Die Verleugnung der Kriegsschuld und die Staatsgläubigkeit

Ein Versuch über einen Zusammenhang

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die sogenannte Kriegsschuldfrage sowie die Dolchstoßlegende ein zentrales politisches Konfliktfeld in der deutschen Gesellschaft. Im Versailler Vertrag wurde der deutschen Nation die Schuld für den Krieg zugewiesen, entsprechend fielen die Folgen aus. Dem Kriegsverlierer wurden Reparationsleistungen auferlegt, Gebietsteile mussten an die Nachbarnationen abgetreten werden und die deutsche Reichswehr wurde faktisch entwaffnet. Die innenpolitisch hegemoniale Deutung des Versailler Friedens als »Schandfrieden« hing mit der Zurückweisung der Schuld zusammen, mit der auch von deutscher Seite beanspruchten Legitimität, den Krieg zur Verteidigung geführt zu haben und nicht zuletzt mit der These, das deutsche Heer sei unbesiegt in den Waffenstillstand gegangen. Die faktische militärische Niederlage wurde nicht anerkannt. Sowohl die Soldaten, die den Angriffsbefehlen in den sicheren Tod nicht mehr Folge leisteten, als auch die ArbeiterInnen in den Rüstungsfabriken hatten durch ihr Aufbegehren einen wichtigen Beitrag zur Beendigung des Krieges geleistet. Beides wurde jedoch weder von den verbliebenen Monarchisten, noch von den Parteien der Weimarer Koalition als legitime Reaktion der Bevölkerung angesehen. Nicht nur das Selbstverständnis der führenden Parteien des gemäßigt rechten und liberalen Spektrums, sondern »insbesondere das [...] des rechten Flügels der Sozialdemokratie[,] gründete wesentlich auf dem Bewußtsein, die Kriegsanstrengungen des Deutschen Reichs loyal unterstützt zu haben.« Die Bewegung derjenigen, die sich weigerten, den Krieg um jeden Preis fortzuführen, fand durch die Parteien der Weimarer Republik nie Anerkennung. Das Verhalten der aufbegehrenden Soldaten und ArbeiterInnen »geriet [...] zur unbewältigten Vergangenheit.« Die Zurückweisung der Dolchstoßlegende musste daher von Anfang an zahnlos bleiben, die Folgen der Niederlage wurden in der deutschen Gesellschaft nicht als Ergebnis einer von Beginn an auf Krieg ausgerichteten deutschen Machtpolitik angesehen, sondern als ungerechte Rache am Verlierer eines von keinem gewollten Krieges.

Diese Sichtweise wirkte in wenig modifizierter Form in der Bundesrepublik fort. Allgemeiner gesellschaftlicher Konsens war, dass die kriegsführenden Nationen in den Krieg hineinschlitterten und dass aus diesem Grund der Versailler Vertrag ungerecht, für ein friedvolles Nebeneinander gleichberechtigter Nationen in Europa kontraproduktiv und zudem als strukturelle Ursache für den Erfolg des Nationalsozialismus anzusehen sei. Nicht das bewusste Riskieren des Krieges durch die deutsche Reichsregierung unter Wilhelm II., nicht die anmaßenden Kriegsziele deutscher Politik, nicht der Gewalt- und Annexionsfrieden von Brest-Litowsk, auch nicht die Verwüstung weiter Teile Westfrankreichs und Belgiens durch deutsche Einheiten und noch viel weniger die deutschen Kriegsgräuel standen im Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Debatte über die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg, sondern die angeblich revanchistische und rachlüsterne Politik Frankreichs, die in England ihren willfährigen und in den USA einen desinteressierten Dulder gefunden habe.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen Fritz Fischers, die in den Büchern Griff nach der Weltmacht und Krieg der Illusionen einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden, lösten in den sechziger Jahren sowohl in der akademischen als auch in der politischen Landschaft ein Erdbeben aus. Bis dahin war auch in der deutschen Wissenschaft Konsens, dass keiner Nation die Schuld am Ausbruch des ersten Weltkrieges gegeben werden könne. Vielmehr galt die Zuweisung der Schuld am Ausbruch des Krieges seit der Weimarer Republik als »verhängnisvolle Kriegsschuldlegende«, die über das rechte parteipolitische Spektrum der Weimarer Republik hinaus breite Anerkennung im politischen Spektrum der Mitte bis hin zur Linken fand. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich an dieser Konstellation zunächst wenig. Die renommierten Historiker Gerhard Ritter und Friedrich Meinecke wiesen den Gedanken an eine veränderte Sicht des Ersten Weltkrieges weit von sich. Als dann Fischer mit seinen Forschungsergebnissen die Bühne betrat, begann der erste deutsche Historikerstreit, in dem sich auch politische Figuren wie Ludwig Erhard und Franz-Josef Strauß äußerten. Doch Fischers quellengesättigter Untersuchung hatten die Vertreter der bis dahin hegemonialen Interpretation außer moralinsaurer Weinerlichkeit wenig entgegen zu setzten. Fischers Thesen, so konstatiert der Historiker Gerhard Hirschfeld zur neunzigjährigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkrieges »stellen heute keine Herausforderung für die Geschichtswissenschaft mehr dar. An der erheblichen Verantwortung des Deutschen Reiches für den Kriegsausbruch zweifelt kaum noch ein seriöser Historiker.«

