Editorial

»Tagtraum des Arschfickers« nannte der britische Dichter Wystan Hugh Auden das Berlin der 1920er Jahre begeistert. Partys, Bälle und schwul-lesbische Zeitschriften – heute würde man sie vielleicht Zines nennen – boomten. Ein subkultureller Traum, doch schon damals gab es Bestrebungen, das Schwule und Lesbische aus dem Underground in die bürgerliche Normalität zu bringen, sozusagen den Sex zu politisieren. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts echauffierte sich Octave Mirbeau über die Vorreiter im Kampf um Anerkennung: »Anstatt die Liebe unter Männern ganz einfach als Laster zu pflegen, sind sie auf pedantische Weise homosexuell«.

 

In der Öffentlichkeit wird Schwul- oder Lesbischsein heute kaum mehr mit Sex oder gar Laster verbunden. Gute häusliche Bürger, »genau wie wir«, so urteilen viele. Und professionelle Homosexuelle tun ihr Bestes, diesem Bild zu entsprechen, sie wollen nicht mehr pervers sein.

Die Debatte um die Homo-Ehe vermittelt den Eindruck, heute sei Homosexualität konsensfähig. Trotz des homophoben Wahns von Pegida&Co (ein Witz für Insider war vor Kurzem das Nazi Transparent »Salafisten fisten«) und obwohl die eigenen Kinder nicht »so« sein sollen. Aber immerhin die Homo-Ehe befürworten offiziell fast alle. Als letzter Gestriger versucht Mathias Matussek gegen die Mehrheitsmeinung zu halten. Unterstütz noch durch den Vatikan, der die Entscheidung für die rechtliche Angleichung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften in Irland für eine »Niederlage der Menschheit« hält.

Der Begriff Homo-Ehe – Ehe unter Menschen oder unter Gleichen? – wurde inzwischen abgelöst von der »Ehe für alle«. Doch die wird es sicher nicht geben. Annegret Kramp-Karrenbauer warnte davor, dass mit dem Ende des heterosexuellen Monopols auf staatliche Anerkennung, die Tür geöffnet werde für eine weitere Ausweitung des Ehe-Begriffs. Dafür wurde sie schnell als homophob beschimpft, sogar wegen Volksverhetzung angezeigt, und auch der NS-Vergleich ließ nicht lange auf sich warten. Aber anstatt sie als das zu bezeichnen, was sie sicherlich ist, wäre es doch viel angebrachter, zu antworten: Ja, gerne! Warum soll die Ehe nur für zwei Personen gelten? Warum nicht für alle, die gegenseitig füreinander Verantwortung übernehmen möchten? Und: Ja! Ja! Ja! Am Ende dieses Gedankens steht die Abschaffung des staatlich unterstützten Partnerschaftsprinzips.

Momentan gilt leider noch: Man muss schon Rechte haben, um sie ablehnen zu können. Rechte sind keine Privilegien und müssen für alle Gleichen gelten. Und das ist doch eine gute Überleitung zum Schwerpunkt dieser Ausgabe.

 

Give Peace a Damn

Phase 2