Die Sehnsucht nach dem, was ohnehin schon ist

Oder: was hilft der Koran in einer kalten Welt?

Im Januar 2007 meldete der SPIEGEL unter Berufung auf eine Studie des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland e.V. (ZIAD) einen rasanten Anstieg der Zahl deutscher Islamkonvertit_innen zwischen Juli 2004 und Juni 2005. 4.000 Menschen konvertierten in diesem Zeitraum zum Islam, viermal so viele wie noch im Jahr zuvor.

 Im Jahre 2006 waren es laut ZIAD schon 14.300 Übertritte, Tendenz steigend. Doch nicht nur die Zahl, auch die Beweggründe für eine Konversion haben sich laut der Studie verändert: Konvertierten früher vor allem Frauen mit muslimischem Partner zum Islam, so sind die Motive neuerdings vielschichtig, glaubt man Salim Abdullah vom ZIAD. Das Neue und Vielschichtige an der Konversion von heute: sie findet aus freien Stücken statt. Die Leipziger Religionssoziologin Monika Wohlrab-Sahr, die ein ganzes Buch über das Phänomen verfasst hat, fügt dem noch hinzu: »Man will sich unterscheiden« in der Suche nach Andersartigkeit und: »Der Islam ist somit als wirkliche Alternative präsent«.
Das Problem der Islamkonversion beschäftigt aber auch noch ganz andere Menschen. Auf der Internetseite des neu-rechten Jugend-Magazins Blaue Risse gibt der Oberstufengymnasiast Carlo Clemens seine Analyse des Phänomens zum Besten: »Vor allem in dem Zeitabschnitt, in dem ein Jugendlicher zum jungen Erwachsenen wird, distanzieren sich viele von pubertärem Kinderkram wie Saufereien, Diskos und dummen Flittchen und suchen nach einer fundamentalen, alles erklärenden Lebensgrundlage. Der Islam bietet vermeintlich eine endgültige Antwort auf all diese Fragen der Identitätskrise und eine einfache und stringente Lebensanleitung, konträr zu den unerklärlichen und komplexen Lebensumständen der reizüberfluteten dekadenten Konsum- und Mediengesellschaft«. Hier ist es also die Dekadenz der Moderne, der man die Schuld an der Orientierungslosigkeit der Deutschen gibt. Schon der Nazi und Feldweg-Philosoph Martin Heidegger empfand bei seinem Besuch in Berlin die Stadt als Metropole der Dekadenz und ergriff die Flucht zurück in die Provinz. Was Carlo stört, ist nicht die reaktionäre Absage an die Dekadenz, sondern dass der Islam nicht die originär deutsche Form dieser Absage ist.

Religionspsychologischer Reduktionismus

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der religiösen Konversion spielt in der Religionspsychologie seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine immer bedeutendere Rolle.Vgl. Monika Wohlrab-Sahr, Konversion zum Islam in Deutschland und den USA, Frankfurt a. M. 1999, 49ff. Der Religion wird hier ausschließlich eine positive Funktion zur Krisenbewältigung zugesprochen. Statt Objekt der Kritik zu sein, mutiert sie selber zum Heilmittel unbewältigter Krisen. Zwar erkannte die Religionspsychologie der Konversion, die erstmals mit William James zu einer umfangreichen Deutung anhob, das Verhältnis von Krise und Bekehrung. Aber selbst in der Freudschen Psychoanalyse findet sich das, was Adorno den »Kultus mit dem Realitätsprinzip« nannte: das Realitätsprinzip wird zum höchsten Gut erhoben, dem es sich anzupassen gilt. Eine Flucht vor der Realität wird als reine Verdrängung abgefertigt. Dass die Beschädigung des Subjekts real ist und die Flucht vor der Realität verständlich, wird der Vorstellung einer anpassungswürdigen Realität geopfert.Vgl. Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt a. M. 1998, 19ff.