Während in der Folgezeit zunehmend die Frage der Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen während der Naziherrschaft in den Fokus der Forschung rückte und versetzt um gut 20 Jahre auch in den politischen Auseinandersetzungen ihren Niederschlag fand, wurden die Fischer?schen Feststellungen ohne großen öffentlichen Widerhall ergänzt und zum Teil auch hinsichtlich der apodiktischen Zuschreibungen von politischer Absicht und historischem Ergebnis revidiert. Um den ersten Weltkrieg kehrte eine produktive Stille ein. Als die letzten Veteranen des Krieges um die Jahrtausendwende starben, führte dies zu einem vorübergehenden Interesse für den Alltag des einzelnen Soldaten, die Debatte um Schuld und Verantwortung belebte sich jedoch nicht von Neuem.

Die Entdeckung: Große Männer machen Politik

Rechtzeitig vor der hundertjährigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkrieges erschien 2012 in London die Untersuchung des australischen Historikers Christoper Clark The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Clark stellt sich die Frage, ob die Identifikation von Verantwortlichen für das vier Jahre währende Gemetzel zielführend sei. Sein Buch befasst sich nach eigener Auskunft weniger mit der Frage, »warum der Krieg ausbrach, als damit, wie es dazu kam.« Clark konstatiert, dass das Warum und das Wie zwar logisch zusammengehören, dass der Frage nach dem Warum aber eine Zielrichtung der Fragestellung innewohne, die die handelnden Akteure zu »ausführenden Organen« von Kräften mache, die sich längst etabliert hätten. Das Warum rücke statt der Akteure die nach Kategorien »geordneten Ursachen« wie Imperialismus, Nationalismus, Rüstung etc. in den Blick. Obwohl eine Historiographie der »großen Männer« (Treitschke) als längst überholte Methode gilt, will Clark die Geschichte von »handlungsfähige[n] und –bereite[n] Entscheidungsträger[n]« erzählen. Er kapriziert sich u.a. auf das Zaudern Wilhelm II. im Juli 1914. Nachdem Österreich das Ultimatum an Serbien gestellt hatte, war Wilhelm II. klar, dass es im Gegensatz zu den vorherigen Krisen kein Zurück mehr gebe. Überraschend für alle antwortete Serbien jedoch auf das Ultimatum Österreichs und bot einen Kompromiss zur Beilegung der Krise an. Daraufhin bemerkte der deutsche Kaiser: »[D]amit fällt jeder Kriegsgrund fort [...].« Das häufig beschriebene Zaudern des deutschen Kaisers gilt Clark als Beweis, dass der deutsche Kaiser »entscheidend« darauf beharrte, dass es keinen Kriegsgrund mehr gebe. Deutschland wurde von einem »großen Mann« regiert, Kaiser Wilhelm II. Nach Clark wollte er den Krieg nicht, er sei als Getriebener in Zugzwang gebracht worden. Die treibenden Faktoren seien der unberechenbare und risikobereite serbische Nationalismus und die russische Teilmobilmachung gewesen, die von verantwortungslosen und kurzsichtigen russischen Politikern proklamiert worden sei. Clark hat den beim deutschen Publikum offensichtlich populären Hang, die Akteure nur so lange als handlungsfähige und -bereite Entscheidungsträger darzustellen, bis die Suche nach den Verantwortlichen für den Krieg nach Deutschland führt.

Die deutsche Kriegsplanung sah vor, dass ein Krieg zunächst im Westen gewonnen werden müsse, um dann die Hauptstreitmacht nach Osten zu richten. Man nahm an, dass Russland mehrere Wochen benötige, um seine Streitkräfte gegen Deutschland in Stellung zu bringen. Diese Zeit, so kalkulierte der so genannte Schlieffenplan, sollte reichen, um Frankreich nieder zu werfen. Der Krieg wurde in den deutschen Planungen also von vornherein als ein europäischer Krieg gegen Frankreich und Russland kalkuliert. Die auch von Clark kolportierte Behauptung, Deutschland habe die Absicht gehabt, den Krieg auf eine Auseinandersetzung zwischen Österreich und Serbien zu begrenzen, kann nur als Schutzbehauptung bezeichnet werden. Lediglich von England erhoffte man sich eine neutrale Haltung. Zwischen dem Aufmarschgebiet der deutschen Truppen und deren Angriffsziel Frankreich lag Belgien. Belgien sollte den deutschen Truppen den Weg frei machen, lehnte dies jedoch ab. Hier gerät Clarks Buch zur naiven Apologie deutscher Ehrbarkeit. Clark zitiert die deutsche Absichtserklärung, sich Belgien nicht aneignen zu wollen und das Versprechen, Belgien nach dem Krieg wieder zu räumen. Ein Versprechen, dem in Belgien keiner Glauben schenkte und das doch, so scheint es Clark, so glaubwürdig war, dass der Kriegseintritt Englands ungerechtfertig gewesen sei. Der Durchmarsch durch Belgien, die dort von deutschen Truppen durchgeführten Massenerschießungen, Geiselnahmen, Vergewaltigungen und maßlosen Zerstörungen von zivilen Siedlungen, verursachten vor allem in England einen Umschwung der öffentlichen Meinung. Die anfängliche Zurückhaltung der englischen Diplomatie und Regierung wendete sich nach diesen Ereignissen. Der Krieg an der Seite Frankreichs und Belgiens gegen Deutschland wurde nun befürwortet.

