Ein tendenzieller Fall der Intelligenzrate?

Im Folgenden dokumentieren wir Russell Jacobys 1976 in der Zeitschrift Telos erschienen Essay »A Falling Rate of Intelligence« erstmals in einer deutschen Übersetzung. Dass der Text einer anderen Zeit entstammt, ist offensichtlich. Die Universitäten waren in der Nachkriegszeit massiv geöffnet und immer stärker ökonomisiert worden. Zugleich fiel der Text in eine Phase der Akademisierung der amerikanischen Neuen Linken, der sich Jacoby schließlich ausführlich in The Last Intellectuals. American Culture in the Age of Academe (1987) widmen sollte. Ob seine Prognosen sich bewahrheitet haben und seine Thesen sich aktualisieren lassen, wollen wir hiermit zur Diskussion stellen. Der Abdruck dieser leicht gekürzten Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Das Gesetz des tendenziellen Falls der Intelligenzrate ist noch schwerer zu fassen als das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Denn anders als dieses untergräbt der tendenzielle Fall der Intelligenzrate die Möglichkeiten seiner Erkenntnis. Von sich selbst nicht ausgenommen, ist das Gesetz des Falls der Intelligenzrate immer weniger begreifbar. Es handelt sich um eine Tendenz, die nur im Voraus vollkommen verstanden werden kann – dann, wenn sie noch nicht ganz sichtbar ist; später wird sie zwar erfahren und beobachtet, aber ohne verstanden werden zu können. Karl Marx hat an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass der Niedergang der politischen Ökonomie als Wissenschaft – ein Phänomen, das er auf die Zeit um 1830 datierte –, als gesellschaftliche Entwicklung auf den Aufstieg der Bourgeoisie zur politischen Macht zurückführbar war. Das siegreiche Bürgertum wandte sich von »uneigennütziger Forschung« ab. »Es handelte sich jetzt nicht mehr darum, ob dies oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital nützlich oder schädlich, bequem oder unbequem [ist].« Diese Bemerkungen wurden jedoch nicht zu einer Theorie ausgebaut. Inzwischen könnte es zu spät sein; das Gesetz des tendenziellen Falls der Intelligenzrate hat seinen Tribut gefordert. Doch genau wie beim Fall der Profitrate handelt es sich um eine Tendenz, kein ehernes Gesetz; gegenläufige Entwicklungen sind nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Aus diesem Grund kann eine Diskussion des tendenziellen Falls der Intelligenzrate zumindest hoffen, mehr zu sein als ein weiterer Beweis für seine Existenz.

Vorher jedoch ist es wichtig, sich an die wesentlichen Merkmale der Profitrate bei Karl Marx zu erinnern. Die Profitrate bestimmt sich aus dem Verhältnis von Mehrwertrate und organischer Zusammensetzung des Kapitals. Beides steigt mit der Entwicklung des Kapitalismus. Das legt nahe, dass das Wachstum der Profitrate unbegrenzt ist. Der Mehrwertrate sind jedoch natürliche und historische Grenzen gesetzt – die hier nicht diskutiert werden können. Mit der Zeit kann die Mehrwertrate nicht mehr mit dem Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals mithalten, was zu einem entscheidenden Faktor für den Fall der Profitrate wird.

Die organische Zusammensetzung des Kapitals besteht aus den technischen und den wertförmigen Anteilen des Gesamtkapitals: dem Verhältnis von Maschinerie zu lebendiger Arbeit und von konstantem und variablem Kapital. In der Geschichte des Kapitalismus ist Ersteres gestiegen, die technischen Produktionsmittel wurden immer effizienter; dies ist die Definition von Produktivität. Anders gesagt, Maschinerie und konstantes Kapital ersetzen die lebendige Arbeit und das variable Kapital. Der Anteil der lebendigen Arbeit schrumpft. Sowohl die Mehrwertrate als auch die organische Zusammensetzung des Kapitals wachsen, weil letzteres – im entwickelten Kapitalismus – eine Bedingung des Ersteren ist; der Mehrwert wird vergrößert, indem mehr konstantes Kapital eingesetzt wird, also immer mehr Arbeit statt von Menschen durch Maschinen verrichtet wird. Insofern als die Profitrate nicht einfach auf der Grundlage des extrahierten Mehrwerts berechnet wird, sondern die Ausgaben für Steigerung der Produktivität einschließen muss, fällt die Profitrate wenn diese steigen. Entscheidend ist hierbei: Die Profitrate fällt wenn der relative Anteil der lebendigen Arbeit schrumpft, und so die organische Zusammensetzung des Kapitals wächst.