Freud äußerte sich selbst kaum zum Phänomen der religiösen Konversion. Auch dort, wo er es tat, sieht er im religiösen Bedürfnis ausschließlich die Wiederkehr des Vaterkomplexes, der seine Ausbildung in der ödipalen Phase erfuhr. Für ihn besteht ein immanenter Zusammenhang zwischen dem Vaterkomplex, der Folge der Ambivalenz aus Hass und der Sehnsucht nach dem Vater ist, und der ihr zugrunde liegenden Schutzbedürftigkeit, die sich aus der Hilflosigkeit gegenüber der allmächtigen Natur einstellt. Dieser Zusammenhang wird in der religiösen Rückkehr zum allmächtigen Gott in der Konversion ersichtlich. Die Religionsbildung ist für Freud eine Abwehrreaktion auf das menschliche Ohnmachtsgefühl, die aber als Illusion menschliche Bedürfnisse in sich aufhebt. Freud erkennt den Wunscherfüllungscharakter religiöser Vorstellung in der Illusion, gleichzeitig aber sieht er von deren Beziehung zur Wirklichkeit ab. Zwar erkennt Freud menschliches Leiden und den möglichen destruktiven Charakter des Zivilisationsprozesses als real an. Doch steht ein realitätsgerechtes Funktionieren des Ichs – und damit die Anpassung an die Realität – im Zentrum der analytischen Therapie. Durch die Charakterisierung der Religion als Wahnidee und Verzerrung der Realität wird das Problem ausschließlich ins Individuum verlegt. Der gesellschaftliche Wahn wird nicht angemessen mit den Wahnideen der Individuen vermittelt.

Anhand der Islamkonversion lässt sich aber eben jene Vermittlung von Individuum und Gesellschaft gut analysieren und damit die Annahme einer bloßen Wahnidee widerlegen. Die Religion wird im Zuge der Konversion nämlich zum Mittel, um sich selbst dem Realitätsprinzip zu unterwerfen und nicht um vor ihm zu flüchten. Die eigene Sehnsucht wird an der Realität, und nicht wie Horkheimer es einmal formulierte, am »ganz Anderen« ausgerichtet. Religionskritik, wie sie Freud vor Augen hatte, ist daher nur bedingt auf das Phänomen, um das es hier geht, anzuwenden. Der Religion kommt dabei eine veränderte ideologische Funktion zu und sie nimmt damit andere Qualitäten an. Es geht also im Folgenden darum, herauszustellen, welche Funktion der Islam für die Konvertit_innen hat und warum folglich immer mehr Menschen zum Islam konvertieren. Welche Bedürfnisse befriedigt die Konversion zum Islam in westlichen Industriegesellschaften?

Krisenbewältigung als Konversionsindustrie

Was hilft der Koran in der kalten Welt? müsste daher wohl eine interessierte Studie fragen, die sich vornimmt das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft anhand des Phänomens der Islamkonversion zu verstehen. Heute reicht dafür schon ein Besuch bei der Plattform Youtube oder bei hauseigenen Konvertitenportalen wie www.pierrevogel.co, den Seiten von Einladung zum Paradies e. V. und Die wahre Religion.

Der wohl berühmteste deutsche Islamkonvertit ist Pierre Vogel alias Abu Hamza. 2001 konvertierte der ehemalige Profiboxer zum Islam. Heute boxt er nicht mehr, denn das ist laut Vogel im Islam verboten. Vogel steht paradigmatisch für ein Massenphänomen und ist in der Konvertiten-Community ein Idol. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Ungläubige zum Islam zu führen und dementsprechend finden sich hunderte Videos mit Predigten und Live-Konversionen auf den einschlägigen Internetseiten, in denen er mit Nachdruck für den Islam wirbt.