Fischers Forschung galt der deutschen Kriegszielpolitik. Aufgrund der Analyse dieser Ziele schlussfolgerte Fischer, dass Deutschland den Krieg gewollt habe um eine Großmachtposition in Europa durchzusetzen. Clark entgegnet hier, dass auch die westlichen Mächte imperialistische Ziele verfolgten, die sich z.T. gegeneinander, insgesamt aber vor allem gegen Deutschland, den »imperialen Nachzügler«, richteten. Bismarck lehnte (nicht aus Menschenfreundlichkeit und Friedensliebe) eine blindlings aggressive Außenpolitik und auf Kolonienerwerb ausgerichtete Weltpolitik ab. Er wollte Deutschland als europäische Großmacht etablieren, indem er mit seiner gegen den Westen gerichteten Bündnispolitik einen militärischen Konflikt mit Russland zu verhüten suchte. Für Clark bedeutet die bismarcksche Politik jedoch, dass Deutschland »unter seinen Möglichkeiten blieb« und dass es sich »anderswo heraushielt und tatenlos zusah«. Die Konsequenz einer solchen Politik eines saturierten Reiches sei gewesen, dass ein »Gefühl der nationalen Lähmung« ausgelöst wurde, »das bei den Wählern gar nicht gut ankam«. Die Konsequenz deutscher Politik habe daher die »selbstauferlegten Beschränkung« zusammen mit der Bismarckschen Bündnispolitik aufgeben und als gleichberechtigte Nation zum Kreis der Großmächte aufschliesssen müssen. Eine vornehme Umschreibung für die großkotzige Parole des Reichskanzlers Bülow, Deutschland gebühre ein »Platz an der Sonne«.

Die von Clark als auswegsloses Dilemma beschriebene Situation deutscher Außenpolitik entbindet entgegen seiner erklärten Absicht die »großen Männer« (Deutschlands) von jeglicher Verantwortung und unterschlägt den Sachverhalt, den der englische Historiker Mark Connely so zusammenfasste: »Deutschland zog in den Krieg um etwas Neues zu schaffen und die Weltordnung zu verändern, während Großbritannien in den Krieg eintrat um den Status Quo zu erhalten.« Clarks löst die Frage nach der Schuld und Verantwortung für den mörderischen Krieg durch seine widersprüchliche Sichtweise auf die »großen Männer« auf. So bricht er eine Lanze für diejenigen, die die gängige These des britischen Politikers Lloyd George, die Nationen seien in den Krieg hineingeschlittert in Stellung brachten.

Der Krieg und die Orientierung auf den Staat

Sowohl in der zeitgenössischen Diskussion als auch in der Bundesrepublik wurde der Versailler Vertrag vor allem aufgrund seiner Festschreibung der deutschen Kriegsschuld und der daraus begründeten harten Forderungen und Auflagen für den Verlierer als ein Grund für das Scheitern der Weimarer Republik angesehen. Diese Sicht ging unmittelbar mit einem Desinteresse für eine Reihe von Fragen einher: Die Frage nach der vor allem durch die Sozialdemokratie gewährleisteten Kontinuität des wilhelminischen Staatsapparates wurde ebensowenig gestellt wie die nach der Verantwortlichkeit für den Krieg und der damit verbundenen Forderung nach einer Rechenschaft, also nach Schuld und Sühne generell. Stattdessen wurde der Krieg als allgemeine subjektlose Katastrophe, als Unglück oder Tragödie betrachtet, die alle Völker und Nationen gleichermaßen überwältigt habe.

