Die »Islamdebatte«

Zwischen Kulturalismus, Rassismus und falschen Vergleichen

Es kann kaum bezweifelt werden, dass die öffentliche Auseinandersetzung um Integration und die Muslime in Deutschland nicht erst seit der »Sarrazin-Debatte« ins Ressentimentgeladene gekippt ist. Seit Jahren arbeiten sich die prinzipiell immer gleichen Positionen mit zunehmender Verbissenheit aneinander ab.

Die Debatte scheint sich im Medium der Kulturindustrie gleichsam im rasenden Leerlauf zu erhitzen und ist darüber längst zum bloßen Meinen geraten. Und so fahren die einen unbeirrt fort, jede Kritik an hässlichen Erscheinungsformen des politischen wie alltäglichen Islam entgegen aller Evidenz mit kulturrelativistischen Argumenten als »Islamophobie« zu denunzieren. Dabei sind die VerteidigerInnen des Islam in jüngster Zeit auch noch auf den unsinnigen Begriff des »Aufklärungsfundamentalismus« verfallen und nennen IslamkritikerInnen im Jargon der Äquivalenz pauschal »heilige Krieger« oder gleich »unsere Hassprediger«. Die anderen dagegen vermögen, wenn es um Islam und Muslime geht, einen Rassisten nicht einmal mehr zu erkennen, wenn er direkt vor ihnen steht und mit einschlägigen Ressentiments herumfuchtelt.
So wird Thilo Sarrazin von einer merkwürdigen Allianz gegen jeden Rassismusvorwurf in Schutz genommen, die ihn zum tabubrechenden Helden einer angeblich von Zensur bedrohten Meinungsfreiheit und Mobbingopfer einer feuilletonistischen Verschwörung notorischer Gutmenschen erklärt. Doch welches Tabu soll noch gebrochen werden, wenn auf »die Muslime« focussierte Integrationsdebatten seit Jahren in konvulsivischen Schüben in Talkshows und Feuilletons mit großer Geste inszeniert werden? Und wieso die Mitleidstränen für einen anscheinend in seinem Job unausgelasteten Finanzverwaltungs-Manager, den es geradezu manisch auf die Podien der Kulturindustrie zieht? Von der anderen Seite wird eine eher affektgeladene denn analytische Abwehr von Sarrazins Thesen mit kulturrelativistischen Argumenten verbunden, die das Zurückweichen vor islamistischen Ansprüchen auf Einschränkung der Meinungsfreiheit empfehlen. Das haben etwa die Reaktionen auf den Mordanschlag gegen den Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard im Januar 2010 gezeigt, die sich noch mit der ersten Welle der Sarrazin-Debatte überlagerten.

Was aber ist nun an den Thesen Thilo Sarrazins rassistisch? Es ist ein eher fruchtloses Unterfangen, dessen statistische Zahlenspielereien auf empirischer Ebene widerlegen zu wollen. Der biologistisch-eugenische Diskurs Sarrazins weist jedoch deutlich in Richtung klassisch rassistischer Argumentationsmuster. Bei dieser Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse aus erbbiologischen Spekulationen über Intelligenzverteilung wurde zu Recht verschiedentlich auf die Nähe zu dem Buch The Bell Curve verwiesen, um das in den USA der 90er Jahre eine ganz ähnliche Kontroverse tobte. Die demographisch-biologistische Schiene kennzeichnet im Übrigen auch die rassistische Tendenz von Geert Wilders »Islamkritik«. In dessen Filmchen Fitna sind gegen Ende fast nur noch Balkendiagramme zu sehen, die die übermäßige Fruchtbarkeit und kriminelle Triebenergie muslimischer Einwanderer belegen sollen. Wer aber mit Demographie gegen MigrantInnen argumentiert, meint klassischerweise Rassismus: »Die« werden »uns« mit ihrer exzessiven Vermehrung und ihren archaisch-patriarchalen Sitten (um die »wir« sie natürlich heimlich beneiden) über kurz oder lang »abschaffen«, wenn wir nicht mit einer rigiden Migrationspolitik einschreiten. Die Kritik an dieser ressentimentgeladenen Sorte von »Islamkritik« sollte schon aus diesem Grund nicht mit dem gleichermaßen fragwürdigen Islamophobie-Vorwurf kontern. Auch begann Sarrazins Karriere als kulturindustrieller Provokateur nicht zufällig damit, dass er Hartz IV-Beziehern vorrechnete, dass sie von ihren Bezügen ein ganz prima Süppchen kochen könnten. Das Prinzip Sarrazin läuft darauf hinaus, die soziale Verachtung der Unproduktiven und für den Verwertungsprozess Überflüssigen mit kulturalistischen und biologistischen Zuschreibungen an die Adresse »der Muslime« zu verknüpfen. Der Einzelne wird so unabhängig von seiner persönlichen Einstellung zur Religion zum bloßen Exemplar seiner Gruppe gemacht, und diese den Unnützen zugeschlagen.

