Die Gründung der Antinationalen Sozialisten Partei

Über die Krise der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges ging ein Riss durch die internationale Arbeiterbewegung, der für die folgenden Jahre bedeutend war. In ihrer Broschüre Die Krise der Sozialdemokratie, der sogenannten Junius-Broschüre, schrieb Rosa Luxemburg 1916, es habe sich »eine weltgeschichtliche Katastrophe« ereignet: »die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie«. Rosa Luxemburg, Die Krise der S­ozialdemokratie, in: Dies., Ausgewählte politische Schriften in drei Bänden, Bd. 3, Frankfurt a. M. 1971, 40. Die Mitglieder der europäischen sozialistischen und sozialdemokratischen Organisationen und Parteien, die sich kurz vor Ausbruch des Krieges noch darauf verständigt hatten, vereint gegen Imperialismus und Krieg zu kämpfen, kämpften nun gegeneinander, im Namen ihres jeweiligen Vaterlands. Luxemburgs Forderung lautete deswegen, »eine neue Arbeiter-Internationale zu schaffen«. Dies sei, wie sie betonte, »eine Lebensnotwendigkeit für den Sozialismus«. Ebd., 149. Ein anderes Ereignis konnte dem revolutionären Proletariat allerdings Mut machen. Mit der russischen Revolution, die den Bolschewiki 1917 gelang, rückte eine Weltrevolution in den Bereich des Möglichen. Und unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918/19 gründete sich um Luxemburg nicht nur die KPD, die erste legale kommunistische Partei in Deutschland, sondern wenige Monate später bildete sich mit der Kommunistischen Internationale (Komintern) tatsächlich eine neue, die mittlerweile dritte Internationale. In vielen Erinnerungen und auch in historischen Darstellungen zur Geschichte des Kommunismus herrschte lange Zeit das Bild vor, dass die Komintern bis Mitte der 1920er Jahre von dem Internationalismus geprägt gewesen sei, für den der Name Luxemburg zu dieser Zeit stand. Bis 1923 ging die Komintern fest davon aus, dass bald die Revolution in Deutschland und dann in einer Art Kettenreaktion die Weltrevolution erfolgen würde. Mit dem Aufstieg Josef Stalins und seinem Konzept vom »Sozialismus in einem Lande« allerdings habe sich ab 1925 eine nationale Politik wieder eingeschlichen.

Der US-amerikanische Historiker E. H. Carr schreibt in seiner Geschichte der Russischen Revolution, dass in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre »Bekenntnisse zum Sozialismus mit russischem Nationalismus in Einklang« gebracht wurden. »In seinem Verhalten gegenüber nationalen Minderheiten oder kleineren Nationen entartete dieser Nationalismus leicht in Chauvinismus. Auch Töne des alten russischen Antisemitismus, der von Lenin und den alten Bolschewiki so energisch verurteilt worden war, wurden vernehmbar«. Das wirkte sich auch auf die KPD aus, die sich der russischen Komintern-Führung mehr und mehr unterzuordnen hatte. Mit der Stalinisierung der KPD, schreibt Hermann Weber, wurde auch Luxemburgs Haltung zur Nation und zum Nationalismus verworfen.

Während des Ersten Weltkrieges hefteten sich radikale Linke mit Stolz eine Bezeichnung an die Brust, die in Deutschland nach 1989 populär werden sollte. 1915 gründete sich in Berlin eine kleine Splittergruppe mit dem Namen Antinationale Sozialisten Partei/Gruppe Deutschland (ASP). Das Gründungsmanifest, das 1918 in der Zeitschrift Die Aktion erschien, unterschrieben außer Franz Pfemfert, dem Herausgeber der Zeitschrift, noch sechs weitere Schriftsteller. Der heutzutage bekannteste unter ihnen war Carl Zuckmayer. Die ASP wandte sich an das »werktätige Volk deutscher Sprache«, betonte aber die Gemeinsamkeiten aller Menschen in Europa, die unter dem Krieg gelitten haben: »wir wurden zerrissen, als man unser Paris, unser London, unser Warschau ›ausgiebig mit Bomben‹ zerstörte, wir sind die Vergewaltigten gewesen in Brest-Litowsk und in Bukarest. Immer wir. Wir, Volk! In allen Sprachen wehschreiend, doch stets und immer wieder nur: wir!« In Veröffentlichungen zum Linkskommunismus ist zu lesen, die ASP sei in der KPD aufgegangen. Nachweisbar ist dies nur für Franz Pfemfert, der 1918/19 auf dem Gründungsparteitag und bis 1920 Mitglied der Partei war. Dann wandte er sich als Rätekommunist von der Parteiarbeit ab und gehörte seitdem zu den schärfsten linken Kritikern der KPD.