Der Widerstand gegen den Versailler Friedensvertrag war einigendes Band fast aller politischen Parteien Weimars. Exemplarisch kann hier Philipp Scheidemann genannt werden, der verlauten ließ: »Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?« Die in diesem Satz erkennbare Betonung des »Wir« und das Bild eines an dieses Wir geknüpften staatlichen Vertreters, der sich Fesseln anlegen lässt, spiegelt eine Haltung sozialdemokratischer Ideologie wider: das Volk ist durch den deutschen Staat zu vertreten. Diese Haltung war nicht nur eine Folge der von der deutschen Kriegsregierung betriebenen korporatistischen Politik. Sie machte auch den positiven Bezug auf die Antikriegsbewegung völlig unmöglich. Zweifellos wurde mit dem Scheitern der letzten Offensive im Westen deutlich, dass das deutsche Heer den Alliierten nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Dass der Krieg dann aber im November 1918 tatsächlich auch beendet wurde und nicht wie im Zweiten Weltkrieg erst durch die Eroberung der Reichshauptstadt, war den aufbegehrenden Soldaten und ArbeiterInnen zu verdanken. Ein positiver Bezug auf das Aufbegehren der Bevölkerung war der Sozialdemokratie durch ihre während des ganzen Krieges aufrechterhaltene legalistische und staatsfixierte Politik nicht möglich. Friedrich Ebert brachte es mit den beiden Sätzen auf den Punkt: »Kein Feind hat Euch überwunden« und: »Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich; ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.« Diese politische Position entstand jedoch nicht erst während des Krieges. Sie ist Ergebnis der schon vor dem Krieg mehrere Jahre konsequent verfolgten, auf den Staat ausgerichteten Politik der Sozialdemokratie. Die Orientierung auf den Staat löste die Idee eines subjektlosen mechanistischen Marxismus ab, der im wesentlichen davon ausging, dass die Geschichte in Abfolgen gesellschaftlicher Stadien zum Sozialismus führe und setzte dieses schematische, das historische Subjekt ausblendende Denken lediglich auf einer anderen Ebene fort. Ziel deutscher Sozialdemokratie war nicht mehr die revolutionäre Überwindung des Staates und des Kapitalismus durch das Proletariat, sondern die Eroberung des Staates durch das Gewinnen von Wahlen. Der Sozialismus sollte durch den von der Sozialdemokratie beherrschten Staat eingeführt werden. Um die Wahlen gewinnen zu können und einer gewählten Regierung auch Handlungsmöglichkeiten zu sichern, legte die SPD ihr Hauptaugenmerk auf Reformen, die den Staat demokratisieren sollten. Im Krieg erkannt der Staat die Notwendigkeit, die Sozialdemokratie für subalterne Aufgaben in die politische Verantwortung einzubinden. Die Sozialdemokratie sah ihre Chance gekommen, evolutionär in die Regierungsverantwortung hineinzuwachsen und wandte sich, bei aller von ihr vorgebrachten Kritik, konsequent gegen jeden Versuch, die Legitimität des deutschen Staates und seines Krieges theoretisch und praktisch in Frage zu stellen. Der Rätekommunist Willy Huhn bemerkte sarkastisch: »Die Mehrheitssozialdemokratie war also doch noch eine revolutionäre Partei, wenn sie auch die Führung dieser Weltrevolution der OHL [Oberste Heeresleitung] bzw. dem deutschen Generalstab überließ!«

Die SPD galt der Reichsregierung hinsichtlich der unmittelbaren Kriegsvorbereitungen als ernstzunehmender Faktor. Dies wurde daran deutlich, dass sich Wilhelm II. versichern ließ, dass die SPD loyal oder wenigstens neutral zur deutschen Regierung stehe. Regierungsoffizielle nahmen Kontakt zur SPD auf, um deren Haltung zu eruieren. Trotz dieser »Wertschätzung« betrachtete die SPD die großen Massenproteste gegen den Krieg nicht als Chance und trachtete nicht danach, die unter den ArbeiterInnen weit verbreitete Antikriegsstimmung in eine staatskritische, antikapitalistische und revolutionäre Bewegung zu transformieren. Im Gegenteil, die SPD warnte vor Aktionismus, der nur die Partei gefährde und somit die anzustrebende Demokratisierung des deutschen politischen Systems.