Diese ökonomische Logik geht weit über das Ökonomische hinaus; sie ist zugleich gesellschaftlich, politisch und menschlich. Der Arbeitsprozess des Kapitalismus ist sein Lebensprozess. Die organische Zusammensetzung des Kapitals ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das nicht nur unmittelbare Arbeitsbedingungen betrifft, sondern die ganze Reproduktion der Gesellschaft. »Betrachten wir die bürgerliche Gesellschaft im großen und ganzen«, schreibt Marx, »so erscheint immer als letztes Resultat des gesellschaftlichen Produktionsprozesses die Gesellschaft selbst, d.h. der Mensch selbst in seinen gesellschaftlichen Beziehungen. […] Der unmittelbare Produktionsprozess selbst erscheint hier nur als Moment.« »Im großen und ganzen« bezeichnet die organische Zusammensetzung des Kapitals also »das Verhältnis seines aktiven und seines passiven Bestandteils«, wie Marx das einmal genannt hat, das Verhältnis von toter und lebendiger Arbeit; oder im Bezug auf die Gesellschaft, den relativen Anteil menschlicher Subjektivität und fremder Objektivität. Im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung führt die wachsende organische Zusammensetzung der Gesellschaft zu einem zunehmenden Zerfall menschlicher Subjektivität.

Die Herrschaft passiver Bestandteile – toter, geronnener Arbeit – durchzieht die gesellschaftlichen Verhältnisse aus denen das Individuum entsteht. So wird aus der organischen Zusammensetzung des Kapitals das, was Adorno die »organische Zusammensetzung des Menschen« genannt hat. »Es wächst die organische Zusammensetzung des Menschen an.« Entscheidend für die gesellschaftliche Kategorie der Intelligenz ist, dass das Verhältnis von Passivität und Aktivität zu einer absoluten Herrschaft der Passivität hintreibt. Klassifikation und blinde Rezeptivität ersetzen »die Spontaneität des begreifenden Verstandes, die allerdings von der Idee der kritische Vernunft nicht zu trennen ist.« Diese Passivität, eine für den Kapitalismus einzigartige Entfremdung, gründet in der Trennung der »bedürftigen Subjektivität des lebendigen Arbeitsvermögens« von den Mitteln zur Erhaltung ihres Lebens. Offensichtlich gibt es Aktivität, aber es handelt sich um Aktivität, die in die Form der Passivität gepresst wurde, die nicht selbstbestimmt, sondern verordnet und unterworfen ist.

Der Fall der Intelligenzrate ist Ausdruck der wachsenden organischen Zusammensetzung des Menschen bzw. des relativen Schwunds der spontanen, lebendigen Subjektivität. Die organische Zusammensetzung des Menschen meint einen Prozess der menschlichen und gesellschaftlichen Versteinerung. Gesellschaftliche Versteinerung ist kein natürlicher Prozess bei dem lebendige Zellen durch Mineralien ersetzt werden, sondern ein Prozess, bei dem die Warenform in unsichtbare gesellschaftliche Verhältnisse aufgelöst wird. Es ist ein Prozess, der parallel zur Entwicklung der organischen Zusammensetzung des Kapitals verläuft. An einem bestimmten Punkt haben die Größe und die Kosten des Apparats, der notwendig ist, um die Produktivität immer mehr zu steigern, mit dem extrahierten Mehrwert gleichgezogen; dann ist die lebendige Arbeit jenseits der Profitabilität geschrumpft. Intelligenz als gesellschaftliche Kategorie unterliegt denselben Kräften; sie sinkt im Verhältnis zur schrumpfenden lebendigen Arbeit und Subjektivität. Dies zeigt sich als »Verfall der Vernunft im bürgerlichen Denken des monopolkapitalistischen Zeitalters.«