»Dem Nationalismus im Proletariat entgegenwirken!«

Mit ihrer Kritik in Die Krise der Sozialdemokratie prägte Luxemburg auch die spätere Diskussion über das Problem des Nationalismus innerhalb der sozialistischen Internationale. Diese Diskussion drehte sich oft um die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten im August 1914. Seitenweise zitierte Luxemburg aus Stellungnahmen führender Sozialdemokratinnen und -demokraten, die sich einem drohenden Weltkrieg und dem Imperialismus entgegenstellten. Dieses Selbstverständnis hatte die Reichstagsfraktion der SPD 1914 verraten. Luxemburg kritisierte den Nationalismus vor allem als eine falsche Politik der Parteiführung: »Die feierliche Erklärung der Reichstagsfraktion beruft sich zur Begründung der Kreditbewilligung auf das sozialistische Prinzip: das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Der erste Schritt der ›Selbstbestimmung‹ der deutschen Nation in diesem Kriege war die Zwangsjacke des Belagerungszustands, in die man die Sozialdemokratie steckte! Eine größere Selbstverhöhnung einer Partei hat die Geschichte wohl kaum je gesehen.« Die Arbeiterparteien in Deutschland haben sich »vor allem als deutsche Arbeiterklasse« verstanden.

Zwar gründete sich die ASP erst während des Ersten Weltkrieges, doch für Franz Pfemfert ergab sich eine antinationale Kritik nicht erst in Reaktion auf den Kriegsbeginn. Schon ein Jahr zuvor hatte er in Die Aktion unter der Überschrift Die nationale Sozialdemokratie gefordert: »Die Sozialdemokratie ist stolz auf ihren Internationalismus. In Wahrheit handelt es sich nicht darum, international zu sein, sondern antinational. In Wahrheit ist der ›Internationalismus‹ Humbug, Schwindel, Phrase. Und es sind nur feige Ausflüchte, wenn man zwischen Nationalismus und Chauvinismus einen Unterschied feststellen möchte.« Dass es Pfemfert dabei um den Nationalismus im Proletariat ging, zeigt ein späteres Zitat. In der letzten Ausgabe seiner Zeitschrift zog er 1932 eine Linie von der SPD bis 1918 zur KPD der Weimarer Republik, zitierte aus Veröffentlichungen beider Parteien und kommentierte: »Und das nennt sich ›internationale revolutionäre‹ Partei! Und das soll dem Nationalismus im Proletariat entgegenwirken!« Auch wenn Pfemfert oder die ASP auf die Arbeiterbewegung keinen großen Einfluss ausübten, sah sich Pfemfert nicht ohne Grund als echten Repräsentanten der ursprünglichen KPD. Denn in Bezug auf die Gefahr des Nationalismus hatte Rosa Luxemburg ebenfalls vor 1918 ähnliche Positionen vertreten. In einer Artikelserie für die polnische Zeitschrift Przeglad Socjaldemokratyczny kritisierte sie 1908 die Haltung der Zweiten Internationale zur »nationalen Frage«. Gegen das »Selbstbestimmungsrecht der Nationen«, auf das sich die sozialistische Internationale 1896 verständigt hatte, hielt Luxemburg gleich im ersten Artikel fest: »Die Sozialdemokratie ist also nicht zur Verwirklichung eines Selbstbestimmungsrechts der Nationen berufen, sondern des Selbstbestimmungsrechts der arbeitenden Klasse, der ausgebeuteten und unterdrückten Klasse – des Proletariats.« Die Formel vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen enthalte, so Luxemburg weiter, »nichts«, was »spezifisch mit Sozialismus oder Arbeiterpolitik verbunden« wäre, sondern sei »bereits auf den ersten Blick eine Umschreibung der alten Losung im bürgerlichen Nationalismus aller Länder und aller Zeiten«. Als Vertreterin der Sozialdemokratie des Königreichs Polens und Litauens (SDKPiL) wandte sich Luxemburg damit auch gegen die andere sozialdemokratische Partei in Polen, die 1892 gegründete Polska Partia Socjalistyczna (PPS), die die »Wiederherstellung Polens« forderte und zur Bedingung für einen Aufbau des Sozialismus erklärte. Die »sozialpatriotische PPS« sei, so Luxemburg, »der einzige Fall in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, bei dem die Losungen des Nationalstaats ins sozialistische Programm übernommen« worden seien. Der Standpunkt der PPS sei nicht nur rückschrittlich, sondern antisozialistisch und gefährlich.