Die Kombination von korporatistischer Einbindung der Parteien und Gewerkschaften in die staatliche Politik, das so genannte Augusterlebnis und der »Geist von 1914« können als Generalprobe der Ideologie der deutschen Volksgemeinschaft angesehen werden. Der deutsche Nationalismus und die diesem unmittelbar zugehörende Ideologie der Volksgemeinschaft wurzeln in den so genannten Befreiungskriegen gegen Napoleon. Der Begriff von einem organischen Volkskörper, von einer romantisierten Gemeinschaft germanischer Provenienz und von einem deutschen Staat, der die in vielfältige politische Einheiten aufgeteilten Deutschen zu einen habe, sind die wesentlichen Elemente einer antirepublikanischen Ideologie, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem in der Ablehnung napoleonischer Herrschaft formierte. Der Blick auf die Verantwortung des Staates, der als neutraler, dem Wohl der Nation verpflichteter Sachverwalter und Mediator gesellschaftliche Konflikte zu bändigen habe, das Hintanstellen von Interessen des Einzelnen oder sozialer Gruppen gegenüber dem Allgemeinwohl sowie die Ideologie des Antisemitismus konturieren die Grundlagen der Ideologie der Volksgemeinschaft. Diese erwies sich vor dem Hintergrund der durch die historische Besonderheit bedingten ausgeprägten starken Rolle des autoritären Staates als besonders kompatibel zu einer demokratiefeindlichen, antirepublikanischen und extrem nationalistischen Tradition im politischen Denken Deutschlands. Trotz der bismarckschen Sozialpolitik und einer wirkmächtigen nationalen Ideologie prägten soziale Gegensätze und Auseinandersetzungen und eine hohe gesellschaftliche Dynamik den wilhelminischen Staat. Der extreme Nationalismus konzentrierte sich auf die Schichten der Intelligenz, der Beamtenschaft und andere Gruppen der gesellschaftlichen Elite und auch der Antisemitismus konnte nie in dem Maße entfalten, wie es dann nach Ende des Krieges, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus geschah. Die Arbeiterschicht und ihre politische RepräsentantInnen blieben sozial und politisch weitgehend ausgegrenzt. Vor allem zu Beginn des Krieges spielte dennoch das Bild von der Volksgemeinschaft ebenso eine wichtige Rolle wie die Idee vom organischen Wesen der deutschen Nation und der deutschen Kultur, die im Kampf gegen den als plutokratisch identifizierten Westen zu bewahren seien. Im Laufe des Ersten Weltkrieges scheiterte jedoch die Formierung der deutschen Volksgemeinschaft. Zum einen vertieften sich während des Krieges die sozialen Gegensätze, so dass eher von einer Polarisierung und Verschärfung des Klassengegensatzes als von einem Abbau die Rede sein müsste. Zum anderen gelang es der deutschen Reichsregierung nie, die Ernährungsfrage zu lösen. Für die Formierung einer Volksgemeinschaft fehlten gewissermaßen die materiellen Grundlagen. Diese Erfahrungen trugen dazu bei, die bereits in der Kriegspolitik während des Ersten Weltkrieges sichtbaren Ansätze im Nationalsozialismus 20 Jahre später in aller Konsequenz zu vollziehen. Die ab 1933 in die Volksgemeinschaft eingebundene Arbeiterklasse zog dann mit in den Krieg, um durch Ausplünderung der europäischen Nationen die materielle Basis der Volksgemeinschaft zu schaffen und die Ermordung der europäischen Juden zu vollziehen. Unter diesen Voraussetzungen bewährte sich die Volksgemeinschaft, zu Streiks der deutschen ArbeiterInnen oder zu einem Militärstreik kam es nicht.

Zum Ende des Ersten Weltkrieges setzten sich die volksgemeinschaftliche Ideologie und der Antisemitismus zunächst in radikalisierten Kreisen deutscher Nationalisten fort und entwickelten dort eine Massenbasis. Diese bot die Grundlage für die seitens der Regierung unter Ebert und Noske eingesetzten Freikorps, die die radikalen Teile der Rätebewegung in Bremen, München und Berlin, sowie die später folgenden Aufstände revoltierender ArbeiterInnen im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland blutig niederschlugen. Nach der Niederlage im November 1918 spielten die antisemitische Agitation und Tat, die Ideologie der Volksgemeinschaft und der extreme Nationalismus bei den rechtsnationalen Parteien und den Freikorps eine zentrale Rolle und gaben einen Vorgeschmack auf das, was gut ein dutzend Jahre später deutsche Staatsräson werden konnte.

Die Unfähigkeit zur Staatskritik und das historische Unvermögen, die Schuldfrage zu stellen

Doch nicht nur in dem regierungstreuen, sondern auch im regierungskritischen Flügel der Sozialdemokratie blieb die Orientierung auf den Staat ein vorherrschendes Moment der Politik. Die immer weiter ausgedehnten Arbeitszeiten, die täglich zunehmende Sorge um die hungernden Kinder, die aufgrund der zunehmenden Arbeitshetze immer gefährlicher werdenden Arbeitsbedingungen, die Angst um die im Feld stehenden Männer und die immer prekärer werdenden Lebensverhältnisse trieben zunächst die Frauen zu den ersten Demonstrationen und Streiks. – Es waren nicht die innerparteilichen Debatten in der SPD, die Anfragen der SPD-Oppositionellen oder die Aufrufe der Spartakusgruppe. Angesichts der Fortführung des Krieges und der sich zuspitzenden prekären Lebensbedingungen appellierte auch der »parlamentarische Vertreter« der Spartakusgruppe, Karl Liebknecht, an den Staat. In einer exemplarischen Anfrage an die Regierung wurde gefragt, ob der Regierung bekannt sei, »dass die Masse des deutschen Volkes in- und außerhalb der Armee […] dringend fordert: dass ihr die Schrecknisse eines neuen Winterfeldzuges erspart werden und dass gegenüber diesem Ziel alle Eroberungspläne und alle kapitalistischen Rücksichten schlechthin zurückzutreten haben?« Trotz der mutig-konsequenten und radikalen Agitation der Spartakusgruppe für den Internationalismus und gegen den Krieg wird hier schon eine Tendenz sichtbar, die in der KPD später zur stalinistischen Staatsvergottung, zum positiven Bezug auf die deutsche Nation und zur Ideologie des Selbstbestimmungsrechts der Völker führte. Die radikale Kritik der Spartakusgruppe am wilhelminischen Staat wurde trotz des Einflusses Rosa Luxemburgs nicht zur radikalen Staatskritik fortgetrieben, sondern nahm nach dem Scheitern der Rätebewegung eine Form an, die im Ergebnis zum einen dem deutschen Staat vorhielt, er könne seiner proklamierten Absicht nicht nachkommen, für das ganze Volk zu stehen und zu sorgen, und die zum anderen der Sozialdemokratie vor allem Verrat und Wortbruch vorwarf. Mit den zwar häufig radikaleren, letztendlich aber konstruktiven Forderungen an den Staat bzw. an die Sozialdemokratie, wandte sich die KPD trotz anfänglicher gegenteiliger Absicht von der gesellschaftlichen Eigeninitiative als Movens und Ziel revolutionärer Umwälzung ab. Die soziale Bewegung geriet zunehmend zum Instrument der Absicht, im Staat die Macht zu übernehmen.

