Die Verdinglichung der Natur

Über das Verhältnis von Vernunft und die Unmöglichkeit der Naturbeherrschung

Die Erfahrung, die der kritischen Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos, vor allem der gemeinsam verfassten Dialektik der Aufklärung, zugrunde liegt ist, dass die Geschichte der Befreiung des Menschen von übermächtigen Gewalten nicht zu einem vernünftigen Zustand der Welt geführt hat. Indem die Menschen ihre Emanzipation ins Werk gesetzt haben, eine Unternehmung, die wesentlich darin bestand, sich zum Herren und Eigentümer der Natur zu machen, haben sie sich einer allein technisch-instrumentellen Rationalität ausgeliefert, so dass schließlich, nach dem bekannten Diktum der Dialektik, die »vollends aufgeklärte Welt… im Zeichen triumphalen Unheils« strahlt. Das Werk Horkheimers und Adornos ist bestrebt, den fehlerhaften Mechanismus bloßzulegen, der den bisherigen Geschichtsverlauf beinah schicksalhaft dominiert. Damit halten die Autoren an der Absicht fest, in den Weltlauf einzugreifen. Mit der Dialektik der Aufklärung wird versucht, das wahre Wesen der Vernunft und damit den in ihrem Fundament verborgenen Defekt aufzutun. Dazu begeben sich Horkheimer und Adorno in die tiefer liegenden Dimensionen des Ursprungs von Vernunft; sie versuchen Vernunft in ihrer naturgeschichtlichen Bedeutung zu erschließen.

Vernunft als Selbsterhaltung

Deutlicher als in der Dialektik bemerkt Adorno an anderer Stelle, namentlich in seiner Auseinandersetzung mit einem der Vordenker der konservativen Revolution, Oswald Spengler, dass alle historische Fatalität hervorgeht aus dem »Zwang der Auseinandersetzung mit der Natur«. Grundkategorie einer kritischen Theorie ist die Selbsterhaltung, ist die Bewältigung der Lebensnot des Menschen. Also jene menschliche Tätigkeit, von der Marx schreibt, sie sei zunächst und zumeist eine ganz zweckmäßige zur Herstellung von Gebrauchsdingen, Aneignung des Natürlichen zum Zweck der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Dieser Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ist »ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam.« Vernunft ist in dieser dezidiert materialistischen Perspektive zu begreifen als Substitut einer verlorenen unbewussten Verhaltensregelung durch den tierischen Instinkt; ist zu begreifen als Inbegriff von Verhaltensweisen, die das Überleben der Gattung gegenüber einer übermächtigen Natur auf Dauer stellen. Insofern bringt dieser grundlegende Prozess zwischen Subjekt und Objekt eine »Tendenz zur Naturbeherrschung« hervor. Vernunft ist, so verstanden, das Notwerk der Naturbeherrschung. Natur meint hier beides: das die Vernunft Bedrohende und das von Vernunft Unterdrückte.

 Die Rede von Natur bezieht sich aber nicht allein auf das dem Menschen Äußerliche, sondern zugleich auch auf die inwendige Natur, die des Menschen. Die Entwicklung des Subjekts wird in der Dialektik als genaues Komplementärphänomen gesehen: Am aus der Vorwelt heraustretenden Menschen wird an seiner inneren Natur alles unterdrückt, was nicht der intendierten Verfügung über die äußerliche Natur dienlich ist. Überdies erhellt der Zwang zur Selbsterhaltung auch den Urzustand der menschlichen Gesellschaft, erklärt mit anderen Worten den Ursprung sozialer Gewalt. Somit ist Vernunft nicht allein die Form der Herrschaft des Menschen über die innere und äußere Natur, sondern zugleich die Form der Herrschaft des Menschen über andere Menschennaturen, oder in Adornos Worten: setzt sich die Tendenz zur Naturbeherrschung fort »in der Beherrschung von Menschen durch andere Menschen«.

