Der Christus der Nationen

Über polnische Erinnerungen und jüdischen Erfahrungen in der Debatte um den Historiker Jan T. Gross

In Polen sorgt zurzeit ein einfaches, unscheinbares Foto für viel Aufsehen. Auf dem Bild ist ein Feld zu sehen, auf dem etwa 30 Frauen und Männer mit Schaufel und Spaten in der Hand in einem Halbkreis posieren. Einige stehen, andere sitzen, und mit dem idyllischen Wald im Hintergrund könnte man fast meinen, es würde sich um das Abschlussfoto einer Seniorenreise handeln – gäbe es da nicht die Totenschädel, die aufgereiht im Vordergrund des Bildes mit einem gewissen Stolz präsentiert werden. Dieses Foto dokumentiert die »Goldgräber von Treblinka«, Männer und Frauen, die nach dem Abzug der Nazis in das ehemalige Vernichtungslager Treblinka kamen, um die dortigen Massengräber offenzulegen und nach den letzten Kostbarkeiten der ermordeten Jüdinnen und Juden zu suchen, die von den Nazis übersehen wurden. »Das große Graben hat sofort begonnen. Zuerst wühlten sie in der Nacht, danach schon am helllichten Tag: Sie gingen wie zur Kartoffelernte – ganze Familien mit Heugabeln, Schaufeln, Körben und Mitagessen.«

Ausgehend von diesem Foto hat der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross einen Essay darüber geschrieben, wie Polinnen und Polen während und nach dem Zweiten Weltkrieg vom Holocaust profitierten und sich am Eigentum der Jüdinnen und Juden bereicherten. Obwohl Gross` Buch mit dem Titel Die goldene Ernte erst im März diesen Jahres erschienen ist, begann bereits Ende Dezember eine hitzige Debatte um den Inhalt des Essays. Im Internet wurde seitdem dazu aufgerufen, den herausgebenden Verlag zu boykottieren und Protestmails zu versenden. In diesen heißt es dann unter anderem, dass Jan T. Gross »die Ehre und den Ruf der polnischen Nation durch den Dreck zieht« und der Verlag »die Lügen eines jüdischen Soziologen« verbreiten würde. Doch nicht nur unter Rechtspopulisten entzündete sich Protest, auch die polnische Historikerzunft reagierte ablehnend auf die Veröffentlichung und warf Gross` Essay allzu provokante Generalisierungen vor. Gross binde die Ereignisse nicht in den historischen Kontext ein und gebe ein verzerrtes, lediglich auf den Antisemitismus gerichtetes Bild der polnischen Geschichte wieder. Der Historiker Tadeusz Isakowicz-Zaleski, dessen Bücher bisher im Krakauer Verlag Znak publiziert wurden, weigert sich nun, mit dem Verlag, der solch »geistigen Schund« nicht hätte drucken dürfen, weiter zusammenzuarbeiten. Die goldene Ernte ist nicht das erste Werk von Jan T. Gross, das eine große Diskussion ausgelöst hat. Bereits im Jahr 2000 hatte er mit Nachbarn, sowie 2006 mit dem Essay Fear für einen Sturm der Entrüstung gesorgt.

In dem Buch Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne werden die Ereignisse vom 10. Juli 1941 geschildert. An diesem Tag fand sich in der ostpolnischen Kleinstadt, die kurz zuvor von den Deutschen eingenommen worden war, ein Lynchmob mit der Absicht ein, die jüdische Bevölkerung Jedwabnes zu ermorden. Zahlreiche Bauern kamen mit Fuhrwerken aus den umliegenden Dörfern, verbanden sich mit den Bewohner_innen der Stadt, bewaffneten sich mit Äxten, nagelbesetzten Stöcken und anderen Mordwerkzeugen und trieben alle Jüdinnen und Juden auf dem zentralen Marktplatz zusammen. Dort mussten diese ein vom Sockel gestürztes Lenindenkmal herumtragen und dazu sowjetische Arbeiterlieder singen. Anschließend zwang man die Gepeinigten ein Loch auszuheben, in dem zunächst die Statue und schließlich auch sie selbst begraben wurden. Die restlichen Jüdinnen und Juden wurden in eine Scheune getrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt. Diejenigen, die versuchten zu fliehen, wurden mit Äxten erschlagen. Der Mob durchsuchte die Häuser und warf auch noch die letzten versteckten Babys ins Feuer. Von 1600 Jüdinnen und Juden, die in Jedwabne vor dem Krieg gelebt hatten, überlebten gerade einmal sieben dieses Pogrom.