Das soziale Aufbegehren und die Forderung nach Beendigung des Krieges, das in den deutschen Städten und in den Schützengräben sein Ausgang nahm, war instinktiv – nicht aus theoretischer Einsicht – antistaatlich und bot Anknüpfungspunkte für eine radikale antistaatliche Politik. Die konsequente Verleugnung der Initiative der Massen, die zur bedingungslosen Beendigung des Krieges führte, ist notwendig mit der gewalttätigen Niederschlagung der Rätebewegung, dem Mord an Luxemburg, Liebknecht und an unzähligen anderen revolutionären RäteaktivistInnen in Deutschland verbunden. Diese Politik, für die ein Noske sinnbildlich steht, ist logische Folge der Fortführung des weitgehend von monarchistischen Kräften durchsetzten und beherrschten, jetzt aber von Sozialdemokraten und anderen Parteien politisch geführten Staats. Sie steht unmittelbar in Zusammenhang mit der opportunistischen Haltung hinsichtlich des Gebotes, Verantwortung für die Kriegspolitik zu übernehmen. Insofern der Dolchstoßlegende also ein wahrer Kern zugrunde lag, musste ihre Zurückweisung durch die Koalitionäre der Weimarer Republik durchweg inkonsistent bleiben. Die damit verbundene Leugnung der bei Deutschland zu suchenden Verantwortung für den Krieg ließ nur die Möglichkeit offen, den Krieg als über alle Beteiligte hereinbrechende und von niemandem gewollte Katastrophe zu betrachten. Radikalpazifistische und antistaatliche Positionen wie die eines Ernst Friedrich oder antistaatliche rätekommunistische Positionen wie die Anton Pannekoeks und Fritz Pfemferts blieben sowohl in der Rätebewegung als auch in der Weimarer Republik randständig. Die Kritik am Zusammenhang von Antisemitismus, Nationalismus, Militarismus und Revanchismus als Ausdruck eines auf das Wohl der Nation oder des Volkes verpflichteten Staates gehörten nicht zu den Inhalten der staatsgläubigen Parteien SPD und KPD.

Zur Aktualität der Kriegsschuldfrage

In der deutschen Presse wurde Clarks Buch überwiegend positiv aufgenommen. Es avancierte innerhalb kurzer Zeit zum Sachbuchbestseller und behauptet sich bis heute auf den oberen Plätzen. In der Zeitung Die Welt wurde über die gesellschaftliche Bedeutung von Clarks Buch bemerkt, es könne als Balsam für die deutsche Seele verstanden werden. Die Rezensenten in den Tageszeitungen FAZ und Süddeutsche Zeitung erkennen den Wert von Clarks Buch gar in der Aufwertung der Bedeutung der serbischen Verantwortung für die Julikrise, die von Clark zum Ausgangspunkt des Weltkrieges erklärt wird. Insgesamt begibt sich Clark in Gegensatz zur bis dato vorherrschenden Sichtweise in der neueren deutschen Geschichtsschreibung, die sich seit Fischer intensiv mit der Rolle des deutschen Kaiserreichs beim Ausbruch des Krieges widmete. Fischers Schlussfolgerung, dass das kaiserliche Deutschland keinen Verteidigungskrieg führte, sondern es im Juli 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ, war Konsens und wurde von den führenden Historikern in Deutschland Wolfgang J. Mommsen, Hans-Ulrich Wehler, Gerhard Hirschfeld u.a. nicht in Frage gestellt. Allen Genannten ist jedoch eigen, dass sie daraus nicht die Konsequenz zogen, Versailles als eine vielleicht überzogene aber doch logische Antwort auf die deutsche Kriegsschuld zu betrachten. Auch dem im Kern antistaatlichen und antimilitaristischen Aufbegehren der Soldaten und ArbeiterInnen gegen Krieg und Kaiser wird nicht die Rolle eingeräumt, die ihm zuzugestehen wäre. Es wird vielmehr verklausuliert darüber spekuliert, was die OHL hätte besser machen können, um Deutschland die »demütigende« Niederlage zu ersparen. Wenn Hirschfeld/Krumeich und Mommsen Walter Rathenaus unberücksichtigt gebliebenen Überlegungen ins Feld führen, mit einer Levée en Masse das Kriegsglück zu Gunsten Deutschlands noch einmal zu wenden, dann tun sie dies nicht, um darzustellen, dass die hierzu notwendige republikanische Grundlage nicht vorhanden war, oder um zu kritisieren, dass auch Walter Rathenau genauso wie die Sozialdemokratie das Paktieren mit den Überresten der deutschen Monarchie dem Zusammengehen mit den revolutionären Soldaten und ArbeiterInnen vorzog. Die genannten Historiker thematisieren immerhin ausführlich – wenn auch bisweilen mit einem kulturpessimistischen Unterton – den Zusammenhang von Volksgemeinschaft, Augusterlebnis und den »Ideen von 1914« mit dem in der Weimarer Republik aufkommenden Nationalsozialismus. Ihre Kritik geht jedoch nicht so weit, im grundsätzlich antirepublikanischen Staatfetischismus der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung eine Grundlegung der für den Nationalsozialismus spezifischen Einbindung der Arbeiterklasse in die deutsche Volksgemeinschaft zu suchen.