 Vernunft ist also aus ihrer Verschränkung mit dem Zwang zur Selbsterhaltung zu verstehen. Der Mensch, der nicht länger in einer symbiotischen Befangenheit mit der beseelten Natur lebt, kann allein kraft planerischen Verhaltens und des Gebrauchs von Werkzeugen, kurzum: durch Naturbeherrschung überleben. Vor dem Hintergrund einer permanenten Bedrohung seines Daseins ist die Absicherung gegen Unvorhergesehenes, das Abtrennen des Inkommensurablen und das Kalkulierbarmachen durch Erkenntnis eine sehr plausible Verhaltensweise.

Neuzeitliche Naturbeherrschung

Freilich kann noch bis zum Beginn der Neuzeit von Herrschaft über die äußere Natur im strengen Wortsinne nicht die Rede sein. Auch wenn aus allen Regionen der Welt und über die Jahrhunderte hinweg vereinzelte, kleinflächige Umweltprobleme überliefert sind, werden im mimetischen Zeitalter Wind und Wetter, Boden und Haustiere ebenso wenig beherrscht, wie im mythischen und metaphysischen. Bis zum Vorabend der Neuzeit gehen Bauern und Handwerker mit Natur um. Sie wirken, naturnotwendig-ewig, auf sie ein, bleiben ihr aber ausgeliefert. Insofern hat dies vordergründig reichlich idyllische Einwirken weit mehr etwas von einem Kampf – gegen Seuchen, gegen wilde Tiere, die die eigene Herde bedrohen, oder gegen Naturkatastrophen. Natur war also vertraut und zugleich beängstigend nahe. Von Herrschaft kann recht eigentlich erst das Wort dann sein, wo der Mensch sich von Natur loslöst, von ihr abrückt. Einzig kraft der »Selbstdistanzierung des Menschen von Natur« kann er sie zum Objekt seines Befehls machen. Das geschieht in der frühen Neuzeit, in der Herrschaft über die Natur zu einem wesentlichen Thema wird.

Mit Francis Bacon wird das Programm der Naturbeherrschung wortgewaltig und in äußerster Klarheit formuliert; und angesichts des Schreckens, der nicht allein von einer durchgeisterten und bezauberten Natur ausging, sondern auch von der Übermacht der christlichen Kirche am Ausgang des Mittelalters, kann die Leistung der Mündigerklärung des menschlichen Geistes gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Problematisch erscheint allein, dass dieser Prozess einzig als Befreiung verstanden wurde, dass sich die Menschheit seither selbstherrlich im Besitz der ganzen Wahrheit wähnt, vergessen macht, welcher Verlust und welche Kosten mit diesem Siegeszug verbunden bleiben.

 Bacons Neue Wissenschaft stellt sich die praktische Aufgabe, die Ursachen und Bewegungen, die verborgenen Kräfte in der Natur zu erkennen, um schließlich die Herrschaft des Menschen über die Natur bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen auszudehnen. Der Mensch wird so zum Herren und Eigentümer der Natur, fähig die natürlichen Prozesse systematisch und vollständig zu steuern. Nach und nach wird Bacons Programm mit der Wissenschaft insgesamt assoziiert und uneingeschränkt angewandt in Technologie und kapitalistisch-industrieller Produktion. Der Komplex von Wissenschaft, Technologie und Produktion wurde angesehen als ein Fortschritt ohne jede natürliche Grenze mit der Tendenz zu einer unendlichen Erweiterung der Handlungsspielräume des Menschen. Alle Welt ist seither um das menschliche Ich zusammengezogen. Die Welt wird zum »reinen Menschenwesen«.

