Django Unchained oder The Help

Warum selbst keine Politik den Cultural Politics vorzuziehen ist

Betrachtet man die beiden amerikanischen Spielfilme Django Unchained und The Help genauer, drängt sich das eigentümliche Gefühl auf, es handele sich um zwei Versionen ein und desselben Films. Denn in beiden Dramen treten die Entfaltung der individuellen Geschichte und die mit dieser verbundenen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen derart in den Vordergrund, dass sich die dahinterliegende politisch-ökonomische Ordnung ebenso wie die sozialen Verhältnisse, die den eigentlichen Gegenstand der Filme bilden, aufzulösen scheinen. Sklaverei einerseits und die sogenannten Jim-Crow-Gesetze, die zwischen 1876 und 1964 die diskriminierende Rassentrennung in den USA legitimierten, andererseits werden in den Filmen von jeglicher Negativität und ihrer geschichtlichen Einbettung in die Gesellschaft enthoben. Doch das eigentliche Problem liegt gar nicht so sehr in der bis zur Entstellung getriebenen Karikierung der geschichtlichen Ereignisse; vielmehr stößt die hämische Überzeichnung deshalb bitter auf, weil sie tatsächliche Ausbeutungsverhältnisse ausblendet und damit die Basis der gezeigten Herrschaft unsichtbar macht.

In The Help versucht sich die eifernde, weiße Hausfrau Hilly an der Durchsetzung eines Gesetzes, dessen Inkrafttreten die (weißen) ArbeitgeberInnen schwarzer Hausangestellter dazu verpflichten würde, separate und damit rassendiskriminierende Toiletten im Stil der Jim-Crow-Gesetze anzuschaffen; in Django Unchained werden im blaxploitation-Stil sogenannte »Trostfrauen« und »Mandingo«-Kämpfer als schlechthinnige Versionen typischer Sklavenjobs dargestellt. Das ganze geschieht in einer Art und Weise, dass der Anschein erweckt wird, die Jim-Crow-Gesetze hätten rein gar nichts mit ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und Sklaverei nichts mit materieller Reichtumsakkumulation kalkulierender Sklavenhalter zu tun. Tatsächlich liegt der Grund für die Verschleierung der gesellschaftlichen Hintergründe nicht einfach in einer kontrafaktischen Darstellung der Geschichte, vielmehr resultiert aus der Schiefe des Geschichtsbildes eine ebenso verzerrte Gegenwartsauffassung: Im Film manifestiert sich dieses Zerrbild in einem derart kruden Verständnis von Politik, das beiden Filmen ein Happy End ermöglicht, von dem Oprah Winfrey in bester neoliberaler Manier nur hätte träumen können.

Am Ende von The Help stehen die Autorin Skeeter und die schwarze Hauptfigur des Films, das Dienstmädchen Aibileen, in freudiger Erwartung am Anfang einer Reise ins Unbekannte. Ermöglicht wird der Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt durch das von Skeeter (mit tatkräftiger Unterstützung von Aibileen) verfasste Buch, das die Herr-Knecht-Beziehungen aus der Perspektive der Bediensteten nachempfindet. Es ist der Verdienst der Dehistorisierung, dass die wahrscheinliche Dissonanz zwischen der erhofften Zukunft und der realistischeren Verlaufsbahn eines solchen Lebens in Form des Happyends nicht zur Geltung kommt. Das Buch – zugleich Namensgeber des Films - ermöglicht Skeeter eine steile Karriere in der Verlagsbranche. Aibileens Zukunft gestaltet sich hingegen weniger Erfolg versprechend: Den ohnehin prekären Job als Hausmädchen, der einzigen Verdienstmöglichkeit für schwarze Frauen der Arbeiterklasse im segregationistischen Süden, verliert sie umgehend nach der Buchveröffentlichung. Damit bewahrheitet sich zwar ihre anfängliche, mit den anderen Hausmädchen geteilte Befürchtung, die Beteiligung an Skeeters Projekt würde sie ihre Existenzgrundlage kosten. Dennoch sehen wir Aibileen am Ende des Films zuversichtlich auf ihrem Heimweg; schließlich hat sie zwar ihre Anstellung verloren, dafür jedoch nicht nur ihre literarische Stimme gefunden, sondern dieser mit Hilfe Skeeters auch noch Gehör verschaffen können.