Allerdings sollte man sich trotzdem nicht mit jenen vor Selbstgerechtigkeit hyperventilierenden moralischen AntirassistInnen gemein machen, die Sarrazin tatsächlich die Redefreiheit bestreiten und dabei wie kürzlich bei einem Auftritt Sarrazins und Henryk M. Broders in London mit Transparenten eines »International Anti-Zionist Network« auftreten, also Leuten, die sonst noch jeden Antisemiten aufs Schild der Meinungsfreiheit heben, wenn er nur als »Antizionist« daherkommt. Wer zudem Sarrazin als »Faschist« beschimpft und so mit NPD- und Kameradschaftsführern gleichsetzt, hat von Faschismus nichts begriffen.

Das Schüren von Ressentiments wird jedoch keineswegs dadurch weniger ekelhaft, dass glücklicherweise nicht mit einer Rückkehr jener deutschen Zustände von Anfang der 90er Jahre zu rechnen ist, als Häuser samt den darin wohnenden türkischen Familien angesteckt wurden während einem mordlüsternen Pogrompöbel von der ortsansässigen Rostocker Bevölkerung zur Stärkung beim Volkssturm aufs Flüchtlingsheim Würstchen und Bier gereicht wurden. Die in letzter Zeit begangenen Brandstiftungen an Moscheen und andere antimuslimische Übergriffe sollten dennoch nicht als randständige Vorkommnisse bagatellisiert werden.

Vom zweifelhaften Gebrauch des Islamophobiebegriffs

Die Dynamik der »Islamdebatte« á la Sarrazin & Co entspricht den Befunden sozialwissenschaftlicher Studien zur Verbreitung rassistischer, antisemitischer und rechtsradikaler Einstellungen, die, wie jüngst eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierte Befragung, ein Anwachsen antimuslimischer Ressentiments konstatieren. Auch mit diesen Befunden lässt sich eben gerade nicht die mittlerweile allgemein gängige Beschwörung der »Islamophobie« als übergreifendes, vom gewöhnlichen Rassismus abzuhebendes Feindbild begründen. Selbst die Studien des Teams um Wilhelm Heitmeyer, welche mit fragwürdiger Selbstverständlichkeit den Islamophobiebegriff und ein entsprechendes Fragedesign verwenden, zeigen auch, dass die spezifisch antimuslimischen Einstellungen in allgemein xenophobe Ressentiments eingebettet sind und mit wachsender Zustimmung zu autoritären und rechtspopulistischen »Lösungen« nicht nur im Bereich migrationspolitischer Fragen einhergehen. Das antimuslimische Ticket ist eben nur eines aus einem ganzen Arsenal rassistischer und autoritärer Codes, das wie eine austauschbare Spielmarke gehandhabt wird, auch wenn es schon seit geraumer Zeit Konjunktur hat.
Genau dies wird aber von einer wachsenden Zahl von Stimmen nicht nur aus linken und antirassistischen Zusammenhängen in der oft erbittert geführten Auseinandersetzung um den Islamophobiebegriff bestritten.