 Mit der zunehmenden Intellektualisierung und Rationalisierung der Welt gibt es prinzipiell keine geheimnisvollen und unberechenbaren Mächte, vielmehr ist man durchdrungen von der Überzeugung, »alle Dinge […] durch Berechnen beherrschen« zu können. »Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt«. Die Entzauberung der Welt verbunden mit dem bürgerlichen Glückversprechen, Freiheit und Wohlstand durch eine Überfülle an Waren herbeizuführen, führte aber zu Problemen, die bereits den aufmerksameren Zeitgenossen des vorvergangenen Jahrhunderts nicht entgangen und heute unübersehbar sind. Denn in der Welt der durch den Wert vermittelten Naturbeherrschung werden die anfänglich vereinzelten und kleinflächigen zu massenhaften und raumgreifenden Umweltzerstörungen.

Zweite Moderne, reflexive Naturbeherrschung

Angesichts dieses Bedrohungsszenarios haben die modernen Gesellschaften längst begonnen, sich auf ökologische Probleme einzustellen. Die natürliche Umwelt findet Berücksichtigung. Gleichwohl hat sich ein in hohem Maße paradoxer Umgang mit den ökologischen Problemlagen eingeschlichen. Von der Möglichkeit der Abwehr ökologischer Schädigung hat man weithin Abschied genommen; ökologisches Handeln erschöpft sich in der zur zweiten Natur geronnenen kapitalistischen Gesellschaft vornehmlich im Management von Folgeproblemen. Natur, um die es in den Diskussionen um den Klimawandel etc. geht, ist weiterhin »Inbegriff bloßer Objekte«, Ding »totaler Ausbeutung«, in andern Worten lediglich nutzbares Substrat kapitalistisch betriebener Selbsterhaltung, ja kann als solches gesellschaftlichen Zwecksetzungen scheinbar beliebig unterworfen werden. Darauf weist auch Christoph Görg in seinen Überlegungen über die Gestaltung der Naturverhältnisse hin: »Obwohl im Rahmen der ökologischen Problematik zwar durchaus die Erfahrung gemacht wurde, dass dies [die totale Aneignung von Natur; D.L.] nicht unbegrenzt möglich ist, versucht eine rein technische Optimierungsstrategie gleichwohl nur die Naturbeherrschung zu modernisieren, indem sie mögliche negative Folgewirkungen in Gestalt ökologischer Risiken einzukalkulieren versucht.«

 So bewegt sich eine zeitgenössische Kommunikation um ökologische Problemlagen in etwa auf dem Niveau des Engelsschen Spätwerks. Friedrich Engels, dem recht eigentlich das Verdienst zukommt, mit Nachdruck auf die ökologischen Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsweise hingewiesen zu haben, hat in der postum veröffentlichten Dialektik der Natur skizziert, wie der Mensch, im Unterschied zum Tier, durch planmäßiges Handeln der Welt den Stempel seines Willens und seiner Vernunft aufprägt. Im selben Atemzug indes räumt er ein, dass solche Siegeszüge der Gattung Mensch reine Pyrrhussiege sind, denn »für jeden solcher Siege rächt sie [die Natur; D.L.] sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben.« Das beschreibt beinahe weitsichtig den heutigen Umgang mit der äußeren Natur, der versucht, die zweiten und dritten Linien, von denen Engels handelt, zu berücksichtigen. Ging die Neue Wissenschaft Bacons noch davon aus, restlos alles sich unterwerfen zu können, so hat die Hoffnung auf eine vollständige Beherrschung durch Berechnung inzwischen ausgedient. Gleichwohl wird das Programm der Neuen Wissenschaft unter den Stichworten »Unsicherheit« und »Ungewissheit« angesichts der Folgen, das heißt ohne den Glauben an eine absolute Rationalität, fortgeschrieben. So wird Görg zufolge »weiterhin eine Berechenbarkeit der Natur angestrebt, nun jedoch als Kontrolle der negativen Nebenfolgen der Naturbeherrschung, z.B. durch Berechnung der Wahrscheinlichkeiten und der möglichen Kosten von Klimaschäden«.