Luxemburgs Artikelserie, die 2012 erstmals komplett auf Deutsch erschien, war innerhalb der SPD und der späteren KPD kaum bekannt. Allerdings vertrat Luxemburg ihre Position auch in anderen Texten. In den Jahren während des Ersten Weltkrieges radikalisierte sie zudem ihre Kritik am Nationalismus innerhalb der sozialistischen und kommunistischen Linken. In einem Fragment zu »Krieg, nationale Frage und Revolution« schrieb sie 1918, der »Gedanke des Klassenkampfes kapituliert« derzeit »vor dem nationalen Gedanken«. Wie schon in ihrer Polemik gegen die PPS richtete sich ihre Kritik gegen die Forderung nach neuen Nationalstaaten. »Der Nationalismus ist augenblicklich Trumpf. Von allen Seiten melden sich Nationen und Natiönchen mit ihren Rechten auf Staatenbildung an.« Dieses Fragment wurde wahrscheinlich von kaum jemandem gelesen. Aber ein anderer umstrittener Text von Luxemburg wurde im Laufe der 1920er Jahre bekannter. 1917/18 formulierte Luxemburg im Gefängnis kritische Überlegungen zur Russischen Revolution. Sie war begeistert von dem Umsturz in Russland, warnte aber hellsichtig vor verschiedenen Gefahren. Und sie machte auf einen grundsätzlichen Unterschied in der »nationalen Frage« aufmerksam. Die bolschewistische »Phrase von der Selbstbestimmung und die ganze nationale Bewegung« bilde, so schrieb sie 1917, »die größte Gefahr für den internationalen Sozialismus«. Durch »die dröhnende nationalistische Phraseologie« hätten die Bolschewiki das Proletariat »verwirrt und der Demagogie der bürgerlichen Klassen ausgeliefert«.

»Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch«

Es ist bemerkenswert, dass Luxemburg unmittelbar nach der Russischen Revolution auf die »nationalistische Phraseologie« der Bolschewiki hinwies, zu einer Zeit, als Stalin noch weitgehend unbekannt war. Kurz nach Gründung der Komintern setzte Wladimir I. Lenin auf den Nationalismus in den Ländern und Gebieten, die man später die Dritte Welt nannte. In Vorbereitung auf den zweiten Komintern-Kongress schrieb er 1920, es gebe außer dem Proletariat in Europa und Russland noch eine weitere revolutionäre Kraft: die »nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völker«. Nationale Befreiungsbewegungen seien, so Lenin, auch dann zu unterstützen, wenn sie keine sozialistischen oder kommunistischen Forderungen erhöben. Denn da der Nationalismus der unterdrückten Völker sich stets gegen den Imperialismus richten würde, hätten die Kommunistinnen und Kommunisten und die »unterdrückten Völker« einen gemeinsamen Feind. Im gleichen Jahr versuchte die Komintern auf dem Kongress der »Völker des Ostens« in Baku, Aserbaidschan, diese Vorstellungen praktisch umzusetzen. Doch das große Bündnis blieb aus. Das bedeutete nicht, dass die Komintern ihre Hoffnung aufgab, die sich wenig später in einer Erweiterung des berühmten Slogans aus dem »Kommunistischen Manifest« ausdrückte: Aus »Proletarier aller Länder, vereinigt euch« wurde Mitte der 1920er Jahre »Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch«.