Das Ende von Django Unchained ist ähnlich märchenhafter Gestalt: der Held reitet gemeinsam mit seiner Angebeteten nach glorreich vollbrachter Bezwingung niederträchtiger Sklavenhalter und ihrer HelferInnen gen Sonnenuntergang. Endlich sind Django und Broomhilda frei. Dabei war der Freiheitsgewinn gar nicht dem ungeheuren Blutvergießen durch Django zu verdanken; vielmehr fand die Befreiung im juristischen Rahmen statt. Sämtliche der freigelassenen Sklaven und Sklavinnen wurden im Vorhinein auf legalem Weg durch einen deutschen Kopfgeldjäger erworben – im Übrigen der einzige Charakter, der Sklaverei als gesellschaftliche institutionelle Praxis verurteilt.

Django ist keineswegs ein Aufständischer im eigentlichen Sinne. Sein konsequent verfolgtes Motiv ist kein politisches, sondern ein genuin egoistisches, insofern sein einziges Ziel darin besteht seine Frau von ihrem Sklavenhalter zurückzugewinnen. Die Vermutung liegt nahe, dass der ostentative Egoismus des Protagonisten einerseits auf die Tiefgründigkeit und Intensität seiner Liebe zu Broomhilda verweisen soll, gleichwohl aber als Hommage an den Borderline-Soziopathen-Helden des Spaghetti-Western und Blaxploitation-Genres verstanden werden kann. Dies mal außer Acht gelassen, handelt Django immer noch durchgehend individualistisch; mit keiner einzigen Tat versucht er Sklaverei anzufechten, geschweige denn sie als Ganzes infrage zu stellen. Um die Glaubwürdigkeit eines trickreichen Manövers, das die Befreiung Broomhildas zum Zweck hat, zu untermauern, hindert er stattdessen seinen Partner, den Kopfgeldjäger, an dem Versuch, einen aufmüpfigen »Mandingo«-Kämpfer vor der Zerfleischung durch Bluthunde zu retten. Und den wenigen SklavInnen, die im Laufe seines Unterfangens mehr oder weniger zufällig befreit werden, begegnet er mit äußerster Indifferenz. Insofern ist das Happyend nicht weiter überraschend. Django und Broomhilda reiten ab in frisch gewonnener Freiheit schwelgend und traute Zweisamkeit genießend, während das allgemeine Leben in Sklavenherrschaft kein Deut sicherer als zu Beginn der Rachemission geworden ist.

Ermöglicht werden diese Pseudo-Happyends in beiden Fällen durch die illegitime Übertragung rassistischer Hierarchien auf die Ebene personeller Interaktionen. In The Help wird das ursächliche Übel der Rassentrennung in der fanatischen Engstirnigkeit und im allgemeinen Empathiemangel verortet; blutige Unterdrückung ist damit nur noch ein Problem schlechter Manieren. Analog hierzu erkennt Quentin Tarantino, Regisseur von Django Unchained, die Ungerechtigkeit der Sklaverei maßgeblich in unbegründet sadistischer Gefühllosigkeit und sexualisierter Erniedrigung. Ihm zufolge hielten von böser Absicht und irrsinniger Arroganz geleitete Weiße Sklaven und Sklavinnen mit der Absicht, sie zu erniedrigen und zu foltern. Mit Ausnahme der dargestellten HausdienerInnen, der »Mandingo«-Kämpfer und der zwangsprostituierten »Trostfrauen« sieht man in Tarantinos Django Unchained keine arbeitenden Sklaven; viel eher hat es den Anschein, als träten sie in dem Film lediglich auf, um als Objekte brutaler Misshandlung zu dienen. Der ungeniert ausagierte Sadismus verdeckt auf diese Weise die Tatsache, dass Sklaven an allererster Stelle eine Vermögensanlage waren, eine Investition statt bloße Objekte willkürlich misshandelnder Psychopathen.

Die Reduktion von Sklaverei auf ihre barbarischsten Gewaltexzesse in Djano Unchained führt vor allen Dingen zu ihrer Trivialisierung. Sklaverei war eben im Wesentlichen ein Arbeitsverhältnis, nicht sadistisches Ritual. Sie war eine Form von Zwangsarbeit, die von einer institutionalisierten politischen Ordnung reguliert, systematisch erzwungen und aufrecht erhalten wurde. In Anbetracht dessen lässt sich Sklaverei als ein bürgerliches Verhältnis bestimmen, das den SklavenbesitzerInnen absolute Kontrolle über das Leben, die Freiheit und das Glück Anderer gewährte. Dies beinhaltete auch die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen und das erarbeitete Produkt. Der Historiker Kenneth M. Stampp bringt es in dieser Erklärung eines Sklavenhalters auf den Punkt: »Aus welchem Grund hält der Herr seinen Sklaven? fragt ein Vorkriegs-Südstaatler. Wie soll denn der Herr Reichtum ansammeln, wenn nicht durch die Arbeit des Sklaven?«