Bereits die Herkunft des Begriffes Islamophobie zeugt jedoch von dessen zweifelhaftem Gebrauch. Der Begriff wurde in Europa zuerst in Großbritannien im Zuge der Rushdie-Affäre in den achtziger Jahren von islamischen bzw. islamistischen Gruppen aufgegriffen und letztlich für alles benutzt, was deren Moralvorstellungen zuwiderläuft – also Homosexualität, Ehebruch und vor allem Blasphemie, deren sich eben Salman Rushdie mit seinem Roman Die satanischen Verse schuldig gemacht habe, und dadurch zum »islamophoben« Täter geworden sei. Bereits an dieser Quelle des Diskurses über Islamophobie zeigt sich, wie über diesen Begriff eine Verkehrung von Täter und Opfer vollzogen wurde: nicht der durch Khomeinis Mordfatwa bedrohte Schriftsteller Salman Rushdie erschien als Opfer, sondern die durch seinen satirisch-religonskritischen Roman in ihrem Selbstwertgefühl und ihrer moralischen Identität verletzte »muslimische Gemeinschaft«.

In diesem Sinne wird der Islamophobievorwurf bis heute vor allem von islamischen und islamistischen Organisationen benutzt, die damit jede am Islam geübte Religionskritik diskreditieren wollen. Am weitesten hat es dabei die OIC (Organisation der Islamischen Konferenz) gebracht, deren Länder mit 17 Sitzen ein Drittel der Stimmen im UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) innehaben. Die Vertreter der OIC und ihre Unterstützer haben dort eine ganze Reihe von Resolutionen wie etwa die zur »Bekämpfung der Diffamierung von Religionen« durchgesetzt, in denen konkret einzig der Islam erwähnt und die »Islamophobie« als besonders bekämpfenswertes Übel hervorgehoben wird. Im Dezember 2008 wurde diese UNHRC-Resolution durch die UN-Vollversammlung bestätigt. Darin wird auch der »Sonderberichterstatter zur Beförderung und des Schutzes der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit« aufgefordert, «über Fälle zu berichten, in denen der Missbrauch der Redefreiheit den Tatbestand der rassistischen oder religiösen Diskriminierung erfüllt.« Diese schleichende Islamisierung der Menschenrechte in den Menschenrechtsgremien der UN läuft auf eine Verkehrung von Grundgehalten der vor gut 60 Jahren durch die UNO verabschiedeten Allgemeinen Menschenrechtserklärung in ihr Gegenteil hinaus.
Trotz seiner ideologischen Implikationen sickerte der Islamophobiebegriff in das Vokabular von multikulturalistisch und postkolonial orientierten linken SozialwissenschaftlerInnen, antirassistisch arbeitenden NGO's und staatlichen Kommissionen ein. Heute ist die Wahrnehmung von Islamophobie als einem der drängendsten Probleme unserer Zeit zum festen Bestandteil der Agenda nationaler wie internationaler Institutionen und Gremien avanciert. Diese Entwicklung vollzog sich zusammen mit einer Umorientierung in der Linken, durch die universell begründbare Paradigmen der Gesellschaftskritik immer mehr zugunsten kulturrelativistischer Argumentationen verdrängt wurden. Der Rushdie-Affäre und ihren Folgen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Wie die Islamophobie zu einer Art alles überwölbendem Generalfeindbild erklärt wird, unter das Aspekte des Rassismus wie kulturalistische Zuschreibungen subsumiert werden, lässt sich gut an einem Ende 2008 veröffentlichten Aufsatz zeigen. Dessen Autorin wählt als Ausgangspunkt einen »Vergleich der Grundkonzeptionen« von »Islamophobie und Antisemitismus«. Sie schreibt, natürlich nicht behaupten zu wollen dass beide »das gleiche sind, wohl aber, dass sie in ähnlicher Weise funktionieren.« Davon ausgehend wird die Islamophobie vom gewöhnlichen Rassismus abgehoben und als soziale Feinderklärung sui generis charakterisiert (»Feindkreation als etwas, dem alle Negativitäten des Lebens zugeschrieben werden können«). Das versucht sie am empirischen Material diverser Postings von LeserInnen des Weblogs »Politically Incorrect« zu belegen. Tatsächlich kommt dabei jedoch heraus, dass sich auf diesem Internetforum jede Menge Rechtspopulisten, christlich-fundmentalistische Spinner und Anhänger der neuen Rechten mit kulturrassistischem bis offen völkischem Vokabular herumtreiben, die sich dort in ihrem Hass auf Muslime und MigrantInnen im Allgemeinen treffen. Statt aber nun zu konzedieren, dass sich hier alle möglichen altbekannten rassistischen Ressentiments und neurechte Ideologieversatzstücke an einem gar nicht mal so neuen Objekt austoben, macht die Autorin konsequent aus jedem einzelnen ihrer Befunde einen Unteraspekt des Generalphänomens »Islamophobie«. Sie schreibt zum Beispiel, »die kulturelle Islamophobie behauptet, Moslems seien in verstärktem Maße kriminell. Dazu werden fast minutiös Vergehen von ausländischen Jugendlichen und Erwachsenen aufgelistet.« Dass es sich dabei genau umgekehrt lediglich um die alte Mär vom kriminellen Ausländer in nun antimuslimischer Verpackung handelt, kommt ihr erst gar nicht in den Sinn.
Auch Floris Biskamp insistiert in einem kürzlich auf dem Internetportal »Perlentaucher« veröffentlichten Essay zur Islamophobie-Debatte darauf, »dass sich die Zuschreibungen der Islamfeinde deutlich von überkommenen rassistischen Bildern unterscheiden.« Nach Biskamp würden die Muslime als »verschworene und verschwörerische Gemeinschaft imaginiert, die strategisch handelt, um die Welt dem eigenen Gesetz zu unterwerfen.« Nun sind aber die oben beschriebenen Aktivitäten der OIC ebenso wie die das »strategische Handeln« diverser islamistischer Organisationen alles andere als paranoide Fantasien über Geheimverschwörungen muselmanischer Dunkelmänner, sondern die ganz offen vollzogene Politik moderner politischer Akteure. Selbst die tatsächlich paranoiden Unterstellungen ideologischer MuslimhasserInnen, alle Muslime würden qua bloßer Religionszugehörigkeit jihadistische Ziele verfolgen, können sich in falscher Pauschalisierung auf authentische Dokumente wie islamistische Parteiprogramme und Manifeste beziehen, statt auf propagandistische Fälschungen wie die Protokolle der Weisen von Zion angewiesen zu sein.