Die groben Abläufe des Massakers waren bereits vor dem Erscheinen von Nachbarn bekannt, doch zuvor ging man davon aus, dass die Deutschen die Verantwortung trugen. Erst Jan T. Gross hat aufgedeckt, dass es die polnische Bevölkerung war, die ihre jüdischen Nachbar_innen ermordete.

In dem 2006 zunächst in englischer Sprache erschienen Buch Fear. Anti-Semitism in Poland after Auschwitz beschäftigte sich Gross aufs Neue mit polnischem Antisemitismus, diesmal aber in der Nachkriegszeit. In diesen Jahren gewann das antisemitische Stereotyp der »Zydokomuna« an Popularität. Jüdinnen und Juden wurden mit dem sozialistischen und oft verhassten System gleichgesetzt und für die »Unterdrückung der polnischen Bevölkerung« verantwortlich gemacht. Die antisemitische Spannung entlud sich in den Jahren 1944–1947 in zahlreichen Einzelübergriffen sowie in einer Reihe von Pogromen. So war das Bahnfahren für Jüdinnen und Juden zu dieser Zeit »geradezu lebensgefährlich«, da diese häufig bei voller Fahrt aus den Waggons geworfen wurden. Ihren traurigen Höhepunkt fand die Gewalt 1946 im Pogrom von Kielce. Nachdem ein polnischer Junge zwei Tagen vermisst gewesen war, wurde das Gerücht gestreut, er würde von »Juden« festgehalten und zu Matzen verarbeitet – die klassische Ritualmordlegende. Ein Mob von aufgebrachten Polinnen und Polen zog los und ermordete insgesamt 42 jüdische Männer, Frauen und Kinder. 40 weitere wurden schwer verletzt. Dieses Pogrom nimmt Jan T. Gross als Ausgangspunkt seiner Analyse und fragt kritisch nach der Rolle der katholischen Kirche, die sich nicht eindeutig von der Judenhetze distanzierte. Der Titel Fear rekurriert allerdings nicht nur auf die Angst, die Jüdinnen und Juden bei ihrer Verfolgung erfahren haben müssen, sondern auch auf die Situation der Polinnen und Polen, die jene während des Krieges versteckt hielten. Exemplarisch dafür stehen die Erfahrungen von Marcel Reich-Ranicki, der selbst von einem polnischen Ehepaar versteckt gehalten wurde. Er beschreibt den Moment der Befreiung und den Abschied von seinen Retter_innen folgendermaßen: »Wir wollten schon aufbrechen, da sagte Bolek: ›Ich hab hier etwas Wodka, laßt uns ein Gläschen trinken.‹ Ich spürte, daß er uns etwas mitzuteilen hatte. Er sprach ernst und langsam: ›Ich bitte euch, sagt niemanden, daß ihr bei uns gewesen seid. Ich kenne dieses Volk. Es würde uns nie verzeihen, daß wir zwei Juden gerettet haben.‹« Mit dem Titel des Buches ist also die Angst derjenigen gemeint, die Leben von Jüdinnen und Juden gerettet hatten und als »Vergeltung« Übergriffe der polnischen Bevölkerung zu befürchten hatten.

Kritiker_innen warfen Gross vor, er würde eine polnische Kollektivschuld konstruieren. Sie hielten ihm entgegen, dass die Polinnen und Polen selbst zu den größten Opfern des Nationalsozialismus gehörten und in keinem anderen Land derartig viele Menschen ihr Leben riskiert hätten, um Jüdinnen und Juden zu retten wie in Polen. Einige bezeichneten Gross als Volksverräter und lancierten Morddrohungen, andere forderten, ihn für »Beleidigung der polnischen Nation« strafrechtlich zu verfolgen. Seit einer Gesetzesänderung aus der Regierungszeit der Kaczynski-Brüder ist dies theoretisch sogar möglich. 2006 wurde ein Gesetz gegen die Verunglimpfung der Republik Polen verabschiedet, die sogenannte »Lex Gross«, wonach einer Person bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe drohen, die die polnische Nation öffentlich der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung kommunistischer oder nationalsozialistischer Verbrechen bezichtigt. Allerdings wurden von der Krakauer Staatsanwaltschaft die gegen Jan T. Gross eingeleiteten Ermittlungen wieder eingestellt.

