Die Krise der kapitalistischen Normalität - Teil 1

Jetzt ist also eine Krise da, und mit ihr allseitig ein Bedürfnis nach Kapitalismuskritik und die Rückkehr von Karl Marx. Marx, so heißt es, habe mit seiner Kapitalismuskritik anscheinend so Unrecht doch nicht gehabt.

Das unterstellt, Marx habe den Kapitalismus wegen dessen Krisenhaftigkeit kritisiert. Doch Kapitalismuskritik, das ist bei Marx die Kritik der Normalität des Kapitalismus. Kapitalismuskritik ist in seinen Worten schlicht die Kritik des Kapitalismus »durch seine Darstellung et vice versa«. Und zu dieser Normalität gehört auch die Krise - die Frage ist allerdings, auf welche Weise.

Kann die Krise – unabhängig davon, wie sie ökonomisch zu bewältigen sei – mit Marx' Kapitalismuskritik wenigstens auf theoretisch-begriffliche Weise bewältigt werden? Kann die Krise des Kapitalismus bewältigt werden mit Marx' Kritik der Normalität des Kapitalismus?

Die Krise der Normalität

Es scheint, als fange die Krise erst am Ende einer normalen kapitalistischen Entwicklung an, erst dann, wenn die Normalität ins Stocken gerät oder gar zusammenbricht. Dasselbe wird von Marx' kritischer Entwicklung des Kapitalismus erwartet: Erst kommt die Entwicklung seiner normalen Funktionsweise, und wenn die beendet ist, kommen die krisenhaften Auswüchse und Zuspitzungen; ganz so, als ob es so etwas wie einen normalen Anfang des Kapitalismus in der Zeit und dann eine normale zeitliche Entwicklung des Kapitalismus gäbe, bis der Kapitalismus schließlich an seine Grenzen stößt und sein Funktionieren in die Krise gerät.

Beide Vorstellungen sind allein schon darum falsch, weil Marx zufolge die Krise gar nicht die Grenze der kapitalistischen Ökonomie markiert und zu ihrem Auseinanderfallen führt, als ob sich kein gesellschaftlicher Zusammenhang mehr geltend machte oder etwas anderes anstelle der Normalität einträte. In der Krise macht sich im Gegenteil der von Marx entwickelte, normale ökonomische Zusammenhang schlicht weiterhin geltend. Es müssen weiterhin Arbeit und Kapital durch die Produktion von Waren verwertet und reproduziert werden, und dafür müssen die Waren weiterhin als Werte durch Kauf und Verkauf realisiert werden und in Form der Zirkulation Ware-Geld-Ware übergehen, es müssen weiterhin Bedürfnisse mit einer zahlungsfähigen Nachfrage produziert werden usw.

Mehr noch, in der Krise macht sich nicht nur diese normale Notwendigkeit weiterhin geltend, also, vereinfacht gesagt, das Verwerten und das Übergehen von Werten. Es ist vielmehr die Wiederherstellung und die Rückkehr der Normalität, die als Krise erscheint. In der Krise ist zwar das Verwerten und Übergehen von Werten nicht mehr »normal«, aber paradoxerweise darum, weil die Krise die Rückkehr der Normalität ist. Mit dem Versuch dieser Rückkehr zur Normalität fängt sozusagen die Krise an, denn es ist keine Rückkehr mehr zu einer Normalität, wie sie vor der Krise war, möglich, im Gegenteil: In der Krise stellt sich heraus, dass jene Normalität krisenhaft war. In der Krise stellt sich, gleichsam rückwirkend heraus, dass die Normalität etwas anderes war, als sie zu sein schien.

In der Krise stellt sich heraus, dass die Gesellschaft, wie es durchaus treffend heißt, »über ihre Verhältnisse gelebt« hat. So ist die Gesellschaft in den Jahren des Finanzkapitalismus unverhältnismäßig geworden, und zwar unverhältnismäßig sich selbst gegenüber. Sie ist ein Schuldverhältnis eingegangen, das sich nicht zu einem Nullsummenspiel zwischen Verschuldung und Tilgung, Schuldner und Gläubiger ausgleicht. Stattdessen ist die Gesellschaft, so wird noch genauer zu zeigen sein, gleichsam als ganze ein Schuldverhältnis gegenüber sich selbst eingegangen, nämlich durch eine Vermehrung des Geldes, die nicht durch ihre Verwertung in Wert gesetzt und gedeckt wurde; die kapitalistische Gesellschaft ist dadurch als ganze bei ihrer eigenen Zukunft verschuldet. Es ist also nicht nur die Normalität, die im Nachhinein etwas anders gewesen sein muss, als sie zu sein schien, es sind auch und gerade die guten alten Zeiten, die Zeiten des Fortschritts und des Wachstums, die im Nachhinein gleichsam zu anderen Zeiten werden.