Antisemitismus und Islamophobie

Der kritikwürdigste Bestandteil des Islamophobie-Diskurses besteht in der bereits angeführten Vergleicherei mit dem Antisemitismus (die immerhin auch von Floris Biskamp im erwähnten Beitrag zurückgewiesen wird). Nicht nur Wolfgang Benz und andere ForscherInnen vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Berliner TU behaupten eine Übertragung antisemitischer Stereotype auf Muslime. Solche Vergleiche gehören inzwischen zum Standardrepertoire der Verteidiger des Islam in den Feuilletons. Besonderer Beliebtheit erfreut sich dabei seit einiger Zeit der Vergleich der Situation der Muslime heute mit der der Juden von Ende des 19. bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Auch diese Behauptung wird natürlich gern von islamischen Politikern wie dem OIC-Generalsekretär Eklemeddin Ihsanoglu aufgegriffen, der erklärte: »Die Islamophobie nähert sich dem Niveau des Antisemitismus der dreißiger Jahre.«

Dabei unterscheiden sich Rassismus und Antisemitismus schon auf einer systematischen Ebene. Rassismus hat grob gesagt meist mit kolonialer Gewalt und körperlicher Arbeit sowie Sexualität zu tun, mit Abspaltungen nach dem Muster Wildheit vs. Zivilisation. Die aus diesem Komplex entspringenden Projektionen werden oft vom Biologischen in die Sphäre der Kultur verlagert. Die Abspaltung der »Wildheit« bringt neben angstbesetzten Abgrenzungen gegen das »Primitive« und »Barbarische« daher auch eine spezifische Anerkennung, ja Bewunderung des »Ursprünglichen« und »Unverfälschten« hervor, wie sie sich etwa in der Figur des »edlen Wilden« kristallisiert – oder aktuell in der heimlichen Bewunderung für muslimische »Familienwerte« bei manchen konservativen Intellektuellen. Der »Andere« wird zwar als minderwertig und feindlich markiert, bleibt aber in dieser Entgegensetzung ein Teil des Ganzen. Während Rassismus sich so auf Konkretes bezieht, folgt der moderne Antisemitismus einer ganz anderen Logik, die wesentlich im Hass auf die Abstraktion gründet. Während der Rassismus seine Feinde als Minderwertige »klein« macht, macht sie der Antisemitismus zugleich »klein« (»Untermenschen«, »Ungeziefer«, »Schleim«) und geradezu »übergroß« (»mächtige Drahtzieher«, »geheime Macht«): nur Juden können daher gleichzeitig für die »kommunistische Gefahr«, den »raffgierigen Kapitalismus« und überhaupt alle kulturellen Phänomene der Moderne verantwortlich gemacht werden, die religiösen und anderen Autoritären missfallen. Allein der moderne Antisemitismus tritt als umfassende verschwörungstheoretische Weltanschauung auf, die eine wahnhafte »Erklärung« sämtlicher in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft erfahrenen Übel, Demütigungen und Krisen anbietet. Als Antivolk schlechthin, dem die Zersetzung und Zerstörung jeder »gewachsenen« Gemeinschaft und die Beherrschung der globalen Finanzsphäre etc. vorgeworfen wird, werden sie einer Vernichtungsdrohung ausgesetzt, die es in dieser Form weder gegen Muslime noch andere »Rassisierte« gibt.

Auch der Vergleich zur Behandlung der »Judenfrage« im Deutschland des 19. Jahrhunderts, die ja auch eine »Integrationsdebatte« gewesen sei, erscheint fragwürdig. Die verweigerte Emanzipation der Juden richtete sich schließlich wesentlich gegen BürgerInnen, deren Vorfahren schon seit Jahrhunderten in Deutschland lebten und denen nun im Zuge der Modernisierung nicht etwa bloße Assimilation abverlangt wurde, sondern als Juden bürgerliche Integrationsfähigkeit überhaupt abgesprochen wurde. Die Emanzipationsverweigerung gegen die Juden markierte daher die »Grenzen der Aufklärung«, wie Detlef Claussen in seiner lesenswerten Studie ausgearbeitet hat. Daran ändert auch der Verweis auf die Auseinandersetzung um die damals ins deutsche Reich migrierten »Ostjuden« nichts, gegen die Heinrich von Treitschke mit seiner berüchtigten Bemerkung über die »strebsamen hosenverkaufenden Jünglinge« polemisierte. Die eingesessenen deutschen Juden entgingen dem sich radikalisierenden Antisemitismus bekanntlich keineswegs dadurch, dass sich einige ihrer Vertreter deutscher als deutsch gaben und sich ihrerseits scharf von den »ostjüdischen« MigrantInnen abgrenzten. Der ebenfalls von Treitschke geprägte Ruf »Die Juden sind unser Unglück« war eben nicht Ausdruck rassistisch motivierter Panik vor einer »ostjüdischen« Massenmigration, sondern richtete sich im oben dargestellten eliminatorischen Sinn gegen die Juden als solche. Ein weiteres Kennzeichen der Debatte um die »Judenfrage« bestand schließlich darin, dass den diffamierten Juden damals kaum prominente nichtjüdische Stimmen zur Seite sprangen.

Das alles lässt sich in dieser Form von der heutigen Integrationsdebatte keinesfalls behaupten. Nicht nur steht den IslamkritikerInnen, egal ob diese wohlbegründet oder ressentimentgeladen argumentieren, eine Phalanx von IslamverteidigerInnen gegenüber, die bis zum Bundespräsidenten reicht. Auch ein Thilo Sarrazin spricht sich für eine Integration derjenigen Muslime aus, die ihm als verwertbar erscheinen, und hat wohl kaum ein Problem mit deren privatem Moslemsein. Dabei wird eben auch durch den kulturalistisch geführten Islamophobiediskurs verdeckt, dass das Gerede um die Integration der Wenigen, die dem Betrieb als »Leistungsträger« zugeführt werden sollen, zugleich den Ausschluss der Vielen rechtfertigt, für die solche Verwendung weder vorhanden noch überhaupt vorgesehen ist.