Die absolute Abnahme der Intelligenz konstituiert eine Krise – doch für wen und welcher Art? Die Konturen der Krise sind schwer abzusehen. Braucht die Ideologie des Kapitalismus ein Minimum an Vernunft, ohne die sie als Lüge desavouiert würde Oder ist der Fall der Intelligenzrate eine strukturelle Tendenz und ihre Lösung zugleich? Wie beim tendenziellen Fall der Profitrate gibt es keinen vorherbestimmten Zusammenbruch, nur dessen Möglichkeit, die mit Versuchen der Restauration konkurriert. Die durch den Fall der Intelligenzrate hervorgerufene Krise eröffnet die Möglichkeit der Ergreifung der Produktionsmittel der Intelligenz, nicht aber ihre Notwenigkeit. Vor diesem Krisenmoment jedoch wird der Fall der Intelligenzrate als Tendenz sichtbar. Aus diesem Grund muss seine Betrachtung umgekehrt vorgehen und »erklären, warum dieser Fall nicht größer oder rascher ist. Es müssen gegenwirkende Einflüsse im Spiel sein, welche die Wirkung des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und aufheben«.

Eine der wichtigsten Gegentendenzen ist die Überproduktion. Louis Boudin schrieb bereits 1907: »[D]as kapitalistische System lebt und gedeiht von Verschwendung.« Jüngere Schätzungen weisen drei Fünftel aller Produktion als Überproduktion aus. Sie stützt die stagnierende Produktion, wenn auch nicht für immer. Insofern Überproduktion durch staatliche Überschuldung angetrieben wird und aus dem Prozess der gesellschaftlichen Reproduktion herausfällt, »werden Einkommen und Schulden langsam aber stetig durch Inflation entwertet« Intellektuelle Überproduktion und geistige Inflation – die Entwertung des kritischen Gehalts des Denkens – sind die Waren der Intellektuellen, die die private Akkumulation am Laufen halten.

Überproduktion ist nicht einfach mit der Herstellung von Luxusgütern identisch. Vielmehr nimmt Überproduktion im Spätkapitalismus eine besondere Form an und veränderte das Verhältnis von Gebrauchs- und Tauschwert. Der Gebrauchswert der Ware – das materielle Substrat, das den Tauschwert trägt – wird als Hindernis der Akkumulation beseitigt. Der Akkumulationstrieb siegt über den relativ begrenzten und von nützlichen Waren gesättigten Markt, indem die Nützlichkeit der Waren eliminiert wird; besser gesagt, der Gebrauchswert wird auf einer zweiten ‚ästhetischen‘ Erscheinungsebene rekonstituiert, die in keinem Verhältnis zum wirklichen Gebrauchswert steht. So wird die Realisierung des Tauschwerts nicht durch eine Übersättigung an nützlichen Waren verhindert. Der Markt könnte beispielsweise nur eine ganz bestimmte Menge Rasiercreme aushalten, wenn sie wegen ihres tatsächlichen Gebrauchswertes gekauft würde. Diese Grenze kann aber umgangen werden, wenn die Rasiercreme aus anderen Gründen – Status, Style, Prestige – verkauft, gekauft und konsumiert wird.