So kommt es, dass die Krise zwar einerseits die Normalität weiterhin geltend macht und versucht, sie wiederherzustellen und zu ihr zurückzukehren, andererseits aber nicht zu derjenigen Normalität zurückkehren kann, von der sich in der Krise ja gerade herausstellt, dass sie keineswegs normal, sondern krisenhaft gewesen ist – die Krise der Normalität kommt nur unzeitgemäß, sie kommt nachträglich. Jedenfalls gibt es kein Zurück mehr zur Normalität, zumindest nicht zu der bisherigen. (Darum auch die Notwendigkeit, die Krise als »Chance« auszugeben: weil es kein Zurück mehr gibt.)

Die eigentliche Krise ist daher die Krise der Normalität: dass die Normalität nicht gewesen ist, was sie zu sein schien. Was in der Krise krisenhaft wird, ist der Versuch, die Normalität von der Krise zu unterscheiden. Plötzlich ist es die Normalität, die von der Krise infrage gestellt wird, und es sind gerade die guten alten Zeiten, die rückwirkend entwertet werden, und noch diese Unterscheidung zwischen Normalität und Krise kommt auf eine nachträgliche, unzeitgemäße Weise. Die Krise stellt plötzlich klar: So konnte es nicht weitergehen, ja, das konnte gar nicht gut gehen. Plötzlich wissen alle, dass niemals gut gehen konnte, was der »ungezügelte Finanzkapitalismus« getrieben hat, dass der Markt Regeln braucht und nicht sich selbst überlassen sein darf, dass das Finanzkapital durch Ausweitung der Geldmenge, riskante Kredite, Spekulationsgeschäfte u.ä. zu sehr expandiert ist und dass das Unternehmerkapital zu viel produziert hat.

Wenn bereits jene Normalität krisenhaft gewesen ist, so »erinnert« sich in der Krise ein gesellschaftliches Verhältnis, das »über seine Verhältnisse« gelebt hat, nur an die Notwendigkeit, wieder an sich zu halten, in Zukunft wieder Maß am eigenen Verhältnis zu nehmen – diese Erinnerung ist die eigentliche Rückkehr der Normalität. Allerdings macht die »Erinnerung« sich praktisch geltend, zunächst schlagartig, als umfassende Entwertung, Zusammenbruch, Platzen einer Blase u.ä., und dann lang anhaltend, in einer Phase der Rezession, die durch eine nachholende In-Wert-Setzung für die »unverhältnismäßige Normalität« der Vergangenheit bezahlen muss.