Für eine nationale Bewegung allerdings sollte die Parteinahme für die »unterdrückten Völker« nicht gelten: für den Zionismus. Auf dem Kongress der »Völker des Ostens« in Baku sprachen gleich drei Delegationen für die Jüdinnen und Juden. Keine andere Gruppe war durch mehrere verschiedene Delegationen vertreten. Während sich die Delegation der »Bergjuden«, der jüdischen Bevölkerung Aserbaidschans und Dagestans, und die der Jüdischen Kommunistischen Partei Palästinas (JKP), für das Selbstbestimmungsrecht der Jüdinnen und Juden in Palästina aussprachen, brachte die jüdische Sektion der russischen Kommunistischen Partei ihre Position auf eine griffige Formel: »Hands off Palestine!« Die bolschewistischen Parteien lehnten damit nicht nur rundweg alle verschiedenen zionistischen Strömungen ab. Der Vorwurf des »Zionismus« richtete sich schon bei Lenin gegen den Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund für Polen, Litauen und Russland (Bund). Dabei vertraten die Bundisten eine klar antizionistische Position. Auch wenn Stalin seine Vorstellungen des »Sozialismus in einem Lande« erst 1924 formulierte, stammten seine grundlegenden Überlegungen zur »nationalen Frage« schon aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Als hätte zu dieser Zeit schon festgestanden, dass Josef W. Stalin nach einer Revolution in Russland das Kommissariat für nationale Minderheiten leiten würde, verfasste der 1913 noch kaum bekannte Stalin die lange Abhandlung »Marxismus und nationale Frage«, in der er die spätere bolschewistische Minderheitenpolitik skizzierte. Prägend für seine Abhandlung war die Unterscheidung zwischen »wirklichen« und anderen Nationen. Die Bolschewiki könnten, schrieb Stalin 1913, »nur mit wirklichen Nationen rechnen, die handeln und sich bewegen und darum auch erzwingen, daß man mit ihnen rechnet«. Es ist bemerkenswert, dass Stalin mit dem Artikel, wie er selbst schrieb, auf eine Welle des »Nationalismus von unten« reagierte. Ebenso bemerkenswert ist, dass er zu Beginn als Beispiel für diesen aufkommenden Nationalismus innerhalb der Arbeiterbewegung »das Erstarken des Zionismus unter den Juden« nannte. Die Jüdinnen und Juden waren nach Stalins Definition keine »wirkliche« Nation.

»Vom Schutze der Nation«. Die KPD während der 1920er Jahre

Der Nationalismus galt nicht nur in Bezug auf die Kolonien als potenziell revolutionär. In der Weimarer Republik konstruierte die KPD wiederholt eine Einheit von »›nationalen‹ und ›proletarischen‹ Interessen«, wie Thomas Haury schreibt. Allerdings war Luxemburgs Kritik nicht bei allen sofort vergessen. August Thalheimer, Chefredakteur der Roten Fahne, warnte 1920, man könne einer unreifen Arbeiterklasse »den Kommunismus« nicht durch militärische Gewalt von außen aufzwingen: »Wer mit der Waffe in der Hand den Kommunismus in ein Land tragen wollte, dessen Arbeiterklasse ihn noch nicht selbst im Kopf hat, den wird auf der anderen Seite nicht der Gesang der Internationale, sondern der Nationalhymne empfangen, und er wird nicht den Kommunismus in diesem Land stärken, sondern den Nationalismus.« Eine ganz andere Haltung zu Nation und Vaterland vertraten Nikolaj I. Bucharins und Jewgenij A. Preobraschenskijs im ABC des Kommunismus, das 1920 auf Deutsch erschien. Aus der berühmten Formulierung von Karl Marx und Friedrich Engels, dass das Proletariat »kein Vaterland« habe, folgerten die Autoren, dass es »sein Vaterland« erst erobern müsse. »Dann erst ist das Proletariat verpflichtet, sein Vaterland zu verteidigen: denn dann wird es seine eigene Macht und seine eigene Sache verteidigen, nicht aber die Macht seiner Feinde und die räuberische Politik seiner Unterdrücker.«