 

Kulturindustrie und neoliberale Hegemonie

Es besteht kein Zweifel daran, dass die totale Kontrolle über Menschen Gelegenheit zu unvorstellbarer Brutalität gab; diese Erkenntnis darf aber nicht zum irrtümlichen Schluss verleiten, dass solche Gräueltaten Sinn und Zweck von Sklaverei bzw. deren zentrale Ungerechtigkeit ausmachten. Es ist nicht ausgeschlossen, sondern eher realistisch, dass es auch Beziehungen zwischen HerrIn und SklavIn gab, die ohne Brutalität und ganz bestimmt ohne sinnlosen Sadismus und sexuelle Erniedrigung auskamen. Die von Tarantino gewählte Darstellungsweise lässt hingegen Zweifel aufkommen, ob die von ihren Extremen bereinigte Sklaverei überhaupt noch Anstoß erwecken würde. Die historisch-faktische Ungerechtigkeit und der Schrecken von Sklaverei würde nicht vermindert, wenn man zur Kenntnis nehmen würde, dass sie nicht das Resultat eines einzigartigen, transzendent-abstrakten Bösen darstellt, sondern ein spezifisches Moment innerhalb des historischen Kontinuums unfreier Arbeit, die bis weit ins 18. Jahrhundert hinein in der angloamerikanischen Welt eher die Norm als die Ausnahme darstellte. Der Rechtshistoriker Robert Steinfeld hat dementsprechend darauf hingewiesen, dass weniger die Sklaverei als vielmehr das Aufkommen freier Lohnarbeit – die den ArbeiterInnen die Kontrolle über ihre eigene Person übertrug – die eigentliche geschichtliche Anomalie darstellt. Dieses Wesensmerkmal der Sklaverei, die Ungerechtigkeit unfreier Arbeit, wird im Film kaum problematisiert; extreme Formen von Brutalität und Unterwerfung stehen derart im Fokus, dass es den Regisseuren als dienlich erschien, historisch nicht existente Foltertechniken zu erfinden oder – im Fall von The Help – neue Rassengesetze zu konstruieren.

Weshalb Django Unchained so viel besser als The Help bei schwarzen und linken RezensentInnen ankam, lässt sich möglicherweise mit einem Diktum von Margaret Thatcher aus dem Jahr 1981 erklären, als sie konstatierte, »die Wirtschaft ist das Mittel: der Zweck ist die Wandlung der Seele.« Die Zahl derer, die die in beiden Filmen transportierte neoliberale Ideologie inklusive der komplexen Prämissen und Voraussetzungen erkannten, hielt sich gleichermaßen bei BefürworterInnen und GegnerInnen in Grenzen. Die Lobpreisungen von Djano Unchained hängen sich dabei vor allem an dem hohen sozialen Stellenwert auf, den die Erzählung eines schwarzen Helden hat. So wird die Notwendigkeit hervorgehoben, mittels einer solchen Erzählung die autonome Tätigkeit von Schwarzen zu bekräftigen und Widerständigkeit als politisch-existenzielles Erfordernis zu artikulieren. Diese Perspektive erlaubt die Emphase der Anerkennung von und der Erinnerung an rebellische bzw. militante Individuen und Revolten. Zudem vermag die Darstellung schwarzer HeldInnenen ein erhöhtes Bewusstsein für die eigene Wirkungskraft zu schaffen, was wiederum die negativen psychologischen Effekte von Ungleichheit Betroffener kompensieren und so sozialen Aufstieg ermöglichen könnte. Nicht zuletzt würden dadurch die bei Weißen gängigen negativen Stereotype über Schwarze unterminiert.

Letztendlich beruht die mit politischer oder sozialer Bedeutung aufgeladene Darstellung von schwarzen HeldInnen immer auf bestimmten Vorannahmen über das Verhältnis von mit Massenkultur kompatibler Repräsentation, populistischer Sprache und sozialer Gerechtigkeit, deren politische Relevanz weit höher einzuschätzen ist als die Debatte, die sich um den konkreten Film dreht. Das Argument, das die Bedeutsamkeit der Narrative hervorhebt, dient in beiden Fällen der psychologistischen Tarnung politischer und ökonomischer Probleme.