Die Krise als Entwertung von Vergangenheit und Zukunft

Weil die Krise der Normalität unzeitgemäß eintritt, nämlich erst »hinterher«, muss die Krise entsprechend unzeitgemäß auf die vergangene Normalität (zurück-) wirken. Obwohl die Vergangenheit vergangen ist, ist sie keineswegs abgeschlossen, im Gegenteil: Die Krise ist eine rückwirkende Entwertung der Vergangenheit. Die Entwertung ist buchstäblich zu verstehen, d.h. sie ist, wie in der aktuellen Krise zu beobachten, eine ökonomische Entwertung des Bestehenden, etwa durch das Platzen einer Spekulationsblase, die massenhafte Entwertung von Immobilien und Grundstücken, von bestimmten Krediten und Finanzprodukten, kurz von all dem, was in der Vergangenheit nun überbewertet gewesen sein muss. Auch wenn die Entwertung als eine bloße Preisbereinigung erscheint, mithin als privater oder besser: verstaatlichter und »vergesellschafteter« Verlust, betrifft die Entwertung rückwirkend die Vergangenheit, nämlich indem die Entwertung schlicht herausstellt, dass die Werte in der Vergangenheit überbewertet gewesen sein müssen oder zumindest falsche Erwartungen begründet haben. Mehr noch, die Entwertung betrifft auch die zukünftige Vergangenheit, nämlich indem die zukünftige Verwertung und ihre Gewinne die (überwertete) Vergangenheit und die unerfüllten Erwartungen noch in Wert setzen und für sie aufkommen oder wenigstens die Entwertung aufhalten müssen. Die Entwertung ist zudem nicht nur eine ökonomische Entwertung im engen Sinne, sie betrifft vielmehr die politische Ökonomie insgesamt. D.h. auch das Politische der Ökonomie wird neu bewertet, und auch die vergangene Politik muss entwertet werden: Sie war wohl doch nicht so gut, wie es schien. So stellt sich in der gegenwärtigen Krise heraus, dass der Neoliberalismus mit seiner umfassenden Deregulierung und Privatisierung wohl doch einseitig war, dass der Markt die Ökonomie nicht allein bewältigen kann und darum der staatlichen Aufsicht und Regulierung bedarf.

Wenn die Krise nicht nur die Normalität weiterhin geltend machen und wiederherzustellen versucht, sondern wenn die Normalität sich wiederum im Nachhinein und rückwirkend als krisenhaft herausstellt und darum keine Rückkehr zu ihr mehr möglich ist, dann fragt sich, wo überhaupt der Unterschied zwischen normalen Zeiten und Krisenzeiten liegt? Dafür gilt es zu klären, was überhaupt die kapitalistische Normalität sein soll. Was ist die kapitalistische Normalität, und was ist das Krisenhafte an ihr?

Die Axiomatik des Kapitalismus: die Notwendigkeit der Verwertung von Arbeit und Kapital und die Ausbeutung des Vermögens der Ware Arbeitskraft durch das Kapital

Die Krise muss dort gesucht werden, wo auch die Normalität der kapitalistischen Gesellschaft herkommt, d.h. aus der Verwertung von Arbeit und Kapital; derselbe Verwertungsprozess, der die Produktivität und den Fortschritt des Kapitalismus bewirkt, bringt auch die Krise mit sich.

Mit Marx lässt sich für die normalen Zeiten des Kapitalismus ein Axiom formulieren, ein Axiom, das sich radikal vom bürgerlichen Verständnis der Ökonomie unterscheidet und mit dem sich auch die Krise begründen lässt.

Es lautet: Die Verwertung der Ware Arbeitskraft durch das Kapital ist die einzige Quelle von Wert und Mehrwert.

Das Kapital ist in dieser Verwertung die Konstante, denn sein Wert beruht auf vergangener Arbeit. Das Kapital ist vergegenständlichte, tote Arbeitszeit, die aber durch die lebendige Arbeit der Ware Arbeitskraft auf die Waren übertragen wird. Weil die Ware Arbeitskraft letztlich nur ihre eigene, zu Kapital gewordene Vergangenheit auf Waren überträgt und »bewahrt«, darum ist das Kapital in der Wertverwertung eine Konstante. Die Arbeitskraft selbst ist dagegen eine Variable, denn sie setzt im Übertragen des konstanten Kapitals auf die Waren neuen Wert zu. Dabei ist Arbeitskraft eine besondere Ware, die sich von allen gewöhnlichen Waren unterscheidet, indem sie in der Produktion all der gewöhnlichen Waren einerseits die eigenen Reproduktionskosten produziert, und indem sie dabei andererseits mehr Tauschwert produziert, als sie selbst »ist«, d.h. für die eigene Reproduktion benötigt und im Lohn, dem Äquivalent ihrer Arbeitskraft, erhält.