Dagegen war der Tonfall der »Integrationsdebatte« um die Juden im 19. Jahrhundert von Anbeginn ein anderer: »Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken.« Das schrieb bekanntlich bereits an der Schwelle zum 19. Jahrhundert der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte.
Es führt kein Weg daran vorbei: die vergleichende Suche nach Parallelen von Antisemitismus und Islamophobie verfehlt auf einer systematischen Ebene der Begriffe notwendig ihren Gegenstand, während sie auf der Ebene der realgeschichtlichen Ereignisse ahistorisch bleibt. Dass sich diese Vergleicherei trotzdem so großer Beliebtheit erfreut, kann daher eigentlich nur heteronome, nicht zuletzt ideologische Gründe haben. Und so tritt denn auch die Behauptung, die »Islamophobie« habe den Antisemitismus ersetzt, oft in einem engen Zusammenhang mit der Dämonisierung Israels auf - nicht bei Forschern wie Benz, aber sehr wohl unter linken und antirassistischen AktivistInnen: wenn die Muslime die Juden von heute sind, dann kann auch Israel zum Nazi-Staat von heute und zur größten Bedrohung des Weltfriedens erklärt werden. Es erscheint unverständlich, dass selbst dem islamistischen und linken Antisemitismus gegenüber durchaus kritische Stimmen wie etwa Micha Brumlik hier keinen Zusammenhang sehen und einfach nicht wahrhaben wollen, wie sehr die Vergleicherei von Antisemitismus und Islamophobie dieser Dämonisierung Israels Vorschub leistet.

Udo Wolter

Der Autor lebt und arbeitet in Berlin.