Ungerechtigkeit wird lediglich als Problem fehlenden Respekts behandelt. Die angepriesenen Gegenmittel, die sich hauptsächlich auf die stereotypen Projektionen und die dementsprechende Verteilung von Arbeitsplätzen richten, lassen sich als Imperative zur Selbstoptimierung dechiffrieren. Darüber hinaus gibt es für die Verbreitung neoliberaler Hegemonie kein eindeutigeres Indiz als den verbreiteten Trugschluss, dass die Kulturindustrie und die sie repräsentierenden Praktiken ein geeignetes Terrain für die Kämpfe um Gleichheit bieten. Eine solche Position lässt sich nur unter Missachtung der Tatsache einnehmen, dass Produktion und Konsum von Massenkultur unweigerlich von kapitalistischen Imperativen beherrscht werden, sowohl auf materieller, wie auch auf ideologischer Ebene.

Die Verwendung althergebrachter Begriffe wie »Kulturindustrie« mag LeserInnen zwar anachronistisch erscheinen, hat jedoch zur Beschreibung dieser Industrie und der dazugehörenden Produkte und Prozesse durchaus seine Berechtigung. Die Auseinandersetzung Kulturindustrie vs. Popkultur wird seit den Fünfzigerjahren geführt, ohne dass ein Ende absehbar würde. Im Gegenteil – hier und da erfährt diese Diskussion neue Impulse. Parallel zur schwindenden Möglichkeit außerakademischer linker Praxis nehmen bezeichnenderweise die ApologetInnen der Popkultur eine dominante Position innerhalb der Debatte ein. Das mag daran liegen, dass die Produkte der Sphäre des kapitalistischen Massenkonsums als ein Mittel der Subversion wahrgenommen werden, denen es möglich ist ihre Warenförmigkeit abzulegen oder diese schlicht zu negieren. Die verbissene Art und Weise mit der sich Generationen von Studierenden der American Studies und Cultural Studies darum bemühen, den ausgedehnten Konsum von TV-Serien oder die gründliche Beschäftigung mit belanglosen Modeerscheinungen und subkulturellen Freizeitaktivitäten damit zu legitimieren, dass sie ihnen politische Renitenz zusprechen oder eine intellektuelle Vorreiterrolle bescheinigen, sollte Anlass dazu geben, diese ernsthaften Bemühungen aufgrund ihrer fehlenden intellektuellen Tiefgründigkeit als bloße Ersatzhandlungen bloßzustellen. Denn die Idee der Popkultur postuliert einen fälschlichen Autonomie-Begriff: Die Wirkungsweise massenindustrieller Produktion wird eskamotiert und damit hinterrücks affirmiert. Besonders deutlich wird dies an pseudoalternativen Marktnischen, die mit ihrem underground-Image einen authentisch-rebellischen Eindruck erzeugen und den Anschein einer neuartigen, diffus-antikapitalistischen Produktionsweise erwecken wollen. Letzten Endes vermitteln auch Django Unchained und The Help lediglich die Botschaft, dass es keine Alternative zur bestehenden Ordnung gäbe. Durch die Missachtung jeglicher Geschichtlichkeit wird diese Aussage dadurch ganz und gar zu Ideologie. Diese Mär der Unausweichlichkeit und Alternativlosigkeit des Bestehenden am laufenden Band zu (re-)produzieren, ist Aufgabe und Zweck der Kulturindustrie. Auch die vermeintlich dem Eskapismus frönenden Phantasiegebilde sind Teil dieser Bewusstseinsindoktrination.