Die Verdinglichung der Natur

Angesichts der unvorhergesehenen Wirkungen resümiert Engels seine Überlegungen in den Worten: »Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht…«. Die Aporien des großen Menschheitsunternehmens Durch-Berechnen-Beherrschen-Können, die Engels sieht, werden erhellt durch die Überlegungen der kritischen Theorie. Oben wurde bereits angedeutet, dass es dem vernünftigen Lebewesen Mensch darum geht, Inkommensurables abzuschneiden, um so das, was ist, der kalkulierenden Vernunft zu unterwerfen. Weder Horkheimer noch Adorno geht es dabei um eine generelle Kritik der Aneignung der Natur. Beide zielen mit ihren Überlegungen vielmehr auf eine spezifische »Reduzierung von Natur« – nämlich auf die »Austreibung eines ihr immanenten Werts und Sinns.« Naturbeherrschung meint also eine Entqualifizierung der stets konkreten Mannigfaltigkeit des natürlichen Geschehens. Ihre Kritik richtet sich gegen eine bestimmte Art und Weise, die »Einheit der Natur« herzustellen – eine Konstruktion von Natur, die ihre Qualitäten dem Schematismus des abstrakt-begrifflichen Denkens unterwirft: »Die Abstraktion, das Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu den Objekten wie das Schicksal, dessen Begriff sie ausmerzt: als Liquidation.« Kritische Theorie über die Naturbeherrschung steht damit auf den Schultern von Georg Lukács' Überlegungen über die Verdinglichung, deren Wesen in der Ersetzung des Qualitativen durch das Quantitative, der Ersetzung des Konkreten durch das Abstrakte besteht. Ein Ersatz, der auf dem »Prinzip der auf Kalkulation, auf Kalkulierbarkeit eingestellten Rationalisierung« beruht. Dies Prinzip verselbständigt sich im modernen Kapitalismus, auf den Lukács freilich seine Kritik beschränkt, und lässt Selbsterhaltung schließlich verwildern.

 Die Verdinglichung der Natur und die Verselbständigung ihrer Beherrschung stellt aber keine aus der Zeit gefallene, sozusagen überhistorisch tragische Erscheinung dar. Im Gegenteil, so ist in der Dialektik der Aufklärung zu lesen, »gründet die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit, der Arbeitsteilung.« Formen des Denkens wie die des Handelns sind demnach gesellschaftlichen Charakters, was Horkheimer und Adorno anhand einer Studie der Soziologen Emile Durkheim und Marcel Mauss zu verdeutlichen suchen. Den Beobachtungen Durkheims und Mauss' zufolge ist die logische Hierarchie lediglich Ausdruck einer sozialen Hierarchie. Hierfür prägen sie den Begriff des Soziozentrismus, das heißt, dass die geistigen Klassifikationsformen Projektionen einer vorgeblich naturwüchsigen Gesellschaft über das Individuum auf Natur sind.

 Mit der Kritik der Verdinglichung der Natur formuliert kritische Theorie eine scharfe Selbstkritik der Naturvergessenheit des Sozialen. »Der gesellschaftliche Prozeß ist weder bloß Gesellschaft noch bloß Natur, sondern Stoffwechsel der Menschen mit dieser, die permanente Vermittlung beider Momente.« Das, was im gesellschaftlichen Prozess angeeignet wird, ist aber keine dem Sozialen eigenständig vorangehende ontologische Sphäre. Zugleich geht das Angeeignete niemals vollständig im gesellschaftlichen Prozess auf. Natur avanciert damit gerade nicht zu einem normativen Maßstab, an dem sich alles Leben zu orientieren hätte. Sie ist immer schon in den sozialen Prozess involviert, behält aber ein Moment der Unverfügbarkeit, des Widerständigen. Diese Unverfügbarkeit ist nicht positiv zu greifen, sondern wird nur erfahrbar in Augenblicken des Scheiterns, so etwa in ökologischen Problemen. Natur ist also »zu verstehen als eine Konstruktion und gleichzeitig als das, was obwohl in und durch Gesellschaften reproduziert, als das Andere von Gesellschaft, Kultur oder Technik diesen in konkreten Situationen oder Konstellationen entgegengesetzt ist.« Gegen die Ideologie der Naturbeherrschung macht das kalkulierende Wissen und Handeln in den Augenblicken des Scheiterns die Erfahrung, dass das Material des Tuns einen Eigensinn, eine Bestimmtheit an sich selbst besitzt. Angesichts dieses Ansichseins des Naturstoffs ist es eben nicht möglich, Natur zu beherrschen, so wie, bei aller Fragwürdigkeit der Engelsschen Metaphorik, ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht. Angesichts dieser Unmöglichkeit der Naturbeherrschung scheint es geboten, das gesellschaftliche Verhältnis zur Natur neu zu reflektieren.