Die polnisch-nationale Gedächtnishegemonie

Wie ist es zu erklären, dass die Bücher von Jan T. Gross immer wieder für so viel Aufruhr sorgen? Abgesehen von Nachbarn beinhalteten sie noch nicht einmal neue Details – die Ereignisse von Kielce und die Geschichte der »Goldgräber von Treblinka« waren bereits vorher bekannt – und dennoch entfesselten sie allesamt eine hitzige Debatte, die sich durch alle relevanten Medien zog.

Eine Antwort ließe sich im Selbstverständnis der Polinnen und Polen als »Christus der Nationen« finden. Das vorherrschende polnische Geschichtsnarrativ zeichnet eine Legende von Opfertum und heroischem Freiheitskampf, die mit der 123 Jahre währenden Annexion Polens beginnt. 1795 wurde die politisch und militärisch schwache polnische Adelsrepublik zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und dem zaristischen Russland aufgeteilt und verschwand bis zum Ende des Ersten Weltkriegs von der Landkarte. In dieser Zeit entwickelte sich ein polnischer Nationalismus, der, stark vom Romantizismus beeinflusst, den eigenen nationalen Leidensweg als Spiegel der Leiden Christi begriff und entsprechend messianische Hoffnung an die polnische »Auferstehung« knüpfte. Zur Wiedergutmachung der politischen Sünden der gesamten Menschheit hätte Polen das Schicksal des Opfertums auferlegt bekommen. Das Ende des Leidens, symbolisiert in der Wiedergeburt der polnischen Nation, kommt damit der Erfüllung der Zeit gleich. Der Kampf gegen die Teilungsmächte ist daher für viele Polinnen und Polen gleichbedeutend mit dem Kampf für ein höheres Ziel, für Freiheit und Gerechtigkeit auf Erden. Die polnischen Erzfeinde Deutschland und Russland gelten als Unterdrücker der Menschheit.

Dementsprechend bildeten der Überfall der Deutschen am 1. September 1939, der wenige Tage später erfolgte Einmarsch der Sowjetunion in Ostpolen, und schließlich die Befreiung Polens von der nationalsozialistischen Besatzung durch die Rote Armee 1944/45 gleichermaßen Zäsuren des Martyriums im nationalen Gedächtnis. Die ikonographische Bedeutung des 8. Mai – für die Alliierten des Zweiten Weltkriegs und mittlerweile auch in Deutschland Symbol für die Zerschlagung des Nationalsozialismus und das Ende des Krieges – ist in Polen eine völlig andere als in Westeuropa. Während im Westen dieses Datum heutzutage gemeinhin mit Freiheit und Demokratie verbunden wird, verwehrt sich die polnische Bevölkerung dagegen, den Sieg der Sowjetunion als Befreiung zu verstehen, denn den »Gemeinwesen des politischen Osteuropa war ganz gegen ihren Willen eine Herrschaft auferlegt worden, die sie einer doppelten Besatzung unterwarf: Die Besatzung durch ein Regime (das kommunistische) und der Besatzung durch ein wiederhergestelltes Imperium (die russisch eingefärbte Sowjetunion)«. Obwohl die Volksrepublik Polen formal ein autonomer, souveräner Staat war, wurde sie von der Bevölkerung häufig als verlängerter Arm der Sowjetunion verstanden.