Für dieses Vermögen und für die Besonderheit der Ware Arbeitskraft ist wiederum das Kapital produktiv, denn das Kapital selbst setzt zwar keinen neuen Wert zu, aber es drängt auf Verwertung des eigenen Werts, und dafür ruft es die Ware Arbeitskraft ins Leben und wendet sie an. Mehr noch, es steigert auch ihre produktive Kraft, insbesondere durch das kapitalistische Produktionsmittel, das notwendige Arbeitszeit reduziert und die ersparte Arbeitszeit in zusätzliche Arbeitszeit umwandelt; auf diese Weise konstituiert die Konstante in der Verwertung die Variable. Von dieser ersparten, aber in zusätzliche Arbeitszeit umgewandelten Arbeit profitiert das Kapital. Die ersparte und umgewandelte Arbeitszeit wird zu derjenigen Differenz zwischen den von der Ware Arbeitskraft produzierten Tauschwerten und ihrem eigenen, die das Kapital ausbeutet und in die Erweiterung seiner Reproduktion zurückführt.

Die normalen Zeiten des Kapitalismus liegen also in einer bestimmten Form der Verzeitlichung, nämlich in der Verzeitlichung der Ware Arbeitskraft durch das Kapital. Die lebendige Arbeit tritt ins Verhältnis zu ihrer eigenen, verdinglichten und »entfremdeten« Vergangenheit, zur im Kapital akkumulierten, toten Arbeitszeit; sie tritt ins Verhältnis zu dieser Vergangenheit, um deren Wert zu übertragen sowie um neuen zuzusetzen und so eine gemeinsame »zukünftige Vergangenheit« zu produzieren, nämlich um Arbeit und Kapital zu reproduzieren. Alle lebendige Arbeit ist in diesem Verhältnis, wie immer sie sich konkretisiert, Arbeit der Übertragung und Bewahrung bereits vergangenen Werts (also ihrer eigenen, Kapital gewordenen Vergangenheit), und sie ist das Zusetzen neuen Werts. Und alle tote Arbeit aufseiten des Kapitals ist produktiv, wenn sie zur Übertragung und Bewahrung ihres Werts jene lebendige Arbeit anruft, ihre Arbeitszeit in notwendige und zusätzliche teilt, die notwendige zugunsten der zusätzlichen reduziert und diese Umwandlung zur Differenz werden lässt zwischen den von der Ware Arbeitskraft produzierten Tauschwerten und ihrem eigenen.

Die Produktion und Ausbeutung dieser Differenz ist, vereinfacht zusammengefasst, der Inhalt des Verwertungsverhältnisses, das Marx in der Kapitalform G–W–G' formalisiert. Und der Strich am G' markiert eben jene in zusätzliche Arbeitszeit umgewandelte notwendige Arbeitszeit, die zur Differenz zwischen den von der Ware Arbeitskraft produzierten Tauschwerten und ihrem eigenen wird. Es ist diese zeitliche Differenz, die im Kapitalismus ausgebeutet wird und zum Profit wird.

Was unterscheidet nun die normale Verzeitlichung von den Krisenzeiten?

Grundsätzlich betrachtet, sind Normalität wie Krise in dem Widerspruch zu suchen, dass die Ware Arbeitskraft die einzige Quelle des Werts und des Mehrwerts ist, die Steigerung ihrer Produktivkraft und deren Ausbeutung jedoch durch Senkung notwendiger Arbeitszeit und deren Umwandlung in zusätzliche bewirkt wird, aber auch durch die Ersetzung der Ware Arbeitskraft selbst. (Auch wenn sich die Freisetzung der Ware Arbeitskraft für den Kapitalismus insgesamt krisenhaft auswirkt, ist sie für das individuelle Kapital produktiv und normal.) Abgesehen von dieser grundsätzlichen, produktiven und zugleich krisenhaften Dynamik, welche die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft durchzieht, ist zum Verständnis der aktuellen Krise wichtig, dass die Arbeitskraft die einzige Quelle von Wert und Mehrwert ist, mithin des Gewinns. Die aktuelle Krise hat ja bekanntlich damit zu tun, dass das Geld gerade nicht den Weg der Verwertung von Arbeit und Kapital gegangen ist, den Weg der sog. Realökonomie. Stattdessen ist das Geld durch Niedrigzins-Politik, Kreditgeld, Staatsverschuldung, Gewinne aus bestimmten Finanzprodukten und Spekulationsgeschäften fiktiv vermehrt worden, ohne genau diejenige Verwertung zu mobilisieren und nach sich zu ziehen, die doch allein diese Vermehrung des Geldes im Nachhinein begründen kann. Mehr noch, das Geld ist nicht nur nicht in die Kapitalform G–W–G' ausgelegt worden, sondern in andere Anlageformen, und zwar in Anlagen, die höhere Gewinne versprechen als jene, die aus der Verwertung kommen (solche Anlagen betreffen nicht nur die berühmt-berüchtigten KonsumentInnenkredite auf dem amerikanischen Hypotheken- und Immobilienmarkt.) Vereinfacht gesagt, wurde die Geldvermehrung im Sinne eines G–G' abgekürzt, und dadurch wurde genau diejenige Verwertung G–W–G' übersprungen, die in letzter Instanz den abstrakten Reichtum produziert und seine Höhe reguliert.