Beherrschte Naturbeherrschung

Die unmögliche Naturbeherrschung hebt aber zugleich die Frage nach Emanzipation auf eine ganz neue Stufe. In seiner Rede über Polen verkündet Friedrich Engels, »eine Nation kann nicht frei werden und zugleich fortfahren, andere Nationen zu unterdrücken.« Dieser Gedanke ließe sich variieren. So kann die Menschheit nicht frei werden und zugleich fortfahren, Natur zu unterjochen, das Programm der Naturbeherrschung sei es auch sozialistisch fortzuschreiben. Dies hebt die Dialektik der Aufklärung ins Bewusstsein. Die Beherrschung der Natur und die Emanzipation des Menschen sind keineswegs als Verbündete anzusehen wie noch die klassische Aufklärung meinte, vielmehr ist die entfesselte Naturbeherrschung, die verwilderte Selbsterhaltung ein zentrales Hindernis der wirklichen Mündigerklärung des Geistes. Solange Natur bloß rein als Gegenstand für den Menschen, rein als Sache der Nützlichkeit, Formulierungen, die noch beim Marx der Kritik der politischen Ökonomie zu finden ist, angesehen wird, solange bleibt die Menschheit im Bann der als »Massenracket in der Natur« wütenden Gesellschaft. Dieser Sorge verleiht auch Horkheimer Ausdruck, wenn er eine seiner Vorlesungen mit den Worten beschließt, »und denken wir selbst den Fall, alle gesellschaftlichen Antagonismen seien überwunden – wäre unser Denken dann damit befriedigt, daß jetzt die Menschheit nichts anderes mehr wäre als eine konfliktlose Aktionsgesellschaft zur gemeinsamen Ausbeutung der Natur?« Ohne die Anerkennung des Eigensinns der Natur scheint ein angemessenes Verständnis der ökologischen Probleme, in der sich ihre Eigenständigkeit gerade Ausdruck verschafft, nicht möglich. Und: in einer wirklich vernunftvollen und von Herrschaft befreiten Einrichtung der Welt können die Menschen nicht fortfahren, ein bloß instrumentelles Verhältnis zur Natur beizubehalten.

 Walter Benjamin gibt einen Hinweis darauf, worauf der Geist zu reflektieren hätte, so es ihm um eine vom Zwang zur Naturbeherrschung ledigen Gesellschaft geht: »Wer möchte aber einem Prügelmeister trauen, der Beherrschung der Kinder durch die Erwachsenen für den Sinn der Erziehung erklären würde? Ist nicht Erziehung vor allem die unerlässliche Ordnung des Verhältnisses zwischen den Generationen und also, wenn man von Beherrschung sprechen will, Beherrschung der Generationenverhältnisse und nicht der Kinder? Und so auch Technik nicht Naturbeherrschung: Beherrschung vom Verhältnis Natur und Menschheit.« Ein vernünftiger Zustand wäre danach nur jenseits der schlechten Alternative von Herrschaft, der Unterwerfung des Selbst unter die Natur oder der Natur unter das Selbst vorstellbar. Natur wäre so auch das mit dem Geist zu versöhnende. Solche Auferstehung der Natur aber bleibt, daran darf kein Zweifel bestehen, gebunden an Vernunft, weil Freiheit eben untrennbar ist vom aufklärenden Denken.