Fußnoten

  1. Vgl. Thomas Steinfeld, Unsere Hassprediger, Süddeutsche Zeitung (SZ) 14.1.2010; Claudius Seidl, Unsere heiligen Krieger, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 10.1.2010; Andreas Pflitsch, Der Kalte Krieg der Aufgeklärten, Tagesspiegel 14.1.2010; Patrick Bahners, Die Panikmacher, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) 13.02.2011.
  2. Dies hat etwa jüngst ein Forschungsteam um die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan unternommen und sich dabei prompt den Vorwurf eingehandelt, mit seinem Zahlenmaterial genauso willkürlich umzugehen wie Sarrazin selbst; Naika Foroutan (Hrsg.), Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand, Berlin 2010; Jürgen Kaube, Malen nach Zahlen, FAZ 07.01.2011.
  3. Z. B. Norbert Finzsch, Prädikat »Unerziehbar«,taz 15.09.2010; Armin Nassehi, Die Biologie spricht gegen Biologismus, FAZ 13.10.2010.
  4. Das hat u.a. Thierry Chervel in seinem Beitrag »Die Muster des Kulturalismus« schön herausgearbeitet: http://print.perlentaucher.de/blog/153_die_muster_des_kulturalismus.html.
  5. Weitere Diskutanten bei an der London School of Economics (LSE) angesetzten und dann wegen Protesten in ein Hotel verlegten Veranstaltung waren Hellmuth Karasek und Ali Kizilkaya, Vorsitzender des deutschen Islamrates. Thomas Kielinger, Dieses Drama könnte von Shakespeare sein, Die Welt, 16.02.2011, http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article12561170/Dieses-Drama-koennte-vo-Shakespeare-sein.html., sowie ders., Londoner protestieren gegen »Faschisten« Sarrazin, welt-online 15.02.2011, http://www.welt.de/politik/ausland/article12554248/Londoner-protestieren-gegen-Fschisten-Sarrazin.html; die FAZ druckte eine Gegendarstellung aus den Reihen der Protestierenden, Auf welcher Seite saßen hier die Pöbler?, FAZ, 18.02.2011.
  6. Oliver Decker/ Marliese Weißmann/ Johannes Kiess/ Elmar Brähler, Die Mitte in der Krise, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin 2010, 139ff; vgl. dazu auch Pew Research Center, Pew Global Attitudes Project, Unfavorable views of jews and muslims on the increase in europe, Washington, D.C., Sept. 2008.
  7. Immer mehr Deutsche haben Angst vor Muslimen, in: Die Welt, 14.12.2006; vgl. die Präsentationen auf der Seite des Heitmeyer-Teams: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/index.htm.
  8. Caroline Fourest/Fiammetta Venner, Islamophobie? Über die Karriere eines Begriffs, Jungle World, Nr. 51/2003.
  9. Ihre offiziellen wissenschaftlichen Weihen erhielt die »Islamophobie« 1996 mit der durch den »Runnymede Trust« gegründeten Commission on British Muslims and Islamophobia (Kommission für britische Muslime und Islamophobie), deren erster Bericht »Islamophobia: a challenge for us all« 1997 vom damaligen Innenminister Jack Straw im Unterhaus präsentiert wurde. Zit. n. http://www.insted.co.uk/islam.html, dort stehen auch die nachfolgenden Reports zum download zur Verfügung.
  10. Vgl. Udo Wolter, Der Geist der Fatwa, Jungle World Nr. 7/2009.