Pierre Vogel hat eine wahre Konversionsindustrie ins Leben gerufen. Unter der Rubrik »Live-Konversionen« wird sogar Taubstummen, die die Shahada (das islamische Glaubensbekenntnis) nicht aufsagen können, die Konversion ermöglicht. Es finden sich Videos von orientierungslosen Jugendlichen, einsamen Rentner_innen und verzweifelten Alkoholiker_innen. Vogel erreicht sie alle. Er hat eine universelle Sprache gefunden, die den Bedürfnissen aller entspricht. In den einzusehenden Videos, in denen die Konvertit_innen nach der Motivation ihrer Konversion befragt werden, ist ein Motiv fast immer gegenwärtig: Sie wollen wieder klar kommen mit ihrem Leben, einen Ausweg aus der Entfremdung finden. Vogel meint daher auch sinngerecht: »Wir bringen ihnen bei, dass es nicht cool ist, Quatsch zu machen, sondern sich zu benehmen. Wir haben den Spieß umgedreht«.

»Möchten sie den Islam annehmen?« Oder: »Jetzt den Islam annehmen!« Das sind die Popups des Islamic-Internet der jungen Konvertit_innen. Wie auf einem Jahrmarkt des Islam blinken den Besucher_innen der Websites von Vogel & Co. Banner entgegen, die sich rundum mit dem Thema Wahrheit-Islam-Konversion auseinandersetzen. Es werden sogar Kurse angeboten, die einem alle Tricks zur richtigen Konversion seiner Mitmenschen beibringen sollen. Neben der Beschäftigung mit so weltbewegenden Fragen wie: »Wirft sich die Sonne vor Allah nieder?«, gibt Pierre Vogel auch Antworten auf die dringendsten Fragen der Konvertit_innen: »Wie wird man im Leben erfolgreich?« und »Was ist der Sinn des Lebens?« Das Rezept ist einfach: »Es gibt viele Wege, aber es gibt nur einen Weg zum wahren Erfolg.« Den Islam. Erfolg wird zu einer Sache des Glaubens und der inneren Überzeugung. Das hat die einfache Botschaft mit der Ideologie des Life-Coaching gemeinsam. In einem seiner Videovorträge mit dem Titel »Wie wird man im Leben erfolgreich?« zieht Vogel, wenn auch als Witz intendiert, diese Parallele selbst: »Wie führt man ein erfolgreiches Leben? Hört sich an wie ein Managerkurs, ne. Aber wenn man mich dann sieht, denkt man: Nee, dat kann net sein, mit dem Bart«.

Für diejenigen, die nicht mehr mitkommen und am Erfolgsversprechen des Kapitalismus nicht partizipieren, bietet die Konversion eine echte Alternative. Das Islam-Life-Coaching setzt dieselbe Logik unter anderen Vorzeichen fort. Die kapitalistische Verwertungslogik wird in eine transzendente Sprache übersetzt. Vogels Narzissmus spiegelt diese Logik. Er verweist ständig darauf, wie viel er trotz seines jungen Alters schon erreicht hat, und dass er das Profiboxen zugunsten des wahren Erfolgs aufgegeben hat. Als Boxer hätte er maximal Olympiasieger werden können; das ist Erfolg light für jemanden wie Vogel: »Und dann ist die Karriere vorbei und das ist wie der Tod«. Er will Erfolg nicht nur solange er jung und sportlich ist, sondern auf Lebenszeit und darüber hinaus. Dabei stellt er eine ähnliche Attitüde zur Schau wie die weltlichen Lifecoacher_innen: er stilisiert sich selbst zum Prototyp des Erfolgs und entfaltet so eine Überzeugungskraft, die prinzipiell alle anspricht. Denn erfolgreich wollen alle sein. Wer aber Erfolg haben will, muss hart zu sich selbst sein. Der weltliche Erfolg wird abgelehnt, der wahre Erfolg zum obersten Ziel erhoben. Man möchte noch besser sein, noch exklusiver als all jene, die es nur in diesem Leben zu Ruhm und Reichtum geschafft haben. Erfolg wird eine Sache der Seele und fürs Jenseits versprochen; das Leben im Hier und Jetzt wird zu einer reinen Bewährungsprobe für das Leben nach dem Tod, reines Mittel zum Zweck. Der Islam ist der Weg dorthin und Selbstgeißelung die Maßregel. Die Exklusivität des wahren Erfolgs wird durch die Exotik, die der Islam in den Orientvorstellungen Vieler immer noch besitzt, gewährleistet. Die Konversion zum Islam steht also in enger Verbindung zum Narzissmus. Vogel im gleichen Vortrag: »Umso schwieriger das Ziel zu erreichen ist, umso größer wird der Erfolg angesehen«.