Bis 1923 war sich die Komintern sicher, dass die Weltrevolution bald erfolgen würde und Deutschland die ausschlaggebende Etappe nach Russland bilden werde. Als das französische Militär Anfang 1923 das Rheinland besetzte und die Inflation in der Weimarer Republik ungeheure Ausmaße annahm, sah die KPD darin die entscheidende Entwicklung, um die Massen hinter sich zu bringen. Die KPD-Leitung setzte dabei explizit auch auf die früheren politischen Gegner und Todfeinde. Der Parteivorsitzende Heinrich Brandler forderte am 1. Juni 1923, die KPD solle versuchen, die »ehrlich national empfindenden Elemente« aus dem nationalistischen Lager herauszulösen. Karl Radek, der Vertreter der Komintern in Deutschland, hielt im Sommer 1923 eine Lobrede auf den Faschisten Albert Leo Schlageter, der im Ruhrkampf vom französischen Militär exekutiert worden war. Schlageter, so Radek, habe stets geglaubt, »dem deutschen Volke zu dienen«. Deswegen gehöre Schlageter wie »die große Mehrheit der national empfindenden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit«. Die KPD-Mitglieder sollten in ihnen Verbündete erkennen, auch wenn Schlageter 1920 »an dem Überfall auf die Ruhrarbeiter« beteiligt gewesen war. Die KPD lud zu ihren Veranstaltungen ausdrücklich »die völkischen Gegner« ein. Auf einer solchen Diskussionsveranstaltung versuchte Ruth Fischer, Mitglied der Parteizentrale, nationalistische Studierende mit folgender Argumentation für die KPD zu gewinnen: »Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie.« Franz Pfemfert, der im Publikum stand, war entsetzt und hielt Fischers Rede in Auszügen in der Aktion unter der Überschrift Die schwarzweiszrote Pest im ehemaligen Spartakusbund fest. Für Pfemfert war die antisemitische Argumentation ein Symptom für die Rückkehr des alten Nationalismus aus dem deutschen Kaiserreich.

Zur gleichen Zeit diskutierten prominente Vertreter der KPD öffentlich mit Nationalsozialisten wie Ernst Graf von Reventlow. Paul Frölich, der in den 1930er Jahren eine Rosa-Luxemburg-Biografie verfassen sollte, verwahrte sich in der Roten Fahne gegen Reventlows Vorwurf, die KPD sei »vehement antideutsch, antinational«. Frölich schrieb 1923: »Wir waren Kriegsgegner, nicht weil wir ›antideutsch‹ gewesen wären, sondern weil der Krieg nur kapitalistischen Interessen diente, ein deutscher Sieg die Arbeiterklasse schlimmer noch gestellt hätte als vorher. Wir leugneten, daß es sich um nationale Interessen handelte, aber wir leugneten nicht die Notwendigkeit nationaler Verteidigung dort, wo sie auf der Tagesordnung steht.« Der Schlageter-Kurs scheiterte. Es gelang der KPD nicht, die Anhängerinnen und Anhänger nationalistischer und völkischer Gruppierungen und Parteien zu gewinnen. Die Revolution wurde im Oktober 1923 kurzfristig abgeblasen. Nur in Hamburg kam es zum Aufstand. Denn Hermann Remmele war dort zu spät eingetroffen, um den Hamburger Genossinnen und Genossen mitzuteilen, dass die KPD-Leitung ihren Aufruf zur Revolution kurzfristig zurückgenommen hatte. Kurz darauf, im November 1923, versuchten Adolf Hitler und einige Verbündete einen Putsch in München, der allerdings scheiterte. Die nationalistische Stimmung innerhalb der deutschen Gesellschaft entlud sich im Berliner Scheunenviertel noch in anderer Weise. Über zwei Tage jagten rund 30.000 Menschen alle Personen, die sie als Jüdinnen oder Juden ausmachten, verprügelten sie, überfielen ihre Geschäfte, drangen in Wohnungen ein. Die Polizei reagierte erst spät und verhalten.