Exemplarisch für diese nationale Identifikation über erlittenes Leid und Unrecht steht der Warschauer Aufstand. Am 1. August 1944 begann die Erhebung der ca. 150.000 Kämpfer_innen der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa, kurz AK) gegen die deutschen Besatzer_innen. Die Rote Armee, die nur wenige Kilometer vor Warschau am Ufer der Weichsel stand, hatte von Stalin den Befehl erhalten, den Aufständischen nicht zur Hilfe zu kommen. Gleichzeitig wurde den westlichen Alliierten die Nutzung aller relevanten sowjetischen Flughäfen untersagt, was eine Unterstützung über den Luftweg unmöglich machte. Ohne Hilfe von außen war die Erhebung in Warschau zum Scheitern verurteilt. Nach 63 Tagen endeten die Kämpfe mit der völligen Zerstörung und Kapitulation der AK. So ist der Warschauer Aufstand zu einem Symbol des heroischen Kampfes geworden, der sich zugleich gegen Deutschland und die Sowjetunion richtete. Zwar galten die militärischen Aktionen den Deutschen, doch der Zeitpunkt der Erhebung war ein deutliches Signal an die Sowjetunion. Kurz bevor die Rote Armee Warschau befreit hätte, versuchte die AK, die stark nationalistisch und antisowjetisch eingestellt war, selbständig die Kontrolle über Warschau zu erlangen, um so die Rote Armee als »Herr im eigenen Hause« empfangen zu können. Der Warschauer Aufstand vereint also als Erinnerungsort alle Tugenden der polnischen Nation: Heldentum und Opferbereitschaft – im Kampf gegen die Deutschen als auch im Kampf gegen die Sowjets.

Diese polnisch-nationale Gedächtnishegemonie wird allerdings durch die Erfahrungen einer anderen Gruppe gestört: die der Jüdinnen und Juden.

»Überall Antisemitismus«

Auf dem Gebiet des geteilten Polens lebten zum Ende des 19. Jahrhunderts ca. drei Millionen Jüdinnen und Juden. Ihre rechtliche und ökonomische Situation unterschied sich zwar in den verschieden Teilungsgebieten, doch überall genossen sie verhältnismäßig umfassende religiöse und ökonomische Freiheiten. Außerdem hatten sie zumindest in den Gebieten unter preußischer und habsburgischer Herrschaft keine Pogrome zu befürchten. Dies änderte sich mit der polnischen Staatsgründung 1919. Zwar wurde Angehörigen der jüdischen Minderheit Rechtsgleichheit zugesprochen, doch schützte sie dies nicht vor einer systematischen Diskriminierung. Große Teile der Jüdinnen und Juden lebten in äußerster Armut, und in den dreißiger Jahren begann der Antisemitismus ein verheerendes Ausmaß anzunehmen. Von den Nationaldemokraten wurde zum Boykott jüdischer Waren aufgerufen, und der polnische Außenminister Józef Beck schlug vor, dass große Teile der jüdischen Bevölkerung nach Madagaskar umgesiedelt werden sollten. Im Jahr 1936 wurden 21 Pogrome und 348 individuelle Gewaltdelikte gegen Jüdinnen und Juden gezählt. Dabei kamen 79 Menschen ums Leben und etwa 500 wurden verletzt – und das lediglich in der Region um Bia?ystok.

Aufgrund der verzweifelten Situation der Judenheit in Polen setzten viele von ihnen große Hoffnungen in den Einmarsch der Roten Armee im September 1939. Sie verbanden ein sozialistisches System mit der Hoffnung wahrhaftiger Gleichberechtigung und ökonomischer Stabilität. Diese Hoffnungen sollten sich nicht bestätigen. Hunderttausende Jüdinnen und Juden wurden genauso wie eine große Zahl anderer Polinnen und Polen alsbald in die Kern-Sowjetunion deportiert und in Arbeitslager interniert. Für die Jüdinnen und Juden aber, das sollte sich im Fortlauf der Geschichte zeigen, bedeutete die Deportation in die Sowjetunion die Rettung vor der Vernichtung durch die Deutschen. Dementsprechend steht der 8. Mai im jüdisch-polnischen Gedächtnis nicht für die sowjetische Unterdrückung, sondern für die Befreiung von den Nazis. Der Sowjetunion hatten Jüdinnen und Juden ihr Leben zu verdanken, dementsprechend wohlgesonnen waren sie ihr gegenüber eingestellt. Anders verhielt es sich mit dem Verhältnis zu Polinnen und Polen in der Nachkriegszeit. Als Micha? Moshe Checinski, ein Auschwitz-Überlebender, 1946 in sein geliebtes ?ódz zurückkehrte, entgegnete ihm die erste Freundin, die er dort antraf: »Du hättest nicht zurückkehren dürfen [...] Es ist schwierig, überall Antisemitismus«. Bis 1947 verließ die Hälfte der ca. 300.000 zurückgekehrten Jüdinnen und Juden Polen wieder aufgrund des grassierenden Antisemitismus.