Ein weiterer Fall ist der des Predigers Sven Lau alias Abu Adam. Er ist aktiv in der Moschee des muslimischen Kulturzentrums Masjid as Sunnah in Mönchengladbach und vor mittlerweile zwölfeinhalb Jahren zum Islam konvertiert. Seine Hingabe an den Islam geht soweit, dass er sich in einer seiner Videobotschaften beschämt darüber äußert, dass die Muslim_innen in Deutschland es soweit haben kommen lassen, dass nun auch schwule und lesbische Paare hier heiraten dürfen. Sven beschreibt seinen Weg zum Islam als Antwort auf das Gefühl eines Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Seins in der entfremdeten Welt. Diese Isoliertheit wurde erst gebrochen, als er zu Beginn seiner Ausbildung zum Industriemechaniker die Bekanntschaft mit einem muslimischen Mitarbeiter machte. Dessen Charisma, Souveränität und Menschenliebe überwältigten ihn. Sven faszinierte am Islam, dass selbst die schwächsten Muslime kein Schweinefleisch essen sowie den Koran ehren, und dass selbst die brutalsten Schläger wenigstens während des Ramadans Ruhe geben. Das Zusammenspiel von charismatischer Überwältigung und dem Gefühl eines unvergleichlich viel stärkeren Zusammenhalts der Muslime im Allgemeinen ließ Sven die alleinige Wahrheit erkennen. Er musste den Islam einfach annehmen. Sven, der früher schon immer der Klassenclown war, um andere zu beeindrucken und seine Ichschwäche zu kompensieren, hatte nun einen noch viel exklusiveren Weg gefunden. Seine Konversion machte ihn stark gegen das Lachen der anderen. Die gefühlte Exklusivität und Exotik, die der Islam für Konvertit_innen beinhaltet, entfaltet ihre Bedeutung also genau an der Stelle, wo die Suche nach Kohärenz in der beschädigten Individualität klar zum Vorschein kommt. Im Islam manifestiert sich die Abgrenzung im Extrem. Er verleiht Konvertit_innen das Gefühl einer selbstbewussten Andersartigkeit, die sowohl dem eigenen Ich als auch nach außen hin, eine kohärente Persönlichkeit suggeriert. Daher rühren die Selbstsicherheit und die Überzeugung, mit denen Islamkonvertit_innen oft auftreten. Man merkt Konvertiten wie Lau allerdings den selbstverordneten Zwang an, dem sie sich in ihrer Konversion gefügt haben. Der Charakterveränderung, die ein Resultat der Konversion ist, bleibt der Bruch, den das Ich erfahren hat, eingeschrieben. Das lässt sich an der Sprache der Konvertit_innen ablesen, die der Persönlichkeit aufgesetzt wurde und fast schizophren, auf jeden Fall aber künstlich und mechanisch wirkt. Schon der italienische Psychoanalytiker Sante de Sanctis kam 1927 in seiner Pionierstudie zum Phänomen der religiösen Konversion zu der Schlussfolgerung, dass der innerliche Vollzug der Konversion, der mit einer grundlegenden Charakterveränderung der betreffenden Person einhergeht, an externe Bedingungen geknüpft ist, die sich meist in Form einer Krise für das Individuum bemerkbar machen. Das Entscheidende ist in der Folge, dass die betreffende Person aus der Sublimation der Krise in ihrer neuen Religion, Lust und Stabilität für ihr Leben gewinnt. Krisen, mit denen der Konvertit nach seiner gelungenen Konversion konfrontiert ist, haben einen anderen Effekt; sie sind gefiltert und haben kein entscheidendes Bedrohungspotential mehr. Die neue Identität, die aus der Erschütterung der Persönlichkeit geboren wurde und aus der Ichschwäche ihre Kraft zog, manifestiert sich im Charakter der Konvertit_innen. Sie schiebt sich wie ein dichroitischer Spiegel, der nur einen Teil des Lichtspektrums reflektiert und den Rest durchlässt, über die frühere Persönlichkeit. Was sich nicht ins Korsett der neuen Anschauung pressen lässt, wird ganz einfach ausgeblendet und ist nicht länger Bestandteil der Erfahrungswelt.