  11. Astrid Böttcher, Islamophobie und Antisemitismus. Ein Vergleich der Grundkonzeptionen, Utopie kreativ 217, 1007-1015.
  12. Floris Biskamp, Falsche Alternativen, http://print.perlentaucher.de/artikel/6691.html.
  13. Ein Problem, das auch in Floris Biskamps ausführlicherem Text in der Phase 2, Nr. 34 deutlich wird, scheint mir dessen Begriff von Rassismus zu sein, der von einem relativ starren Set an Stereotypen ausgeht und dabei Ambivalenzen unterschätzt. So schreibt Biskamp, »während die rassistische Zuschreibung in der Regel sexuelle Zügellosigkeit unterstellt, wird dem Islam gerade die sexuelle Repressivität zum Vorwurf gemacht.« Beides trifft zwar zu, steht aber nicht unbedingt in Widerspruch zueinander. Nicht nur ergingen sich bereits die orientalistischen Fantasien des 19. Jahrhunderts in der Imagination unbeschreiblicher sexueller Ausschweifungen im Harem, sozusagen hinter dem Schleier. Auch die heutigen Islamhasser unterstellen dem Muslim als solchem, dass er die Muslima unter eine repressive Sexualmoral und den Schleier zwingt, um sie dann umso rücksichtsloser sexuell auszubeuten. Das korrespondiert allerdings wiederum mit dem Selbstbild von Islamisten und orthodoxen Imamen, welche die repressive Sexualmoral gegenüber Frauen u.a. mit deren Schutz vor der vorgeblich naturgegeben aggressiven Triebstärke des Mannes begründen.
  14. »Mit Stereotypen und Konstrukten, die als Instrumentarium des Antisemitismus geläufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt. Dazu gehören Verschwörungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grundsätze und Gebote der Religion, die ins Treffen geführt werden. Die Wut der Muslimfeinde ist dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden ähnlich«, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz »Feindbild Muslim - Feindbild Jude«, Berlin 2009, 10. Vgl. dazu die Kritik von M. Küntzel, Das »Zentrum für Antisemitismusforschung« auf Abwegen, Über die Gleichsetzung von Antisemitismus und »Islamophobie«, www.matthiaskuentzel.de/contents/das-zentrum-fuer-antisemitismusforschungauf-abwegen?print=y.
  15. Today's Zaman, http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=36115 . 30.08.2006.
  16. Der rechtskonservative Verfassungsrichter Udo di Fabio hat dieses Geheimnis eines von neidvoller Angstlust geprägten Blicks auf muslimische MigrantInnen ausgeplaudert, als »er von einer Ausfahrt seiner Familie – er mit Frau und den vier Söhnen – mit dem Auto (berichtete). Als ihn ein, wie er sagte, türkischer Familienvater sah, meinte er Respekt in dessen Augen für die muntere Fortpflanzungsleistung zu erkennen.« So Jan Feddersen, taz, 16.02.2006
  17. Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung, Frankfurt 1994.
  18. Hier zitiert nach: Detlev Claussen, Vom Judenhass zum Antisemitismus, in: ders., Aspekte der Alltagsreligion, Hannover 2000, 72.
  19. Micha Brumlik, Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, taz, 21.03.2009.