Zur »nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes«

Obwohl der Schlageter-Kurs nach zwei Monaten beendet wurde, blieb die KPD bis zum Ende der Weimarer Republik bei der Haltung, dass die nationale und die soziale Befreiung zusammengehörten. 1925 wurde Ernst Thälmann zum Vorsitzenden der KPD ernannt. Er galt nicht nur als Kind der Arbeiterklasse, sondern konnte auch als authentischer Repräsentant des deutschen Volkes durchgehen. In einer Wahlkampfrede sagte Thälmann, die KPD sei »die einzige Partei, die das Recht hat, vom Schutze der Nation zu reden. Die 90 Prozent der Werktätigen – sie verkörpern die Nation, und wir kämpfen für ihre Interessen« 1930 verabschiedete die KPD mit der Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes das zweite Programm seit der Parteigründung. In ihm präsentierte sich die KPD nicht nur als die einzige sozialistische Arbeiterpartei, sondern, ganz ausdrücklich in Konkurrenz zur NSDAP, als die eigentliche nationale Partei. Der NSDAP warf die KPD vor, eine Partei des Kapitals zu sein, und da das Kapital international sei, könne die NSDAP keine nationale Partei sein. Obwohl die KPD schon in den Jahren zuvor die Einheit von proletarischem und nationalem Interesse beschworen hatte, löste die neue Programmerklärung in allen politischen Lagern Verwirrung aus. Der Vorwärts titelte: »Die KPD wird nationalistischer als Hitler«. Im Völkischen Beobachter kommentierte Alfred Rosenberg, Chefideologe der NSDAP: »Die KPD stiehlt die Losungen des Nationalsozialismus.« Die KPD verwies hingegen auf die Tradition ihrer Position. 1932 erinnerte die Rote Fahne daran, dass die KPD »1923 an der Ruhr den nationalen Befreiungskampf« geführt hatte.

Der bekannteste Kritiker der Versuche, »gegen den Faschismus mit dessen Waffen zu operieren«, um die Wählerinnen und Wähler der NSDAP zu gewinnen, war Leo Trotzki, der sich gegen das neue Schlagwort der Volksrevolution aussprach. Unter dem Titel Gegen den Nationalkommunismus schrieb Trotzki 1931: »Unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Deutschland verwischt die Losung einer Volksrevolution die ideologische Demarkation zwischen Marxismus und Faschismus und versöhnt Teile der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums mit der faschistischen Ideologie, da sie ihnen gestattet zu glauben, daß sie keine Wahl treffen müssen, wenn es doch in beiden Lagern um eine Volksrevolution geht.« Zu dem Zeitpunkt befand sich Trotzki allerdings schon im Exil. 1932 formulierte das Zentralorgan der KPD öffentlich Kritik an der ehemaligen Vorsitzenden Rosa Luxemburg. Unter der Überschrift »Lenin gegen Rosa Fehler« führte die Rote Fahne aus: »Zu denen, die gegen die bolschewistische Auffassung in der nationalen Frage kämpften, gehörte auch Rosa Luxemburg.« Durch »ihre mechanische und abstrakte Auffassung in der nationalen Frage« habe sich Luxemburg »praktisch an die Seite der großrussischen Imperialisten, die das kleine Polen national unterdrückten«, gestellt. Luxemburgs Haltung beeinflusste nicht einmal Paul Frölich, der in den 1930er Jahren ihre Biografie schrieb. In Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat schrieb Frölich: »In einem Punkte scheint uns Rosa Luxemburg durchaus fehlzugehen: in ihrem temperamentvollen Angriff auf die Losung des Selbstbestimmungsrechts der Völker.« Fast genau 50 Jahre später bezeichneten sich radikale Linke in Deutschland selbst als antinational, um ihren Unterschied zum traditionellen Parteikommunismus zu unterstreichen. In seiner lesenswerten Untersuchung Against the Nation. Anti-National Politics in Germany erinnert Robert Ogman an diese Phase nach 1989, als die Bezeichnung »antinational« noch populärer war als »antideutsch«, auch wenn einer der bekanntesten Slogans dieser Bewegung »Nie wieder Deutschland« lautete. Wie Ogman mit Blick auf aktuelle antikapitalistische Bewegungen schreibt, ist die Gefahr eines Nationalismus von links nicht gebannt. Nationalistische Tendenzen seien keine Verirrungen vom eigentlichen Kurs, sondern es handle sich dabei um ein Problem, das »latent in der Bewegung« angelegt sei. So wie Arbeiterbewegungen die Arbeit gegen das Kapital verteidigten, affirmierten soziale Bewegungen oft »die ›Gesellschaft‹ gegen den Staat«. Immer noch erscheint der Nationalstaat der verlässlichste Schutz gegen den globalen Kapitalismus. Eine »Emanzipation von der kapitalistischen Gesellschaft« sei nicht zu erreichen, wenn man nicht zugleich den »Nationalismus bekämpft und den Nationalstaat aufhebt«. Zurück zu Luxemburg? Man kann das große 1914er-Gedenkjahr gewiss schlechter nutzen, als sich mit der Kritik des Nationalismus zu beschäftigen, die von Luxemburg oder Franz Pfemfert formuliert und nicht zuletzt durch den Ersten Weltkrieg bestätigt wurde. Vielleicht ergibt sich daraus auch eine Diskussion, inwieweit die antinationale Linke nach 1989, die ihre Haltung vor allem am Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg festmachte, sich auf eine marxistische Tradition berufen könnte, die bereits vor 1933 bestand.

