Echo

Die nachstehende Review beschäftigt sich mit dem Kommunismus-Schwerpunkt der vergangenen Ausgabe und kommt insgesamt zu einem wohlwollenden Urteil. Dennoch sollte das vollmundige was, wie und wozu Utopie – nicht über die notwenige Herrschaftskritik im Hier und Jetzt hinwegtäuschen.

Liebe Redaktion,

in der letzten Ausgabe der Phase 2 kamen einige interessante Überlegungen zum Thema Utopie zusammen, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen und Zielen. Das gibt Hoffnung, dass sich auf diese Weise so wie meiner, auch der eine oder andere Horizont erweitert. Speziell gereizt haben mich Äußerungen, die sich der Metadebatte widmen – also den Fragen »Was ist Utopie?«, »Wie kann sie erzählt werden?« und »Wozu kann sie dienen?« Ich habe dazu ein paar kleine Punkte, die ich loswerden möchte.

Die Gruppe Paeris richtet sich mit ihrer Argumentation gegen grundsätzliche Vorbehalte gegenüber der Utopie. Das sogenannte »Bilderverbot«, abgeleitet aus der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, mag das bedeutendere Argument sein, die für mich wichtigsten Gründe eine politisch-strategische Debatte über eine zukünftige herrschaftslose Gesellschaft weitestgehend zu vermeiden, sind jedoch viel praktischer:

1. Wer sich eine herrschaftslose Gesellschaft vorstellen möchte, denkt statisch und nicht prozesshaft. Für eine solche Zukunftsvision oder Utopie gibt es keinen Zeitpunkt, und deshalb keinen Zeitplan. Es wird gesagt, dass es nicht um die Entwicklung am Reißbrett geht, sondern um eine Art Inspiration für zukünftige Prozesse. Warum diese Inspiration nun unbedingt aus dem Fiktiven herausgeholt werden soll, um politische Debatten zu belagern, wird nicht ausreichend begründet. Eine einfache logische Schlussfolgerung aus der Nicht-Vorhersehbarkeit ist, dass eine strategische Debatte über eine gemeinsame Utopie bei ganz banalen abstrakten Eigenschaften endet, wie zum Beispiel bei »kooperativen Strukturen«. Sobald es konkret wird, wird es statisch, spekulativ und damit höchst streitbar.

2. Gehen wir davon aus, dass Diskussionen über Utopie an einem bestimmten Punkt sinnlos werden, wie eben beschrieben, können wir auch sagen, dass es deutlich wichtigere Dinge zu klären gibt, als dort weiter zu palavern, wo es keinen Blumentopf zu gewinnen gibt. Als wichtiger würde ich konkrete handlungsorientierte Herrschaftskritik empfinden. Dazu zum Ende ein paar Worte.

Im Heft ging es unter Anderem darum, die Funktionen von Utopie zu benennen: Die Vorbereitung eines historischen Moments und, damit verbunden, das Wecken des individuellen Begehrens. Ich bin der Meinung, dass eine politisch motivierte Diskussion über utopische Inhalte beides nicht leisten kann. Sich auf zukünftige freiere Stadien von Gesellschaftlichkeit vorzubereiten erfordert vor allem praktische Erfahrung von Emanzipation bei möglichst vielen Menschen, das steht glaube ich nicht ernsthaft in Frage. Kaum vorstellbar aber ist der hegemoniale Status eines einzelnen konkreten Begehrens unter der Bedingung von Vielfalt in der Informationsgesellschaft. Die Hoffnung, dass eine politisch verhandelte Utopie hier wundersame Werke verrichten kann ist eine falsche. Eine andere Sache ist Utopie als Fiktion, als Erzählung, also nicht politisch verhandelt. Hier kann wirklich subjektives Empfinden, also Begehren gedeihen – es gibt hier keinen Grund für Vereinheitlichung, keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Hier gibt es den größten Spielraum für Fantasie, den besten Treibstoff für eine hoffnungsvolle Sehnsucht im Angesicht der unerbittlichen Realität. Dietmar Daths Beitrag würde ich in diesem Sinne verstehen.

Die Annährung von Robert Zwarg an Bedeutung von Sprache im Kontext von Utopie finde ich sehr gelungen, sowohl über den Dreischritt (Name, Begriff, Code), als auch das Verhältnis von Reden und Schweigen. Mit Blick auf das gesamte Heft lässt sich jedoch auch wieder einmal fragen, wie sinnvoll es ist sprachliche und intellektuelle Höhen zu erklimmen, die nur eine vielseitig begrenzte Minderheit versteht. Dadurch geht Theorien ein großer Teil der alltäglichen Erfahrungen verloren und solche Theorien können keine Bedeutung für das alltägliche Umfeld haben. Mir scheint eine politisch-strategische Diskussion auf einem Niveau zu fehlen, das Menschen mit wenig Theorieerfahrung einbezieht. Es scheint notwendig, etwas pragmatischere Worte zu finden. Sebastian Tränkles Ausführungen z. B. habe ich nichts hinzuzufügen – nur anzumerken, dass die Form zu schön, zu üppig, zu eitel ist, um die Debatte in seinem eigenen Sinne voranzubringen.

Wie bereits angedeutet halte ich handlungsorientierte Herrschaftskritik für wichtiger als Spekulationen über postrevolutionären Nahverkehr. Sie schließen sich zwar nicht gegenseitig aus, Herrschaftskritik kann aber die Hoffungen, die fälschlich in Utopien gelegt werden, erfüllen. Sie kann, muss aber nicht! Handlungsorientierte Herrschaftskritik bietet einfache allgemeine Wertvorstellungen, sowie konkrete Analysewerkzeuge. Beide helfen dabei, eine komplexe Wirklichkeit aus Sicht der Unterschichten zu erfassen (gemeint ist die soziale Position bzw. Handlungsmacht). Das ist die wichtigste Voraussetzung um Entscheidungen zu treffen, die eine Zielrichtung haben, die dann besonders gut als Richtungsgeber für alltägliche Entscheidungen geeignet ist, wenn sie möglichst abstrakt bleibt. Das Ziel ist und bleibt primär. Wird es zu einer konkreten Utopie, dann werden Werturteile und kritische Analyse von einem statischen Ziel gefangen genommen. So verlieren sie ihre Flexibilität und ihren besonderen Nutzen. Das öffnet dazu noch Tür und Tor für autoritäre Gleichschaltungsversuche. So kommen wir fast zum gleichen Ergebnis wie Adorno und FreundInnen, mit einem kleinen Unterschied: Das Ziel herrschaftskritischer Praxis lässt sich durchaus in abstrakten Formeln positiv beschreiben. Es kommt darauf an, den Punkt zu finden, an dem ein statisches Bild entsteht. Ab da sollte die Suche der Fiktion übergeben werden.

 

Jörn Silberpfennig.