Auf die verschiedenen Wege, das Geld zu vermehren, sowie auf die verschiedenen Aus- und Anlagen braucht nicht genauer eingegangen zu werden, um zu begreifen, dass in den Jahren des Finanzkapitalismus eine Differenz zwischen dem Geld und der Verwertung entstanden sein muss. Wie immer diese Differenz entstanden ist, entscheidend ist, für alle Formen der Geldvermehrung und des Gewinns das Axiom in Anspruch zu nehmen, demzufolge das Geld nur vermehrt wird und die Form G–G' verwirklichen kann, die »Mutter aller verrückten Formen« (Marx), wenn es in die Warenproduktion ausgelegt wird und über die Verwertung von Arbeit und Kapital, lebendiger und toter Arbeitszeit (vermehrt) wieder zu sich zurückkehrt. Die Vermehrung des Geldes hängt letztlich von der kapitalistischen Verwertung ab. Folgerichtig sind letztlich auch alle Möglichkeiten, das Geld gewinnbringend aus- und anzulegen, Ableitungen der Kapitalform. Insbesondere ist der Zins Abzweigung aus Mehrwertproduktion und Profit. (Genauer gesagt, wird die Höhe des Zinses bestimmt durch die Produktivkraft der Arbeit, die Mehrwertproduktion sowie die Bildung einer allgemeinen Profitrate). Das Axiom verlangt aber auch, dass das Geld früher oder später zu dieser Verwertung ins Verhältnis gesetzt werden muss. Wie immer das Geld ohne Verwertung vermehrt worden ist, und worin immer dieses Geld auch an- und ausgelegt worden ist, früher oder später muss es diese Verwertung »nach sich ziehen« und aus ihr vermehrt zurückkehren. Wie immer das Geld auch vermehrt wird und wo immer es sich aufhält, letztlich muss das gesellschaftliche Verhältnis auf die Verwertung zurückgeführt werden - das ist die Konsequenz daraus, dass sich die quantitative Bestimmung des Geldes in letzter Instanz allein aus der Verwertung von toter und lebendiger Arbeitszeit ergibt.

Das Geld selber muss diese »letzte Konsequenz« ziehen, wenn es in seinen quantitativen Bestimmungen das gesellschaftliche Verhältnis darstellen und darin wiederum die Verwertung von Arbeit und Kapital wiedergeben muss. Oder vielmehr ergibt sich die letzte Konsequenz quasi von selbst, nämlich daraus, dass das gesellschaftliche Verhältnis im Geld sich selbst entsprechen muss. Genauer gesagt, ist es die Verwertung, die sich im Geld selbst entsprechen muss. In den quantitativen Bestimmungen des Geldes muss schlicht die Verwertung von Arbeit und Kapital eintreten, so dass sie in den quantitativen Bestimmungen des Geldes gleichsam zur Sprache kommt und sich selbst entspricht. Und die Verwertung tritt im Geld ein, indem ihre Resultate in Form der Zirkulation gemessen und realisiert werden – die quantitative Bestimmung des Geldes gibt diese Verwertung wieder. Darum müssen alle anderen quantitativen Vermehrungen des Geldes, die das Geld (noch) nicht durch die Verwertung vermehrt haben, früher oder später ins Verhältnis zur Verwertung von Arbeit und Kapital gesetzt werden; allein aus ihrer Verwertung kann der »Gegenwert« eines fiktiv vermehrten Geldes kommen, hier allein wird seine quantitative Vermehrung gedeckt. Ist keine Deckung durch die Verwertung gegeben, sodass das gesellschaftliche Verhältnis sich im Geld nicht selbst entspricht, dann erscheint das früher oder später als Unverhältnismäßigkeit. Es scheint dann, als habe die Gesellschaft »über ihre Verhältnisse gelebt«. Es muss dann scheinen, als sei zu viel Kreditgeld geschöpft und als seien dadurch zu viele Schulden aufgenommen worden, ohne zur Tilgung eine entsprechende Verwertung und In-Wert-Setzung zu mobilisieren; oder als sei Geld ausgelegt worden, ohne verwertet zurückzukehren; oder als sei zu viel konsumiert worden, ohne entsprechend gearbeitet zu haben; oder als sei zu viel produziert worden, ohne es zu realisieren.