Das lässt sich am Fall Harald Dodt (Haschim) nachvollziehen, der in einer Videobotschaft bei Masjid as Sunna von seiner Alkoholsucht und davon, wie der Islam ihm geholfen hat mit der Sucht besser umzugehen, berichtet. Nachdem Harald nicht mehr mit seinem Leben klar kam und andere Entzugsprogramme nicht dauerhaft halfen, entschied er sich zur Konversion. Dass aber Menschen wie Harald gerade im Islam genügend realitätsgerechtes Potential finden, um ihre Sucht in einen Religionszwang zu sublimieren, verweist auf ein Bedürfnis nach Zwang in den Menschen: auf ihren Versuch, sich durch Selbstgeißelung aus ihrer Entfremdung zu befreien.

Bekehrung zum Bestehenden

Siegfried Kracauer beschrieb im Ornament der Masse die religiöse und spirituelle Bedürftigkeit seiner Zeit als horror vacui, den Schrecken vor der Leere. War Kracauers Analyse noch auf transzendente, also jenseitige, den Bereich des Erfahrbaren übersteigende Vorstellungen innerhalb der verwalteten Welt gerichtet, so kann dieses Modell für die hier behandelten Fragen keine Rolle mehr spielen. Denn es geht bei der Konversion zum Islam gerade nicht um die Flucht in die Transzendenz, sondern um die Verinnerlichung der Verwertungslogik als scheinbar subversivem Akt. Während »die Sehnsucht nach dem ganz Anderen« bei Horkheimer und Kracauer noch eine Transzendenz vor Augen hatte, die ein besseres Leben vorstellbar werden ließ, so zielt das »transzendentale Obdach«, das innerhalb des dar al Islam (Haus des Islam) gesucht wird, auf die Affirmation des Bestehenden. In dem Aufsatz »Die Aktualität Schopenhauers« von 1961 äußerte sich Max Horkheimer über den Islam und seine Bedeutung. Die »brutale Positivität« die Horkheimer dem Islam, vermittelt durch Schopenhauer, zuschrieb ist ebenso Ideologie, wie dessen einfache Übereinstimmung von Theorie und Praxis, die jedem sofort unvermittelt zugänglich ist. Diese Ideologie geht mit den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen konform und befähigt die Subjekte durch ein Korsett aus Selbstregulation zu dem, was ohnehin von ihnen verlangt wird: »Sie wollen endlich auf der Welt Karriere machen.« Was Horkheimer hier dem Islam im Allgemeinen zuschreibt, hat zumindest für das Phänomen der Islamkonversion eine beachtliche Aktualität.