 

~Von Dirk Lehmann. Der Autor hat Soziologie studiert und arbeitet gegenwärtig über den Begriff der Naturbeherrschung der kritischen Theorie.

Fußnoten

  1. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M. 1995 (1947), 9.
  2. Theodor W. Adorno, Spengler nach dem Untergang, in: ders., Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1992 (1955), 62.
  3. Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie, Marx-Engels-Werke (MEW) 23, 198.
  4. Dass an dieser Stelle sich durchaus Nähen zu Arnold Gehlens Wissenschaft vom Menschen andeuten, sei unwidersprochen. Es sind dies aber kaum mehr als gewisse Nähen (vgl. Theodor W. Adorno / Arnold Gehlen, Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen? Ein Streitgespräch, in: Friedemann Grenz, Adornos Philosophie in Grundbegriffen. Auflösung einiger Deutungsprobleme. Frankfurt a.M. 1974, 223ff.).
  5. Adorno, Untergang, 61.
  6. Ebd.
  7. Wenn es heißt, dass Vernunft Mittel zur Selbsterhaltung ist, so wäre hier ein Vernunftverständnis abzugrenzen, das Vernunft einzig und allein auf seine Mittelfunktion im Prozess der Selbsterhaltung reduziert. Solche Vernunft wäre nicht länger in der Lage nach dem Sinn des Tuns zu fragen. Auf ihre Mittelfunktion reduziert vermag Vernunft nicht zu fragen nach dem Warum von etwas (vgl. hierzu Max Horkheimer, Vernunft und Selbsterhaltung, in: Hans Ebeling (Hrsg.), Subjektivität und Selbsterhaltung. Beiträge zur Diagnose der Moderne. Frankfurt a.M. 1976, 41–75).
  8. Anhand der Dialektik der Aufklärung lassen sich die genannten Epochen der Menschheitsgeschichte entlang einer sich sukzessive entfaltenden Naturbeherrschung rekonstruieren; die Neuzeit ließe sich als das positive Weltalter bezeichnen. Dass insbesondere die Schilderung der Frühgeschichte hier nicht überzeugend gerät, wird in der Sekundärliteratur betont (vgl. etwa Anke Thyen, Negative Dialektik und Erfahrung. Zur Rationalität des Nichtidentischen bei Adorno. Frankfurt a.M. 1989). Plausibel aber scheint, sich ein instrumentelles Verhältnis als dominierend vorzustellen, nach dem das materielle Gegenüber einzig in seiner Funktion fürs eigene Überleben interessiert. Der Intention nach sind also vorwissenschaftliche Umgangsweisen mit Natur auf ihre Beherrschung aus.
  9. Hartmut Böhme/Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. Frankfurt a.M. 2003 (1983), 33. Diese Identifizierung durch Abkehr lässt sich am Selbstverständnis des Menschen als animal rationale verdeutlichen. Das was den Menschen zum Menschen macht, liegt in seiner Rationalität. Der Mensch mag Natur, mag Tier sein wie andere Lebewesen, Mensch wird er indessen genannt, wo er sich von Natur unterscheidet, wo er sich von seiner Naturhaftigkeit absetzt. Geradezu gesprochen geht es nicht darum, diese Differenz wieder einzuziehen, sondern einzig darum, zu zeigen, welche Kosten mit dieser blanken Scheidung verbunden sind!
  10. Adorno, Untergang, 63.
  11. Max Weber, Vom inneren Beruf zur Wissenschaft, in: ders., Soziologie. Universalgeschichte. Politik. Stuttgart 1992 (1919), 317.
  12. Ebd.
  13. Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt a.M. 1997 (1947), 94.
  14. Ebd., 107.
  15. Christoph Görg, Postfordistische Fransformation der Naturverhältnisse, in: Joachim Beerhorst (Hrsg.), Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel. Frankfurt a.M. 2004, 219; Hervorhebung im Original.