Für die aktuelle Krise jedenfalls ist diejenige Differenz entscheidend, die sich zwischen dem Geld und einer Verwertung ergibt, die sich im Geld zwar darstellt und darstellen muss, aber sich in ihm nicht mehr selbst entspricht. Die Krise ereignet sich durch diese Differenz; sie gilt es daher näher zu betrachten.

Die Differenz und die Krise der normalen Verzeitlichung

Marx entwickelt die Entsprechung zwischen der Verwertung und dem Geld über dessen drei Funktionen. Er zeigt, dass das Geld als Maß des Werts, als das Mittel seiner Realisierung sowie in der selbstbezüglichen Kapitalform G–W–G', die Verwertung messen, realisieren und durchführen muss. Dabei stellt das Geld auf quantitative Weise die gemessene, realisierte und durchgeführte Verwertung dar, oder vielmehr muss die Verwertung in der quantitativen Bestimmung des Geldes unmittelbar sich selbst darstellen. Und doch ist diese Entsprechung nur die halbe Wahrheit. Die eine Hälfte der Wahrheit ist, dass in den quantitativen Bestimmungen des Geldes die gemessene, realisierte und durchgeführte Verwertung sich unmittelbar selbst entspricht, die andere Hälfte ist, dass die Verwertung im Geld sich selbst auch nicht entsprechen kann. Wird das Geld, wie in den Jahren des Finanzkapitalismus, quantitativ vermehrt, ohne eine entsprechende Verwertung zu mobilisieren und nach sich zu ziehen, so entspricht das Geld schlicht nicht der Verwertung, die es doch darstellt, genauer, es entspricht nicht einer Verwertung, die im Geld sich selbst darstellen muss. Es ist diese Differenz, die sich als Unverhältnismäßigkeit herausstellt und die in der Krise hervortritt.

Sie tritt in der Krise hervor, weil die Krise selbst die Wiederherstellung der Entsprechung ist. Darum ist die Krise nicht das Auseinanderfallen der Ökonomie, sondern die Rückkehr zur Verhältnismäßigkeit, d.h. zur Entsprechung zwischen der Verwertung und der quantitativen Bestimmung des Geldes; die Rückkehr wirkt nur krisenhaft, weil die Wiederherstellung der Entsprechung sich einerseits durch eine schlagartige Entwertung ereignet (etwa im Platzen der Finanzblase, im Zusammenbruch von Banken, in der Insolvenz von Unternehmen, im Mangel an Kredit und Kaufkraft, Nachfrage und Konsum), und weil andererseits eine nachholende In-Wert-Setzung der Vergangenheit (genauer einer fehlenden Verwertung) durch die zukünftige Verwertung ansteht.

In der jetzigen Krise stehen nun, nach der schlagartigen Entwertung und dem Versuch, Geld und Verwertung wieder in eine Entsprechung zu bringen, das Aufhalten der Entwertung sowie das nachträgliche Einlösen einer ausgebliebenen Verwertung an. Es steht also die In-Wert-Setzung einer zurückliegenden Vergangenheit durch »ihre« Zukunft noch aus. Auch wenn die eigentümliche Verschränkung der zukünftigen Verwertung mit »ihrer« Vergangenheit hier nicht ausgeführt werden kann, wird klar, dass die normale Verzeitlichung von toter und lebendiger Arbeitszeit in Form des G–W–G' in der Krise unzeitgemäß wird – aber sie wird paradoxerweise unzeitgemäß, indem die normale Verzeitlichung wiederhergestellt werden soll.

 

~Von Frank Engster. Der Autor ist am Institut für Methodenkritik tätig.