 

Olaf Kistenmacher

Der Autor schrieb in der Phase 2.41 über das Konzept der Schuldabwehr als Erklärung für den Antisemitismus in der politischen Linken. Im Herbst erscheint der von ihm und Hans-Joachim Hahn herausgegebene Sammelband Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der Antisemitismusforschung vor 1944.

 

          

Fußnoten

  1. Edward Hallett Carr, Die Russische Revolution. Lenin und Stalin 1917–1929, Stuttgart 1980, 163.
  2. Hermann Weber, Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969, 91.
  3. Antinationale Sozialisten Partei (A.S.P.) Gruppe Deutschland, Aufruf 16. November 1918, in: Teo Panther (Hrsg.), Alle Macht den Räten!, Bd. 1, Novemberrevolution 1918, Münster 2007, 237. Hervorhebungen im Original.
  4. Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923, Darmstadt 1993, 282.
  5. Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, 109–110. Doch der Nationalismus war nicht nur ein Problem, für das die SPD-Gremien verantwortlich waren. Der Nationalismus bestand, wie Josef Hierlmeier in seiner Ideengeschichte des Internationalismus schreibt, zugleich an der Parteibasis, und zwar oft als unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Der Internationalismus, den Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest eingefordert hatten, war, so Hierlmeier, »nur die seltene Ausnahme, etwas, das für Sonntagsreden taugte, nicht aber für den Alltag. Stattdessen verfolgten die Arbeiterbewegungen viel eher eine Politik des Burgfriedens mit der eigenen nationalen Bourgeoisie und den nationalen Regierungen.« Josef (Moe) Hierlmeier, Internationalismus. Eine Einführung in die Ideengeschichte. Von den Anfängen bis in die Gegenwart, Stuttgart 2006, 2. erweiterte Aufl., 12.
  6. Ebd., 19. Hervorhebung im Original
  7. Franz Pfemfert, Die nationale Sozialdemokratie, in: Die Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst 209 (2004), 37. Hervorhebung im Original.
  8. Franz Pfemfert, Nationalisten-Zirkus »Deutschland«, in: Ders., Ich setze diese Zeitschrift wider diese Zeit. Sozialpolitische und literaturkritische Texte, Darmstadt/Neuwied 1985, 233.
  9. Rosa Luxemburg, Nationalitätenfrage und Autonomie, Berlin 2012, 73.
  10. Ebd., 45.
  11. Ebd., 102.
  12. Rosa Luxemburg, Fragment über Krieg, nationale Frage und Revolution, zitiert nach: Annelies Laschitzka, Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch trotz allem. Eine Biographie, Berlin 2002, 2. Aufl., 577–578.
  13. Rosa Luxemburg, Zur russischen Revolution, in: Jörn Schütrumpf (Hrsg.), Rosa Luxemburg oder: Der Preis der Freiheit, Berlin 2006, 84–86.
  14. Wladimir I. Lenin, Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage. (Für den Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale), Werke, Bd. 31, Berlin 1959, 132–139..
  15. Gregori Sinowjew, Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!, in: Die Rote Fahne 153, 8. Juli 1925.