Intellektuelle Überproduktion zeugt von der Herrschaft des Tauschwerts. Der Zwang zur Akkumulation erschließt neue Felder für die Produktion und Konsumtion überflüssiger Waren. Wenn die Waren einmal auf dem Markt sind, wird geplanter Verschleiß zur Voraussetzung der gesellschaftlichen Reproduktion. Nur in der Logik des Tauschwertes ist es ›günstiger‹, zehntausende Glasflaschen wegzuwerfen, um mehr zu produzieren, statt sie wieder zu verwenden. Einwegflaschen sind das treffende Bild für die intellektuelle Produktion im Zeitalter des Monopolkapitals. Die Lebensdauer der Ware wird verkürzt, um das Leben des Kapitalismus zu verlängern. Geplanter intellektueller Verschleiß löscht Erinnerung und Geschichte aus, um eine stagnierende Nachfrage und Produktion anzuheizen. Das Ergebnis ist geschichtslose Wiederholung – soziale Amnesie. Heute sieht alles gleich aus, liest sich gleich, riecht gleich, weil alles gleich ist.

Dass Erfolg und Überleben in der Akademie unter demselben Gebot wie im Kapitalismus stehen, legt nahe, dass der Fall der Intelligenzrate begonnen hat: ›publish or perish‹ ist mehr als die Übersetzung von ›akkumuliere oder stirb‹. Es ist die Sprache des Kapitalismus, gesprochen von einem neuen Bereich, dem akademischen Sektor. Auch hier kommt es zu einer Krise, wenn die Akkumulation unterbrochen wird. Gelingt es Akademikern und Akademikerinnen nicht mehr, zu akkumulieren, kann das den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten, also Bankrott und Krise, finanziell und anderweitig. Das hat natürlich Konsequenzen, sowohl für die Form als auch den Inhalt der intellektuellen Produktion; sie wird allgemein darauf umgestellt, den Bedürfnissen der großen Konsumenten zu genügen – Regierung, Militär und Industrie. Selbst fernab der unmittelbaren Bedürfnisse des Monopolkapitals nimmt das akademische Denken die Gestalt der Ware an. Der Marxismus ist davon nicht ausgenommen. Neue Denkschulen, Innovationen, Fortschritte und Durchbrüche werden angekündigt wie ein neues Produkt. Alle versuchen sich einen Teil des Marktes zu sichern. Ineinandergreifende Fakultäten, intellektuelle Vereinigungen und Trusts hinterlassen in Fußnoten ihre Spuren durch willkürlich platzierte Werbung, Widmungen und Empfehlungen. Der Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapital hat intellektuelle Rückvergütungen, Massenprodukte und Billigwaren mit sich gebracht.

In der Soziologie wurden einige dieser Entwicklungen registriert. »Soziologen produzieren Papier«, so John Helmer, der die durchschnittliche Produktivität eines Soziologen auf »einen Zeitschriftenaufsatz alle drei Jahre oder 7,5 Worte pro Tag« beziffert. Was zählt, »ist die Quantität. Tatsächlich konnte die Qualität ihres eigenen Outputs nur dadurch gemessen werden, indem erfasst wurde, wie oft sich Soziologen gegenseitig in ihren Texten erwähnen. Es stellte sich heraus, dass die Zahl der Zitationen eines Soziologen stark mit der Menge seiner Veröffentlichungen korreliert. Je mehr Publikationen, umso größer die Aufmerksamkeit.« Die Halbwertszeit der Texte wird aber immer kürzer, »so dass die meisten Produzenten lieber noch schneller publizieren, anstatt auf ein Meisterwerk zu spekulieren«. Mehr noch, es gibt einen Zusammenhang zwischen Produktivität und ökonomischer Macht – der Kontrolle über Stiftungen, Zeitschriften, ›Spitzen-Universitäten‹ etc. Die Konzentration ökonomischer Macht auf dem ›freien‹ Markt der Ideen erzwingt, dass nur die mit großem Kapital den Markt mit einem völlig neuen Produkt betreten und mit Erfolg rechnen können. Das affiziert die innere Struktur des Denkens; es wurde bereits bemerkt, dass es eine gewisse Affinität zwischen ›großen‹ Theorien und großen Universitäten gibt.