Bei Clark fehlt dieser Blick völlig. Der enorme Zuspruch, den Clarks Buch wider aller wissenschaftlichen Erkenntnis erfährt, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wunschs, den Alliierten und nicht der deutschen Volksgemeinschaft eine Mitverantwortung für die Formulierung und Durchführung der Revisionspolitik gegen Versailles zuzuschreiben. So gerät auch die vom nationalsozialistischen Deutschland am konsequentesten durchgeführte Revisionspolitik aus dem Blick, die schon in den Jahren nach der Machtübertragung zu einer enormen Popularität Hitlers führte. Insofern knüpft die Leugnung deutscher Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg am Diskurs der Schuldabwehr an, die das deutsche Volk als erstes und letztes Opfer einer nationalsozialistischen Diktatur »im Namen des Deutschen Volkes« definiert. Wenn nun die These von einer gleichermaßen verteilten Verantwortung aller beteiligten europäischen Mächte für den Ersten Weltkrieg wissenschaftlich in populärer Weise reanimiert wird, verliert sich auch eine von Clark immerhin behauptete Mitschuld Deutschlands im Abstrakten. Konkreter aber wird so die These von der Unangemessenheit des Versailler Friedens und der Opferrolle Deutschlands. Wenn noch dazu ein renommierter Historiker angelsächsischer Provenienz so etwas vorantreibt, dann ist die Zeit angebrochen, dass auch ein anerkannter deutscher, als progressiv geltender Politikwissenschaftler wie Herfried Münkler dem deutschen Bildungsbürgertum zu verstehen gibt, dass der Geist von 1914 in aufgeklärtem Gewande endlich zu sich selbst gefunden habe.

 

~ Von Jonas Dörge. Der Autor ist dem Diktat der Lohnarbeit als Angestellter unterworfen und schreibt in seiner Freizeit für den Blog Bündnis gegen Antisemitismus Kassel über Antisemitismus, staatsgläubigen Linksnationalismus, Geschichtsrevisionismus und andere Zumutungen.