  16. Vgl. Iring Fetscher Überlebensbedingungen der Menschheit. Zur Dialektik des Fortschritts. München 1980, 139. Das Werk Marx' und Engels' wird in ökologischer Hinsicht reichlich ambivalent rezipiert. Im Gegensatz zu dem hier indirekt zitierten Iring Fetscher, der Marx' Fortschrittsglaube und Industrialismus moniert, erkennt Kurt Jacobs beispielsweise in Marx' Schaffen ein sozial-ökologisches Reformprogramm (vgl. Kurt Jacobs, Landwirtschaft und Ökologie im Kapital, in: Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 108, 1997).
  17. Friedrich Engels, Dialektik der Natur, MEW 20, 452f.
  18. Vgl. Wolfgang Bonß, Ungewißheit als soziologisches Problem oder Was heißt »kritische« Risikoforschung? In: Mittelweg 36, 1/1993, 131.
  19. Görg, Nichtidentität, 131.
  20. Engels, Natur, 453.
  21. Gunzelin Schmid Noerr, Vom Eingedenken der Natur im Subjekt: zur Dialektik von Vernunft und Natur in der Kritischen Theorie Horkheimers, Adornos und Marcuses. Darmstadt 1990, X.
  22. Horkheimer /Adorno, Aufklärung, 15.
  23. Ebd., 19.
  24. Georg Lukács, Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats, in: Ders., Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik. Amsterdam 1967 (1923), 99; im Original gesperrt.
  25. Horkheimer / Adorno, Aufklärung, 28.
  26. Vgl. ebd. Fußnote 25.
  27. Vgl. Emile Durkheim, Marcel Mauss, Über einige primitive Formen von Klassifikation. Ein Beitrag zur Erforschung der kollektiven Vorstellungen, in: Emile Durkheim, Schriften zur Soziologie der Erkenntnis. Frankfurt a.M. 1993 (1903). Durkheim und Mauss vertreten die Auffassung, dass die sozialen Tatbestände eine von den handelnden Menschen grundsätzlich losgelöste eigenständige Dignität besitzen. Unter dem Stichwort des Chosismus wird dies etwa in Theodor W. Adorno, Einleitung zu Emile Durkheim, »Soziologie und Philosophie«, in: ders. Soziologische Schriften I, Frankfurt a.M. 1995 (1967) kritisiert.
  28. Theodor W. Adorno, Über Statik und Dynamik als soziologische Kategorien, in: Ders., Soziologische Schriften I, Frankfurt a.M. 1995 (1961), 221.
  29. An die Stelle der »Natur« ließe sich treffender Adornos Begriff des Nicht-Identischen setzen. Bei Übersetzungstätigkeiten zu seinem Spengler-Aufsatz notiert Adorno ferner, dass das Nicht-Identische »must not be nature alone, it also can be man« (Zitiert nach Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. München / Wien 1993, 350).
  30. Görg, Nichtidentität, 131; Hervorhebung im Original.
  31. Friedrich Engels, Rede über Polen, MEW 4, 417.
  32. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf 1857-1858), Berlin 1953 (1939/41), 313. Das Problematische an Marx' und Engels' Naturverständnis habe ich an anderer Stelle versucht zu erläutern (vgl. Dirk Lehmann, Die Entzauberung der Natur. Marx' anthropozentrischer Ökologismus, in: analyse und kritik, Nr. 537, 29).
  33. Horkheimer / Adorno, Aufklärung, 271.
  34. Max Horkheimer; zitiert nach Rolf Wiggershaus, Antagonistische Gesellschaft und Naturverhältnis. Zur Rolle der Natur in Horkheimers und Adornos Gesellschaftskritik, in: Zeitschrift für kritische Theorie, 3/1996, 15.
  35. Walter Benjamin, Einbahnstraße, in: Ders., Gesammelte Schriften IV.I, Frankfurt a.M. 1980 (1928), 146f.
  36. Vgl. Horkheimer / Adorno, Aufklärung, 3.