  16. The Slogan of the Jewish Proletariat Must Be »Hands Off Palestine!«. Declaration of Central Bureau of Jewish Sections, Communist Party of Russia, in: John Riddell (Hrsg.), To See the Dawn. Baku, 1920 – First Congress of the Peoples of the East, New York 1993, 289-290. Hervorhebungen im Original.
  17. Olaf Kistenmacher, Gegen das »jüdische Kapital« und den »zionistischen Faschismus«, in: Phase 2.29 (2008) 97–112.
  18. Josef W. Stalin, Marxismus und nationale Frage [1913], in: Ders., Werke, Bd. 2, 1907–1913, Dortmund 1976, 276.
  19. Ebd., 267–268.
  20. Thomas Haury, Antisemitismus von links. Nationalismus, kommunistische Ideologie und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002, 271–272.
  21. August Thalheimer, Kommunismus, Nation und Krieg, in: Die Rote Fahne 71, 7. Mai 1920.
  22. Nikolaj I. Bucharin/Jewgenij A. Preobraschenskij, Das ABC des Kommunismus. Populäre Erläuterung des Programms der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), Zürich 1985, 136.
  23. Heinrich Brandler, 1. Juni 1923, zitiert nach: Otto Wenzel, 1923. Die gescheiterte Deutsche Oktoberrevolution, Münster 2003, 113. Hervorhebungen im Original.
  24. Karl Radek, Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts, in: Die Rote Fahne 144, 26. Juni 1923.
  25. Franz Pfemfert, Die schwarzweiszrote Pest im ehemaligen Spartakusbund, in: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst 14 (1923). Hervorhebungen im Original.
  26. Paul Frölich, Nationale Frage und Revolution, in: Die Rote Fahne 177, 3. August 1923.
  27. Stephanie Seul, »A mad spirit of revived and furious anti-Semitism«. Wahrnehmung und Deutung des deutschen Antisemitismus in der New York Times und in der Londoner Times, 1918–1923, in: Michael Nagel/Moshe Zimmermann (Hrsg.), Judenfeindschaft und Antisemitismus in der deutschen Presse über fünf Jahrhunderte, Bremen 2013, 521.
  28. Ernst Thälmann, Wahlrede im Berliner Sportpalast, 27. März 1925, zitiert nach: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 4, 1924 bis Januar 1933, Berlin 1966, 260.
  29. Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes, in: Die Rote Fahne 197, 24. August 1930. [1] Die KPD wird nationalistischer als Hitler, in: Vorwärts, 25. August 1930.
  30. Die KPD wird nationalistischer als Hitler, in: Vorwärts, 25. August 1930.
  31. Alfred Rosenberg, zitiert nach: Louis Dupeux, »Nationalbolschewismus« in Deutschland 1919–1933. Kommunistische Strategie und konservative Dynamik, München 1985, 441.
  32. KPD führte 1923 an der Ruhr den nationalen Befreiungskampf, in: Die Rote Fahne 40, 24. Februar 1932.
  33. Leo Trotzki, Gegen den Nationalkommunismus, in: Hermann Weber (Hrsg.), Der deutsche Kommunismus, Dokumente 1915–1945, Köln 1973, 302–303.
  34. Leninismus und nationale Frage/Lenin gegen Rosa Fehler/Der Kampf für die soziale und nationale Befreiung, in: Die Rote Fahne 16, 21. Januar 1932. Hervorhebungen im Original.
  35. Paul Frölich, Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 1973, 291.
  36. Robert Ogman, Against the Nation. Anti-National Politics in Germany, Porsgrunn/Norwegen 2013, 102.
  37. Ebd., 109.