Echo

Der folgende LeserInnenbrief »diffamiert« unseren Autor Jorge L. Falkson als Antirassisten. Anlass ist der in der vergangenen Ausgabe erschienene Beitrag »Der Holocaust, seine Gedächtnisse und der Palästinakonflikt«, in dem sich Falkson mit der Krise des Zionismus in Israel auseinandersetzt. Dagegen hat unsere Leserin Amanda auch erstmal nichts, allerdings hört für sie der Spass auf, wenn sich in schlechter linker antirassistischer Tradition, und dafür soll der Beitrag Falksons exemplarisch herhalten, dem Schicksal der »sogenannten PalästinenserInnen« gewidmet wird.

Liebe GenossInnen,

mit einiger Enttäuschung und Empörung nehme ich zur Kenntnis, dass offenbar die Forderung des Berliner Antisexismusbündnis` (ich erlaube mir diese Kritik als ehemaliges Mitglied dieses Vereins), Islamkritik in der Phase 2 nicht mehr zu drucken und dafür dem deutschen Mainstream zu folgen und politisch korrekt auf »Antira« zu machen, in Eurer Redaktion unverständlicherweise auf die entsprechende Resonanz gestoßen ist. So sehr man sich gewünscht hätte, dass etwa der hervorragende Phase 2-Text David Schweigers zu Islamkritik und dem linksdeutschen Popanz »Islamophobie«, noch einmal gegen die Berliner AntisexistInnen verteidigt würde, so sehr konkretisiert sich der Ärger, wenn man in der aktuellen Ausgabe das Geschwurbel des Autoren Jorge L. Falkson mit dem Titel »Der Holocaust, seine Gedächtnisse und der Palästinakonflikt« liest. Ich weiß nicht, was die Redaktion dazu bewogen hat, diesen Text überhaupt abzudrucken. Der Leipziger Antirassist schreibt sich in seinem Text in einen anti-israelischen Furor, der als Sorge um Israel ausgegeben wird, aber nichts anderes ist als die immergleiche deutsche Bescheidwisserei, die akademisch informiert meint, den Juden in Israel einmal so richtig heimleuchten zu dürfen. Eike Geisel und Wolfgang Pohrt haben bereits in den achtziger und frühen neunziger Jahren diese innerhalb der deutschen Linken hegemoniale Haltung ausführlich und zutreffend kritisiert.