Wer zum Islam konvertieren möchte, muss die Shahada unter Anwesenheit von zwei Zeugen aufsagen, um aufgenommen zu werden. Das macht die Konversion zum Islam genial einfach und massentauglich. Die orientalische Exotik und die scheinbar subversive Kraft machen den Islam als Alternative zum Christentum so attraktiv. Hat das Christentum seine subversive Kraft gegen die bestehende Ordnung schon lange eingebüßt, so ist der Islam als genau solch eine Kraft präsenter denn je. Die Diskussionen über den Islam lassen ihn als reale Gefahr für die bestehende Ordnung des Westens erscheinen und damit auch als subversive Kraft gegen sie. Die Schädigung, die die Einzelnen durch die Kultur erleiden, wird umgesetzt in Feindschaft gegen sie. Gleichzeitig erweckt die Hilflosigkeit gegen die als übergroß empfundenen Mächte das Bedürfnis nach Schutz vor ihnen. Freud beschreibt auf dieser Grundlage nun die regressive Erneuerung der infantilen Schutzmächte in der Religiosität. Für unser Beispiel sollten wir aber eher von einer regressiven Identifizierung mit einer als subversiv empfundenen Macht gegen die als übermächtig wahrgenommene, herrschende Gesellschaftsordnung ausgehen. Bei der Konversion wird durch die Identifizierung das Objekt an die Stelle des Ichideals gesetzt. Das Ich gibt sich dem Objekt völlig hin und verarmt letztendlich daran. So erklärt sich letztendlich die Radikalität, mit der sich die Konvertit_innen dem Islam hingeben. Indem der Islam als reale Gefahr erscheint, gewinnt er eine unglaubliche Anziehungskraft auf diejenigen, die sich mit der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung nicht identifizieren können, da sie nicht am Glücksversprechen dieser Gesellschaften partizipieren. Diese Momente: Identifikation mit der als real empfundenen Gefahr, ein Antikapitalismus, der zu etwas Authentischem zurückstrebt, Autoritätssucht, der Wunsch nach Bodenständigkeit und die exotische Kraft der Orientphantasien synthetisieren sich in der Konversion mit der kapitalistischen Verwertungslogik selbst. Der Charakter dieser an sich widersprüchlichen Momente kann im durch und durch widersprüchlichen Subjekt bestehen bleiben. Das gescheiterte kapitalistische Glücksversprechen wird im Islam kanalisiert und in eine subversive Kraft verwandelt, die innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik, die vom Subjekt verinnerlicht wurde, gegen die moderne bürgerliche Gesellschaft arbeitet, indem sie alle Vermittlung und Entfremdung aufheben will.

Die brüderlichen und schwesterlichen Umarmungen nach der Konversion sind umso mehr Ausdruck der unerbitterlichen Kälte des letzten Obdachs, das noch zu ergattern war. Solche Beziehungen der Einzelnen zueinander lassen das Wesen des Individuums als in sich verschlossene Monade sichtbar werden, was wiederum auf das Wesen der falschen Gesellschaft verweist: »An der Verfolgung der absolut partikularen Interessen des je Einzelnen läßt sich das Wesen der Kollektive in der falschen Gesellschaft am genauesten studieren, und wenig fehlt, daß man die Organisation der auseinander weisenden Triebe unter dem Primat des realitätsgerechten Ichs von Anbeginn als eine verinnerlichte Räuberbande mit Führer, Gefolgschaft, Zeremonial, Treueid, Treubruch, Interessenkonflikten, Intrigen und allem anderen Zubehör aufzufassen hat«. Die Bedingungslosigkeit mit der der Islam à la Pierre Vogel eine Alternative zur verwalteten Welt wird, ohne das Prinzip der Verwertungslogik aufzugeben, ist Ausdruck des Racketcharakters wie Adorno ihn fasste. Es drückt sich darin die Unterwerfung des Einzelnen aus, durch die Jede und Jeder Teil eines regressiven Großen werden kann. Die Konstitution des Individuums als Racket ist die Verinnerlichung dessen, was am Einzelnen im Kollektiv exerziert wird und verweist auf den Zusammenhang der Strukturiertheit von Gesellschaft und Individuum.