Auch in der Deutung des Warschauer Aufstandes stellt sich die jüdische Erinnerung der polnischen Erzählung entgegen. 1944 versteckten sich noch etwa 7.000 bis 30.000 Jüdinnen und Juden in Warschau. Für viele von ihnen war der Aufstand mit einer erneuten Verfolgung verbunden, diesmal jedoch von polnischer Seite. In einem Zeitzeugenbericht heißt es: »Zu Beginn des Aufstandes sind Juden liquidiert worden. [...] Später hat sich die Haltung der Polen etwas verbessert und man konnte Juden wieder auf der Straße sehen. Die Menschen zeigten aber mit dem Finger auf sie, empfanden kein Mitleid, waren eher gleichgültig; man war verwundert darüber, daß sie überlebt hatten, und man machte sich über sie lustig.« Während des Warschauer Aufstandes sind zwischen 60 und 100 Jüdinnen und Juden von Kämpfern der AK ermordet worden. Die jüdische Erinnerung an den Aufstand ist also geprägt von den schmerzlichen Erfahrungen des polnischen Antisemitismus.

Die aufgebrachten Reaktionen, die Jan T. Gross' Bücher in Polen evozieren, resultieren aus der Gegenläufigkeit dieser zwei Narrative, des polnischen und des jüdischen. Ohne Rücksichtnahme auf polnische Empfindlichkeiten schildert Gross die kritischen Momente des polnisch-jüdischen Verhältnisses. Er legt dabei ein jüdisches Gedächtnis frei, das gänzlich vom polnischen überlagert war und das am Fundament des polnischen Selbstverständnis rüttelt. Es widerspricht der polnischen Opfer- und Rettererzählung, nach der die polnische Bevölkerung selbstlos Jüdinnen und Juden beschützt hätte. Dabei will Jan Gross nicht verleugnen, dass es diese Fälle gab – sein eigener Vater wurde von einer Polin in Warschau versteckt und gerettet –, genauso wenig will er die Schuld der Deutschen in irgendeiner Beziehung schmälern. Was Jan T. Gross mit seinen Büchern einfordert, ist Verantwortung für die eigene Geschichte und die eigene Schuld zu übernehmen.
 Auch ist er nicht der erste, der ein kritisches Hinterfragen des polnischen Selbstverständnis anmahnt. Bereits 1943 schrieb Czes?aw Mi?osz das Gedicht Campo di Fiori. Es berichtet von einem Karussell, das kurz vor dem Ghetto-Aufstand direkt neben dem Ghetto aufgebaut wurde und sich noch während des jüdischen Aufstandes großer Beliebtheit erfreute:
 »Der Wind trieb zuweilen schwarze / Drachen von brennenden Häusern, / Die Schaukelnden fingen die Flocken / Im Fluge aus ihren Gondeln // Der Wind von den brennenden Häusern / Blies in die Kleider der Mädchen, /Die fröhliche Menge lachte / An diesem schönen Warschauer Sonntag.«