Inspiration für die Jugend

Vor diesem Hintergrund lässt sich das Motiv »inspiring the youth«, das als Legitimationsgrundlage für solche Filme herhält, mit neuen Augen betrachten. Dieser Anspruch ist als abgedroschene Redewendung ohne Substanz zu entlarven. Eine solche Behauptung dient vorrangig der Legitimation von grotesk überzeichneten Filmen, die den Spagat versuchen, gleichzeitig einen infantilisierten Mainstream-Markt und spezifische Nischensegmente zu bedienen. Das Perfide dieses Unterfangens liegt in der Leichtigkeit, mit der »inspiration of youth« mit drei verwandten und verstörenden Motiven verknüpft ist. 1. Die ideologischen Erzählungen der Unterschicht, die sich inzwischen zum common sense aller Amerikaner gemausert haben und die Ursache von Armut und Ungleichheit vor allem in kultureller Minderwertigkeit und psychischen Defiziten verorten; 2. der Glaube, dass die rassistische Ungleichheit von Vorurteilen, Irrglauben und Unkenntnis herrührt; und schließlich 3. die neoliberale Verwandlung ehemals sozialer Gleichheit in Chancengleichheit, in Verbindung mit der intendierten Erschaffung einer Vorstellung von »miteinander konkurrierenden Individuen mit Minderheitenzugehörigkeit«, die »in der neoliberalen Tretmühle womöglich eine größere Chance haben als in der positiven Alternativversion einer Gesellschaft, die die Konkurrenzsituation von vornherein eliminiert hat.«

Vor allem spiegelt sich diese Politik in dem Gerede über Django Unchained. In dem in der Los Angeles Times erschienen Artikel, in welchem Tarantino den Appell an die Jugend ausformuliert, bemerkt Erin Aubry Kaplan, dass der »beunruhigendste Aspekt [der Sklaverei] die emotionale Gewalt und Abwertung gegenüber Schwarzen ist, die dafür sorgt, dass Schwarze auch heute noch am unteren Ende der Gesellschaft zu finden sind.« Auf dem Blog des Institute of the Black World schreibt Dr. Kwa David Whitaker im Stile des Kulturnationalismus der Sechzigerjahre darüber, wie Django Unchained Zeugnis davon ablegt, dass »ununterbrochene Unterwürfigkeit den Afro-Amerikanern die Fähigkeit genommen hat, korrekte Analysen der momentanen Situation oder praktische Vorschläge zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu machen«. Die Außerachtlassung der politischen Ökonomie, die diesem Begriff der psychologischen oder kulturellen Defizite als eine Folge der Sklaverei oder aktuellerer Ereignisse (Bevölkerungswanderungen in den Großstädten, Crack-Epidemie, Matriarchat, verfrühte Elternschaft) inhäriert, geht einher mit der Reduktion von Sklaverei und Jim Crow auf zwischenmenschliche Machtverhältnisse und schlechtes Benehmen. So wird Politik durch simples Gelaber von sozialem Aufstieg und »Politik der Aufmerksamkeit« ersetzt und garantiert in der Folge eine Verschmelzung von politischer Aktion und Therapie. Hinsichtlich der Verknüpfung von Rasse und Ungleichheit erlaubt dieser Diskurs nicht nur eine Strategie der Täter-Opfer-Umkehr, die zum Zwecke der Rettung der eigenen Ehre und der Instandhaltung des Selbstwerts erfolgt. Ebenso gewinnt die multikulturalistische Überhöhung der Differenz an Unterstützung, was wiederum auf die oben genannten Strategien der Selbstwert-Regulierung und Inspiration verweist, beides Knotenpunkte eines rassistischen Beziehungsgeflechts einer größeren politischen Ökonomie. So oder so sorgt dieser Diskurs für die Absetzung einer Politik, die radikal all jene sozialen Strukturen kritisiert, die ursächlich für die Aufrechterhaltung von Ungleichheit sind. An deren Stelle wird eine Politik gerückt, die sich für die individuellen Befindlichkeiten und Idiosynkrasien interessiert und die mit Kategorien hantiert, die versuchen heterogene Bevölkerungsteile in eine homogenisierte Gruppenform zu pressen. Dieser Diskurs macht es möglich, die Zerstörung von Sozialwohnungen als Motivationsstrategie für Arme darzustellen; der erschwerte Zutritt zu Bildung wird zur »Auswahlmöglichkeit« verklärt; die Kürzungen essentieller Tarif-Schutzgesetze erscheinen verkehrt als »Ermächtigung«; individueller materieller Erfolg scheint nur in Form einer sozial wirksamen Modifizierung der gesellschaftlichen Rolle denkbar.