Medien und die Medientheorie folgen derselben Bewegung des Kapitals; je weiter die Intelligenzrate fällt, umso mehr expandieren die Medien. »Sender und Kanäle erhalten ihre Profitabilität und damit ihren Wert durch die Größe ihres potentiellen Publikums.« Die relative Schrumpfung der menschlichen Arbeit in der Medienproduktion korrespondiert mit ihrer Routinisierung; technisches Know-how ersetzt den Inhalt. Es ist kein Zufall, dass viele Historiker und Kritiker der Medien – von Comics, Radio, Zeitungen, Photographie – deren Anfänge als eine Zeit der Kreativität und Spontaneität beschreiben. Wenn das stimmt, könnte dies sowohl mit der Konkurrenzstruktur der Industrie vor ihrer Konzentration und Zentralisation zu tun haben als auch mit der niedrigen organischen Zusammensetzung des Menschen. Im Spätkapitalismus ändert sich das; konstantes Kapital ersetzt lebendige Arbeit und Intelligenz. Um eine Formulierung Walter Benjamins umzukehren: Massenweise Reproduktion treibt die Reproduktion der Massen voran. Beide stehen in einem inneren Zusammenhang, so wie Erhaltung und Erneuerung der Arbeitskraft.

Man kann annehmen, dass Kritik und Theorie der Medien dieselbe Entwicklung durchgemacht haben, dass sie also am Anfang der Massenmedien florierten und mit der Zeit immer spezialisierter und apologetischer wurden. Hans Magnus Enzensberger schrieb 1962: »[W]ährend die neuen technischen Instrumente Funk, Film, Fernsehen […] eifrig und isoliert diskutiert werden, bleibt also die Bewußtseins-Industrie im Ganzen außer Betracht.« Die Theorie der Massenkultur könnte dafür ein Beispiel sein. Unangemessen und nicht selten mit einer aristokratischen Haltung rückte sie der Kommodifizierung des Denkens auf den Leib. Ausführlich wurde sie herumgereicht, ihren ‚Höhepunkt‘ hatte sie vermutlich in den 1950er Jahren. Heute jedoch klingt sie merkwürdig und ist so gut wie verschwunden. Nicht etwa, weil sie durch angemessenere Theorien ersetzt wurde; im Gegenteil. Vielmehr werden die Massenmedien nicht länger als eine fremde, separate Ware erfahren, sondern, in der einen oder anderen Form, begrüßt. Marshall McLuhans Schriften zeugen von dieser Regression. Sein 1951 erschienenes Buch Mechanical Bride war eine schneidende und radikale Kritik der Medien. Seine späteren Schriften waren apologetische Abfeierei. In jüngerer Vergangenheit sind einige der ältesten Formeln zum Wegerklären der Irrationalität und Verschwendung des Kapitalismus – Pluralismus und die Macht des Konsumenten – als eine neue Theorie angepriesen worden, um die verwaltete Diversität der Massenkultur zu rechtfertigen.

Wenn die Massenmedien im entwickelten Kapitalismus anders wahrgenommen werden als vorher, verweist dies noch auf eine andere, vielleicht entscheidende, Dimension der organischen Zusammensetzung des Menschen: die historische Struktur und Qualität der Erfahrung. Mit dem Verfall der Subjektivität geht eine immer stärkere Verdinglichung einher. Erfahrung steht nicht über oder außerhalb der Gesellschaft; es handelt sich vielmehr um eine gesellschaftliche Kategorie, die denselben kapitalistischen Zwängen unterliegt. Der Fall der Intelligenzrate gründet in einer immer stärkeren Homogenisierung der Subjektivität, dem was Benjamin die »zunehmende Verkümmerung der Erfahrung« nannte. Erfahrung verfällt heute nicht nur weil sie vorgefertigt und fabriziert ist, sondern weil ihre lebendige Grundlage, das Individuum, sich verhärtet. Was am Beginn der bürgerlichen Ära als sekundäre Qualitäten denunziert wurde – weil es weder primär noch quantitativ war – zerfällt an deren Ende. Die Intelligenz verschwindet wenn die Erfahrung verdinglicht.