Fußnoten

  1. Elisabeth Domansky, Der Erste Weltkrieg, in L. Niethammer u.a., Bürgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven, 287f.
  2. Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschlands 1914/1918, Düsseldorf 1967, sowie ders., Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914, Düsseldorf 1969.
  3. Gerhard Hirschfeld, Der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Beilage 29–30 (2004), 4.
  4. Hirschfeld, Der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung, 7.
  5. Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013, 17. Die im Absatz folgenden wörtlich angeführten Zitate ebda: 667ff.
  6. Clark, Die Schlafwandler, 615. Der russische Politiker Sergej Sasonow wird hier als wenig zugänglicher Mensch beschrieben.
  7. Clark, Die Schlafwandler, 705.
  8. Vgl. dazu John Horne/Alan Kramer, Deutsche Kriegsgräuel 1914. Die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2004.
  9. Fischer, Griff nach der Weltmacht, 1967, 90 ff. Die unterschiedlichen deutschen Kapitalfraktionen formulierten verschiedene Kriegsziele. Den einen ging es um die Annexion nordostfranzösischer und belgischer Erzgebiete, den anderen darum, in Osteuropa Siedlungsraum zu annektieren. Auch war es ein zentrales Kriegsziel, Deutschland als Hegemonialmacht auf dem Balkan und im Nahen Osten zu etablieren. Bethmann-Hollweg versuchte diese Strömungen zu vereinen, indem er die Errichtung eines unter deutscher Vorherrschaft stehenden zentraleuropäischen Wirtschaftsraums als Kriegsziel formulierte und darüber hinaus versuchte, jegliche öffentliche Kriegszieldiskussion zu untersagen. Wolfgang J. Mommsen, Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt 2004, 94ff.
  10. Das Hauptinteresse Deutschlands galt weniger den Überseegebieten als dem Balkan und dem vorderen Orient. Hier sollte der Einfluss Englands (und Frankreichs) zurückgedrängt werden.
  11. Für dieses und die folgenden Zitate vgl. Clark, Die Schlafwandler, 195ff.
  12. Mark Connelly, »Never Such Innocence Again«. Großbritannien und das Jahr 1914, in: APuZ 29-30 (2004), 13.
  13. Autorenkollektiv unter Leitung von Fritz Klein, Deutschland im Ersten Weltkrieg. Bd.
  14. Zit. n. Wolfgang Elz, Versailles und Weimar, in: APUZ 50–51 (2008), 32.
  15. »Seit dem Spätsommer 1918 breitete sich ein ›verdeckter Militärstreik‹ unter den deutschen Fronttruppen aus.« Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, 1914–1949, München 2003, 188, auch: Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, Frankfurt 2013, 253ff.
  16. Diese Haltung wurde zum Beispiel daran deutlich, dass die SPD 1917 nicht etwa zu Massendemonstrationen zur Beendigung des Krieges aufrief, sondern das demokratische Wahlrecht forderte. Die Streiks in den Rüstungsbetrieben begannen auf Initiative der ArbeiterInnen und ihrer häufig parteiunabhängigen revolutionären Obleute. Vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 171ff.
  17. Friedrich Eberts Worte zur Begrüßung der heimkehrenden Truppen in Berlin, zit. n. Hirschfeld/Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, 293.
  18. Zit. n. Wehler, 193.
  19. Willy Huhn, Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus, Freiburg 2003, 69. Auch wäre Franz Pfemfert zu nennen, der 1918 die Antinationale Sozialisten Partei gründete. Vgl. dazu den Beitrag von Olaf Kistenmacher in dieser Ausgabe.
  20. Ausführlich zu den unmittelbar vor Kriegsbeginn stattgefundenen Antikriegsprotesten, zur Rolle der SPD bei den Kriegsvorbereitungen sowie zur wichtigen, jedoch immer umstrittenem Rolle der Antikriegsagitation für die Sozialdemokratie, vgl.: Autorenkollektiv unter Leitung von Fritz Klein, Deutschland im Ersten Weltkrieg. Neben den Massenprotesten gab es jedoch auch einen massenhaft sich artikulierenden Kriegsenthusiasmus. Auch wenn dieses Phänomen rein quantitativ auf eine kleine Bevölkerungsschicht beschränkt war, erlangte diese Stimmung doch eine enorme Verbreitung durch deren hegemoniale Präsenz in der Öffentlichkeit. (Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 21 f.; Fischer 1967, 132ff.) Die Kriegsbegeisterung erklärt Clark jedoch für vernachlässigenswert. »Der Mythos, dass die Europäer eifrig die Gelegenheit ergriffen hätten, einen verhassten Feind zu schlagen, ist inzwischen völlig widerlegt.«, Clark, Die Schlafwandler, 707.
  21. Zur Besonderheit und zu den Ursprüngen des deutschen Nationalismus, vgl.: Georg L. Mosse. Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt 1990, 61ff.
  22. Jürgen Kocka, Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914–1918, Frankfurt 1988, 51.
  23. Ausführlich über diesen Zusammenhang: Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt 2007.
  24. Siehe hierzu näher: Peter Walkenhorst, Nation, Volk, Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890–1914, Göttingen 2007.
  25. Spartakusbriefe, hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin 1958, 107. Konsequenter internationalistisch und staatskritischer als Liebknecht war hier Rosa Luxemburg. Vgl. Olaf Kistenmacher, Selbstbestimmung als Phrase, in: Jungle World 1, 2014.
  26. Berthold Seewald, »Besessen von der deutschen Kriegsschuld«, in: Die Welt, 25. Oktober 2013, http://0cn.de/d7gi.
  27. In der Süddeutschen Zeitung mokiert sich am 23.01.2014 der Autor Florian Hassel über serbische Versuche, der Argumentation Clarks etwas entgegen zu setzten. Siehe: Florian Hassel, Wie Clarks Geschichtsbuch Serbiens Elite umtreibt, http://0cn.de/69h9.
  28. Hirschfeld/Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, 257 f.
  29. Im Zusammenhang der Diskussion um den Bombenkrieg gegen Deutschland wird dies deutlich. Der Hinweis auf den Nationalsozialismus gilt heute nicht mehr als anrüchig. Man bekennt sich abstrakt zu einer Schuld und stellt die konkreten deutschen Toten des Bombenkrieges in eine Reihe mit den Opfern deutscher Terrorherrschaft. In der massenkulturellen Produktion stehen hierfür die Filme Nico Hofmanns und Guido Knopps.
  30. Herfried Münkler vertritt in seinem 2013 erschienen und äußerst erfolgreichen Buch Der Große Krieg ähnliche Thesen wie Clark.