Auch bei Milosz geht es nicht um eine Mitschuld am Holocaust, sondern um die moralische Schuld der Tatenlosigkeit. Jan Blonski stößt mit seinem Text Die armen Polen schauen auf das Getto von 1987 in eine ähnliche Richtung. Doch auch wenn diese beiden Texte nicht unbemerkt blieben, erregten sie keine mit der heutigen Debatte vergleichbare Entrüstung. Es ist zu vermuten, dass die unterschiedlichen Reaktionen auf den epochalen Einschnitt des Jahres 1989 zurückzuführen sind. Innerhalb des Sozialismus konnten derartige Auseinandersetzungen kaum stattfinden. Weder kam ein jüdisches Gedächtnis zu seinem Recht – jüdische Opfer wurden unter polnische subsumiert –, noch konnte sich das polnische Gedächtnis frei entfalten, hätte dies doch dem staatlichen Narrativ widersprochen. Dieses zeichnete den polnischen Sozialismus an der Seite der Sowjetunion als eine einzige Erfolgsgeschichte. Doch das antisowjetische und antikommunistische Gedächtnis hörte nicht auf zu existieren, es lebte im Verborgenen fort. Erst mit dem Ende der Volksrepublik konnte sich das polnische wie auch das jüdische Gedächtnis frei äußern, sprich den unterschiedlichen Geschichtserfahrungen Geltung verschaffen. Die verspätete Auseinandersetzung mit der polnischen Schuld und dem polnischen Antisemitismus ist also einerseits Resultat einer sozialistischen Deutungshoheit, der die polnische Geschichte bis 1989 unterlag, sie ist aber zugleich Zeugnis eines Fortwirkens des polnischen Antisemitismus, der sich bei den Gross-Kritiker_innen offenbart. Es bleibt abzuwarten, ob es gelingt das polnische Gedächtnis für das jüdische zu öffnen. Der gegenwärtige Antisemitismus gibt dafür allerdings wenig Grund zur Hoffnung.


David Kowalski

Der Autor lebt in Leipzig

Fußnoten

  1. Piotr Gluchowski/Marcin Kowalski, Goldfieber in Treblinka, in: Barbara Engelking (Hrsg.), Unbequeme Wahrheiten. Polen und sein Verhältnis zu den Juden, Frankfurt a.M. 2008, 266–279.
  2. Die Unterscheidung zwischen Juden/Jüdinnen und Polen/Polinnen ist nicht im Sinne einer Ethnifizierung gemeint, sondern sie soll den unterschiedlichen Geschichtserfahrungen der Jüdinnen und Juden und der Polinnen und Polen gerecht werden.
  3. Zu den Protestmails siehe http://www.wroclawskikomitet.pl.
  4. Karol Sauerland, Goldrausch bei Treblinka, in: FAZ vom 15.02.2011.
  5. Die genaue Opferzahl ist bis heute umstritten. Viele Kritiker_innen werfen Gross vor, die Zahl zu hoch angesetzt zu haben und sprechen »lediglich« von 500–1000 Opfern. Vgl. Jan T. Gross, Neighbors. The Destruction oft he Jewish Community in Jedwabne, Poland, Princeton 2001, 16; zur Kritik Antony Polonsky/Joanna B. Michlic, The Neighbors Respond. The Controversy over the Jedwabne Massacre in Poland, Princeton 2004.
     
  6. Beate Kosmala, Die »Jüdische Frage« als Politisches Instrument in der Volksrepublik Polen, in: Dies. (Hrsg.), Die Vertreibung der Juden aus Polen 1968. Antisemitismus und politisches Kalkül, Berlin 2000, 50.
  7. Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben, Stuttgart 2000, 293.
  8. Agnieszka Pufelska, Die »Judäo-Kommune«. Ein Feindbild in Polen, Paderborn 2007, 30.
  9. Dan Diner, Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust, Göttingen 2007, 51.
  10. Zu den Geschehnissen des Warschauer Aufstand vgl. Norman Davies, Im Herzen Europas. Geschichte Polens, München 2006, 70–72. Das Buch von Davies ist ein hervorragendes Beispiel einer solchen nationalen Erzählung, die die Geschichte Polens als ein einziges heroisches Widerstandsdrama verklärt.
  11. Jaff Schatz, The Generation. The Rise and Fall oft he Jewish Communists of Poland, Berkeley/Los Angeles/Oxford 1991, 28.
  12. Michael Moshe Checinski, Der traurige Frühling, Frankfurt 2002, 6.
  13. Michal Cichy, Polen und Juden – schwarze Kapitel des Warschauer Aufstands, in: Engelking, Unbequeme Wahrheiten, 56 f.
  14. Czeslaw Milosz, Gedichte 1933–1981. In der Übertragung von Karl Dedecius und Jeannine Luczak-Wild, Frankfurt a. M. 1982, 23 f.