vortrag »Religion als Symptom – Psychoanalytisches Miniaturbild des Materialismus« in Oberhausen am 6.8.2011 ausgeführt.
  22. Heinrich, Psychoanalyse Freuds, 235.
  23. Topisch meint hier die »Differenzierung des psychischen Apparates in eine bestimmte Anzahl von Systemen [...], die verschiedene Eigenschaften haben und in einer bestimmten Reihenfolge zueinander angeordnet sind.« (Laplanche/ Pontalis 1972, 503).
  24. Grob und zu vereinfachend gesagt, umfasst das Es die Triebe, das Über-Ich ist die Verbotsinstanz und dem Ich kommt die Aufgabe zu, zwischen den Ansprüchen von Es, Über-Ich und Realität zu vermitteln.
  25. Sigmund Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Frankfurt a. M. 1954. An diesem Titel lässt sich das besondere Verhältnis der Psychoanalyse zum Begriff der Pathologie erahnen, wenn Freud ausgerechnet Vorgänge, die allen Menschen gemeinsam sind, in einer Psychopathologie betrachtet.
  26. Bei Deckerinnerungen handelt es sich um ganz besonders deutliche Kindheitserinnerungen, deren scheinbar unwichtiger Inhalt ihr Beharrungsvermögen verwunderlich erscheinen lässt.
  27. Auch wenn Freud das nicht immer wahrhaben wollte, vor allem in seinen Wendungen gegen die Religion. Vgl. Witte, Illusion, Wahrheit, Wirklichkeit: Religion als Symptom, in: Extrablatt 5/ 2009.
  28. Vgl. Sigmund Freud, Die Traumdeutung, StA 2, 486.
  29. Jean Laplanche/ Jean-Bertrand Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a. M. 1972, 255.
  30. Heinrich, Psychoanalyse Freuds, 216.
  31. Freud, StA 2, 503.
  32. Peter Schneider, Erhinken und Erfliegen. Psychoanalytische Zweifel an der Vernunft, Göttingen 2001, 205.
  33. Freud, StA 2, 540.
  34. Dehnert/ Quadfasel, Großvater, 40. Gerade durch die Widersprüchlichkeit und durch die Tatsache, dass einem nicht alles durchsichtig ist, was man tut, lässt sich nicht auf eine kausale Abfolge als Rechtfertigung zurückgreifen.