Der Neoliberalismus feiert auch dort seinen Triumph, wo man es weniger vermuten würde: Ihre eigentlichen Beweggründe im Unklaren lassend, nehmen einige Linke auffallend eindeutig Django Unchained in Schutz. Hierbei kaprizieren sie sich auf die Tatsache, dass sich Sklaven in dem Film selbst befreien würden. TrotzkistInnen, Möchtegern-AnarchistInnen und wirr plappernde IdentitätspolitikerInnen ziehen dem Gegenstand jeweils ihre sektenhaften Gewänder an. Für TrotzkistInnen lauert hinter jeder Ecke das Bürokratie-Schreckgespenst, wovor sie die Geheimwaffe »Selbstbetätigung« schütze; ähnlich statten AnarchistInnen direkte Aktion und Voluntarismus mit geheimen Kräften aus, die den Kampf gegen öffentliche Masseninstitutionen auszutragen hälfen; Identitäre romantisieren essentialistische Formen organisch-völkischer Authentizität, die unter ständigem Beschuss von Institutionen ständen. Damit haben die sektiererischen Gruppen einen gemeinsamen Nenner mit der nominell libertären Rechten in ihrer Ablehnung der Regierung und der institutionell vermittelten Politik gefunden, welche sie reflexartig als unauthentisch und korrupt verunglimpfen.

Firefly or The Road to Serfdom

Zu der reflexhaften Ablehnung des Staates kommt hinzu, dass der Einwand, die Sklaven hätten sich selbst befreit, einem rassifizierten Pietismus entspringt. Seinen Ursprung findet er in der ruchlosen Vereinigung von cultural studies und black studies an den Universitäten. 20 Jahre resistance studies haben durch das ständige, inzwischen ritualisierte Wiederentdecken der Tatsache, dass unterdrückte Menschen selbstständig agieren, die Idee einer Politik unterminiert, die als konkrete Stätte eines Handelns fungiert hat – eines Handelns, das durch die Erschaffung, Herausforderung oder Umdefinierung von Institutionen auf direktem Wege die Sozialordnung zu beeinflussen versucht, um so die kollektive Aktion nachhaltig institutionell zu verankern, Macht aufzubauen und auszuüben. Stattdessen erleidet dieser Politikbegriff heute, da »Politik« alles heißen kann, eine Entwertung. Zur »Definition« von Politik braucht es mittlerweile nur den Willen, eine bestimmte Forderung zu erheben.

Es bleibt zu klären, warum der zeitgenössischen linken Empfindsamkeit die Geschichte eines mordenden schwarzen Revolverhelden mehr schmeckt als die ähnlich groteske Geschichte eines schwarzen Dienstmädchens und ihrer weißen Arbeitgeberin? Die Antwort darauf ist ganz einfach – um es mit dem Kitschsänger Morris Albert zu sagen: »Feelings, nothing more than feelings.« In einem Artikel für The Nation reflektierte Jon Wiener die Analogien zwischen Django Unchained und Lincoln und erkannte den in ihnen vorherrschenden »gesunden Menschenverstand«, der jederzeit bereit ist, jenen Bekundungen einen Ehrenplatz einzuräumen, die den Stimmen der Unterdrückten Respekt zollen, ihr Leiden, ihre Tätigkeit und die von ihnen erbrachten Leistungen anerkennen. Es ist dieser politisierte »gesunde Menschenverstand«, der mit der Behauptung hausieren geht, jemanden zu inspirieren wäre automatisch von sozialer oder politischer Bedeutung. Gleichwohl prägt er die typische, aus dem Leben gegriffene Botschaft von Filmen wie The Help, die Unrecht als Problem zwischenmenschlicher Beziehungen wahrnimmt. Zwischenmenschlichkeit ist demzufolge jene Alchemie, die verspricht, soziale Gerechtigkeit mit der Macht der Klassenherrschaft zu versöhnen, indem Gesinnungen angepasst und zwischenmenschliches Verständnis vertieft werden.

Ironischerweise hat der akademische Schwenk weg von den institutionellen Prozessen hin zur kommunalen Alltagsebene zur Verschlimmerung dieser Tendenz beigetragen, indem die Ausrichtung der Perspektive auf ehemals unberücksichtigte Individuen unterstützt und deren Leben und »Beiträge« gefeiert wurde. Anstatt die Annahme zu hinterfragen, folgenreiche soziale Veränderungen hingen von extraordinären Leistungen Einzelner ab, erklärt dies jene Forschungsrichtung tatsächlich für gültig, ohne zu bemerken, wie sie persönliche Integrität und Größe bei Jedem und Jeder vermutet und sie so hoffnungslos inflationiert. Den Verkannten und Unterschätzten ihren Respekt zu erweisen, hat sich als besonderes Merkmal dieser Forschungsrichtung herausgebildet. Dies ist bei einer Wissenschaft, die die wissenschaftliche Produktion der politischen Handlungssphäre zuordnet und der Funktion des »engagierten Intellektuellen« nacheifert, nicht wirklich verwunderlich. Eine genaue Durchsicht der RednerInnenlisten zu Veranstaltungen anlässlich des African American History Month oder des Martin Luther King Jr. Day bezeugt die harmonische Nähe dieser wissenschaftlichen bzw. polit-aktivistischen Wendung zum reduktionistischem Individualismus der Wohlstandsreligion und zu den verschiedenen Ausformungen heutiger Bewusstseinsdiäten, wie sie zur Weltanschauung einer global Businessclass gehören, in der alle Hautfarben, Geschlechter und sexuellen Orientierungen gleichermaßen willkommen sind. Hinsichtlich des Anspruchs auf gesellschaftliche Bedeutung liegt das größere Problem in der fehlenden Geschichtlichkeit solcher period vehicles wie Django Unchained und The Help.