Falksons Text bezieht sich in seiner Analyse der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft mit Avraham Burg und Tom Segev fast ausschließlich auf zwei prominente und in Deutschland gefeierte anti- oder postzionistische Autoren aus Israel, die meiner Meinung nach den Zionismus als radikaldemokratische Emanzipationsbewegung des europäischen Judentums nicht verstanden haben und ihn stattdessen analytisch als »Neokolonialismus« missverstehen. Dementsprechend umstritten sind die Positionen der beiden Autoren, die als Bezugspunkte von Falkson mehr als nur unglücklich gewählt sind. Sie sind keinesfalls repräsentativ und deswegen sollte man die Referate Falksons ruhig einmal mit den gewichtigen und relevanteren Gegenpositionen zu Burg und Segev konfrontieren. Auch Falksons Bezug auf Hannah Arendts Analyse der frühen israelischen Gesellschaft und ihrer angeblichen Geburtsfehler blendet vollkommen aus, dass der Zionismus nicht nur eine Antwort auf die im Übrigen keineswegs auf das zwanzigste Jahrhundert zu beschränkende weltweite anti-jüdische Verfolgungsgeschichte ist. Ebenso muss die Konsequenz der Verfolgung als der selbstbewusste Versuch der Gründung eines Staates nach westlichem Vorbild verstanden werden, in dem Jüdinnen und Juden die Freiheiten einer bürgerlichen Gesellschaft selbst verwirklichen, statt wie die Deutschen auf eine Emanzipation von oben zu warten. Der Antisemitismus in arabischen Gesellschaften ist auch nicht, wie Falkson behauptet, Ergebnis einer »radikal-islamischen Aufladung des Konflikts« (es ist überhaupt eine linke Unart, den antisemitischen Krieg gegen Israel zwanghaft als »Nahostkonflikt« relativieren zu müssen). Das zeigen nicht nur einschlägige Studien zur Geschichte des Antisemitismus in Greater Middle East von Bernard Lewis, Klaus Gensicke und Anderen. Vielmehr bildet die Virulenz und Verbreitung des Antisemitismus (auch und gerade der auf Vernichtung zielenden »Spielart«) die Grundvoraussetzung für das Scheitern des Zionismus in der israelischen Gesellschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Mit dem seit siebzig, achtzig Jahren andauernden antisemitischen Terror in Nahost ist nun einmal selbst innerhalb der einzigen und wehrhaften demokratisch verfassten Gesellschaft in der ganzen Region kein Staat mehr zu machen. Die Lebensbedingungen sind durch die Präsenz des Terrors gerade für die nachgeborenen Generationen, denen in der Tat der unmittelbare Bezug zum »Gründungsmythos« abhanden gekommen sein mag, so gestaltet, dass man es eben nicht mehr aushalten kann oder will in Israel. Deswegen ergibt sich in Bezug auf die israelische Gesellschaft dieser Tage möglicherweise eine ernste Diagnose, um die es auch Leon de Winter geht, der nicht wie Falkson behauptet, Reflexionen zum Nahostkonflikt aufnimmt, die die Israelis in der Realität führen. Diese Diagnose betrifft den Verrat des Westens am Zionismus und die Tatsache, dass deswegen Israel heute so isoliert und verlassen wie nie zuvor dasteht. Das führt dazu, dass sich die Feinde Israels in der Offensive sehen (die jüngsten Ereignisse um die »free gaza«-Shitbags legen beredtes Zeugnis davon ab), und dass viele Israelis das Land verlassen. Der Exodus der jungen Generation, gepaart mit den ohne Grundlage wieder einmal intensivierten Bemühungen um die Gründung eines palästinensischen Staates, ist der Anfang vom Untergang Israels und damit eine realitätsnahe Zeitdiagnose und nicht, wie von Falkson einmal mehr falsch behauptet, eine »düstere Aporie«. Die Fokussierung des Autoren auf die von ihm so genannte »Palästinafrage« und die Forderung nach deren Lösung von israelischer Seite, wie sie gerade von Figuren wie Segev erhoben wird, führt in die gleichen Erkenntnissackgassen. Das alte linke Mantra besagt, dass, um ein dauerhaftes friedliches Miteinander in der Region zu gewährleisten, nur endlich das Leid der palästinensischen Bevölkerungen anerkannt und gelindert werden müsse – so, als ob Israel selbst nicht von Anfang genau darum bemüht war, ist und bleibt. Wahr daran ist, dass das möglicherweise tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung wäre, der aber zu allererst von den PalästinenserInnen selbst und eben gar nicht von den Israelis abhinge. Ihre Emanzipation von der alten Judenfeindschaft und von islamisch geprägten Männerbünden wie der Hamas oder der Al-Fatah kann nicht von der israelischen Selbstverteidigungsarmee vollzogen werden. Die alte Lüge, dass der angeblich kolonialistische Zionismus die Ursache für die Probleme der arabischen Gesellschaften darstellt, gehört nicht in den Bereich gesellschaftskritischen Denkens, sondern kommt der Dementierung eines solchen Denkens gleich, egal, wie elaboriert diese Lüge daherkommen mag. Schade ist, dass es der Redaktion der Phase 2 nicht gelungen ist, ihrem Autoren durch entsprechende Hinweise in diese Richtung Hilfestellung zukommen zu lassen.

Abschließend dazu noch eine Rückversicherung: ich habe persönlich gar nichts dagegen, die Krise des Zionismus im heutigen Israel zu diskutieren, allerdings sollte man schon klarmachen können, warum und in welchem Kontext dies in einem Magazin, dessen MacherInnen sich als israelsolidarisch verstehen und das in Deutschland erscheint, geschieht. Man sollte die Geschichte des Zionismus in Nahost nicht ausschließlich auf eine Geschichte rund um die Shoah fokussieren, weil so, wie von Falkson vorexerziert, aus dem Blick gerät, dass der Zionismus auch ohne das deutsche Menschheitsverbrechen einen historischen Anlass hat. Diesen können selbst linksdeutsche GesellschaftskritikerInnen, die sich schon aus schlechter Tradition antirassistisch in die Pflicht nehmen lassen sobald es um das Schicksal der sogenannten PalästinenserInnen geht, nicht negieren. Die Rede ist von der Verwirklichung des individualistischen Ideals, nachdem auch Jüdinnen und Juden ein Recht darauf haben, einen selbstbestimmten Ausgang aus dem »Stande der eigenen Unfreiheit« zu gestalten. Insofern hoffe ich als treue Abonnentin darauf, dass es in Zukunft nicht zur Ausformulierung der laut Falkson »in den Blick zu nehmen[den] [...] eigenständige[n] mit der Palästinafrage verbundenen Lösungen« kommt, sondern stattdessen an der Kritik post-antideutscher Möchtegern-Israel-ExpertInnen gearbeitet wird, die zumindest meiner Beobachtung nach mehr konkreten Anlass hätte, als das Abfassen und Veröffentlichen irgendwelcher Abrechnungen mit angeblichen »Platzhalter[n] antideutscher Erlösungshoffnung«. Ich meine, dies wäre nach all den Jahren und all den Diskussionen doch das redlichere Programm!

 

 

Mit den besten Grüßen,

AMANDA von der Berliner HUmmel Antifa