Das diesseitige Nachleben der Religion

Das Ende der Religion, das Horkheimer besonders dem Christentum attestiert, lässt sich mit dem religiösen Revival des Islam scheinbar nicht vereinbaren. Die Religion, so Horkheimer, hat ihre gesellschaftliche Funktion verloren. Während die Kraft der Religion einst darin bestand, aus Unzufriedenheit mit dem irdischen Schicksal Wünsche, Sehnsüchte und Anklagen auch der vergangenen Generationen in sich aufzuheben, so hat die Religion diese Kraft heute durch ihren Konformismus mit dem Staat eingebüßt. Was die Konvertiten im Islam finden ist also nicht das »ganz Andere« im Sinne Horkheimers, sondern die brutale Durchsetzung des Realitätsprinzips durch eine nur scheinbare Transzendenz. Die Sehnsüchte der Menschen zeichnen sich dadurch aus, das sie das Bestehende nicht mehr zu transzendieren vermögen, sondern in einer Wiederkehr des Immergleichen befangen bleiben. Das hat das Potential der Transzendenz unmittelbar angefressen und es dauerhaft beschädigt. Gerade weil der Islam für viele Konvertit_innen ein Instrument ist, um in einem ersten Schritt mit ihrem Leben wieder besser klarzukommen, und um in einem zweiten wieder akkurat zu funktionieren, ist er zugleich ein Indikator für das Verschwinden der Sehnsucht nach einem Besseren. Anstatt also die Vereinzelung der Menschen als »Produkt des Allgemeinen« zu verstehen, als solches zu reflektieren und die Ursachen der Vereinzelung im gesellschaftlichen Ganzen zu suchen, wird sie reproduziert. Die Zugehörigkeit zum Kollektiv wird mit der Beschädigung des Ichs erkauft, um dadurch »Macht und Größe des Kollektivs auf sich zu übertragen«. Durch diese »Scheinbefriedigung«, wie Adorno in der Minima Moralia schreibt, bestätigt sich die gesellschaftliche Ordnung zusätzlich zum äußeren Druck im Einzelnen, und manifestiert sich somit doppelt. Nur durch den Verweis auf das allgemeine Unglück und dessen Beziehung zum Unglück der Einzelnen ist es möglich, diesem »masochistischen Vergnügen, kein Ich mehr zu sein« und der Lust an der eignen Schwäche entgegenzutreten.

Christoph Kasten

Der Autor lebt in Berlin.

Fußnoten

  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. September 2007.
  2. Der Spiegel vom 13. Januar 2007.
  3. Zit. n. http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/804-konversion-zum-islam-eine-neueantwort-auf-die-identitaetskrise
  4. Vgl. Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, in: Studienausgabe Bd. IX, Frankfurt a. M. 1974, 157 ff.; Ders., Ein religiöses Erlebnis, in: Gesammelte Werke Bd. XIV, Frankfurt a. M. 1991, 395f.
  5. Vgl. Freud, Zukunft einer Illusion, 158ff.
  6. Vgl. Ebd., 165.
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 2010.
  8. Zit n. pierrevogel.co/index.php?option=com_hwdvideoshare&task=viewvideo&video_id=836&Itemid1.
  9. Vgl. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=8sl2ZScpmYg
  10. Vgl. Sante De Sanctis, Religious Conversion. A Bio-Psychological Study, London 1927, 252.
  11. Max Horkheimer, Die Aktualität Schopenhauers, in: Gesammelte Schriften Bd. 7, Frankfurt a. M. 1985, 141f.
  12. Vgl. Sigmund Freud, Das Ich und das Es, in: Gesammelte Werke XIII, Frankfurt a. M. 1991, 256ff. Den komplexen Vorgang der Über-Ich (Ich-Ideal) Ausbildung beschreibt Freud hier als Prozess einer ambivalenten Identifizierung mit den Eltern, der durch die Verinnerlichung der elterlichen Autorität zur Ausbildung des Gewissens führt.
  13. Vgl. Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Gesammelte Werke Bd. XIII, Frankfurt a. M. 1991, 115ff.
  14. Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt a. M. 1969, 50.
  15. Vgl. Max Horkheimer, Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Gespräch mit Helmut Gumnior, in: Gesammelte Schriften Bd. 7, Frankfurt a. M. 1985, 392.
  16. Vgl. Ebd., 393.
  17. Adorno, Minima Moralia, 87.
  18. Ebd., 79.
  19. Vgl. Ebd., 74.
  20. Ebd., 79.