Für das Proletariat gab es keinen Fall der Profitrate; direkt betroffen war nur die Bourgeoisie. Doch dieselbe Logik, die das Gesetz hervorbrachte, affizierte auch das Proletariat, d.h. die zunehmende Ersetzung von variablem durch konstantes Kapital, die Ausbeutungsrate etc. Kann man den Fall der Intelligenzrate für eine Gesellschaft als Ganzes konstatieren, für das Proletariat und die Bourgeoisie? Oder ist das Proletariat immun? Insofern die organische Zusammensetzung des Menschen ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt, das nicht nur für die Bourgeoise gilt, stellt der tendenzielle Fall der Intelligenzrate den Begriff des Klassenbewusstseins infrage. Was untersucht werden müsste, sind die Formen der „sekundären« Ausbeutung, die nicht durch die Mehrwertrate gemessen werden können, sondern sich auf das »Bewusstsein, die Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen« von arbeitenden Männern und Frauen beziehen.

Wie beim tendenziellen Fall der Profitrate, ergeben sich sowohl methodische als auch inhaltliche Schwierigkeiten: Wenn der Fall der Profitrate als Tendenz »latent« ist – also aufgrund einer gegenläufigen Entwicklung nicht zum Vorschein kommt – was ist dann die Tendenz und was die Gegentendenz? Das Problem des Klassenbewusstseins und des tendenziellen Falls der Intelligenzrate führen zu ähnlichen Fragen. Wenn auch das Klassenbewusstsein latent ist, könnte es dann eine stärkere Tendenz zum Klassenunbewussten geben? Die Abwesenheit des Klassenbewusstseins kann nicht nur durch Rekurs auf sich selbst erklärt werden, also durch Ideologie, durch falsches Bewusstsein. Geschichte und Klassenbewusstsein müssen vor dem Hintergrund der Geschichte des Klassenunbewussten betrachtet werden.

 

 

~ Von Russell Jacoby. Der Autor ist Professor für Geschichte an der University of California, Los Angeles. Zu seinen letzten Veröffentlichungen zählen Bloodlust: On the Origins of Violence from Cain and Abel to the Present (2011) und Picture Imperfect: Utopian Thoughts for an Anti-Utopian Age (2005).

Aus dem Amerikanischen von Robert Zwarg.