Die Tilgung der Geschichtlichkeit und des Sozialen zugunsten des zeitlosen – also präsentischen – Narrativs der individuellen Bewältigung ist Teil einer tieferen Strategie bzw. gesellschaftlichen Sprache, wie sie in jenen Produkten der Massenunterhaltungsindustrie dargelegt wird. Der einzige Unterschied zu anderen Produkten liegt in ihrer augenscheinlichen Anwendung der Standardformel auf gesellschaftlich wichtige Themen. Eigentlich tun sie auch das nicht, sondern vielmehr das Gegenteil: Historisch und politisch signifikante Zeitpunkte werden revidiert. Auf diese Weise sind sie nichts mehr als Stützpunkte in der Konstituierung der ideologischen Hegemonie des Neoliberalismus.

Diese Art von blaxploitation-Narrativ geht außerdem mit einer bestimmten antirassistischen Argumentations- und Mobilisierungslinie d‘accord, nach welcher es starke Kontinuitäten zwischen gegenwärtigen rassistischen Ungerechtigkeiten und der Sklaverei oder dem Jim Crow-Regime gibt. In kondensierter Form lässt sich die Argumentation im kürzlich erschienenen Buch The New Jim Crow von Michelle Alexander wiederfinden. Darin wird die derzeitige Masseninhaftierung in Analogie zum segregationistischen Regime gesetzt. Dennoch kann die Autorin – trotz all der vorgebrachten Unterstellungen – diese Analogie schließlich nicht aufrecht erhalten. Das ist nur konsequent: Das segregationistische Regime muss natürlich als Gegenstand in seinem spezifischen historischen und politischen Kontext betrachtet werden. Hinzu kommt die rhetorische Schlagkraft der JimCrow/Sklaverei-Analogie, weil diese aufgrund der historischen Niederlage dieser Herrschaftsgefüge symbolisch auf die stark negativen Maßnahmen in der Alltagskultur rekurrieren kann. In diesem Sinne werden die diversen Abarten des Lamentos, dass »Alles beim Alten« geblieben sei, Lügen gestraft. Eine solche Analogie entfaltet ihre Wirksamkeit erst im Lichte dessen, was sich tatsächlich verändert hat. Die Tendenz, politische Kritik derart zu gestalten, dass sich die Analyse auf den Blick in die Vergangenheit versteift, anstatt wesentliche Unterschiede zur Gegenwart herauszulesen, lässt auf eine gewisse intellektuelle Faulheit schließen. Es verlangt nach bedeutend weniger intellektuellen Mühen, oberflächliche, unwesentliche Ähnlichkeiten mithilfe von allseits bekannten Vorstellungen von Unterdrückung zu kennzeichnen, als den Versuch zu unternehmen, die oft widersprüchlichen Kräfteverhältnisse in ihrer Dynamik und Mannigfaltigkeit adäquat zu erfassen, um so zu einem korrekten Bild der aktuellen Form rassistischer Ungleichheit im Besonderen und von Politik im Allgemeinen zu gelangen. Der ideologische Beitrag von solchen Behauptungen, die Phänomene wie den Jena-Six-Fall oder die Tötungen von James Craig Anderson und Trayvon Martin sowie die herrschende rassistische Inhaftierungspraxis in direkten Zusammenhang mit althergebrachtem white-supremacy-Rassismus stellen und damit das amerikanische Alltagsverständnis von Rassismus noch mehr vernebeln, ist nicht zu unterschätzen. Diese Behauptungen erheben Anspruch auf eine moralische Dringlichkeit und diskreditieren auf diese Weise alle jene Bemühungen, die entweder den Versuch einer Differenzierung unterschwelliger Ungleichheiten wagen, oder deren historisch spezifische Ursachen offenlegen. Doch ist hier noch mehr am Werk.