Fußnoten

  1. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, Marx-Engels-Werke (MEW), Berlin 1966, 21. Vgl. Henryk Grossmann, Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik, Frankfurt a.M. 1969, 9 ff.
  2. So Paul Sweezys Schlussfolgerung in: The Theory of Capitalist Development, New York 1968, 102.
  3. Vgl. dazu, sowie für eine Kritik an Sweezy, Roman Rosdolsky, Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ›Kapital‹, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1969, 467–483.
  4. Zur Komplexität der organischen Zusammensetzung des Kapitals vgl. Fritz Halbach, Kapitalismus ohne Krisen, Gießen 1972, 15 f.
  5. Es gibt natürlich viele Kontroversen zur organischen Zusammensetzung des Kapitals und ob diese tatsächlich wächst. Im Allgemeinen stimmt man darin überein, dass die organische Zusammensetzung in den frühen Phasen des Kapitalismus gestiegen ist. Es wurde allerdings auch argumentiert, dass sie, bspw. Seit 1920, aufgrund von kapitalsparenden Technologien sank. Vgl. Geoff Hodgson, The Theory of the Falling Rate of Profit, New Left Review 84 (März–April, 1974), 55ff. Eine andere Interpretation findet sich bei Mario Cogoy, The Fall of the Rate of Profit and the Theory of Accumulation, Bulletin of the Conference of Socialist Economists (Winter 1973), 52 ff. Vgl. auch Paul Mattick, Marx und Keynes, Frankfurt a.M. 1969, 92 ff.
  6. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, 600.
  7. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, 155.
  8. Adorno, Minima Moralia, Gesammelte Schriften, Bd. 4, Darmstadt 2000, 147.
  9. Herbert Marcuse, Zum Begriff des Wesens, Schriften, Bd. 3, Springe 2004, 62.
  10. Marx, Grundrisse, 359.
  11. Paul Baran, Paul Sweezy, Monopolkapital. Ein Essay über die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, Frankfurt a.M. 1973, 388, Fn 15.
  12. »Der Fortschritt der Verdummung darf hinter dem gleichzeitigen Fortschritt der Intelligenz nicht zurückbleiben.« Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, in: Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 3, Darmstadt 2000, 167.
  13. Marx, Das Kapital, Bd. 3, 242.
  14. Louis Boudin, The Theoretical System of Karl Marx, New York 1967, 246.
  15. Vgl. Michael Kidron, Capitalism and Theory, London 1974, 35 ff.
  16. Mattick, Marx und Keynes, 164.
  17. Vgl. Theodor W. Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und Regression des Hörens, Gesammelte Schriften, Bd. 14, Darmstadt 2000, 25. Die Idee einer künstlichen Rekonstruktion des Gebrauchswert wird entwickelt bei Wolfgang-Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik Frankfurt a.M. 1971 sowie Warenästhetik, Sexualität und Herrschaft, Frankfurt a.M. 1972.
  18. Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht es nicht um die Probleme der Überflussgesellschaft, so als gäbe es zu viele nützliche Waren in einem absoluten Sinne. Es kann jedoch der Fall eintreten, bei dem es einen Überfluss an Waren gibt, nicht absolut, aber im Verhältnis zur kapitalistischen Nachfrage. Vgl. Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, Zweiter Teil, MEW 26.2, 528.
  19. Diesen Gedanken entwickle ich ausführlich in: Soziale Amnesie. Eine Kritik der konformistischen Psychologie von Adler bis Laing, Frankfurt a.M. 1980.
  20. John Helmer, The Deadly Simple Mechanics of Society, New York 1974, 7 f.
  21. Ders., The Deadly Simple Mechanics of Society, New York 1974, 56. Vgl. auch den prägnanten Artikel von Thomas Ferguson, der sich auf die Wissenschaftphilosophie konzentriert: The Political Economy of Knowledge, Telos 15 (1973), 124–137.
  22. Vgl. Alvin Gouldners Bemerkungen über das Verhältnis von Harvard und Parsons in The Coming Crisis of Western Sociology, New York 1971, 172 ff.
  23. Herbert Schiller, Mass Communications and the American Empire, Boston 1971, 147.
  24. Natürlich kann diese Einschätzung je nach Sektor der Medien durchaus variieren; diese Bemerkungen sollen lediglich zu denken geben.
  25. Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit, Gesammelte Schriften, Bd. I.2, Frankfurt a.M. 1991, 479.
  26. Hans Magnus Enzensberger, Bewußtseins-Industrie, in: ders., Einzelheiten I, Frankfurt a.M. 1973, 9.
  27. Für einen historischen Überblick, vgl. Leo Löwenthal, Literatur und Gesellschaft. Das Buch in der Massenkultur, Berlin 1964. Für eine Diskussion der elitären Vorannahmen des Begriffs der Massenkultur, vgl. Leo Bramson, The Political Context of Sociology, Princeton 1967.
  28. Zu Marshall McLuhan vgl. John Fekete, McLuhanacy: Counterrevolution in Cultural Theory, Telos 15 (1973), 75–123. Fekete scheint jedoch die Kontinuität zwischen dem frühen und dem späten McLuhan überzubewerten.
  29. Vgl. die vertitable Goldmine blasser Theorien und banaler Gedanken, die sich selbst als neue Erkenntnisse ausgeben bei Herbert Gans, Popular Culture and High Culture, New York 1974.
  30. Walter Benjamin, Charles Baudelaire. Ein Lyriker in Zeiten des Hochkapitalismus, Gesammelte Schriften, Bd. I.2, 611.
  31. Vgl. Oskar Negt/Alexander Kluge, Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt a.M. 1972, 299 f.
  32. Vgl. dazu die Ausführungen in meinem Text, Politics of the Crisis Theory, Telos 23 (1975), 49.