Das Beharren auf der transhistorischen Vorrangstellung des Rassismus als Ursache jeglicher Ungerechtigkeit, ist Teil einer Klassenpolitik. Es spiegelt das Politikverständnis einer Schicht von gut ausgebildeten Fach- und Führungskräften, deren materielle Situation und Interessen – und damit auch ihre ideologischen Kämpfe – mit der Weise verbunden ist, wie Ungleichheit begriffen, interpretiert und verwaltet wird: nämlich als Missverhältnis zwischen askriptiv definierten Bevölkerungsanteilen, die zu Gruppen oder sogar Kulturen verdinglicht werden. Deshalb dreht sich das Gros der intellektuellen Betriebsamkeit dieser Schicht darum, »alle möglichen Arten von Ungleichheiten, die statistisch als Missverhältnisse von Bevölkerungsgruppen verschiedener Herkunft erscheinen könnten, in die Rubrik Rassismus hineinzuzwängen«. Dieses Vorhaben hat mit der ideologischen Tendenz des Kapitalismus vor allem gemein, die Basis des Konstrukts »Rasse«, und somit das Fundament all solcher (unveränderlich) zugeschriebenen Hierarchien zu verschleiern: die historisch spezifische politisch-ökonomische Situation. Diese gelungene Angleichung mag eine Erklärung dafür bieten, warum die Verfechter der cultural politics dazu tendieren, die Produktion und die Produktionsprozesse der Massenunterhaltungsindustrie als geeigneten Ort des politischen Kampfes und der Auseinandersetzung zu behandeln. Die Unvereinbarkeit zwischen den Imperativen der Industrie und den Begriffen einer ersehnten gerechten Gesellschaft bleibt dabei gänzlich unbewusst. Vielmehr ist es tatsächlich so, dass die Fetischisierung von Helden und die Vorliebe für inspirierende Geschichten individueller Überwindung von beiden Seiten geteilt wird. Eine derartige »Repräsentationspolitik« ist nichts weiter als ein mit Bildern hantierender Diskurs innerhalb des Neoliberalismus. Dass weite Teile der vermeintlichen Linken sich dem Wunschdenken hingeben, eine solche Politik könne weit mehr sein, als das was sie ist, kann als trauriges Anzeichen für das Ausmaß der Niederlage der Linken gesehen werden. So erweist sich Upton Sinclairs Diktum von neuerlicher Aktualität: »Es ist schwierig einen Menschen zu einer Einsicht zu bringen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er uneinsichtig ist.«

Adolph Reed, Jr.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der University of Pennsylvania und schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie The Nation und The Progressive.

 

Fußnoten

  1. Die Originalversion des Artikels erschien im Februar 2013 in dem amerikanischen Online-Magazin Nonsite.org (http://bit.ly/1KttCiB). Übersetzt und stark gekürzt mit freundlicher Genehmigung des Autors und Nonsite.org.
  2. Kenneth M. Stampp, The Peculiar Institution: Slavery in the Ante-Bellum South, New York 1956, 5.
  3. Robert Steinfeld, The Invention of Free Labor, 1350-1870, Chapel Hill/London 2002; ders. Contract, Coercion and Free Labor in the Nineteenth Century, Cambridge 2001.
  4. Ronald Butt, Margaret Thatcher: Interview, Sunday Times vom 3. Mai 1981.
  5. Eine erste Übersicht über die Grundlinien dieser Debatten liefert Bernard Rosenberg, David Manning White (Hrsg.), Mass Culture. The Popular Arts in America, Glencoe 1956.
  6. Adolph Reed, Jr., Merlin Chowkwanyun, Race, Class, Crisis: The Discourse of Racial Disparity and its Analytical Discontents, in: Socialist Register 48 (2012), 149-175, hier 166.
  7. Dr. Kwa David Whitaker, Django Unchained Reflections, siehe: http://0cn.de/g5xv.
  8. Jon Wiener, »Django Unchained«: Quentin Tarantino’s Answer to Spielberg’s »Lincoln,« The Nation 5. Dezember 2012.
  9. Adolph Reed, Jr., Marx, Race, and Neoliberalism, in: New Labor Forum 22 (Winter 2013), 49-57, hier 51-52.